Ausgabe 
1.4.1912 Zweites Blatt
 
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Nr. 78

Zweites Blatt

162. Jahrgang

Erscheint tii-Uch mit Ausnahme de« LormkagL.

DieGießener Kamiliendlättrlf werden dem .Anzeiger^ »iermal wöchentlich beigelegt, da- .Jkdsbletl fflr den Kreis Gießen" ireetmol wöchentlich. DieLanvwirtjchaftltchev Lett« fragen" erscheinen nwnatlid) iroetmaL

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

Montag, April 1912

AstaNonSdruct und 8ex1ag Oer Vrü hl'scheu Unwerüläta Buch- und dtetnbmdetcL 9L Lange, Gießen.

Ubeftten, Expedition und Druckerei-. 6d)ut*

Kraße 7. (Erwebitton und Verlag. 5L Rebafttott-e^lia. Tel.-Adr^AnjetgerDlehen.

Teuerung und Beamtenbcfolfrung.

Zur Regierungsvorlage über das Tiensteinkommen der hessischen Staatsbeamteir gibt dieTarmst. Ztg." rnxf) einige ziffernmäßige Erläuterungen und Ergänzungen:

Tie Ausbesserung der Tienstbezüge ist in der Regierungs­vorlage eingehend begründet durch die Verteuerung der Lebens­haltung seit 1898, dem Jahr, in dem die Besoldungen letzttnalig neu geregelt wurden. Tie Preise für die gewöhnlichen Lebensmittel, insbesondere für Ochsen-, Rind-, Kalb-, Ham­mel- und Schweinefleisch, Brot, Butter, Milch, Eier und Kar­toffeln, sind nach den Veröffentlichungen der Zentralstelle für die Landes-Statistik im Turchschnitt der 18 Kreisstädte man kann also sagen im Durchschnitt des ganzen Landes von 1898 bis 1910 im Mittel um 21,3 Prozent, von 1898 bis 1911 um 25,8 Prozent gestiegen. Tic Preissteigerung geht im einzelnen bis 36,4 Prozent, sie beträgt z. B. für die verschiedenen Fleisch-- arten rund 2336 Prozent, für Butter, Milch und Eier rund 2426 Prozent. Eine ähnliche Verteuerung zeigt sich in den Preisen für Verbrauchs- und Gebräu chsgcgcnstände. So sind von 1898 bis 1910 die Steinkohlen um 24,9 Pro­zent, neuerdings sogar weiter im Preise gestiegen. Aehnliches liefet sich für alle anderen Kosten der Lebenshaltung Nachweisen, z. B. für alle industriellen Produkte, für Kleidung, für Honorar des Arztes, für Kosten der Handwerker, Löhne des Arbcits- und Tienstpcrsonals usw. Ebenso empfindlich) wirkt die allgemeine Erhöhung der Mietpreise um etwa 2030 Prozent seit 1898. Insgesamt ntufe mit einer Verteuerung der Lebenshaltung um 2530 Prozent seit 1898 ge­rechnet werden, während das Wohnungsgeld im Jahre 1907 nur eine Verbesserung des Ticnstcinkommens um rund 7 Prozent gebracht hat. Erst die weitere Erhöhung des Tiensteinkommens um 1823 Prozent würde demnach das gleiche Verhältnis zwischen ihm und den Kosten der Lebenshaltung wieder Herstellen, wie es 1898 durch die Besoldungsordnung geschaffen wurde Wenn die Regierungsvorlage vorschlägt, dieses Mißverhältnis wenigstens einigermaßen auszugleichcn, so durste sie gleichzeitig darauf Hin­weisen, daß in ben freien Berufen, insbesondere auf dem ArbeitSmarkt, das Entgelt für Arbeits- und Tienstleistungen sich den erhöhten Kosten der Lebenshaltung angepaßt hat. Tie orts­üblichen Tagclöhne der Arbeiter sind z. B. seit 1898 um 4042 Prozent gestiegen, die Löhne in den staatlichen Betrieben um 3050 Prozent, so zum Beispiel im forstlichen Kulturbttri^eb um 38 Prozent, in der Holzhaucrei um 37 Prozent (Stammholz, und 2628 Prozent (Brennholz), im staatlichen Braunkohlew bcrgwerk Ludwigshosfnung um durchschnittlich 3255 Prozent (Tagelöhner), 38 Prozent ^Handwerker) und 47 Prozent (Akkord- arbciter), in Bad-Naulwim um 4050 Prozent.

