füllige. Tie Regierung lehne die einfache Tagesordnung ab. Darauf wurde die einfache Tagesordnung abgelchnt.
In Kammerkreisen wird erzählt, daß eine Anzahl von Radikalen gegen das M i n i st e r i u m g e st i m m t habe, weil sich dasselbe in der Frage der Wahlreform auf die Seite der Anhänger der Proportionalwahl gestellt hat. Immerhin wird die Niederlage des Ministeriums I)auptfächlich einem Mißverständnis des Instizminister Pe- rier zugeschrieben, welcher als Vertreter des Ministerpräsidenten Monis der .Kammersitzung beiwohnte und die Erklärung abgeben zu müssen glaubte, daß er in einer so ernsten Frage nur die von dem Radikalen Pieard eingebrachte Vertrauens-Tagesordnung annehmen könne.
In den Wandelgängen der Kammer wird die politische Lage als besonders verwickelt bezeichnet. Wenn das nächste Kabinett für die Proportionalwahl sei, so werde es zweihundert Republikaner gegen sich haben, die sich gestern gegen die Proportionalwahl ausgesprochen haben. Sei es gegen die Proportionalwahl, so werde es überhaupt feine Mehrheit in der Kammer finden. Die Politiker, die als Nachfolger Monis in Frage kommen können, müssen dementsprechend als Proportionalisten und Antiproportionalisten unterschieden werden. Unter diesen wird Clemeneeau, unter jenen Eaillaux, Briand und Del- easso genannt.
Die Kömgsfrönuiig in England.
v.
London, 23. Juni.
London verbrachte die Nacht schlaflos. _ Kaum hatte die Menge, die die Illumination besichtigte, sich zerstreut, so ^strömten schon wieder neu Ankommende aus allen Teilen der Stadt und den Vorstädten herbei.
Heute sand ein 11 mzug des Äönigspaare s durch London statt. Der Zug ging vom Buckingham-Palast nach der City und kehrte durch einen Teil Süd-Londons auf dem rechten Thernse- user nach dem Palast zurück. Als Schausviel war der Umzug weit imposanter als der gestrige Krönungszug und bot der Menge, die die ganze Strecke des Weges erfüllte, einen Ueberblick der militärischen Macht des britischen Reiches. Jedes Regiment der englischen Armee war durch ein Detachement von 25 Mann «und einem Offizier vertreten. Der Zug zerfiel in drei Teile; der erste vertrat die Kolonien, der zweite Indien, der dritte bildete den eigentlichen Krvnungszug. In der Mitte des ersten Zuges fuhren die Wagen der Premierminister der Kolonien, in dem indischen sah man eine Anzahl von Maharaiahs und Rajahs. Den Königszug sührten die einzelnen Abteilungen der englischen . Armee: ihm schlossen sich die fremden Militärattaches und die Deputationen der ausländischen Regimenter an. Von deutschen Regimentern waren vertreten: das Earde-Dragoner-Regimenl Königin Viktoria von Groß-Britannien und Irland durch Oberstleutnant von Bärensprung, Rittmeister, Burggrafen und Grafen zu Dohna-Lauck und Leutnant Freiherrn von Steinäck'er. Das Kürassier-Regiment Graf Gehler /Rheinisches Nr. 8) durch Oberst Heidboiu, Rittmeister v. Meßliug und Oberleutnant Jonkyerr Rendorp. Das Husaren-Regirneut Fürst Blücher von Wahlltatl ^Pommersches Nr. 5) durch Major Freiherr von Barnekow, Rittmeister v. Poncet und Lt. Freiherrn v. Thielmann.
Anläßlich der Krönung fand im Auswärtigen A m t ein Bankett statt, an dem die königliche Familie, sowie die Fürstlichleiten und die anderen hohen ausläiwischen Gäste teil» nahmen. Die Majestäten wurden bei ihrem Erscheinen von Sir ^Edward Grey empfangen.
Die Flotte vor Spithead hatte gestern,Feiertag. An den internationalen sportlichen Veranstaltungen, welche am Nachmittag stattfanden, beteiligten sich die britischen und die fremden Seeleute in großer Zahl trotz des Regens. Das interessanteste Ereignis bildete das Seilziehen, wobei Abteilungen von immer 20 Mann, die 16 Nationen repräsentierten, mit einander wetteiferten. Schließlich geroannen die schwedischen öeeleute. Alt dem abends von der Admiralität gegebenen Bankett beteiligten sich 1000 fremde und 500 britische Seeleute.
