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7.3.1912 Erstes Blatt
 
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Nr. f 7

Ter »icftener Hnjeiptr erscheint täglich, autzer LonnlagS. - Beilagen: D'frinnl wöchentlich »ittzentrZamlliendlätter zweimal roÖtheiill.Kttis- bletlfürtcn Kreis Giefjtn (Dienstag und Freitag); zweimal mvnotl. Land- «ttftchaftllche Settfraaen 7,en,sprech- Anschlüße: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse h"ir Depeschen:

Anzeiger «teßeu.

Annahme van Anzeigen für die TageSnummec biS vonniltagS 9 Uhr.

Erster Blatt

162. Jahrgang

Donnerstag, 7. März 1912

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhessen

Rolationrdruck und Verlag der vrühl'schen Univ.vuch- und Zteiudruckerei R. Lange, Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulstratze 7.

Büdingen: Zernfprecher Nr. 269 Geschäftsstelle vahnhofftratze 16a.

yeznqspreis: rnonatlich75M^vier1el- iährlich Mk. 2.20; durch Abhole- il Zweigstellen monatlich 66 Pf.: durch die Post Mk.S. vreriel- jährt. anSschl. Besteilq. ZeilenprerS: lokal 15Ps, anSioan» 90 Pfennig. Ehefredaklenr: A Goetz. Berautioorflich h"ir den politischen Teil: August Soerz-. für .Feuille­ton', .Vermischte»* und .Gerichtssaal^: st. Neu­rath; für .Stadt und Land": E.Hest; für den Auzeigentell: H. Beck.

haben es also in der £?anb, die Berlvaltungskosten ihrer Berufs gcnossenschaü recht niedrig zu gestalten. Um dieses Ziel zu er reichen, ist es aber notwendig, das; die Kleinl-ändler vom Bundesrat nickt die teuren Lagerei-Berussgenossenschast überwiesen werden, in der sie gegeirüber den stimmgewaltigen Grossisten und Sped' teuren machtlos sind, sondern zu einer besonderen Klein handelsBcrussgenosscnschaft zusammengefaßt werden. Diese Berufsgenossenschaft würde dem gesamten deutschen Kleinhandel zugleich den tljm so notwendigen festen Zusammen schlutz geben. Er würde ihm die Stotz kraft verleihen, deren er bedarf, um seine berechtigten Forderungen der Regierung und den gesetzgebenden Körperschaften gegenüber mit Erfolg vertreten zu können.

Es kann danach keinem Zweifel unterliegen, datz die Aus­dehnung der öffentlichen Unfallversicherung auf den gesamten Kl ein- hairdel diesem nur zum Segen gereichen wird. Zunächst ist es er­forderlich, datz sämtliche Detaillistcn ihre Geschäfte bei der zu­ständigen Ortsbehorde zur Unfallversicherung anmelden. Diese Anmeldung hat biszum 15. März zu geschehen. Die Richt- anmcldung der Betriebe bei der Polizeibehörde ist mit einer Strafe bis 100 Mark bedroht. Jeder Detaillist mutz daher unverzüglich bei der Polizeibehörde seiner Anmelde-i pflicht nachkommen.

Die heutige Nummer umfafet 12 Seiten.

Anmeldepflicht der vetailgeschäste zur Unfallversicherung.

Die Reichsversichemngsordmlng hat in 8 537 Ziffer 11 die Unfallversicherung auf alleBetriebe zur Behandlung und Hand habung der Ware" ausgedel-nt. Unter diesen gesetzlichen Begriff fallen alle Kleinhandelsunternehmungen, da in ich,en Waren be handelt und gehandhabt werden, z. B. beim Sortieren, Lagern, Einbacken usw Mit dieser Bestimmung wird nicht nur die Vage- aingslätigkeit in den Kleinhandelsbetrieben, sondern auch die Per- kausslätigkeit unter den Schutz der Unfallversicherung gestellt. Unversichert bleibt nur die rein kaufmännische Tätigkeit, die mit her Handhabung der Waren nichts zu tun hat, also die Tätigkeit im ftontor und an der Kasse.

