Bremen einen recht kräftig dahinbrausenöen modernen Verkehr, dem Marktplatz, dem Rathaus und dem Roland aber eine stimmungsvolle vornehme Ruhe etwas abseits von diesem Strome wünschen."
der Zweiten Kammer wurde heute unter Vorsitz seines Präsidenten, Abg. Dr. Osann, mit der Spezialberatung des neuen Staatshaushalts begonnen. Kapitel 1, Reste aus früheren Jahren, weist einen Ueberfchutz von 420 655 Mark auf und wurde
Aur dem hessischen Ananzaurschutz.
R. B. Darmstadt, 4. Jan. Vom Finanzausschuß
Der Roland im Umherziehen.
Man schreibt uns aus Bremen: Um Roland den Riesen 'am Rathaus in Bremen, dessen Standbild zurzeit noch immer standhaft und fest mitten auf dem Marktplatze der alten Hanseaten- stadt steht, tobt ein erbitterter Kampf in der Bremer Bürgerschaft. Tas weltbekannte 'Steinbild, zugleich eines der ältesten Bau- kenkmäler Deutschlands überhaupt, soll von seinem Standpunkt, den es seit vielen Jahrhunderten innegehabt, entfernt werden. Tie elektrische Straßenbahn ist es, welche die Figur als Verkehrshindernis empfindet und da sie den Bremer Marktplatz zum Lauptumsteigeplatz gewählt hat, so ist ihr das ehrliche Standbild tatsächlich zu einem „Stein des Anstoßes" geworden. Bekanntlich knüpft sich an die Rolandssäulen, wie sie sich in norddeutschen Städiten außer in Bremen, z. B. in Wedel, Müchel, Halle, Nordhausen, Magdeburg, Brandenburg, Perleberg, Zerbst, Stendal usw. finden und gewöhnlich einen geharnischten oder metalltragenden, barhäuptigen Mann mit dem Schwert in der Hand darstellen, ein alter Streit über ihre Bedeutung. Man hält sie für ein äußerliches Zeichen der eigenen Gerichtsbarkeit oder Neichsfreiheit des Ortes, und überall ist man bemüht, diese uralten Denkmäler sorgfältig zu erhalten. Gegen die Versetzung in Bremen wendet sich der als Altertumskenner vielgenannte Professor E. H o e g g in einem Artikel, in welchem er der Meinung widerspricht, daß bem Roland und seiner Erscheinung im Standbilde durch eine Verschiebung kein Eintrag geschehe. Wenn man an den bewährten Standort rühre, so vermöge niemand zu sagen, welche Wirkung eint-eten werde. Und selbst die berühmtesten, Sachverständigen Deutschlands könnten nicht mehr sagen als: „vermutlich wird es bedenklich sein", oder: „vermutlich wird es unbedenklich fein". Nach einem Gutachten von maßgebender Stelle sei allerdings bei bem heutigen Stande der Technik eine Verschiebung des Standbildes wohl möglich, aber niemand könne dafür eine Garantie übernehmen, ob nicht bei dieser Arbeit erhebliche Schaden (Sprünge, abgebrochene Ecken und bergt mehr) an dem Gestein entstehen. Und damit scheine ihm das Urteil über die Verschiebungsidee fd)on gesprochen, deren Ausführung wahrscheinlich die Entrüstung Deutschlands erregen würde. Profes>or Hoegg gibt im Ansckstuß hieran die Anregung, dem Verkehr eine an» bere Richtung anzuweisen, indem man einfach den Wagenverkehr außen um den Roland, also um dessen Schwertseite herumführt, derart, daß er auf eine längliche Verkehrsinsel zu stehen läme, die den Bahnverkehr und ben übrigen Wagenverkehr auseinander hielte. Dem Uebelstande, daß die elektrischen Wagen gerade zwischen Roland hielten, könne leicht abgeholfen werden, wenn man diese Haltestelle vor die Platzeingänge hinaus,, also an das Kaiser Wilhelm-Denkmal einerseits und vor die Börje andererseits verlege. Ter HEtckel schließt mit den Worten: „Ich möchte
Leiche, in der Hand einen Brief an den Geliebten haltend, bei nun die Pilgerfahrt nach dem heiligen Lande antritt.
