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11.4.1912 Erstes Blatt
 
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162. Jahrgang

Erstes Blatt

General-Anzeiger für Gberheffen

Nr. 85 Erstes Blatt 162. Jahrgang Donnerstag, 11. April 1912

Der Siebener Anzeiger JflKW Ä /f'KWT' ß ,Bezng»preiS:

erscheint täglich, außer «BMi Av Kfl monatlich75Ps.,viertel»

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wirtschaftliche Seitfragen ö A M Chefredakteur: A. Goetz.

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für die Redaktion 112, << * *« ** politischen Teil: August

WS General-Anzeiger für Gberheffen KSs« Annahme von Anzeigen Rotationsörud unö Verlag der vriihl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerel R. Lange. Redattion, Lrpedition und Druckerei: Zchulstrahe 7.

Büdingen: Z-rnsprech-r Nr. 269 Seschäs,-stelle vahnh-fftrntz- 16«. SS&^WSl

Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.

Die Seßhaftigkeit der hessischen Bevölkerung.

Während in der deutschen Volkswirtschaft früherer Jahrzehnte das Problem der überseeischen Auswanderung eine große Rolle spielte, weil es sich da jahrelang um "sehr bedeutende Verluste handelte (1882 noch 203 585 deutsche Auswanderer), haben sich diese Verhältnisse seit Ende der achtziger Jahre völlig geändert (1910 nur noch 25 531 Ueber- seer). Dafür hat sich eine andere Wandcrungsform zu einer ungeahnten Völkerwanderung entwickelt: die Binnen­wanderung, d. h. der Bevölkerungsaustausch der deut­schen Landesteile untereinander. Bei ihr handelt es sich um die Bewegung von Millionen, und man bekommt einen ungefähren Begriff davon, wenn man hört, daß int Jahre 1907 z. B. in Berlin allein aus ben drei Ostseeprovinzen Pommern, Ost- und Westpreußen 305 597 Zuwanderer fest­gestellt wurden. .Aber auch innerhalb desselben Landes­gebietes findet fortwährend ein umfangreicher Bevölke­rungswechsel statt, der sich am stärksten in demZug nach der Stadt", also der Abwanderung vom Lande, aus­prägt, die bekanntlich zu einem sozialen Kalamitätsproblem geworden ist. 1

Von den deutschen Erwerbstätigen in Landwirtschaft, Industrie und Handel, diesen Grundelementen der Volks­wirtschaft, wurden bei der letzten Berufszählung 436 771 gebürtige Hessen gezählt. Aber nur 369 022 dieser Landesgebürtigen wurden in ihrem Geburtsland vorgefun­den. Mithin waren der Heimat rund 68 000 Landeskin­der verloren gegangen. Die gesamte Verlustziffer ist noch weit höher, denn es sind weder die Familienangehöri­gen, noch die über See und über die deutfchen Grenzpfähle, namentlich nach Frankreich, Belgien, Holland und der Schweiz landflüchtig gewordenen mitgerechnet, für die es eine Statistik nicht gibt. Die Gesamtziffer dürfte mit ca. 300 |00 nicht zu gering veranschlagt sein. Halten wir uns aber nur an die Tatsachen der Zählung der Erwerbstätigen, dieser wertvollsten Bevölkerungsschicht, so betrug der hessi­sche Wauderuugsverlust 15,5O°/o. Er verteilt sich auf die Selbstäudiaeu mit 4773 = 4,0°,b, die Angestellten mit 9134 = 38,9o,o, die Arbeiter mit 43 782 15,6 o/o. Ueberraschend ist, entgegen der landläusiLen Annahme, die relativ sehr müßige Wanderziffer der Arbeiterschaft. Dagegen sind weit weniger seßhaft die Angestellten, eine überaus bewegliche Berufskategorie

Ob der hessische Wanderungsverlust von 15,50o/o groß war> ob also die Seßhaftigkeit der einheimischen Be­völkerung gering ist oder nicht, kann man nur durch Ver­gleiche avwägen. Wir greisen aus den deutschen Landes­gebieten das benachbarte kleinbäuerliche Baden, die In­dustrieländer Rheinland und das Königreich Sachsen, so­wie die großagrarischen Provinzen Westpreußen und Pom­mern heraus und werden auf diese Weise neben der Seß­haftigkeit gleich einige Ursachen des Wanderungsver- 'ustes erkennen lernen. Das Verlustprozent betrug: in

Rheinland 7.17

Baden 8.39

Kg. Sachsen 9.04

Hessen 15.50

Westpreußen 29.28

Posen 33.00

Ganz augenfällig leuchtet aus dieser kleinen Tabelle als das Grundprinzip der Landflüchiigkeit folgendes Ab­wanderungsgesetz heraus: -

Die Industrie hält die Landesgebürtigen ebenso fest, wie der kleinbäuerliche Besitz; dagegen treibt der Großgrundbesitz die Leute aus der Heimat!

