Nr. 82 Viertes Blatt 162. Jahrgang
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Die „ileftenet Semlllenbiatter** werden dem .Anzeiger' otermal wöchentlich betgekgt, da* „Hüllblatt für den Kreis Lietzen" jroeimal »Schenlilch. Die „kandwirtschastlichev Seit- fragen" erfcheinen mona(hd) jroeunaL
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
Samstag, o. April 1912
eUtettombrud and Verlag der vrübliche» Universität* - vnch- und SteinbrudettL R. Lange, Gießen.
Redakttan, Expedition und Druckerei: Schul» straße 7. Expedition und Vertag: 5L
Redaktion:HL Tel.-Adr^ An^eigerGleßen.
5tädtische Finanzen und Anleihepolitik.
Das rasche Wachstum der Städte in den letzten Jahrzehnten hat die den Stadtverwaltungen gestellten Aufgaben in früher ungeahnter Weise vermehrt. Tie Vergrößerung des bebauten Teils der städtischen Gemarkungen, dre Entwässerung, die Anlagen für Licht und Wasserversorgung, städtischen Verkehrseinrichtungen, die Schulen und zahlreiche neuerdings von den Städten eingerichtete oder doch finanziell geförderte soziale und humanitäre Einrichtungen bringen nicht nur viel Arbeit für die Stadtverwaltungen,' sondern auch erhebliche finanzielle Anforderungen, die um so erheblicher sind, fe rascher das betreffende Gemeinwesen wächst. Nicht alle diese Ausgaben fallen den Steuerzahlern direkt zur Last, denn viele sind werbender Natur und tragen dazu bei, das- die direkten Gemeindesteuern nicht ins Ungemessene wachsen, wodurch der Zuzug steuerkräftiger Elemente leicht unterbunden wird. Es kann also nichts dagegen eingewendet werden, wenn städtische Einrichtungen, die sich selbst erhalten und vielleicht darüber hinaus noch lieber» schüsse abwerfen, ganz aus Anleihen errichtet werden. Tie rasclse Entwicklung bringt es aber mit sich, daß auch unproduktive Ausgaben, z. B für Schulhausbauten, im all- yemernen au Anleihen gedeckt werden müssen. Auch das ift nickt bedenklich, wenn die Aufivendungcn über das tat» sächlicyc Bedürfnis nicht hiuausgehcn und für eine ausreichende Tilgung von vornherein gesorgt tvird. Wo diese Grenze ist, wird im einzelnen nicht allzu schwer zu finden sein, wenn von allen beteiligten Faktoren die Grundsätze beachtet werden, die Geh. EbersinanzratDr. Etto Schwarz hierüber in einem Aussatz über kommunale Anleihepolitik in der „Woche" aufgestellt hat.
Aus ber jeweiligen Laye der Einzelwirtschaften, aus deren Beutel die Gelder genommen toerden, ist die Grenze, das Matz dessen zu entnehmen, über das die Gemeinschattsentwicklung nicht lsinaus- qehen darf. Was hilft es dem einzelnen, wenn ihm die Gemeinschaft zu sei c auf Kotten seiner eigenen Entwicklung Vorteile und Anneyn:. .uleilen bietet, deren Kostenaufbringung ihm zu Hause unerträgiulie Epfer auserlcgt! Tas ist nichts als glänzendes Elend, eine Veräußerlichung des öffentliches Lebens, die, weit entfernt, in breitesten Kreisen Zufriedenheit zu schaffen, auf der einen Seite ungcmessene Begehrlichkeit weckt, auf der andern Seite tiefgel.ende Verdrossenheit großzieht. Ties gilt nickt nur von luxuriös ausgeführten Bauten und andern Städteversckönerun- gen, es gilt man mutz es aussprechen — ost selbst von Maßnahmen wirtschaftlicher, sanitärer, sozialer Natur. So unentbehrlich und nünsäienswert sic sind, darf man doch auch hier nicht mit Siebenmeileustiefeln einherschreiten wollen. Auch hier gibt es ein Maß, dessen Ueberschreitung diejenigen, zu deren Gunsten sie geschieht, letzten Endes selbst am bittersten empfinden werden!
Nun hört man vielfach in städtischen Kreisen, daß die Städte so gut wie die Staatsorgane in der Lage seien, das notweüdige Maß heransznsinden, daß sie selbst am besten wüßten, wie weit sie gehen könnten, und daß sie des Gängelbandes der Regierungsbehörden nickt mehr bedürfen.