Die Ausdehnung der Unsallversicherung auch auf die Per- kausstätiakeit in Kleinhandelsbetrieben entspricht durchaus einem Dünsche des Del ailhandels und es ist der Regierung und dem Reichstage für diese neue gesetzliche Bestimmung nur zu danken.

Die berufsgerwssenschaftliche Unfallversicherung befreit den Unternehmer von der Haftpflicht seinen Angestellten gegen­über. Wenn in einem bisher unversickzerten Deta,lhandelsbetriebe ein Verkäufer durch einen Unfall zu Schaden kam, z. B. von einer Leiter ln'rabftel und sich den Arm braches mußte der Betriebs i n h a b e r dem Verunglückten nach den Bestimmungen des Bürger lichcn Gesetzbuches für allen Schaden, den er aus dem Unfall hatte, ous seiner Tasche Ersatz leisten, mit anderen Worten: er war persönlich seinen Angestellten haftpftichtig. Er mußte ihnen nicht nur die Kur- und Krankl^eitskoften voll ersetzen, sondern ihnen euch, wenn sie aus dem Unfall einen Schaden zurückbehielten, aus seiner Tasche eine lebenslängliche Rente zahlen Man vergegen mertige sich nun die Lage eines Detaillisten, dessen Verkäufer sich beim Verkauf der Waren, z. B. in einem Eisenwarengeschäst, eine Rißwunde zuzog, an die sich eine Blutvergiftung anschloß, die nicht nur ein längeres Krankenlager, sondern schließlich sogar die Abnahme der Hand oder des Armes zur Folge hatte. Dem so ferftümmcltcn Verkäufer mutzte dann der Betriebsunternehmer sein Leben lang aus seiner Tasche Rente zahlen.

ES ist keine Frage, daß ein derartiger Fall einen kleinen Ge­schäftsinhaber wirtschaftlich schwer fdmbigen, unter Umständen sogar ruinieren kann Die meisten Kleinhändler I>aben sich gegen solche Eventualitäten wobt schon dadurch geschützt, das; sie sich bei einer Haftpflichtversicherung versichert haben. Aber es ist bekannt, datz die Prämien für die Haftpflichtversicherung recht bock, finb und daß in vielen Fällen die Versicherungsgesellschaften das Vorliegen eines Hastpslichtfalls bestreiten, so datz der ver­sicherte Betriebsunternehmer bezw. der Verletzte ihr Recht gegen die Versicherungsgesellschaft nur in langwierigen Prozessen er­wirken müssen. Das s,nd zweifellos große Uebelstände, die so manchen Detaillisten viele Sorge und Unruhe verursacht haben.

Die Reichs Versickn'rungsordnnng beseitigt nun diese liebel stände, indem sie dem gesamten Kleinhandel den Schutz der Unfall Versicherung gibt. Dieser Schutz ist ein doppelter. Er umfaßt nicht nur den Angestellten, solchem auch den Gescl>ästs Inhaber. , ...

Ter Angestellte hat nach dem Gesetz ein Recht auf die aezetz Uchen Leistungen Er hat hierüber nicht mehr mit seinem Unter nehiner ober mit dessen Haftpflichtversicherungsgesellschaft zu vei bandeln, sondem mit der Berufsgenossenschast, der fein OKschäst angehört. .

Der Gesckfäftsinhaber ist durch die bem,sgeno;im,chattlick)e Unfallversichemng von der schiver auf ihm lastenden Haftpflicht Versicherung seinen Angestellten gegenüber befreit. Er zahl! seine jährlichen Beiträge an die Berufsgenossenschaft und hat dann nichts weiter zu tun, als die in seinem Geschäft etwa vorkommenden Unfälle der Berufsgenossenschaft anzuzeigen. Damit hat er seine Pstickst erfüllt Alles mcitere berührt ihn nicht mehr. Es ist nunmehr Sache der Berufsgenossenschaft, sich mit dem Angcltellten Über dessen Entscklädigungsansprüche direkt auseinanderzusetzen.

