Ausgabe 
9.11.1912 Erstes Blatt
 
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Die heutige Nummer umfafet 18 Seiten.

Kampf bis aufs IHeifer!

Während die bulgarifcfien Siegeserivartung-en immer zuversichtlicher werden, während die Griechen und Serben anscheinend gleichfalls nach der Ehre streben, am Einzug in Konstantinopel teilzunehmen, rasst sich die türkische Re­gierung zu den äußersten Anstrengungen auf, um die Er­oberung der Hauptstadt zu verhindern. Freiwilligenkorps werden gebildet; alle Einwohner sollen bei der Verteidigung mithelfen. £b es wahr ist, daß Mahmud Schefket

Pascha an ft eile des eben erst ernannten cngland-sreund- lichcn Kiamil Pascha zum Kriegsminister ausersehen ist, kann nicht nachlontrolliert werden. Tie Einwohner von Konstantinopel werden durch Aufrufe in den Zeitungen, durch Mahnungen der Regierung und der Geistlichkeit auf das Beweglichste aufgefordert, den Kampf bis auf 5 Messer durchzuführen. Religiöse Andachtstnnden sollen für die Truppen vorgesehen sein, und der Sultan der anscheinend doch in der Hauptstadt bleibt, ja, sogar versprochen haben soll, den letzten Blutstropfen für die Verteidigung Konstantinopels einznsetzen, will zum vierten Male beim Mantel des. Propheten beten. Das sind ernste und erschütternde Einblicke in die Sorgen eines durch eine großartige Geschichte ausgezeichneten großen Volkes, und in diesen Stunden zeigt es sich, daß« die Türken allen europäischen Firnis abstreifen und zu den Bräuchen der Vorfahren zurücllehren wollen. Es wird ein heißer Kampf um Konstantinopel werden, dessen Ausgang aber im Buche des Propheten wahrscheinlich schon als der letzte Kampf dor Türken auf europäischem Boden verzeichnet steht. Denn es fehlt in Konstantinopel an allem. Tausende unglück­liche Flüchtlinge aus Mazedonien, hilflose Menschen, die im Freien lainpiercit, erhöhen die Not und den Jammer der Einwohner, und bald werden Hunger und Krankheit wie in Aorianopel, allem Heldenmut ein Ziel setzen. Saloniki, der stolze Sitz und Hort der Jungtürken, ist, wie heute aus Athen gemeldet wird, in die Hände der Griechen gefallen, und König Georg hat zur Stunde vielleicht schon seinen Einzug dort gehalten.

Wir erhielten folgende Meldungen:

Konstantinopel, 8. Nov. Die Blätter bringen von der Regierung inspirierte Artikel, in denen die Be­völkerung Konstantinopels ans gefordert wird, Freiwillige zu stellen, und in jeder Be­ziehung an der Verteidigung t e i t z u n e h m e w, denn d i e R e g i e r u n g sei entschlossen, bis a n f s M e s s e r W i d e r st a n d z n l e i st e n. Der Patriarch schloß die griechischen Schulen Konstantinopels.

Der Kommandant der Ostarmee, Abdutah Pascha, der gestern hier eintraf, wurde von feinem Kommando enthoben. Das PanzerschiffMessudic" ist aus dem Goldenen Horn ausgelaufen. Wie verlautet, soll sich die türkische Flotte längs der Küste des Marmara- und des Sckstparzen Meeres aufstellen, um die türkischen Trup­pen in der Verteidigung der Tschatatdschalinie zu unter­stützen.

In langen Zügen treffen die muselmanischenßaribleutc aus den von den Bulgaren bedrohten Gebieten ein. S t a m- b ul ist voll von einer langen Reihe von Kar - re n, auf denen Frauen, Kinder, Dien st boten und Tiere in bejammernswertem Zu st an de kauern. Was an Hausrat mitgeführt werden konnte, das hat man bei sich. Die meisten von ihnen befinden sich auf dem Wege nach Asien. Zahlreiche freiwillige Kurden, Lasen und Ts ch er kess en sind nach T s cp a t a l d s cha abgegangen, dessen Befestigung weiter verstärkt wird.