Tic Regierungsvorlage führt weiter aus, daß wegen der verteuerten Lebenshaltung 'm Reich und in den übrigen deutschen Bundesstaaten, auch den kleineren und klein­sten, sowie in den größeren Stadtverwaltttngen, die Tienstbezüge der Beamten, die vielfach schon vorher die hessischen Sätze weit überstiegen, in den letzten 45 Jahren erheblich aufgcbessert worden sind. So 1909 im Reich und in Preußen, 1908 in Bayern, Baden und Elsaß Lothringen, 1909 in Sachsen, 1911 in Württemberg, 1907 in Schwarzburg-Rudolstadt und Sachsen- Altenburg, 1908 in Sachsen Weimar, 1909 in Waldeck und Sachsen- Koburg-Gotha, 1910 in Anhalt, Braunschweig, Mecklcnburg- Schaumbnrg-Lippc und Reuß ä. L., 1911 in Oldenburg, Reuß j. L. und Sachsen-Meiningen, für 1912 vorgesehen in Sachsen- Koburg-Gotha und wiederum in Elsaß-Lothringen.

Zur Neuregelung des Wohnungsgeldes

diente das Material, das durch die Umfrage über den Woh­nungsaufwand der Staatsbeamten im Jahre 1908 gewonnen und in der den Ständen übergebenen Denkschrift vom 1. Juli 1909 eingehend bearbeitet wurde Als Grundsatz galt dabei, daß der Wohnungsgeldzuschuß möglichst in allen Orten und bei allen Beamtengruppcn den gleich hohen Anteil (Prozentsatz) des durch­schnittlichen Mictaufwairdes decken soll.

Tas vorgenannte Material ermöglichte zunächst, die Orte in Klassen zusammenzufassen, in denen der durchschnittliche Miet­aufwand der Beamten durchschnittlicher Einheitspreis für ein Zimmer) gleich ist ober in den gleichen Grenzen liegt; es lieferte also die Grundlagen für eine richtige Ortsklasseneinteilung.

Hiernach sind die Orte des Großherzogtums in drei (anstatt seither zwei) Klassen eingcteilt worden Klasse I enthält die Orte, in denen der durchschnittliche Einheitszimmerpreis l bezogen auf Mainz = 100) 81100 Prozent beträgt (Mainz, Offenbach, Darmstadt, Worms): Klasse II diejenigen Orte, in denen dieser Preis sich zwischen 61 und 80 Prozent bewegt (Gießen, Bingen, Friedberg, Bad-Nauhcim, Bensheim, Heppenheim, Alzey und Langen): der Klasse III sind alle übrigen Orte des Großherzogtums zugeteilt, in denen jener durchschnittliche Preis 60 Prozent und weniger beträgt.

Es wurde schon hervorgehoben, daß sich der Wohnungsaufwand der hessischen Staatsbeamten wegen ihrer wesentlich geringeren Tienstbezüge nicht mit dem deckt, wie er für die Reichs- und preußischen Beamten in den hessischen Orten ermittelt wurde. Für die Regelung des hessischen Wohnungsgeldes mußten aber die Ermittelungen bei den hessischen Beamten zugrunde gelegt werden, wenn diese auch zu einer etwas anderen Ortsklassen­einteilung führen, als wie für die Reichs- und preußischen Be­amten. Tie nun vorgeschlagene neue Ortsklasseneinteiluug dürste auch den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen. Tie Ortsklasse 1 umfaßt die vier größeren Städte des Großherzogtums, in denen fe&r viele Beamte unter besonders schwierigen Wohnungsverhält- Nlssen zu leben haben. In Ortsklasse II finden sich die mittleren ötabte, bereinigt mit den teueren Orten Friedberg und Bad- Nauheim und denen an der Bergstraße. Hierzu kommen nach den dort gezahlten Mieten noch Alzey und Langen. Diese Otts- naneneintdlung würde sich auch ergeben haben, wenn man die Tur ötc hessischen Beamten 1908 festgestellten Einheitszimmer greife nart) ecr etwas abweichenden Methode hätte ndjten wollen, totc Jte. lur die Ortseinteilung des Reiches angewendet wurde ncuc 2ätzc für das Wohnungsgeld wurden

Prozent des durchschnittlichen Mietaufwandes vorgeschlagen, -ta oteier, wie erwähnt, für die einzelnen Beamtengruppen und Ortskia, len einwandfrei festgestellt ist, so ergab sich ohne weiteres der folgende Wo l) n u n g s g e l d t a r i s:

Für die Beamten mit Dienstwohnungen soll für die rZolgc die seitherige Di e n st w o h n u n g s m i e t e wegfallen. Andererseits erhalten sic fein Wohnungsgeld. Sic bezahlen also

Beamie mit nortjit erreichbarem Gehalt

Mk.