Die Bemfsgenossenscklaft selbst nrirb von den Unternehmern gebildet und auch von ihnen selbst verwaltet. Die Uiilernehmer

Vie Universität Frankfurt und der vudaetaurschutz des preußischen Abgeordnetenhäuser.

Der Budgetausschuß des preußischen Abgeordneten­hauses begann am Mittwoch mit der Beratung des Kultushaushalts und nxmhte sich auch der Frage der Universität Frankfurt a. M. zu. Der Be­richterstatter fragte den Minister, ob es richtig sei, daß an der Frankfurter Universität keine theologische Fakultät errichtet werden solle, und ob die Stifterin der Universität die Kommune Franlfurt a. M. sein werde. Der Minister antwortete, das; ausführliche Mitteilungen über den Plan der Universität fehlen, betonte aber, daß bisher noch keine endgültigen Beschlüsse gefaßt und auch weder ein Antrag eingelangt, noch vom Ministerium eine Entscheidung ge­troffen sei. In der Aussprache wurde namentlich von freikonfervativer und nationalliberaler Seite die staats­rechtliche Frage behandelt, wer denn das Recht zur Errichtung der Universität habe: der Staat oder der König. Während aus der Mitte des Ausschusses erklärt wurde, daß die Universität nicht ohne Mitwirkung des Staates und damit auch nicht ohne die Mitwirkung der Volks­vertretung errichtet werden könne, berief sich der Minister zu Gunsten seiner Behauptung, daß dies das alleinige Recht der Krone fei, auf die Rechtsgutachten der bekannten Rechtslehrer Anschütz-Berlin, Löhning-Halle und Hubrich- Greifswald. Auch vom Zentrum wurde mit aller Deut­lichkeit betont, daß ohne gesetzliche Regelung die Grün­dung einer Universität unmöglich fei. Sämtliche Par­teien, mit Ausnahme der fortschrittlichen Volks Partei, verhielten sich dem Plane gegenüber außerordentlich skeptisch, insbeson­dere wurde dabei auch das Interesse der Universitäten Mar­burg und Münster ins Feld geführt. Von fortschritt­licher Seite wurde der Plan sympathisch begrüßt, nament licti deshalb, weil hier in Deutschland zum ersten Male durch private Stiftungen ein großartiges wifsenschaftliches Institut geschaffen werden solle, wie dies in anderen Kultur­ländern längst der Fall sei. Ter Minister habe daher mit Recht gesagt, es sei ein nobile officium der Unterrichts Verwaltung, einen solchen Antrag nicht von vornherein abzuweisen. Auch sei das Bildungsbedürf­nis gewiß vorhanden, denn von den preußischen Universi-

täten kämen fortgesetzt Klagen über unhaltbare Zustande, beispielsweise an den Universitäten Bonn und Miel, worüber bei den einzelnen Titeln gesprochen werden soll. Ter Fi- ilanzminister bestritt das Vorhandensein solcher Mängel. Zur Frage der Errichtung einer theologischen Fakultät wurde von fortschrittlicher Seite darauf bin- gewiesen, daß das Bildungsbedürfnis in Hinsicht der Theo­logie an den bestehenden Universitäten vorläufig durchaus befriedigt 1 Derben könne. Von einem Zentrumsredner wurde die Frankfurter Universität sogar als eine Vergnü­gungsuniversität bezeichnet, worauf ein fortschritt­liches Ausschnßmitglied bemerkte, daß eine solche Behaup­tung keiner Widerlegung würdig sei. Dieser Redner verwies u. a. darauf, daß seit Jahr und Tag in Frankfurt a. M. ein Gelehrter wirke, der eine epochemachende Erfindung im Interesse des Fortschritts der Wissenschaft und der Menschheit gemacht habe. In der Aussprache spielte auch die Erörterung eine Rolle, ob der H a u s h a l t d c r F r a n k - furter Universität der Prüfung der Oberrechnungs- fammer unterliegen werde. Dem mürbe aber entgegengeyal- ten, baß ber Haushalt kommunaler Gymnasien usw auch nicht ber staatlichen Prüfung unterstehe. Ttr Minister be­tonte, baß bie Universität Frankfurt im wesentlichen auf benselben Grunblagen organisiert wer­ben müßte, wie bie anberen Universitäten, also baß bie Professoren vom Staate auf Vorschlag der Fakultäten ernannt werden. Bon einer Entschließuiig über die Frankfurter Universitätsfrage wurde wegen der Schwie­rigkeit der Sache abgesehen.

