Zweites Blatt
162. Jahrgang
Nr. 258
Gießener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
General-Anzeiger für Oberhejsen
Lie „chiehener Zomilienblätter" werden dem -,91njeiflcr' Biennal wöchentlich beigelegt, das ..Kreisblatt für den Kreis Liehen" zweimal wöchentlich. Tie „Landwirtschaftlichen Zeit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Zreitag, s. November 1912
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnioersitätS - Buch- und Eteindrurkerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Erpedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: 51.
Redaktion: 112. Tel.-Adru AnzelgerGießen.
politische Tagesschau.
Ter Wahlkampf um den ersten Berliner Reichstagßwahlkreis zeitigt eigenartige Blüten.
Anstalt daß sich das gesamte Bürgertum aus die allein mögliche Kandidatur Kaempf vereinigt, führen die Parteien der Rechten nntcr allerlei Ausreden, mit denen sie sich und andere über das Unhaltbare ihres Vorgehens Hinwegtäuschen wollen, eine Zer splilterung herbei, für die die Sozialdemokratie dankend quittieren kann. Richt nur die Antisemiten mußten — trotz ihres kläglichen Erfolges bei den letzten Wahlen ihren eigenen Man didaten haben, für den auch die Handvoll Konservativer des Wahl kreises cintritl, nein, auch Herr Erzberger „bereist" den Wahl kreis und empfiehlt seine geschätzte Person. Damit aber der Gipfel erreicht wird, wollen auch die F r e i k o n s e r v a t i v e n ihren eigenen Weg gehen. Tic um Zedlitz scheinen verschnupft.darüber zu sein, daß man nicht ihnen, die sie doch eben die „große" frei konservative Reichspartei aus der Taufe gehoben haben, die Stcl lung des rechtsstehenden .Kandidaten zugebilliat hat. und h-*«6'116 haben sic beschlossen, öffentlich zu erklären, daß sic der antisemitischen Kandidatur „f e r n tt c h c n". Danach muß man aimeijmen, daß Herr Ulrich, der Erkorene der Antisemiten, auf die Stimmen der Freikonservativen wird verzichten müssen. Ta nun aber nach der „Post" die Stiinnrabgabe für einen Fortschrittler für ihre Parteigenossen „u n b c d i n g t a u s g e s ch l o s s e n" ist, da weiterhin die oben erwähnte Erklärung „nicht dahin zu verstehen ist, daß die Freikonscrvativcn ihrer Wahlpflicht nicht genügen sollen", so geben wir der „Post" darin recht, daß ihre Freunde in einer „schwierigen" Lage find, in der ihnen schließlich nur die Wahl des Sozialdemokraten übrig bleiben wird. Tas wäre insofern gleichgültig, als die gesamten rechtsstehenden Parteien ja doch mit aller Energie daran arbeiten, den Wahlkreis der Sozialdemokratie in die Hände zu spielen. Schon wird in einem Flugblatt gesagt:
„Bei der letzten Reichstagswahl haben noch viele konservativ gerichtete Wähler dem Vertreter der Fortschrittlichen Volkspartci, Herrn Kaemps, die Stimme gegeben, weil sic verhindern wollten, daß auch der letzte Wahlkreis in Berlin von einem Sozialdemo- fraten vertreten werde. Rach der Entwicklung der Parteiverhältnisse muß bei der jetzigen Wahl dieser Gedankengang völlig auSscheiden."
Kann man deutlicher aussprechen, daß man mit der Aufstellung der Sonderkandidaturen lediglich eine Komödie spielt und von vornherein darauf ausgeht, den Wahlkreis der Sozialdemokratie zu überantworten? Soviel steht fest: gelingt es, den Wahlkreis, in dem das Kaiser schloß steht, dem Bürgertum zu erhalten, bann dürfen sich die konservativ gerichteten Kreise auch nicht ein Jota des Verdienstes daran zurechnen: hingegen wenn die Sozial demokratie jetzt auch den letzten Wahlkreis der Reichshauptstadt erobert dann kann man ohne Uebertreivung sagen, daß die Parteien der Rechten alles, was in ihrer Macht stand, getan haben, um dieses Ergebnis herbeizusühren. Fürwahr eine Rolle, die den „Triariern Seiner Majestät" gar trefflich zu Gesicht steht.
Kirche und Schule.
Schulkinder auf Treibjagden.
