Ausgabe 
10.4.1912 Erstes Blatt
 
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Die heutige Nummer umfafet 10 Seiten-

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Eine ausländische (rifiiibung.

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turne erhaltene Bildhauerarbciten besitzen so viel Feinheit und Reiz, aber man kann weder diese Figur benennen noch ihren Schöpfer erraten.

Man sieht aus diesen kurzen Hinweisen, daß die französischen Ausgrabungen in Tcgea ein ganz eigenes Stück antiker Welt und Kunst zutage gefördert haben, das von hohem Interesse ist.

TieMorgenpost" meldet aus Paris: DasParis Journal" veröffentlicht die ausführliche Inhaltsangabe eines angeblich von Kaiser Wilhelm verfaßten, am Potsdamer Königlichen Theater in Vorbereitung befind­lichen TheaterstückesDie Familie". Der Dreiakter soll für die väterliche Autorität in der Familie eintreten, eine Theorie der europäischen Politik sowie die Empfehlung des Schiedsgcrichtsgedankens enthalten und dem sozialen Frieden inner­halb eines Volkes, das auf gegenseitige und gerechte Konzessionen und auf Vaterlandsliebe zurücksehen müsse, das Wort reden. Tie Morgenpost" überschreibt ihren ArtikelAprilscherz oder Mystifikation", meint aber am Schluß, daß Ausländer, vielfach über das Denken und Handeln des Kaisers besser in/ formiert gewesen sind als seine eigenen Landsleute. Wir hoffen, daß der Unsinn des auswärtigen Blattes von Berlin aus bald kräftig zurückgewiefen wird! .

Arbeiterbewegung.

Der beendete Bergarbeiterausstand in England.

Nach den Londoner Zeitungen wird es iroch einige Wochen dauern, bis der Betrieb in den Kohlengruben wieder in vollem Gange ist. ^Lin Paar Gruben werden vielleicht geschlossen bleiben: andere Gruben sind durch den Ausstand so in Unordnung geraten, daß man etwa eine Woche brauchen wird, die Wege wieder frei zumachen und die Auszimmerung zu erneuern. Ueberall sind beim Wiederbeginn der Arbeit besondere Vorkehrungen gegen Unfälle nötig. Es ist auch nicht zu erwarten, daß nach dem langen Streik die Bergleute schon in der ersten Woche ihre volle Leistungs­fähigkeit besitzen werden. Ter größte Teil der pflichtgeförderten Kohle geht an die Eisenbahnen, die allmählich den vollen Betrieb wieder aufnehmen. Ende dieser Woche werden voraussichtlich auch verschiedene Industrien in den Stand gesetzt sein, den Betrieb wieder aufzunchmen.

vom italienilch-tsiriischen Kriegsschauplatz.

Neue Kämpfe bei Tobruk.

Tobruk, 9. April. Agcnzia Slefani.) In der Nacht vom zum 7. April griffen etwa 100 Feinde das neue'

Der Kaifer in Korfu.

Achilleion, 9. April. Ter Kaiser hörte heute vor­mittag die Vorträge der Chefs des Zivil-, Militär- und Marinekabinetts.

DerBerliner Lokalanz." meldet aus Mailand: Mit dem Postdampfer von Korfu ist nach demCorriere de la Serra" in Brindisi ein K a i s e r l i ch e r K u r i e r mit einem Hands chreibenKaiser Wilhelms anden König Viktor Emanuel eingetroffen. Ein Königlicher Kurier hat darauf das Schreiben nach Rom überbracht.

Fort an: sie wurden durch Gewehrfeuer und Maschinengewehre zurückgeschlagen. Gegen 21/* Uhr nachmittags wurden von dem Fort sechs Kilometer entfernt Bewegungen feindlicher Truppen vom Sübosten nach dem Norden beobachtet. Abends um 7 Uhr wurden Gewehrschüsse aus dieser Richtung abgegeben. Um IOV2 Uhr abends eröffnete der Feind ein lebhaftes Gewehrfeuer. Die Italiener erwiderten das Gewehrfeuer mir der Feldartillerie. Bald zog sich der Feind infolge seiner Verluste zurück. Tie Italiener hatten feine Verwundete.