TicNeue Freie Presse" meldet aus K o n st a n t i n o p e l: Von bcsluntcrrichteter Seite verlautet: Der Beschluß des Minister- rats, den Krieg bis zum äußersten sortzusetzen, wird mit aller Energie durchgeführt werden. Mahmud Schefket Pascha, den der Sultan als seinen ersten A d j u l a n t c ii zur Inspektion der Ostarmee entsendet, wird nach seiner stiudkehr zum G r o ß w e s i r , der soeben aus dem Demen heimgckehrtc Generalstabschef I z z e d Pascha zum Genera­lissimus ernannt werden. Besonderes Gewicht roirb auf die Hebung der Moral der Truppen durch religiöse An­da ch t s st u n d c n gelegt werden, zu welchem Zweck einige hundert

die Schleusen seiner Beredsamkeit fließen: er fangvon allem Süßen, was Menschenbrust durchbebt, er fang von allem Hohen, was Menschenherz erbebt". Als Präsi­dent hat er aber viele seiner Versprechungen nicht «ge­halten. So eifrig er nach Popularität strebte, so vvr- iichtig fügte er sich dem Druck und der Macht der großen

dicke Herr- ist nun einmal fein Genie, und der Beistand bet vermögenden Herren von den Trusts, die ihn natürlich gerne weiter im Weißen Hause gesehen hätten, vermochten manches, aber nicht alles.

Der Amerikaner hat eine gewisse Vorliebe für das Bizarre, und er duldet es auch in der Politik, um bann aber zu erkennen, daß es, ach, ein Schauspiel nur sei. Es haben, auch schon wirkliche, tiefe Charaltere im Weißen Tarife geweilt, und dessen erinnert man sich heute. Woodrow Wilson soll die Renaissance herbeiführen. Er ist gegen die UeberspannunP der Hochschutzzölle, die den Auswuchs der Trusts, die finanziell? Unmoral .gefördert haben, er will den kleineren Mann gegen die Großen schützen. Frei­lich, ein Mann nach dem .Herzen der deutschen Sozialdemo­kratie ist auch er nicht, beim er betet die (Sattheit der Masse nicht an und hat Aeußerungen getan, die sogar aristo­kratisch Hingen:Ich glaube nicht an die Herrschaft der Masse. Ich glaube an Aristokratie, die Herrschaft der wenigen." Er soll sogar, wie derVorwärts" einer ameri-

anischen Presseäußerung erlauscht bat, gesagt haben: , Ich bin Gegner einer höheren Bildung für d.xs gemeine Volk. Irgend jemand muß die schmutzige Arbeit tun. Warum ollen die Kinder der Arbeiterllasse nicht dazu erzogen werden, die Arbeit zu tun, die ihre Eltern jetzt tun?" Natürlich sind das aus dem Zusammenhang gegrijs ne Sätze. Wilson ist offenbar nicht für die Gleichmacherei und hält es für unmöglich, alle Kinder für die Gel ehrten- laufbahn Heranzuziel.en. Uno das ist ganz vernünftig von ihm. Hoffentlich gelingt es ihm, sein Programm zu ver­wirklichen und vor allem die Macht der Trust-Könige zu brechen! Die von ihm beabsichtigte Ermäßigung der über- bannten Einfuhrzölle würde vor allem Deutschland zu­gute kommen. (Verabc bic b ntsche Industrie hatte bis­her über die amerikanischen Zollchikancn immer und immer wieder zu klagen.

Unser bisheriger Reichstagspräsident, Geheimrat Kämpf, der auf Grund der Untersuchungen des Prüfungs­ausschusses sein Mandat für den ersten Berliner W^hl r.is niedergelegt hatte, ist am Dienstag im ersten Wach gang wiedergewählt wordeir. Das Ergebnis hac vielfach über rascht, da Kämpf 231 Stimmen mehr als im Januar d. Js. erhalten und die Stimmenzahl des sozialdemotrati- fdjen Redakteurs Düwell um >68 abg nvmmen l)at. Ta derVorwärts" im vorangegangenen Wahlkampf ziemlich ausfällige Tone gegenüber der fortschrittlichen Vollspartei angeschlagen hat, um sie bann bei der Besprechung des Endergebnisses zu wahren Hasses- und Verachtungsaus­brüchen zu steigern, liegt eigentlich keine rechte Veran­lassung vor, den Rückgang der sozialdemotratischen Stim­menzahl einer Dämpsungsparole der Parteileitung znzn- schreiben, wie es in den Blättern der Rechten vielfach ge­schieht. Die Erfahrungen und Zifsern der letzten J.apcc lassen vielmehr die Deutung zu, daß auch diesmal die in diesem Bezirk stark fluktuierende Bevölkerung das Stimmen- zichlverhältnis verschoben hat. Sozialdemokratische Mit­läufer mögen in öer Umsturzbegeisterung des Sturmjahres 1911/12 ein Haar gefunden haben. Vielleicht kann man auch von einer Dämpfung des Wahlinteresfes dieser Kreise sprechen, woraus derZehngeboteMofmann", der die sozial­demokratische Agitation bei diesem Wahlgang leitete, wahr­scheinlich wenig Einsluß geübt hat. Wir begrüßen selbst­verständlich das Wahlergebnis im nationalen Interesse auf das Freudigste. Und wenn es sich demnächst darum han­deln wird, "die Neuwahl des ersten Reichstagspräsidenten wieder zu vL>llzi>'l>en, so stimmen wir derKöln. Ztg." zu, die in einer Auseinandersetzung mit einem Blatte der Rechten es ausgesprochen hat, daß zum mindesten keine Gründe ge g en die Wiederwahl Kampfs bei feinen früheren Wählern sich anführen ließen. Uno das genügt in der Tat. Der im allgemeinen ruhige und sachliche Verlaus der lebten Reick)stagsverhandluugen hat die pesfimistischen Gemüter beruh gt. Entgleisungen der Radikalsten dürfen nicht zu ernst genommen werden, und bei nicht zu stürmi­scher See ist Herr Kämpf ein vertrauenswürdiger Steuer­mann.