Aus Öen Reid)stagsausfd)üfien.

:: Berlin, 6. März.

Der verstärkte Geschäftsordaungsauslchuh

begann heute bie Beratung ber auf Abänderung der Geschäfts ordnung gerichteten Anträge Die erste Gruppe betrifft die B c Handlung der Anfragen, worüber die Geschäftsordnung, in den §8^.32 und 33 Bettimmungen trifft, und insbesondere die Beseitigung des im 8 33 gegebenen Verbots ber Stellung von Anträgen bei der Besprechung einer An­frage. Tie Nationalliberalen und bie Volks Partei gehen im Ausschuß mit gemeinsamen Anträgen vor. Tas Zentrum beantragt zunächst eine Verdeutschung des Wortes Interpellation inselbständige Anfrag e". Diese Fassung wurde aber einstweilen abgelehnt. Sodann will der Zen trumöantrag auch eine schriftliche Antwort des R e i H s^ kanzlers zulassen, wenn die Ansragesteller sich damit begnügen: diese Anfragen und Antworten sollen dann periodisch in tabclla- riidjcr Form dem Reichstag bekannt gegeben werden. Dies soll die sogenanntenkurzen Anfragen" ersetzen, deren Ein­führung von der Linken beantragt wird, die im Gegensatz zum Zentrum in jedem Fall eine mündliche Antwort verlangt. Ein weiterer Antrag des Zentrums will für ben Fall, daß zahlreiche Anfragen vorliegen, die Festsetzung eines bestimmten Wochentages, also nach Art des Schwerinstages, für Initia­tivanträge julaffen, an dem die Verhandlungen stattzufinden haben.

Heute wurde gegen bie Stimmen der Konser­vativen zunächst eine wichtige Neuerung gegenüber dem bestehenden Rechtszustande beschlossen: der Reichstag soll eine Besprechung der Anfrage auch bann beschließen können, wenn der Reichskanzler eine bestimmte Erklärung, ob und wann er ant­worten wolle, nicht abgibt, ober bie Frist zur Beantwortung auf mehr als zwei Wochen bemißt.

Das Reichswohnungsgeseh in Aussicht.

Der Budgetausschuß des Reichstags setzte heute die Beratung der ihm überwiesenen Titel des Haushalts des Reichsamts des Innern fort. Bei Hem Titel Kleinwohnungsbau stellte Staatssekretär Delbrück die Entscheidung der verbündeten Regierungen über bie Frage einesReichswohnungsgesetzes, worüber er ja in seiner

(Ein unbekannter Gespräch Goethes.

Ein hochbedeutsames Gespräch des Polen (Sniarb Kosmian mit Goethe im Jahre 1830, das in der Vor kurzem vollendeten zweiten Llusgabe ber Gespräche Goethes von Biedermann, ber vollständigsten Sammlung mündlicwr »lussprückx des Dichters, nicht zu finden ist, wird von Graf Michalvwski imTemps ' veröffentlicht.

