Ausgabe 
22.6.1911 Erstes Blatt
 
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Nefcit Umständen sehe ich mich genötigt, auf die Mitarbeit im Öansabundc zu verzichten. Ich lege demgemäß und in lieber» einstimmung mit der Entscheidung des heute versammelten Direk- loriums des Zentralverbandes mein Mandat als Mitglied des Direktoriums und Präsidiums des Hausabundes nieder. Ich tue dies in dem Bewußtsein, alles daran gesetzt zu haben, um an einer den Satzungen und Richtlinien des Hansabundes entsprechen­den Führung desselben aus der mittleren Linie mitzuarbeiten.

Der Abschluß öer Aeichrkasse für MV.

Wie dieRordd Allg. Ztg " meldet, ergab der Jahres­abschluß der Rcicksyauptkasse für das Rechnungssähr 1910 einen Nebers chu ß von 117,7 Millionen Mark. Tic Hauptbestandteile des Ncberschusses sind: Mehr ait Zoll- und Steuereinnahmen '>7,0 Millionen, an Einnahmen^ aus dem Bankwesen 3,6 Millionen, Mehrüberschuß der Reichspost 19,7 Millionen, Reichseisenbahnen 11,8 Mil­lionen, Minderausgabe bei der Reichsschuld 9,9 Millionen, bei dem Heer 4,7 Millionen mit) bei der Marine 1,9 Mil­lionen. Dazu treten erhöhte Ausgteichsbeträge mit 3,9 Millionen. Ungünstiger als der Voranschlag stellt sich nur der Abschluß der Reichsdruüerei mit einem Minder-, Überschuß üon 1,5 Millionen. Ter befriedigende Jahres­abschluß ermöglicht, den großeti Fehlbetrag aus dem Jahre 1909 schneller zu tilgen, als es das Finanzgesetz vom 15. Juli 1909 voraussetzt. Roch verbleibt eine zweite Aus­gabe, die Belastung des außerordentlichen Etats tatsächlich in die Grenzen zurüclzuführen, die vor einiger Zeit grund­sätzlich gezogen wurden. Bei einem Festhalten an den bisher beobachteten strengen Haushaltsregeln und fort­dauernder Aufwärtsbcwegung unserer Einnahmen kann das Ziel schoit bald erreicht werdeit. Wenn es erreicht ist, werden die Rachwirkungcri der hinter uns liegenden Finanzperiodc überwunden sein.

Die Neichsratzwahlen in Oesterreich.

Wieit, 21". Juni. Tie Bilanz der bisherigen Wahlen ergibt folgendes Resultat: Tie T e u t s ch - F r e i h e i t - lichen gewinnen 31 und verlieren 6, die Christlich-So­zialen gewinnen 4 und verlieren 24, die zentralistische n Sozialdemokraten gewinnen 15 und verlieren 22, die tschechischen Sozialdemokraten gewinnen 8 und ver­lieret 5, die bürgerlichen Tschechen gewinnen 6 und ver­lieren 8, die Polen gewinnen 4 und verlieren 3 Sitze. Bei den Südslaveit ist bisher keine Veränderung zu verzeichnen. Tie galizischen Ruthenen verlieren 1, die Buckowiner Ruthenen und die Rumänen behalten i hren früheren Besitzstand von 5 Mandaten. Tie Italiener gewinnen einen Sitz, die Alldeutschen gewinnen ein Mandat, die Tschechisch-Rationalen verlieren zwei, die Partei- loieit gewinnen zwei Mandate. Ter Teutschnatioitale Verband, der früher 79 Sitze hatte, hat setzt 104: diese teilen sich in 56 Teutsch-Freiheitliche, einschließlich des Abgeordneten Kuranda, 21 Radikale, 24 Agrarier und drei 'Diene deutsche Volkspartei.