halten. So sichtig fügte _ .

Truste und sein letztes Ziel blieb, von sich reden zu machen unb bas Szepter zu führen so lange er könnte. Er hielt es für förderlich, ein paar Jahre bic Präsibialgefchäfte >em Herrn Taft, seinem früheren Kriegsminister, zu über­tragen, nnd er hoffte wohl, auf bi es en bie Sünden seines eigenen Regimes häufen zu können, denn bic Trusts wucher­ten immer fort unb streckten Uyte Polypenarme immer weiter auS. Roosevelt machte mittlerweile auf andere Weise von sich reden. Er feierte sich selbst als Tropenabenteurer und ließ sich von Europa die -Schleppe tragen. Das war alles ganz gut berechnet, aber er wurde allmählich durch­schaut, und in Englaird lachte man zuerst über seine Tro­phäen. Das amerikanische Volc kam zur Besinnung, und «Us er immer neue Bluffs erfand, verfing das nicht mehr recht. 77 Elektoralstimmen: daS ist der spärliche Erfolg all seiner großen Bemühungen. Daß Taft, sein (^schöpf, nur 12 Stimmen erhielt, kann nicht Wunder nehmen. Der

politische Wochenschau.

Gtcßkn, 9. November.

Der amerikanische Wahlkrieg hat ein überraschendes Ende genommen. Der Demokrat Wilson erhielt nicht we­niger als 442 Elektoralstimmen, wie es heißt, bic größte Stimmenzahl, bie überhaupt ein Prüsibent ber Verein g- ten Staaten auf sich vereinigte Man braucht, wo man auch immer stehe, sich keinen Weltanschauung.-simpeln hin- frugeben, um sich mit seinen Symp achten zu biesem Demo­kraten zu gesellen. Alle loben ihn als einen persönlich vornehmen, unkäuflichen Charakter, einen Gelehrten, der seine politischen Ideale mit reinlichen Mitteln zu verwirk­lichen trachten werde. Es hat uns um bie Volksseele ber Vereinigten Staaten immer etwas leib getan, wenn es triefe, baß Roosevelt ihr LicbliNg sei. T c große Begabung dieses Mannes auf mancherlei ^Gebieten soll nicht verkannt werben. Er ist gewiß auch eine interessante Erscheinung, denn er weiß den Schießprügel zu schwingen und in ber Wildnis als Jäger seinen Mann zu stehen; baiteben ver­steht er sich auf bic Haltung eines Philosophen unb ge­fällt sich in ber Rolle eines pathetischen Moralisten. Wenn inan ihn aber fragte, was er politisch wolle, so liefe er

Nr. 265 . Erstes Blatt 162. Jahrgang Samstag, 9. November 1912

Der siebener MqtffCt /mW -o.it v monatlich?» viertel»

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General-Anzeiger für Gberheffen MM

Znnahme von Anjtigen Rotafionsönid und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch und Steinörudcrd R. Lange. Redaktion, Expedition und Druderet: zchulftratze 7. L.ckw- E.veg. 'ur den hl DormIllaq's"""llhr vüdingen: Fernsprecher Nr. 269 Geschäftsstelle Bahnhofftrofee löa. Anzeigenteil b Beck

vom Kampf Hebbels gegen Laube.

