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5.11.1912 Zweites Blatt
 
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Nr. 26(

Zweiter Blatt

162. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntag-.

DieLietzener HamilienblStter" werden dem .Anzeiger* viermal ivöckenilich beigelegk, das KrdsMatt für den Kreis Liehen ' zivennal wöchentlich. TieLandwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich jivennat.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhesjen

Dienstag, 5. November 1912

Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UntversilälS Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gienen.

Redaktion, (Spedition und Truckerei: Schul­strave 7. Expedition und Verlag: öl.

$Rebatnon:e^ll2. Tel.-Adr.: An-eigerLreßen.

Der wageninangel.

(Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 4. November.) D Berlin, 4. November.

Wir leiden nicht nur unter einem Fleischmangel, sondern auch unter einem Wagenmangel. Diesen empfindet zwar nicht un mittelbar jeder einzelne Staatsbürger, vielmehr zunächst nur die Industrie. Wer aber die Zusammenhänge des wirtschastlichcn Lebens kennt, der weis;, das; mit der Industrie in erster Linie die Arbeiter und deren Lohnverhältnisse, dann aber auch das ge­samte Erwerbsleben der Industriegebiete, nicht zuletzt die Ein­nahmen der Eisenbahnverwaltung selbst, an denen wiederum jeder einzelne Steuerzahler ein Interesse hat, durch den Mangel an Güterwagen ganz wesentlich beeinflußt werden. So haben wir es auch hier mit einer allgemeinen Kalamität zu tun, die abzustellen dringende Ausgabe der Staatsregicrung ist. Ter Wagenmangel erinnert auch insofern an den Fleftchmcmgel, als auch bei ihm, so oft alljährlich bei der Etatsberatung entsprechende Klagen gekommen sind, die Mißstände von der Regierung stets aut außerordentliche Ursachen zurückgcsührl worden sknd, so im Vorjahr, wo die Schuld an dem Fehlen von über 70 000 Wagen säst ganz allein der Dürre zugeschoben wurde. Nun haben wir in diesem Ialzrc keine Dürre, aber der Wagen­mangel ist nicht nur geblieben, sondern hat sich sogar noch ver­mehrt. So drängt sich auch hier die Erkenntnis aus, daß es mit Vertröstungen auf normale Verhältnisse nicht mehr getan ist, sondern datz mehr geschehen muß als bisher.

Die entspreckfenden Absichten der Regierung zu erfahren, war der Zweck einer f r e i k o n s e r v a t i v e n Anfrage, die heute verhandelt wurde. Eine Zcntrumsanfrage hatte noch die in­folge der Ohnmacht, des Güterverkehrs im Westen .Herr zu wer­den, verfügte viertägige Sperrung des Güterverkehrs auf b c m linken N ieder rh e i n u fer zum Gegenstand. Tie Zentniinsansrage wurde zwar nicht mitverhandelt, aber besonders der Eisenbahnminister nahm in seiner Antwort auch auf sie Bezug.

Bei der Behandlung der Frage entfaltete sich ein lebhaftes Wettrennen aller.Parteien um die Gunst der Industrie, die ja die Frage in der .Hauptsache angebt. Auch die konservative Partei wollte nicht zurückstehen. Minister v. Breitenbach führte die große Ausdehnung des Wagenmangels auf die glänzende wirt­schaftliche Konjunktur zurück, die eine Perkehrsst.eigerung zur Folge gehabt habe, wie sie die preußischen Staalsbahnen noch nie erlebt hätten. Im übrigen betonte er, daß die Eisenbahnverwaltung sich bemüht habe, den Anforderungen, so­weit es irgend möglich war, gerecht zu werden, und ging dann auf die Ursachen näher ein, die zur Verkehrssperrung am Rhein geführt hätten. Der.Minister sprach die. Hoffnung aus, daß alle hieraus entstandenen Betriebsstörungen in der zweiten Hälfte des November wieder beseitigt sein werden. Obgleich nun Herr von Breitenbach die ungeheure Steigerung des Verkehrs zugeben mußte sie kommt in der vom 1. April bis 30. September erzielten Mehreinnahme von 80 Millionen handgreislich zum Ausdruck, obgleich er auch erkannte, daß bei anhalteitder Konjunktur die Steigerung immer größere Fortschritte machen muß, so bekam man doch keine klare Antwort auf die Frage, welche Maßnahmen denn nun wirklich ergriffen )Derben sollen, um Mißstände für die Zukunft vorzubeugen.