Die Statistik lehrt also die hohe bevölkerungspolitische Be­deutung, die das in Hessen vorherrschende Kleinbauerntum, sowie Industrie und Handel für ben mobernen Staat haben, zugleich aber auch bic ganze Hohlheit ber Phrase, mit ber man in ben inbustriefeinblichen ostelbischon Kreisen von ber staatserhaltenden Bodenständigkeit" iy r o r landwirtschaft- lichen Bevölkerung zu sprechen beliebt. Nichts ist weni­ger hoben ft änbig, als die Bevölkerung groß­agrar i s ch e r G e b i e t e.' An die heimatliche Scholle kann nur fesseln, was die Intelligenz voll auslöst unb den schaffen- ben Hänben einen möglichst hohen Anteil an ber Frucht ihrer Arbeit zukommen läßt. Unb bas tun Jnbustrie, Hanbel unb Kleingrunbbesitz ganz anbers, als bie großagrarische Be­triebsform.

Man vergleiche nur bieBobenverteilung ber vor­hin genannten Gebiete. Von je 100 ha ber Wirtschaftsfläche tarnen schon bei ber 1895er Betriebszählung au. die bäuer­lichen Betriebe bis zu 20 ha in:

Westpreußen 23.6 o/o

Posen 27.3o/o

Rheinland 75.5 0/0

Hessen 83.3 0/0

Baden 84.3°/o

Für Hessen ist hier wie für Baden ins Gewicht fallend der meist in kleinsten Parzellen betriebene tleinbäuerliche Wein­bau an Rhein unb Nahe. Diese Kleinbetriebe find volks­wirtschaftlich ein sehr erwünschtes Gegengewicht gegen ben nicht unbebeutenben rechtsrheinischen Großgrunbbe,itz. Je- bensalls korrespondieren bicjc Prozentzahlen in ber Haupt­sache genau mit ben Verlustprozenten ber vorigen Tabelle unb prebigen eindringlich bas hohe Lieb vom heimaterhalten- ben Kleingrunbbesitz.

Daß ein so hoch kultiviertes Land wie Hessen überhaupt Arbeitskräfte nach auswärts abgibt, muß auf den ersten Blick befremden, wenn man sieht, wie nach dem Lande wieder 70000 auswärts geborene Erwerbstätige eingewandert waren, dadurch den alten Abwanderungsverlust an Landes­gebürtigen ausgleichend. Diese zugewanderten Landfrem­denHergelaufene" nennt sie mit unberechtigter Gering- schätzung der eingeborene Volksmund müssen wohl für den einheimtschen Arbeitsmarkt nötig gewesen sein, sonst wären sie nicht gekommen. Sie stehen natürlich vielfach auf einer Stufe weit größerer Anspruchslosigkeit, als die einheimischen Abgewanderten, denn auch für die hessische Abwanderung gilt, was Neuhaus in seinerBeruflichen und sozialen Glie­derung des deutschen Volles" sagt:Es wandern fast aus­schließlich die in psychischer und physischer Beschaffenheit am besten ausgestatteten Personen aus, in einem Lebensalter, in dem sich alle Kräfte des Leibes und des Geistes in der blühendsten Entwickelung befinden, und die Leistungsfähig­keit im Beginn ihrer-größten Entfaltung steht." Das macht den Verlust umso empfindlicher.

Darum wird man auch in Hessen besorgt sein müssen, für sämtliche Landesangehörigen die Heimat %u einer dauernden zu gestalten, indem alle Einrichtungen oes Lan­des, die politischen, wirtschaftlichen und sozialen, auf die deutbar höchste Stufe gebracht werden. Nur dadurch wird die Heimat der Masse lieb und wert. Unsere Landesgenossen sollen sich nirgendwo anders so wohl fühlen, wie in der Heimat. Mit einer unsozialen Bodenpolitik, mit mangel­haften Gesetzen und unmodernen administrativen Maximen drängt man die Empfindlichen, und das sind nicht immer

die schlechtesten, aus der Heimat eher heraus, als daß man sie daran fesselt. Es gilt auch hier das Wort: eine ge­sunde Landcspolitik ist die beste Heimat­politik.

