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5.10.1912 Erstes Blatt
 
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Nr. 235

Erstes Blatt

162. zayrgang

Samstag, 5. Oktober 1912

GietzenerAMger

Seneral-Anzeiger für Oberhessen

Der Siebener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich SiehenerZamilienblätler. iroeimnl roöcbentl.Kreis- blatt für ben Kreis Siegen (Tienetagunbnreitaa); zweimal monatl. Land» wirtschaftliche SeilfraAen steruiprech»Anschliisse: für die Redaktion 112, Verlag u. Crvcdilion 51 Adresse für Depeschen:

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Die heutige Nummer umsaht 22 Seiten.

Der Friedensschluh mit ^tali n.

Konstantinopel, 5. Ott. Sicheren Nachrichten zufolge hat der gestrige Ministerrat beschlossen, den letzten Vorschlag Italiens anzunehmen. Die Friedensprä­liminarien werden nach Antttnft des gewesenen Bot­schaftsrates bei der türkischen Botschaft in Rom Seif Eddin in Ouchy unterzeichnet werden können. Seif Eddin ist nachmittags nach Ouchy abgereist.

Die Bulgaren, Serben, Griechen und Montenegriner haben sich alsein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft", erwiesen, denn in erster Reihe ist es der Mobilisierung und den Kriegsdrohungen des so plötzlich improvisierten Balkanvierbundes zu ver­danken, wenn die Türken sich entschlossen haben, die italienischen Frieden sbedingungen anzu - nehmen. Wenn auch die Friedenspräliminarien bis heute noch nicht unterzeichnet waren, so stellt doch nach den ein- gelaufcnen Meldungen der Friedensschluß unmittelbar be­vor und zwar, wie wir aus Berlin hören, auf folgender Grundlage:

Die Pforte erkennt die italienische Souveränität über Tripoli? und die Cyrenaika nicht offiziell an, ^gewährt aber diesen beiden afrikanischen Provinzen volle Selbstän­digkeit, so daß es also Sache Italiens sein wird, sich mit den dortigen Arabern schiedlich-friedlich oder aber, was der wahrscheinlichere Fall ist, weiter kriegerisch auseinander­zusetzen. Gleichzeitig erkennt Italien die kirchliche Oberhoheit des Khalifen über das umstrittene Ge­biet an und gelvährt der Türkei zugleich eine finanzielle B e i h i l f e in Gestalt einer sehr hohen, unkündbaren Anleihe, deren Verzinsung durch gewisse Zolleinnahmen .garantiert wird. Die von den Italienern besetzten Inseln im Aegäischen Meere werden selbstverständlich geräumt.

Das sind nach dem, was man hört, im großen und ganzen die Bedingungen, unter denen der Friedensschluß erfolgt. Italien hat im wesentlichen erreicht, was cs wollte, nämlich den Besitz von Tripolis und damit eine ganz erhebliche Verstärkung seiner Mittelmeersteklung. Frci- if,d) werden die Italiener nicht im unklaren Darüber sein können, daß sie ihren Erfolg weniger ihren gewiß nicht zu unterschätzenden militärischen Leistungen, als vielmehr der einigermaßen unerwarteten Gunst der politischen Umstände verdanken. Als sie am 29. September 1911 den Krieg erklärten, waren sie von der Wahrscheinlichkeit eines schnel- len Sieges so überzeugt, daß sie nach den ersten Erfolgen, deren größter die am 5. Oktober erfolgte Einnahme der Stadt Tripolis war, bereits am 5. November jenes Ein­verleibungsdekret erließen, dessen jetzt erfolgte Verwirk­lichung sie der Beihilfe der tteinen Balkanstaaten verdanken. Einen entscheidenden Erfolg haben die italienischen Truppen in den Kämpfen um die Oasen bei Tripolis und in der Ehrenaika bis heute noch nicht erzielt, und ihre Beherr­schung der Küsten reichte kaum weiter als die Tragweite der Schiffsgeschütze. So hatte das Kabinett Giolitti trotz der politischen Wirren in der Türkei, die zum Sturz deS jungtürkischen Regiments führten, uub trotz der chronischen Aufstände kaum Aussicht, den Krieg in absehbarer Zeit zu einem gedeihlichen Ende zu bringen, wenn jetzt nicht die Zuspitzung der Balkankrisis und die daraus sich ergebende unmittelbare Gefahr eines Krieges nach vier, ja, Italien

Giehener Sta-ithenter.