Wir lesen in der Korrespondenz des Deutschen Lehrcr- vercintz :
Wenn es auch bisher noch in keinem deutschen Staate möglich war, die den Schulunterricht schädigende landwirtschaftliche Kinderarbeit in demselben Maße einzuschränken wie die gewerbliche, so hat man doch an manchen Stellen wenigstens die allergröbsten Unzuträglichkeiten beseitigt. Zu ihnen gehört die Beurlaubung von Schulkindern zu Treibjagden. Sie ist auch in Preußen wohl durchweg verboten. In Anhalt hat aber jetzt die Herzogliche Staats- regierung, Abteilung für das Schulwesen, in einer Verfügung die Nektoren und Ortsschuliuspektoren ermächtigt, Knaben von 12 und mehr Jahren, ausnahmsweise sogar jüngere bis herab zu 10 Jahren, einmal im Jahre für den ganzen Tag zur Teilnahme als Treiber an den Treibjagden zu beur- landen. „A n d e n I a g d t a g e n fällt der Unterricht für die an der Treibjagd teilnehmenden Schüler an d e in ganzen, beziehungsweise bei den Nach- mittagsjagden am Nachmittag aus. Dasselbe gilt auch für die Klassen, denen ordnungsmäßig und bei regelmäßiger Versetzung die Knaben von 12 bis 14 Jahren angeh ireu, wenn die Geschlechter getrennt unterrichtet werden und * . x)al>l der an der Jagd teilnehmenden Knaben mindestens die Halste beträgt. Eine Nachholung des Unterrichts findet nicht statt."
Zwar wird in der Verfügung auch noch bemerkt, daß dort, wo offenbare Mißstände sich Herausstellen, die Beurlaubung zu versagen ist, aber, so bemerkt die genannte Korrespondenz, den Schulleiter oder Schulinspektor möchten wir sehen, der es angesichts dieser, offenbar dem größeren Grundbesitz zu Liebe erlassenen Verfügung wagt, den Urlaub zu verweigern. Wenn man daran denkt, welchen körperlichen und sittlichen Gefahren ein Kind auf diesen Treibjagden ausgesetzt ist, dann erscheint die Verfügung wie ein Hohn auf alle sozialen und humanitären Bestrebungen unserer Zeit, auf Jugendschutz und Jugendpflege, auf das .Jahrhundert des Kindes", und man könnte, ohne besonders boshaft zu sein, bei der Herzoglichen Staatsregierung von Anhalt die Absicht vermuten, daß sic auf diese Dinge eine Parodie habe machen wollen.
Sitzung der Stadtverordneten.
Gießen, 31. Okt.
Anwesend: Oberbürgermeister Mecum: die Beigeordneten Keller, Emmclius, Grünewald: die Stadtverordneten Tr. Ebel, Eichenauer, Faber-, Friedberger, Habenicht, Tr. Habcrkorn, Heichelheim, Helfrich, Helm, Huhn, Jann, Krumm, Leib, Löber, Loos, Petri, Plank, Schafsstädt, Simon, Tr. Sommer, Troß, ttrstadt, Vetters, Wallenfels, Tr. Wimmcnauer, Winn.
Als Urkundspersonen werden die Stadtv. Habenicht und Dr. W i m m e n a n c r bestimntt.
Mitteilungen.
Der Verein für L u f t s ch i f f a h r t hat dek Versammlung für die Bewilligung zum Garantiefonds gedankt. Der Vorsitzende gibt seiner Freude Ausdruck, daß der Flugtag so schön verlausen sei.
Vom hessischen Gauverband gegen den Alkoholis- Atus liegt eine Einladung zu seiner demnächst stattfindcnden Tagung vor.
Baugesuche.
Ein Baugesuch Des PH. Nicolaus sieht für die Süd-Anlage kn Anbau eines Dachgeschosses in Fachwerk mit Schieferbcklei- )ung vor. Der Dispens wird befürwortet.
Auch der von Joh. Gg. Pfaff für die Straße „Am Steg" Aachgesuchte Dispens wegen Anbringung von Fachwerk im Giebel- seschoß wird genehmigt: ebenso wird der einstöckige Bau des Dauses gutgeheißen.
