Ausgabe 
30.3.1911 Drittes Blatt
 
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führten int Kreise Darmstadt hin, zu welchen her hessische Auto­mobilklub die Autos zur Verfügung stellte.

Abg. Breidenbach behauert die beiden schweren Unglüas- fälle. Es sei jedoch ein Unterschieb, auf welcher Straße man fahre; es sollten mehr Warnungstafeln angebracht werden.

Abg. Hauck meint, daß die Erhebungen der Strafkammer nicht gründlich genug gewesen wären.

Ab«;. Schönberger wünscht eine allgemeine Verbesserung der Bestimmungen über den Automobilnerlehr.

Mg. iieun ist auch der Meinung, daß in beiden Fällen die Chauffeure schuldig geivesen seien. Man müsse nicht immer nach dem Buchstaben l>andeln, sondern, wenn das geboten crschcmt müsse man auch einmal davon abweichen können. Redner ist der Ansicht, daß man sich nicht nur auf die Buirdosratsverordnung stützen solle, sondern er toünscht eine verschärfte hessisch Ver­ordnung. ,

Abg. Köhler stellt fest, daß nicht alle Automobile Sports- automobilc wären, sondern oftmals dienen diese sehr ernsten Intern essen. In den meisten Fällen seien nicht die Besitzer Schuw, sondern die Chauffeure. Aber auch das Publikum komme nicht immer den Vorschriften nach. Alan sehe ost Wagenführer auf der Chaussee schlafen. Hiergegen müsse man auch vorgehen, nicht nur gegen Automobile.

Geh. Rat B e st bedauert zwar die vorgekommenen Fälle, doch kömien derartige Unfälle nidyt vollständig vermieden werden. Durch die Aussprache in der Kammer wäre die Regierung veranlaßt worden, die ©idycrlycit auf den Landstraßen von neuem ins Auge zu fassen und die Maßnahmen hierzu von neuem ernstlich zu erwägen. Aber Jal)re könnten lfingchen, bevor inan hier alles getan habe, bod) werde die Regierung schon letzt ihr Mög­lichstes tun. ...

Abg. Ulrich ist der Ansicht, daß die Automobile gewiß ein: bedeutende Zukunft haben, wie mau das am beften in Großstädter beobachten kann. Aber man müsse das Tempo derselbeii zurück- schrauben, möglichst bis auf 20 Kilometer-Tempo. Speziell scr das bei Nacht zu wünschen. Der Redner schlägt vor, daß die Autos mit Vorrichtungen versehen lüerben müssen, die angeben, in wel chem Tempo zu jeder beliebigen Stunde, das Auto gefahren sei.

Abg. Fenchel bittet die Regierung, doch anchimal die Probe gegenteilig zri madten nnd auch die FuhrwerlÄbesitzer einmal zu fragen, nidyt nur Autonivbilprobefahrten zu machen, sondern aud) einmal mit Fuhrwerk zu fahren. Der Redner wünsdü Verschär­fung der Vorschriften. r

Abg. B ä h r ist mvd> der Meinung, daß dre bestehenden Vor- schrifteii nidit ausreichen. Man solle nicht nur die Chauffeure, sondern and) die Insassen bestrafen, bann wirb cd wohl anbers werden. ÄS ,

Auf bie Anfrage beö verstorbenen Abgeordneteii Köhler, die Anwendung ber Bestimmungen beö revidierten Polizeistrafgesetz- buckrs üom 10. Oktober 1871 auf den Betrieb der Automobile be treffend, antwortet . .

Geh. Rat Dr. Weber imd erläutert, daß die Polizei sich genau an die Vorschriften halte.

