Ausgabe 
6.11.1912 Erstes Blatt
 
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Aspern" trifft am 6. d. M. als Stationär der österreichisch- ungarischen Botschaft in Konstantinopel ein.

Konstantinopel, 5. Nov. Der Thronfolger ist gestern abend in das Hauptquartier der Ost- -armee abgereist.

Drei französfische Kriegsschiffe in Smyrna

Smyrna, 5. Nov. Gestern sind drei französische Kriegsschiffe hier eingetroffen. Sie erwarten weitere Befehle.

Die deutsche Antwort an die Türkei.

DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt: Der türkische Boffchafter teilte gestern (Montag) dem Auswär­tigen Amt das Ersuchen seiner Regierung mit, auf Ein­stellung der Feindseligkeiten hinzuwirken und damit den Frieden vorLubereiten. Darauf wurde ge­antwortet, Deutschland würde bereit sein, den Wunsch an die Regierungen der gegen die Türkei Krieg führenden Staaten weiterzugeben, wenn auch die anderen Großmächte hierzu geneigt wären. Allerdings stände es bei den krieg­führenden Regierungen, ob sie auf den Wunsch eingehen wollten oder nicht.

Rußlands Antwort.

Petersburg, 5. Nov. Rußland gab auf das An­suchen der Türkei die Antwort, es sei bereit, mit den anderen Großmächten zusammen zu vermitteln unter der Bedingung, daßdieMächteple in pouvoirer- hielt en.

Vie Teilungssrage.

Petersburb, 5. Nov. Ein zuständiger österreichi­scher Diplomat äußerte einen: Vertreter des Abendblattes Birshewija" gegenüber: Außer den auch von Sasanow anerkannten wirtschaftlichen Interessen im Balkan tfai dort Oe st erreich auch pvlitischeJnter- cssen, die aber nicht territorial und den Bestrebungen der Dalkanstaaten, wie Denjenigen Rußlands nicht entgegen­gesetzt sind. Sie sind besonders in Albanien vorhanden. Als einer adriattschen Macht kann das Schicksal Alba­niens Oesterreich nicht gleichgültig sein. In dieser Frage verständigte sich das österreichisch Kabinett mit Italien. Es ist anzunehmen, daß diese Frage russische Interessen nicht berührt.

Der WienerReichspost" zu folge empfing Erzherzog Ferdinand den Grasen Berchtold in fünfvier­telstündiger Audienz. Das Blatt bemerkt:

Man kann annehmen, daß. in dieser wichtigen Unterredung auch die roid/tigen, die Zukunft des Reiches so nahe berührenden Fragen, welche jetzt für die Monarchie durch die auswärtigen Ereignisse aus die Tagesordnung gestellt wurden, zu eingehender Besprechung gelangten. Tas hohe Vertrauen, das Gras Berchtold bei der Krone genießt, und das auch in dein warmen Verhältnis des Erzherzog-Thronfolgers zu dem Lenker der auswärtigen Politik zum Ausdrucke kommt, wurde sicherlich in dieser wichtigen Unter­redung neu bekräftigt, so daß das volle Einverständnis zwischen dem! Thronfolger und den: Minister des Aeußern auch in den schwebenden wichtigen Fragen sich nicht verändert hat.

Die Agence Havas meldet aus London: Nach Aus- künsten aus Wien und Berlin soll die Antwort der Dreibund möchte auf den französischen Vorschlag ziemlich zufriedenstellend (plutot satissaisanle) sein. Die Dreibundmächte anerkennen die Nützlichkeit der Vermitte­lung, bemerken aber, daß eine solche nicht auferlegt wer­den könne, sondern von wenigstens einem Kriegführenden nacl>gesucht werden müffe. Sobald ein solches Ansuchen aestellt sei, -würden die Dreibund »nächte geneigt sein, mit der Tripelentente sich zu vereinen, um nach Bedingungen zu suchen, unter welchen eine Vermittelung eintreten kann.

