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Mittwoch, 6. November |912
162. Jahrgang
Erstes Blatt
Die heutige Nummer umfofet 10 Leiten.
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so mütterlich herzlich, so rührend schlicht und so voller, weicher, warmer Seele, daß man eine große Freude an ihrer Darstellung |
mentsntzung in die Luft zu sprengen. Gerade zur rechten jedock, bekam der Hauptminister Wind davon, und er ließ Führer verhaften und töten.
— Ein Gottfried-Keller-Haus in Zürich.
sich gegenwärtig auf einer Studienreise durch Nordamerika befindet, schreibt der „Nationalzta." in einem Aufsatz, daß Wilson „persönlich ein sympathischer Kandidat" sei, eine Gelehrter,natur, aber mit guter Beredsamkeit.
,Jlch Ij-örtc seine Kandidatenrede in Trcmonn Hall in Boston, eine etwas theoretisch angelegte Rede gegen die T ruft stader mit scl>arfen sarkastischen Ausfällen wider seine Gegner. Seine Tatkraft bat er im Kampfe zwischen den beiden Flügeln seiner Partei bewiesen und sich dadurch die beherrschende Stellung in seiner Organisation gcsicl ert. Täuscht nicht alles, so wird dieser „Schulmeister", wie er sich selber nennt, int Falle seiner Wahl mit großem Cis er an die Ausführung seines Programmes, auch in wirtschaftspolitischer Hinsicht gehen. Ob er die Widerstände zu überwinden vermag, die sich ihm praktisch cntgegcmtellen tver- dcn, rann allerdings nur die Zukunft zeigen."
Die Bemühungen seiner Gegner, ihn als Frerhandler zu diskreditieren, mißlangen. Denn Dr. Wilson gab zur Antwort, selbst wenn er vielleicht gruridsätzlich ein An- hänger des Freihandels wäre, würde er doch niemals für eine Revision der Tarife, die das gegentiKirtige Blühen und Gedeihen von Handel und Industrie untergraben könnte, zu haben sein. Sicher ist, daß Wilson als Präsident ein entschiedener Gegner des Systems fein würde, unter dem die Regierung die Wünsche des Großkapitals ausführt.
Berlin, 6. Nov. Tie BerlineramerikanischeK'o- l o n i e lratte aus Anlaß der Präsidentenwahl in dec letzten Nackt im .Hotel Adlon sich eingesunden. Tie Damen waren in großer Toilette erschienen, die Herren in Frack. Im Saal wehte eine amerikanische Fahne. Zwei Uhren zeigten die Stunden in New Port und Berlin an.
englische Knabe ist immer ein großer Politiker) und die Suffra-, gelten mit dieser Auszeichnung beehrt.
Dieser „Guy" wird durch die Straße herumgetragen und die Jungen singen den altehrwürdigen Knüttelvers:
„Gay, Guy, Guy,
Stick hi in in the eye;
Hang bim on the lamp-post, And obere let bim die.
(Guy, Guy, Guy: steche ihn ins Auge: hänge ihn auf bat Laternenvfahl und dort lasse ihn sterben.) Dafür bekommen die Knaben einige Geldstücke, damit sie Feuerwerke kaufen können.
Am Abend des 5. November wird der „Guy" unter dem Jubel der Zuschauer auf einem großen Freudenfeuer verbrannt, und die Eltern selbst haben gar nichts dagegen diesen Gebrauch mit ihrer würdigen Gegenwart zu beehren. Darnach findet ein sehr abweckn'elungsreiches Feuerwerk statt.