Der Besucher Kosmian war ein begeisterter Nattonalpole, der später am Hofe Napoleons III. lebte unb 18G4 geitorben in. Äon seinem Gespräch mit Goethe gibt er int vierten Bande feiner 1894 in Lemberg veröffentlichten Briese solgende wich­tige Darstellung:1830 wurde ich in Weimar von Goethe empfangen. Auch nicht um eine Sekunde verblümte ich bie etunbe, die in bem kleinen, von Goethe iclbft geschriebenen Stilett an­gegeben war, bas mich mit folgenden Porten entlud^ ,,rct Geheime Rai und Staatsininister des Grotzberzogs von ^acknen- Seimar, von Goethe, wünscht >xrrn Kosmian morgen, Sonntag um 12 Uhr zu empfangen." Goethe empnng Mich in dem Zimmer, wo sich seine gewöhnliche Abendgesellschaft zu versammeln pflegte Ta ich meine'Kenntnis der deutschen Sprache nicht Tur genugenb hielt, um mich in ein Gespräch mit ihm nitoulaiicn, anüwrtete ich französisch auf seine 1 lebensiourbigc Amprach^ mbem id) Hinz ii fügte, daß ich ihm das kostbarste, Andmken mnnerRm^ verdanken mürbe.Mit Vergnügen^ sehe ich e-, antwortete Goethe französisch (er sprach diese Sprache langsam, aber mtt Leichtigkeit^ivenn die Fremdeti Mich besuchen kommen, ebre Gesellschaft ersetzt mir das Reisen, ein Bergitugen, da- ich m meinem ''fiter notwendigerweise entbehren mutz, ^nit *> iimen plaudere, habe ich das Gefühl, ferne Lander zu durch­streifen, ohne daß ich mein Haus verlasse. Leute v ih in Polen," fügte er lächelnd hinzu.

Das war die Einleitung eines Gespräches «ber mein Bat er­fand, über seine Vergangenheit, seine Gegenioart^tim 54 sprach mit Goethe von dem neuen Geitt, der mum ^rv- Dung in der polnischen Literatur, von bem 0* ^erneu -Schule, Mickiewi«, dessen Bekanntschatt Goethe einige --io»at vorher gemacht hatte.Ich bedauere lebhaft, lagt«: er, ,, -Aeistern-rrke Ihrer alten und neuen Literatur mcht kennen lernen -u können. Ich würde mit Vergnügen ihm Entwicklung f g - Die Bemühungen, die Poesie zu natioiialiueren, ihr id orüngllchkeit wiederzugebeu, sind gut unb üblich, abe er­

ste diese Mfgcche unternehmen, müßen sich vor lu.

treibung hüten, um so die von allen Neuerern begangenen Fehler zu vermeiden. Tas Uebermaß des Eifers, ber Fanatismus möchten schädlich wirken können. Man muß neue Formen schäften, ohne bie alten herabzusetzen Es sclieint mir, daß diese im Entstehen begriffene Schule mit Vorliebe nationale Gegenstände wählen wird. Sie wird in ber Geschickte, in den Legenden, in der Volksphantasie, sogar im Aberglauben suchen. Jede Nation hat ihre eigentümliche Quelle der poetischen Inspiratwu unb sie muß daraus schöpfen. Die Vergangenheit Polens ist reich an Poesie, ihre Geschickte enthält Episoden, Eharaktere, würdig, einen Dichter zu begeistern. Ick finde es merkwürdig, daß keiner Ihrer Schrift^ stellet den Gedanlen gehabt hat, fick mit dem Leben Kasimirs des Mönches.zu bcfd)äitigcn: man würde aus diesem Gegenstand ein Gedicht ober ein historisches Drama ziehen können, bas er­füllt wäre mit interessanten Bildern. Stellen Sie sich nur diesen jungen Mann vor, den eine univürbige Mutter sein Vaterland fliehen läßt, mbem sie ihm den Haß gegen seine Heimat und Inne Laiidsleute einprägt Der Krone beraubt, geht er ins .ylöstet, trotz seiner Jugend, seiner Schönheit, seines königlichen Ursprunges, um den Wünschen seiner Mutter zu gehorchen Stellen Sie sich diesen inneren Kampf vor zwischen den religiösen Ge­fühl cn und dem leidenschaftlichen Begehren einer Jugend, die sich entfalten will Nachdem er es besiegt hat, legt et feinen Namen ab zieht sich aus der Welt zurück unb wirb Mönch m Cluny. Plötzlich geht das Gerücht, daß Abgesandte eines fernen Volkes nack Glutin gekommen sind, um hier tüten Herrscher zu suchen. Getreu feinem Gelübde entzieht sich Kasimir ihren Blicken: die Abgesandten verlieren alle Hcnfnung, ihn mitten unter den zah. reichen Mönchen zu erkennen. Doch bie Traurigkeit ferner Unter­tanen, bie Erzählung der Leiden, unter denen Polen schmachtet, erwecken im Herzen des jungen Prinzen «nie GeruhtEine Träne verrät ihn : bie Boten erkennen ihn. Er kann nicht mehr verheimlichen, daß er ihr Herrscher ist. Et neigt sich vor bem Willen Gottes und empfängt bie Krone, die zu innen <yüRen rdebergelegt ist. Doch der Abt von Cluny weigert ihm bie Freiheit. Tie Gesandten begeben sich sofort nach Rom und erlangen vom Papst unter großen Opfern einen Dispens, bet Kasimir von seinem Gelübde befreit. Zn Polen angekvmmen, wirb er mit Begeisterung vom Volle empfangen; er besteigt ben Thron unb, geleitet von einer höheren Mackt, beginnt er eine Regierung voll Ruhm und Weisheit. 9hm, mein Herr, ist bas nicht ein schöner Ofegenftanb für ein Gedicht ober ein historisches Drama?"