DaS kam auch in der Bespreck,ung zum Ausdruck, in der die Forderung nach Vermehrung des Wagenparks allseitig stark unterstrichen wurde. Insbesondere forderte Abg. Hirsch- Essen inatl.' die Festsetzung einer jährlichen nickt zu gering bemessenen Mindestvermehrung. Abg. Hirsck verwies daraus, daß nicht nur ans dem Westen, sonder» ans fast allen Landesteilen Klagen vorliegen. Ter Uebelstand sei viel größer, als die amt­lichen Ziffern erkennen ließen. Weiter sorderte der national- liberale Redner den beschleunigten Ausbau des Eisen- b a h n n e tz e s und der Bahnhöfe, Vermehrung der Gleise u. a. Abg. Tr.-Ing. Maeeo (natl.) bezeichnete die jetzige Kalamität als Folge der Sparpolitik und trat energisch für eine umfang­reiche Erweiterung des Bauprogramms der nächsten Jahre ein. In ähnlichem Sinne sprach sich für die Volkspartei der Abg. Tr. P a ch n i ck e aus. Von anderen Parteien sprachen die Abgg. Graf v. d Groeben (tom'J, Schmedding« Zentr/, Gras Moltke ^Freikons.), Stroebel (Soz.> u. a. Auch Minister v. Breitenbach griff noch zweimal in die Aussprache ein, um die Bereitwilligkeit der Verwaltung zur Förderung des Ausbaus des Bahnnetzes aus­zusprechen. Aber er blieb dabei, daß die Steigerung dieses Jahres ganz ungewöhnlich sei und deshalb nicht vorausgesehen werden konnte.

Deröcfud) öes italienischen Minister; derAuswärtigen in Berlin.

Der italienisckie Minister des A.ußeru, di San Giu­liano, ist in der Nacht zum Montag in Berlin ein» getroffen. Auf dem Bahnhof n>urb; er von d.m Botschaft r Pansa und dem Botschaftspersmtal empfangen. DieNord deutsche A l l g. Z t g." schreibt:

Ter italienische Minister des Aenßern Marchese bi San Gin liano ist in Berlin eingetrossen zur Erividerung des Besuches, den Herr v. Kiderlen Wächter im Januar J912 in Rom abgeftattet hat. Wir heißen den ausgezeichneten Staatsmann, von dem die auswärtige Politik des verbündeten Italiens mit Ansehen und Erfolg geleitet wird, herzlich willkommen. Ter Besuch fällt in eine Zeil, wo die europäische Diplomatie mit der Verantwortung.- vollen Aufgabe der sriedliclen Liguidierung des B a l k a n i i i e g e s besänftig: ist. An Stoss zur politischen Aussprache wird kein Mangel sein. Wir sind überzeugt, daß die Unterredungen, zu denen San Giuliano in Berlin Gelegenheit haben wirb, ebenso wie die jüngste Bejpreckwngen mitbeiu Grafen Ber cktold am italicniidjem Boden bi? U e b e r e i n ft i m m u n g der T r e i b u n d m ä cht e verstärken und für den europäischen Frieden förderlich sein werden.

Ti San Giuliano besuchte am Montag vormittag den Reichskanzler v. B e t h m a n n-H o l lw eg sowie den Staatssekretär im Ministerium des Aeußern v Ki d erl e n- Wächtcr und fcIrrte sodann nach der italienischen Bot­schaft zurück wo Tiner in kleinem Kreise stattfand.

