Ausgabe 
8.1.1912 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 6

Zweites Blatt

162. Jahrgang

ftrlcbetni tLqllch mit Au-nabme beS komuaqS.

Dv ^Gietzener FamkliendlöNer" roerben 6em .yn^eiaer* viermal wöchentlich beigelegt, bat Krettblatl für de» Krets Eictzen" zweimal wachen kl ich. Die .^aadwirllchaftllchen Lett- frage»- erscheinen monatlich iroeimaL

General-Anzeiger für Oberheffen

iilontag, 8. Januar 19(2

9to(anoii6bma tmb Verlag oei Br übliche» Umuerntäis - Bnch- und SiembnidereL

3L V q n q e. Gießen.

-levaknon. EroediNon und Tnideret: Schul* ftrnKe 7 Eroev l»on und Bering 5L SRebaftion:e=tti# 112. rel.-Adr.:Aiize,gerLieven.

Line Kundgebung de; ljanfnbundes in Kietzen.

Gießen, 8. Januar.

Die öffentliche Versammlung des Hansakmndcs, in der am Samstag abend der Präsident des Bundes, Geh. Juftizrat Pros. Tr. Rießer über die Befreiung des Bürgertums sprach, gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung der G eßcner Bürgerschaft. Der Saal des Colosseums war bis auf den letzten Platz besetzt, auch zahlreiche Damen und auswärtige Mitglieder und Freunde des vansabundes waren erschienen.

Der Vorsitzende, Ttadtv. L. Petri II., begrüßte die Ver­sammlung und dankte für das zahlreich Erscheinen. Er ver­breitete sich kurz über die Ziele des tzansabundes, wies auf die vom Hansabund angcbahntc Einigung der beiden liberalen Par­teien und bezeichnete a. Ziel der bevorstehenden Reichstagswahl die Wahl von Vertretern aus dem erwerbenden Stande, damit den deutschen Arbeitern lohnende Arbeitsgelegenheit geschaffen werden könnte. Der Präsident des Hansabunhcs s i h ute hierher gekommen, um zugunsten der Kandidatur Erkelenz zu sprechen. Er heiße ihn herzlich willkommen.

Geheimrat R i e ß e r , der mit lebhaftem Beifall begrüßt wurde, versprach im Gegensatz zu den zahlreichen Gegnern des Bundes, fack'lickw Ausführungen. Er wicS dann daraus hin, daß In dustrie, Gewerbe und Handel heute dieselbe Stellung im d'sts.ticn Wirtsckwstslebcn eiunehmen, wie in den sechziger Iah eu die Landwirtschaft. Tic gewerblichen Stände hätten aber nicht die politische Macht, die nach wie vor der Großgrundbesitz bes'he Dieser halte sie nach wie vor fest und beherrsche das politisckw Leben durch den Bund der Landwirte, dessen gegenwärtige Lei­tung lediglich auf Erhaltung der Vorherrschaft des Großgrund­besitzes ausgehe. Er behaupte die politische Macht vor allem durch die ungerechte Wahlkreiseinteilung im R ich und in Preußen und durch seine Vertretung in den 1. Kammern. Man wolle diese Vertretung nicht beseitigen, sondern bloß auch den andern Ständen, den Bauern, Handel und Gewerbe dieselben Rechte in gesunder Mischung «erringen. Die Leiter von Großbankm hätten ebensogut öffentlich-rechtliche Pflichten wie der Großgrundbesitz, deslwlb sollten sie auch dieselben Rechte haben. Es sei darauf hinzuwcisen, daß jeder Fortschritt des Bauernstandes g^gen den Widerstand des Großgrundbesitzes und des Junkertums errungen werden mußte. Tic Schutztruppc des Junkertums sei der Bund dcr Landwirte, dessen leitende Stellen ganz in deii^ Händen des Großgrundbesitzes liege, während er die übrigen Stände ledig­lich seiner Freundschaft versichere. Dies hab? sich namentlich bei der Rcichsfinanzreform gezeigt, in der Mlchnung der Erb­schaftssteuer, die doch den Bauernstand so gut wie gar nicht getroffen hätte. Der Bund der Landwirte habe sich bei feiner Gründung eine große und schöne Aufgabe gestellt, nämlich den Schutz und die Förderung der deutschen Landwirtschaft. Es gebe niemand, der nicht die Förderung der Landwirtschaft wolle. Die Leitung des Bundes der Landwirte sei aber über das ursprüng­liche Ziele weit hinausgegangen, >ndem iv neben der Förderung der Landwirtschaft auch die politische Macht allein in ihren Händen haben und den anderen Erwerosständen nicht die gleiche Förderung und Berücksichtigung emräumen wolle. Industrie und Exportwirtscl)ast seien nötig, um dem ständigen Bevölkerung^ zu wachs den Lebensunterhalt zu verschaffen. In diesem Sinne erfüllen Gi.poriinbuftric und Handel eine eminent nationale Aus­gabe. Es sei nvabstrcitbar, daß durch bie Industrialisierung Deutschlands auch dec inländische Markt sich gehoben habe. Ter Bund der Landwi'ke handle auch in guten Zeiten nach dem GrundsatzLerne Nagen ohne zu leiden". In guten Zeiten kämvse er um die politische Macht, in schlechten handle er nach dem Grundsatzwarum soll es einem andern Stand, besser gehen als uns". Ter Build der Landwirte habe die ödeste Jn- teresscnpolitik in das politische Leben gebracht. Er habe aus eigennützigen Gründen die Goldwährung bekämpft, er habe den Ausbau des Kanalfyftcms bcluinm't, das wir zur Verbilligung der Produktionskosten brauchen Ter Bund der Landwirte habe dem Kapital den Krieg angetündigt, trotzdem ohne das Kapital die ungeahnte Entwickelung unseres Wirtschaftslebens unmöglich ge­wesen sei. Ter Kamps gegen das Großkapital, das doch auch der Landwirtschaft genutzt habe, und gegen das Unternehm-er- tmn, werde vom Bund der Landwirte geführt^und die Ausdeh­nung des Staatsmonopols gefordert. Wer wisse, wie die staat­liche Kontrolle alle neuen Unternehmungen hindere, der tmfie

