Irakischen Wahlbündnis von 1905 entsprossene neue Wahlges etz mitsamt der ungerechten Wahlkreis- ernteilung gar so parteiisch wäre. Aber am 31. Mai 1907 sielen aus die Liberalen 24,1 Prozent aller abgegebenen Stimmen und nur 15,3 Prozent der vorhandener: Mandate, aus das Zentrum dagegen, das die Wahlkreise nach feinen selbstsüchtigen Interessen umgrenzt hatte, 44,3 Prvz. der Stimmen und 60/1 Proz. der Mandate. Ungünstig ist auch fiir die Liberalen, wie überhaupt für die Minderheiten, daß das Zentrum statt der absoluten Mehrheit die relative durchdrückte, der zusolge ein Drittel der Stimmen für die Wahl ausreicht. Stichwahlen, bei denen sich früher die Minderheiten erfolgreich zusammenzufinden pflegten, sind dadurch äußerst selten geworden. Die Verhältniswahl, welche die Stellung der Minderheiten hätte verbessern können, ist bon der Selbstsucht des Zentrums zwar für die Gemeindewahlen, bei denen sich die Ultramontanen in der Minderheit befinden, zugelassen, für die Landtagswahlen dagegen abgelehnt worden. Ein sich mit der abermaligen Prüfung der Verhältniswahl beschäftigender, liberaler Antrag lag dem jetzt aufgelösten Landtag vor, der aber, anstatt ernstlich zu arbeiten, vorgcrogen hat, seine mit Diäten bezahlte Zeit fast ausschließlich dem Parteigezänk zu widmen."
Deutsches Reich.
Der Berliner „Börsen-Courier" schreibt: Die in die Presse gelangten Mitteilungen über dieStellungnahmedesKron- prinzen zum Marokko-Abkommen haben im In- und Auslande größtes Aufsehen erregt und sind durch das Verhalten des Kronprinzen im Reichstag hinreichend bekannt geworden. Auf Befehl von höchster Stelle ist nunmehr nach der Quelle der Indiskretionen geforscht worden und die eingeleitete Untersuchung hat ein überraschendes Resultat ergeben. Der Schuldige ist Telegraphenbeamter in Danzig. Durch seine Hand sind die schon erwähnten Telegramme des Kronprinzen an seine Brüder gegangen, durch die der Kronprinz sie zu einer gemeinsamen Ak tion gegen den Marokko vertrag aufforderte. Gegen den Schuldigen dürste voraussichtlich die Anklage wegen Verletzung der amtlichen Schweigepflicht eingeleitet werden.
Die Betriebseinnahmen der Preußisch-Hessischen Staatseisenbahnen betrugen der „Norddeutschen Allg. Zeitung" zufolge im Oktober 1911 gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres im Personenverkehr 1,9 Mill. Mark gleich 3,74 t«, im Gütervekehr 8,2 Mill. Mk. gleich 6,22 °/o, insgesamt nach Abzug der Mindereinnahme aus sonstigen Quellen 9,6 Mill. Mark gleich 4,91 °/o mehr. Die Zahl der Sonn- und Werktage ist in beiden Jahren gleich. Der Güterverkehr würde eine noch wesentlich höhere Mehrcinnahme ohne die im Herbst 1911 angeordnete namhafte Ermäßigung der Tarife für Futter-, Nah- rungs- und Düngemittel erzielt haben. In Wirtlichkeit war also die Steigerung des Güterverkehrs wesentlich stärker als 6,22 °/o, was bei Beurteilung des Wagenmangels nicht außer Betracht bleiben darf.
Ausland.
Nach einer Meldung der „Morningpost" aus Victoria lBritisch-Columbia) vom 16. Nov. zufolge, kaufte ein britisch- k a n a d i s ch es S y n d i k a t die im Stillen Ozean gelegene britische Washingtoninsel und die F a n n i n.g i n s e l * gruppe für 70 000 Pfund Sterling an, um dort im Hinblick auf die Eröffnung des Panamakanals ein Kohlendepot zu errichten.
Deutsche Kolonien.