Der PetersburgerTemps"-Korrespondent meldet, Rumänien und Bulgarien seien zu einer Ver­ständigung betr. einer Berichtigung ihrer Grenze gelangt, welche das Gebiet von Silistria be­träfe.

Die Lage der Griechen.

Athen, 5. Nov. Eit: griechisches Kanonen­boot besetzte gestern die Psara, auf der bereits im Jahre 1821 die Freiheitsflagge gehißt worden war.

General Sapnndjakis telegraphiert, daß die türki­schen Gefangenen in Prevesa sich im Augenblick der Ein­schiffung au] 810 beliefen, darunter 58 Offiziere, 600 Sol­daten und 152 albanesischc Baschiboznks.

Bon» belagerten Stutari.

Skutari, 5. döov. Auf das Drängen der beun­ruhigten Bewohnerschaft richtete:: die Konsuln der neutralen Mächte ein gemeinsames Schreiben an den Kronprinzen Danilo als Ober kommandierenden der montenegrinischen Belagerung^'truppen, mit der Bitte, eine Schädigung der mohammedanischen Bewohner und die Be- sclftidigung der Gebäude der neutralen Mächte zu ver- mcibtui. Kronprinz Danilo gab feine Geneigtheit kund, der Bitte zn entsprechen und fügte hinzu, daß die Musel- man en den tiirfifrijeii Kombattanten zuzurechnen seien Auch bei den b esten Kanonen sei es unmög­lich zu verhindern, daß einzelne Geschosse an s o l ch en Plötzen explodierten, wohin sic nicht gerichtet seien. Nach dem wiederholten Miß­brauch der weißen Fahne gegenüber den Montenegrinern bestand Danilo daraus, daß seine Antwort in Gegenwart eines Vertreters einer neutralen Macht übergeben werde. Deshalb begab sich der österreichisch-ungarische Militär­attache Hcruptmann S? ubka znm Hafen von Skutari, wo am Nachmittag die Uebergäbe der Antwort erfolgte.

Konstantinopel, 5. Nov. Die Blätter erfahren durch eine vorgestern aufgegebenc Depesche aus dem Vilajet Monastir: Ain Tage vorder fand in der Gegend von B a n i k a und Florina ein Gefecht mit einer griechischen Division statt. Tie G r i c ch e n w u r d e n z u r ü ck g e w v r - fen. Die türkischen Truppen besetzten Banika. Eine tau send Mann starke Bande steckte das Dorf Jakub Bey in der Gegend von Florina in Brand. Sie wurde von den Trup­pen zersprengt.

Die Serbe»» als Sieger^

Belgrad, 5. Nov. Im Katschanikapaß ließen die Türken 21 Geschütze und eine große Menge Munition zurück.

Privatmeldungen zufolge sind die serbischen Truppen bis 50 Kilometer »tördlich von Saloniki vorgerückt. Die hxfflitfy? Kolonne soll vor Monastir eingetroffcn sein.

Eine Rede des Grase»» Berchtold.

Ofenpest, 5. Nov. Der Ausschuß für Auswär­tige Angelegenheiten der Delegation des Reichs­rates trat um .5 Uhr heule nadxmittag zu seiner ersten Sitzung sufammcn. Graf Berchtold ergriff das Wort zu folgenden AuSführtntgen:

Turd/ den Friedens sckluß in Lausanne ist nad) einjähriger Wafseugang vnnfchcn Italien und der Türkei zum "lvscklutz gebracht und unser Verbündete»- in den unbcftrirtencn ,l^^ne\nvu5^r : ' an der norbairifaitifrhen Muiic

gelangt. ~>tr haben das unirigc dazu bei getragen, um den FnedcnSsthkch zu crleidytvrn. Unmittelbar danach mürbe die Sou

veränität Italiens über Libyen anerkannt. Ick.möchte mit dem Ausdrucke aufrichtiger Genugtuung erwähnen, daß unser Alliierter auf diese Weise zu den von ihm seit Dezennien an­gestrebten Ziel gelangte und ein weites Feld gefunden bat, die hohe Kultur des Heimatlandes auf fremden Boden zu verpflanzen. Die Beschleunigung des Ausgleichs zwischen den Kriegführenden har zwar den Ausbruch einer K o n f l ag ra t i on auf dem Balkan nicht hintanhalten können, aber immerhin verhindert, daß die ohnedies ernste Lage noch weiter kompliziert werde. Auch von diesem Gesichtspunkte aus müssen mir das Zustande­kommen des Friedenscharakters in Lausanne willkommen heißen. Gelegentlich meiner kürzlichen Anwesenheit in Italien konnte ich mich überzeugen, daß unsere Haltung hinsichtlich des vom König- reid» mit der Türkei geführten Krieges nickt nur seitens der Re­gierung, sondern auch von der Bevölkerung vollauf gewürdigt wurde. Die sympathischie Aufnahme, welche mir in dem verbündeten Königreiche zu Teil wurde, möchte ich nicht in letzter Linie and) auf diesen Umstand zurück­führen. Der warme Widerhall aber, den diese Stimmung bei uns gefunden bat, kann als eine Bürgschaft für die neue Festigung des A11 i c» n zv e r häl tni s s es, mithin aud» des Dreibundes dienen. Sehr ernst hat sichdieLageim nahen Orient gestaltet, wo sämtliche Balkanstaaten ju den Massen gegriffen haben. Es ist Ihnen bekannt, daß die Diplomatie der Großmächte über die Anregung PoincarSs seit dem Ausbruche der Feindseligkeiten es sich angelegen sein läßt, durch tvechselseitige Fühlungnahme die Möglichkeit anzu- balmen, im gegebenen Zeitpunkte vermittelnd aufzutreten und baburd) bic Kricgsgrcuel einigermaßen abzukürzen. Wir haben im engsten Einvernehmen mit unseren Verbündeten und in reger Fühlung mit Rußland und England an diesem Gedankenaustausch teilgenommen und befinden uns auch derzeit im Kontakt mit den Mächten, überzeugt, auf diesem Wege auch einem bei uns allgemein gehegten Wunsche zu dienen, daß der Brand tunlidcst bald gelöscht wird. Ter bisherige Ver­lauf des Krieges brachte den Ballanstaaten große Erfolge, Erfolge, unter deren Einfluß dieselben ihr selbstgewähltes Ztel wesentlich verrückt haben. Während ursprünglich die Einführung von administrativen Reformen, welche die Lebens- und Existenzbedingungen der Stammesgenossen im Osmanischen Reiche verbesseni sollten, das Postulat der Balkan­staaten gebildet hat und als solches auch in den Kriegsmanifesten zum Ausdruck gekommen ist, find gegenwärtig die Aspirationcm der Verbündeten viel weitergehender Natur uni) mit dem Prinzip der Integrität der Türkei nicht mehr vereinbar. Für unsere Politik, die von keinen Expansions- Tendenzen beeinflußt ist, kann nur bie Sorge maßgebenb sein, das Bedürfnis nach Erhaltung des Friedens mit der obersten uns auf erlegten Pflicht 3 u vereinigen: T i e Interessen der Mo­narchie vor jeder Einbuße zu schützen. Wir haben burd) unsere bisherige Haltung gegenüber den Kriegsereignissen Zurückhaltung und Mäßigung bewiesen, die allen Ortes gewürdigt worden ist. Wir gedenken aud) weiterhin auf diesem Wege zu verharren, im Bewußtsein der uns innewoh­nenden Kraft, die die volle Sicherheit bietet, daß wir unserer Stimme Geltung verschaffen können. Ich zweifle nicht daran, daß dies uns möglich sein wird, ohne mit den berechtigten Ansprüchen anderer in Widerstreit zu geraten. Wir sind bereit, der burd) die Siege ber Balkanstaaten geschaffenen neuen Lage in weitgehender Weise Rechnung zu tragen und so die Grundlagen zu einem dauernden, freundschaftlichen Einver­nehmen zu denselben zu schaffen. Andererseits aber haben wir das Recht, zu verlangen, daß die legitimen Interessen ber Mo­narchie durch die Neuregelung der Dinge kernen Schaden erleiden. Tie ruhige und maßvolle Haltung des uns eng befreundeten Königreiches Rumänien war für den Verlauf der Ereignisse von nicht zu unter sch ätzender Be­deutung und wir hoffen, daß seine auf ber geogra­phischen Lage beruhenden, namhaftenJnteressen entsprechendeBerücksichtigungsindenwerden. Ich bin bemüht gewesen. Ihnen, soweit mir dies unter den gegebenen Ömftänben möglich war, ein übersichtliches Bild der augenblick­lichen Lage zu geben und möchte nur noch die Bitte an Sie richten, das Vertrauen, welches Sie mir bei früheren Anlässen gcsd-enkt haben, in diesem ernsten Moment dadurch znm Ausdruck zu bringen, daß Sie sich mit meinen knapp bemessenen Ausführungen begnügen und davon abfefcn wollen, auf einer Erörterung derselben im einzelnen zu bestehen, die bei dem heiklen Charakter der in Sdjroebe befindlichen Verhand­lungen meine Ausgabe nicht zu erleichtern geeignet wären.