Zu Ehren San Giulianos fand am Montag abend beim Staatssekretär v. K i d e r l e n - W ä ch t e r ein Diner statt, zu dem außer den Begleitern des Ministers, dem Gesandten di Martino und dem Sekretär des italienischen Mini­steriums des Aeußern Biancheri, Einladungen erhielten: der italienische Botschafter Pansa nebst dem Botschaftsrat Mar­tin-Franklin, Militärattache Oberst Eald'rari di Ralazzolo, der österreichisch-ungarische Botschafter, der rumänische, der bayerische, oer wüVttcmbergischc, der sächsische 'und der badische Gesandte, das Mitg.ied der ägyptischen Schuldeu- oerwaktung Wirkt. Geheimer Legationsrat v. Mehl, Schloü- yauptmann Graf v. Hutten-Ezapski, der kaiserliche General lonsnl in Kapstadt Frhr. von Humboldt, Unterstaatssetre- tär Zimmermann, Direktor Kriege und andere .Herren des auswärtigen Amts.

Berlin, 4. Nov. Ter Kaiser frühstückte beim Staatssekretär von Kiderlen-Wächter.

Deutsche Kolonien»

Die Reichszuschiisfe für die Kolonien werden sich im neuen Voranschlag etwa in dem gleichen Rahmen bewegen wie im letzten Jahre, wahrscheinlich wer­den sie sogar infolge der günstigen Entwickelung der Kolo­nien allmählich weiter sinken. Im neuen Etat betragen die Zuschüsse 28 Million eit Mark (Lstasrika 3i/2, Kamerun >1/2, Südwestafrika 14, Kiautschou 6>,, Neu Guinea 1 i Mil­lionen), Togo und Samoa bedürfen keines Zuschusses. Tie Vormtschlagsberatung im Bundesrate wird im Lause dieser Woche erfolgen und wird etwa drei Wochen in Anspruch nehmen. Tie Veröffentlichung der Voranschlagszahlen wird bis zum 23. November erfolgt sein. Tem Reichstage geht der Voranschlag in der letzten Novemberwoche zu.

Kirche und Schule.

Die Bischofskonferenz in Fulda.

Fulda, 4. Nov. An der morgen stattfindenden Bi­schofskonferenz nehmen teil: Kardinalfürstbischof Kopp-Breslau, Erzbischof Nörber-Freiburg i. B, die Bischöfe Schmitt-Fulda, v. Keppler-Rottenburg, Benzler-Metz, Fritzen-Straßburg, Korum-Trier, Kirst ein-Mainz, Schulte- Paderborn, v. Hartmann-Köln, Bertram-Hildesbcim, Voß- Osnabrück, Bludau-Ermland, Likowski-Posen, Scyäfer-Tree- den und Koppes-Luxemburg, sowie Domkapitular Kreuz- wald-Köln. Kulm, Berlin und Limburg sind nicht ver­treten.

Aus Stndt und Land.

Gießen, 5. November 1912.

** Staatsbahn-Personal-Nachrichten Er- n a n n t wurden: Bahnmeisteraspirant W e r n e r in Fulda und Schmidt in Wetzlar zu Bahnmeister Tiätaren, Hilfsschaffner Klein in Friedberg zum Schaffner. Ver­setzt wurden: Lokomotivführer Weincr von Gießen nach Grävenwiesbach, Rescrvelokomotivführer G roß von Gießen nach Hillscheid, Lokomotivheizer Ein Häuser von Gießen nach Grävenwiesbach, Heinz von Gießen nach Au, Sänger von Höchst nach Gießen. Pensioniert wurde Zugführer W e i d c n b a u s in Gießen. Eine B c - l 0 h n u n g c'x I) i e 11 Lokomotivführer Haas in Gießen für Entdeckung und Meldung eines Brückenbrandes.

** Von der Handwerkskammer wurde uns ge schrieben: Tie Einzie h u n g s st e l l e b e r H andw e r t s- kammer zu Darmstadt, die am 1. Oktober ihre Tätigkeit begann, erfreut sich schon einer regen Jnanspruch­ic a h m e. Wenn auch in dem kurzen Zeitraum von be­sonderen Erfolgen nicht gesprochen werden kann, da sich fast alle Aufträge noch un Anfangsstadium befinden, so beweist doch die obige Tatsache das Interesse, das man der neuen Einrichtung entgegenbringt. Die Einziehungs­stelle übernimmt die Beitreibung aller ihr überwiesenen Forderungen zu mäßigen Gebühren: die Angehörigen gc- ivcrblicher Korporationen genießen Vergünstigungen. Stän­dige Beiträge werden nicht erhoben, von den Auftrag­gebern ist neben dem Ersatz der baren Auslagen eine ge­ringe Auftragsgebühr und bei Eingehen einer Forderung eine sich in mäßigen Grenzen haltende Einziehungsgebühr zu entrichten. Die Einziehungsstelle versucht auch das immer mehr überhandnehmende Borgunwesen zu bekämpfen.