Aber selbst der begeistertste Verteidiger der Selbstverwaltung wird zugeben müssen, daß in einem Gemeindemesen iveit mehr als im Staate eine einzelne Persönlichkeit, das Stadtoberhaupt, ober auch eine jeweilige städtische Partei die öffentlichen Finanzen in günstigem oder ungünstigem Maße beeinflussen kann. Ter allzu yroße Tätigkeitsdrang eines Bürgermeisters, der Uebercifer einer jeweiligen Mehrheit der Stadtvertretung kann in wenigen Jahren die Finanzen einer Stadt in einer für ein Jahrzehnt und länger verhängnisvollen Weise befefoveren! Zudem werden die Gemeindeverwaltungen und -Vertretungen meist geneigt sein, gegenüber dem starken (Glauben an die gesunde und glückliche Fort- enttvicklung ihres Gemeinwesens die Eventualitäten ungünstiger Faktoren zu gering anzuschlagen. Und doch sind die Gemeinden im weit stärkeren Maße als das Staalsyanze der Gefahr ausgesetzt, daß sie bei großen Wirtschaftskrisen — man denke an den Niedergang gewisser Industriezweige, die sich vielfach in einzelnen Gegenden lokalisieren —, bei technischen und Verkehrsumwälzungen, die manches Verniögcnsstück der Gemeinden vorzeitig entwerten können, bei kriegerischen Vorgängen, namentlich, wenn sie sich im eigenen Laude abspielcn, dem sinanziellen Ruin verfallen. Lier bleibt es Aufgabe der Aufsichtsbehörden, von höherer Warte aus dem übergroßen Optimismus der lokalen Behörden Dämpfer aufzusetzen!
Ans Stadt und Land.
Gießen, 6. April 1912.
• • Ordensverleihungen. Der GroßHerzog hat dem Faßeichmeister Jos. Schober in Bensheim, dem Faß» eichmeisier Hch. Becker in Gießen und dem Eichmeister Hch. Nett berg in "Nidda das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für langjährige treue Sienfle* am Bande des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.
” Lehrerpersonalien. Ernannt wurden die Schulverwolterinnen an der Höheren und Erweiterten Mädchenschule zu Gießen Hedwig Volke und Sophie Weber zu Lehrerinnen an dieser Schule unter Belassung in der Kategorie der Volksschullehrerinnen. — Erledigt sind: Die Stelle eines Neallehrers an dec Realschule zu Wimpfen; mit der Stelle ist Zeichenunterricht verblinden. Eine evang. Lehrerstelle in Osthofen.
"VomBerwalt u.n gSgerichtshof. Ter Gro ß- h erzog hat zu Mitgliedern des Verwaltungsgerichts- hofes für die Tauer des von ihnen» bekleideten Amtes ernannt: den ord. Prof, in der juristischen Fakultät der Landesuniversität, Geh. Justizrat Dr. Arthur Benno Schmidt in Gießen, den Vortragenden Rat im Ministerium der Finanzen und dessen Abteilungen, Geh. Eberfinanzrat Tr. Theodor Fuchs, die Eberlandesgerichtsräte Dr. Wilhelm Berchelmann, Aug. Fabricius und Herm. Sandmann, den vortr. Rat im Ministerium der Finanzen, Abteilung für Finanzwirtsclxaft und Eisenbahnwesen, Geh. Eber- finanzrat Dr. Ferd. Rohde, die Oberlandesgerichtsräte Johs. Wagner, Mart Pfannmüller und Gg. Dieffenbach, den Kreisrat des Kreises Worms, Geh. Rcgierungsrat Tr. Marl Kayser in Worms, den Kreis- rat des Kreises Groß-Gerau, Geh. Regierungsrat Tr. Eduard Wal lau in Groß-Gerau, den Eberlandesgerichtsrat Peter F l e i tz, den Mrcisrat des Kreises Friedberg Karl S ch l i e p- hake in Friedberg, den ordentlichen Professor in der juristischen Fakultät der Landesuniversität Tr. Wilh. van E a l - f er in Gießen. Ter Großherzog hat ferner den Oberlandesgerichtsrat Dr. Berchelmann für die Tauer seiner An- aehörigleit zum Berwaltungstzerichtshof zum ordentlichen Vertreter des Präsidenten dieses Gerichtshofes bestellt.