Vie Verhandlung gegen Pfarrer Zaiho.
Berlin, 23. Ium. Die Hauptverhandlung des I i r d, l i d) e n Spruchkollegiums in Sachen des Falles 5 a 11) o - Köln hat heute vormittag 10 Uhr in den Räumen des evangelischen Oberkirchenrats begonnen. Die Frage, die das Spruchtollegium zu beantworten hat, lautet etwa dahin, ob Jatho noch geeignet ilt, feine Wirksamkeit im Dienste der Landeskirche auszuüben. Zur Verneinung der Frage ist Zweidrittelmehrheit erforderlich, also 9 von den 13 Stimmen. Tie Verhandlung dauerte von 10 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachmittags und wurde sodanii nach zweistündiger Pause um 5 Uhr wieder ausgenommen. In seinem Verhör, das drei Stunden dauerte, soll der Angefchuldigte seinen religiösen Standpunkt vollkommen ausrechterhalten und diesen als in der evangelischen Landeskirche durchaus gleichberechtigt bezeichnet haben. Als einziger Zeuge würbe der Landtagsabgeordnete Dr. H i n tz m a n n-Elderfeld vernommen, die übrigen Zeugen wurden vom Spruchkollegium abgelehnt, wogegen die Verteidiger Protest erhoben. Um 8 Uhr abends wurde oic Weiterverhandlung auf morgen vormittag 10 Uhr vertagt.
Aus Hejjen.
Das L a n d e s k o m i t e e o e r Hess. Zentrums- Partei hielt in M ainz eine Versammlung ab, die nach dem Mz. I. sehr zahlreich besucht war. Ten Vorsitz führte Landtagsavgeordneter Tr. Schmitt. Kommerzienrat Haffner erstattete den'Kassenbericht des Landesausschusses und berichtete über die rückständigen Parteibeiträge. Justizrat Dr. Schmitt gab dem Wunsche Ausdruck, baß mit Rücksicht aus die finanziellen Anforderungen bei den bevorstehenden Wahlen die Parteiorganisationen ihren Verpflichtungen gegen die Landestasse gewissenhaft nachkommen möchten. — Abg. v. Brentano berichtete über die Stellung der Fraktion bei der neuen Wahlrechtsvorlage. Tie Versammlung sprach der Fraktion und besonders dem Abg. v. Brentano für die Haltung in dieser Frage Tank aus. — Generalsekretär Dieyl erörterte die Wahistatistik der einzelnen Landtagswahlkreise. — Eine eingehende Aussprache fand über die vevorstehenden Wahlen statt. Es ist in Aussicht genommen, daß, wenn nicht ganz besondere Gründe dagegen sprechen, bei den Landtagswahlen in fast allen Wahlkreisen Kandidaten ausgestellt werden. Auch über die Taktik bei den Reichstagswahien wurde allgemeine lieber» einstimmung erzielt. Im Herbste soll ein Landesparteitag in Mainz abgehalten werden.
Deuthcyes rreieh.
Tem Kaiser ist der Vorschlag gemacht worden, anläßlich der Krönung des englischen Königs die englischen Spione T r e n ch und Brandon, die augenblicklich aus den Festungen Glatz und Wesel wegen der Borkumer Spionagenasfäre ihre Strafen abbußen, zu begnadigen. Der Kaiser hat die Begnadigung der engliidjen Spione ab gelehnt. Wie verlautet, war der Vorschlag dem Kaiser von ihm sehr nahestehender Seite gemacht worden. Von irgend einer amtlichen Seite ist indessen solcher Vorschlag nicht angeregt worden
Mit großem Interesse sieht man der am kommenden Mittwock) stattfindenden Landtagsersatzwahl in Marburg entgegen. Bei der Wahl un Jahre 1908 erhielt der verstorbene Abgeordnete v. Ncgelein die Stimmen von 130 konservativen und bündlerischen Wahlniännern, während der nationalliberale Kandidat Professor Reissen 39 Stimmen und der freisinnige Kandidat Professor Sdriilliitg 22 Stimmen auf sich vereinigten. Da nun
diesmal der Bund mit einem eigenen Kandidaten hervortritt und die Konservativen und Nattonalliberalen zusammengehen, wird das Bild etwas anders. Die letzten Wahlmännermahlen haben nun gezeigt, daß der Bund auch auf dem Lande hiesiger Gegend nicht viel zu hoffen hat, und daß von den etwa 110 ländlichen Wahlmänilern wohl kaum ein Trittel der Bundessahne folgt. Deshalb dürfte die Wahl des lonservativ-nationalliberalen Kompromißkandidaten Professor Brcdt sicher sein.