Kreis Schotten.

I Gedern, 3. Nov. Hter hat sich vor einiger Zeit ein Polksbildungsoerein gebildet, der bereits eine stattltche Mitgliederzahl aufweift Die Hauptversammlung wählte nun endgültig den Vorstand, der sich wie folgt zusammensetzt: Hofprediger Widmann 1. Bors., Lehrer Schaad 2. Vors., Apo­theker Veesenmeyer Beisitzer, L. Voehl Schriftführer und Loko- inotivführcr Kramer Rechner. In diesem Winter soll ein Theaterstück vom Rhein-Mainischen Verbandstheater aufgeführt werden und außerdem werden einige Lichtbilder-Vorträge ge­boten werden. In der Zwischenzeit sollen kleinere Vorträge ait§ verschiedenen Wissensgebieten gehalten werden. Lehrer Riedel wird demnächst über das Gebiet derWetterkunde' sprechen.

O Altenhain, 4. Nov. In unserem .Kriegerverein hielt gestern abend der Verbandsredner der Hassia, Lehrer Keil aus Klein-Linden, einen Vortrag überDie deut­schen Kolonien und die Kämpfe in dem Schutzgebiet Süd- ivestafrika".

O Herchenhain, 3. Nov. Seit einigen Tagen hüben uns die Köhler verlassen, die den ganzen Sommer im Lberwalde in der Nähe des Dorfes mit dem Kohlen von Nadelholz beschäftigt waren. Sie haben ungefähr 1000 Raummeter Holz für eine Firma aus Westdeutschland verkohlt. Täglich konnte man Neugierige sehen, die dem immer seltener werdenden Handwerke eines Holzkohlen-- brenners zusehen wollten. Nicht bloß das Abbrennen eines Meilers, sondern auch dessen Ausbau und Konstruktion sind interessant.

Kreis Friedberg.

L. Friedberg, 4. Nov. Der.Hauptstrang der Etel tri- zitätsleitung in unserer Stadt ist nun vollständig gelegt. Zurzeit geht man an die Oberleitung, für die bereits die Masten eingctroffen sind. Seit einigen Tagen wird an den Haus­leitungen gearbeitet. Viele Häuser der Stadt werden angeschlossen. Bei dem B a s a r am Sonntag vor acht Tagen wurden 3000 Mk. eingenommen. Davon gehen an 600 Mk. für Unkosten ab, so daß noch 2400 Mk. übrig bleiben, von denen ein Teil dem Baufonds für ein evang. Vercinshaus zufließt.

8 Rockenberg, 4. Nov. Recht gehoben hat sich seit Er­öffnung der Wettcrtalbahn in den letzten Jahren die hiesige

Rcinfjarötsvenezianische Nacht" in London.

Max Reinhardt ist gegenwärtig in London mit den letzten Vorbereitungen für sein neues Stück besänftigt, das im Anfänge der nächsten Woche im Palace Theater einem der größten Varietees aufgeführt werden soll.Eine vcnezianuchc Nacht , wie der Titel der Neuheit lautet, ist eine gemeinsame Schöpfung von Vollmöller, den die Londoner als Dickster desMirakels^ noch in bester Erinnerung haben, von Tr. Beermarm, dem -schöpser des musikalischen Teils, und Reinhardt selbst. ~