Durch einen Entwurf betreffend Eisenbahnbauten im o st afrikanischen Schutz gebiet wird der Reichskanzler ermächtigt, neben der Gewährung eines Darlehens zur Fortführung der Eisenbahn Moro- goro bis Tabora an den Tanganikasee auch die durch den Voranschlag für das ostafrikanische Schutzgebiet zur Fort- M/rung der Usambarabahn und zum Ausbau des Hafens zum Tanga bereitgestellten Mittel auch zu Ergänzungsund Neubauten aus der Stammstrecke Tanga bis Mombo zu verwenden. In der Begründung wird ausgeführt, daß der Verkehr auf der Usambarabahn von Tanga bis Mongo erheblich zugenommen hat, so daß diese Bahn den Verkehr nicht mehr bewältigen kann. Es ist; deshalb ein Um- und Ergänzungsbau erforderlich, der mit 1800 000 Mk. veranschlagt ist. Betreffs der Weiterführung der Zen trat bahn von TaboranachUdjidji wird noch ausgeführt, daß eine UnterbrechungdesBabnbaus b ei T a b o ra der Baufirma eine Einbuße von U/2 Milt. Mk verursachen würde, daneben würden noch wesentlich größere mittelbare Schädigungen eintreten, weil nicht nur der Zeitpunkt, zu welchem eine Rentabilität der Strecke zu erwarten ist, herausgeschoben würde, sondern auch die allgemeine Enttvickelung der mit der Bahn zu erschließenden Jnnen- bezirke sowie die Hebung der Steuerkraft der Eingeborenen erst entsprechend später einsetzen könnte.
Deutsche Erdbeben.
Deutschland ist nicht arm an Erdbeben, aber s>o heftige Stöße, tote jetzt in Süd- und Mitteldeutschland beobachtet worden sind, sind in deutschen Landen sehr selten. Von den 10499 als Epizentren bekannten Orten der Erde sind in Deutschland nur 425 und von diesen sind die meisten im Erz- und Fichtelgebirge, nämlich 80, 68 ht Württemberg. Im Odenwald und in Baden je 43, an den Küsten der Nord- und der Ostsee 33, im Taunus und im Hunsrück 32 in Westfalen 29, im Elsaß 24, im Harze 18, inj Ost-Bayern 11, m Thüringen 10, am Mittellauf der Mosel, in der Hardt and in Luxemburg 10, in Lothringen und der Pfalz 9 m Schlesien 8, und im Riesengebirge 7. Die Häufigkeit der Erdbeben ist am größten in Württemberg, dann kommen Baden, der Odenwald, Taunus und Hunsrück usw Ganz frei von Erdbeben ist die norddeutsche Tiefebene, in der nur im Jahre 1755, im Anschluß an das fürchterliche Erdbeben von Lissabon, Bodenschwankungen bemerkt wurden. Oester find Erdbeben im deutschen Alpengebiet, in den @e=> btrgen am Oberrhein, in der Schwarzwaldgegend und den Vogesen, Hauptzentren für Deutschland aber find Herzogenrath bet Aachen und Großgerau in Hessen, und noch häu- stger find deutsche Erdbeben im sächsisch-böhmischen Hoch, land, hauptsächlich im Bogtlande.
Schon aus dem Mittelalter sind aus dieser Gegend sichere Berichte von Erdbeben vorhanden. Dr. F. Meinecke in Halle hat etwa 35 Erdbeben in Sachsen, insbesondere nm Vogtlande gezahlt, die zwischen 1332 und 1856 beobachtet toorben sind, und dte spatere Zeit ist ganz ausfiihrlich in jehem größeren ^erfc über Erdbeben behandelt Ein be- starkes ©rbbeben in der älteren 3eit war augenscheinlich das vom 13. April biß zum 15. Juli 1552 Im Jahre 1674 bebte im Bogtlande die Erde drei Wochmt Ung [° heftig, datz in beit Bergwerken die Schächte ein- sturzten. Em Erdbebenschwarm mit zahlreichen Erschütterungen trat dann vom 13. März bis zum 23 April 1701 auf, der besonders m Annaberg, Schneeberg, Johannaeor- aenstadt und Plauen bemerkt wurde. WeÜere Cwdbeb^ schwärme folgten m der zweiten Hälfte des Jahres 1711,
im Spätherbste 1770, im Anfänge des Winters 1824, sowie 12 Jahre später um dieselbe Zeit.