Die Ausführungen des Ministers mürben wiederholt von leb­haftem Beifall unterbrodjen und ihrer ganzen Tendenz nad) sym­pathisch ausgenommen. A m Schlüsse ertönte lebhafter Beifall und Händeklatschen. Sie Sitzung wurde hierauf geschlossen.

Eine Aussprache im englischen Nnterhause.

Im englischen Unterhause fragte King Sir Edward Grey, ob er gehört habe, daß die Balkanverbündeten bereit seien, mit der Türkei über den Frieden zu verhandeln, aber nicht geneigt seien, Friedensunterhandlungen mit den Groß­mächten anzunehmen, weiter, ob mit Rücksicht auf die Siege das Recht der Balkanverbündeten, der Türkei die Friedensbe- bingungen vorzuschreiben, vollkommen anerkannt sei.

Grey erwiderte: Er habe eine Andeutung über das, was King im Sinne habe, von den Balkanstaaten nicht empfangen. Soviel er wisse, wolle bisher mit Rücksicht auf das Ergebnis des Krieges niemand den Balkanstaaten das Reckst streitig machen, Bedingungen aufzustellen, unter denen sie zum Friedensschlüsse bereit seien. (Beifall bei den Ministeriellen.) Er glaube nickst, daß die Großmächte langsamer gewesen seien und langsamer sein werden als irgend jemand, ihre eigenen Anschauungen dem Gang der Ereignisse anzupassen.

M o r r e l l fragte an, ob bereits ein Vorschlag einer der Großmächte, die in der Lage seien, eine Vermittlung anzubieten, vorliege, um die kriegführenden Parteien zu vefföhnen, wie es seitens Amerikas beim Abschluß des russisch-japanischen Krieges der Fall gewesen sei. David Mason fragte an, ob die Pforte ihren Botschaftern telegraphiert habe, sic möchten die Großmächte unterrichten, der Türkei werde jede Aktion, die auf eine Ein­stellung der Feindseligkeiten abziele, willkommen sein.

Grey erwiderte, es sei natürlich wahr, daß die Pforte an die Mächte appelierte, aber er möchte betonen, daß, obwohl diese Mächte zurzeit ihre Meinungen austauschen, es für die Mächte eine sehr heikle Angelegenheit sei, zwischen zwei Kriegführenden zu vermitteln, wenn sie es nicht auf Ansuchen beider Parteien könnten.