Die Gewerkschaft Gießener B r a u n st c i n w c r k c beabsichtigt, außerhalb des Bebauungsplanes ein Logicrbaus für Arbeiter zu erbauen. Der erforderliche Dispens wird befürwortet, ebenso die Errickftung einer Feuerstätte in dem einstöckigen» mit Wänden von einem Backstein Stärke versehenen Gebäude.
I. Well Höfer erhält die Erlaubnis, an seinem Grund stück in der Marburger Straße die Einfriedigung in Holz her zustellen.
W. R i t s ch k o w s k u will an seinem Hause Ludwigs! r I vier Schaukästen von 1,05 Zentimeter Hölze, 75 Zentimeter Breite und 8 Zentimeter Tiefe anbringen. Wie schon früher, versagt die Bcrsammlnng die Genehmigung mit der Begründung, das der Gcsnchstcller in der Lage sei, an dem Eingangstor größere Schaukästen anzubringen.
Das Blumenhaus Dietz erhält auf Widerruf die Er laubnis, an seinem Laden nach der Straße zu 9 Zentimeter tiefe Blumengittcr anzubringcn. Er hat jährlich 3 Mark An erkennungsgebühr zu bezahlen.
Die hiesigen Mitglieder des hessischen Kunstvereins wollen bis aut einzelne Ausnahmen aus diesem Verein austreten, um einen
Oberhesfischen Klmstverein
zu gründen. Die Gründe hierzu sind darin zu suchen, daß die von Darmstadt hierher gesandten Bilder teilweise so wenig den hier gestellten Ansprüchen genügen, daß sic vielfach gar nicht zur Ausstellung gebracht wurden. Außerdem wurde ein von Gießen geäußerter Wunsch, die von hier herrührenden lieber schösse auch für Gießen zu verwenden, abgclchnt. Die Gründung des selbständigen Kunstvcreins wird in den nächsten Tagen erfolgen. Die Versammlung erklärt sich damit einverstanden, das; die Stadt Gicßcn aus dem Darmstädter Verein auetriit und mit dem seither dorthin bezahlten Jahresbeitrag von 100 Mark sich dem neuen Verein anschließt. Auch der Ausstellungssaal im Turm Haus wird diesem Verein zur Verfügung gestellt.
Der dringend wünschenswerte
Ausbau der Ederstraße
und einiger benachbarten Straßen stößt dadurch auf Schwierigkeiten, daß einige Grundbesitzer außerordentlich hohe Preise für ihre in das Straßenland fallenden Gcländestücke verlangen. Mit den meisten kam eine Einigung zustande. Es wird beantragt, bei den übrigen das Entcignungsverfahren einzuleiten.
Stadtv. L ö b c r ist der Ansicht, daß man in den Fällen, in denen es sich nur um einige Quadratmeter handelt, eine gütlichc Einigung der Enteignung vorzuzichen sei, wahrend Stadtv. Winn sich iür Enteignung auch in diesen Fällen ausspricht.
Tic Versammlung spricht sich für die Einleitung des Ent eignungsvcrsahrens in allen Fällen aus.
Die Neugestaltung des Feuerlöschwesens
wurde von der Baudcputation in sehr vielen Sitzungen eingehend beraten und schließlich der Vorschlag des Branddirekrors einstimmig angenommen. Nach diesen Vorschlägen sind an einmaligen Ausgaben 80 000 Mk. und an jährlichen Mehrkosten für das Feuerlöschwesen 7000 Mk. erforderlich. Vorgesehen ist die Einrichtung einer ständigen Brandwache, für die ein geeigneter Unterkunftsraum nebst Gerätehaus an Oswaldgarten vorgesehen nfirb im- Anschluß an die Einrichtungen zur Aufbewahrung der Fuhr werke für die Straßcnrcinigung. Dos Gerätehaus am Brand platz ist zu klein und bietet namentlich auch keinen Platz für die Unterbringung der ständigen Feuerwache. Man Ij-abe früher einen Umbau des städtischen Hauses an Oswaldsgartcn für Feuerwehr- zwecke geplant und wollte für die Straßenreinigung neu bauen, während man jetzt für die Feuerwache neu bauen wolle. Erforderlich sei ein kleines Wohngebäude, Nebengebäude (Arbeitsräume) und ein Steigerturm. Letzterer soll aus Fachwerk errichtet werden. Für die ständige Feuerwache solle ein Uni Dcrfalgcrät angeschasst werden, das alle Llpparate und Werkzeuge für den ersten Angriff mit sich führen könne, besonders eine Motorspritze. Tie Vetricbsbcrcitschast und Sicherheit der artiger Automobilfahrzeuge habe sich sehr bewährt, doch sei auch die Reservestellung von zwei Pferden vorzuschen, die am Oswalds- garten leicht untergestellt werden könnten. Das jetzige Feu.