Aus Stadt und Land.
(Sieben, 8. Januar 1912.
•• ReichSgründungSfeier. Dian schreibt unS: In der ReichSgründungSfeier am 18. Januar, die die hiesige Ortsgruppe des Alldeutschen Verbandes in SteinS Garten veranstaltet, wird der künstlerische Teil bestritten werden von Frl. I. Stammler, Konzertsängerin, Herrn I. Hahn, Pianist, und dem Bauerschen Gesangverein. Die trefflichen Leistungen der Mitwirkenden sind in Gießen bekannt genug, um einen besonderen Hinweis auf die Gediegenheit deS Gebotenen zu erübrigen.
*♦ Schiklnb Wintersport, Gießen (Gießener Zu den unter dem Protektorat des Großher- zogs am 27. und 28. Januar auf dem Hoherodskopf statt- findenden Wettläufen hat der Klub ein sehr reich- haltiges und interessantes Programm aufgestellt, das im Interesse des Sports auch auf nicht im Deutschen Schi- Verband organisierte Läufer reichlich Rücksicht nimmt. Äußer einem Dauerlauf über acht Kilometer, der nur für Mitglieder des Klubs offen ist, finden folgende Rennen statt: Ein Hindernislauf, ein Dauerlauf, ein Alte Herren-Lauf, ein V o l k s l a u f und ein Jugend- lauf. In den beiden letzte Läufen, die völlig frei und jedermann offen sind, werden 16 Preise ausgesetzt, die durchweg in praktischen Gegenständen bestehen. Alle Anmeldungen sind bis spätestens 10 Minuten vor Beginn des Startes bei der Oberleitung an^ubringen. Das künstlerisch ausgestattete Programm, das in den nächsten Tagen erscheint und alle näheren Angaben enthält, wird auf Wunsch jedermann unentgeltlich zugesandt.
•* OeNentliche Lesehalle. Im Dezember wurden 2550 Bände ausgeliehen. Davon kommen auf: Erzählende Literatur 1137, Zeitschriften 476, Juaendichrüien 356, Literaturgeschichte 21, Versdichtungen und Dramen 36, Länder- und Völkerkunde 72, Kulturgeschichte 38, Geschichte und Biographien 117, Kunstgeschichte 24, Naturwissenschaft und Technologie 140, Leer- und Seewesen 34, Haus- und Landwirtschaft 14, Gesundheitslehre 6, Religion und Philosophie 34, Staatswlsscnschast 10, Sprachwissenschaft 14, Fremdsprachliches 12 Bände. Nach auswärts famcn 116 Bände.
Kreis Büdingen.
cq. Echzell, 6. Jan. Wir hatten heute Bürgermeisterwahl. Von den drei Kandidaten war Philipp Stoll am 3. Januar zurückgetreten, so daß Heinrich Friedrich Schultheiß und der Beigeordnete Friedrich Schmidt zur Wahl standen. Es wurden 346 Stimmen abgegeben. Ans den bisherigen Beigeordneten entfielen 272. Er gilt somit als gewählt. Musikverein und Gesangverein Frohsinn brachten ihm am Abend ein Ständchen Die übliche Maien wurde gesetzt, worauf in den Wirtschafte^ das herkömmliche Eintrinken begann. Wir stehen jetzt vor der Wahl eines Beigeordneten.
Kreis Lauterbach.
~ Freiensteinau, 7. Jan. Einen Akt brutaler Roheit haben sich hier einige auswärtige Burschen zu schulden kommen lassen. Der hiesige Ortsgei st liclje lva: von einem Gange zur Post aus dem Nachhauseweg begriffen als er vor der Wohnung des Bürgermeisters Rasch während der Dunkelheit von einigen Burschen belästigt und bedroht wurde, so daß sich der Gastliche genötigt fühlte den Bürgermeister um Hilfe anzurufen. Bei dessen Erscheinen ergriffen $mar Sie Täter die Flucht, nahmen a6ci ,als sie von dem Bürgermeister verfolgt wurden, auch gegeh diesen eine drohende Haltung an, so daß er nach Hilfe'rufen mußte. Als hierauf einige Bewohner hinzueilten, kam es zwischen diesen und den Burschen zu einer Schlägerei, in deren Verlauf zwei hiesige Bewohner durch Messer- stiche verletzt wurden, sogar eine Frau, die ihren Mann zurückhalten wollte, erhielt einen Stich in den Oberarm. Die Täter konnten von der Gendarmerie als junge Burschen aus dem preußischen Orte Kressenbach ermittelt und zur Anzeige gebracht werden.
