Nr. 8
Ter Gießener Anzeige, erschein« täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich (sicßencrSamiliinblätter, üivetmal ivödicnti.Kreis* blaUfQrbenKrtisdießen (T icnstag unb ^reitaa); zweimal monatL Land- tvirlschaftliche Seitfracen nermvrech-Auichliilie: für die 'Jiebattioii 112, Verlag u. Exvedibon 51 Adresse V Tepeschenr -lnzciger (gießen.
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162. Jahrgang
Blatt
Rotationsdruck und Verlag der vrühl'fchen Univ.-Vuch- und Zteindruckerel N. Lange.
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Mittwoch, 10. Januar 19(2
VkznaSvretS: monailich75M., viertel- fäluitd) 2!k. 2.20; durch '2lb()olc- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch tucl;oft lUf.2.— vtcriel- jährL ausschl. Benellg. Zeilenvreis: lokal lö’Uü auSwäns 20 P'euniq. Chefredakteur: 91. Üfoeit. Verantwortlich für den
__ polnischen 5.cd: Auaust
Anzeiger für Oberhessen LSsS
Rcöaftton, drpciiiion und vnickerel: Schulstratze 7. L°nd-:E.Hetz'°ü/^n
Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.
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Die ReichrtagrwakMwegung.
AuS dem Wahlkreis Gicßen-Grünberg-Ridda.
Vom liberalen Wahlausschuß erhalten wir folgende Zuschrift „Zur Aufklärung":
Noch in letzter Stunde seien ctmge der falschen Behaus tungen widerlegt, mit denen der Antisemrtismus gegen uns ar- bCttCl Um die Schuld der antisemitischen Abgeordneten am Schci lern der Erbanfallsteuer zu verdunkeln, läßt man bte Wähler geflissentlich int Unklaren über die <8citunmungen des Gese^ent- ^urscs. Was enthielt das Gesetz? .
Ter Erbanfallsteuer sollten nach dem Entwurf vom 14. Jun.
1909 unterliegen: GrbanniUc an Kinder und kinderlose Ehegatten, wenn der Gesamtnachlaß nach Abzug aller Schulden über 20000 Mk. Wert hatte und das Einzel- erbteil mindestens 10 000 Mk. hoch war.
Bestand der Nachlaß aus Grundbesitz, so kamen folgende besondere Bestimmungen in Betracht: ,
1. Bei der Berechnung der N a ch l a ß m a s ] e blieb der Wert der Mobilien („Schiff und Geschirr") außer Sctrad)1^ tourbe „icht frer gemeine Wert (Kaufpreis der Grundstüde eingesetzt, sondern der zwanzig fache Be-
g des jöhrlicheii Reinertrags.
3. Die Steuer braud)te nicht sofort in enter Summe bezahlt zu werden, sondern in zehn gleichen Jahreszie.cn ohne Zinsen oder in zwanzig Jahreszielen mit 4prozen-
4 Trat ein zweiter Erbfall innerhalb fünf Jahren ein, so brauchte überhaupt keine, trat er innerhalb Junf bis 10 Jahren ein, so brauchte nur die Hälfte der Steuer bezahlt zu werden. ~ r...
Beispiel : Verkaufswert eines Gutes (ohne Schuf und Geschirr) 60 000 Mk. Der Reinertrag für Eberfcnen, höch stens 21/2 Prozent, beträgt also ROO Mk. Der zwauzigfache Betrag gleich 30000 Mk. Liervon ab die vorhan- denen S chu l de n mit 6000 Mk., bleiben 24 000 Mk. Es erbte nach dem bürgerlid-en Gesetzbulh die überlebende Witwe Vi — 6000 Mk., die ft euer frei blieben. Den Kindern trug es nod) zusammen 18 000 Mk. War es ein Kind, so mußte es Steuern zahlen — 180 Mk., pro Jahresrate 18 oder 9 Mk. Bei zwei und mehr Kindern bezahlten aud) diele Teilte Steuern, da das Einzelerbteil unter 10 000 Mk. war.