Rücktritt Uiderlen-wächterr?

Ein Wiener Blatt hatte dieser Tage den Rücktritt des deutschen Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes an* gekündigt. 9hin teilt auch dieGermania" mit, daß der im Laufe des Monats zu erwartende Rücktritt des Staats­sekretärs v. Kiderlen-Wächter wegen Differenzen mit dem Reichskanzler und dem Staatssekre­tär des Reichsmari ueamts in der Behandlung der englischen Verständigungsfrage erfolge.

Kaffer und Reichskanzler in Korfu.

Korfu, 10. April. Der Kaiser und der Reichs­kanzler mit Gefolge fuhren heute morgen im Automobil nach der Stadt, wo sie das Museum besuchten. Professor Doerpseld gab Erklärungen. Im Museum hatte sich auch Mr. Armour, und in dessen Begleitung zwei Archäv' logen, der Amerikaner Norton und der Engländer Hoqart, eingefunden. Von dem Museum begaben sich sämtliche Herrschaften nach Garitza zu ben Ausgrabungen, wo sie längere Zeit verweilten. Der Kaiser folgte einer Ein­labung zum Frühstück bei Mr. Armour auf bessen Jacht Utotoana". Das Wetter ist regnerisch unb toinbig.

Dom itaiienifch-türkischen Kriegsschauplatz.

Rom, 10. April. Die Agenzia Stefani meßet übet die gestrigen Vorkommnisse in T r i p 0 l i s: Ungefähr fünf­zig Araber mit zahlreichem Vieh unb einigen Gewehren hätten sich bei ben Italienern eingefunben. Bei Tobruk unternahm ber Feinb toieber einen Angriff gegen bas neue Fort in Stärke von ungefähr 300 Manu, würbe aber von ber italienischen Felbartillerie halb zurückgetrieben.

In Der na würben von feindlichen Patrouillen wir­kungslose Schüsse gegen italienische Wachtposten abgegeben.

DieDeutsche Tageszeitung" meldet aus Peters­burg: Der italienische Geschäftsträger Marches; Torreto ist von dem russischen Minister des Aeußern Sassonow! in einer längeren Unterredung darauf aufmerksam gemacht worden, daß eine weitere Ausdehnung des Kriegsschauplatzes nicht unbedenkliche Verwickelun­gen nach sich ziehen würde.

Italienische Scheimuanöver zu LanduugSzwecken.

Rom, 10. .April. (Agenzia Stefani.) Nach vorberei­tetem Plane haben gestern einige Kriegsschiffe, die den Transport von Dampfern begleiteten, unter dem Kom­mando des Kapitäns Trangi in der Nahe von Zuara einige Scheinmanöver ausgesührt, die eine Landung vortäuschen sollten. Als sich die Schiffe der Küste näherten,' nahmen zahlreiche Abteilungen von Bewaffneten Verteidig aungsstellungen ein. Tie Schiffe eröffneten ein lebhaf­tes wirksames Artilleriefeuer. Das Schein­manöver erzielte seinen vollen Erfolg, weil es gestattete, daß' ein starker Truppentransport aus Italien kommend und von Schlachtschiffen begleitet, einen wichtigen -vorher bestimmten Punkt an der Küste ohne Verluste besetzen konnte. Die Lan­dung der Truppen und des Materials wird gegenwärtig fortgesetzt.

Deutscher Reich.

Einige Blätter melden aus Zittau: Von der Kreis- bauptmannschaft in B a u tz e n ist dem fortschrittlichen Landtagsabgeordneten, Bürgermeister Dr. Roth

Amtlich gefälfchte Briefmarken.

Jeder Briefmarkensammler kennt Neudrucke, Briefmarken, die mit den richtigen Platten und den richtigen Farben der ursprüng­lichen Marken gedruckt sind, nachdem diese außer Kurs gesetzt sind. Nicht jeder Sammler aber weiß, daß es auch amtliche Fäl- fchungen gibt, Briefmarken, die im Auftrage von Behörden ge­druckt find, durch die ältere Marken nachgeahmt werden, um an Sammler verkauft zu werden.