In Regierungskreisen ist man der Ansicht, daß sich in den M a i o r i t ä t s v e r h ä l t n i s s e n des neuen Parlaments nicht viel ändere, womit man auch vorher gerechnet hatte. Was sich ändern konnte, habe sich tatsächlich zugunsten der Regierung verschoben, da die Regierungsparteien, die Christlich-Sozialen und der Deutsche Diationalc Verband jetzt 180 Mandate inne haben, während sie früher zusammen mir 175 besaßen. Allerdings würden hier die Majoritätsverhältnisse für die Regierung noch günstiger gewesen sein, wenn die christlich-sozialen Verluste in Wien nicht eingetreten wären. Auch der Polenklub werde vor­aussichtlich in unverminderter Stärke zurückkehren, wobei hervor­zuheben ift, daß die polnischen .konservativen durch den Gewinn mehrerer Mandate späterhin eine einflußreichere Stellung ein- nehmen dürsten. Zudem fei der Verlust, den die Sozialdemo­kraten gehabt haben, für die Regierung ein Gewinn. Ebenso er­scheinen die Verschiebungen innerhalb der slavischen oppositionellen Parteien für die Regierung nicht ungünstig.

Der Ausstand der Seeleute.

Wie dieRordd. Allg. Ztg." meldet, ergab der Jahresabschluß Rotterdam, 21. Juni. Tie Holland-Amerika- Linie erhielt so viel Tienstanerbietungen von Seeleuten sowohl aus Holland wie aus dem .Auslande, besonders aus Deutschland, daß die DampferPotsdam" undZyldhk" am Samstag aus- laufen werden. Ter DampferTabanan" vom Rotterdamer Lloyd geht morgen mit voller Mannschaft und einer großen Zahl von Passagieren zur Flottenparade nach Svithead in See.

.Hüll, 1. Juni. 2 Als der DampferLa dH Brook" zur Abfahrt nach Rotterdam bereit war, umringten ihn am Kai A u sständige uub suchten die Besatzung zum Streik zu über­reden, wobei von letzteren in e h r c r e Sch ü s s c abgegeben wur­den. Ein Ausständiger wurde schwer verletzt.

Reuyork, 21. Juni. Der A u s st and der Seeleute der Küsten dampf er Linien ist beendet, nachdem Reeder wie Seeleute Zugeständnisse gemacht haben.

Deutsches Asieh.

TieHvhcuzollern" mit dem Kaiser an Bord lief am Mittwoch um 1- i Uhr uachmiitags auf der Holteuauer, Schleuse in den Kieler Hafen ein. Tie gesamte Flotte,! auch die hier liegende a m e r i l' a n i s ch e L i n i c n s ch i f f s- division, feuerte den Salut von 33 Schuß. Die Mann­schaften der Kriegsschiffe paradierten und begrüßten den Kaiser, der auf der oberen Kommandobrücke "derHohen- zollern" stand, mit einem dreifachen Hurra.

DieRordd. Allgem. Ztg." schreibt anläßlich des Be­suches des amerikanischen Geschwaders in Kiel: Wir begrüßen in den amerikanischen Gästen die Vertreter einer nahe befreundeten und großen "Ration, mit der Deutschland durch mannigfache Bande der Vergangenheit und Gegenwart verknüpft ist, und heißen sie in den deut­schen Gewässern und auf deutschem Boden herzlich will­kommen.

Sb der Entwurf des Gesetzes über die Fortbil- dungs schul en no chin dieser Tagung des preußi-" i.ch en Landtags zur Verabschiedung gelangt, ist zweifel­haft, da nach den augenblicklichen Dispositionen der Land­tag bereits Ende der nächsten Woche geschlossen wer­den soll.

Als Termin dcrRcichstagscrsatzwahlinTüs-- seldorf für den verstorbenen Zentrumsabgeordueten Kirsch ist der 1. September angesetzt worden.

Tie württ cm bergische 2. Kammer chat gegen die Stimmen der Sozialdemokraten die .Gesetzesvor­lage betreffend die Reu-Ordnung der B e z ü g e der G e i st - lichen angenommen.

Ausland.

Im italienischen Senat erklärte bei der Beratung des Buogets des Ministeriums des Aeußern Marquis die San G i u 11 a n o , btc großen Linien der a u s w ä r t i g e n P o l i 111 Italiens seien die notwendige logische Folge der Lage der Dinge und änderten sich nicht, n enn sich die Regierungen änderten Italien bleibe bet der festen Politik der Bündnistreue, die ver­vollständigt werde durch Freundschaft mit anderen Mächten. In Betreif öer Behauptung Guieeiardinis in der Kammer, daß Italien tatsächlich isoliert sei, erklärte er in vollem Bewußtsein der Ver- antmortlichteit.^er teile diese Ansicht nicht. Guieciardini könne keine einzige Tatsache zur Bekräftigung seiner Behauptung an führen. In Bezug auf die Tripylisfrage könnten seine Erklärungen nicht von denen seiner Vorgänger abweichen. Tie italienische Politik beruhe auf der Integrität des Osmanischen Reiches. Tte

Interessen Italiens im Mittelmeer fänden in den bestehenden Abkommen mit den europäischen Mächten befriedigende Garantieen.