Die Agenzia Stefans meldet aus K 0 n st a n t i ir 0 p e l: Tas Kriegsminiflenum veröffentlicht Telegramme, in denen behauptet wird, daß es sich bei flemcren Gefechten am 31. März und 1. April um türkische Siege handelt. Es wird ferner behauptet, daß die Türlen am 4. April die italienischen Laufgräben um Tobruk besetzten und dabei fünfzig Italiener töteten. Tie Nacl>- richten entbehren jeder Begründung. Am 30. März und 1. April fanden tatsächlich um Tobruk Kämpfe statt, bei denen die Italiener bei den ersten Gefechten Leine Verluste hatten, während bei letz­terem ein Soldat leicht verwundet wurde. Am 4. April fand überhaupt lein Zusammenstoß statt, dagegen wurden bei allen Gefechten, besonders am 29. März, 31. März, 1. April, 2. April und 6. April, die türkisch-arabischen Truppen unter bedeutenden Verlusten zurückgeschlagen.

Wechsel im Oberkommando der italienischen Flotte.

Nom, 9. April. Admiral Farnvelli, Oberbefehlshaber der Flotte, ist auf sein Gesuch hin aus Gesundheitsrück­sichten von feinem P 0 sten enthoben worden. Admiral V i a l e, Kommandant des zweiten Geschwaders, wurde zum Ober­befehlshaber der Flotte, Admiral d' A st e Stella zum Kom­mandanten des zweiten Geschwaders ernannt.

Unzufriedenheit bei den italienischen Truppen?

M a i l a n d, 9. April. DerAventi" meldet aus Tripolis, daß sich die Unzufriedenheit der italienischen Trup­pen über die Dauer des Striegel laut äußert. Die Offiziere drückten beide Augen zu, da sie den Seelenzustand der Soldaten wohl begriffen. Dasselbe Blatt meldet aus Piacenzi, daß einberufene Reservisten des Jahrganges 1889 eine kriegs- feindliche Kundgebung veranfialtet hätten. In Novara wurde eine sozialdemokratische Versammlung wegen heftiger An­griffe des Abgeordneten Camapanozzi gegen die Regierung polizei­lich aufgelöst.

Die Italiener am Roten Meer.

Anteil der Einnahmen, daß die Kapitalbildung zurückbleibt. Tas ist eine Erscheinung, die, wenn sie durch den Fortgang der Tinge bestätigt wird, keinen befriedigenden Ausblick in die Zukunft gewährt und allen volkswirtschaftlich einsichtigen Kreisen Deo- anlassung dazu bieten muß, die Erhaltung der erttagswirtschaft- lichen Kräfte in unserem Wirtschaftsleben stärker wie seither zu betonen."

Die Mainzer Handelskammer macht also auch die Lasten unserer Sozialpolitik für die Lage unseres Geldmarktes verantwortlich. Die anderthalb Millionen Mark täglich, die uns unsere staatliche Sozialpolitik kostet, sind natür­lich für den Geldmarkt und die Kapitalbildung verloren. Es wird notwendig fein, auf Ersatz dafür zu denken, wenn die Leistungsfähigkeit unseres Geldmarktes sich rasch ver­bessern fort.

in Buenos Aires Halt machen. Tort wohnt sein reicher Gönner Ton Pedro Chriftoffersen, dessen Hilfe ihm bekanntlich erst seine Fahrt zum Südpole ernwglicht hat: ihm gebenft Amundsen einen Besuch abzustatten, und in Buenos Aires will er das Buch über seine Reise niederschreiben. Ueber dies Buch sind inzwischen durch Vermittelung von Amundsens Bruder bereits jetzt die ge­schäftlichen Llbmachungen getroffen worden. Ten Verlag des Werkes hat für Norwegen das Haus Tybwad, für Dänemark! der bekannte Gyldendalsche Verlag in Kopenhagen übernommen. Es verlautet, daß Amundsen das größte Honorar erhält, das bisher noch jemals für ein Buch in Skandinavien einem Verfasser gezahlt worden ist. Mit welchen ausländischen Verlegern Amund­sen abzuschließen gedenkt, ist noch nicht bekannt geworden.