Grey erklärte in Beantwortung weiterer Anfragen: Die foebnt veröffentlichte Meldung, daß die britische Re­gierung der bulgarischen eine Warnung irgendwelcher Art erteilte, ist durchaus unMtreffend. Was ferner die Be­wegungen und Absichten der britischen Schisse betrifft, sind es diejenigen, welche Asquith gestern angab. Die Bestimmung der Schiffe ist, wie ich glaube, qcnmi dieselbe mic die der Schiffe, welche die anderen Nationen absandten, lieber die Aussichten der Schiffe ver­ständigten sich die Mächte gemäß den Ansichten, die die Konstantinopeler Botschafter einschließlich des englischen ausdrückten. Soviel im weiß, ist die Lage in Konstantino­pel wie gestern. Sie kann dahin aufgefaßt werden, daß Besorgnis vor den künftige»» Entwickelungen besteht, wenn der Krieg sich den Toren Konstantinopels nähert. Bis­her ist es in der Stadt zu keinerlei Unzuträglichkeiten ge­kommen.

Aus den (Erinnerungen von Anton von Perfall.

Ein richtiger Junker, sestge»vurzelt auf seinem Boden, der Heimat seiner Sippe icit 400 Jahren: das alte Schloß nxnt ber* ausblickend über das schönste bayerische Land bis zur Alpenkctte, seine ganze Jugend erfüllend, sein ganzes Denken und Empfinden,

in altväterischer Enge erwachsen, mehr instinktiv von dem ehernen Sckritt einer neuen Zeit durchtzittert": mit diesen Worten hat der eben verstorbene Anton von Peffall einmal sich selbst gekenw zeichnet, und als seinen Beruf hat er be)d)ciben und frohgemut Weltenbummler und Geschichtenerzähler" angegeben. Was er nickt tervorgehoben hat, das ist die ihn auszrickme»»de seltene Empfänglichkeit seines Wesens, eine Empfänglichkeit, die auf die Reffe der Natur und der Kirnst mit gleicter Kraft reagierte. Tiefe Eigenschaft ist es gewesen, die für Anton von Perfall seine Freundschaft mit Wilhelm Leibi, man darf nwhl sagen, zum größten und tiefsten Erlebnisse, das ihm beschieden war, ge­macht hat.