Diese Sitte hat ihren Ursprung in der unter Jakob I. im Jahre 1605 zu London entdeckten Pulververschwörung, in der Guy Fawkes einer der Hauptverschwörer war. Nach dem Tode der protestantischen Königin Elisabah, haben die Katholiken große Hoffnungen auf den nachfolgenden König Jakob I. gesetzt, der der Sohn der katholischen Maria Stuart war. Bald aber wurden sic sehr enttäuscht. Tann haben einige von ihnen, anerkannter- maßen nicht aus den besten katholischen Kreisen, eine Verschwörung
hatte. Man spürte den Einfluß, den eine kluge, milde Frau aus ihre Umgebung hat, man spürte wie sie in ihrer Muttersorge und ihrer Bcdachtsamkeit das fühlende Herz des Hauses war. Walter Jensen spielte den siebzehnjährige Hans recht gut — burschikos und kindlich, wie es der Dichter verlangt, man merkte seiner Darstellung aber an, daß er seiner Rolle geifrig überlegen war. Fräulein Thale als Luz, die für einen gesunden Geschmack recht unausstehlich ist, traf die Art dieses sogenannten Mädckens sehr gut; das reinste Nervenbündel im Unschuldskleid. Herr Grosser-Braun spielte den frommen Peter, der schließlich mit seiner Luz durchgeht — oder eigentlich sic mit ihm — sehr überzeugend. Cr fand den richtigen Ton für diesen stillen, bedacknsamen Menschen, und auch die Einfalt des Herzens vermochte er gut darzustellen. Eine prächtige Leistung bot Herr V o l ck als Weinhändlcr Kreger. Er hütete sich geschmackvollcrweisc vor der hier so nahe liegenden Uebertreibung und schuf ein seines, sorgfältiges Charakterbild. Den sOberkellner Everbusch spielte Herr Ludwig Grosser mit bestem Gelingen: als ob er vom Schanktisch aus die Bühne getreten sei. Fräulein d e Bruyn gab die Köchin Lenc mit einem glücklichen Gemisch von Anmut und Derbheit, ein braves, solides Mädchen, aber sic sprach nicht immer sehr deutlich und brachte sich dadurch verschiedentlich um ihre gute Wirkung. Fräulein Gaffrey kam als Suse recht vorteilhaft zur Geltung, und Fräulein Scholz als Gräfin Aggern holte sich sogar bei offener Bühne einen starken Beifall.
Schärfer und schlagfertiger hätten die Einsätze im Wort- gesecht der einzelnen kommen müssen — und rascher hätten auch die Zuschauer auf die zahlreichen geistvollen Einfälle reagieren können. Tas Darmstädter Publikum ging da, mit dem Groß- herzogspaar an der Spitze, viel mehr mit der Darstellung zusammen. Da scklug jeder Witz ein. Aber auch hier war es ein sehr guter Erfolg, und er wird es auch wohl noch oft werden.
N.
Euy Zawtes-Tag.
Gestern, den 5. November, wurde in England der „Guy - F a w k e s"- Tag gefeiert. Einige Tage vorher machen die Knaben eine lebensgroße, mit Stroh ober Hvbclspänen vollgestopfte Puppe: ihr Gesicht wird mit einer, die am meisten verhaßte Person des Tages darstellenden Maske, bedeckt. Während des Burenkrieges, zum Beispiel, war der damalige Präsident Krüger, als der „Guy" überall zu sehen. Dieses Jahr wurdat Mr. Lloyd George, wegen seines beim Volke nicht beliebten Verficherungsgeseyes (der
neueste Züricher Projcft ist der Bau eines „Gottfried- Keller-Hauses, dessen Verwirklichung — es handelt sich voraussichtlich um ein Millioncnunternehmen — allerdings noch eine Reihe von Jahren auf sich warten lassen dürfte. Das „Gottfried-Keller-Haus", dessen Idee im wesentlichen die bekannte Züricher literarische Gesellschaft „Lesezirkel Höttingen" angeregt hat, ist als ein Monumentalbau gedacht, der allen nicht an Theater, Konzertsaal und Kunstausstellung gebundenen künstlerischen Bestrebungen, natürlich in yrfter Linie literarischer Natur, eine würdige Heimstätte bereiten soll. Als Bauplatz ist einstweilen das Gelände zwischen dem See und dem Stadtthcatcr, einer der schönsten noch verfügbaren Plötze, in Aussicht genommen.
dfinqli ret monatlich75 LM^oiertel- jätirhd) J)lt. S.L0. Durch .Hbbole- il Hweiqilelled monatlich 6o i>L; durch Die Post btt. 2.— oterteU läbrl. au6|d)L Bcitella. ZeilcnvrerS: total 15 UL, auswärts 20 P'ennig. C lieiredakteur: A Goetz. Verantwortlich hix den politischen Zeit August Goetz, für .Feuilleton', .Vermischtes' und ^Gerichtssaal" R. Neurath, <ür .Stadt und Land" E.Hetz, für den Anzeigenteil H Beck.
Ku!0" nlSier Rotationsdnid »fld Verlag der vrühl'fchen Univ. Buch' und Stcindniderei R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulfttahe 7. bä vormittags"^"ilhr! vüdingen: Fernsprecher Nr. 269 Geschäftsstelle Bahnhofstraße 16a.