Ausland.
Der • „Slavischeu Korrespondenz" zufolge überreichte der ö st e r r e i ch i s ch e E i s e u b a h u rn i 'n i st e r Dr. G l omb ins ki heute dem Ministerpräsidenten sein Dem i s s io n s g e s u ch.
Das Mitglied des niederöstcrreichischen LanodsaussdiusfeS Dr. Albert G e ß m a n n hat sein Wiener G e m e i n d e r a t S m a n - dat und gleichzeitig seine Stellen als,Landesschulrat und Herausgeber im Konsortium der „Reichspost" niedergelegt. Sein Landtags- und La n d e s a u s s ck u ß m a n d a t behält er bei, ließ iid) jedoch gegen Verzicht auf die Gebühren vom Landesausschuß berurlauben. Gleichzeitig hat er _ an die ,,Reickspost" ein Schreiben gerichtet, in dem er seinen Entschluß mit Erholungsbedürfnis begründet.
Der schweizerische Ständerat beriet heute den Niederlassungsvertrag zwischen der Schweiz und Deutschland. Die Kommiision beantragte die Annahme des Vertrages. Boehi-Turgau und der Sozialist Scherrer-St. Gallen bekämpften den Vertrag, besonders wegen des Artikels betreffend die Lösung von Legitimatiouskarten für schweizerische Arbeiter in Sachsen und Preußen. Bundesrat Hoffmann erklärte, in dieser Hinsicht sei die Schweiz mit Oesterreich und Italien gleichgestellt. Im ganzen sei der Vertrag für die Schweiz mindeftens ebenso günstig wie der bisherige. Hierauf erfolgte mit 2b gegen zwei Stimmen die Ratifikation des Vertrages.
Anläßlich eines im Madrider „Jmpareial" erfchienenen Interviews, in dem sich der spanische Botschafter in Paris, Perez Caballero, mehrfach über die franzomche Kolonialpartei ausspricht, schreibt das „Ecko de Paris": Man ist in politischen Kreisen Frankreichs über diese Aeußerungen, die mit der diplomatiswe.i ö’irüdbalrung durchaus unvereinbar sind, sehr erstaunt. Man glaubt sogar, daß die französische Regierung das Reckst hätte, die Abberufung eines Botschafters zu verlangen, der sich zu einer derartigen L-Prache hm- reißen lasse.
Der Ausstand der Seeleute.
R o 11 c r bam, 23. Juni. Heute früh siitd etwa 100 M ann hier eingetrosfen, um die aus ständigen Seeleute zu ersetzen. Ein Teil begab sich an Bord des Dampfers „Batavier IV", dessen Mannschaft die Arbeit einstellte. _ Ter Tampfer wird heute abend in See gehen. Tie Polizei ist mit Gewehren bewaffnet und bewacht das Schiff. Zwei andere Dampfer sind mit voller Bemannung abgegangen. Tas Angebot von Arbeitern aus dem Auslande ist so groß, daß schon jetzt voraus- 5 u leb en ist, daß die Sache der Ausitändigen verloren ist.
London, 23. Juni. Der Aus st and der Seeleute in Hüll wird immer ernfter. Die Mehrzahl der Tockarbeiter schloß sich den Ausständigen an. Auf zahlreichen Schiffen ruht der Betrieb gänzlich.
Southampton, 23. Ium. Die White Star Company einigte sich mit den ausständigen Seeleuten, damit ist der ganze Streit beigelegt.
Liverpool, 23. Juni. Die g r o ß e n D a m p f e r warben heute ohne jede Störung Mannschaften zu erhöhten Löhnen an.
Ans nno
Gießen, 24. Juni 1911.
Das Baden im Freien.