' Niemand ist wohl von Hcbbel so gehaßt worden wie Heinrich Laube: der Thealerdirektor, der zugleich des Dichters Stücke ab­lehnte und der Vorgesetzte seiner Frau war, hat ihm das Leben auf das Bitterste vergällt. Einen tragischen Kampf führte, der große Poet nm daS Schicksal seiner Werke an der ersten deutichen Bühne, an der Bühne seiner zweiten Heimat, am Burgtheater, und so maßlos und heftig er auch oft in diesem Ringen er­scheint, so diirchleuchtet es doch die eingeborene Grütze und Leiden­schaft seines Charakters. Eine vollständige Einsicht m diese trau­rigste Episode aus Hebbels Reisezeit ist erst jetzt möglich, .da Äetrich Kralik und Fritz Lemmermayer m ihren bei schuster int) Loesfler herausgegebenenNeuen Hebbel-Dvkumenteu" Heb­bels Briefe und Laubes Antworten in ihrer Gesamtheit zum erstenmal zugänglich machen. .

Die beiden Männer, deren ganze Anlage io grundverichreden war, sind sich von Anfang an gegenseitig antipathisch geweicn: Laube, der nüchterne, resolute Theatermann, hat das in 1 einen Erinnerungen freimütig ausgesprockum, obwohl er sich muhte, dennoch die Größe des Nibelungendichters nicht zu verkennen. In Hebbels heiligem Ernst fand er etwas Gemachtes, in icineni Dichten keine klare, leicht verständliche Anschauung: die tief­sinnige Prob! em st eil ung der Dramen schien ihm kraß undgarstig". Hebbel aber, der die Schwächen des Dichters Laube ichars und richtig beurteilte, hat seine Tüchtigkeit unbefangen anerkannt, bis er mit ihm in Wien in nähere Berührung kam und sich nun von ihm gehemmt, ja vergewaltigt- fühlte. Hebbel war ein guter Hasser, und so wird denn der Direkwr seiner Frau, der mächtige Leiter des Burgtheaters, von ihm im Tagebuch geradezu zu tem bösen Dämon seines Lebens gestempelt: in den Jahres- Uebersichteii hält er mit ihm furchtbare Abrechnung, ^cr L>atz steigert sich von bissigen Epigrammen bis zu Ausruien, wie: Gibts denn noch frröten, spinnen in der Welt, Ich dächte doch, der Stoff wär' aufgebraucht. Seit dieser Mensch geboren ward!"

Der Dichter ist gegen den Thealerdirektor sicherlich ungerecht ge­wesen. Laube war von vielen Aeußerlichketten abhängig: die freie Strömung von 1848, die Hebbels Werken einen uner- Htarteten Eingang in die Pforten der Burg _ venchastt ^tte, war einer starren Reaktion gewickum: die Ltucke des Richters widersprachen dem Geschmack des Oberstkämmerers, der die mgent- l.che Entscheidung über die Annahme der -tränten hatte._

Noch mehr als die Ablehnung seiner Werke erzürnte .oebbel die schlechte Behandlung seiner Frau, bie der bespott,che Laube

öfters in kleinen Rollen beschäftigte. Als der Direktor Christine, die für erste Heldinnen engagiert war, wieder einmal eine gering­fügige Aufgabe zudiktiert hatte, schreibt ihm Hebbel im Herbst 1850 einen entrüsteten Brief, der in die Worte ausklingt:Es steht vielleicht in Ihrer Macht, meine Frau dadurch, daß Sie sie nicht beschäftigen, moralisch zu töten: steht aber nicht in Ihrer Macht, sie willkürlich zu degradieren, so lange sie sichrer Jugend, der Kraft und der Gunst des Publikums zu erfreuen hat." Laube hatte unterdessen HebbelsGenoveva" zur Ausführung vorbe­reitet, aber schließlich war das Werk doch abgelehnt worden. Hebbel dachte damals dran, sich direkt mit einem Gesuch an den Kaiser zu wenden, dessen Entwurf wir nunmehr kennen lernen. Aber er gab diesen Plan dann auf, weil er hoffte, mit Michelangelo" undAgnes Dernauer" mehr Glück zu haben. DaS Schicksal der modernen Antigone," mit solchen Worten bietet er Laube dieAgnes Bemauer" an,ist vom Dichter so gefaßt, daß der Staat, der sie opfert, unbedingt Recht erhält, und daß "dieses Recht nach allen Seiten mit einer Konsequenz, die nichts zu wünschen übrig läßt, veranschaulicht wird . . . Was aber den ästhetischen Gehalt betrifft, so wage ich nichts bei dem Ausspruch, daß er den aller meiner übrigen Arbeiten aufwiegt, und fälle diesen Ausspruch nicht allein. Ist es Ihnen nun, wie ich gern glaube, darum zu tun, zwischen der realen Bühne und einem Mittepräsentanten der dramatischen Literatur, den Freund und Feind nicht zu den letzten rechnen, eine Vermittlung zustande zu bringen, so steht Ihnen die Agnes Bernauer zu Diensten. Nur mutz ick diesem Fall, da die Saison zu Ende geht, und ich diesen Winter nicht wieder verlieren will, wie den vorigen, um rascheste Erledigung bitten." Doch Laude findet viele Stellen anstößig und unbramatifdi, fürchtet sich vor den großen Ausstattungen bei dem Ritterstück: so und ähnlich lauten seine Antworten bei Ghges und sein Ring", bei den Nibelungen: sie versprechen keinen Theatererfolg! Schließlich bringt er die Genoveva, die nach Naupackis Vorbild inMagellona" umgeiauft wird, doch zur Ausführung, aber immer wieder mahnt er zur Aenderungreli­giöser oder zu grell sinnlicher" Stellen:Streichen! Streichen! Es sind noch viel zu viel theatergefährliche lange Reden."