Dar Baifanproblem.
Wenn gestern über den Beginn einer neuen großen Schlackt in' der Tataldfcharebene berichtet wurde, so ist es heute wieder ganz- still davon. Eine türkische Meldung besagt, die Ostarmee habe ihren Rückzug noch nicht vollständig beendet und befinde sich noch nicht innerhalb der Ta- taldscha-Linie. Und aus dem bulgarischen Kriegslager hört man nur, daß die Berichterstatter sich über die allzu harte Zensur beklagten. Wie sich die letzten Schlachten abgespielt haben, das steht auch noch garnicht fest, und die Berichte der Augenzeugen gehen weit auseinander. Der eine meldet, dch türkische Artillerie habe versagt, der andere erklärt, die Bulgaren hätten schlecht geschossen. Der 33er- mittlungsgedanke der Großmächte hat auch noch gar keine Fortschritte gemacht.
Wir erhalten folgende Meldungen:
Die Härte der bulgarischen Zensur.
Die „Kölnische Zeitung" meldet aus Sofia: Die Kriegsberichterstatter beklagen sich über die große Härte der militärischen Zensur. 35 wölken das Hauptauartier verlassen, da sie nichts sehen, noch etwas erfahren können.
Die Pforte erklärte offiziell, daß der Rückzug der Ostarmee nicht vollständig beendet sei. Die ganze Armee befiirde sich noch nicht innerhalb der Tschataldscha-Linie.
Tic Belagerung von Adrianopcl.
Die „Morning Post"' meldet aus Mustafa-Pascha vom 4. ds. Mts.: Nach einer amtlichen Meldung machten gestern die Türken, 26 Bataillone stark und von Artillerie unterstützt, einen Ausfall auf beiden Seiten der Maritza westlich von Adrianopel. Der Kampf dauerte den ganzen Tag. Die Bulgaren machten einen energischen Gegenangriff und trieben die Türken unter großen Verlusten in die Festung zurück.
angeftdlt, um den König und seinen Sohn während einer Parla-
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Nr. 262
* Der •lefccner Anzeiger erschein, täglich, außer Sonnlagö. - Beilagen: viermal wöchentlich GlrhenerKamUienblätter. iroeimal wöchenN.lirett- blatlsbrdenNreirSiehen (Dienstag undfirenag): zweimal monatl Land» wirtschaftliche ZeiftraAen yernjprech - Anschiüy'e: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse Kit Depeschen: Anzeiger «ießeu.
mehr angepaßt. . . , , . ,
Auch die Darstellung selbst war aut einer sehr enreulicken Höhe. Herr Tworkowski verstand es sehr gut, den widerspruchsvollen Charakter des Dr. Esch einheitlich zu gestalten: er schuf einen Mann von Geist, nur die sonnige Warme des Organs fehlte ihm. Seine Stimme ist etwas spröde — und nur im leichten, leisen Ton modulationsfähig, weshalb auch seiner Darstellung manchmal etwas hartes, a(hit scharfes anzuhaftcn scheint. Eine kluge, liebe Frau Gertrud war Fräulein Brehm,
Giehcirer StcifcHfycatcr«
, Tas Prinzip.
Lustspiel von Hermann Bahr.
Gießen, 6. November.
Es ist ein gutes Zeichen für die Absichten und für das Streben unserer Bühnenleitung, daß sic Hermann Bahrs neuestes Lustspiel, das am 19. Oktober in Darmstadt und an anderen Bühnen seine Uraufführung erlebte, so rasch auf den Spiclplan bringt. ES erübrigt sich, heute nochmals näher auf das Stück einzugchen, da wir es ja sofort nach der Darmstädter Ausführung ausführlich behandelten, und nur das sei angeführt, da«; sich Hermann Bahr vor einigen Tagen gelegentlich eines Vortrages in Frankfurt a. M. über sein „Prinzip" fast in demselben Sinne äußerte wie unsere Besprechung. Die Abricht seines Lustspiels ist durchaus ernst. Ernste Gegenwartsfragen hat er in das tolle Spiel um die gräfliche Köchin verwebt, hier und da cingcstreut, — und diesem ernsten Untergründe batte auch die hiesige, von Direktor Steingoetter vorzüglich eingerichtete Aufführung glücklicherweise weil mehr Beachtung geschenkt, als die in Darmstadt.