Ein wahrhaft großartiges Tenkmal dieser Freundschaft bleibt der Nachwelt dauernd erhalten: es ist Perfalls Bildnis als Jäger, nrie er, die Büchse überm Rücken, den Hund zu iFüßen, vor einem Weidenbaume am silbergrauen See den Beschauer prüfend anblickt: die Berliner Nationalgalerie ist es, die diesen kostbaren Sckatz hütet. Anton von Perfall hat davon erzählt, »oie dies erstaunliche Werk entftanben ist. Ter junge Peffall auf seinem Sckftosse er war damals 21 Jahre alt und der Leibl da unten int Torfe Unterschondoff am See, die zwei hatten sich gefunden, hatten eine gute Freundschaft miteinander geschlossen und pürschten mitsammen fleißig auf alles, was auf dem See unö um den See jagdbar war." Ein Natuffanatismus (so cn^ählt Peffall) hatte uns ergriffen, ein jäher Drang, immer mdjlr in Has aufzugehen, alles abzustteifen, was uns dabei hinderlick; das Gewand am Leibe war uns zuwider. Shutbcn verbrachten wir nackt auf dem Teck seines Kutters, auf freiem See, bald uns hineinstürzend, bald auf dem Rücken träumend, bald mckend, bald nad) Möven und Tauchern schießend. Oder wir verkröche»» uns in das Moos, tief hinein in die Schilfwildnis, und hielten da eine förmliche Bucht- und See-Siesta. Tie Sonne oerbrannic uns, der Regen toufd) die Farben au5 unseren Gewändern; wir waren Wilde geworden, so weit es nad) möglich war." So waren die beiden eines Tages wieder auf der Jagd, als Peffalls Blick von einem Hör gefesselt wurde, der auf Büchsenschußweite vom Ufer auftauchte.Vor mir stand ein Weidenbaum, dessen Geäst mir die Sicht daraus nahm. Ich trat auf ein Stück Holz, das in der Wiese lag, da tauchte der Hör nneber auf. Ich wollte mich we»tden, den Freund darauf aufmerffam machen, der auf diese Distanz jeden Hör mit der Büchse schoß ich blieb in halber Wendung wie erstarrt, so brüllte er mich an: .Halt! Stille! Rühr Dich nicht!" Tabei zog sich seine Stirne in tiefe Falten, und der Blick eines Lldlers ruhte auf mir. Die zurückgedrehte Hand schmerzte mick etwas, ich wollte sie wenden da schoß ihm das Blut in das Gesicht stnd seine Faust ballte sichWillst du die Hand lassen, Mensch!" Id» sah, wie das Herz ihm schlug, wie er jede Linie mit dem Auge berührte, in sich einsaugte in dem Augenblick toar das BildDer Jäger" geworden.Großartig!" flüfterte er immer wieder, die Augen halb zugekniffen,und das Muind>en in der Luft! Wer das so machen Fönntc!" Peffall redete ihm gut zu, es zu versuche»» <woM Leibi am Ende inner­lich selbst schon entschlossen war), und so begannen die Sitzungen, die für den ,Zöger" oft recht anstrengend waren. Aber er wurde für feine Geduld dock auch rffchlid) belohnt. Tas Bild, das Per- satt so Strich für Strich auS der Hand des Meisters entstehen sah, wurde für ihn zur Schule künstlerischen Schaffens.Alle Zwecke Härten sich in mir, alle Ziele rückte»» mir näher. Tie ganze Kraft eines großen Werkes sttomte von ihm auf mich aus. Wenn ich an alle meine Professoren denke, Gott babc sie selig, was sie alles mir eingepautt, mit »vas sie mich alles gequält, und dann diese Stunken an der Wiese am See, und ich wäge ab, was ich gewonnen, wie fdjtnellt all der tote iitarn ih die Höhe gegen die Schale voll lebendiger Kunst!"

Das war im Jahre 1874. Die Vollendung des Bildes bildete auch in den Beziehungen zwischen Anton von Peffall und Leibi einen Absdstuß. Sie sahen sich bald nur noch flüchtig, im'»Winter, in der Stadt, unter Menschen, auf Stunden, und dann gar nie mvlyr. 26 Jahre später mar Peffall in Berlin. Er ging in die Nationalgalerie, er suchte den Jäger und da stand er sich selbst, sich in seiner Jugend^ietzt ein Mann nahe den Fürrfzigeim, Aug in Auge gegenüber." Was da alles aufstieg, zu mir sprach: bic Jugend, die Heimat, der tote Freund und Lehrer, die erste De aeifterung, der erste Schaffensdrang, die ersten Sonnen und Sterne, die längst berblidjcn!" Und wenn Leibs Jäger ein Haupt- »nerT der modernen deutschen Kunst bildet, so bildet es aud) einen Markstein in der bescheideneren Ledensgffchidste Anton von Per- satt.Wenn id) je Gutes geschaffen, es steift in unmittelbarer Verbindung mit diesem Bilde^: so hat Peffall selbst bekannt.

Gießener Strafkammer.

)( Gießen, 5. Nov. 1912.