Wie äußerten sich nun die Parteigenossen des Derrn 23einer über das Leitern be>- Vorlage? Ta Derr Werner bie Klagen des deutschfozialen Schreinerobermeislers Kniesk in Stallel als unerteblid) ablehnt, sei ihm das Zeugnis des Reichs tags- Eanbibaten der deutschfozialen Partet tm Wahlkreis Marburg, des Schneidermeisters Rupp, em- gegengehalten. Derr Rupp fdjreibt am 1. August 1909 an den Reichslagsabgeordneten Tr. Böhme:
„Daß eine kolossale Erbitterung über die meisten neuen steuern auch hier in der engeren Deimat herrscht, bedarf wohl kaum erwähnt zu werden, so daß mir ein treuer Freund aus Fronteul.en unb bellen Bruder erklärten, wenn wieder Wahl ist, |o gebe ich meine Stimme nur einem So:. .... Es ist bod) eine zu, man kann ruhig sagen, bum me Sache, baß bei der Abstimmung über Erbanfallsteuer die Fraktion so auseinander ging. Nod) viel betrübender wirkt es, wenn man bedenkt, datz die fünf Stimmen genügt hätten, die A n n a hme Der Steuer z u sichern. Alsbaim wäre es den, Liberaleti jetzt nid) tmöglid), die gegenwärtige Lage für sich auszuichlachlen." 2 Derr Tr. Werner behauptet, bic Verteuerung der Lebensmittel sei in erster Linie durch den Handel verursacht, 10 habe, ein einzelner Kartoffelhändler in Wiesbaden 400 Waggons von Holland bezogen, zu 4 Mk. pro Zentner verkauft und am Waggon 50 Mk., somit im ganzen 20000 Ml. verdient. Um bleien Betrag
sei dieses wicl tige Lcbensrnit.e. für bi? Wfts.adener Konsumenten verteuert Worten. D i e g a n z e G e s ch i ch t e ist v 0 n A—Z u n - wahr. Als b:r antisemit sche Manteb.it in Euenacp, Derr Slajcr, ziemlich dieselben Anschuldigungen vorbrachte, erhielt die Ette- nadjtr Zeitung von der Wiesbadener S^adtvcrw..tung auf _ zln- sraee folgendes Telegramm: „Angaben fi er Kartois l.crlaui d.r Strbt Wiesbaden in allen Teilen falsch. Tat.üch ich kanf.e Wiesbaden im ganzen 6000 Zentner Kartoffeln (unb nicht 400 Waggons =80 000 Zentner), davon Hälfte von landwirtschaftlicher Zentralei nlaufskommiision, andere Dälfte von Händler, welcher billiger war,als Momm.sswn, alle Dänd er waren zur Konkurrenz g z?.,e:i, günitig les Ange.ot wurde angenommen. Frachtermäßigung ist Linern Hänb.er, nur Stadt zugute gekommen, b.i Stauf Ab.i f.rungr.ort abgefch.olien. Ber- .auft wurden Karli fle.'n von Stadl zu 3,50 Mk. frei Haus/
3. Sc dann behauptete Herr Tr. Werner, Deutschland habe in den letzten Jahren eine Menge Roggen exponiert, verschweigt ater, oaß dieses nur durd) daS von ben liberalen Parteien berämbne Einfuhrschnnsystem ermöglicht ist. Gegen das exportierte Getreide wurde anderes wieder zollfrei eilige,üf)tr, und der Preis des deutschen Roggens dadurch bei ber Ausfuhr um den Zollbetrag von 5 Mk pro 100 Kilogramm ermäßigt. Der in ten letzten Jahren in besonders guter Llua.itlit erzeugte den.säte 'Jb.ggen rotro von russischen Landwirten zu 6,50 Mk. pro Zentner massenhaft gelaust und verfüttert, während die d e u t s ch e n L a n d- ro i r te die russische geringwertige .(Leie zu 7 Mk. pro Zentner laufen und verfüttern müssen. Tiese „nationale Wirt- 1 ckaftspolitil" wird v.m Bund der Landwirte der halb mit großer Zähigkeit festgehalten, weil durd) sie die Großgrundbesitzer in Lst- und Westpreu.'eN ihren Roggen etwas teurer cenaufcn tonnen, wogegen die Menge (.einer Landwirte in Süd- und Westdeutschland nur Schaden davon haben.