Für den Kritiker ist es nicht ganz leicht, sich vollständig von dem nachhaltigen Eindruck des großartigen Bühnenbildes im Darmstädter Hofthcater frcizumackien, aber mit umso größerer Freude muß man anerkennen, daß unsere Bühne mit ihren begreiflicherweise bescheideneren Mitteln sein schöne und gut abge- ftimmtc Einrichtungen bot. Von der neuen Ausstattung, die nach Angaben Direktors Steingoctter von Theatermeistcr Havre ch t, Theatermaler S ck w e d l e r und Belcucktungsinspektor Keim hcrgestcllt war, möckfte ich der >tüchc in unserem Theater sogar den Vorzug geben. Sie war nicht so auffällig blau wie die Darmstadter und auch den Bühnenanweisungen des Dichters wett
Tic (Srinigfcit der Bulgaren.
Sofia, 5. Nov. König Ferdinand besuchte gestern die Verwundeten in Iambol, von dar Bevölkerung herzlich begrüßt. Die Königin, die gleichfalls in Jambol eingetrosseu ist, besichtigte die Spitäler und unterhielt sich freundlichst mit den Verwundeten. Die Königin stickt eigenhändig eine Fahne für die mazedonisck>e Freiwilligen legttm. Ms daS maz.donische Exekutiv-Komitce dies erfuhr, richtete es an die Königin eine in bewegten Worten abgesaßte Depesche, in der ihr der tiefe Dank der mazedonisckwn Kämpfer ausgesprockien und erklärt wird, »aß das mazedonische Volk sich um diese Fahne als das Emblem der nationalen Einigkeit scharen werde. Die griechische Kolonie in Sofia richtete ein Spital mit 20 Betten ür Verwundete ein.
Ein Augenzeuge über die Schlacht bei Lnelc-Burgas.
Ko n st a n t i n o p e l, r>. Nov. «Telegramm eines Privatkorrespondenten.) Die Kämpfe in der letzten Stellung bei Bisa und L u e le - B u r g a s waren, genau wie bet Kirk Kiltsse, zunächst von vollem Erfolge begleitet. Darüber kann kein Zweifel bestehen, da ein höherer ausländischer Offizier, der feit mehr als drei Jahren in türkischen Diensten steht und die Schlackt unter Mahmud Mukhtar Pascha: mitgcmackft hat, bei seiner Rückkehr heute erklärte, daß der rechte türkische Flügel gesiegt und auch der linke unter Hamdi Pascha standgehalten habe. Erst in der Nacht, als starke Regengüsse einsetzten, hätten die Türken, ohne daß die Bulgaren angriffen, die eroberten Stellungen wegen Nahrungsmangel geräumt. Es liegt also genau der gleiche Fall wie in Kirk Kilisse vor. Die Truppen siegen unter Malftnud Ptukhtars Führung, aber die vollkommen versagende Verpflegung bewirkt den Rückzug. Zu ihrem Erstaunen fanden die Bulgaren auch dieses Mal am anderen Morgen die türfifcl)<en Positionen leer. Sie besetzten sie, ohne anscheinend noch Kraft zu energischer Verfolgung zu haben Der Offizier stellte ferner fest, daß das bulgarische Artillerie feuer nicht gut gewesen fei und daß vor allem die Granaten nicht richtig explodierten Das Feuer der Türken dagegen hätte viel Schaden angerichtet.
Ter Schutz der Fremden in Konstantinopel.
Konst antinap el, 5. Nov. Ein Erlaß ist Wer* öffentlicht worden, durch den die Durchfahrt eines Panzerkreuzers für j ed e der Großmächte mit Ausnahme von Italien durch die Meerengen gestattet wird. Der Panzer soll als zweiter Stationär für die Botschafter dienen. Der Erlaß ist bereits den Kommandanten der Meerengen des Bosporus und der Dardanellen mitgeteilt worden. Die Kreuzer treffen morgen ein.
Die Stadt, Pera sowohl als Stambul, ist ruhig. Große Bewegung herrscht auf den Straßen in Stamoul, besonders in der^Nähe der Bahnhöfe und der Hohen Pforte. Die Straßen sind voll von Flüchtlingen, die ankommen, und von Soldaten, die ankommen oder abreisen. Die muselmanische Bevölkerung ist unter dem Eindruck der offiziellen Mitteilung von dem Rückzug der Armee von einer tiefen Traurigkeit ergriffen und erscheint resigniert; nirgends, aber zeigt sich die geringste Gärung. Infolgedessen erscheinen alarmierende Gerüchte und die Furcht vor schweren Tumulten für den Augenblick unbegründet.