Zur Beratung kommt sodann eine Regierungsvorlage, als Nachtrag zum Hauptvoransdftag für 1911 ein Kapitel 8 a ein zustellen, worin 1 00000 Mark a l s Staatsbeitrag für Bauarbeiten (Kanalisation) in Bad-Nauheim ver­langt werden. ,

Abg. Ulrich: Der Ausschuß war einstimmig der Meinung, daß die 100 000 Mark zu bewilligen seien Eine Aenderung in den Budgetziffern mache das nicljt notlüenbig. Die Frage, ob nun mit dieftn 100 000 Mark auch alle!Wünsche befriedigt werden ®nnen, lasse der Ausschuß offen, das sei Sad)e der Regierung. Der Redner bittet, dem Eintrag zuzustimmen.

Abg. Diehl ist der Meinung, daß für Bad-9kaul»eim gar zu große Summen gefordert und bewilligt werdi'n. Er meine, die Sticht Bad Naulfeiiii müßte selbst für die Kanalisation mufkommen.

Geh. Oberftnanzvat Dr. Fuchs erläutert ben Standpunkt der Regierung. Der Rebner sülrrt aus, daß bie gemeinsame Kanalisation non Friiedberg nnb 9i<nri)>eün Über 400 000 Mark koste, da hätte N<ru.hcrm genügend Lasten. Es müsse hier eine Entschädigung herbeigeführt werden. Güte RechtSvcrpfticküung liege zwar nicht vor, aber man müsse Bad-Nauheim vor der Gefalfv einer Epidemie schützen. Der Redner bittet, dem lAnSschnfe-Antrag zuzustmiman.

Mg. Brei den bäjch spricht seine Freude über den Aus­schuß-Arttrag äus und »ovist die Ausführungen des Abg. Diehl Allück.

Abg. Ulrich will den Mg. Diehl bcnchigen. Die 100 000 Mark sollen aus den Einnahme von Bad-Naulfeim entnommen werden. Bad-Ncmheim sei eine einnaWcgncfic für den Staat und da müßte man Sorge tragen, daß dies nicht anders werde. Der Redner weist nach, daß an Hand der Emnahmen für Bad-Nau­heim die 100 000 MaLk leich! gedeckt werdeii können. Der Redner bittet nochmals, dem AnSschußMntvag zuznstimmen

Geh. Rai Dr. Becker: Selbst das Ministerium war erstaunt,

daß es jetzt schon wieder mit einer NachichiHerung für Bad-Nou- heim kommen müsse, aber die Verhältnisse mochten das imbamtgt notwendig. Er bittet das Haus, diese Ueberraschung als Not­wendigkeit hinzunehmen, die Kanalisation sei von ganz bedeutender Wichtigkeit. Da der- Staat die größten Emnahnren aus dem Bade habe, müsse er auch für die Kosten teilweise nnt eintreten. Alle Aufwendungen, die bis jetzt für Bad-Nauheim gemacht worden sind, haben die Steuerzahler noch leinen Pfennig gekostet, sondern diese Stadt hat stets alles selbst verzinst und amortiftert. Der Redner bittet, der Regierungs-Vorlage zuzu stimmen.

Abg. Best drüdt sein Erstaunen barüber aud, daß letzt, nach­dem der Etat 2 Tage bnmlligt sei, eine Nachsorderung käme.

Abg. Lang spricht für den Aussck)-Antrag.

Abg. Osann ist ber- Meinung, daß die Negierung Wer für Mittel gegen ben Ausbruch einer Epibemie l)ätte sorgen müssen, nicht erst jetzt nad) Abschlich des Budgets. Der Redner fragt die Regierung an, ob die Kanalisation für beide Städte über 500000 Mark zusammen kostet, oder nur für Bad-Nauheim allem. Der Redner kann nicht imbedingt anerkennen, daß die 100 000 Mart allein aus den EinnalMen von BadManlnäm entnommen'werden. Wenn das so weiter ginge, daß die Msten vom Staat getragen werde, so könnten aud) andere Städte mit denselben Ansichten und Ansinnen kommen. ,, t.