Biel Lärm um nichts von W. Shakespeare

Gießen, 5. Oktober 1912.

Shakespeares Lustspiel von Benedikt und Beatrice, das wir heute unter dem Namen Viel Lärm um nichts feinten, ist vielleicht das reizvollste und feinste, was der große Brite in dieser Art geschrieben hat. In unübertrefflicher Munterkeit rollen Spnich und Widerspruch geistreich, und schlagfertig über die hurtigen Zungen, baut sich Szene auf Szene, die zu wunderbaren Bildern ausgestaltct und vertieft sind, und nicht zuletzt erfreut die klare und icharfgeprägte Charakterzeichnung durch ihre meister­liche Vielgestaltigkeit. Ein Paar von köstlicher Lebensfrische sind Benedikt und Beatrice, die daS wirbelnde Spiel mit, ihrer froh­sinnigen Laune so völlig beherrschen, daß zu Shakespeares Zeit das ganze Stück nach ihnen benannt war, und von gleicher Blut­fülle sind die beiden biederen Beamten Holzapfel imb Cyprian, bereit Tnven wir in die neuere Zeit übertragen auf den Bildern Svitzwegs mit Heiterkeit bewundern. In diesen Gestalten liegt die Größe und der Ewigkeitswert des Stückes, das übrige verfällt, wie M. I. Wolff sehr richtig sagt, bei allem blendenden Glanz stellenweise in Routine; denn der heitere Scherz, der sich so phantasievoll und geistreich gibt, und der folgenschwere Ernst, der uns heute fast bedrückt, sind zu keiner glücklichen Einheit verbunden es bleiben zwei Teile, die keine rechte Verbindung miteinander eingehen. Um so weniger, als wir sehen, wie da alle?, vorn Zufall abhängig tst, rote da alles wird und uch im guten wie im bösen nur gestaltet, weil immer einer da ist, der un­berufenerweise ein Gespräch belaulcht sie lauschen fast alle, spielen alle den Horcher an der Wand, und lasten um von dem, roas sie hören, treiben und lenken. Sie sind alle miteinander Spielbälle der Nachrede, ihre Handlungen Ausslustc besten, wa- sie gehört haben. Und das ist wohl auch der hetero Gedanke des Werkes, daß alle Menschen von ihrer Umgebung abhängig sind, daß sie die Sklaven ihres Leumundes und somit des Zu­falles sind. Um diese geistreiche Wsicht nnmalltg zu madjen, läßt der Dichter die Gespräche aut bie es ihm ankommt u nd di e für den Fortgang der Handlung bedeutungsvoll und, eweilig a 3 Tm SeS »emr b-l°mchon . Und d°s -b-n null uns heute nicht einmal mehr bei einem einfachen schwank gefallen, wieviel weniger bei Shake,peare.. Es gibt allerdings auch ein­zelne Kritiker, die gerade dann einen tetnerroogenen Zug feiner Kunst sehen wollen, indem sie eine beständige Betonung des Zu­falles in unserem Leben darin erblicken .

Tie Schwierigkeiten, die der Darstellung aus die,em steten .Belauschen erwachsen, waren für die Bühne Shakespeares mit

eingerechnet sogar nach fünf Fronten, die Türkei zum Nachgeben gezwungen hätten.

Ünd sie ließ sich gern zwingen. Dadurch, daß die türkische Negierung sich auf den von Sofia, Belgrad, Athen und Cetinje drohenden Ansturm berufen kann, hat sie den Arabern in Asien gegenüber eine hinreichende Begründung für die Aufgabe von Tripolis, und durch die so geschaffene Zwangslage vermindert sich zugleich der Verlust an mili­tärischem und politischem Ansehen für die Türkei. In Wahrheit war ja Tripolitanieu längst nur dem Namen nach eine türkische Provinz, so daß der faktische Verlust nur gering ist, während andererseits durch die Anerkennung der kirchlichen Oberhoheit des Khalifen der niederdrückende Ein­druck auf die mohammedanische Welt verringert wird.

Wenn der durch den Friedensschluß bedingte Verlust nur gering ist, so fragt es sich, ob der Gewinn für Italien erheblich größer sein wird. Der Gewinn an Ansehen sicher lich, denn die Italiener haben die schwere Schlappe, die sie einst in Abefsynien erlitten hatten, durch den fetzigen Kolonialfeldzug einigermaßen wett gemacht, wenn sie auch den endgültigen Sieg nicht der eigenen Kraft verdanken. Freilich werden sie sich ihre neue afrikanische Kolonie aller Voraussicht nach erst ebenso erobern müssen, wie die Fran­zosen Marokko. Aber daß dieser Krieg mit der faktischen Einverleibung von Tripolis enden wird, steht außer Zweifel.