Kreis Schotten.
§Utf a, 7. Jan. Die Gemeinde Hebamme Frau Margarethe K o ch konnte gestern auf ihr 2 5jähriges Dienstjubiläum zurückolicken. — Ta auf der hiesigen dritten Schulstelle sehr häusig Lehrerwechsel stattsin- det, was nicht im Interesse der hiesigen Schuljugend gelegen war, so faßte der O r t s v o r st a n d oen Beschluß, auch die dritte Lehrerstelle definitiv zu machen, damit stabilere Verhältnisse in den Schulen eintreten. Ta aber nur zwei Lehrerdienstwohnungen vorhanden sind, so soll einem Lehrer eine angemessene Wohnunysvergütung zugewiesen werden. Die Kreisschulbehörde steht dem Vorhaben der Gemeinde im Interesse eines geregelten S.chul- betriebs sympathisch gegenüber.
Kreis Friedberg.
b. Butzbach, 5. Jan. (Gemeinderatssitzung) Anwesend : Bürgermeister Flach, Beigeordneter Heil, die Geincinde- ratsmitglieder: Grauer, Heil, Hend, Küchel, Müller, Appenheimer, Tröster, Dr. Vogt. Vor Eintritt in die Tagesordnung gratulierte Oppenheimer namens der Baukommission dem Medi- jinalrnt Dr. V v g l für seine 25 jährige Wirksamkeit als Gemeinde' rat, alsdann ebenfalls der gesamte übrige Gemeinderat. z. Bogt dankte und gab der Hoffnung Ausdruck, daß er dies Amt auch fernerhin in der seitherigen Tätigkeit ausüben könne. — ,Tcn Antrag der Taukommisüon, wegen Neuregelung der Beerb'.gungs- kosten bezw. Festsetzung des neuaufgestellten Tarifs, beantragt Bürgermeister Flach zu vertagen bis der neue Friedhof durch die Feldbereinigung überwiesen und angelegt sei, und den Tarif in der neuen Friedhofsordnung vorzuiehen. Oppenheimer^ verlangt Vorlesung des von der Daukommission ausgestellten Tarifs, da die Ausstellung desselben beschlossen sei. Dr. Vogt liest den Tarii vor. Hehd beantragt einen Zusatz bezüglich der Konten für den Transport einer Leiche vom Fricdhose bis zur Bahn. 2em Anträge wird stattgegcben. Hierauf wurde der Tarif angenommen. Oppenheimer verlas als Berichterstatter die von einigen Jnteressenren gegen den Ortsbauplan zwischen Main-Weser-Lahn- und Griedlerstraße erhobenen Einwendungen und berichtete übet die von der Kommission gefaßten Beschlüsse, die angenommen werden. — Vorlage des Gutachtens des Ingenieurs Dr. Heyd von Darmstadt. Gemeinderat Heyd verliest als Berichterstatter der technischen Kommission das von Ingenieur Dr. H e y d ausgearbeicete Gutachten über die Erweiterung der Kläranlage, sowie das Prolo- loll der technischen Kommission. Beigeordneter Heil rügt einige Anstände und macht andere Vorschläge. Oppenheimer schlägt vor, von Dr. Heyd einen Kostenanschlag über fein Projekt einzusordern, auch wäre es wünschenswert, wenn Beigeordneter Heil über fein Projekt einen .Kostenanschlag vorlege. Tröster stellte hierauf d:esen Antrag, der angenommen wurde. — Zum Antrag der Baukom- mission, betreffend Ortsbauplan der Stadt Butzbach, zwischen Taunus- und Gießener Straße, hier Einspruch der Direktion der Main-Wefer-Bahn, verliest der Vorsitzende der Vau- kommission Dr. Vogl die Beschwerde der D^cest n der Main- Weser-Bahn und mehrerer Grundbesitzer. Nach langer Aussprache wurde beschlossen, die projektierte Straße längs des Bahnkörpers zwischen Taunus- und Gießener Straße ausfallen zu lassen und über eine neu zu projektierende Straße später Beschluß zu fassen.