Glücklich ist jebermauit zu schätzen, der ein kaltes Vollbad nehmen kann, beim nur gänzlich körperlich gesunbe Menschen dürfen sich diesem Genuß Yingeben. Schwächliche blutarme Personen, oder solche mit Anlagen zu rheumari- schen, gichtischen oder Herzbeschwerden täten besser, das kalte Bad zu meiden. Wie man überhaupt stets giu daran täte, ehe man sich in die kalten Fluten begiebt, den Arzt zu fragen, ob er es für angemessen hält oder nicht. Mütter sollten niemals gleich iyren Kindern die Erlaubnis dazu erteilen, mögen diese auch noch so große Lust dazu haben, oder im Babe Kühlung suchen wollen; oft sinb schon durch leichtsinniges Baden unyettbare Leiden enistanoen. Wann soll man mit dem Baben im Freien beginnen? Streng genommen, Mitte Juni, doch richtet sich oieS ja natürlich nach ben jeweiligen Witterungsverhältnissen. Ter Volks- inuub sagt und hat damit auch vollkommen recht, nicht eher, als bis das Wasser geblüht yat, d. h. sich vberwärts mit einer leichten grünen Schicht, die wohl von den verschiedenen Sumpf- und Schlingpflanzen herrührt, bedeckt hat. 18—22 Grad Celsius sind das Rechte für die ersten Bäder; an heißen Sommertagen kann man dann arglos auf 14 bis 15 Grad herabgehen. AIS Prahlerei am verkehrten Platz mutet es den Sachverständigen an, wenn er hört, wie jemand zähneklappernd und ooch freudestrahlend berichtet, heute bloß bei 10 Grad gebadet zu haben.
Ein großer Unterschied besteht in dem Baden im still- stehenden Gewässer und im fließenden Wasser und sei es ein noch so bescheidenes Bächlein oder in der mehr oder- minder bewegten See; welch letzteres schon allein des Salzgehaltes wegen von größerem Nutzen für den Betreffenden ist. — Nun hat freilich nicht jeder solch großes Wrtemonnaie, um sich und seinen Kindern einen ^eeau,entyalt zu ermöglichen, doppelt dankbar empfindet man dann die städtische Fürsorge betreffs einer Badeanstalt. Wenn sie oft auch nur bescheiden und nicht so luxuriös wie die einer Großstadt eingerichtet ist, Oftmals auch nur aus einem Teich, vesser gesagt, Tümpel besteht, — 's ist halt Wasser. Wohl verstanoen nur äußerlich, für innere Kühlung sorgt er lieber durch etwas anderes, und hieran anlnüpfend, möchte ich gleich daraus Hinweisen, daß das Baden mit vollem Magen, nach Genuß schwerer Speisen und Alkohol enthaltender Getränke, gefahrvringend ist, da der Berdauungszustand schon an und für sich die Leistungsfähigkeit des Badenden herabsetzt. Die beste Zeit ist stets eine Stunde nach dem ersten Frühstück. Auch Die Dauer soll nie länger als 5—20 Minuten währen; zu beachten sei auch stets die fortwährende Bewegung. Fröstelt man im Bad, so ist es sofort zu verlassen; ein rasches .Abtrocknen, am besten ^scharfes Frottieren, ist dann Dringende Notwendigkeit. Schnell schlüpfe man in Die Kleidung, das so beliebte Herumlungcru in den Bademänteln ist verwerslich, weil man sich zu leicht dabei erkältet. Gar viele huldigen der Unsitte, die Kleider über dem nassen oder feuchten Körper anzulegen, sie dürfen sich dann späterhin über Rheumatismus nicht wundern. Aach dem Bade mache man sich zunächst etwas Bewegung, esse eine Kleinigkeit, sei nicht gleich tätig, besonders nicht geistig tätig, sondern ruhe sich noch ein halbes Stündchen aus, erst dann kann uns das Bad den Nutzen, die Erfrischung bringen, die wir von ihm verlangen dürfen.
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*• Tageskalender. Kine matograph: Neuer Spiel- plan. _
Biograph: Neuer ^pielplan. *
" Auszeichnung. Die Akademie der Wissenschaften zu Paris hat in ihrer Sitzung vom 19. Juni
den Vorstand bei Großh. Hessischen landwirtschaftlichen Versuchsstation zu Darmstadt, Geh. Hofrat Professor Dr. phil. Baut Wagner, Dr.-Jng. h. c., zum korrespondieren, den Mitglied ernannt.