Ein neuer Handels-nndRiederlassnngsvertrag der Schweiz mit Japan wurde unterzeichnet. " Der Vertrag setzt hinsichtlich der Zölle für beide Länder die Meistbegünstigung fest.

Bet der Fortsetzung der Beratung über die ministerielle Er­klärung kam es in der belgische n K a m in c r zu großen Skandal s z e n c n , als der Sozialist Anseele von den Priestern sprach, die sich an Kindern vergingen. Ter Katholik Maenhant entgcgcnctc: Wir schließen sie ans, Ihr aber nehmt sie als Lehrer ans. Tie Sozialisten drangen ans Maenhanl ein, einer warf ihm ein Buch an den Kops. Tie Sitzung wurde unterbrochen. Rach der Wiederausnahme trat erst allmählich Beruhigung ein.

Tie portugisischc konstituierende Versammlung erwählte Anselms Braacamp zum Präsidenten, der im zweiten Wahlgang 64 von 125 Stimmen erhielt.

Tas Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten nahm die Gesetzesvorlage Underwoods bezüglich der Revision des Zolltarifs für Wolle mit 221 gegen 100 Stimmen an. Eine Anzahl Insurgenten der republikanischen Partei stimmte mit den Demokraten.

Aus Rabat wird gemeldet, daß eine französische T r u p p e n a b t e i l u n g , die den Mamora-Wald von Wege­lagerern säubern sollte, am 17. Juni in der Nähe von Solch bcht einer großen Zahl Eingeborener angegriffen wor­den fei. Die Angreifer wurden in die Flucht geschlagen. Auf französischer Seite fielen ein Unteroffizier und von den Senegal­schützen zwei Offiziere: zwei Soldaten wurden verwundet.

25. Wanderausstellung der Dentschenranvwirtschasts- Sesellschast.

-f- Cassel, 21. Juni.

Tie alte kurhessische Residenz Zieht in dieser Woche unter dem Zeichen der Landwirtschaft. Sie beherbergt die Jubiläums- Ausstelluitg der Teutschen Landwirtschafts-Gesellschaft und hat ihr unmittelbar südöstlich von ihrem früheren Weichbild, un­mittelbar an dem eingemeindeten Bettenhausen, eine Stätte be­reitet, indem sie einen früheren, 29 Hektar großen Exerzier­platz zur Verfügung stellte. Schon heute, am Vorabend der Veranstaltung, ist von allen Himmelsrichtungen Deutschlands ein Strom von Landwirten eingetroffen.

Tie Straßenzüge, die zur Ausstellung führen, sind mit be­wimpelten Masten, Wappen und Fahnen geschmückt. Tie Aus­stellung selbst ist vom Hauptbahnhof und von^der Station Wil- helmshöhe mit der Eisenbahn oder von der Stadt aus mit der Straßenbahn bequem zu erreichen.

Eine mächtige Zeltstadt, die von fünf je 15 Meter breiten Straßen durchschnitten wird, ist errichtet. Die Maschinen- und Geräte-Abteilung nimmt einen breiten Raum ein; durch eine 350 Pserdekräste starke Dampsmaschine wird den ausgestellten Maschinen die zum Antrieb nötige elektrische Kraft vermittelt. Von lebendem Material bringt die Ausstellung eine Schau für Pferde, die vorzüglich und zahlreich aus allen deutschen Zucht­gebieten beschickt i|t. Tas gleiche kann man auch von der Ge­flügel- und Kaninchenzucht sagen. .Bedauerlich bleibt, daß die Ausstellung von Klauenvieh unterbleiben mußte, weil der Ge­fahr der Verbreitung der Maul- und Klauenseuche Tür und Tor geöffnet worden wäre.