Ortsklasse I Mk.

Ortsklasse II Alk.

Ortsklasse III Mk.

bis 2000 ......

330

280

180

über 20003000 ....

400

360

260

r 30004600 ....

500

420

320

4600-6900 ......

760

580

430

60007200 .....

1000

770

570

P 7200 ausschl. Ministerial- vorstande ......

1230

920

700

Ministerialvorstände.....

1800

ihre Tienstwohnung mit 75 Prozent des durchschnittlichen örtlichen Mietswertcs einer Privatwohnung, da ihnen das Wohnungsgeld in dieser Höhe entgeht Es mußte darauf geachtet werden, daß die Verbesserung, die den Beamten ohne Tienstwohnung durch das neue Dohnungsgeld, und denen mit Tienstwohnung durch den Wegfall der Miete hierfür zuteil wird, im ganzen gleich ist. Ties ist im ganzer der Fall, wenn, wie vorgeschlagen, das Wohnungsgeld auf 75 Prozent des durchschnittlichen Miets­aufwands bemessen wird. (Auch im Reich und Preußen deckt das Wohmingsgeld drei Viertel, in Baden sogar den vollen Betrag des durchschnittlichen Miclauswandes.) Tie Dienstwohnungs- inbaber werden durch die Vorschläge um durchschnittlich 5,5 Pro­zent, die Beamten ohne Tienstwohnung um durchschnittlich 4,1 Prozent höchst erreichbaren Gehalts aufgebessert. Bei allen Be­amten stellt sich die Ausbesserung auf 4,3 Prozent durchschnittlich

Tie Verbesserungber Gehalte erfordert einen Betrag von 998 957 Mk., so daß mit dem Bedarf für Wohnungsgeld und Wegfall der Tienstwohnnngsmiete insgesamt 1 579 631 Mk. not­wendig werden. Hiervon entfallen auf die unteren Beamten (bis 2000 Mk., zusammen 1179>, rund 300000 Mk., auf b i e mittleren Beamten 1180), rund 548 000 Mk., aut die akademischen Lokalbeamten (1047), rund 628 000 Mk., aus die höheren Beamten 1230), rund 181 000 Mark, wobei insgesamt noch rund 79 000 Mk. an Ersätzen durch das Reich usw. abgehen.

Von Interesse ist, wie sich nach der vorgeschlagenen Gesamt­ausbesserung die hessischen Beamten im Vergleich mit denen an­derer Staaten stellen werden. Tie Regierungsvorlage gibt darüber eingehende Nachweise. Von besonderem Interesse ist dabei aus mehrfach erwähnten Gründen der Vergleich mit dem Reich und Preußen. Es betragen die Gesamtbezüge an Gehaltsteilen und Wohnungsgcld bei dem Wohnort Darmstadt z. B. für:

in Hessen seither | künftig

Mk. | Mk.

nach den Reichs- und preitB- Sätzen Mk.

Diener an Lokalbehörden Ctenerausseher .... Mittlere Lokalbeamte.

Akademisch gebildete

Lokalbeamte ....

ES würden also bie namentlich in ben Anfa im Reich und in Preuße

1380 - 1680 16162016 2320-4320

3?«0-6480 unteren Bc

ngSbezügcn, ii.

16^6-2025 1898-234'i 2700 - 4900

37847240 amten in H vielfach besser

14901990

1690 - 2390

2620-5020

380080'10

essen künftig, gestellt als

Die Einweihung öes Provinzialwasserwerkes Inheiden.

G i e ß e n, 1. April.

Am Samstag fand die Einweihung des großen Kultur­werkes statt, das die Provinz Oberhessen in den letzten Jahren errichtet hat, ulm einen Teil der Wasserschätze der Provinz nutzbar zu machen, direkt für eine Reihe oberhessi­scher Geineinden und indirekt durch die Wasserabgabe an Frankfurt, um für die dadurch erhaltenen Summen andere kulturelle Werte zum Nutzen der oberhcssischen Bevölkerung zu schaffen.