Ein Schutzzoll auf moderne Kun st. Ter kürz­lich dem australischen Parlament vorgelegte Entwurf eines neuen Zolltarifs enthält eine Bestimmung, die in ihrer Art bisher wohl ein Unikum darstellt: Australien will künftig auf alle m 0 bernen Oelgemälbe unb Aquarelle, also auch auf bie Werke lebender Künstler einen Zoll in ber Hohe von 25 Proz. bes Wertes erheben. Ausgenommen sollen nur bie Schöpfungen austra­lischer Künstler ober Kunstschüler sein. Man nimmt an, baß diese ungewöhnliche Bestimmung auf Betreiben einiger austra­lischer Maler ausgenommen wurde: die einheimischen Künstler hoffen wahrscheinlich, durch diesen schweren Schutzzoll die Ein­fuhr ausländischer Kunst zu unterbinben unb bie australischen Sammler unb Kunstfreunde damit zu zwingen, bie Schöpfungen moberner australischer Maler für ihre Sammlungen zu erwerben. Tie Bestimmung hat jeboch bei ben Kunstinteressenten unb bei den schriftstellern lebhaften Protest hervorgerufen. Tiefe Bestimmung deS neuen Zolltarifs unterstützt nur die Halbkönner und die Leuic von schlechtem Geschmack, die auf diesem Wege bie Absatzmöglich­keiten minderwertiger Produkte steigern möchten."

TerEntwurs der Thronentsagungsakte Na­poleons ist in Tiflis von dem Bibliophilen Korganow im Familienarchiv Astafjew ausgesunden worden. Tas Schriftstück trägt den Vermerk des Generaladjutanlen Astafjew aus dem Jahr 1840, die Echtheit des Dokuments bestätigend.

Kurze 'ji a ch r 1 cy t e n aus Kunst und W i i 1 e n - schäft. Ter deutsche Verein für Knabenhandarbeit und Werkunterricht hält vom 10. bis 12. Mai d. I. seinen 21. Kongreß zu Charlottenburg ab. Mit dem Kongreß wer­den zwei reichhaltige Ausstellungen verbunden fein.

Ueber die Lage der Italiener an ben Küsten,ttichen des Roten Meeres ist folgender Bericht aus Sanaa eingetroffen: Voll­kommene Ruhe^ herrscht im Gebirgslande der Provinz Jemen. Der Verräter Seid I d r i s, der aus dem italienisch-türkischen Kriege Vorteil zu ziehen sucht, hat von neuem die Waffen gegen die türkische Herrschaft erhoben unb versucht die Verbindung zwisck-en Jbha und der Küste abzuschneiden. Die Armeeabteilung des Generals Mehmed Ali Pascha hat die Parteigänger des Seid Jbris angegriffen und die Gegend von Mihai besetzt. Einige