Im Jahre 1872 fand ein besonderes heftiges Erdbeben am 6. März statt, das eines der bedeutendsten in Deutschland überhaupt war, zwischen Berlin, Breslau, in Böhmen, bis Regensburg, in Stuttgart, in Frankfurt a. M., in Hessen und im Harz wahrgenommen wurde und sich im ganzen über 170 000 Quadratkilometer erstreckte. Kleinere Erschütterungen wurden zwischen 1875 und 1896 häufig wahr- genommen; 1897 traf ein größerer Erdbebenschwarm das Vogtland, der vom 24. Oktober an 37 Tage lang die Bewohner in ständiger Furcht erhielt. Mit dem 1. Just 1900 begann eine neue Periode der Erderschütterungen, die 52 Tage lang dauerte, aber schwächer war und noch schwächere Erdbeben traten vom 8. Mai bis zum 28. Juni 1901 auf. Im Jahre 1903 wurden 95 Tage hindurch schwächere Erschütterungen wahrgenommen, uno im Jahre 1908 traten im Oktober wieder stärkere Erderschütterungen auf. Am 3. und 4. November erreichte diese Erderschütterung ihre größte Stärke in einem Stoße, der in Sachsen bis zur Elbe, im ganzen Egerlande, in Thüringen bis nach Gotha ,und zur Unstrut und bis in die Gegend von Halle gespürt wurde. kf.
Das Erdbeben in Deutschland.
Heber das gestrige Erdbeben gingen uns noch folgende Nach richten zu:
das schwere Dach!" ist mein das mime Haus. Die Frau den Kindern; das älteste ist Ich stehe gebannt — ratlos, nach, und ich sehe klar: ein
erster Gedanke. Jetzt toanl't stürzt in die Schlafstube zu erwacht und fragt ängstlich. Da lassen die Schwantungen Erdbeben, ein Erdstoß. Die
Aus Hessen.
-r. Gießen, 17. Nov. Ein Leser schreibt uns: Einsender erinnert sich noch deutlich an das Erdbeben im Jahre 1846. Bald darnach brach der Strudel in Nauh im hervor, dem das Städtchen seinen .Weltruf verdankt. Ein zweites Erdbeben erlebte der Einsender in den 70er Jahren am Felsenmeer im Odenwald. Die gewaltigen Granitfelsenblöcke rieben sich aneinander, daß es fürchterlich knirschte und krachte, worauf ein Schlag von unten erfolgte, der den Erdboden weithin erzittern ließ. Eine Stunde lang hatte ich das Gefühl von Seekrankheit.
Bersrod, 16. Nov. Es ist gegen 11 Uhr. Wir sitzen am Tisch, meine Frau strickt, ich schreibe Noten ein. Die Kinder liegen zu Setti. Ruhe ringsum. „Was wackelst du nur am Tisch?" frage ich plötzlich. Da schwankt der Tisch, die Hängelampe zittert und schwingt. Wir springen auf. Die Ampeln an der Decke schwingen hin und her, die beiden Blumenständer wackeln, in den Wänden knisterts, in einer Ecke krachts, die Vorhänge, bewegen sich wie im Luftzuge, der Fußboden schwankt. „Altmächt'ger Gott, das Haus stürzt ein, die schwachen Lehmwände tragen nicht
Spannung der Nerven löst sich, die Ampeln schwingen noch, die Lampe kommt erst viel später zur Ruhe. Wir sehen uns an, leichenblaß von dem plötzlichen Schrecken. 15 Sekunden, schätze ich, hat der Stoß angehalten. Ich öffne das Fenster, In der Nachbarschaft schreien Hühner. Leute treten aus den Häusern. Sie haben dasselbe wahrgenommen. Einige sind vom Schlafe geweckt worden und fürchten sich. „Erdbeben", ruft man sich zu. Eine Ahnung will uns aufgehen von dem Unglück Messinas.
Nidda, 17. Nov. Das Erdbeben am gestrigen Abend war in solcher Stärke hier noch nicht erlebt worden. 'Der.Stoß war so stark und die wellenförmige Bewegung, welche sich daran schloß, so heftig, daß Leute, welche schon in den Betten lagen, heraussprangen und Licht machten, besonders in den oberen Stockwerken der Häuser. In den Wänden vernahm man ein Knistern. Am stärksten war die Bewegung in dem unteren Stadtteile, besonders der sog. Rauna. In manchen Ställen fingen die Hühner an zu schreien. Zurzeit des Bebens herrschte ein heftiger Sturm bei gelinder Temperatur.