* * F i n a n z p e r s o n a l i e n. Ter G r o ß h e r z o g hat den Ministerialrevisor bei der Buchhaltung des Ministeriums der Finanzen Martin S t e f f a n zum Setrelariats- assistenten bei bem Ministerium der Finanzen, Abteilung für Bauwesen, mit dem Amtstitel „Ministerialrevisor", den Bureauassistenten bei der Buchhaltung des Ministeriums der Finanzen, Ministerialrevisor Wilh. Wandel zum Ministerialrevisor bei dieser Stelle uiw den Ftuanzasptrnnten Aug. Kümmel aus Wieseck zum Huuptsteueramtsassisten- ten ernannt.
* * Von der ob. Bergbehörde. Der Groß- Herzog hat den Bergassessor Ernst S ch e e r e r zu Darmstadt zum Bergassessor bei der Oberen Bergbehörde und der Bergmeistecei Darmstadt mit dem Titel „Bergamtmann" ernannt.
** Po st Personal-Nachrichten. Verliehen dem Postmeister Schmidt in Grünberg der Charakter als Nech- nungsrat; dem Eberbriefträger Bager in Laubach beim Scheiden ans dem Dienste das Preußische Allgemeine Ehrenzeichen in Silber. Ferner wurde verliehen: der Charakter als Postsekrelär den Ober-Postassistenten Kraußmüller in Oppenheim und L o r g e in Mainz-Kastel; den Postverwaltern M a l s y in Schlitz, Sturmfels in Flonheim und Weber in Oberramstadt: der Charakter als Telegraphensekretär dem Eber-Telegraphenassistentcn M a t t h e ß in Mainr; der Titel Ober-Postassistent den Post- assistenten Becker, Stodtmeister, Strohauer und W. Wagner in Mainz, I a n s o h n in Neu-Isenburg, Lampe in Gießen, Mohr in Bensheim, Moos, Schweitzer und Witzenberger in Darmstadt, Nessel und Pfaue in Offenbach, Rabenau und Töpfer in Worms, Sa u e r in Oppenheim, Thraum in Friedberg und Usinger in Alsfeld: der Titel Obcr-Telegraphenassistent den Telegraphenassistenten Heß, K i e s l i ch und Adam Ohl in Darmstadt, Mohr, Seeger und Siegt in Mainz und Nohl in Gießen sowie den Ober-
Postassistenten Hainer und K e u tz e r in Offenbach Versetzt: Eber Postpraktikant Kießler von Darmstadt nach Köln als Postinspektor: Eber Postpraltikanl Schaumann von Berlin nach Darmstadt: Ober Postsekretär Eberhardt von Alzen nach Arnstadt: die Postsekretäre Bonarius von Mainz nach Langen» berg (Rhld.h Maurer von Darmstadt nack MalbeittirdK« und Zimmermann von Nidda nach Bad Nauheim: Telegraphen- sekretär Ohly von Mainz nack Darmstadt: Ober Poftassistent Gut hi er von Vilbel nach Mainz: die Postassistenten Eck von Falkenstein lVogtld.» nach Worms, Geisel von Darmstadt nach Frankfurt, Walker von Worms nach Friedberg nnd Wolf von Mainz nach Franlsurt: die Telegraphenassistenken Ehrhardt von Worms, Spengler von Darmstadt und Wüst von Mainz nach .Hamburg, Natale von Darmstadt nach Köln, R o t h b r u st von Essen nach Mainz und Webel von Main; nach Berlin. Ernannt: die Postsekretäre Neitzel und Schiebelhuth in Darmstadt zu Ober Postkassenbuchhaltern. U e b c r t r a g e n: dem Postsekretär Spiehl aus Mainz eine Ober-Postsekretärstelle in Alzey, dem Telegraphensekretär Petersen aus Sonderburg eine Ober-Telearaphensekretärfielle in Mainz: bei der OberPost- direktion: dem Telegravhcnselreiär S ch u p p eine Bureaubeamtenstelle 1. Klasse, dem Telegraphenassistenlen Rechel eine solche 2. Klasse. Etats m äßig a n g e st e l l t: Postsekretär Jockel in Mainz, Telegraphensekretär ö e i l in