Nr. 258
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Erster Blatt
162. Jahrgang
Zreitag, tz November (912
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Rotationsörud und Verlag der Vrühl'jchen Univ. Buch- und Stcinönidcret R. Lange. Rcöaftton, Lrpedition und Druckerei: 5chulftrahe 7. vüdingen: Fernsprecher Nr. 269 Geschäftsstelle Bahnhofstraße Iba.
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Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
San Giulianos Besuch in Berlin.
Am Montag trifft der italienische Minister des Aeuße- ren Marquis di San Giuliano in Berlin ein, um den Besuch zu erwidern, den der Staatssekretär i> Kiderlen Wächter im Januar b. I. den italienischen Staatsmännern abgestattet hat. Tas ist der äussere Anlaß, aber cs bedarf nur eines Hinweises auf die eingehenden Unterredungen, die in Pisa und Florenz zwischen dem Marquis di San Giuliano und dem Grafen Berchtold stattgefunden habeit, und auf die Tatsache, daß in der zweiten Hälfte des November der Gegenbesuch des italienischen Ministers des Acusteren in Wien erfolgen soll, um fest- zustclleu, daß es sich hier nicht um Visiten, sondern um schwerwiegende Konferenzen zwischen den Dreibundministern handelt.
Nicht um die Frage der Erneuerung oder — wie man in gewissen dreibundfcindlichen Abreisen frohlockend meint — um die d^ichterneuerung des Dreibundes. Diese Frage steht noch nicht auf der Tagesordnung, denn die Dreibund vertrage laufen bis zum 8. Januar 1914 und könnten erst am 8. Juni 1913 gekündigt werden. Auf einem anderen Blatte steht es, ob nicht bei diesen Konferenzen von dem Modus der Erneueimng die Rede ist. Es ist bekannt, daß von italienischer Seite eine Ergänzung des Vertrages nach der maritimen Seite hin, nämlich inbezug auf das Zusammen wirken der italienischen und der österreichisch-ungarischen Flotte im Mittelmeer gefordert wird. Es wäre dringend lvünfchens- wert, daß auch von deutscher Seite eine Modifikation der Abmachungen nach der Richtung hin durchgefetzt würde, daß den Italienern die von ihnen beliebten Extratouren mehr als bisher eingeschränll würden.
Als im Jahre 1902 die Verlängerung des Dreibundes in Frage stand und von italienischer Seite eine starke Agitation dagegen betrieben wurde, sprach der damalige Reichskanzler F ü r st B ü l o w am 8. Januar 1902 die an die Adresse Italiens gerichteten warnenden Worte, daß „für uns der Dreibund nicht mehr eine absolute Notwendigkeit ist". In Italien verstand man diesen Wink mit dem Zannpfahl, und der damalige Minister des Aeuße-- rcn Prinetti, her kein Freund Deutschlands oder gar der Habsburgischen Monarchie war, sprach am' 23. Mai 1902 die Worte, die heute noch volle Geltung haben und die der Marquis di San Giuliano sicherlich vorbehaltslos unterschreiben wird: „Wenn jemals ein Staatsmann Italiens die Verantwortung für eine Nichterneueruirg des Dreibundes übernehmen würde, so müßte seine erste Sorge darin bestehen, wenn er nicht seinen König und sein Vaterland verraten tvill, die nationale Sicherheit um den Preis der größten Opfer gegen alle Wechselfälle zu schützen." Der jetzige italienische Minister des Aeußeren wird diese Verantwortung schwerlich übernehmen wollen. Aber es kommt nicht so sehr darauf an, die Erneuerung des Dreibundes, an der kein Zweifel bestehen kann, sicher zu stellen, als vielmehr diesen Bund aktiv ns fähig zu erhalte n u n d z u g c st a l t e n, und zwar in dem Sinne aktions- sähig, daß die Vorteile, wie die etwaigen Nachteile in gerechter Weife verteilt werden, was bisher nicht immer der Fall gewesen ist.