Starkenburg und Wljrinlicffrn.
R.B. Darmstadt, 7. Jan. Der erste Hofball, der gestern abend im Residenzschloß stattfand, war von rund 300 Teilnehmern besucht. Das Großherzogspaar eröffnete den Ball um 8 Uyr durch einen Rundgang, wobei der Großherzog die Prinzessin Friedrich Karl von Hessen führte, während die Großherzogin vom Landgrafen Chlodwig von Hessen geleitet wurde. Weiter folgten die Land- grafin Chlodwig, die Fürstin zu Jsenbnrg-Birstein, die Fürstin zu Solms-Hohensolms-Lich, die Prinzessin zu Löwenstein, die Prinzessin zu Jsenburg-Birstein, Gräfin Wilhelm ;u Solms-Laubach, die Prinzessin zu Solms-Braunfels, die Prinzessin zu Neuß, Prinz Christian von Hessen, Graf zu Erbach-Erbach, Prinz Leopold von Isenburg-Büdingen, Prinz zu Löwenstein, Prinz Ludwig zu Solms-Hohcnsolms- Lich, Prinz zu Stolberg. Ferner waren der russische und >er englische Gesandte und die drei Minister mit ihren Tarnen, sowie zahlreiche hohe Beamte und Offiziere, die oschargen u. a. m. zugegen. Die schmucken Galauniformen ■er Stcnldesherren belebten das farbenprächtiae Bild, das ie Hofbälle stets bieten, noch mehr. 11m 101,4 Uhr wurde der ^anz unterbrochen und in den Nebensälen das Abendessen inqenommen. Die Tafel- und Dallmusik stellte die Kapelle des 115. Infanterie-Regiments. Die Ballfestlichkeit ehnte sich bis nach 1 Uhr nachts aus. Heute mittag fand m Residenzschloß eine Frühstückstafel zu 31 Gedecken statt, zu der der Großherzog sämtliche hier weilende Standesherren eingeladen hatte.
Kreis Wetzlar.
O Kinzenbach, 6. Jan. Um den Sparsinn der Jugend zu fördern hat die Spar- und Darlehnskafse mit dem 1. Oktober 1906 den Sparkartenverkehr ein* geführt. Es wurden im abgelaufenen Jahr 629 Karten zu 10 Pfg., 921 Karten zu 20 Pfg., 1610 Karten zu 50 Pfg. und 3649 Karten zu 1 Mk., mithin 4701.10 Mk. bei der Kaffe angelegt. Dre Karten werden wöchentlich durch den Vereinsdrencr ausgegeben und am Schlüsse des Vierteljahres dem Abnehmer in sein Sparkassenbuch gutgeschrieben. Für unsere Jugend sind auf diese Weise seit 1. Oktober 1906 27101.50 Mk. verzinslich angelegt worden.
X Dorlar, 6. Jan. Gestern würde der Kauf einer vorzüglichen Quelle in dem Wiesentälchen nach Bubenrod (Gemarkung Waldgirmes) zum Preise von 4300 Mk. vollzogen. Die Wasserleitung wird besonders für den am Berg gelegenen Teil des Dorfes ein Segen werden, wo zur Sommerzeit alle Brunnen versagten. Die Anlage hat natürliches Gefälle und wird im Frühjahr in Angriff genommen. — Um eine geeignete Verbindung mit Gießen herbeizuführen, besteht nach wie vor der Wunsch, daß Dor
lar einen Haltepunkt an der Strecke Gießen-Wetzlar erhält. . , _
_Wißmar, 5. Jan Ter Gastwirleverband Krof- dorf-Rodheim und Umgegend hat beschlossen, sein W i n t e r s e ft am Mittwoch, den 17. Januar, bei Gastwirt Wolf hier abzuhalten.
= Hohensolms, 5. Jan. Der Zusammenlegung der Feldmark ist nunmehr die Wasserleitung gefolgt. Während ihre Quelle am naljen ,Lappenberg" liegt, wurde auf „dem Hals" der Hochbehälter angelegt. Am 2<. Ja- uuar soll das Werk seiner Bestimmung übergeben werden.
Hessen-Nassau.