Ter Wahlausschuß für die Kandidatur Tr. Werner.
ersucht uns um Abdruck folgender Richtigstellung:
In dem gestrigen Lammelbericht ber Liberalen wird auch über unsere Versammlung am Sonluag in Nidda gesprochen. Dazu bemerke ich: , ,
1. Die Versammlung wurde systemattich von den Gegnern gestört, bas Licht ausgebreht. Ein Glas flog aus ben Reihen ber Gegner nach uns, bem Rebnertische.
2. Ich habe nicht bic Versammlung als „Anenkäfig" bezeichnet, sondern jenen „Herren" in der Versammlung, die mid) niederschreien wollten, zugerusen, sie betrugen sich nicht wie gesittete Menschen, sondern wie die brüllenden Bewohner eines Asienstalles. Tas mag unparlamentarisch sein, jedenfalls war bas Verhalten der sog. Freiheitsmänner es in nod) höherem Grade. . . c . ,
3. Herrn Gräf wurde das Wort nicht verweigert, fondern durd) den Vorsitzenden crteilr. Als aber die Versamnuung trotz wierer- holter Ermahnung wieder johlte unb schrie, wurde die Versammlung geschlossen.
4. Herr Justizrat Metz hat, obgleich ich ihm die amtliche Drucksache des Reichstags über unsere einstimmige Stellungnahme für bas ReichSlagswahlrecht vorhielt, gesagt, ich spräche bic llniuabr beit. Für diese unerhörte Kampfesw.iie habe ich Herrn Metz allerdings eine Antwort gegeben, die Hörner unb Zähne hatte. Tie „freiheitlichen" Herren meinen wohl, man tonne uns ungestraft mit Schmutz bewerfen.
Gießen, am 10. Januar 1912.
Dr. Sßeriter,
Eine Berichtigung.
Wir erhalten folgende Zuschrift: *
Ich bitte Sie um Aufnahme folgender Berichtigung:
1. Es ist unwahr, baß, wie in bem gestrigen Sammelbericht behauptet wird, ich zugegeoen habe, baß die Ansichtskarten des Bundes der Landwirte in Amerika gedruckt seien.
2 Es ist unwahr, baß ich Rä>ner des Bundes der Landwirte bin. North, Oberpostschaf, ntt.
Vie jüngsten Au;g-abungen in der ilqrcna.la.
Tas Arck>äologische Institut von Amerika hat soeben den ersten /torläufigen Bericht über die Ausgrabungen in ber Khrenaiva herausgegeben, die in der zweiten Hälfte des Jahres 1010 unb in ben ersten Monaten des Jahres 1911 unter der Leitung des Tirettors der amerikanischen Schule in Rom, Pro schor Jiid)aro fRorton, bei Kprene, in den Trümmern ber altgriechiichen Stabt Aeropolis ftatigefunben haben. In der kurzen Zeit würben un- gewöhnlick) glückliche Ergebnisse erzielt.
„Zu unserer Freude", so schreibt der Gelehrte, „können wir den Schätzen der Schönheit, die die Welt besitzt, ein so pradnoolles Stück wie einen Kopf ber Athene hinzufügen, das äusser besten Zeit der griechischen Bilbhauerlunit stammi." ^.as
aufgefunbene Haupt ist das Werk eines griednschcn Meistfrs aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert, ^ie Gotttn tragt den Eo- rinther Helm, unter bem reiche Haarwellen hervortommen, die int prachwolten Zuge über den Nacken htnobstteßen. „^iiirder- voll wirkt der Kontrast zwischen der Iräftigcn ungebrochenen Kurve des Helmes unb dem lieblichen amnutigen Gesicht. Ler Koot ist ein wenig nach links geneigt, die Augen blicken Treunblta) geradeaus, der Mund ist von prächtiger Ausdruckskraft, zart unb doch ein Ausdruck starken unb festen Charakters. Nur ein grotzer Meuter Tann dieses Gesicht gemeißelt haben, das durch viele Jahrhunderte ans verklungenen Zeiten mit ber Gelassenheit vollkommener Schönheit auf uns blickt." '2Cn derselben Starte fanden die ameriianiichen 'Jlrd’äolagen eine prachtvolle Frauen st a tue, die mit ber berühmten N i t e von Samoihraee überraschende Verwanotichan icigt. „Auch hier bewundert man den großartigen Fluß des Lebens, dieselbe