Wenn je, so kann der Dreibund jetzt, gegenüber der Balkankrisis, den Beweis liefern, daß er einen ausschlag
gebenden Faktor der europäischen Politik darstellt, kann er und sollte er nicht nur den Willen, sondern auch die Macht haben, die befürdjtete Ausdelsnung des Balkanbrandes zu einem Weltbrand zu verhindern. In einer halbamtlichen Auslassung ist betont worden, daß „die wiederholten Begegnungen zwischen Staatsmännern des Dreibundes keiner Sondcrpolitik in der ernsten Frage gelten, mit der zurzeit die europäische Diplomatie befaßt ist, sondern daß ie sich in den Dienst derjenigen gemeinsamen Bestrebungen stellen, die von den Großmächten zur Einschränkung deS Kriegsbrandes auf dem Balkan fortgesetzt verfolgt werden". In der Tat kann der Dreibund hier, seitdem das Ende des TripoliskriegeS seine Aktivität verstärkt hat, ein weit stärkeres Gewicht in die Wagschale werfen als die Tri- pelentente, innerhalb deren gerade den Balkanfragen gegenüber ganz erhebliche Meinungsverschiedenheiten vorhanden sind.
Nun ist es nicht zu leugnen, daß die bisherigen Erfolge des Balkanvierbundes die Aufgabe der diplomatischen Feuerwehr erheblich erschwert haben, aber einmal muß der AuSgang der erneuten, vielleicht letzten Kraft anstrengung der Türkei abgewartet werden, und zweitens könnte der einmütige Wille der Großmächte das Uebcr- greifen des Balkanbrandes auf das übrige Europa auch dann noch verhindern, wenn die Forniel von der Erhaltung des Status quo, wie das bereits von einzelnen Seiten erkannt zu werden scheint, sich nickst mehr aufrecht erhalten lassen sollte. Gerade für den Dreibund aber stehen bei diesem Kampf der Türkei um ihre Existenz auf euro päischem Boden ernste Dinge auf dem Spiel, denn es darf nicht vergessen werden, daß es sich hierbei um einen Faktor handelt, den man seit länger als einem Jahrzehnt gewohnt war, in der Bilanz des Dreibundes wenigstens als Außenposten mit aufzuführen. Sache der Staatsmänner des Dreibundes wird es also sein — und diesem Zweck dürften auch die Konferenzen in Berlin und in Wien dienen — darauf zu achten, daß die im südöstlichen Wetterwinkel vor sich gehenden Verschiebungen nicht das europäische Gleichgewicht zu Ungunsten des Dreibundes belasten.
Der letzte widerstand der Türken.
■ Auch die heutigen Meldungen lassen noch nicht das Endergebnis der Schlacht am Eraenaftuß erkennen. Wie es scheint, sind die Türken von der bulgarischen Hauptmacht, die auf der Linie Burgas-Corlu stand, weiter zurück- gedrängt worden. Aus dem bulgarischen Lager kommen heute darüber wieder bestimmter lautende Meldungen, während die Türken kleinlaut geworden sind und man in Konstantinopel ängstlich auf Europa zu blicken scheint. Der Sultan hat zwar dem Oberkommandicrenden Nazim ein Glückwunschtelegramm geschickt, aber es sind nicht die entsprechenden weiteren Siegesberichte eingelauseu. Ter Ausfall aus Adrianopel hat den Türken angeblich einige Vorteile gebracht, aber im ganzen scheint es um ihre Lage schlecht zu stehen. Wir erhielten folgende Meldungen:
Rückzug der Türken.
Sofia, 31. Okt. (1.20 Uhr nachmittags.) Die Schlacht auf der Linie Lu e l e-Bu r g e s - S e r a i war sehr erbittert. Die Türken unter dem Befebl Na - zim Paschas wurden völlig in die Flncyt geschlagen. Sie zogen sich eiligst gegen Tschorlu zurück und ließen eine große Zahl von Toten und SSertounbeteir auf dem Schlachtfelde.
Die Agence Bulgare meldet: In Luele Burgas haben die Bulgaren zwei weitere Eiseubahnzüge, die mit Lebens Mitteln und Munition beladen waren, abgefangen.
Tie „Neue Freie Presse" meldet ans Sofia: Infolge der Einnahme von Luele-Burgas durch die Bulgaren ist auch der östliche türkische Flügel i m R ü ckzug gege n Serai und Stanza begriffen. Die westlich von Jeni- koej gewesenen türkischen Reserven, neun Divisionen, sind gegen das Zentrum der Schlachtfront verschoben worden, um einem weiteren Vordringen der Bulgaren Einhalt zu tun. Tie S ch l a ch t f r o n t, die aeftern bei Luele-Burgas Wisa war, ist heute bei Tschorlu, Sorai-Stranza.