Ein Vertreter desStandard" hat sich dieser Tage ins Palace Theater begeben, wo er Reinhardt und Vollmöller mitten in der Arbeit antraf. Vollmöller, der nach Angabe des Zeitungsmannes das Englische beinahe wie ein geborener Engländer spricht, hat ihm bei dieser Gelegenheit viele interessante Einzelheiten über die Entstehung des Stückes, über den Inhalt und die Arbeit daran erzählt. Danach haben Vollmöller und Reinhardt bei der Aus­arbeitung der Idee alles der Aufführung im Palace Theater von vornherein angepaßt, und sie haben auck alles aut das engluck>e Publikum zugesck nittcn. Die venezianische Nacht, cinc~ Panto­mime, istkeine Tragödie, sondern eher die Vision einer Tragödie, durch die Augen .einer Komödie gesehen". Vollmöller I)at^ den Plan dazu bereits in seiner Kindheit gefaßt, als ihm die xinge des Lebens wie uncntbüllte Tragödien erschienen. Jetzt, wo er sie als wcltcriahrener Mann sieht, stellt er sie in Gegensatz zur Komödie, und rrotzbem ist kein großer Unterschied zwischen beiden vorhanden.Die Handlung des Stückes", so erzählt ei',geht ums Jahr 1860 vor sich. Ein junger Manu, ein Oesterreicher, der romantisch veranlagt ist und viele Ideale l>at, kommt nach Venedig. Er ist entzückt von der Stadt. Er träumt -träume. In diesem Zustande wird er der Grund eines Zerwürfnisses zwischen einem jung verheirateten Elstwaare: die junge Frau gerät in den Bann des öfterreid ifdyen Offiziers, aber die Rache folgt aus dem Fuße, und gerade in dem Augenblick, wo er ilxr zum Opier fallen soll, erwacht er. Er ist in dem Zimmer seines Hotels, der Traum ist versck amndcn, das Leben ist noch heiter und Venedig ist noch immer schön." Das ist das Skelett der Handlung.

Hieraus hat nun Reinhardt, wie Vollmöller weiter erzählt, ein wahres Wunderwerk gemacht, eine Vorführung, wie sie 10 prächtig wohl nock) nie gezeigt worden ist. In hervorragendem Maße gilt das von der technischen Seite der Ausführung. £5 ist eine ganz neue Bühne angelegt worden, in die eine Drehbühne eingebaut worden ist. Diese besteht aus vier Sektoren, die nack>- einanber sidstbar werben. Dreizehn Episoden ber Handlung sind barin auf vier Szenen verteilt. Zu den Bühnenbildern

gehört z. B. ein Kanalbilb: vorne fließt bas Wasser des! Kanals, eine Gondel schwimmt darauf, im Hintergründe liegt das Hotel, in dem der Oesterreicher wohnt. Wenn die Bühne I weitergedreht wird, wird für den Zuschauer der Einblick in das Hotelzimmer frei, und so werden nacheinander alle vier Sektoren der Bühne sichtbar. Die Entwürfe der Dekorationen stammen von Reinhardts wohlbekanntem Mitarbeiter Stern, den die Eng­länder auch vomMirakel" her lennen. Vollmöllers Gattin, die Italienerin (Sarmi, die ebenfalls in London von benMirakel" Vorstellungen her beginnt ist, wirkt gleichfalls mit. Tf.

Die Aufführung verboten.

Aus London, 4. November, wird gemeldet: Tic Aufführung von ReinhardtsVenezianische Nacht", die heute im Palacc-Theater stattfindcn sollte, i st v e r b 0 t e n worden.

Berlin in Düsseldorf. Man schreibt uns aus Düsseldorf: Im Lustspielham'c eröffneten die Berliner eine Theater- siliale. Tas Stück wurde von Berlinern verfaßt, von Berlinern inszeniert, von Berlinern zum großen Teil gespielt und schließlich auck, von einer Anzahl von Berlinern in den Himmel des Erfolges expediert. So rnackt man Schlager, und es ist kaum daran zu zweifeln, daß dieses VaudevllleEine ki tzl i che Ge s ch i ch t e" versaßt von Erich Urban, komponiert von Hugo Hirsch, mit Gesangslexten von Rudolf Sckxinzer, inszeniert von Dr. Martin Zickel, dirigiert von Mo Ehrlich, regiert von Adols Kallenbach einSchlager" werden wird nach dem Vorbildc desTanz- anwalts", der auck Erich Urban zum Vater hatte. Tas eigent' (idje Stück ist der üblicku: Pariser Schwank deutscher Nachahmung mit leickten Dämchen, verschwiegenen Soupers, pcin- licken llebcrrafdmngen und äbnlidxm bekannten Dingen, unter denen auch mirunter eingeborene deutsche Schwanktypen anftauchen. Die Musik lebt in guter Freundschast mit bekannten Operettenmelodien, aber die Lieder sind im allgemeinen pikant instrumentiert und mit Geschick für den komischen Vortrag ein­gerichtet. Sie werden wahrscheinlich bald aus allen Gassen zu hören sein. Bei flottem Spiel fand das Stück sehr starken Beifall. Die Vcn'asferfchaft konnte mehrmals auf stürmischen Zuruf,hin erscheinen. Hs.