Hatte sich beim Bau des Werkes die Verwaltung der Pro­vinz als umsichtige Vertreterin der kulturellen und wirt­schaftlichen Interessen der Provinz erwiesen, so tat sie das gleiche bei der Einweihungsfeier in Bezug auf ihr Geschick, eine in allen Teilen so hübsche und der Bedeutung des Tages entsprechende Feier vorzubereiten und durchzuführen.

Ein richtiger D-Zug, wohl der erste und letzte, der von hier aus nach Inheiden direkt gefahren ist, brachte die Teilnehmer um die Mittagsstunde nach dem bei Trais-Hor­loff liegenden Werke. Etwa 150 Festgäste hatten sich in dem Festzug" vereinigt, der in Lich und Hungen noch Zuwachs erhielt. U. a. waren zu der Feier erschienen der Fürst zu Solms-Hohensolms-Lich, der Graf zu Solms-Laubach, Fi­nanzminister Dr. Braun, der Minister des Innern von Hombergk zu Vach, der frühere Finanzminister Dr. Gnauth, Bürgermeister Geh. Regierungsrat Grimm und Stadtver­ordnetenvorsteher Geh. Justizrat Dr. Friedleben von Frank­furt, Geheimerat Best, Geheimerat Dr. Breidert, Geh. Bau- rat Prof. Berndt-Darmstadt, die Beamten der Provinzial­verwaltung, einige oberhessische Kreisräte, die Mitglieder des Provinzialausschusses und Provinzialtages, die Land- tagsabgg. Brauer, Fenchel, Dr. Weber und Stöpler usw.

Am Werke hatte der Ortsvorstand von Inheiden, der dortige Kriegerverein und die Schuljugend Aufstellung ge­nommen. Lehrer Sommer rief den Festgästen im Namen der Gemeinde einen herzlichen Willkommengruß entgegen.

Dann begab man sich zu dem von der Firma Jhring in Lich unentgeltlich zur Verfügung gestellten Festzelt, das bei dem heftigen Sturm und Regenschauer einen geschützten behaglichen Aufenthalt bot. Hier nahm Geheimerat Pro­vinzialdirektor

Dr. Ufinger die Weihe des Werkes

mit folgender Ansprache vor:

Sehr geehrte Herren!

In zwei Ta^en wird der Vertrag zwischen der Provinz Ober­hessen und der Ltadt Frankfurt in £raft treten, nach dem biefer Stabt aus dem Wasserwerk Inheiden täglich 20 000 Kubikmeter Wasser zu liefern sind. In dem Hasten unb Drängen zur Zeit seines Abschlusses ist die Zukunft zu kurz gekommen unb bies müssen Sie heute entgelten. Denn hätte man damals an alles gedacht, bann wäre wohl sicher ein späterer Termin für den Beginn unserer beiderseitigen Vertragspflichten festgesetzt worben. So mußte der kritische Ensschluß gefaßt werden. Sie zu einer Jahres­zeit hierher zu bitten, die diese schon wenige Wochen später an intimen Reizen überaus reiche oberhessische Landschaft, mit ben Ausläufern des Vogelsbergs als Hintergrunb und den durch ben Wasserlauf der Horloff geschaffenen beiden Talwänden als Seiten- lulissen, noch teilweise im Winterschlaf hält, und die deshalb für eine Einweihnngsfeier im Freien nicht gerade als besonders ge eignet bezeichnet werden kann. Wenn Sie trotzdem so zählreich unfercr Bitte um Ihr Erscheinen entsprochen haben, so verpflichtet uns das zu ganz besonderem Dank, den ich hiermit abstatte, und mit dem ich ein herzlichesWillkommen in I nhei den" verknüpfe.

Es gereicht dem Provinzialausschuß zur ganz besonderen Ehre, Seine Durchlaucht den Fürsten Karl zu Solms-Hohen­solms-Lich, Seine Erlaucht ben Grafen Wilhelm z u Solms-Laubach, Ihre Exzellenzen den Herrn Finanzministcr Dr. Braun, den Herrn Minister des Innern von Homberg! ; u B a ch und den früheren Herrn Finanzminister Dr. Gnauth, sowie die Repräsentanten der Stadt Frankfurt, Herrn Bürgen meister Geh. Regiernngsrat Grimm unb Herrn Stadtverordnete Vorsteher Geh. Justizrat Dr. Friedleben, unter seinen Gästen zu sehen.