Tas „Berliner Tageblatt" meldet aus C o n st a u z a: Tie vom Schlachtfeld eintreffenden Nachrichten lassen die Lage der türkischen Armee andauernd bedenklich erscheinen. Wegen der zu befürchtenden Frem- )cn-Massakres sind zwei englische und zwei französische Kriegsschiffe nach Konstantinopel beordert worden.
„Tanin" meint, die türkische Diplomatie habe heute die Pflicht, auf die Vermittelungstendenz Europas einzugehen.
„Hilali Osmenli" teilt mit, die osmanische Flotte blockiere Burgas. Tie bulgarischen Befestigungen hätten das Feuer auf die türkischen Schisse eröffnet.
Die „Neue Freie Presse" meldet aus Konstantinopel vom 31. Okt.: Tie Kämpfe dauern seit gestern nachmittag an. Die E n t s ch e i d u n g ist nahe bevorstehend. Sie ist auf dem ö st l i ch e n Flügel bemerkbar, wo die Türken wie die Bulgaren ihre Hauptstreitkräfte einsetzen. Die 2 ch l a ch t f r o n t i st 7 0 Kilometer lang. Der westliche Flügel befindet sich ungefähr bei Luelch-Burgas, der östliche Flügel beider Armeen dehnt sich vom Jstrandza- Gebirge bis in die Nähe der Küste des Schwarzen Meeres aus. Die Türken sind in der Infanterie bedeutend stärker, die Artillerie ist bei beiden Gegnern gleich.
Türkische Meldungen.
Konstantinopel, 31. Okt. Türkische Blätter bezeichnen die Lage bei Adrianopel als befriedigend. Die Haltung der Truppen sei ausge,zeichnet.
„Jeni Gazetta" schreibt: Die türkischen Truppen marschieren in feier Richtung, auf M u st a f a fP a s ch a. Die Bulgaren, die große Verluste erlitten haben, ziehen sich immer mehr zurück.
Privatdepeschen aus Adrianopel an türkische Blätter über die offiziell gemeldeten Ausfälle besagen, daß ein Korps in nordwestlicher Richtung gegen Kadikoj, ein anderes gegen Marasch gerückt sei. Letzteres habe Earman genommen. Eine feindliche Abteilung blieb bei Kadikoj von türkischen Streitkräften eingeschlossen. Das andere türkische Korps vertrieb die Bulgaren bei Ekmekewloj. Die Türken erbeuteten 10 bulgarische Kanonen. Tie Forts in Adrianopel eröffneten ein Geschütz feuer gegen die vor der Stadt von den Bulgaren angelegten Werke. Artillerie beschoß zwei bulgarische Flugschiffe; eines sah mau salleu. Ein bulgarisches Kavallerieregiment erlitt große Verluste in dem Kamps bei Luele-Burgas. Tie Türken sollen dort 6 bulgarische Kanonen genommen haben.
Konstantinopel, 30. Okt. (Agence Havas.) Nazim-Pascha telegraphiert aus Adrianopel: Die türkischen Truppen vertrieben die Bulgaren aus USkudar und L e f k e und nahmen ihre Verfolgung auf.
TaS wäre westlich von Adrianopel, dicht an der bulgarischen Grenze bei Mustapha Pasa.
(Ein Tiroler Zreiheitsänger.
(Zum 100. Geburtstage von H. von Gil m.)
Am 1. November sind hundert Jahre verstossen, seit zu Innsbruck Hermann v. Gilm, Tirols größter Lyriker geboren wurde. Sein Wollen und Wirken gehörte dem „alpengrünen" Vaterlande: für Tirol und dessen Geistesfrühling schlug sein großes, heißes Herz, und wenn er auch kein politisckter Held gewesen ist, trotzdem er in den sturmbeweglen Märztagen von 1848 die Muskete trug, so hat er doch mit seinen die Gemüter aus- rüttelnden Liedern mehr für die geistige Befreiung seiner Heimat getan, als viele andere. Seine ungestümen anklagenden und an- seuernden Gedick te sind mit wenigen Ausnahmen zu seinen Lebzeiten nicht gedruckt worden, aber sie gingen in der unl-eimlich stillen Zeit des Vormärz von Hand zu Hand, wurden aus das eifrigste gesammelt und aus das heimlichste bernährt. Ein Freund und Mitkämpfer des Dichters Anton v. Schullmr hat uns nach eigenem Erleben geschildert, tvie Gilms Gesänge in den Reaktionsjahren vor 1848 wirkten:
„Auf einmal, wie in schwüler Sommernacht aus dunklem Busche hallten laut und keck ircie, entzückende Töne dura, mc Berge. Das klagte so rührend über die schöne Heimat, deren Blüten umsonst zum Lichte ringen, deren Lieder verstummt, deren Söhne vertrieben sind, das rief so mutig, das blitzte so freudig, Lied auf Lied, iedes ein funkelndes Schwert. Entzückt'lauschte das hinge Tirol diesen ungewohnten Klängen, diesen Liedern, in denen seine eigene Seele lag . . . Nur wo die Macht ist, singt die Nackuigall. — Hermann von Gilm war diese Nachtigall, die laut und hell schlug durch die schwüle, dunkle Nacht, in der niemand sonst auch nur zu reden sich getraute."