auch, daß wir dem priva'en Kapital den ungeahnten Aufschwung unserer Wirlschaftscntwickelung zu verdanken haben Der Handel, der durchaus werlerhöhend nrirfe, werde durch G setze und En­queten beunruhigt und damit die Freude an der Arbeit getötet. Der Bund dcr Landwirte habe mit seinen Freunden, zu bereit namentlich auch die Antisemiten gehören, vor allem di Ver­waltung bcsct-t. Plan könne dies nicht durch Zahlen belegen, aber man fühle, daß agrarisch Trumvs sei Tas sehe man an der Art der B'handlung von Anträgen, die Handel und In­dustrie nutzen sollen Handel. G'werbc und Jndust i 'ra'-cn der grössten Teil dcr St-mtslasten und nehmen demgegenüber ein< geradezu klägliche Stellung im Staotsleben ein, namcut icki im Rcick>stag und preußischen Abgeordnetenhaus Nach ein r Dar­stellung des Bundes der Landwirte betrage dcr Wert der land­wirtschaftlichen Produktion 12 Milliarden, der der industriellen Produktion K Milliarden. Tas sei von einer dem Landwirte­bund frcundl. ?n Seite dahin richtig gestellt worden, daß dir industrielle Produk'.ion Teutschlands 36 Milliarden betrage, aber trotzdem bleibe man bei dieser falschen Behauptung, namentlich auch aus den 17 Millionen Postkarten, mit denen dcr Bund der Landwirte ganz Deutschland überschwemme. Der Bund der Land­wirte verlange den sog. lückenlosen Zolltarif und Tr Diedrich Hahn habe es ausaevlaudert, daß die agrarischen Zölle wesentlich erhöh' werden müßten. Jetzt, vor der Wahl, sei man all?rdings^da> von still, aber nach der Wahl werde man schon damit kommen. 2? sei durchaus nach dem Grundsatz gebandelt,dir das Wasser und mir der Wein". Ter Bund der Landwirte verlange in einer Tenkschrift eine Kontrolle der Kreditgewährung durch staatlich agrarische Kommissionen. Ter angeblich so mtttelstands'rc"nd lick'? Bund der Landwirte unterhalte selbst große Wircnhä'iser und wende das Stiftern der Boykottierung gegen hie en, die dem Hansabund freundlich sind. Ter Bund der Landwirt' gebe dem Zwischenhandel die Schuld an der Teuerung. Er vcrbche Halchw'-ck und Industrie, Arbeitgeber und Arbeitnehmer. G'leistet habe der Bund der Landwirte für den Mittelstand und beson>e-s für das Handwerk in der langen Zeit seines Bestehens nichts. Von diesem agrarischen Zukunstsstaat wolle man nichts wissen, des­halb gelte der Kampf dem Bund der Landwirte und den von ihm abhängigen Elementen. Man könne nur einen Kandidaten wählen, her wie Herr Erkelenz auf dem Boden der unbedingten Gleichberechtigung aller Stände stehe und dabei die schwächeren Glieder stützen wolle. Man müsse einen Kandidaten wählen, der alle Staatsstcllcn nach dem Grundsatz der unbedingten Gleich Berechtigung besetzt haben wollte, ohne Rücksicht auf, den Stand, dem der Kandidat angehöre, auch die diplomatischen Stellen. Man könne auch keinen Sozialdemokraten wählen. Ter deutsche Arbeiter brauche mehr als alle anderen Staube ein starkes Heimats- und Staatsgefühl. Er brauche keine Versprechungen auf den Jukunftsftaat, sondern Förderung in dcr Gegenwart. Er O"R ebner) könne auch nicht billigen, daß eilt Flugblatt der wirtschaftlichen Vereinigung ihren Kandidaten als den allein nati-maf zuverlässigen bezeichne, er betrachte den Patriotismus als etwas selbst­verständliches. das man niemand absprechen dürfe 'lebhafter Beifall). Es müsse aber verlangt werden, daß man