*r- alarmstistem sei veraltet, man plane deshalb die Einführung des elektrischen A l a r m s p st e m s und zur Alarmierung in der Stadt drei elektrisch betriebene Sirenen Tür den Nord- > Feuer wache), Süd- (alte Klinik) und Ostbezirk Realgymnasium,. Tie ständige Feuerwache an Oswaldsgartcn solle aus einem Ohrnann, 8 Wehrleuten und einem weiteren Mann zur Bedienung der Alarmapparate bestehen. Ter Obmann soll Schlosser sein, ferner soll je ein Schmied, Zimmermann, Schneider, Schuhmacher usw. vorhanden sein. Der Schlosser und der Schmied sollen zur Führung des Automobils angelernt werden. Die ständige Wache soll jeden Tag eine Zeitlang Feucrwchrübung halten und im übrigen mit Reparäturarbciten, ;. T iür das Tiefbauamt, beschäftigt werden. Außerdem sollen i Leute zur Aushilfe, namentlich für die Nachtzeit, ang .unten werden. Es sollen also die Leute zwei Räch:. auf der Wache
Dienst tun und die dritte Nacht zu Hause schlafen. Es sind genügende Schlafräume und für jeden Manu ein Bett vor gesehen. Ter Sonntagsdienst soll wie der Nachtdienst wechseln. Der Obmann soll die seitherige Straßenmeisterwohnung erhalten. In den Einrichtungen der freiwilligen Feuerwehr soll keine Acndc- rung eintreten. Doch sollen einige Geräte, ein Mannschaftswagen und anstelle der öorbunbenen großen Leiter eine leich:ere Schieb- lciter angeschafft werden^ Mit einem in der Nähe wohnenden Fuhr- mann wäre über den Transport dieser Geräte ein Vertrag ab- zuschlicßcn. Wenn diese Neueinrichtungen getroffen werden, brauchte man die Pflichtteuerwehr nicht mehr ;u Hebungen und Bränden hcranzuziehcn. Die einmaligen Ausgaben für diese Neueinrichtungen würden betragen für das Wachtgebäudc nebst Neben- bauten 25 000 Mk., für die Einrichtung 4000 Mk., für die elektrische Fcucralarmcinrichtung 26 000 Mk. und für das cm- znschassende Gerät 25 000 Mk., zusammen 80000 Mk.; die jährlichen Mehrausgaben würden, da -, der neu entstehenden Personalausgaben auf die Straßenreinigung und - Unterfcaltung genommen merben sollen, nach Abzug der Kosten der jetzigen Feuerwache 7000 Mk. betragen.
Der Vorsitzende führt zur weiteren Begründung aus, die jetzige Einrichtung genüge nicht mehr. Tie Feuerwehrleute müßten jetzt ihre Geräte selbst ziehen und kämen ohne Lust und mit viel Zeitversäumnis an die Brandstelle. Der früher in Aussicht genommene städtische Fuhrpark sei hauptsächlich mit Rücksicht auf Feuerlöschzwecke vorgeschlagen worden. Man führe jetzt überall Autospritzen ein, die in 6—7 Minuten das Erreichen der Brandstelle ermöglichten.
Stadtv. Schafsstädt vermißt eine ausreichende Begründung der Vorlage. Es sei nicht notwendig, in Gießen so große Ausgaben für Feuerlöschzwecke zu machen. In den letzten fünfzig Jahren habe man hier keinen großen Brand gehabt und die Feuerwehr habe stets ihre Pflicht getan und habe sich ihrer Aufgabe gewachsen gezeigt. Wenn auch manche der Vorschläge gut seien, z. B. die Umgestaltung des Meldcwesens, so könne er doch nicht ohne weiteres für die ganze Vorlage eintreten. Man solle die gesamten Vorschläge den Stadtverordneten zugehen lassen, damit sie sachlich prüfen könnten.
Der Vorsitzende meint, die Umgestaltung des Feuermelde- wesens habe wenig Wert, wenn man nicht auch die standtge/Feuerwache schaffe.