Rasch wurde Gilm zum Mittelpunkt jenes „jungtiroler" Dicküerkeeises, der einen lFrühling der Geister heraufführen wollte. Die heis e Liebe zur Heimat war der Mutterboden, aus dem die Lyrik Gilms und seiner Mitiängcr erblühte. Wohl schlagen manchmal pathetisck tendenziöse Klänge in der Art Freiligraths und Anastasius Grüns an unser Ohr, aber auch die Kampflieder sind beseelt und durchwärmt von jenem „Tiroler Erdgeruch", der erkennen läßt, wie Gilm mit den feinsten Fasern seines Seins in der heimischen Erde wurzelte. So gehörte zu den wenigen Poeten, deren politische Tickstung zugleich reine Lyrik ich daß er ein echter Lyriker war, das tut sich noch heute aus seinen Liebesgedichten kund, bereit Helle, zarte Ansckxmlichkeit und schöpferische Bildkraft wundersam frisch auf uns einwirkt. Am bekanntesten, überall hingetragen von den Klängen der Musik nmrde das Glicht „Allerseelen" ans dem Blütenkranz der „Sophienlieder": „Stell auf den Tisck die duftenden Reseden . . Tie weiche elegisck>e Melancholie dieses Liedes ist für den Grundton dieser Tichtersecle, die auch so Helle, lebensmutige, tapfere Klänge finden
konnte, bezeichnend. Er hat schwer unter der Reaktion, gegen die er mannhaft kämpfte, gelitten; zeitlebens stand zwisck)en ihm und seinem Vater, einem strengkonservativen Beamten alten Stiles, eine unausfüllbare Kluft.
In seinem äußeren Fortkommen ist er durch seine freiheitliche Gesinnung lange zurückgehalten worden. Ter ausfallend schöne Mann „mit dem duntelwallenden .Haar, dem schmalen, ausdrucksvoll geprägten Gesicht und den feurigen scharfen Augen" hat auch in der Liebe viele Enttäuschungen erlitten, die in seinen schönsten Liedern fortleben, und als er schließlich doch in den Hafen der Ehe und einer sicheren Lebensstellung ilntief, da war schon die .Blüte seines Lebens, das er, der Sänger der Rose, selbst „roscndomig" nennt, dahingewelkt. Tie Lungenirankheit, die dem Vierjährigen die Mutter entrissen und damit den ersten tiefen Schmerz in die junge Brust gelegt hatte, raffte auch ihn dahin. Nach mehrjährigem Siechtum ist er am 5. Mai 1864 gestorben.
Frankfurter Museumsgcfcllfchaft und Presse.
Frankfurt a. M., 1. Nov. In der gestern abgehaltenen geschäftlichen Sitzung des Frankfurter Journalisten- und Schrift- stellenvercins referierte Redakteur Max Fleischer über den Streit der Museumsgesellschaft mit der Frankfurter Zeitung. Nach eingehender De batte nahm die Versammlung einstimmig folgende Entschließung an.
„Ter Vorstand der Frankfurter Museumsgesellschaft hat den Versuch unternommen, einem Journalisten die pflichtmäßige Ausübung seines Berufs unmöglich zu machen, indem er zunächst einen Druck am den Verlag seiner Zeitung und beffen Aufticküs- rat sowie den Redaktionsverband ausübte, und als dieser erfolglos blieb, in einem offenen Briefe diesen Journalisten und weiterhin der Gesamtredaktion ohne Beweis unsachliche Beweggründe bei der kritischen Besprechung der Konzerte unterstellte.