alle Verbesserungen auf dem Boden dcr jetzigen staatlichen Zustände erftretr. Ter sozialistische Zukunftsstaat habe keine Zukunft, denn er vernichte die Persönlichkeit, die nach einem Ausspruch Goethes höchstes Glück der Erdenkinder sei.. Wer am 12. Januar einen Sozialdemokraten wähle, weil er unzufrieden sei versündige sich an sich selbst und am Vaterland. Jeder Deutsche habe ja sein eigenes politisches Programm, aber es gelte, bi ei !CRt zurückznstellen und wie die Gegner, namentlich die Sozial­demokraten und das Zentrum, eiserne Disziplin zu üben und wie diese den unbeugsamen Willen zur Macht zu fraben.. Man dürfe nickt weiter wursteln, jeder sei auch in der Politik seines eigenen Glückes Schmied. 'Ter große Gedanke des 12. Januar sei, den einseitigen Agrarstaat mit seiner Bindung abznschaffen zugunsten eines Staates, b"r der freien Per sönlichkeit Rechnung rrnge. Im Wahlkreis Gießen seien bei der letzten Wahl 7000 Wähler der Urne ferngeblieben, wenn das heute wieder vortomme, bedeute es ein Verbrechen. Unser, G/ebanfen feien ftaatscrhalicnb im eminentesten Sinne des Wortes So möge der Freitag werben ein Tag der Freiheit, ein Tag der Befreiung des Bürgertums. (Minuten­langer stürmischer Beifall.)

Der V o r s i tz c n b e dankte dem Redner für seine glänzenden Ausführungen und schloß die Versammlung mit einem Hoch auf den Hansabund, in bas bie Anwesenden begeistert einstimmten.

RcichStagswahlbcwcgung.

Au? dem Wahlkreis Gletzkn-lZründkrtz-A dda.

Das Wablkomi'ee des Bundes bcr Landwirts ersnckit uns um folgende Richtigstellung:

L'bcrole und G iildemokratische Blätter und Agitatoren be» haupten, daß der Bund der Landwirte, obwohl er immer ben Sckmtz der nationalen Arbeit aus seine Fahne schreibe, die von hm verbreiteten illustrierten Postkarten dcr Billigkeit gegen in Amerika habe Herstellen lassen Das ilt eine grobe 'nwabrbeit Diese Postkarten zur Verbreitung volkswirtschast- l'.cher Anschauungen sind nicht im Auslande, sondern von zwei deutschen Druckereien in Berlin und Hamburg hcrgestellt worden. Wie unsinnig dieses Gerücht dcr Großblockgenossen ist, jjeroeiü auch chon dic cinsache llebertcgung, daß die Zoll- und Frachtkosten die Herstellung dcr Karten nur verteuert hätten. Außerdem ist cs cine bekannte Tatsackie, daß die Amerikaner selbst ihre Ansicksts- fanen dcr Billigkeit halber saft durchweg in Deutschland drucken lassen.