Stadtv. L ö b e r ist der Ansicht, daß die Entwickelung Gierens und seiner Erwerbsverhältnisse solch? Auswenduiigen nicht recht fertige. Es brenne hier sehr selten und die Feuenvehr habe stets ihre Pflicht getan. Wenn man bedenke, daß Darmstadt mit seinen 90 000 Einwohnern je ick erst eine Autospritze anftbaffc, müsse man doch sagen, daß • feen mindestens noch 10 bis 20 Jahre Zeit habe. Tic jetzigen Feuer löset Verhältnisse seien so ausreichend, daß sic uns vor jeder Sorge schützen.
Stadtv. W a 11 e n s e I s ist derselben Ansicht: ^hie vorgc' schlagcnc Einrichtung sei sehr schön, aber kostspielig Die Finanzlage der Stadt sei so, daß man die Sache zunächst zurückstellen solle: er wisse, daß das nickt für einige Zeit sein werde, aber auch tüchtige Feuerwehrleute hielten die Vorschläge z. Zt. nicht iür nötig. Man solle die Sache wenigstens zurückstellen, bis man die finanziellen Wirkungen der großen Dorlicgenben Pro teste, namentlich auch die Erhöhung der Beamten- und Lehrer- gcljiältcr, besser kenne.
Beig. Grünewald hat heute zum erstenmal von der Vorlage gehört und hält cs für unmöglich, sie auf die heutigen Informationen hin zu bewilligen. Es handle sich mit der Verzinsung und Amortisation der einmaligen Ausgaben um eine jährliche Mehrausgabe von 10 200 Mark, die solle man nicht bewilligen, ohne den Finanzausschuß zu fragen. Einleuchtend sei ihm die Anschaffung der Autospritze und die Umgestaltung des Meldewesens. Dagegen halte er die ständige Wache für unnötig, da cs hier zu selten brenne, um diese Einrichtunfg nutzbar zu machen.
Stadtv. Petri hält die Vorlage für sehr weitsichtig, sic rechne mit einer künftigen großen Ausdehnung der Stadt. Das vorgefübrtc Gerät sei viel zu groß für hier und vieles andere habe noch Zeit.
Stadtv. Urstadt ist im allgemeinen mit der Vorlage einverstanden, aber die Einzelheiten seien noch zu prüfen. Wie man in anderen Dingen das Klcinstadtstadium überwunden habe müsse man es auch auf diesem Gebiet. Die finaniziielle Tragweite sei noch nicht zu überschauen, namentlirb fehle die Gewißheit daß die dancrndeu Ausgaben nicht rasch steigen würden. Die Stadtverordneten müßten das Material zur Prüfung haben, was übrigens auch in anderen Dingen angenehm wäre.
Stadtv. Winn ist der Ansicht, daß die Vorlage in äußerster Weise beschränkt sei. Man solle sie entweder so annehmen oder ablehncn. Er sei damit einverstanden, daß man die Angelegenheit ’itr gemeinsamen Beratung an die Bau- und Finanzdeputation zurückverwcise.
3»abtr>. Plank bemerkt, wenn man sich in die Sache vertiefe, finde man, daß sich eins aus dem anderen ergebe. Zurzeit dauere der Feueralarm und das Eintreffen der Feuerwehr an der Brandstelle zu lange und die Leute kämen verhetzt und ermüdet an. Vor allen Dingen müsse ein schnellfahrender Gerätewagen da sein.
Stadtv. Eichenauer hält die Begründung der Vorlage für eingehend und gut. Darmstadt sei für die hiesigen Verhältnisse kein zutreffendes Beispiel, da Gießen mit seinen 32 000 Einwohnern eine Ausdehnung habe wie . eine Großstadt. Es seien hier große Werte zu schützen, die großen Institute, das Theater, die Museen usw. Das heutige Meldewesen könne nicht so bleiben, es müsse durch ein modernes ersetzt werden. Selten habe die Versammlung eine Vorlage zu bewilligen gehabt, die Leben und Gesundheit der gesamten Bürger in höherem Maß betreffe. Die dafür vorgesehenen Aufwendungen seien vollauf berechtigt. Wenn man bedenke, wie unter Umständen durch einen verhüteten Fabrikbrand Hunderten von Arbeitern Arbeit und Verdienst gesichert werde, werde man zur Annahme gelangen müssen. Nicht versäumen wolle er, dem Stadtbaumcister Braubach für seine tüchtige Arbeit Anerkennung zu zollen.