Ans Mailand wird gemeldet: Nach einem hiesigen Blatt dampfte die italicnisckie Flotte nach Stampalia ab. Tort erhielt sie burdi Funkcnspruch die Mitteilung, daß Waffen­stillstand eingctrct.cn sei.

Gens, 4. Ost. TasJournal de Gönsvc" erhalt über den Friedens,'chluß folgende Depesche aus Ouchy: Die Ucbcrcin- ftimmung zwischen den Delegierten über die Hauptgrundlagen des Friedensschlusses ist vollständig, dock) wurde nod) nichts unter­zeichnet. Heute abend reist B e r t o l i n i nadi Cavour, um Giolitti den Vertragsentwurf zu unterbreiten. Re schied Pascha reist had, Konstantinopel, um den Entwurf dem Ministerrat zu unterbreiten. Der Frieden kann deshalb noch iiid-t als abgeschlossen betrachtet werden. Tie jetzigen offiziellen Friedensunterhändler werden zur Unterzeichnung des Vertrages bevollmächtigt.

Die Vermittlungsversuche der ErohmSchle.

DerTempS" bestätigt, daß Ministerpräsident Poin- c ar e die Botschafter Frankreichs bei den Großmächten be­auftragt habe, die Dringlichkeit einer gemeinsamen und doppelten Aktion zu betonen, welche _in den Hauptstädten der Balkanstaaten int Hinblick auf den Frieden uitb in Konstantinopel im Hinblick auf die Durchführung der mazedonischen Reformen zu uniernehmen wäre. Die französische Regierung lasse in ihrem Vorschläge zwei Hy­pothesen zu: Eine gemeinsame Aktion oder eine österreichisch-russische Aktion im Namen i>er Großmächte.

Obwohl die Antwort Oesterreichs auf den Vorschlag über die gemeinsame Vorstellung bei den Dalkanstaaten vor­mittag? noch unbekannt war, ist ihre Annahme als sicher anzusehen, da die am Schluß des Ministerrats am Freitag mitgeteilte Note die völlige Uebereinstimmung Rußlands, Frankreichs und der übrigen Großmächte versichert.^

PvinearS gab zu Ehren SasonowS ein Früh­stück, an dem u. a. der russische Botschafter ISwolSki, sämtliche Minister und der französische Botschafter in Pe­tersburg Louis teilnahmen.

Präsident Fallier es traf Freitag morgen auf seiner Besitzung Loupilton bei Mezin ein.

Sasonow hatte am Freitag nachmittag in der russi­schen Botschaft Unterredungen mit den Ge-

ihren verschiedenen Feldern allerdings nur geringfügig, denn leidster als heutzutage konnten sich da die einzelnen Schauspieler voreinander verbergen, und glaubwürdiger fdiien auch das Lauschen selbst. Da liegt es nun an uns, diesen offenbaren Fehler nad) Möglichkeit zu verschleiern, ihn als nedifdjen Zufall ober grazilsten Scherz barzustellen unb ber Bühne eine entsprechenbe Gestaltung zu geben. Diesen bei den häufigen Verwandlungen ins Ungeheuer- liche wachsenden Schwierigkeiten begegnete die gestrige Ausführung zunächst baburd), baß sie die Bearbeitung Bertrarns zugrunde legte, die sich auf drei Schauplätze beschränkt, und fernerhin durch einen sehr geschickten Aufbau der Bühne, die, von Laubgangen unb Terrassen begrenzt, bas Verstecken sehr begünstigt, ja zum reizvollen Spiele macht.

Ta so die Hauptsdiwierigkeiten behoben waren, war alles andere ein glänzender Erfolg, ein Renaissancebild voll ^cift und Farben unb einem Leben, in dem des Blutes starke Pulse ugeu. Leuchtende Bühnenbilder hatte man aufgebaut, ttalie- nische Schönheit mit einem lichten, sonnigen Himmel, unb warm- aueUenbc Taseinsfreube fanb sich darin zu Gast. Kam nur hinzu, daß Bertram den Originaltert nickt nur zusammengezogen, wil­dern au di erweitert bat, nickt ungeschickt zwar, aber doch .erweitert. Unb Shakespeare sollte man nicht verlängern er ventand ver­mutlich auch etwas vom Theater.