Größe des Entwurfes, dieselbe Meisterschaft der Ausführung, die bem Künstler die Kraft schenkte, einen herrlichen großen Körper darzustellen, der weder tot noch schwer wirkt, trotz ber gewichtigen Geivandumtzüllungen." Tie Arbeiten hatten an bem ^Gipfel des Asropolis-Hügels bei Khrcne begonnen und balb^ stieß man auf einen Säulengang mit anschließenden Räumen und Flügeln, bic zum größten Teile freigelegr werden konnten. Dahinter Uei ein Korrtbor mit einem bemalten Stcinfußbvben: hier falid man eine Anzahl M unzen, die daraus schließen lassen, daß der Bau im 3. Jahr- Hubert v. Ehr. geschaffen wurde. Nicht ohne Jnterene ist es, ,.u erfahren, baß auch das klassische Altertum bei seinen Bauten ein Verfahren kannte, das heute allgemein angewendet wird: die Bekleidung gewöhnlicher Wände mit dünnen M a r m 0 r 0 l a t - teil, bic den Eindruck eines massiven Marmorbaues machen. In einer Anzahl von Räumen sand man eine Reihe solcher farbiger Marmorplatten, bic als Wandbelleidungen wahrscheinlich auch als Bodeiibclleidung gedient haben. Unter ben weiteren Funden beanspruchen eine Reihe von Mosaikfußböden und Teckenm i.ereien wie auch altgriedfische M i n i a t u r ft a t u c 11 c n besondere Auf
merlsamkeit. darunter fällt besonders die Tarstellung eines Athleten „Antonianus" auf, die in halber Lebensgröße ausgeführt ist, der Torso einer Artemis, der Torso einer Nereide unb 15 halb- lebensgroße Frauengestalten aus verschiedenen Epochen vom 3. Jahrhundert v. Ein. bis zum 3. Jahrhundert n. Ehr. Nack) der Annahme Professor Nortons handelt es lick habet wahrscheinlich um Grabfigurcn: auf zwei dieser Franenstatuen ist der Kops mit einem Tuche verhüllt und zwar so, daß nur die Augen unb die s2Lugenbrauen sicht0ar bleiben. Diese Art der Drapierung stimmt genau mit der Weise überein, wie die heutigen Frauen von Kyrene ihren Schleier tragen. In der Nähe der Stätte, der das schon erwähnte Haupt der Athene, wohl das schönste Stück der Funbe, entdeckt wurde, stieß man bei den weiteren Ausgrabungen nod) auf vier K 0 l 0 s s a l sta tti c n, ausnahmslos Frauengestalten; aus ben Arbeiten geht klar hervor, daß auch sie ans'dem 3. Jahrhunbert v. Ehr. stammen. Tie Archäologen haben bei ihren Arbeiten manche Hindernisse überwinden müssen; aud) vor Ausbruch des Krieges war das Graben in den Ruinen bei Kprene nicht ohne Lebensgefahr. So hat auch einer ber Forscher im Dienste der Wissenschaft seinen Tod gefunden, der Mitarteiter Norwnö Herr d e C 0 u. Er wurde durd) drei arabisck;e Wegelagerer ermordet, die nach den Angaben des Leiters der Ausgrabungen, „gedungen waren unb mehr als 50 Meilen weit durch die Wüste gesandt wurden, um ihre Bluttat zu vollbringen".
In Tripolis sprach man damals davon, daß die Ermordung de Eous nur ein Irrtum war und daß der Anick'lag Profes'or Norton selbst galt. Eines Morgens, als Herr de Eou zu den Äusgrabilngsstatten ging, ertönten plötzlich Schüsse, und von zw.'i Kugeln burd bohrt, stürzte der Gelehrte zu Boden. Tie schlisse waren von Arabern ausgegangen, bic fick hinter einer Mauer verborgen gehalten und offenbar im Hinterhalt gelegen hatten, -tic Mörder enttarnen und lonnten trotz ber ungewöhnlich tatkräftigen Bemühungen ber türkischen Behörden nicht mehr ergriffen werden. Man nimmt an, daß sie Professor Norton ermorden rollten, um ben Ausgrabungen ein Ende zu machen. Tas Gerücht nennt auch ben Namen des Anstifters, ater die Umstände haben bisher seine Veröffentlichung, bic eine Sensation Hervorrufen würde, nicht genügend gerechtfertigt.