Hk. Hygiene-Museum in Dresden. TieMünch. Med. Wochenschr." meldet: Ter Präsident der Internationalen Hygiene-Ausstellung, Exz. Lingner, hat dem Rate und den Stadtverordneten von Dresden soeben eine Denkschrift über­reicht, worin er die Errichtung eines nationalen Hygiene-Museums empfiehlt. Er selbst stellt diesem die drei Hallen von der Hygiene- AusstellungTer Mensch", die historische und die ethnographische Abteilung zur Verfügung, außerdem den Ueberschuß der Aus­stellung in Höhe von 1 Million Mark. Tas Museum soll zu einer Art Akademie für jedermann ausgebaut werden. Ter Bau des Museums soll etwa 3 600 000 Mark kästen. Tie jährliche Unter­haltung wird auf 270 000 Mark geschätzt. Lingner schlägt vor, daß bie Stabt Tresben ben Bauplatz umsonst unb außerbem jährlich 150 000 Mark zu ben laufenben Kosten hergibt. 80 000 Mk. sollen aus eigenen Einnahmen gedeckt werben, währenb ber Rest von 40 000 Mark vom Reiche erbeten werben wirb. Tie sächsische Regierung soll zu ben Baukosten 2 600 000 Mark beitragen. Nach der Genehmigung dieses Entwurfes durch die Stadtverord­neten, an der nicht zu zweifeln ist, soll dem sächsischen Landtag eine entsprechende Vorlage gemacht werden.

ZweineuentdeckteBildnissevonFranzHalS sind, wie dem New Bork Herald aus Amerika telegraphiert wird, in Neuy 0 rk von dem bekannten canadischen Kunstsammler Sir William Van Home angekauft worden und sollen in den nächsten Tagen die Reise nach Canada antreten. Ter Verkauf erfolgte durch ben Ncuyorker Kunsthändler Van Slochem. Tie beiden Werke sind Bildnisse: das eines Mannes unb einer Frau. Sie würben im Jahre 1637 von bem Künstler geschaffen. Nähere Einzelheiten über bie beiben kostbaren Stücke unb ihre Hev- kunft sinb bis jetzt nicht zu erlangen gewesen.

kf. Amundsens Pläne. Aus Christiania kommen jetzt nähere Nachrichten über bie Pläne, bie Amunbsen für bie nächste Zukunft geiüBt hat. Im Herbste biefes Jahres wirb er seinen ersten Vortrag in Europa halten, unb zwar vor der nor­wegischen geographischen Geielischast in Christiania. Daran schließt sich eine Vortragsreise, bie sich voraussichtlich auch auf England erstrecken wird. Auf ber Reise nach Christiania wird Amunbsen

Die französischen Ausgrabungen in Tegea.

Während die Leistungen, die der französischen Schule von Athen in Telphi unb in Telos geglückt sind, als weltbekannt bezeichnet werden dürfen, weiß man von den französischen Aus- kfrabungen in Tegea in weiteren Kreisen äußerst wenig, obwohl sie, menii auch mit Unterbrechungen, bereits seit über 20 Jahren betrieben worden sind und obwohl sie daS Bild eines der bo- ruhmtesten griechischen Künstler, des Skopas, in ein neues 2'äst gestellt haben.

Tegea war neben Mantinea die hervorragendste Stadt Arka­diens, ein blühendes Gemeiiuvesen, bas durch seine Kunstbenkmäler, berühmt war. Pausanias, der griechische Bädeker ans dem zweiten xsabrbunbert n. Chr., weiß von Tegea gar viel zu erzählen und zu beschreiben, aber den Ruhm der Stadt bildete der Tempel der Athena Alea, mit dem kein geringerer Name verknüpft war,^a!s eben der des Skopas. Die Hauptpunkte der Stadtanlage von 4.egea wurden schon 1888/89 festgelegt, die Ausgrabung des ge- nannten Athenatenwels aber konnte wegen des Widerstandes der verblendeten Bevölkerung nur sehr langsam statlsinden. Heute kennt man indes, wie Charles Tugas in einem diesen Ausgrabungen gewidmeten Aufsätze imJournal des Tebats" darlegt, sowohl die Ausdehnung, wie die Formen und die Ausschmückung dieses berühmten antiken Bauwerkes wenigstens in der Hauptsache mit r Klarheit. Tie Tempelanlage war alt, wurde aber wiederholt, unb immer großer unb glänzender, erneuert und zu- Icpt nach einem Brande im 4. Jahrhundert wieder aufgebaut; und damals eben war es Skopas, ber nach ber bestimmten Mit­teilung des Pausanias ben Bau leitete. Skopas hat sich in bem reichen Giebel schmuck bes Tempels aber auch als Bild­hauer betätigt unb bie Funde, die in dem Museum von Piali vereinigt sind, geben eine vorzügliche und einzige Anschauung von den Leistungen der S k 0 p a s - S ch u l e, die hier gewirkt *)ar- Es Üiiden sich da merkwürdige und bedeutende Kopfe, deren Blicke voll Leidenschaft, Schmerz und himmelweit entfernt sind, 5. B. von den ruhigen, tieferen Seelenbewegungen fremden Ath­leten der Polyklet. Von den beiden großen Giebelreliefs, die den Kampf des Telephos mit Achill und die Jagd auf den kalydonifchen Eber darstellten unb bie zusammen etwa 30 große Gestalt:n gezeigt haben bürsten, ist eine Fülle von Bruchstücken erhalten. xa£ Glanzstück des Museums aber bilbet ein Frauenkopf aus der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts, in dessen Ausdruck fich die Ruhe des Phidias-Stlles mit dem träumerischen öuge des Praxiteles zu vereinen scheint. Wenige aus dem Alter­