Ein Erlaß des Sultans gestattet einem italienischen Kreuzer als Stationär der Botschaft die Durchfahrt durch dieDardanellen. Der Kreuzer
Gietzener AWM
General-Anzeiger für Gberheffen
Wiljon zum präfi&cnten &cr Vereinigten Staaten a wählt!
New York, 5. Nov., 9 Uhr abends. Wilson ist zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt.
In allen Landcstcilcn zeigte sich eine ungewöhnlich starke Stimmabgabe, die sofort nach der Eröffnung der Wablstcllcn begann. Tas erste Wahlergebnis aus der Ortschaft Acusbnct (Massack)usscts) weist eine großeZu nähme der demokratischen Stimmen auf.
Cs fteben sich in den Vereinigten Staaten se,chs Kandidaten um die Präsidentsckaftswürde gegenicker, die man in zwei Klassen teilen muß: die .Kandidaten, die Aussichten haben, und jene, die nicht die geringsten Aussichten auch nur ans Erlangung einer Electoralstimmo haben. Tie erste Gruppe umfaßt den sich bekanntlich nm seine Wiederwahl bewerbenden Präsidenten William Howard Taft, Kandidat der Republikaner, Gouverneur Woodrow Wilson von New Jersey, Kandidat der Demokraten, und schließlich Ex-Präsident Tl)eodore Roosevelt, Kandidat der von ihm ins Leben gerufenen Fortschrittspartei. Zur znviten Gruppe gehören, in der Reihenfolge ihrer zu erwarteirden Stimmcnzahl, der Sozialist Eugene V. D ob s, der Prohibitionist E h ap i n und Reimers von der Sozialistischen Arbeiterpartei.
In den Bereinigten Staaten stimmt die Bevölkerung bekanntlich nicht direkt für diesen oder jenen Präsidentschafts-Kandidaten, sondern für einen sogenannten (£1 ec- tor, der die Person des Kandidaten seiner Partei auf dem offiziellen Stimmzettel vertritt. Jeder Einzelstaat der Union hat so viele Eleetoren, als cr Vertreter in beiden Hänseim des Kongresses hat In der gestrigen Wahl waren von der Gesamtbevölkerung >31 Eleetoren zu cr wählen, so daß der Präsidentschafts-Kandidat, der den Sieg davontragcm soll, 2< 6 seiner ihn vertretenden Elec- toren durchbringen muß Falls weder Taft noch Wilson noch Roosevelt 2ü6 Elec'.orarstimmen oder darüber erhalten hätte, so würde sich das Unterhaus des >tzongresses, unter den Bestimmungen des 12. Artikels der amerikanischen Bundesverfassung vom Jahre 1804, mit der Wahl des nächsten amerikanischen Präsidenten zu befassen haben. Bei dieser Abstimmung hätte jeder der 48 Einzelstaaten eine Stimme, die sich nach der Parteiangehörigkeit oder Mehrheit seiner Vertreter im Repräseniarltenhause richtet. Ter PräsidentsckMtskandidat, der 25 dieser Staatsstimmen erhalten würde, wäre gewählt.
Nach der obigen Meldung hat also Wilson wirklich 266 Eleetoralstimmen erhalten Am ersten Mittwoch im Dezember, diesmal also am 4. Dezember ds. Js., treten nunmehr nach dem Wahlgesetz die Wahlmänner in der Hauptstadt ihres Staates zusammen und geben je zwei Stimmzettel ab für den Präsidenten und den Vizepräsidenten. Die Stimmzettel gehen an den Kongreß in Washington und werden dort am zweiten Ni i t t w o ch im Februar gezählt. Hat einer der Kandidaten die absolute Mehrheit, so wird er als gewählt erklärt, andernfalls geht das Wahlrecht an das Repräsentantenhaus über.
Dr. Woodrow Wilson, Gouverneur des Staates New- Jersey, früherer Präsident der Princeton-Universität, ragt weit über den Durchschnitt der gewöhnlichen Präsidentschaftskandidaten hervor. Er ist ein Mann von tiefem Wissen, als Lehrer und historifck>er Schriftsteller gleich angesehen, und vor allem das ausgesprochene Gegenstück der Berusspolitikcr. Der Reichstagsabg. Dr. Stresemann, der