L. F u l d a, 6. Jan. In dem im Bau befindlichen Kalischachte der Gewerkschaft Herfa ereignete sich ein schwerer Unfall. Zur Nachtschickst waren acht Leute in dem Schachte mit Erdarbeiten beschäftigt, als einer der mit Erd- und Steinmassen gefüllten Färber korbe, wahrscheinlich infolge nicht richtigen Funktionierens der Klappen, seinen Inhalt wieder in den Schacht auf die dort arbeitenden Leute entleerte. Ein Arbeiter wurde so |chwer ac< troffen, daß er sofort tot war, die anderen erlitten leils> | schwere, teils leichtere Verletzungen.______________
Nachweisung über den Stand der Maul- und Klauenseuche in Hessen vom 30. Dezember 1911 btd 5. Ian. 1912.
Kreis:
Am 30. Dez. waren verseucht:
Boni ti -.
bis 5. Januar nd neu oe» - feucht:
Von» du. Lez. bis 5. Fauuac ni die Seuche erlolchen in:
Darmstadt .
Arheilgen
Weiterstadt
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'pensdemr .
Bensheun,
—
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Ticburg .
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itrbach . .
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Groß-Gerau
Wolldor', Mörfelden Bischofsheim
Gr-Gerau,
Hevpenbeim
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Offenbach. .
Offenbach, Langen, Obeitshaufeu, Offen-
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lhal, Rembrücken, ftiein- Krotzenburg, SUetn- Aiideim, Hainstadt,
Gießen
Jügesheim, Egelsbach Langsdorf, Hungen, Lich,
Leihgestern
Beuern, Birk-
Birklar, Warbenteid), Llllingen, Nieder- Besüngen, Beuern, Grünmgen, 'Muschen- heim, -Mainzlar, Großeil-Linden
lar,Steinberg
\>U^elb . . .
Kirfchgarten, Schadenbach
—*
Kirschgnrien
Büdingen. .
Echzell, Ranstadt. Ltock- heim, Ober-Mockstadt. Lorbach, Leidhecken, Düdelsheim, Tauern- heim, Eckartsborn, Lindheim, Effolderbach, (tflauberg, WeningS
Beienheim, Brüchen-
Lder-Mock- üadl, Eckarts- bom, Echzell
Friedberg- Fauerbach,
Friedberg .
Melbach
bviicfen, Friedberg-
Fauerbach, Ober-
Ober-Flor-
Eschbach, Dorheim, Kirch- gönS, Ilbenstadt, Reichelsheim, Ltieder- Weiiel, -Utaffenbeim, OpperSbofen, Keuchen,
Habt, o lab en
Ttaden, Rodheun,
Ober-Floriladt, Pohl- Göns, Bad-Nauheim, Obcr-Aiörlen
Lauterbach.
Angersbach, Pfordt, putzdor^, llellershausen, Bernshausen, Oberweg-
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Schotten . .
Freieuseen, Rudingshain,
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Bretzenheun, Alarienborn,
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Breitenheim,
Lladecken, Gonsenheim,
Gonsenheim,
Sörgenloch
'Marienborn
Alzey....
Weinheim, Badenheim
Bosenheim
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Bingen . . .
(tzennngen Engelstadt,
Windhäuser
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Groß-Winternheim
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Schwabs-
Oppenheim
Bechtolsheim, SchivabS- burq, Guntersblum,
—
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Wald - Ilelversheim, Dienheim, Selzen
Worms. . .
Dittelsheim, Alsheim,
Abenheim,
—
Bechhleim, Bermersheim
Osthofen
€uftjd>ifyabrt.
Frankfurt a. M., 6. Jan. Zum diesjährigen Zuverlässigkeitsflug am Oberrhetn hat Prinz Heinrich von Preußen, wie gemeldet, mit allerhöchster Genehmigung das Pro
waren ungefähr 20 Säle und die übrigen konnten wir von unserer Abteilung aus nicht erreichen. Ein jeder Raum war überfüllt, kampieren hier doch im Winter häufig in einer Nacht 3000 bis 4000 obdachlose Menschen, erschütternde Zahlen, wenn man die Lage dieser Obdaästosen bedenkt, die nichts besitzen, als was sie auf dem Leibe tragen und das ist ltoch notdürftig genug.