Sache^ gemacht hatten, wurden gezüchtigt. Außerdem hat auch seinerseits ber Gouverneur unb Kommandant von Jbha, Sulei­man Pascha, einen Vorstoß gegen Seid JbriS unternommen. Man nimmt an, daß ihm bereits bie Herstellung ber Verbindung mit der Kolonne des General Mehmed Ali Pasckw gelungen ist. Seid Sabris wird von den Italienern unterstützt. Diese haben ihm vier Geschütze und mehrere Kisten mit Waffen und Munition zu kommen lassen; diese Kriegsmaterialien wurden bei Tschisan ge­landet. Die Kasten waren in grünem Stofs eingepackt. Um die Beduinen dazu zu bewegen, diese grünen Kisten landeinwärts zu schaffen, hat Seid Jdris ihnen erklärt, daß sie nur Geschenke des Oberhauptes der Senussi enthielten. Seid Jdris hat dadurch, daß er gemeinsame Sache mit den Italienern gemacht hat, sich die Verachtung der gläubigen Araber, bie bem Kalifat anhängen, zugezogen unb wirb bnfür schwer gestraft werben.

Die Blockabe von Hvbeiba durch bie Italiener kann irgend ein erkennbares Resultat nicht zeitigen. Die Bevölkerung Jemens, an bie verschiebensten Küstensperrnngen gewöhnt, besitzt ansreichenbe Lebensmittel in großen Speichern, unb außerdem ist bie wichtige Stabt Taas bauernb in Verbindung mit Aden auf dem alten großen Karawanenwege. Die Italiener haben an ber gegenüberliegenden Küste unter den Stämmen der Erythrea versucht, drei bis vier Bataillone auszuheben, um sie nach Tripolis zu schicken. Dabei hat sich eine größere Zahl Araber empört unb hat einige Offiziere unb Mannschaften, bie mit der Aushebung betraut waren, getötet.

Die £eiftungsfäl?ig!eit Oes deutschen ©elömarttes.