Darmstadt: die Post- assistenten Brück b a u e r und Schnell in Worms, Int bet' ch e i d in Bingen, K a d e l und Weigand in Mainz, Keil in Alzey, Klinger, Rodrian und U l m in Gießen, K u r tz in Friedberg, M e l z e r , S a x e r und S t ü h l e r in Osthofen, Volz in Seligenstadt: die Telegraphenasfistenten Dürkes in Darmstadt, Günt h c r in Offenbach, Hotz, Kreiling und.P i n t b e r in Gießen, Schor ch und Strecker in Mainz; die Telegraphengehilfinnen Hahne in Mainz und Regina Lacher in Worms. B e st a n d e n die Poftassistentenprüfung: die Postgehilfen Appel in Londorf, Kröll in Guntersblum, K u f e r in Darmstadt, M a n- d e l in Zwingenberg, Rathgeber in Groß-Gerau und Ohift Wenner in Darmstadt: die Postanwärter Safer und Stüh- ler in Osthofen: die Telegravhenassistentenprüfung: die Telegraphenanwärter Kreiling in Gießen und Schorch in Mainz. Angenommen: zu Postanwärlern Vizefeldwebel Becker in Langen, Wachtmeister 23 lief 6 an in Offenbach und Vizeseldwebel Friedrich in Alzey;, zu Telegravhengehilfmnen: Karoline Arras in Mainz und Frieda M öchlin in Gießen: Ober Postschaffner a. T. Fekonia zum Postagenten in Bretzenheim und Witwe Marie G e n z l i n g e r zur Postagentin in Bürstadt. Freiwillig au s g e s ch i e d e n: Postgehilfin Knell in Darmstadt, Telegraplxmgehilfin Storck in Mainz sowie die Postagenten Kappes in Bretzenheim und Ofenloch in 23ürftabt. Gestorben: Postsekretär Gvl dmann in Darmstadt.
** Jubiläum des Gießener K a i s e r - Wilhelm-Regiments im Jahre 1913. Man schreibt uns: Schon jetzt regt es sich in allen Teilen unserer Provinz, um die ehemaligen Angehörigen des Jns.-Rcgts. Nr. 116 zusammenzuschließcn Für verschiedene Amtsgerichtsbezirke sind lose Vereinigungen gegründet worden, die nicht etwa, den bestehenden Kriegervereinen Konkurrenz machen sollen, vielmehr lediglich den Zweck haben, dem Regiment bezw. dem Festausschuß die Vorbereitungen zu erleichtern und Die würdige Durchführung des Festes zu ermöglichen. Die Arbeiten, die bis zu dem Fest zu bewältigen sein werden, sind ganz beträchtliche, wenn man bedenkt, daß jetzt schon in den zurzeit bestehenden Vereinen und Vereinigungen über 4000 ehemalige 116er zusammengeschlossen sind. In Gießen erwartet man zu dem Fest ungefähr 10 000 Kameraden, für deren Verköstigung und Einquartierung gesorgt werden muß. Auch fite den Amtsgerichtsbczirk Gießen Land soll nun eine lose Vereinigung ins Leben gerufen lverden, weshalb der Gießener Verein für den dritten Osterfeiertag mittag nach Gießen in den Lenzschen Felsenkeller zu einer Besprechung eingeladen hat. Aufgabe der zu gründenden Vereinigung wird es sein, in den einzelnen »Orten die alten Kameraden Ku sammeln, für jeden Ort einen zuverlässigen Obmann zu wählen, an den alle Schriftstücke, Quartierzettel usw. zur Verteilung gesandt werden. Im ganzen Bezirk herrscht großes Interesse für das Regimentsjubiläum, so daß angenommen werden darf, daß auch der hiesige Amtsgerichts-- bezirk beim Fest gut vertreten sein wird.
•• Zur Frühjahrsbestellung. Die Frühjahrsbestellung unserer Felder hat sich gegen das vorige Jahr um sieben Wochen verzögert. Nur hier und da hat jetzt die Hafersaat vereinzelt begonnen. Die Bearbeitung des Ackerlandes
Zrühlingrblumev.