*< T er Alldeutsche Verband hatte im Anschluß an einen früheren Vortrag, den Professor an der Handelsakademie Frankfurt a. M. Dr. P. Arndt zu einem Vortrag über: „Ter deutsche Handel von 1871—1911" gewonnen. Der Vorsitzende wies in seiner Eröffnungsansprache auf die Ziele des Verbandes hin und erteilte dann dem Redner das SB ort, der ungefähr folgendes aussührle: .Die wirtschaftliche Entwickelung Deutsckstands in Den letzten vier Jahrzehnten ist eine so ungern ein günstige, daß es in absehbarer Zeit England eingeholt und übci- holt- haben wirb. Zur Beantwortung -der Frage, wie sich die Entwickelung des Handels gestaltet hat, muß man die Ergebnisse der drei Zählungen in Betracht ziehen, nämlich die von 1882, 1895 und 1907. Es zeigt sich dahei, daß Die Zahl der Landwirtschaft treibenden Bevölkerung etwas zurückgeht, obwohl Die Bevolke- rungszifser in den letzten 40 Jahren um mehr als 50 v. H. ge- . Hegen ist. Im Jahre 1882 waren Vr2 Millionen Menschen in Handel und Verkehr tätig, 1907 3Vs Millionen, während 811 Millionen Bcrusszugehörige gezählt wurden, d. h. solche, die von Handel und Verkehr abhängen, gegen 41/? Millionen in 1882. Besonders bemerkenswert ist Die Zunahme Der weiblichen Arbeitskräfte, die in Dem Zeitraum von 1895 bis 1907 annähernd eine Verdoppelung erfahren hat (von 411 Million auf 8Vi Million). Die Steigerung ist in der Hauptsache darauf zurückzuführen, daß Der Verkauf heutzutage viele Zwischenglieder durchläuft. Am gewaltigsten aber hat sich der Außenhandel entwickelt. Ter Redner vergleicht dann Die Verhältnisse Englands und Deutschlands miteinander und kommt zu dem Schluß, daß sich Der BinnenhanDel owohl, wie der Außenhandel Deutschlands, in den letzten Jahrzehnten sehr zu Ungunftcn Englands gesteigert hat. Eine Folge der Betätigung der Deutschen im Ausland ist die Anlage deutschen Kapitals in außerdeutschen Ländern. 35 bis 40 Milliarden Mark besitzt Deutschland in auswärtigen Werten und empfängt davon einen ZinSgewinn von IVs Milliarden. Diese Blüte des deutschen Handels und Verkehrs hat sich seit der Errichtung des Deutschen Reiches entwickelt. Ter Redner schloß unter lebhaftem Beifall mit Der Mahnung: Möge Der deutsche Kaufmann sich immer vor Augen führen, daß wirtschaftliche und politische Interessen eng zusammenhängen. Tann kann er mit Recht Anspruch darauf machen, Kulturträger zu sein.
• • Zwei neue Wagen für die elektrische Straßenbahn sind Henle hier angekommen und werden demnächst in Dienst gestellt.
* * Fahrradmarder bei der Arbeit. In letzter Zeit ist hier eine Anzahl Fahrräder, die von den Eigene tümern unbewacht auf der Straße stehen gelassen wurden, gestohlen worden. Am-22. l. Mts., abends, wurden wieder wei Fahrräder entwendet, ohne daß Anhaltspunkte für die Täterschaft sich ergaben oder etwas über den Verbleib der Räder bekannt wurde. Jedenfalls handelt es sich um'Per- onen, die den Fahrraddiebstahl gewerbsmäßig betreiben und die Räder außerhalb zum Verkauf bringen.
* * Betrüger. Einem Unbekannten gelang es m den letzten Tagen mehrfach Geldbeträge bis zu 10 Mk. auf folgende Art bei hiesigen Einwohnern zu erschwindeln. Er gab sich als Anhänger des Jungliberalen Vereins aus, uchte Mitglieder dieses Vereins auf, bei denen er vorbrachte, er sei von Köln nach der Bahnhofstraße hier zugezogen, um ein Geschäft zu gründen, das Geld sei ihm dabei alle geworden, jedoch seien 800 Mk. für ihn unterwegs und er bitte um ein Darlehen. Dies wurde ihm dann gewährt, jedoch stellte sich später heraus, daß alle Angaben falsch und die mitleidigen Helfer in der Not geprellt waren.