Der Mangel an Konzentration, durch dessen Vorschub» den die Leidensgeschichte des Amfortas, das Idyll zwischen Lanzelot und Elaine und die Ehebrnchsaffäre am Hofe des Artus ganz auseinanderfallen, die Unk.arheit in her Charakterzeichnung Lanzelots, eines der Helden, die nie wissen, was sie wollen, der Schematismus und die Mutlosigkeit der übr^'en Personen schwächen die Teilnahme an dem Stück in steigendem Maße und bilden für die Darstellung fast unübersteigbare Schranken. Trotzdem fesselte Mayßler als Lanzelot zuweilen durch männ ich wilde Energie, und wie Frau Eysoldt als Elaine sich in die iyr gewiß wesensfremde Sphäre unschuldsvoller blonder Jungfräulichkeit hineinfühlte, war das Einzige, was an dem ganzen Abend etwas wie Spannung weckte.
Die grauen an der Berliner Universität.
Die Zahl der Frauen, die im lausenden Wintersemester an der Berliner Universität immatrikuliert sind, hat wiederum eine starke Zunahme erfahren. Es sind 806 gegen 632 im vorigen Winter und 626 int Sommer. Von ihnen haben nach der „Voss. Ztg." 314 im Herbste die Berliner Universität neu bezogen. Zwei von 'ihnen studieren Theologie, 11 gehören der Juristen- fakultät an, 159 sind Medizinerinnen und 634 nerteüen sich auf die Fächer der philosophischen Fakultät. Dazu kommen iroch 256 Damen, welche, ohne immatrikuliert zu sein, vom Rel'hor einen .Erlaubnisschein zum Hören von Vorlesungen erhielten, 7 weibliche Studierende der Technischen .Hochschule und, MN die Ziffern für das weibliche akademtsche Berlin zu schließen, 128 Damen, die an ben Lehrinstituten der Berliner Akademie der Künste arbeiten. Nicht weniger als 119 7 studierende Frauen gibt es demnach zurzeit in Berlin. Interessant ist, welche Studienfächer sich die Damen erwählt haben. Während früher die Medizinerinnen bei weitem überwogen, sind die Jüngerinnen der Heilkunde jetzt von den weiblichen Studierenden der neueren Sprachen überholt worden.
Ueberhaupt ist die Regel, daß die studierenden Frauen sich die Fächer erwählen, welche über das Oberlehrerrnnen- examen ober durch eine andere Prüfung eine Stellung,
Berliner Theaterbrief.
Ein neues Gralsdrama.
Aus Berlin, 4. Jan., wird uns geschrieben: „Schon sendet nach dem Säumigen der.Gral" — das war, wie wir aus Richard Wagner wissen, wohl im Falle Lohengrin nötig. Im Falle des Dichters Eduard Stucken ist eine solche Mahnung unnötig: er ist mit heißem Bemühen dabei, dem Gral zu dienen. Auf seine Weise. Indem er vom Standpunkte eines gebildeten Deutschen, der, zu alt bereits, um in romantischem Ueberschwang zu verfallen, und doch noch jung genug, um sich von dem geheimnisvollen Zauber der Tafelrunde des Königs Artus die Phantasie erregen zu lassen, die alten Läuterungs- und Sühnungsgedaiiken, die in diesem Sagenkreise so vielfach angeschlagen werden, durch die Hineinführung in modernere Auffassung wieder lebendig zu machen und zur Geltung zu bringen versucht. Ein Versuch, der, man denke nur an Richard Wagner, wahrhaftig nichts erschütternd Neues oder gar Revolutionäres mehr in sich .birgt. Und überdies uns in Stuckenscher „Aufmachung" nicht durch neue symbolische Beziehungen näher kommt, sondern durch unendlich lange Versreihen uns eher entfremdet und zu verwirrenden Knäueln verstrickt wird. Die Person des a n z e l o t" stellte Stucken diesmal in den Mittelpunkt, der sich des Amfortas kindlich- blonde Tochter Elaine zur Minne erkoren. Einen Augenblick taucht die Hoffnung auf, daß er so rein und innerlich keusch fei wie sie, daß aus beider Vereinigung das Kindlein ersprießen könnte, das dem siechen Amfortas, dem blutenden Lanzenspeer und dem heiligen Gral Genesung und Erlösung bringen werde. Aber Lanzelot ist nicht betreute Held; seit Jahren liegt er in Banben der Königin Ginover, her Gattin seines Freundes Artus, und ist barm so fest verstrickt, daß er um ihretwillen bie liebenbe Maid, als sie mit ihrem Knäblein Einlaß ins Schloß erbittet, verleugnet unb von dannen flüchten läßt, bis ihn schliefj- lich doch die Reue übermannt und er ihr nacheilt. Natürlich, da es zu sp.ät ift. Im letzten Akt scheu wir sie als
Die heutige Nummer umfaßt 10 Seilen.__
Der Streit um öas deutsch-russische Abkommen.