*
Lin neues Wert von halbe.
Aus München wird uns geschrieben: „Ter Ring des Gaukler s", ein Spiel in vier Akten von Max D a l b e, hat soeben seine Uraufführung im fönigl. Residenztheatcr erlebt. Ein Svicl, ein Lheaierspiel, bei dem man keinen Augenblick vergißt, daß es die Welt des Scheins ist, die sich vov uns auftut, ein Stückchen Romantik in einer dichterischen Gestaltung, die allzuviel fünftlid) Konstruiertes an sich hat. Immerhin birgt
Törichte Zwilchenruse.
Wie töricht und läppisck) sich einzelne Z w i s ch e n r u f c r in der Vcrsanimlung benommen haben, die am Freitagj vom Wa ckanSschuß für die Kandidatur Werner in Gießen veranstaltet wurde, zeigt sich auch an den Folgen. Aus Großcn-Linden erhalten wir heute eine von sieben Abonnenten unterzeichnete Einsendung mit dem Ersuchen um Abdruck. Sie lautet:
Welches Verständnis mancher Städter von der Landwirtschaft hat, ist in der am Freitag den 5. l. M. in Gießen ab* gehul.eueii Versammlung bewiesen worden. Als Herr Tr. Wer- n e r von der Maul- und Klauenseuche Ipradi, entstand ein Gelächter. Tr. Werner wies noch auf die großen Sd)ä den hin, die im deutschen Reick) entstanden seien. Unbegreiflich ist es, wie man da noch zu ladjen braucht. Wenn die betreffniben Herren in ihrer eigenen Wirtschaft solche Ausfälle zu bcr.’cidmen hätten wie die Maul- und Klauenseuche sie der Landwirtfckaft unb nod) anderen Ständen verursacht, bann würde vielleicht solch höhnisches Gelächter nicht entstanden sein.
Zur Stichwahlfrage.
Man schreibt uns:
Aus Allendors (Lda.) brachten Sie am 8. Januar T. I. eine „Erklärung", nach der Herr Reid)stagskandidat Erkelenz gefragt wurde, „welchen Standpunkt er tm Falle einer Stichwahl zwischen Tr. Werner und einem Sozialdemokraten einzunehmen gedenke".
Merlwüidig, daß die Antisemiten schon vor Erledigung der Hauptwahl gerade bezügl. der Gteßener Stick>wahl von den andern bürgerlidjcn Parteien bindende Erklärungen fordern, aud) im Wahlkreis Alsfeld wurde einem Mitgliede der hiesigen nationalliberalen Parteileitung dieselbe Frage borgelegt, wahrend sie selbst noch in den „Deutsch-sozialen Blättern" vom 6. Jan. schreiben: „In den Haupt Wahlen im ehrlichen Kampf btc Kräfte messen, und in den S t i ch w a h l e n nad) dem Grundsatz der Gleidfberechtigung Vorgehen, bas erscheint und als an ftänbig." Warum verlangt man also vor Erledigung ber Hauptwahl von andern Parteien bindende Erklärungen, die mar doch selbst nicht geben will?
Blutrn auS dem Wahlkampf.