ISicherlich," entgegnete ich.So aufgefaßt und angelegt, tonnte

j es ein Meisterwerk werden. Aber um es auszuführen, müßte*

mau die gewaltige Schöpferkraft des Dichters des Götz von Bet- lichingen haben."Ich kann eine so ausgedehnte neue Arbeit nicht unternehmen," bemerkte Goethe,da ich nickst die Gewiß­heit habe, sie vollenden zu können. Im übrigen gehört dieser historische Gegenstand von Rechts wegen ben polnischen Schrift­stellern."

Tas Gespräch wendet sich bann ber neuen französischen Li­teratur zu: Goethe spricht von ber hohen Begabung Victor Hugos, aber er betont auch hier wieder, daß die jungen Dichter Maß halten müßten.Tie Franzosen treiben gern die Dinge aus die äußerste Spitze. Mit einer ungeheuren geistigen und körperlichen Kraft ausgeftattet, würden sie die Welt aus den Angeln heben können, wenn sie das Zentrum zu bestimmen wüßten. Aber sie scheinen nickt äu wissen, daß man, um große Lasten zu heben, den Schwerpunkt finden muß." Kosmian erwidert, daß die französischen Tragiker das Publikum nicht mehr intet- enterten und daß Racine selbst, wenn er roiebertäme, seine Fehler verbessern müßt»'.Glauben Sie mir, mein Öerr", antwortete Goethe,die Wiederkunft eines Racine ist sehr wünschenswert. Tic Meisterwerke des französischen Dramas toerben immer Meister­werke bleiben Ich habe mich thel mit dem französischen llassischen Theater m Frankfun beschäftigt, als ick jung war: seinen Meister­werken verdanke ich meine dramatische Inspiration. T-ie neue Stfjulc hat viel für die Literatur getan, aber sie wird iklemals so viel tun, als die alte." t

Goethe erkundigte sich bann noch weiter über die wichtigsten Schriftsteller und über den Zustand der Künste in Frankreich. Als ick Scheffer und seine beiden Faust imb Margarete dar­stellenden Gemälde erwähnte, fragte mich Goethe, welchen Cha­rakter Scheffer diesen Bildern gegeben habe, ob er die Idee des Dicksters verstanden, ab er Faust unb SJtargarete von Goethe oder von Schefter gemalt habe. 4tach entern Gespräch von mehr als einer Stunde verließ ich Goethe, das Herz erfüllt von Dank­barkeit. Vor meiner Abreise aus Weimar erhielt ich von Ma­dame Goethe ein rührendes Andenken, das ich mit Ehrfurcht bewahre. Es ist ein Blatt, auf das Goethe mit eigener Hand folgende vier Vcwse geschrieben halle:

,L)ebe selbst bie Hindernisse, Neige Dick herab, Zyprefte, Daß ich D:inen Gipfel Fülle, Und bas 2eben dann vergesse."