Ein englischer Fachmann, der hin und wieder imDaily Telegraph" über solche Merkwürdigkeiten vom Briefmarkenmarkte schreibt, Hal eine ganze Reihe solcher amtlich gefälschten Bries- marken aufgesunden. Tie erste Behörde, die dergleichen machte, ist die englische Postverwaltung. Ter AusdruckFälschung" ist hierbei allerdings ein wenig hart. Es war im Jahre 1864, also kurz, nachdem das Briesmarkensammeln in Schwung gekommen ivar. Mehrere Mitglieder des englischen Königshauses hätten gerne die schwarze Einpennymarke aus dem Jahre 1840, die erste aufklebbare Briefmarke gehabt, allein fie war vergriffen, und die Lriginalplatten waren nicht mehr vorhanden. Tagegen ähnelten die Platten für die rote Pennymarke die damals in Kurs war, der älteren Platte ziemlich, und so wurden von dieser mit schwarzer Farbe etwa 240 Briefmarken gedruckt. Tas ursprüngliche Papier war aber auch nicht mehr auszutreiben, und so wurde ein anderes genommen. Ein weiterer Untere schied dieser amtlichen Nachahmung von der echten Marke besteht darin, daß das Wasserzeichen, die Krone, größer ist, als bei der alten Marke und überdies auf dem Kopse steht.

Von einer wirklichen amtlichen Fälschung glaubt der Eng­länder in folgendem Falle sprechen zu dürfen. Im Jahre 1885 ließ die Regierung der Sandwichinseln die Hawaibriefmarken vom Jahre 1853 und aus den Jahren 1861 bis 1869 durch eine Truckerei in den Vereinigten Staaten nachahmen. Tie ursprüng­liche Marke, die ein Bildnis des jungen Herrschers Kamehameha Iv. zeigte, war in Boston lithographisch hergestellt worden. Tas ursprüngliche Papier, wie die ursprüngliche Farbe waren eben­sowenig auszusinden, wie die echten Platten, und so wurden neue hergestellt, bei denen jedoch der Text sich in den Buchstaben der Wertbezeichnung etwas von den echten unterscheidet. Zwei Jahre später fand die Regierung im Postamt von Honolulu die ursprüngliche Farbe auf und schickte sie hocherfreut an die ameri- känische Truckerei. Es konnten jedoch keine Briefmarken damit gedruckt werden, weil die Farbe längst verdorben war. Augen­scheinlich ist die Regierung von Honolulu mit ihren Nachahmun-

gen trotzdem auf ihre Kosten gekommen, denn int Jahre 18891 vergab sie an eine amerikanische Firma einen ähnlichen Auf­trag. Diesmal wurden die seltenen Fünf- und Dreizehnzents- marfeit des Jahres 1853 wiederholt, die höchstwahrscheinlich an Reisende als echt verkauft worden sind. Nachdem die Regierung drei Jahre lang solche Briefmarken hatte verkaufen lassen, ließ sie schließlich im Jahre 1892 den UeberdruckReprint" (Neu­druck) anbringen.

Ganz verunglückt ist eine amtliche Nachahmung der ersten Briefmarken aus Shanghai aus dem Jahre 1865, die 1874 hergestellt wurden. Tie echte Marke zeigte das Bildnis eines Drachen, dessen Bart genau sieben Borsten hat. Ter Zeichner der Nachahmung hat offenbar nicht gut aufgepaßt, denn die Fälschung zeigt neun Haare. Besonders geistreich ist eineNach­ahmung" der Vereinigten Staaten von verschiedenen recht alten Marken. Bei der Internationalen Ausstellung im Jahre 1876 sollten auch sämtliche Briefmarken des Landes ausgestellt werden. Es waren nicht alle aufzutreiben, und fo ließ die Regierung mit neuen Platten und neuen Farbstoffen, wahrscheinlich auch auf neuem Papier, nicht weniger als 10 000 Marken drucken, von denen natürlich eine ganze Reihe unter der Hand ver­kauft wurden.