Stadtv. Heichelheim tritt für Vertagung ein. Man solle jedem Stadtverordneten die Braubachschc Denkschrift zur Prüfung geben. Ter Redner sprach sich für die Acnderung des Meldewesens und die Anschaffung der Autospritze aus. _ Stadtv. Simon schließt sich dem Vorschlag an, daß jedem Stadtverordneten die Voj^agc zugestellt werde. Unsere FeuerwehT sei gut. aber das schließe Verbesserungen nicht aus. Dadurch werde die Landesbrandkassc entlastet, an die man deshalb wegen eines Beitrages herantreten solle.
Wie der Vorsitzende mittcilt, bezahlt die Landesbrand- lasse jetzt 16 500 Mark an die Stabt, das reiche hin, um alle Kosten samt Verzinsung und Amortisation zu bezahlen.
Stadtv. Vetters meint, der Umstand, daß man hier noch keine großen Brände gehabt habe, sei fein Grund, die Vorlage abzulchnen. Noch wichtiger, als der Schutz der vorhandenen bedeutenden Werte sei der Schutz der Menschen. Wenn man alles dafür tue, brauche man sich eintretendenfalls keine Vorwürfe zu machen. Doch solle man die Sache nicht ohne weiteres bewilligen, da manches wohl billiger zu machen wäre. Für den Vorschlag den Stadtverordneten das Material zur Prüfung zu geben, sei auch er.
Stadtv. Troß ist vor allem für die Verbesserung der Alarm- Einrichtungen. Soviel er wisse, habe man in Offenbach eine Anzahl Feuerwehrleute durch eine elektrische Ringleitung angeschloffen, man solle sich über den dort erzielten Erfolg erkundigen. Tic vorgeführte Autospritze eigne sich nur für ganz große Brände: für hier habe man ein so großes Gerät nickt nötig. Vor allen Dingen müßten Mannschaften und Geräte rasch befördert werden können. Er sei für Vertagung und Zurückverweisung.
Stadtv. Tr. Haberkorn halt die Verbesserung unsere: Feuerlöscheinrichtungen für notwendig. Tie Begründung der Vorlage sei ausgezeichnet. Das wichtigste fei die schnelle Bereitschaft. Tie großen hier zu schützenden Werte lägen meist an der Peripherie der Stadt, wenn dort ein Brand ausbreche, seien die jetzigen Gn- riebtungen unzureichend. Hier sparen zu wollen halte er nicht für praktisch.
Stadtv. Tr. Sommer ist für die Zentralisation unserer Lösckeinrichtungcn und hält die dafür vorgesehene Stelle für richtig ausgewählt. Er sei aber noch nickt davon überzeugt, daß man gleich ein so großes Haus nötig habe. Man solle jetzt den Steigturm und das Werkstattgebäude errichten und den Platz für das Wohnhaus für später reservieren. Zunächst genüge die ständige Einstellung von zwei Leuten für die Reparaturen und die Bedienung der Mcldeapparate.
Stadtv. Friedberger ist grundsätzlich für die Vorlage, vorbehaltlich einer eingehenderen Prüfung an Hand der Denkschrift.
Stadtv. Krumm ist für eine Verbesserung der bestehenden Einrichtungen, hält es aber für unnötig, jetzt schon acht Leute ständig hinzusetzen. Es habe schon an gefährlichen Stellen gebrannt, aber die Feuerwehr sei stets ihrer Ausgabe gewachsen gewesen. Er halte den Vorschlag des Stadtv. Tr. Sommer für richtig und auch der Anregung des Beig. Grünewald, das Meldewesen mit der Polizei zu verbinden, stimme er zu. Die Finanzfrage schrecke ihn in der Sache nicht, aber man brauche der Entwickelung nicht vorauszueilen Mehr als in den Städten sei auf dem Lande eine Verbesserung der Feuerlöscheinrichtungen nötig, etwa durch Einrichtung besonderer Zweckoerbände: dadurch werde irie Landesbrandkasse sparen.
Stadtv. Huhn führt aus, die Baudeputation habe nicht mit leicktcm Herzen die Vorlage angenommen, aber die Verbesserung des Feuerlöschwesens sei unbedingt notwendig. Die Vorlage sei eine vollkommene Sache, deren Durchführung er für uot- menbig halte^