Man schreibt uns:
Ein Mitglied der hiesigen nationalliberalen Partei, daI vor einigen Tagen einige Versammlungen im Wahlkreis Alsfeld |ür den nationauiberalen Kandidaten Heck abhielt, hatte in einer derselben einen scharfen Zusammenstoß mit Parteisekretär Hesse, einem Vertreter der antisemiki- schen Parte'.. Trotzdem Parteisekretär Hesse anerkennen mußte, daß die Ausführungen des nationallibcralen Redners streng sachlich gewesen seien, benutzte er die ihm von vornherein zugesagte Diskussionsfreiheit nicht nur zu einer Hetzrede der schärfsten Art gegen die nationalliberale Partei, er suchte die Wirkung feiner Ausführungen auch durch persönliche Angriffe auf den Hauptredner zu erhöhen, die dieser dann vor der Versammlung ins richtige Licht rückte. Ms Herr Hesse am Schluß seiner Ausführungen gegenüber der Gießener nationalliberalen Parteileitung ausführte: „Sie haben im Frühjahr bei der Ersatzwahl einen tüchtigen Kandidaten gehabt, sie haben sehr eifrig agitiert und Sie haben es auf nur „lumpig e" 2500 Stimmen gebracht und jetzt haben Sie es nicht gewagt, diese „lumpigen" 2500 Stimmen zu zählen," da konnte ihm der nattonalliberale Redner erklären: „Merkwürdig, und um diese „lumpigen" 2500 Stimmen hat Ihre (die antisemitische) Partei vor wenigen Wochen schon für die Haupt wähl geworben? Ich werde die Sache meiner Parteileitung mitteilen." Herr Hesse schien nun doch die Unklugheit seiner Ausführungen
das Werk an Gedanken und sprachlicher Form, so viel Schönes, daß ihm ein starker Achtungserfolg überall gesichert sein wird; hier in München, wo der Verfasser eine sehr große Schar ihm sreundschastlid) gesinnter Verehrer hat, war es mehr. Man holte ihn und die Hauptdarsteller schon nad) dem zweiten Akte mit lauten Beifallsrufen vor die Rampe.
Mit Fortlassung des Epifodenbeiwerks, das einige recht anschauliche Kulturbilder des 17. Jahrhunderts vorführt, ist der Kern der Handlung leicht erzählt: Aus Burg Eidringen in Franken und in dem an ihrem Fuße sich hinstreckenden Torfe, das als traurige burd) Braird oerroüitetc Ruine im Sonnenglanz des Himmeliahrtstages von 1649 daliegt, treffen sich Henning Schwarz und Susel Radewaldt, beide aus niederem Stande stammende Eidringer, als zu Ehren gekommene Leute wieder. Schwarz hat es zum kaiserlichen Reitergeneral gebracht, wie er glaubt, dank der übernatürlichen Kraft eines ihm dereinst am nächtlichen Lagerfeuer vom leibhaftigen Gottseibeiuns verkauften Zauber- ringes: Susanne, als junges Ting von Soldaten ins Heerfeuer gesckstevvt und schließlich vom alternden Eidringer Schlotzherrn auf seinem Totenlager zu seiner Ehefrau erhoben, iit jetzt die reichbegüterte Herrin von Eidringen. Hennings und ^uianncs Herzen schlagen einanber entgegen; die alte Liebe ist durch die lange Trennung nicht verringert, sondern nur reiner, geläutert und tiefer geworden. So itänbe denn der Vereinigung kein Hindernis entgegen, wenn nickt ber Ring plötzlich vom Finger Hennings verschwunden wäre unb sie nun glaubten, daß der Satan sein Anrecht auf Henning geltend matten werde. Susanne, ganz in dem Wunderglauben mittelalterlicher riii- itfauungen befangen, hält jeden Zweifel für Ketzerei unb befiehlt ihrem Hofmeister unb vermeintlichen Schwarzkünstler Di-ln, um jeden Preis den verlorenen Ring herbeizuschaffen. Er versprickst es, fordert aber als Entgelt Susannes Hand. Diese toiUigl ein, natürlich kommt es aber nicht dazu, denn rechtzeitig wird durch ein fahrendes Komödiantenvaar Hstift als ber einstige Teufel entlarvt, der ben Ring dem damaligen jungen Reiter und späteren General für einen Haufen Golddnkaten aus geschwatzt hat . - - H. B.
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— Bauern und das Bismarck- N a t i 0 n a t d c n l mal. Aus Nttinchcn meldet man uns: Hier bildete sich ein Lautesausichuß Bayern rechts des Rheines für bic Errickiumi des Bismarck-Tenkmais. 2er Leiter ber Versammln.: . Professor Benno Becker, übt: scharfe Kritik an bem xuupt ausschuß und erblickte in der Uebcrgeijung bes preisgetrön: :b itü stiers und ber Wahi eines nicht mit d:m Preise ausgez.t., Entwurfes eine schwere Kränkung der gesamten K Ä n st - lerschast. Dieser Ausschuß wird lich mit der Wahl des Teul maientwurfS nicht einverstanden erklären. Bürgermeister Tr. von