Landkreis Gießen.
HLich, 22. Juni. Die Heuernte auf dem sich im Wettertal in einer Länge von l1/. Stunden von Kolnhausen bis Ober-Bessingen hinziehenden weit und breit bekannten Licher „Wiesgrund" wickelt sich infolge des guten Heuwetters diesmal außerordentlich rasch ab, so daß sie schon in einigen Tagen, im Vergleich zu den Vorjahren ein außergewöhnlich früher Termin, beendet fein wird.
Kreis Lauterbach.
Lauterbach, 23. Juni. Der nächste Taubstumm e n - G o t t e s d i e n st hier findet am Sonntag, 2. I u l i, und zwar diesmal vormittags um 11 Uhr, statt. Daran anschließend ist ein gemeinsames einfaches Mittagessen und nachmittags ein Ausflug nach dem schöngelcgenen Schloß Eisenbach geplant. Unbemittelte Taubstumme mögen sich behufs Erlangung von Fahrpreis-Ermäßigung alsbald mit einer Postkarte an Oberpfarrer Müller in Lauterbach wenden, unter Angabe ihrer Bahnstation, von der sie abfahren.
Kreis Friedberg.
R. B. Rockenberg, 23. Juni. Zu ben Unter* fd) la gütigen des Rechners Leichner vom Landes- zuchthans ist noch zu berichten, daß sich die Höhe der veruntrertten Gelder insgesamt auf 12 450 Mk. beläuft. Eine Anzahl größerer Firmen läßt einen Teil ihrer Fabrikate im Landeszuchthaus anfertigen und auch die Rohstoffe werden von dort geliefert. Tie für Arbeitslöhne und Rohmaterialien zu entrichtenden Betrüge werden monatlich dem Rechner angegeben, der ihre Einziehung zu veranlassen hat. Gelegentlich einer durch die O b e r r e ch n u n g s k a m m e r bei der Kasse des Landeszuchthauses vorgenommenen Visitation war es nun dem Beamten aufgefallen, daß verschiedene dieser Firmen, darunter zwei Offenbacher, den Büchern nach mit ihren Zahlungen im Rückstand waren. Die weitere Nachforschung ergab nun, daß die betreffenden Firmen ihre Rechnungen längst beglichen hatten. Der Rechner hatte die eingegaugenen Gelder einfach nicht gebucht und auch nicht in die Kasse getan, sie also unterschlagen un’a für sich verwendet. "Nachdem dies festgestellt war, wurde der ungetreue Beamte sofort seines Dienstes enthoben und dem Amtsgericht in Butzbach zugeführt, wo er Zeine Schuld ein- gestanden hat. Leichuer gibt als Veranlassung für seine Verfehlungen an, daß feine zweite Frau leidend sei und er auch für seine erste, geisteskranke'Frau erhebliche Zahlungen zu leisten Habe, auch sonst mit mißlichen wirtschaftlichen Dingen zu kämpfen hatte. Er selber galt als eine durchaus solide und sympathische Persönlichkeil, fein Schicksal wird aufrichtig bedauert. Leichuer steht in der Mitte der 40er Jahre und war früher lange Zeit Registrator beim Landgericht Mainz: seit dem Jahre 1903 ist er beim Landeszuchthaus angestellt und hat nie zu Klagen Anlaß gegeben. Er bezog ein Gehalt von 3400 Mk. und 320 Mk. Wohnungsgeldzuschuß.
= Okarben, 23. Juni. Am Abend des zweiten Pfingstfeiertages verschwand der Verwalter Ernst Zoll- mann, der bis dahin auf dem Hofgut des Herrn Kaz in Okarben bedienstet war. Es wird befürchtet, daß ihm ein Unglück zugestoßen oder er einem Verbrechen zum Opfer gefallen sei. Wer Auskunft über feinen Verbleib geben kann oder ihn nach dem Abend des zweiten Pfingstfeiertages gesehen hat, wird gebeten, dies der Staatsanmaltschaft in Gießen direkt oder durch die Ortspolizeibehörde milzuteileri.