Winter, der alte Mann, mit seinen traulichen Abenden am Herdfener, hat uns mm endlich verlassen. Auf den Höhen ist ja zn>ar seine Macht noch lange nicht gebrochen. Manchem Berge zieht er über Nackt noch jetzt eine weiße Nachtmütze über. Wie lange ist's her, daß hier im stacken Lande alles in eine einförmige weiße Decke gehüllt war? Unter ihr schien alles erstorben; und doch hier und da lebte es verstohlen. Manck)es Pflänzlein rührte und reckte sich. Schon um Weilmachten entfaltet die giftige Christrose ihre Blüten. Etwas zaghafter ist das Schneeglöckchen: aber kaum beginnt der letzte Schnee zu schwinden, erhebt es auck sckon vorsichtig sein Küpfcknm. Es leitet den Einzug der Frühlingsblumen ein. Bald regt es sich überall m Feld, Wald und Garten. Eine der ersten i)t der Wintersiem, der seine freündlicheu gelben Blüten schon Ende Februar entfaltet. Seine der Christrose ähnliche Blüte ist von einem Kranze kleiner grüner Blättchen umgeben.
Auch unsere sonst noch kahlen Sträucher beginnen wieder zum Leben zu erwachen. Sckon Mitte Februar öfhtet der Hase l- n u ß st r a u ch seine männlichen Kätzchen. Um die iveiblichen Blüten zu hoben, müssen mir schon etwas genauer zusehen. Sie sitzen in den Achseln der benachbarten Zweige und nur die zierlichen roten Narben belehren uns, daß wir es mit Blüten zu tun haben.
Kaum ist der letzte Schnee verschwunden, so beginnt ein anderer Strauch den Winterschlaf abzuschütteln. Ter Seidelbast entfaltet seine violetten wohlriechutden Blüten. Dieser sehr giftige Strauch, der hier im Schiffenberg er Wald vorkommt, ist nach dadurch bemerkenswert, daß die Blätter erst nach dem Verblühen hervorbrechen. Wenn die Früchte reifen, bietet er mit seinen scharlachroten Beeren einen entzückenden Anblick. Tie Magnolie spielt iwch lange Verstecken. Betreten wir unsere Vorgärten, so finden wir, daß deren Blüten id)»n jetzt vorbrechen wollen: jedoch dauert es im Durchschnitt immer noch bis Ende April, bis der Schein zur Wahrheit wird. Ein weiterer Strauch, dessen Blätter erst nach der Blüte erscheinen, ist die Cornel- kirsche. Mit seinen gelben Dolden prangt er eben in unseren Hausgärten. Auch F o r s y t h i a sieht man allenthalben in unseren Gärten blühen. Draußen an Waldwegen erfreut uns einsam Äühend der gelbe Hufla11ig. Freilich im Sommer bei dem allgemeinen Wettbewerb wäre er uns gleichgültig, aber eben, wo nur hier und da sich ein buntes Köpfchen zu erheben wagt, ist er uns ein willkommener Freund. Viel begegnet einem im
Sommer der gelbe Lerchensporn; in Gärten und auf Wald-1 wiesen sieht man jetzt häufig die weiße oder blaue Abart.
Jedermann kennt die niedliche blaue Scilla und den C r o c u s. Mit ihren gelben, blauen und weißen Blüten schmücken sie unsere noch öden Gärten. An den Hecken sieht man oft den Sauerdorn, der dadurch merkwürdig ist, daß ihre Staubgefäße reizbar sind. Berührt man sie mit einer Stecknadel, so klappen sie schleunigst nach der Narbe zu zusammen. An Bachrändern unserer Eichwälder ist das blaue Leberblümchen heimisch, die gelbe Primel und Schmalzblume und das Gänsenblümcyen leben zurückgezogen auf Wiesen.
Nach dem strengen Winter dauert es lange, bis alle diese Wesen den Schlaf aus ihren Augen gerieben haben. Daher muß sich manches sputen, um bei dem Frühlingseinzug nicht zu spät zu kommen. Vielen mangelt die Zeit, um die richtige Sorgfalt auf die Kleidung zu verwenden. So finden wir bei gar mancher dieser Frühlingsblumen die Blätter erst nach der Blüte. Soll doch wenigstens der schönste Sckmuck den jungen Freund begrüßen. Die Werk^uge, die dem eigentlichen Lebensunterhalt dienen, die Blätter, kommen oft erst später.
T)er Einzug ist nun vollendet und das Osterfest findet alle die luftige bunte Schar schon versammelt; aber einige haben noch auf es gewartet. Das Volk nennt diese Nachzügler Lfterblumen.