Richt so zahlreich als sonst bei den Ausstellungen der Land­wirtschafts-Gesellschaft ist die Abteilung Fische beschickt. Aber um so übersichtlicher und interessanter ist das Arrangement der Fischerei-Ausstellung: _ besonders für die Angler ist sehr viel Neues geboten. Großartig ist die Ausstellung mit' Produkten der Landwirtschaft beschickt, die Acker-, Garten- und Wiesen- wirtschast sowohl wie der Milchwirtschaft und ebenso ist die wissen- schastliche Abteilung reich und übersichtlich geordnet. Noch wird fleißig an der Ausstellung gearbeitet, um morgen fertig zu sein. Für Unterhaltung und Verpflegung ist bestens gesorgt. Morgen und Freitag nachmittag beginnt die Vorführung von Pferden, von 3 Uhr an Reit- und Fahrwettstreit des Kartells für Reit- und Fahrsport in Berlin, Am SamStag mittag wechseln Jugend­spiele mit der Vorführung preisgekrönter Pferde ab und am Sonntag und Montag werden Schäferhunde als Polizeihunde gezeigt. Abgesehen davon, daß die nahe Wilhelmshohe mit ihren Wasserkünsten ihren Reiz ausübt, wird die Landwirlschastlichc Ausstellung ihre Anziehungskrast auch auf den Nichtlandwirt nicht verfehlen.

Cassel, 22. Juni. Heute mittag eröffnete der Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft Landgraf Chlodwig von Hessen die 25. Ausstellung der Gesellschaft. Tem Fest­akt wohnten bei: Friedrich, Fürst zu Waldeck und Phrmont, Arolsen: Christian Ernst, Fürst zu Stolberg-Wernigerode, Wer­nigerode; v. Schvrlemer, Freiherr Tr., Preußischer Staats- minifter und Minister für Lanwirdtschaft, Domänen und Forsten, Unterstaatssekretär Küster, Berlin; Boenisch, Geheimer Oberregie­rungsrat und vortragender Rat im Reichsamt des Innern, Ber­lin; von Kriszlinkovich, k. ung. Ministerialrat, Wilmersdorf- Berlin ; Ritter von Brettreich, Exzellenz, Staatsminister des Innern, Dr., München: Minister von Pijchek, Stuttgart: Mi­nisterialrat Arnold, Karlsruhe; von Hombergk zu Vach, Minister des Innern, Darmstadt; Holzinger, Ministerialrat, Darmstadt: Müller, Landesölonomierac, Darmstadt; von Wil- lich, Oberlandstallmeister, Darmstadt, usw.

Aus Stadt und Laus.

Gieren, 22. Juni 1911.

Die Manöver 1911 im 18. Armeekorps.

Bei dem 18. Armeetorps werden in diesem Jahre zwei Reserve-Jnfauterie-Regimcnter und eine Reservc-Feldartil- lerie-Abtcilung aufgestellt. Diese Formationen bestehen bis auf geringe aus den aus dem aktiven Dienste abzugebenden Stämme, ganz aus Offizieren, Unteroffizieren und Mann­schaften des beurlaubten Standes. Die Reserve-Feldartil- lerie-Abteiluug wird am 26. Juni gebildet und am 8. Juli aufgelöst. Das 1. Reserve-Jnfanterie-Regiment übt vom 13. bis 26. Juli, das 2. vom 5. bis 18. Oktober. Die Zusammenstellung und Hebungen der 3 Reserveformatiouen erfolgen auf dem Truppenübungsplatz Darmstadt.

Die H e r b st ü b u n g e n des 18. Armeekorps wer­den in und au dem Taunus stattfindeu. Das Manövergebiet wird begrenzt im Nordosten durch die Linie Friedberg-Lim­burg, im Norden durch die Lahn, im Westen durch deu Rhein, von Oberlahnstein bis Oppenheim, int Süden durch die Linie Oppenheim-Darmstadt, im Osten durch die Linie Darm­stadt-Frankfurt a. M.-Friedberg. Im Gelände östlich der Linie Oppenheim-Wiesbaden-Kamberg übt die 21. Division, westlich davon die 25. (hessische) Division. Tie Regiments-' und Brigade-Hebungen beginnen am 22. August. Die Ma­növer der 21. Division schließen sich daran und finden, vom 11. bis 16. September bei Idstein statt. Die 2 5. Di­vision übt ebenfalls vom 11. bis 16. September bei Katzenelnbogen. Die Korpsmanöver finden am 19. und 20. September bei Kirberg statt.

* SageSfalenber für Donnerstag, 22. Juni: Zweites Abonnements-Konzert der Regimentsmustk m Steins Garten. Anfang 8 Uhr.