Die gespannte internationale Lage des letzten Sommers hat überall das Thema unserer finanziellen Rüstung zur öffentlichen Besprechung gestellt. Auf ihre mangelnde Ausstattung mit Goldmitteln ist seit Jahren schon von Finanz- und Währungspolitikern mit Besorgnis immer wieder ausmcrksam gemacht tvorden. Die Kriegs­gefahr des letzten Sommers hat dann durch die Zurück­ziehung englischer und besonders französischer Guthaben, durch ein Anrennen des Publikums auf heimische Banken und Sparkassen die Leistungsfähigkeit des deutschen Geld­marktes auf eine Probe gestellt. Unser Geldmarkt hat diese Probe bestanden, aber es ist eben auch noch nicht zum Kriege gekommen. Was eingetreten wäre, wenn die Mobil­machung angeordnet worden wäre oder gar die Franzosen mit ihrem altgewohnten Brausemut zuerst die Vogesen über» schritten hätten, läßt sich heute nicht sagen. Aber ernstliche, wenn auch wahrscheinlich rasch vorübergehende Stö­rungen unseres Geldmarktes wären unausbleib­lich gewesen. Tie Zeichnungen auf die Kriegsanleihe wären ohne Zweifel mit einem raschen Steigen des Zinsfußes und einer fühlbaren Knappheit an Barmitteln Hand in Hand gegangen. Die Sorge für eine fortschreitend bessere Aus­stattung unseres Geldmarktes wird deshalb mit der für eine den seindlichen Nachbarn Schritt haltende Vermehrung von Flotte und Landheer sich vereinen müssen.

Die Goldbestände der Reichsbank und die Metalldeckung des Notenumlaufs sind trotz gesteigerter Ansprüche größer geworden, auf die Einfuhr von Gold wird wieder erheb­liches Gewicht gelegt, die Diskontpolitik der Reichsbank ist ruhig und verständig geworden, und allmählich wird es auch gelingen, den Zahlungsverkehr durch Giro, Scheck und Ucbcrweisung von der übergroßen Inanspruchnahme des Goldes zu befreien. Fortschritte sind in diesen Richtungen schon recht erheblich gemacht. Aber die Zweifel an der unbedingten Zuverlässigkeit unseres Geldmarktes in ganz ernsten politifchen Situationen wollen nicht schwinden. So läßt die Mainzer Handelskammer in ihrem soeben erschienenen Jahresbericht mit solyenden beachtenswerten Mahnungen über die Notwendigkeit verstärkter K a p N a l b i l d u n g sich vernehmen. Es heißt da:

Trotz alledcrn kann man bei ber bauernben Anspannung des GelbrnarkieS unb den im Vergleich zu Englaiid unb Frankreich hohen Diskontsätzen, bie den Kredit erheblich erschweren, sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Zunahme des Kapitals bet uns nicht solche Fortschritte macht, wie es im Interesse des gesamten Wirtschaftslebens, namentlich des Gedeihens der mittleren und kleineren Geschäfte zu wünschen wäre. Tie Ursache hierfür dürfte Darin liegen, daß man der an sich erfreulichen Zunahme des Ver­brauchs die Spartätigkeit nicht gleichen Schritt gehalten hat und daß andererseits zu dem Aufschwung in der Gütererzeugung der Ertrag in grobem Umsange die guten Abschlüsse einzelner großer Werke dürfen darüber nicht täuschen nicht in richtigem Verhältnis steht. Wenn von sachverständiger Seite das jetzige Volksvev- mogen in Deutschland auf 420 Milliarden Mark geschätzt wird und hiernach auf den Kops der Bevölkerung 6500 Mark entfallen, so ergibt sich, daß in jebem Jahr 6500 Mark X 850 000 (68 cf völkerungSzuwachS), das sind 5*2 Milliarden, neu gespart werben müssen, damit nur ber Vermögensstanb beS ganzen Volkes sich nicht verschlechtert. ES erscheint mehr wie zweifelhaft, ob bieses alljährliche Ziel erreicht wird. Tie Hauptquelle ber Kapital­neubildung, der Ueberschuß produktiver Handels- und Industrie- Unternehmungen, bet' zum überwiegenden Teil sofort wieder pro-

Nr. 84 Erstes Blatt t. 162. Jahrgang "Attwoch, 10. April 191?

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duktiv angelegt wird, ist starken Hemmungen unterworfen. Tie

Löhne, ofienllichen Lasten, Versicherungsbeiträge usw., bie selbst Sur Kapitalbilbung kaum beitragen, da sie zum weit übertoiegenben

-teil in Verbrauch umgesetzt werden, absorbieren einen so großen Stämme ber dortigen Gegenb, bie mit Selb Jbris gemeinsame