Aus A l l e u b o r f (Lba ) erhalten imr von mehreren 9rbrmnenten folgendeErklärung" mit der Ditte um Abdruck:

In dcr Versammlung am 4. Januar in Allcndorf a. d Lba. wurde seitens eines Besuchers der liberalen Parteien Herr Erke­lenz g.fragt, welchen Standpunkt er im Falle einerStich - wähl zwischen Tr. Werner und dem Sozialdemokraten für seine Person einrunehmen gedenke. Trotzdem Rechtsanwalt Kaufmann den nationalen Standpunkt des Kandidaten hervorhob, blieb Herr Erkelenz die Antwort schuldig."

Aus Offendach-Tiebvrg.

m. Offenbach, 8. Zan. Der Reichstagskandidat dcr nationalliberalen Partei im Wahlkreis Offenbach-Dieburg Cbcrbürgcrmcifter a. D. Brink ist plötzlich erkrankt, so daß ihm ärzt.'ich?rs>'i^s jede "Vc.eiliguug an der Wahlagita­tion untersagt wurde.

Eine Polizew'-rfuguug.

Der Polizeipräsident in Berlin verbot, daß am 'Abend be§ 12. Januar bie Wahlergebnisse durch Schein­werfer und Transparente von den Zeitungen iundgegeben werden uitb zwar auf eine Anfrage eines Blattes h>n. .Herr o. Iagow begründet das Verbot mit dem Hinweis auf mög­liche Verkehrs ft ockun gen.

Wir halten diese Anordnung für recht verkehrt, da 1907 bie Verkündigung durch Scheinwerfer erlaubt gewesen ist.

5mrya1sen am Ruder.

Schanghai, 7. Jan. Suny a tf en hat in Rauling eine Kundgebung an alle befreundeten Rationen erlassen. Äe beginnt mit einer langen A n kl a g e g cg en die Mandschuregicrung. Weiter erklärt sie, daß die Republikaner entschlossen seien, a.lle Verträge, Anleihen und internationalen Verpflichtungen, die unter der Mandschu- regieruug vor dem Beginn der Revolution mit Ausländern oder mit fremden Nationen cingegangen worden seien, zu respektieren, dagegen alle späteren Vertrage nicht anzu- ertennen. Tas Manifest verspricht ven Fremden Schutz der Person und des Eigentums.

Tie republikanische Regierung beabsichtigt eine Re­form deS Zivil- und Strafrechts, ferner eine Reform des Bergbaurechts, eine Reform der Ver­waltung und des Finanzwesens, Abschaffung der Beschränkungen des Handels und religiöse Toleranz. Ten Mandschus, die sich friedlich verhalten, wird Rechtsgleichheit und Schutz versprochen.

London, 8. Jan. Große Massen von russischen Soldaten werden in der Nähe von Chardin und links der mongolischen Grenze angesammelt. Man schließt daraus, daß Rußland demnächst die Mongolei be­setzen wird. In Pekinger Regierungskreisen ist man jetzt davon überzeugt, daß dic britische und japanische Tiplomatiö sich bemüht, den Norden und Süden Chinas zu spalten.

Eine Nacht im Asyl für Gbdachlose in Berlin.

Von Referendar T. I. E ck m a n n - Münster.

Durch die Prcssc eilt augenblicklich dic Nachricht ton einem furchtbaren Unglück, be.n? in dcr Nacht zum zweiten Wcihngchts- fagc und den folgenden Tagen über 70 Menschen im Affst Tur Obdachlose zum Opfer gefallen sind, und noch immer melden sich Erkrankte, so daß die Folgen dieses Unglücke noch gar nicht ab* zuscdcn sind. Zum Teil schreibt man in der Presse dieses Un­glück den Zustäirden zu, welche in dem Asyl herrschen sollen. Bei einem längeren Aufenthalte in Berlin ist es mir möglich gewesen. Nr meine sozialen Studien einen Einblick in die Verhältnmc des zu so trauriger Berühmtheit gelangten Asyls zu tun. Im folgenden möchte ich in kurzen Worten meine Beobachtungen wiedergeben. die ich während eines nächtlichen Besuches dieser größten Anstall ganz Deutschlands gemacht habe.

Dic Sonne war soeben im Westen imtergegangen, als imr uns, mein Freund und ich, an einem Samstag kurz nach 8 Uhr jenem großen, langgestreckten Hause in der Fröbelstraße, weil draußen im Norden Berlins, näherten. Viele andere schienen mit uns dasselbe Ziel zu haben, wenigstens war die Zahl lener verkommenen Gestalten, die sich burd) die wenig bebauten Zugangs- straßen dem Haufe näherten, sehr groß.