Tagebücher ber Königin Victoria. In ben nächsten Tagen wird in London ein historisch und menschlich inter­essantes und denkwürdiges Buch erscheinen, an dessen Herausgabe die Königin Mary eifrig mitgearbeitet hat: die Mädchentagebücher der Königin Victoria. Die beiden Bände, die von Lord Esher herausgegeben werden, gewähren einen fesselnden Einblick in das

Wesen der Königin und zeigen, wie kindliche Anschauungen unh kindliche Interessen Schritt um Schritt einem wachsenden Ver­antwortlichkeitsgefühl weichen. Tie Tagebücher, die zwei statt- lickie Bände darstellen, erstrecken sich aus die Zeit von 1832 bis zur Vermählung. Am 1. August 1832 macht die 13jährige kleine Prinzessin Victoria die erste Eintragung, die lautet:Tieses Buch gab mir Mutter, damit ich hier das Tagebuch meiner Reise nach Wales eintrage". Tie Einleitung, die Lord Ehser dem Werk vorausstellt, gibt ein anschauliches und psychologisch be­deutsames Bild von dem Charakcer und dem Wesen der ver­storbenen Derrfck-erin.Sie mar als Achtzehnjährige nicht anders, wie ein junges Mädchen ihres Alters int Durchsckmitt ist. Wenn ihr Gespräch nicht geistreich war, so war dafür ihr Herz gütig und ihr Urteil gesund. Sie war klug und ungewöhnlich wahrhaftig. Trotz ihrer fleinen Gestalt hatte sie eine seltsame Würde. Die Stimme war musikalisch und trug weit. Vor allem aber war ihr Rcchtsgefühl unerschütterlich und ihr Pflichtgefühl so hoch und streng, daß sie alle Mängel der Phantasie ersetzten. Sie war bescheiden, wenn auch vielleicht nicht zärtlicher Gemütsart. Sie war leidenschaftlich und gebieterisch, aber stets ehrlich und treu." Besonderes Interesse erregen die den Bänden beigegebenen eigenen Zeichnungen der Königin, sie verraten ein cmsgesprochenes Talent, hervorstechende Eharakterzüge graphisch sestzuhalten und Achnlichkeiten zu erzielen.

T i e Enthüllung des R bo d e s - T e n km a l s in 5 ü bar r tf a. Nun ist bas große Tenkmal, bas Südafrika seinem größten Vorkämpfer und Pionier errichtet hat, feierlich enthüllt und fdmn von fern her grüßt den Fremden dies Monument, das von dem Willen und der Tatkrait eines außerordentlichen Men­schen künftigen Geschlechtern erzählt. Tas Denkmal erhebt sich auf den Abhängen des Tafelberges. Die Wirkung ist prachtvoll. Man denke sich den mächtigen, hohen und dabei slachen Tafelberg, der dem blauen Meer zu entsteigen scheint. Ein Teppich von l'anftem Grün strebt an seinen Flanken empor, Aecker, Gärten und tiefgrüne Föhrenhaine. Und über den Wipfeln dieser Kiefern, eingebettet m di. grauen Felsenmasfcn, liegt ein lichter griechischer Tempel. Vor seiner breiten Freitreppe aber ragt eine mächtige Lronzegruppe empor, das Geschenk von Watts an den Genius Eecil Rhodes. Ein stolzes Pjerd mit.einem stolzen Reiter, harte, dunlle Bronze. Reiter und Pserd starren gespannt nordwärts, der Reiter hat die Hand erhoben, beschattet die Augen, um den Blick zu schärfen, denn weit will er blicken und scharf sehen. In dieser Gruppe ist das Wesen der Rhodesschen Lebensarbeit charak­terisiert, sein Kavips um die Erschließung des schwarzen Weltteils vom Süden nach dem Norden.