*

EineRettung" König Philipps. Untere großen Historiker, vor allem Rankes Meisterporträt, haben uns in dem spanischen Philipp" das Urbild düsteren Fanatismus und grau­samer Unnahbarkeit gezeigt und die dichterische Prägung der Ge­stalt in SchillersTon Carlos" umgab diesen finsteren Tyrannen mit der schwelenden Glut verhaltener unb zertretener Leiden­schaften. Ta ist es denn ein kühnes Unternehmen des dänischen Historikers Karl Bratli, m einem umfangreichen, durch eilte Fülle von Dokumenten gewichtigen Werke eine Rettung König Philipps im Lessingschen Sinne zu unternehmen. Zunächst zerstört er die Ansicht von dem schrecklichen, Furcht einflößenden Aeußeren des Herrschers. Er beweißr vielmehr, daß Spanier, Engländer, Italiener unb Franzosen, bie mit ihm in persönliche Berührung kamen, entzückt waren von ber Anmut seines Körpers unb ber Feinheit seiner Züge. Er war zwar klein, aber schön unb prächtig gebaut,von einer so großen Ebenmäßigkeit bes Körpers, als sie die Natur nur schaffen tann," wie ein englischer Ebelmann, John Elder, schreibt. Der dänische Gelehrte behauptet, daß Philipp ein lustiger, allen Freuden der Welt aufgeschlossener Mensch ge­wesen sei, wo sich ihm nur die Gelegenheit zu Freude unb Genuß bot. Nicht nur feine Liebe zur Kunst läßt sich dafür anführen.

sondern das beste Zeugnis dieser heiteren Stimmungen sind die, Briefe, die er von Portugal aus an seine Kinder schrieb. -Sie; enthüllen uns einen ganz neuen, einen bisher noch nie richtig gesehenen Philipp, ber sich den Schönheiten der Natur, den großen Linien ber Landschaft unb selbst bent Dust der Rosen mit Freuden' hingibt, ber ein guter Familienvater ist unb mit seinen Kindern,' kindlich plaudert. Er macht Witze über sich selbst und stellt z. B.i den Ausfall seiner eigenen Zähne in humoristischen Gegensatz zu­dem Zahnen seines jungen Sohnes, des Jnfanten Diego, meint mit komiscljem Trost, was die Natur ihm nehme, gebe sie wenigstens' seinem Knaben wieder. Er macht sich sogar über den prunkhaftew Mantel aus Goldbrokat luftig, den er bei großen Feierlichkeiten- anlegen muß. So gelingt es Bratli, uns wirklich einen freund­licheren, menschlich sympathischen Eindruck des spanischen Herr­schers aufzuzwingen. Schwieriger wird es ihm schon, alle grau­samen Handlungen, die ihm vorgeworfen werden, zu entschuldigen! unb zu erklären. In seiner Beurteilung bes Verhaltens Don Carlos gegenüber mag er recht haben, denn er weist! darauf hin, daß Philipps ältester Sohn ein Degenerierter uni/ Wahnsinniger gewesen sei, dessen Tollheiten der Vater einige Zeit ertrug, bis er sich schließlich nicht anders zu helfen wußte, als- daß er ihn in ein Gefängnis einsperrte. Im übrigen kehrt Bratli hier das Büd des ftrengen, unb gerechten Richters hervor, dem, die Staatsraison das höchste Gebot war. Solch ein strenger! unb aeredjter Richter ist ber König gewesen, aber Gnabe wohnte! nidjt *n seinem Busen.

Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissen­schaft. Tie Jahresversammlung bayerischer P s y - chiater findet am 29. und 30. Juni 1912 in Regens-! bürg und Wö11ersh0f bei Neustadt a. d. Waldnaab statt. Ter 17. Jnternationalemedizinische Kongreß findet! in L 0 n d 0 n vom 6. bis 12. August 1912 statt. InMünchc n' ist der Medizinalrat Tr. med. Otto Zaubzer, kgl. Bezirksarzt a. T. und vorm. Oberarzt am städtischen Krankenhaus München! r. I. im 78. Lebensjahre gestorben. Ter 41. Kongreß ber Deutschen Gesellschaft für Chirurgie wurde! unter dem Vorsitz des Bonner Chirurgen Geheimrat Sorte! im Beethovensaal der Berliner Philharmonie eröffnet.! In Arnstadt in Thüringen wird ber Schriftstellerin ÜJiar-,1 litt bei der 25. Wiederkehr ihres Todestages <22. Juni- eint Denkmal errichtet. In Paris ist der Prosesfor ber ©e* schichte Gabriel M 0 n 0 d im Alter von 68 Jahren g e ft 0 r b e n.j