Ehe wir das Asyl selbst betraten, kehrten wir. noch in eine Destille webersten Ranges ein. Heute stand und saß der kleine analmcrfüllte Raum gedrängt voll von Menschen, meinen? Ar­beiter. mit roten, aufgedunsenen. Schnapsgesickstern, und Fraucn, mit bleichen, verhärmien Zügen Aus einem Nebenraum klang uns ein Volkslied aus rauben Kehlen entgegen, ein melancholisch, monotones Herlciern, übertönt von dem kreischenden Geräusch eines verstimmten Phoncaravhen. Hin und wieder ertönte ein lautes Schimpfwort. rohcS Gelächter, dazwischen ein flirren von Gläsern, die der Wirt hinter dem Sckenktisch in einem unsauberen Vlcchbehältcr zu >vülen begann. Wir atmeten erleichtert auf, als wir wieder in der frisckien Luft waren und dem Asyl zuschritten.

An dem Vorderhause vorbei, das ein großes Krankenhaus enthält, traten wir durch ein großes, geräumiges Portals ein. Einige umhcrstehcnde Aufseher musterten uns, da wir in^ unserem Landstreickteranzuge verdächlig genug ausschen mochten. Dock wohl an diese Art Leute gewöhnt, ließ man uns unbehelligt passieren. Ein großer Raum, kahl, nüchtern, mit Öolzbänken an den Wänden, sonst nichts. Auf den Banken saßen die verschiedensten OcItalien, alte greife Männer und junge kräftige Burschen, manche mit ver­drossenen und verwilderten Gesichtern, oft nur mit den notwen­digsten Kleidungsstücken angetan. Nur wenige Leute unter ihnen trugen Halbwegs anständige, wenn auch abgetragene Kleider.

Eine trübe brennende Gaslampe v erb reinste etwas Helligkeit, ßinc Viertelstunde verging. Inzwischen hatten sich wohl 5060

Männer eingefitnbcu (denn die Frauen haben ein hiervon voll­ständig getrenntes eigenes Asyl), ein Schlüssel rasselte, eine Seiten­tür öffnete sich, und ein uniformierter Beamter trat ein und rief: Mitkommen und baden." Hastig drängte alles zur Tür. Ein endlos langer Korridor führte un-5 in einen ebenso einfach aus- geftatteten Raum, wir kleideten uns aus und der Wärter wies uns in den Bade raum. Einige schnürten ihre Kleider in ein Bündel und gaben sic einem Wärter, um sie von etwaigen Ungeziefer reinigen zu lassen. Die Kleider wurden in einen großen Eisen­kasten gehängt, in welchem sie ans etwa 80 Grad erhitzt und so von ihren lästigen Bewohnern befreit wurden.

Der Baberauni war noch das Erauicklichste, was wir heute abend zu sehen bekamen, ein luftiger, itrüberer Raum mit hellen Porzellanwänden und mit 60 Brausen an der Decke, unter denen wir uns in zwei Reihen auffiellen mußten. Das Baden in dem lauwarmen Wasser machte b?n Leuten anscheinend viel Vergnügen, und munter patschten alle in dem niederen Basin umher. Hilfs­bereit begann der eine den anderen abzuwaschen und zu seifen, wie überhaupt eine auffallende Freundschaft alle diese Leute ver­bindet. Sie fühlen eben wohl selbst, daß sie einer gemeinsamen sozialen Schickst angeboren, bie nur einen Feind kennt, die heutige Gesellschaftsordnung, und dieser allgemeine Gegensatz läßt sie sich eben io eng zusammenschließen. Jede Auskunft nrirb vom Nachbar bereitwittigst erteilt, und wenn es einer noch so eilig hat, er beantwortet doch zunächst die von jedem anderen Fremden an ihn gestellten Fragen. Wenn sie es auch in be^ug aufMein" undTein" nicht fo genau nehmen, so besorgt smd sie anderseits wieder, ihren Kameraden die besten Stellen und Gegenden zum Arbeiten und Fechten zu empfehlen. Einer meiner Nachbarn, ein Schweizer, malte mir die Arbeitsgelegenheit, als Kuhhirt in die Schwei; zu gehen, so verlockend aus, daß ich beinahe folrfien Ver­lockungen nicht hätte widerstebcn können. Halb im Schlaf hörte ich ihn noch murmeln,du musst zur Schweiz gehen, wenig Arbeit, gute Behandlung, hoben Lohn". Tann schlief er ein.