Seit einigen Tagen bemüht sich ein Teil der französischen und englischen Presse, die Ergebnisse der Potsdamer Begegnung dahin zu verkleinern, daß das dort mündlich vereinbarte Abkommen zwischen Deutschland und Rußlaiid sich nur auf Persien unb die Türkei bezöge, obwohl der deutsche Reichskanzler am 10. Dezember un Reichstage ausdrücklich erklärt hatte, baß sich in Potsdam Deutschland und Rußland verpflichtet hätten, sich in keinerlei Kvmbütationen einzulassen, die eine aggressive Spitze gegen den anderen Zeil haben könnten. Den Anfang zu dieser Preßkampagne machte die „Nowoje Wremja", was umso auffalletider ist, als dieses Blatt dem russischen Auswärtigen Amt sehr nahesteht, ,so daß Herr v. Sasso- n 0 w, wenn chm daran gelegen wäre, diese irrtümliche Darstellung zu berichtigen, wohl schon längst Mittel und Wege dazu gesunden 'hätte. Aber nichts von alledem. Unb ebenso aujfaUenb ist es, daß bie „Nordb. Allg. Zeitung" noch nickst zu dieser Angelegenheit Stellung genommen hat.
Man fragt sich daher unwillkürlich: Wer hat denn mm eigentlich über das deutsch-russische Abkommen bie Wahrheit gesagt? Herr v. Bethmann-Hollweg, ober Nowoje Wremja, Times, Temps, Petit Parisien, Echo be Paris usw.? Die Antwort darauf kann eigentlich nur lauten, daß beide Recht haben. Denn wenn z. B. Echo de Paris meldet, daß das Potsdamer Abkommen „revidiert sei und sich nur erstrecke 1. auf die Anerkennung der besonderen Situation Rußlands in Persien durch Deutschland im Einklang mit dem russisch-englischen Abkommen und auf bie Zubilligung gewisser wirtschaftlicher Vorteile für Deutschland im nördlichen Persien unb 2. auf bie Abzweigung der Linie nach Khanikin von der Bagdadbahn, so ist das wohl durck)aus richtig; nur bedeutet es keine Revision des Potsdamer Abkommens, sondern ist nur als erste Frucht der in Potsdam vollzogenen deutsch-russischen Annäherung zu betrachten, der wohl die Verständigung über die Balnmsragen als zweite nur zu bald folgen dürfte. Daraus deuten auch die jetzt wieder angeknüpften Beziehungen zwischen Wien unb Petersburg zur Genüge hin.
Die Erklärungen Bethmann-Hollwegs im Reichstage bleiben also inhaltlich voll bestehen: das deutsck-rusfische Abkornmen hat eine viel größere Tragweite, als es die französische Presse, die es nur mit bem deutsch-französischen Marokkoabkommen vergleicht, für gut hält, ihren Landsleuten mitzuteilen. Man will ihnen scheinbar die bittere Medizin der veränderten politischen Lage löffelweise beibringen, um so für Pichon, der endlich am 12. Januar vor oer Kammer über die auswärtige Politik sprechen soll, die Lage zu retten. Deshalb verwechselt man absichtlich Inhalt und.Wirkungen des deutsch-russisen Abkommens unb begnügt sich im übrigen damit, immer wieder festzustellen, daß der Zweibund davon nicht berührt werde, was auch vorläufig den Tatsachen entspricht.
gefetzt. Beim Kapitel Weinbaudomänen ist eine Einnahme von 127 487 Mk. und eine Ausgabe von 178 526 Mk. verzeichnet, so daß ein Zuschuß von über 51 000 Mk. erforderlich ist. Dieses ungünstige Rechnungsergebnis hat seinen Grund darin, daß sich das vermutliche Erträgnis für den Wein des Jahres 1909 anstatt, wie im Vorjahr, auf 170 000 Mk., nur auf 120 000 Mk: stellen wird. Der Ausschuß behielt sich vor, hierüber zunächst noch eine Besprechung mit der Regierung abzuhalten und vielleicht doch noch etwa die Hälfte des vermutlichen Ausfalls als Einnahme einzustellen. Ohne Aussprache genehmigt wurden die Kapitel Holzmagazin zu Darmstadt, Ausgabe 7979 Mk. und Kapitalzinsen und Sonstiges 35 000 Mk.