Den stärksten Angriff hat Hebbel gegen Laube in feinem von ihm im Tagebuch bereits erwähntenMemorial" erhoben: es ist ein Schreiben von sieben Folioseiten, in dem der Dichter für seine Frau zu den schwersten Waffen greift und Laube sogar mit einer öffentlichen Bloßstellung bedrohr. Tie Antwort des Direktors war kurz und ablehnend; Hebbel nennt fiejung- deutsch-Patzigs. Aber so schroff und unversöhnt sollte das Ver­

hältnis der Beiden doch nicht ausklingen, Laube hat später die Nibelungen aufgeführt und Hebbel erkannte feinen guten Willen an. Die beiden Gegner wurden milder miteinander, und als sie sich zum letzten Mal begegneten, Hebbel schon vom Tode gezeichnet, da sahen sie sich ohne Groll in die Augen . . .

Roald Amundsen traf am Freitag in Strafeburg ein, um einen Vortrag über die Erreichung des Südpols zu halten. Arn Nachmittag besuchte der Forscher den Professor Her gesell, um mit demselben über die Erforschung der At­mosphäre durch Ballon- und Trachen-Ausstiege während der im nächsten Jahr beginnenden Südpolarexpeoitiou zu beraten. Es wurde ein gleidyeilig.» Zusammenarbeiten mit der internationalen Kommission für wissenschaftliche Luftschisiahrt in die Wege ge­leitet. Zu diesem Zwecke wurde für die'nächsten Jahre eine Reihe von internationalen Aufstiegstagen zuvor festgelegt, nach welchen Amundsen während seiner Trist burd> das Polarbecken mit allen Hilfsmitteln der Aerologie arbeiten wird. Zugleich ist ein Zusammenarbeiten mit der auf Spitzbergen befindlichen deut­schen wissenschaftlichen Station verabredet worden. An dem nach­her zu Ehren des Forschers bei Professor Her gesell statt- findenden Essen nahm auch Prinz Joachim, der jüngste Sohn des Kaisers, teil.

Reinhardts VenetianischeNacht genehmigt. Aus London wird gemeldet: Lord Chamberlain erlaubte Pro­fessor Reinhardt die Aufführung des StückesEine vene- t i a n i s ck; e N a ch t" nach Vornahme der geforderten Aenderungen. Das Stück wird am nädjften Montag im! Palasttheater auf geführt.

ff. Eine Naphtalinlokomotive soll demnächst auf der sibirischen Bahn verwendet werden. Es handelt sich um eine Maschine von 70 Pferdekräften, die die französischen Werk­stätten Creuzot gebaut haben. Wahrscheinlich ist dies der erste Versuch, mit einem Abfallstosfe wie Naphtalin eine Motor-Eisen- bahli zu betreiben. Auf anderen Gebieten, z. B. bei Automobilen, hat man mit diesem Stoffe schon Versuche gernacht.

Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissen­schaft. Tas Deutsche Opernhaus zu Charlottenburg ist gestern abend vor einem geladenen Publikum mit einer Aufführung des Fidelio" von Beethoven eröffnet worden. In Basel ist der ordentliche Professor für alttestamentliche Exegese und allgemeine Religionsgeschichte in der theologischen Fakultät der bortiqen Uni­versität Dr. theol. et phil. Konrad v. Orelli ün Aller von 68 Jahren gestorben