Auf 1 Jahr 6 Monate Zuchthaus

erkannte das Gericht gegen den Gelegenheitsarbeiter P. Z. aus Neusalz a. d. O. wegen Diebstahls in wiederholtem Rückfall. Der schon oft vorbestrafte Angeklagte befindet sid» zurzeit in Unter­suchungshaft. Er hatte am Tage vor Weihnachten v. I. in der Herberge zu Alsfeld einen Handwerksbu.rfchcn E. kennen gelernt, der von der Arbeiterkolonie Neu-Ulrichstein kam und von dott ein paar Mark Arbeitsverdienst mitgebracht hatte. MU diesem zechte er auf E.'s Kosten, und machte sich mit ihm auf die Wanderung in der Richtung nacy Fulda. Unterwegs machten sie in einem Chausseegraben Rast. E., der eingeschlafen tvar, erwaclfte, als er bemerkte, daß sich jemanb an iHv» -n sd)affen machte. Z. hatte ihm, als er schliff, die Tasche aufgeschnitten und ihm so das Portemonnaie mit etwa 5 Mark Inhalt gestohlen. E. lief dem Angeklagten nach, konnte ihn aber nicht mehr ergreifen, da er in den Wald entfloh. Dem Am- getlagten wurden außerdem mit Rücksicht auf die ehrlose Gesinnung die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 5 Jahren ab­gesprochen.

Freigesprochen

wurde der Hüttenarbeiter H. G. in Steinberg von der Anklage der Untreue und Unterschlagung. G. war Vormund seines Stief­bruders K. D. Kurz vor dffsen Entlassung aus der Vormundschaft überwies die Landeswaisen lasse dessen Vermögen, den Betrag von 39 Mark, welchen G. für sich verbrauchte. Der Angeklagte hat unterdffsen dem D. die 39 Mark zurückerftattet. Er be­hauptet heute, sein Mündel D der nunmehr volljährig ist, habe ihm gfftattet, die 39 Mark für sich zu verwenden, da er durch Krankheitsfälle in seiner Familie in große Not geraten sei. Da D. in der Sitzung von feinem Zeugnisverweigernngsrecht Gebrauch machte, war dem G. das Gegenteil seiner Behauptimg nicht »rachzuweisen.

Viehseuchenv er gehen

werden dem Handelsmann M. I. in Grebenau, dem Gänse- Hirten H. L. in Uetzhausen, dem Landwitte I. K. III., Taglöhner W. B. und dem Landwirt H. Z. I. in Rinderbügen zur Last gelegt M. I. war in effter Justtinz vom Schöffengericht Alsfeld zu einem Tag Gffängnis verurteilt worden, auf feine Berufung sprach ihn die Straffammer frei, das OberlandesAericht Tarrnitabt hob auf Revision der Staatsanwaltschaft das Straffammerirrteil auf und verwies die Sache zur erneuten Verhandlung an dir Vorinstanz zurück. Auch heute nmrbe I. wieder freiaesprochen. Gegen H. L. III. wurde auf zweimal 15 Marf Geldstrafe erkannt. In der Sache gegen I. K. III., W. B. und H. Z. I. wurde bie Enffcheidungsverkündung auf nächsten Freitag ausgesetzt.

Zahlreiche Vorstrafen

hielten den Gelegenheitsarbeiter L. K. von Frankenbach nicht ab, wegen Einbruchdiebltahls wieder rückfällig zu werden. Nachdem er aus der Strafanstalt entlassen nwrden war, trat er bei dem Fuhrmann G. Sch. in Gießen in Arbeit. Diesem unterschlug er eine Sense, welche ihm zun» Dengeln übergeben worden nxn, und entwendete er ein Kummet und eine Peitsche durch Einsteigen zur Nachtzeit in dessen Gehöfte, indem er wider den Willen seines Arbeitgebers mehrere Male auf dem Heuboden mit anderen M umpanen zusammen übernachtet hatte. Der Angeklagte ist W letzt von der Straffammer Frankfurt zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt, welche er zurzeit verbüßt. Unter Einbeziehung dieser Strafe erkannte die Strafkammer auf 1 Jahr 6 Monate und 1 Woche Zuchthaus.