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*' Lehrerpersonalien. Uebertragen wurde dem Schulamtsaspiranten Jak. Zahn aus Gau-Bickelheim eine Lehrerllelle an der Gemeindeschnle zu Heubach, dem Schul- amtSaspiranten Hch. Hallstein aus Sandbach eine Lehrer- stelle an der Gemeindeschule zu Groß-Eichen. Erlediat i|t bie nut einem cvang. Lehrer zu besetzende Lehrcrstelle an bet Gememdcschule zu Seidenbuch. Dem Inhaber kann ine Ortszulage bewilligt werden.

D i e L a n d c u u i v e r s i t ü l hält am 1. Juli, vor­mittags Hi/4 Hhr pünktlich, irr der neuen Aula die Frier ihres Jahresfcstes ab. Das Programm dazu lautet: 1. Krv- nungsmarsch aus der Oper:Der Prophet" vou G. Meyer- beer. 2.Herr, wir trau n auf Deine Güte" von F. Mendels­sohn. 3. Festrede des Rektors. Chor auS demMagni-

sicat" in T-dur von I. S. Back'. 5. Finale des 3. Akts auS her Oper:Rienzi" von Richard Wagner.

** Wo m Alldeutschen Verband wird uns ge­schrieben: Wirtschaftspolitik geht stets Hand in Hand mit Machtpolitik: die deutsche Weltwirtschaft unser Welt­handel beläuft sich gegenwärtig auf ungefähr 16 Milliarden Mark wurde erst ermöglicht durch die machtvolle Stcl- luug, hie die Gründuug des Reichs dem Deutschtum ge­schaffen hat. In nichts werden die Nachteile der völkischen Zerrissenheit deutlicher sichtbar als in den wirtschaftlichen Verhältnisfen, und an nichts läßt fick der glänzende Ilm­schwung, den daS deutsche Volk feit 1871 genommen, besser verfolgen. Wenn Gießen seit 1871 um fast das Dreifache an Bcvölkernngszahl angenommen hat, so verdankt es das in erster Linie neben der Entwickelung der Industrie der Entwickelung des deutschen Handels, über die Professor Arndt morgen Freitag in Steins Garten vortragen wirb. Auch die Entwickelung des Verkehrswesens wird Professor Arndt in seinen Vortrag einbeziehen.

** Malll- und Klauenseuche. In .Holzheim ist die Mauls- und Klauenseuche in drei Gehöften aus­geb rochen. Die Seuche ist jetzt innerhalb des Kreises Gießen in sechs Gehöften festgestellt. Bei deü schweren Schäden, welche die Seuche unserer Landwirtschaft zufügt, ist es dringend erforderlich, daß die von den Behörden getroffenen polizeilichen A b w e h r m a ß n ah m e n von den Landwirten strengstens befolgt werden. Vor allem ist es nötig, daß bei jeder an Klauenvieh beobach­teten verdächtigen Krankheitserscheinung, welche auf Maul- und Klauenseuche hindeutet, sofort bei der Behörde Kreisveterinäramt oder Kreisamt Anzeige erfolgt.

'* Vom Bahnhof. Heute wird am hiesigen Hauptbahn­hof ein interessanter Transport vor sich gehen. Es soll nämlich der ungefähr 15 Meter hohe elektrische Aerteilungsturm etwa 10 Meter von seinem Standpunkt weggerückt werden. Dabei wird der Turm nicht abgetragen, sondern auf Lang­trägern und Rollen fortbewegt. Er muß von der bisherigen Stelle entfernt werden, um dem neuen Fürstenpavillon Platz zu machen, desfen Bau gute Fortschritte macht.

* * Der Schillub Wintersport in Gießen hielt gestern abend seine Hauptversammlung ab. Nachdem der seitherige Vorsitzende Dr. Peppler erklärt hatte, daß et wegen anderweitiger Inanspruchnahme auf eine Wiederwahl verzichten müsse, wurde die Wahl des neuen Vorstandes vor- genommen, die folgendes Ergebnis hatte: Karl Neurath, 1. Vorsitzender; Julius Schulze, 2. Vorsitzender und Kassen­wart; Alfred Legler, Schriftführer; Zahnarzt Jäger, Hermann Schmidt, Dr. Dein oll, Dr. Peppler, Lehrer Link (Rudingshain) Beisitzer. Es wurde beschlossen, in diesem Winter einen öffentlichen Vortrag abzuhalten, zwei Schikurse und ein großes Nennen, als desien Leiter Dr. Dem oll gewählt wurde. Die Zahl der Mitglieder ift auf 66 gestiegen.