Geh. Oberfinanzrat Dr. Fuchs stellt fest, daß dre gern ein­samen Kosten beider Städte 571000 Mark sind, davon Nauheim allein 131 500 Mark, beide zusammen 439 500 Mark, wovon wiederum Bad-Nauheim also 293 000 Mark trägt, so daß diese Stadt von ben ganzen Kosten. 424 500 Mark zu tragen hatte und da wären 100000 NLark Beistand nidjit zu viel.

Abg. Stöpler (Ntl.) spricht für den AuSschuß-Antrag.

Abg. Diehl legt Verwalmmg bog egen ein, baß durch seine eventuelle Ablehnung epidemische Gefahren für Nauheim nun emtreten sollten, von denen früher nie bie Rede war.

Abg. Finger spricht für ben Airtrag.

Abg. Ulrich: Bad-Nauheim wäre schon deshalb zu Unter­stützen, weil diese Stabt inrr 5000 Einwolmer habe, aber 33 000 Fremde jährlich. Das Plötzliche dürfe nicht der Grund der M- lehnung sein. Bei solchen plötzlichen Vorlagen müsse man aud) in der Lage sein, plötzlich zu entl'dyciben.

Abg. Br eidenbach tritt wiederholt in längerer Ansftrh- rung für den Antrag ein.

Mg. Best fragt betreffs ber Kanalgebühven an. Die Re­gierung hätte darüber nichts geantwortet.

Nad; weiterer kurzer Aussprache wird die Regierungsvorlage mit erheblicher Mehrheit (gegen 6 Stimmen) angenommen.

Die Sitzung schließt bdrauf nad) 1 Uhr.

Nächste Sitzung morgen früh 9 Uhä.

£anfcwirtfd>aft*

lz. 93 om nordöstlichen Vogelsberg, 28. März. So schlecht wie in diesem Jahre flanbcn in keinem Frühjahre die Wintersaaten. Ter M a u s e f r a ß vernichtete im Herbst die Saatkörner und der Schnee, der ins Nasse fiel und dadurch zwischen sich und dem Boden keine Luftschicht liefe, hinderte die übrig ge­bliebenen Pflänzchen am Fortkommen. Nun sieht sich mancher Landwirt genötigt, einen Teil seines Bestandes an Roggen herum- zupflügen, um das Feld nicht mmütz einen Sommer lang brach liegen .zn lassen. Was nun die Mauseplage in ihrer jetzigen Ge­stalt angeht, so muß leider gesagt werden, dafe wir vielleicht einem noch schlimmeren Mäusejahre als im vorigen Sommer entgegen­gehen. Die Hoffnung, daß die Winterkälte das Mäuseheer ver­nichten würde, hat sich nicht erfüllt und die kleinen, grauen Nage­tiere sehen mit ungeschwächter Hoffnung ihrem Sommer entgegen. Da muß nun gesagt werden, daß gerade jetzt vor der beginnenden Vermehrung der Tiere die richtige Zeit für die Mäusevertilgung ist. Am cinfad)ftcn und praktischsten ist immer noch das Gifl- legen. Dock) muß man sich von den Lieferanten die gute Ver- giftmig der Korner und die gute Giftwirkung garantieren lassen. Am besten fängt man einige Feldmäuse in einem Einmachglase, da? man in die Erde gräbt und mit Strohhalmen überdeckt und läßt sie von dem vergifteten Weizen fressen, um die Giftwirkung beobachten zu können. Von einem Forstmanne erfuhr ick), daß der bekannte Mäusebazillus noch viel bessere Dienste tue als der (häufig wirkungslose) Giftweizen. Doch muß hier auch gesagt werden, daß die ganze Arbeit nur bann irgend einen Erfolg haben kann, wenn die Mäusevertilgung nicht bloß von einigen Forstleuten und Kreisbehörden vorgenommen wird, sondern wenn alle daran In­teressierten (Forstdehorden, Gemeinden, Landwirtfd). Vereine und besonders die einzelnen Landwirte) daran teilnehmen. Wenn die 9(rbeit hier nicht vollständig getan wird, dann ist so viel rote nichts geschehen. Etwas besser als der Roggen steht der Weizen auf dem Felde da. Mancher Landwirt mutmaßt aud), daß noch eine andere Ursache mit schuld sei an dem schlechten Ergebnis der Aussaat. Da nämlich der vorige Sommer ein dem Reifen des Getreides so sehr ungünstiger war, so nimmt man an, dafe durch das ungünstige Wetter und die plötzlid)e grelle Reife die Körner