In Bad Salzhausen gab es an einzelnen Häusern Risse in den Wänden.
— Lorbach, 17. Nov. Gestern abend 10 Uhr 30 Min. verspürte man hier ein heftiges Erdbeben, das mehrere Sekunden anhielt. Dabei konnte man zwei verschiedene Stötze in nordwestsüdöstlicher Richtung unterscheiden, von denen der letzte am heftigsten war. Die Gebäude erzitterten in ihren Fundamenten, alles Mobiliar geriet in Bewegung, einzeln kamen Ziegel von den Dächern, die Vögel verließen ihre Schlupfwinkel und eilten ängstlich umher. Auch das Vieh in den Ställen, besonders das Kleinvieh, wurde unruhig und bestürzt eilten viele Bewohner an die Fenster und auf die Straßen.
Hirzenhain: Gestern abewd 1/2H Uhr starker Erdbebenstoß in der Richtung Norden nach Süden. Sehr heftig bemerkt wurde er in den oberen Stockwerken massiv gebauter Häuser, während er in Holzbauten weniger fühlbar war. Er dauerte 3—4 Sekunden.
O. Ortenberg, 17. Nov. Hier wurde gestern abend um 10.30 Uhr ein heftiger Erdstoß wahrgenommen. Vielfach wurden Möbelstücke ins Schwanken gebracht, Türen gingen auf und sogar das Vieh in den Ställen fing an zu brummen. Besonders bemerkt wurde das Beben in höher gelegenen Häusern. Die Leute, die sich teilweise schon zur Ruhe begeben hatten, verließen ihre Betten und sammelten sich auf den Straßen an, um dort daöl seltsame Vorkommnis zu besprechen.
§ Flensungen, 17. Nov. Gestern abend gegen 3/4II Uhr wurde hier ein ziemlich starkes Erdbeben wahr- genommeu. Der Stoß war so heftig, daß die Möbel schwankten. Die Richtung war von Norden nach Süden.
§ Ruppertenrod, 17. Nov. In der verflossenen Nacht gegen 1,211 Uhr wurde hier ein etwa 5 Sekunden anhaltendes Erdbeben verspürt. Türen ttapperteu, leichi stehende Gegenstände gerieten ins Schwanken und verursachten Poltern. In einer Stallung sprang sämtliches Vieh auf und die Hühner flogen aus dem offenen Hühnerhaus auf die Straße. In einem anderen Haus erklang die Schlagspirale in dec Uhr. Zur Zeit des Bebens herrschte ein starker Sturm. Seit Menschengedenten hat man im Vogelsberg kein Erdbeben gespürt.
M. Maulbach. Gestern abend um Voll Uhr wurde hier eine deutlich spürbare Erschütterung der Erde wahrgenommen. Unmittelbar aufeinander folgten vier kurze Stöße. Die Bewegung schien wellenartig zu verlaufen. Die Richtung, aus der'das Beben kam, konnte, nicht sicher festgestellt werden. Doch hat es den Anschein, als sei sie von Nord nach Süd verlaufen.
tt Hochwaldhausen, 15. Nov. Gestern abend genau um 10.30 Uhr wurde hier eine ziemlich -starke Erderschütte- rung beobachtet, die von West nach Ost zu verlaufen schien. Obwohl die Bewegung, die als ein Beben empfunden wurde, nur vielleicht 30 Sekunden dauerte, rief sie doch eine gewisse Beunruhigung hervor. Schreiber dieser Zeilen erlebte das Erdbeben zu San Franzisko am-21 Oktober 1868.
wi? Sn der vergangenen Donnerstagnacht
um 7,11 Uhr wurde hier bei heftigem Sturm ein starkes Erd- beben verspürt, das etwa 15—20 Sekunden dauerte. Der Erdstoß war so stark, daß man das Gefühl hatte, im Bett hin un£ JF gewiegt 5" werden. Kleinere Gegenstände schwankten und Uhren blieben teilwerie. stehen. Der Schrecken über diese hier noch nie beobachtete Erscheinung war kein geringer.
U f e n b 0 r n, 17. Nov. Gestern abend i/2ll Uhr wurde Ijter em deutlich wahrnehmbares, etwa 4 Sekunden an
haltendes Erdbeben verspürt. In den Häusern merkte map die Erschütterung, die von einem dumpfen Rollen be gleitet war.