Ter Frankfurter Journalisten- und Schrift- st el l er v e r ei n als öffentliche Berufsvertretung der deutschen Presse sieht hierin einen schweren Angriff auf die Unabhängigkeit der Kritik und der Presse überhaupt. Im Interesse der Oeffentlichkeit, die eine unbeeinflußte Kritik erwartet, muß dieser Angriff entschieden abgewehrt werden.
Der Verein erblickt den w i r 5s a m st e n P r o t e ft gegen das Vorgehen der Museumsgesellschaft in dem allgemeinen Verzicht auf kritische Besprechungen ihrer Veranstaltungen."
*
— Von Jenny Lind, der schwedischen Nachtigall, die vor einem Vierteljahrhundert, am 2. November 1887, starb, erzählt der deutsch-österreichische Tichter Rollet in seinen Erinnerungen wie er mit der Sängerin und dem Äriirchendichter .Ander
sen gemeinsam in Weimar die Fürstengruft besuchte. „Es freute mich", so erzählte er, „zu sehen, mit welcher Teilnahme und in welch gehobener Stimmung sic die Gruft betrat. Ueberhaupt war sie ganz ergriffen von tiefer Wehmut und lauschte bewegt den Worten des sie begleitenden Waim.-ccr Kanzlers, der die interessantesten Einzelhriten aus den letzten Lebenstagen Goethes und Schillers mitteilte. „Ja, das muß man alles wissen!" sagte Jenny Lrnd, und ihre feuchtgewordenen Augen glänzten seelenvoll in Tränen der innigsten Rührung. Andersen, der mit traumverlorener Miene auf die Särge schaute, war stumm geworden wie eine Blume. — Wir sind noch in der Gruft. Alle sind in Schweigen versunken, und der Geist der Weihe zieht unsichtbar mit leisen Schwingen durch den von flackerndem Fackelbrande geisterhaft erhellten Raum. Tie Blätter aus den Lorbeerkränzen der Tichtersärge, die Kanzler Müller der Lind überreicht, will sie aus zarter Scheu nicht berühren, läßt sich einige in ihr Tuch legen und drückt sie wie ein heiliges Kleinod freudig und n< Ehrfurcht ans Herz. Ihre Augen werden immer nasser, und tief seufzend heftet sie im Fortgehen aus dem Raume, von dem man sich beinahe gar nicht trennen konnte, noch einen letzten Blick auf die beiden Särge. „Weimar ist reich.'" flüsterte sie neben mir, indem sie ihr mildlebendiges, seeblaues Auge lange auf mir ruhen läßt, und mit dumpfem Schlag fällt, als wir langsam wieder über die Stufen der Totenhalle herabschreiten, die eiserne Gittertür hinter uns ins Schloß."
— T i e Ursache der Beriberi-Krankheit. Unsere Kenntnis der rätselhaften, unter dem Namen Beriberi bekannten Nervenkrankheit ist durch die bemerkenswerte Entdeckung, die man im fernen Osten machte, gefördert worden, daß der häufigste Grund für ihr Lluftreten in einer Ernährung mit geschä l- t e m Reis besteht. Man fand, daß die Schulen imstande sind, die durch das Essen des geschälten Korns verursachte Krankheit zu heilen Nack Mitteilungen von E. Hope in der Internationalen Monatsschrift hat nun Funk bei genauer Prüfung der Reisschalen kürzlich eine ganz geringfügige Menge eines neuen Körpers gefunden, von dem etwa 1 10 Gramm in einem Kilogramm enthalten sind. Tie 2ubstanz ist noch nicht rein dargestellt worden, aber ihre Erforschung beansprucht das größte Interesse, denn man hat icftgeftellt, daß ganz kleine Mengen eine unmittelbare Heilwirkung auf Vögel ausüben, die durch Fütterung mit geschältem Reis von der Nervenkrankheit befallen sind. Die Untersuchung des Gehirns von auf diese Weise erkrankten Vögeln ergab einen deutlichen Verlust an 2tickstoff und Phosphor. Funk kam also zu dem Schluß, daß die Wirkung der Ernährung mit geschältem Reis die Fettsubstanzen des Gehirns zum Zerfall bringt. Tie Entdeckung einer solchen Substanz läßt die Frage auftreten, ob nickt ähnliche Substanzen in den Gelreidearten vorhanden fein könnten, die in europäischen Ländern allgemein gebraucht werden