Draußen in unseren kahlen Wäldern ftnden wir jetzt die verschiedenen Anemonen. Die weiße finden wir überall, die gelbe ist sckon seltener. Sie verschwindet aber, sobald diese ausschlagen. Tic Küchenschelle war früher in unserer Gegend ein häufiger Gast. Aber ihre schöne blaue Blüte mit gelben Staubfäden reizte die Menschen, sie auszugraben oder wenigstens ht Sträußen mitzunehmen, so daß sie jetzt kaum noch zu finden ist. Ebenso hat die Unvernunft der Menschen das schöne gefüllte Schnee- gl ö ck ck e n im Hangelstein ausgerottet. Eine Pflanze sucht sich den Standort, der ihr am meistert zusagt, und alle Verpflanzungs- äenfte des Menschen schützen sie in fremdem Boden nicht norm Absterben. Ter Frühlingsenzian, dem ein ähnliches Geschick beschieden ist, lvächst noch heute auf den Wiesen bei Rödgen. Im Gießener botanischen Garten hat man ihn trotz aller Mittel noch nie überwintern können. Tte Bauernkinder bringen ihn in Sträußen in die Stadt, und beschleunigen so die Ausrotvmg; leider finden sich noch beute viele Unvernünftige, die diesen Unfug durch Kaufen von Sträußen unterstützen. Wo sehen unsere Feld- und Waldblumen am schönsten aus? In bei dumpfen Stube der Stabt oder in ber Freiheit, wv sie hingehören, ober ganz
unb gar im Knopfloch bes eitlen Gecken? ' Aus bie Aussterbelistel sind noch viele unserer Freunde aus Wald und Feld zu setzen. Menschliche Kurzsichtigkeit leistet hier Unglaubliches. Wie oft sieht man nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene, mit Riesensträußen beloben nack Hause zurückkehren. Was geschieht hier mit den armen Pflanzen'? Nach kurzer Zeit, wenn nicht noch am selben Tage, werden sie achtlos bei Seite geworfen, weil sie verweilt sind. Wie lange hätte sie uns draußen noch erfreuen: können. Es ist höchste Zeit, daß sich die Menschen auf sich besinnen unb diese an Roheit grenzende Beraubung unserer beimifd)en Fluren einftellen! Die Natur ist nicht nur für den Einzelnen, sondern für die Allgemeinheit geschaffen!
Zu den Esterblumen gehört noch die gelbe Narzisse, die in Gärten häufig anzutreffen ist unb in der Eifel wild wächst.
In unseren Laubwäldern grünt jetzt überall ein kleines Pflänzchen, das, so unscheinbar eS ist, doch eifrige Sucher hat. Wer fermt nicht den Waldmeister, das liebliche Maikraut?
So ist bis zum ersten Mai unbemerkt der Frühling mit feiner Blnmenprachi eingezogen. Ihm folgt der Sommer mit noch reicherer Entfaltung. Bald geht es ans Herbsten und rtrie lange wird es dauern, bis der Winter wieder unsere Fluren in seinen; weißen Pelzmantel hüllt?
Viele dieser Frühlingspflanzen sind dicht behaart, so bie Küchenschelle, Lungenkraut usw Diese Behaarung bient dazu, die wärmenden Sonnenstrahlen von der Pflanze ab^uhalten. Denn, könnten diese die unbedeckte Pflanze treffen, so würde so viel Wasser verdunstet, daß die Wurzel nicht schnell genug aus, dem immer noch kalten Boden den Wasservorrat ergänzen könnte. Woher nehmen nun diese Pflanzen, die so früh blühen, überhaupt ihre Nahrung? Wir werden ftndett, daß alle diese im Sommer die überschüssige Nahrung in Reservestoffbehälter aufspeigem, um sie in der Not aufbrauchen zu können. Auch hier kann uns die unvernünftige Pflanze ein Vorbild sein.
Schon im Altertum waren die Pflanzen die Freunde der Menschen. Wer wird vom H o 11 u n d e r str a u ch nicht gleich an das Märchen von Frau Holle, der Göttin Hulda, erinnert!? Unter der Eiche hielten die Germanen ihre Ratsverscnnmlungen. Mit ber Einführung des Christentums erlosch die Vorliebe unserer Vorfahren für die Pflanzen nicht. Der Him m e l s s ch l ü ssek öffnet den Frühlings Himmel, die E ft er bl um e läutet mit ihrer weißen Blüte das Osterfest ein. Die Christrose ftnden wir schon zur WeihnacAszeü.