A Gedern, 16. Nov. Heute abend 10 Uhr 27 Min, erfolgte hier ein heftiger Erdstoß, der etwa-3—4 Sekunden anhielt. Es war eine schwankende Bewegung wahr zunehmen, Schränke, Tische, Oefen zitterten, Wände krachten und Zuglampen setzten sich in Schwingung n. In verschiedenen Häusern fielen Bilder und Vogelfänge von den Wänden und aus einem offenen Hühner stalle flüchteten die Hühner, die infolge des Erdbebens erwachten.
Bad-Nauheim, 17. Nov. Auch hier wurde gestern, wenige Minuten vor 1/2H Uhr, in einigen Stadtteilen ein- Erdstoß verspürt, teils ganz schwach, teils auch etwas stärker, daß in vielen Häusern die Möbel unruhig wurden und sich von der Stelle bewegten, Uhren blieben stehen. Viele Leute, die bereits in tiefem Schlaf lagen, erzählen, daß sie durch die Erschütterung aufgeweckt worden sind. In anderen Stadtteilen wurden die Stöße nicht verspürt.
Aus dem Reich.
Reichelsheim, 16. Nov. Abends gegen Vsll Uhr wurden hier einige Erderschütterungen wahrgenommen. Die erdbeben- artigen Stöße waren an einzelnen Stellen so stark, daß Stühle ins Wanken kamen und Lichter umfielen.
[] Marburg, 17. Nov. Das Erdbeben gestern abend brachte auch hier die Einwohner vielfach in Aufregung. Der 2—3 Sek. anhaltenden wellenförmigen Erschütterung ging ein leichtes unterirdisches Rollen voran. In einigen Wohnungen fielen Spiegel und Bilder von den Wänden.
Fulda, 17. Nov. Auch hier wurde das Erdbeben um Voll Uhr, besonders im westlichen Stadtteil, in ziemlicher Stärke wahrgenommen.
Erfurt, 17. Nov. Aus ganz Thüringen gehen Meldungen über das gestern abend bemerkte Erdbeben ein. Das seismo- graphische Institut in Jena stellt die Entfernung des Herdens aus 100 Kilometer fest. Auch in Magdeburg wurde abends ein leichter Erdstoß verspürt.
Leipzig, 17. Nov. Das gestrige Erdbeben ist auch hier wahrgenommen worden, doch scheint es keinen Schaden angerichtet zu haben. Ebenso wurde in Plauen gestern abend um IOV2 Uhr ein Beben von IV2 Minuten Dauer verspürt, das die Richtung von West nach Ost hatte und von einem dumpfen Rollen begleitet war.
Berlin, 17. Nov. Aus zahlreichen Gegenden, ganz Bayern, Württemberg, Tirol, aus Koburg, Metz, Belfort und B e s a n c 0 n laufen Meldungen über das gestrige Erdbeben ein. Nirgends wurde jedoch ein größerer Schaden dadurch angerichtet. In Sigmaringen spürte man nachts gegen 3 Ubr noch einen zweiten schwächeren Erdstoß von kurzer Tauer.
Heidelberg, 16. Nov. Die Sternwarte auf dem Königs st uh l teilt mit: Um 10 Uhr 27 Min. wurde hier ein Erdbeben wahraenornrnen, daß 7 Sekunden andauerte. Tie stärkste Bewegung der Apparate hielt eine halbe Stunde an. In der Nacht wurden weitere sieben Stöße verspütt. An vielen Otten, so in Stuttgart, Konstanz, wurde ein kometenartiger Feuer- st r e i f am Himmel bemerkt. Dem Heidelberger „Tageblatt" wird von sachverständiger Seite mitgeteilt, daß das Naturereignis mit dieser Erscheinung, in keinem Zusammenhang steht.