Wir sind aufrichtig dankbar dafür, baß auch unser früherer Provinzialbircktvr Herr Geheimerat Dr. B r e i b e r t unb der Refe­rent im Ministcriuni bes Innern, Herr Ministerialrat Geheimerat Best, den an sie ergangenen Einladungen entsprachen unb wir freuen uns kürzlich barüber, baß bem Rus, tcilzunehmen an dein in gemeinsamer Arbeit Gesckwffencn so viele dem Provinzial­ausschuß nicht unbekannte unb im persönlickten Verkehr menge» roorbene Mitglieder der Frankfurter Sladtver- waltung und Stadtvertrctung Folge geleistet haben.

Meine Herren! WaS heute hier vollendet unb äußerlich so einfach aussehend vor uns steht, verkörpert eine ununterbrochene, schwere Arbeit von 6 langen Jahren, einen unablässigen Knüpf, um bas einmal gesteckte und nie'aus den Augen verlorene Ziel zu erreichen, sowie die Aussicht auf weitere Sorge und Mühe bis zur endgültigen Festigung des nach verschiedenen Seiten hin noch zu sichernden jungen Unternehmens. Alles, was überwunden tuerben wußte und ^afles, was uns noch bevorstcl;., kann und wird Uns jedoch die Freude darüber nicht nehmen können, daß hier eine Gelegenheit glücklicherweise einmal nicht verpaßt, sondern kühn beim Schopf ergriffen worden ist.

Die sich im Ihrem Besitz befindende Densschrift soll Ihnen rein sachlich einen Ueberdlick über den Werdegang und über die ''Aus­gestaltung unseres Werkes geben. Sie vermeidet grundsätzlich alles Persönliche, weil wir uns dessen wohl bewußt waren, daß denjenigen, bie hier in jahrelanger Arbeit über den Rahmen amtlicher Pflickstgesckstifte hinaus ober ehrenamtlich ihre Schuldig- keil taten, mit dem Nennen ihrer Namen unb V erbten st e im Wege des Druckes kein besonderer Gefallen erwiesen mürbe. Die baburd) für mich gebotene Zurückhaltung in ber Schrift verpflichtet mich jedoch nickst zur gleichen Zurückhaltung im Wort. Und so habe ich zunächst hier festzustellen, daß es drei Männer sind, mit denen dieses Werk unlöslich verknüpft sein wird und denen es die Provinz Oberhessen in erster Linie verdankt, wenn sie heute ihr Wasser- merf feierlich seinem endgültigen Zweck übergeben kann. Es sind dies die Herren Geheimerat Dr. Breidert, Forstmeister Tr, Weber und Dberingcnicur Müller.

Auf Herrn'Forstmeister Tr. Weber ist der Gedanke zurück- zuführen, die Naturschätze ber Provinz in deren Interesse nutzbar zu machen und Wasser an die Stadt Frankfurt zu liefern. Er ist der eigentliche Vater dieses Unternehmens. Seine großzügigen, die materielle Hebung Oberhcssens bezweckenden und mit zäher Energie verfolgten Gedanken fanden in Herrn Geheimerat Dr. Breidert einen unermüdlichen Förderer, der sich weder durch Schwierigkeiten, noch durch zeitweise Enttäuschungen davon ab- halten ließ, sie durchzuführen. In seiner Person waren die Eigen­schaften für die Schöpfung eines anfänglich immerhin riskant scheinenden Millionenprojektes in glücklichster Weise vereinigt, näm­lich: ein Don einem gesunden Optimismus getragener Unterneh­mungsgeist, durch nichts zu ermüdende Arbeitslust sowie das Bewußtsein ber auf ihm laftenben schweren Verantwortung, ohne sich baburd) niederdrücken ober Andere von dieser Last etwas merken zu lassen. Ihm zur Seite als Mann der Technil Herr Ober­ingenieur Müller, der zusammen mit seinem Ehef nie den Glauben an ben enbgültigen Sieg ber auch von ihm verfolgten Sackst verlor unb der, nachdem ber Plan feste Gestalt anzuuehmen begann, bas Projekt aufzustellen, sowie später seine Ausführung zu leiten unb zu überwachen hatte.