Zu einer lebhaften Aussprache gab Kap. 7 a, Braunkohlenbergwerk „Gute Hoffnung", Anlaß, wobei mehrere Redner ihrer Verwunderung über das geringe Erträgnis Ausdruck gaben. Die Ausgaben sind hier auf 203 900 Mk., die Gesamteinnahmen auf 205 250 Mk. berechnet, so daß nur eine ganz geringe Verzinsung vorhanden ist. Da die Regierung zur Verbesserung des Erträgnisses die Anlage einer Brikettfabrik und einer elektrischen Zentrale vorbereitet, so soll das ganze Kapitel noch einer näheren Erörterung im Beisein der Regierung unterzogen werden. Bei Kap. 8, Saline Badeanstalt und Tiesbauamt Bad-Nauheim und Bad Salzhausen konnte von der Regierung ein sehr günstiger Voranschlag ausgestellt werden, der 86 000 Mk. höhere Einnahmen für Bäder, Kurtaxe und Eintrittsgelder vorsieht. Dagegen erfordert Bad Salzhausen wieder einen erheblichen Zuschuß: die Einnahmen sind auf 22 100 Mk., die Ausgaben auf 46 070 Mk. berechnet. Das Kapitel gab keinen Anlaß zu Beanstandungen, auch das folgende Kapitel 9, Samen-Klenganstalt zu Gammelsbach i. O. (Ausgabe 25 642 Mk., Einnahme 27 120 Mark», nicht.
Das Kapitel 10, S t a a t s e i s e n b a h n e n , Einnahme 14 980 000 Mk., Ausgabe 350 000 Mk., wurde erledigt bis auf eine nähere Rücksprache mit der Regierung über die ganze diesbezügliche Finanzgestaltung. Kap. 11, Lotterie, Einnahme 805 810 Mark, wurde ohne Aussprache genehmigt. Der Ausschuß beschäftigte sich dann weiter mit dem Haushalt des Staatsmini st e- rrums, Gesamtausgabe 458560 Mk., der eine Einnahme für Kapitel Oberrcchnungskammer 165 000 Mk. gegenübersteht. Heber das letztere Kapitel wurde bie Beratung noch ausges^t, da man erst die diesbezüglichen Verhandlungen des Vereinfachungs- und Ersparnisausschusses abwarten will. Kap. Ministerium, Ausgabe 89 168 Mk., und Kap. Auswärtiges und Bundesverhältnisse 38 000 Mk. wurden genehmigt. Bei dieser Gelegenheit nahm Abg. Dr. Osann Gelegenheit, dem in Berlin gestorbenen hessischen Gesandten und Bevollmächtigten zum Bundesrat, Freiherrn v. Sägern, einen herzlichen Nachruf und Dank für seine langjährigen Dienste zum Wohle des Hesfenlandes zu widmen.
Die Kapitel Kabinettsdirektion 13 880 Mk., Verwaltungsgerichtshof 7190 Mk., Haus- und Staatsarchiv 17 992 Mk., Rhein- iclstffahrt 3652 Mk., Sterbeguartale 1500 Mk. und Porto und Telegraphen- und Fernspreclsgebühren 3200 Mk. wurden nicht beanstandet. Bei letzterem Kapitel wurde im Ausschuß der Genugtuung darüber Ausdruck gegeben, daß die Regierung die im vorigen Jahr angeregte Kündigung des Portovertrages mit der Reichspostverwaltung zum 1. Juli 1910 vollzogen hat, wodurch für den Staatshaushalt eine jährliche Ersparnis von 42 000 Ml. erzielt wird. Zur Beratung kamen dann noch die Kapitel des Ministeriums des Innern, Oefsentliche Gesundheitspflege und Veterinärwesen (53—60) und Bcamtenfürforge, Unterstützungs- und Versicherungswesen (61—70), wobei sich keine Beanstandungen ergaben. Nur bei Kap. 65, Fonds für öffentliche und gemeinnützige Zwecke, soll noch eine Besprechung mit der Regierung über die Geschichte und das Wesen dieses Fonds herbeigeführt werden.