Natürlich duzt sich dort alles, ohne sich je gesehen zu haben, und höchst unangenehm fiel es auf, als einer in diesen vertrauten Ton nickst einstimmen wollte. Eine Viertelstunde dauerte das Bad: mit sauberen Handtüchern trockneten wir uns rasch ab, einige wuschen noch schnell ihr Hemd, ihre Strümpfe und Taschen- nich.

Als wir in unseren Kleiberraum zurückkehrten, waren bort zwei Arbeiter zurückgeblieben, und alle fielen nun wie auf Ver­abredung über die beiden her.Tu hast gestohlen",du hast gefleddert", brüllte alles durcheinander. Als man sich aber über­zeugte, daß nichts abhanden gekommen war, ließ man sie in Frieden. Gestohlen wird dort nämlich alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Gerade erwischte ich noch meinen Nachbar, wie er mit meinen nicht allzu luxuriösen Stieseln zur Tür hinaus wollte. Ich nahm

sie ihm aber wieder ab, er ergriff aber ein Paar andere und ver­schwand mit diesen. Endlich brachte man uns in unseren Schlaf­raum. Saal 11. Ein schmuckloser Raum, etwa 20 Meter lang, 6 Meter hoch, und ebenso breit, an jeder Schmalseite eine Tür, einige Waschbecken mit Wasserleitung, lieber jeder Tür brannte eine Gaslampe, die Fenster bestanden in Heinen, dicht unter bet Tecke liegenden Luken, durch die ein letzter Schimmer des AbcndS hereindämmcrte. An b?n Wänden standen einfache Hol;pritschen, etwa 60 Stück, zu jeder gehörte eine Leincndecke aus richtigem groben und zum Teil schmutzigem ^acktuch, ein Blechuaps nebst Löffel. TaS war die ganze Ausrüstung. Kalt, nüchtern und auch nur die allergeringste Annehm lichtest.

Viele warfen sich todmüde, so >vie sie kamen, eingewickelt. in ihre Decke, auf die nächste Pritsche, den Rock als Kopfkissen unter bent Kopf zusammcngclegt. Ein Invalide schnürte mühsam sein Holzbcin tos und stellte es dickst an seine Pritsche, damit eS ihm nicht gestohlen werden konnte. Wenige nur blieben noch! wach, hin und wieder fiel noch ein Wort, einige jiridten noch um Geld Karten, sonst alles Ruhe.

Doch vorher hatte sich noch ein eigentümliches Treiben ent­wickelt. eine Art von Markt, denn alles, was ein Landstreicher an Bedürfnissen bat, kann er hier für wenige Pfennige erhalten. Tie am Tage zusammengeftohlenen oder gefochtenen Sackten wer­den hier preiswert zum Kaufe angeboten: Palmkuhle Brot), Staube (Hemd), Schnaps, Zigaretten, Wurst, Fische usw. Da natürlich sehr viele von den Asylistcn cri't nach 8 Uhr abcnbS kommen, io können sie an der Abendmahlzeit, die gratis dort verabreicht wird, nicht mehr, teilnehmen, da diese nur bis Punkt 8 Uhr ausgegeben wirb, 'eo stillen viele ihren Hunger dadurch, daß sic ihre Abendviahlzeit bei ihren Genossen ein laufen, und nur so ist es zu erklären, daß nicht alle, sondern bloß eine ver­hältnismäßig kleine Anzahl auf den verschiedenen Sälen erkrankt ist. Wie berichtet wird, will die Astilverwastung für bie Zukunft cine genauere Kontrolle und Turchsuchnng der Neuonkomwenden vornehmen, um fernerhin derartige Unglücksfällc möglichst zn verhindern, ivas allerdings bei den Tausenden große Schwierig­keiten machen wird. Besonders viel gehandelt wurden bort auch Ousttungskarten und Ausweispapierc, die gewöhnlich einem andern gestohlen sind und die mit dem Höchstpreise von 0,50 Mk. das, Stück bezahlt wurden. Auch geistige Genüsse rann man hier billig erstehen. Ein junger Mann, kaum über 16 Jahre, bot mir feinen HintertreppenromanNick Carter der Weltdetekliv", zum Tausche an, da er aer feinebn Gcsinmmgsgenoffen fand, zog er ,ich knurrend aus seine Pritsche zurück.

Ehe wir uns zur Ruhe legten, suchten wir noch einige Nach- bariäle auf, doch mußten wir uns beeilen, da um 9 Uhr all« Türen von den Wärtern verschlossen werden. Es bot sich un3| Saal auf Saal stets dasselbe Bild. Allein auf unserem Korridyk