Diesem Triumvirat, dem in ber Geschichte der Entwickelung Oberhessens für immer ein Ehrenplatz gcsickstrt ist, schließt sich als treuer Mitarbeiter unser Provinzial ausschuß an. Ihm haben in ber Hochflut ber Arbeiten bie Herren Falck, Tr. G u t- fleisch, Kromm, Rabenau, Schabe, Dr. Schäfer, Stahl und Stöpler als Mitglieder, sowie die Herren Dr. B i e r m e r, Georgi, Heyligenftaedt und M e c u m als Ersatzmänner an gehört. Männer von großer Erfahrung, kühler Berechnung, ausgestattet mit klarem Verstand und umfang­reicher Sach- und Menschenkenulnis, erfüllt von Liebe zu ihrenr Oberlstssen und seiner Bevölkerung, nickst zu erschüttern im Glauben an die, deren Führung sie sich auf dem einmal für richtig erkannten Weg anvertraut hatten, waren vonnöten. Solche Männer bil­deten und bilden unseren Provinzialausschuß. Freude im Gesicht, wenn sie kamen, um überihr Wasserwerk" zu beraten, keine Er­müdung in den Augen, wenn sic nach getaner Arbeit gingen. Unb sie mußten während ber 6 Jahre sehr oft kommen und sehr oft recht lange aushalten. Ohne einen solchen Provinzialausschuß war das Vollbrachte nicht zu leisten, mit ihm und mit unserem großzügig denkenden P r o v i n z i a 11 a g ist es geleistet worden und wird noch mehr geleistet werden. Tic Provinzangehörigen wissen, was sic allen diesen Männern schulden und i ch weiß, daß die Mitglieder und Ersatzmänner des Provinzialausschusses! darin nicht nur den Dank, sondern auch den schönsten Lohn für ihre ehrenamtliche Tätigkeit erblicken. Einmal waren sic aller­dings ängstlich. Das n>ar ganz zu Anfang, als sie das große Risiko des Unternehmens nicht ohne weiteres auf sich nehmen zu! können glaubten. Die hier neben uns liegende Riedmühle mutzte schnellstens gekauft werden, denn ohne sie war das Werk nickst ausführbar. Beinahe wäre damals das Dichterwort wahr geworden;

Was man von der Minute ausgeschlagen. Gibt keine Ewigkeil zurück."

Da sprang der Kr c is a u s sch u ß des Kreises Gießen ein, er­warb die Mühle und übertrug das Eigentum an ihr später auf die Provinz. Dem Kreisausschuß eines Kreises dieser Provinz darf deshalb sein selbstloses Eintreten für die Interessen der ganzen Provinz in einem der kritischsten Augenblicke des ganzen Unternehmens heute nicht vergessen werden.

Ich komme nun zu unserem Gegenkontrahenten. Von Beginn ber überaus schwierigen Vertragsverhandlungen an bis heute haben wir in den Vertretern der Stadt Frankfurr nickst nur verständnisvollstes Entgegenkommen, sondern auch recht oft wirk­samste Unterstützung gefunden. Für Frankfurt bedeutet das Untere nehmen etwas anderes wie für die Provinz. Was für uns die Wasser abgabe das wesentliche, haben wir, auf die einmal ge­gebenen Verhältnisse angewendet, mit Lessing gedacht:

Zu viel kann man wohl trinken. Doch nie trinkt man genug,"

so lag für jenes die Hauptsache in der Pflicht zur Abnahme des Wassers und zur Uebernahmc der daraus für die Frank­futter Allgemeinheit entspringenden Lasten auf eine lange Reihe von Jahren. Die Vertreter der altehrwürdigen Stadt am Main haben mit vollstem Reckst bie ihnen anvertrauten Interessen aufä- Energischste gewahrt. Sie haben uns, wenn wir zu übermütig wurden, durch ihre nickst zu erschütternde Ruhe die Wahrheit der irostteichen Worte Wilhelm Busch's zu Gemüt geführt:

Enthaltsamkeit ist ein Vergnügen, An Sachen, welche wir nickst kriegen." Sie haben aber gleid^eitig das Verständnis für unsere Interessen nie verloren, und so ist es denn ein Hauptverdienst des früheren Herrn Stadtrat Kölle, daß wir trotz aller Fährnisse ein schwer zu steuerndes Schiff glücklich in den sicheren Hasen gebradn haben. Er und der ihm zur Seite stehende Herr Baurat S ch e e I h a a s e haben in keinem Stadium der Verhandlungen auch nur einen Anlaß zur Meinung oder Befürchtung aufkommen lassen, daß man von )eiten der Stabt Frankfurt uns gegenüber nicht mit vollster Loyalität verfahre. Die beiden genannten Herren, sowie der Nachfolger des Herrn Kölle, Herr Stadtrat Franze, haben weshalb nicht nur Anspruch auf herzlichsten Dank, sondern auchi Anrecht auf einen sehr großen Teil des darin zu erblickenden Erfolges, daß dieses ^erf sich sowohl darstellt als sichtbares