Tie Ausführung, die von Herrn Tworkowski) geleitet wurde, ist mit dem, was ick schon gesagt habe, genug,am. belobt. Auf dem schönen Hintergrund entfaltete sie mit reizender Munter­keit das anmutige Spiel von Benedikt und Beatrice und, verstand es auch, die Geschichte von Claudio und Hero so behüt,am dar- zustellen, daß sie nicht allzu kraß in Erscheinung trat Auch die einzelnen Stiftungen waren vollen Lobes wert, und alle Dar­steller sprachen durchweg gut und klar. Herr B d j a m ,vielte den Prinzen mit etwas müder Weltmännuchkeit, Herr Kliewer den Gouverneur mit weiser Vatermilde. Fräulein x a g n n gab der armen Hero den schlichten Zug duldender Weiblichkeit, die auch im Glück maßvoll unb beschtiben ist. Nur mit der Lchminle muß sie noch besser umgehen; ihr Naschen ist bisher stets purpurn gewesen. Fräulein Rappo spielte die Beatrice, und sie spielte sie mit Geist unb Feuer; anmutig, liebreizenb, schalkhaft. Herr B r u ch w i tz war ihr als Bencbikt ein ebenbürtiger Liebster, unb es war eine Freude, ihren schlagfertigen Wortgefechten zu lauschen, zu dem der Dichter zwar die Waffen, aber nicht die Fertigkeit geliehen hat. Diese ist ihr eigenes Verdienst. Herr Zen'scn gab dem Claudio, was ihm gehört: em angenehme- Auftreten, das in etivas besticht; mehr ist aus diesem jog. Edelmann nicht zu machen. Seine äußere Gewandtheit überdeckt die Wcfenlofigkeit feines. Innern, Herr N o r d e n als .Holzapfel

sandten Serbiens, Bulgariens und Griechen­lands.

Wien, 4. Okt. Eine zuständige Stelle bestätigt auf eine Anfrage, daß O e st e r r e i ck bereit ist, mit Ruß­land als der am Balkan zunächst mitint'ressierten Macht gemeinsam alles aufzubieten, um den Frieden auf dem Balkan zu erhalten.

Nach einer Depesche aus Sofia lauten die Forderun­gen der vereinigten Balkanmäckt' in gemildeter Form auf die Ernennung nicht türttscher Gouverneure für die christ­lichen VilajetS. Ferner sollen Mazedonien und die anderen europäischen Provinzen einen eigenen Landtag wählen.

Kriegsbegeifterung in der Türkei.

Konstantinopel, 4. Okt. Gestern veranstalteten Schüler der Universität und der hohen Schulen in der Aula der Universität eine Kundgebung für den Krieg. Sie begaben sich dann mit Fahnen, von einer zahlreichen Menge begleitet, nach dem Kriegsministe- rium, sangen patriotische Lieder und riefen: Auf zum Kriege! Ter Unterstaatssekretär sprach seinen Dank aus und erklärte, die Regierung werde ihre Pflicht tun. Die Menschen durchzogen sodann die Straßen unter Hoch­rufen auf den Krieg; vor den Zeitungsredaktionen machten sie Halt und kamen schließlich zum Palast. Der Sultan erschien am Fenster und dankte. Als der Menge die Dragomane, die soeben anläßlich des Geburtstages des Sultans ihre Glückwünsche ausgesprochen hatten, begeg­neten, riefen sie auf französisch: Wir wollen den Krieg! Der griechische Dragoman und der montenegrinische Geschäfts­träger wurden mit den Rufen: Nieder mit Griechenland! Nieder mit Montenegro! empfangen. Am Abend kehrt" die Menschenmenge in voller Ordnung zurück und rieft Nieder mit den Balkanstaaten!

Während der Kundgebungen vor dem Palast des Sul­tans äußerte sich der Sultan, nachdem er eine patriotische Ansprache angehört hatte: Ich bin zufrie-, den, den Patriotismus der Kinder des Vater-! landes zu sehen. Das Ottomanentum wird niemals vernichtet werden. Die Kundgebungen dauerten bis in die Nacht hinein. Vor der italieni­schen Botschaft kam eS zu italienfeindlichcn Kundgebungen.

Gelegentlich des Empfanges der Minister aus Anlaß seines Geburtstages äußerte der Sultan:

Ich würdige den Emst der Sage unb hoffe, daß Ihr die Rechte unb die Würde des Rtickjes sorgsam hüten unb frerttibigen werdet. Ick habe das Vertrauen, daß unsere Armee ihre Pflicht tun wird. Mit Gottes Hilfe unb Dank der zu ergreifenden Maßnahmen werden alle Sckflvierigktiten überwunden werden.