Stuttgart, 17. Nov. Wie hier, so ist auch in allen übrigen Teilen des Landes das Erdbeben sehr heftig aufgetreten. Von überall her laufen Nachrichten ein, daß Kamine von den Tüchern fielen, daß in den oberen Stockwerken der Häuser Risse entstanden, Möbel durcheinander geworfen wurden und Uhren stehen blieben. Tie Bevölkerung stürzte allenthalben erschreckt ins Freie. In Ebingen scharten sich etwa 500 Mann um Kreisfeuer, die im freien Felde an gezündet waren. Mehrfach ertönten die Kirchenglocken. Der Bahndamm zwischen Laut- l i n g e n und Ebingen ist gerissen und der Verkehr wirb ; durch Umsteigen aufrecht erhalten. In Lautlingen entffanb infolge des Erdbebens im Elektrizitätswerk der Witwe Haag durch Kurzschluß Feuer. Das Wohnhaus, die Mühle und das Elek- ; trizitcitswerk wurden vollständig eingeäschert. Nur das Vieh konnte gerettet werden. In Laufen an der Eyach stürzte in der Wirt- Ü schäft „Zum Lamm" die Decke ein. Auch sonst werden einige U Gibeleinstürze gemeldet. Personen sind nach den bisherigen Nachrichten nirgends zu Schaden gekommen.
Bedeutender Schaden.
Konstanz, 17. 91ob. Vom Münsterturm fielen bei dem Erdbeben große Steine herab. Die etwa vier Meter hohe Kreuzblume auf dem Münster zertrümmerte an zwei Stellen den Dachstuhl und fiel ebenfalls auf die Straße. Die Kolos salfigurder Germania auf dem Gebäre der Oberpostdirektion, die etwa fünf Meter hoch ist sei ca. 20 Zentner wiegt, sauste gleichfalls auf die ©irafet und zersprang in kleine Stücke, die sich teilweise tief in das 1 Straßenpflaster einbohrten. Der Reichsadler, der eine Flügelspannweite von etwa fünf Metern hat und etwa zehn Zentner wiegt, fiel ebenfalls ans die Straße. «Eine Dienst- magb wurde aus dem ersten Stockwerk heruntergeschleudert .. | und erheblich verletzt. Zahlreiche Dächer wurden zum Teil abgedeckt. — In Villiwgen fiel ein Stück des Kirchturms auf die Straße.
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Das Stammschloß des Kaisers arg beschädigt.
H echingeu, 17. Nov. Das Erdbeben hat dem Stamm- schloß des Kaisers übel mitgespielt. Die Besatzungs- kornpaguie mußte die dort gelegene Kaserne verlassen und die Nacht auf dem Exerzierplatz im Freien zubringen. Viele Figuren im Schlosse wurden beschädigt. Die Turme zeigen große Risse.
Aus hem Ausland.
Bern. 17. Nov. In der ganzen Schweiz wurde das gestrige Erdbeben verspütt. In den Theatern von Bern und Zürich brach eine Panik aus. Die Besucher stürzten, die Fensterscheiben einschlagend, auf die Sttaße, mehrere wurden ohnmächtig.
Paris, 19. Nov. Gestern abend 9 Uhr 20 Min. wurden in LuneVille, Langres, Vesoul, Epinal, Belfort und Pontparlier Erdstöße verspürt. Personen wurden nicht verletzt.
Zlus Stadt und Land.
Gießen, 18. November 1911.
* * Tageskalender. Stadttheater: Sonntag abend 7*/3 Uhr: „Meyers".
Konzertoerein: Chor- und Orckesterabend: Gedächtnisfeier iür Franz Liszt. Sonntag nachmittag 4V, Uhr im Neuen Stadttheater.
JubiläumsfestderMethodistengemeinde. Sonntag nachmittag 31/, Uhr im Cafö Ebel.
Kolosseum: Täglich Vorstellung.
Kinematograph: Täglich Vorstellung.
Biograph: Täglich Vorstellung.
A n l a g e m u s i k am Sonntag, vormittag 11V, Uhr, in der Süd°Anlage (bei gutem Wetter). Spielplan: 1. Niederländisches Tankgebet: von E. Kremser. 2. Ouvertüre zur Oper „Ascanio in Alba", von W. A. Mozart. 3. Türkischer Abendsegen und Auszug der Scharwache a. d. Oper „Khedive" von C. Faust. 4. Frisch, fromm, fröhlich, frei! Turnermarsch von W. Löber. (Zum ersten Atale.)
*
• * Ordensverleihung. Der Großherzog hat das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für Verdienste^ dem Vizefeldwebel a. D. Karl Zinn, seither im Infanterie- Regiment Kaiser Wilhelm (2. Hess.) Nr. 116, verliehen.
* * Reichsbankstelle Gießen Zu unserer gefangen Nachricht der Reichsbank wird, uns mitaeteilt daß die Stadt nicht
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