Allmählich wurde cs ganz still, alles war in einen bleiernen Schlaf gesunken. Stundenlang hörte man mm nichts mehr in den öden kahlen Räumen, als das Stöhnen und Schnarchen von Tausenden, unter denen manche hier die einzige Erholung von ihrer schweren täglichen Arbeit finden. Nur ab und zu Ivars sich einer der Schläfer noch herum oder wickelte sich fester in seine Tecke, als die kühle Morgenluft durch die Fensterluken eindrang und ein kalter Zugwind Über die Schläfer dahin fuhr.
Grau zog die Morgendämmerung herauf, unter den Schläfern begann es sich zu regen, man um sch sich, zog seinen Rock an uiti> packte seine wenigen Habseligkeiten in ein Bunde! zusammen. Irgendwo schlug eine Uhr fünf. Ein Schlussel rasselte, ein Wärter rief durch die Tur: „Aufstehen!" und schon fiel die schwere Tür wieder ins Schloß. Mau tief ihm Schimpfreden nach, denn niemand ist mehr gehaßt von diesen Leuten als diese oft rücksichtslosen Wärter. Soll es doch schon vorgekommen sein, daß einzelne Wärter von den Rowdics.derart^zugerichtet worden sind, daß man sie tot hinaustragen mußte. Seit der Zeit sollen die Beamten Gummiknüppel tragen, um gegen derartige Ueberfülle gewappnet zu fein. Nachdem das Kommaiido ertönt war: „Decken zusammen- legcn!" kam das Frühstück an die Reihe, das aus einem Stück Schwarzbrot und Mehlbrei bestand. Jed»nn wurde eine dicke Schnstte Schlvarzbrot in die aufgehaltenen Hände geworfen, wäh- rend die Mehl suppe sich ein jeder in i einem Blechnapf ablwleu mußte. Die Brotschnitten mürben von den meisten mitgenommen, denn vorm Tore warteten Leute, die für einen „Seckyer" die Schnitten auf» kauften. Eine große Anzahl verschwand foiort mit den wenigen Pfennigen, die sie auf diese Weise verdient halten, in den nächilen Testillen, um sie dort in Sckmaps umzusehen. Für manche der Asylisten kommt nock) eine recht peinliche Sache: die Revision. Einzelne — bei allen würde es zu lange dauern — werden nämlich stets herausgegriffen und die Insassen verwarnt, d. h. es imrb ihnen gesagt, daß sie nur noch fünfmal im selben Monat wiederkommen dürfen. Hierbei werden ihre Personalien festgestellt, und manch guter Fang ist den stets anwesenden Kriminalbeamten hierbei geglückt.
Nach einer langen halben Stunde ließ man uns endlich hinaus, eilig drängten die Wartenden dem Ausgang zu, denn dort hleiben durste tagsüber keiner.
Es mochte halb sieben sein, als mein Freund und ich dem Zentrum der Stadt rtxieber zuwanderten — als ich zurückblickte, sah ich die Straßen angefüllt von bunberten und aberhunderten der verkommensten Gestalten, dem Abschaum einer drei Millionenstadt. Langsam zefitreuten sich die Mensck-enmassen, um in den unentwirrbaren geheimnisvollen Verbrecherwinkeln der Weltstadt ihr elendes Dasein weiter zu fristen.
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®"ncral Nogi gegen die zunehmende Verweichlichung.
Aus Tokio wird den M. N. N. berichtet: General Nogi, der Sieger von Port Arthur und seit einigen Jahren Direktor der Tokioer Adelschule, hat in der Zeitschrift ,Litsugio-Club" (Geschäftswelt) einen Aufsatz solgenden Inhalts verösfmllicht:
„3d) bin vom Lande und weiß nicht viel von der Welt. Und doch tut es mir immer weh, wenn ich sehe, wie heutzutage die jungen Leute bei uns sich immer mehr gehen lassen. Was kann denn ein junger Mensch Besseres tun als wie der Baler mit Hacke, Spaten und Pstug den Boden seiner Väter bewirtschaften? Und doch deucht das unsere jungen Leute geradezu eine Schande. Mag es sein, daß es noch nützlichere und edlere Beschäftigungen, noch bessere Methoden gibt, seinem Balerlande zu dienen, aber mindestens darf der Sinn für hatte Arbeit nickst verloren gehen. Ein Jammer ist es, zu sehen, wenn heutzutage junge Leute Arbeft als ein liebel anfehen, das möglichst umgangen, vermieden werden müsse. Kein Wunder, daß die körperliche und geistige Rüstigkeit des Volkes reißend schnell abnimmt, .»eute hört man von nichts mehr reden als von der lvachscnden Schwierigkeit des Lebensuuierhalts: mag hierfür die Steigerung der Lebene-mittelpreise teilweise l»erantwott- lick) mi machen jein, die Hauptursache zu solchen Klagen trägt doch der Luxus, tragen die ausschweifenden Gewohnheiten unserer Tage. Wer heute int Kampfe ums Dasein den kürzeren zieht, dem ist eben ntcht zu helfen, denn er hat sich selbst durch seinen Vang zur Be- queniüdile-.t geschwächt, zu ernster Arbeit unfähig gemackst. Glücklid) daher die, welche noch jung genug sind, um vor Betreten dieses Irrweges beizeiten umzukehren.