* * Hessischer Verein für Luftschiffahrt. Kürz­lich fand in Ntatburg eine Vcrelnsversainmlung statt, in dec eine Reihe von wichtigen Beschlüssen gefaßt ivurde. ?luf Antrag der neu begründeten Ortsgruppe Gießen würbe die vom Vorstand, laut einstimmiger Ermächtigung durch die vorige Vereinsversaminlung, beschlossene Namensänderung in »Hessischen V. f. L." von der Versammlung genehmigt. Bei dieser Gelegenheit wurden einige Satzungsänderungen be­schlossen, z. B. daß stildentische und andere Korporationen sich mit einer beliebigen Anzahl von Mitglieder-Beiträgen korporativ bei dem Verein anmelden können. Die Auf­nahme unterliegt denselben Bedingungen, wie die Aufnahme jedes anderen Mitgliedes. Entsprechend den angemeldeten Nlitgliederraten steht bei Verlosung von Freifahrten der Stör» poration eine entsprechende Zahl von Losen zur Verfügung. Die Verwendung eines etwaigen Gewinnes im Rahmen der Korporation ist ihrem Ermessen freigestellt. Der deutsche Rundflng wird am 2. und 3. Juli Kassel berühren. Der Verein hat zu dem Streckenpreis, bezw. zu Ortsflügcn einen Beitrag bewilligt. Die Vereinsmitglieder werden auf den Zuschauerttibünen Plätze zu ermäßigten Preisen erhalten. Für die nächste Zeit steht ein Lichtbilder-Vortrag von Dr. Kurt Wegener übet seinen Ausenthalt in Samoa und die Beob­achtungen mit Fesselballon- und Drachen-Ausstiegen daselbst in Aussicht.

* * Turnerisches. Auf dem Feld der gfest am letzten Sonntag errang bet Turner Hans Thöt vom Männer- Turnverein Gießen mit 67 Punkten den 18. Preis.

* ' Aus dem Oktroibericht 1910/11. Die Ein­nahmen aus den Verbrauchsabgaben im abgelausenen Jahre beträgt Mk. 90 811 gegenüber Mk. 117 618, die der Vor­anschlag angenommen hatte. An Rückvergütung fommen da­von in Abzug Mk. 3195 gegenüber 25 000 Mk., die der Voranschlag vorsah. Es stellt sich also hiernach die erzielte Nettoeinnahme auf Mk. 87 618 gegenüber Mk. 92 618 im Voranschlag, also nur um Mk. 5000 weniger. Die Rein­erträge ergaben sich aus Kohlen Mk. 42 858, für Getränke Mk. 44 758. Jnteresfant sind die Angaben der Mengen, für die in 1910/11 unter Abzug der Ausfuhr Oktroi bezahlt ivurde: 1592 Oll Zentner Steinkohlen, 118 915 Zentner Braunkohlen, 1865,18 Hektoliter Wein, 469,78 Hektoliter Obstwein, 1305,06 Hektoliter Branntwein, 93,33 Hektoliter stark alkoholhaltige Spirituosen, soivie 44 472 Hektoliter Bier und 231 Hektoliter obergäriges Bier. Hierzu kommen noch 84 961 Flaschen Wein und 2215 Flaschen Obstwein. Auf den Kopf der Bevölkerung (32 000 Einwohner) entfallen also demnach im Jahre 139 Liter Bier, gegenüber der Bier- gewinnung auf den Kopf der Bevölkerung ausgerechnet (nach der Reichsstatistik für 1908): Im Brausteuergebiet 88 Liter, in Bayern 275 Liter, in Württemberg und Baden 154 Liter, in Elsaß-Lothringen 68 Liter und im Zollgebiet überhaupt 112 Liter. Trotz des hier in den letzten Jahren zurück- gegangenen Biergenusies muß man anerkennen, daß in Gießen immer noch wackere Zecher sind.

* * Ob sternteaussichten im Kreise Gießen. So weit sich bis jetzt nach verhältnismäßig genauer lieber» sicht feststellen läßt, sind die Ernteaussichten in unserem Kreise für Aepfel und Birnen mittet bis gering, Zwetscheu gering, Kitschen gut, Nüsse mittel bis gering. Der all­gemein prachtvolle Blütenflor gab Hoffnung zu reichet Ernte