keine vollständige und gesunde Keimfähigkeit erlangten. Es darum ermahnt werden, vor den Flussaalen Proben auf die Keim­fähigkeit des Saatgutes zu machen, um nicht auch bei den Sommer­fruchten ähnlich fchlechte Ergebnisse zu erzielen.

Die verhängnisvolle Fahrt des Ballons A l t c n b u r g.

Kassel, 27. März. Der schon gemeldete Unfall des BallouS Altenburg hat sich, wie nunmehr bekannt wird, auf folgende Art zugetragen: Der Ballon war morgens mit den schon genannten vier Herren um 10*/, Uhr in Altenburg aufgestiegen. Der Ballon hatte eine günstige Fahrt und bewegte sich bet stechender Sonne hoch über den Nebel- und Regenwolken. 9tad)bem 24u Kilometer bei sengender Sonne zurückgelegt waren, befchlossen die Luftschifjer, zu landen. Tie Landung gestaltete sich ungewöhnlich schwierig, weil unterhalb der Regenwolken die Temperatur sehr niedrig war und der Ballon infolgedessen rascher als man beabsichtigte, in die Tiefe niedergleiten wollte. Um ben zu schnellen Abstieg zu nul- bern, wurde viel Ballast ausgeworfen. Tann folgte ber erste Lanbungsverfuch bei bem Torfe Wahnhausen im Fuldatal. Tiefer Versuch mißglückte. Tie Luftschisser vermochten nicht auf ber Wiese, bie sie ausersehen hatten, zu lanben, unb bie schnell zu Hilfe herber, eilenben Ortsbewohner konnten sich mit ben Insassen bes Ballons nicht verstänbigen, ba ber Sturmwind den Ballon ziemlid) schnell in südwestlicher Richtung forttrieb. Der Führer liefe weiter Ballast abgeben, bis ber Ballon ben bewaldeten Kragenhöfer Berg bei Kassel passiert hatte, unb versuchte bann, im Fulbatal niederzugehen. Schon hatte der Ballon einmal mit der Gondel den Boden erreicht, die Reifebahn wurde zerrissen und man glaubte jetzt nach einem zweiten leichten Stofe fest auf den Erdboden zu kommen, als plötz- lid) der Sturmwind die Ballonhülle anfblies und ben Ballon mit­samt ben vier Luftfahrern in die Fulda schleuderte. Dabei wurde die Hülle stark beschädigt: die Gondel drehte sich in der Luft und kippte beim Aufschlagen auf das Wasser um, so dafe ber Assessor Dr. Wanbelt unter bie Gonbel gequetscht unb ins Wasser gedrückt wurde, wobei er einen komplizierten Knöchelbruch erlitt, ber ihn jeber Bewegungsfreiheit beraubte. Die eroberen drei hielten sich mit äußerster Anstrengung fest unb versuchten bann, bem Kame- rnben Hilfe zu leisten. Sich mit einer Hanb am Slorbranbe sesl- haltenb, versuchten sie mit ber eroberen, ben unter baS Wasser Ge­drückten aus seiner gefährlichen Lage zu befreien, wobei sie um Hilfe riefen. Glücklicherweise eilte ber Schleusenmeister in feinem Boote herbei, unb den vereinten Anstrengungen gelang es, den be­reits bewufetlos gewordenen Dr. 'Klaubelt in das Boot zu ziehen. Die sofort angeslelllen Wiederbelebungsversuche waren erfolgreich.

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