Zunäckist müssen wir uns bestreben, aus der Jugend körperlich kräftige, widerstandsfähige, wetterfeste Individuen zu mad)cn, die vor keiner Strapaze unb Anstrengung zurückschrecken. Hierzu ist ein entsprechendes Beispiel der Eltern und Erzieher unbedingt vonnöten. Nirgend auf der Welt wird so wenig Wett auf die körperliche Entwicklung gelegt wie in Japan: kein Wunder, bafj wir Japaner so wenig leisten, so früh altern. Früher hat auch der Japaner einfacher gelebt, mehr gearbeitet und war wetterfester als batte. Ich kann nie begreifen, wie ein Mensch sich beklagen
kann, er könne seinen Unterhalt nicht verdienen. Irgend eine einfache Arbeit gibt es immer, die, mit Ernst und Eifer betrieben, ihren Mann ernährt. 'Die alten Krieger nxrrtcten nickst erst, bis der Feind das Tor zu stürmen begann, sie übten Selbstzucht in allem und jebem, was sie taten, unb waren so beständig geltählt und geschult und famtffbereit. So ist es auch heute."
Ernste Worte, die zum Teil auch für uns Europäer Geltung haben.
— Schnee in den Bergen. Trotz der milden regnerischen Witterung, die in den letzten Tagen des vergangenen lialnes in den Niederungen herrschte, trugen doch einige Mittelgebirge eine zum Schisport geeignete Schneedecke. Sv wurde bis zum 31. Dez. der Kreuzberg (Rhön) von zahlreichen Schiläufern besucht, die ganz gute Schneeverhaltnisse antrafen. Auch auf dem Hohervds- topf war an verschiedenen Tagen der Schilauf möglich. Endlich werden aber auch ictzt tiefer herab im Gelurge ausgiebige Schneefälle zu ermatten sein. Sehr kalte Luftmassen,' die schon seit einigen Tagen über Nordosteuropa tagen, erniedrigen die Temperatur der warmen ozeanischen Luftwirbel, so daß auch in Mtttel- eurvpa Abkühlung eintritt.
— Das letzte Gedicht Felix Dahns. Der verstorbene Dichter hat für den Musen-Almanach des nächsten Presseballes noch einige markige Verse geschickt — wohl die letzten, die er geschaffen. Sie lauten:
Das höchste Gut des Mannes ist fein Volk: Doch dieses Volk ist formlos, rechtlos, schutzlos Dem Feind, dem Nachbar hilftos preisgegeben: Dem Volk Gestalt und Schutz gibt erst der Staat, Drum ist das höchste Gut des Volks sein Staat.
Breslau, 27. Dezember 1911. Felix Dahn.
♦ A ufsatzblüten, die er während seiner Tättgkeit sammelte, stellt ein Lehrer der Tapl. <Runbfdxni zur Verfügung: „Wenn wir in bie Wissenschaften einbringcn, kommt es ost vor, daß wir über einen dunklen Punkt stolpern." — „Abends werden bie Mcnfckcn auf den Straßen immer weniger." — „Klopstock zieht die Bilder an den Haaren fcrbei, so daß sie dadurch an Schönheit verlieren." — „Hoch ist das Gefühl eines mit Nutzen gereiften Mannes." — (Aus einem Aufsatz über „Kabale unb Liebe") - „Die Höflinge der damaligen Zett waren wie glatte Aale, die nach oben hin Kratzfüße machten und nach unten hin austraten." — „Ladh Milford hat die Sache der Unschuld oft mit einer buhlerischen Träne getrocknet."