Die Begeisterung der Muselmanen für den Krieg ist ständig im Wachsen begriffen. Gruppen mit Fahnen durchziehen die Straßen. Die Menge ergeht sich in feindlichen Kundgebungen gegen die Balkanstaaten, be­sonders gegen Bulgarien und Griechenland. In Stambul fanden große Versammlungen statt, die von der Partei der Entente'Liberale veranstaltet wurden. Es sprachen mehrere albanische und ein griechischer Redner. Tie Menge zog sodann zu den Regierungsgebäuden und vor den Palast des Sultans. Die Presse führt eine überaus kriegerische Sprache. TerTanin" sagt, man dürfe nicht den Angriff Bulgariens abwarten, sondern müsse Garantien dafür verlangen, daß Bulgarien ruhig bleibe, widrigenfalls man die Grenze überschreiten müsse.

und Herr Grosser als Cyprian waren von luftigster Wirkung, ein Beamtenpaar, dem man es trotz Holzapfels Forderung md)t christlich zu geben brauchte, daß es ... . Na, seien wir höflich unb machen wir Punkte. Herr Dworkowsky spielte ben Ton Juan, ben grunbsätzlick Bösen, mit maßvoller Be­herrschung. In kleineren Rollen taten sich die Herren Vol ck als Antonio unb Goll als Pater hervor. K. N.

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ff Die Schaukelkur. Manckje Aerzte der Gegenwart erklären das «Schaufeln unb Wiegen der Kinder für verwerflich, weil es nichts sei als mechanische Berauschung, während andere diese uralte unb weitverbreitete Sitte als burchaus empfehlens­wert Derteibigen. Von dieser Streitfrage ausgehend, verfolgt Tr Erich Ebstein in der Klinisch-Therapeutischen Wochenschrift die allgemtinere Frage nach dem Auftreten der Schaukclkur durch die ganze Geschickte der Medizin. Es wirb wohl wenigen Nickst- jacMcuten bekannt sein, daß man schon im alten Grieck>enlande eine Art Schaukelkur kannte. Aulus Cornelius Celsus stützt stch wahrscheinlich auf Asklepiades von Dichynien (einen Arzt aus dem ersten vorchristlichen Jahrhunbert), wenn er bie Heilwirkung der passiven Körperbewegung bespricht. Er nennt dabei das Schaufeln auf bewegtem Wasser oder, wenn dieses unb bas Sich­tragen ober --fahrenlassen in Sänften ober Wagen nicht anwend­bar ist, das Schaukeln in einem aufgehängten Bette. Tiefe Sd'aufelfur sollte beruhigend oder einschläfernd wirken unb sogar aufgeregte Kranke beruhigen können. TerFürst der Aerzte",! wie ber von 9801037 lebende Abu Mi el Hossein ben Abdallah ebn Sina genannt wurde, kannte die Schaukelkur zur Heilung der Melancholie. Viel später, um bte Mitte des 18. Jalwhunderts, sucht Kratzenftein passiver Körperbewegung bei Wahnsinn als hei­lend eiiAckühren, unb vor etwa 100 Jahren kannte man die

Goxsche Schaukel" als Deruhigungsmittel Geisteskranker. Vor zehn Jahren hat ein österreichischer Arzt die Schaukelkur in ganz anderen Absichten aufs Neue einzuführen gesucht. Alois Ebstein in Prag hat nämlich einen Schaukclscsscl für Rhachitiker und sck-wächlick>e Kinder angegeben, einen richtigen Schaukelstuhl, natür- lid) der Größe ganz kleiner Kinder angepaßt, in dem sie verkehrt^ also bas Gesicht ber Lchnenseite zugewenbet, Platz nehmen. Eine, bedeutende Vereinfachung dieses Htilapparates stammt von Machol. Machol hat nämlich vorgeschlagen, ein bekanntes Kinderfpielzeug mit ganz geringer Abänderung in den Dienst der Heilkunde zu stellen: das Schaukelpferd. Beim Schaukelpferd werden statt der Steigbügel Bretter berartig angebracht, daß sie die Füße genügend sttitzen, um gleichzeitig mit den Rumpfbewegungen kräftige Beugungen des Knie- unb Hüftgelenkes iu ermöglichen.