Beim Haushalt des Ministeriums der Finanzen wurde bann die Sitzung der vorgerückten Zeit wegen auf morgen vertagt. Zu dieser Sitzung ist auch die Regierung eingeladen worden, um bie nötigen Auskünfte und Erläuterungen über bie einzelnen Beanstandungen zu geben. Am Freitag soll bie Beratung des Haushalts fortgesetzt, bie Sitzung aber um 11 Uhr abgebrochen
w. 4 Erstes Blatt W. Zahrgang Donnerstag, 5. Zannar M
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Bei dieser Sachlage hat natürlich die „Nordd- Allg. Ztg." keine Veranlassung, die Meldungen der französischen Presse richtigzustellen. Täte Herr v. Bethmann-Hollweg das, so würde er wahrscheinlich Deutschland um alle Wei- uj __________________ ______________________
teren Früchte der Potsdamer Begegnung bringen. Denn ohne"Aussprache'genehmcht. ""Kapitel Kameral- unb Forstdomänen, in Frankreich würde sich dann ein Sturm der Entrüstung Einnahme 6 111435 Mk., Ausgabe 5 019 698 Mk., wird aus-
erheben, zunächst gegen Pichon, dessen Rücktritt man in Berlin rchaus nicht wünschen kann, und bann gegen Rußland, dessen Kredit man durch Auf den Marktwerfen seiner Anleihepapiere völlig erschüttern würde. Aus diesem Grunde schweigt aber auch der Minister des Auswärtigen, Sassonow. Jhüt kann es gar nicht so unlieb sein, wenn man in Frankreich und England die Ecklärungen des deutschen Reichskanzlers möglichst lange anzweifelt.
Keine Anwendung der Lnteignungrgesetzer in den ©ftmarten?
Schon feit längerer Zeit gehen Gerüchte durch die Presse, daß der preußische Ministerpräsibent, Herr v. Bethmann-Hollweg, von ber Anwerbung bes Enteignungsgesetzes in ben Ottmarken Abstanb nehmen wolle, ba er bei ber augenblicklichen Lage im Reiche alles vermeiben muß, wodurch er es mit bem bie Polen schützenden Zentrum verdürbe. Man wies auch auf Wünsche Oesterreichs hin. Diesen Gerüchten ist hie und ba, aber niemals von amtlicher Seite, widersprochen worben, wahrscheinlich mit Unrecht, benn bas preußische Staatsministerium hat einen bahinzielenben Antrag des Ansiedlungsausschusses bislter liegen lassen, und jetzt melden sowohl bie „neue Gesellschaftliche Korrespondenz", als auch bie „Rheinisch-Westfälische Zeitung" übereinstimmend, daß das Enteignungsgesetz nicht zur Anwendung gelangen wird, wir also glücklich wieder bei ben Tagen ber Verhätschelung der Polen angelangt sinb, unb bie zielbewußte nationale Ostmarkenpolitik des Fürsten Bismarck und Fürsten Bülow unter Bethmann-Hollweg wieder verlassen, trotzdem dieser selbst im Ministerium saß, als das Enteignungsgesetz dort be- schlossap wurde. , ,
Nun ist ja das Enteignungsgesetz freilich, weil es eine Art Ausnahmegesetz barstellt, von mancher Seite gekabelt werden. Aber man sage uns boch, wie man bas Germanisierungswerk in ben Öftmarfen zur Abwelw bes stetig vorbrängenden Polentums fort- sühren soll, wenn e5 heute dem Ansieblungsausschuß unmöglich ist, Land im freihändigen Verkauf zu erwerben? Sie hat augenblicklich nur noch etwa 70 000 Hektar zur Verfügung, von denen aber nur 45 000 als reines Stellenland für etwa 20 000 Köpfe in Betracht kommen, so daß, wenn jetzt nicht polnische Güter enteignet werden, in 2 bis 3 Jahren die gesamte Ansiedlungstätigkeit in der Ostmarck zum Stillstand kommen muß, ba bie Parzellierung nicht vorbereitet werden kann.
Es ist zwar äußerst mißlich, daß die Kassen des Ansiedlungs- ausschusses baldigst einer Neuaufsüllung bedürsen, bei der gegenwärtigen Finanzlage Preußens man sich aber höchst ungern dazu entschließt, bem Landtag eine bahingehende Forberung zu unterbreiten. Aber wir meinen, wer in ber Ostmarkenpolitik einmal A gesagt hat, muß auch D sagen, unb die Segnungen, die der Ansieblungsausschuß bem Osten bisher auch in wirtschaftlicher Beziehung gebracht hat, sind so über allen Zweifel erhaben, daß für diesen Zweck durchaus Geld ba sein müßte. Ist man aber gezwungen, hier zu sparen, und setzt bie Anwenbung bes Enteignungsgesetzes in Posen unb Westpreußen nur aus finanziellen, nicht aus politischen Grünben aus, so unteritette man boch wenigstens auch Schlesien ben Befugnissen bes Ansiedlungsaus- schusfes, wo sich die Polen immer mehr ankaufen. Dann geraten bie Ansiedlungsgeschäste nicht ins Stocken, unb ber Haushalt bes preußischen Staates wird nicht allzusehr belastet, ba in Schlesien heute noch Lanb zu verhältnismäßig billigen Preisen zu haben ist.


