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161. Zahrgang
Zweites Blatt
Nr. 252
Lfichrinl tSgllch mit Ausnahme des Sonntags.
Sie „Gtetzenee Samillenblätter** werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich betgelegt, da» „Kreisblati fir bea Kreis Lietzen" zweimal wöchentlich. Tie „randwlrftchaftllchev Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Donnerstag, 26. Gttober 19(1
RolattonSdrurk und vertag der vrühkfchen Untoerfitäte - vnch- und SteinbrudeceL 9t Lange, Gießen.
Rebaftten, Expeditton unb Druckerei: Scbul- ftrafee 7. Expedition unb Verlag: es6S 5L Redaktionr^KllL. Tet-Adr^ AnzeigerGleben.
Line GesellschaMritik des Kdtors der Darmstadter Hochschule.
2er neue Rektor der Darmstädter technischen Hochschule, Wickop, ordentlicher Professor der Baukunst, hat in seiner Rektoratsrede eine außerordentlich interessante und bedeutungsvolle Jtritif unseres heutigen Kulturlebens geübt, die wahrscheinlich großes Aussehen erregen wird. Er bemängelt in erster Linie den Tiefstand unserer künstlerischen Kultur, und er scheint uns besonders darin das Richtige zu treffen, daß er feststellt, es habe noch nie eine gcselftchaitliche Lber- schicht so ohne Kulturbedeutung gegeben wie die deutsche der Gegenwart. Prof. Wickop streiite un Zusammenhang damit aua) unser politisches Leben und stellte die Forderung nach Vereinheitlichung und Verinnerlichung unserer Kultur auf. Wir geben die Ausführungen nachsteheltd im Auszug wieder 2
Tie 75 Lebensjahre unserer Hochschule umfassen eine der denkwürdigsten und gcrvaltipuen Epockjcn der Memchheitsgeschichtc. Gerade bet unö in Deutschland l-at sich der allgemeine Aui- schwung nach außen und nach innen am machtvoliften entfaltet: Deutsche Wissenschaft hat den Erdkreis befruchtet, in aüe Lander bringt deutsche Arbeit vor, das Nationalvermögen hat sich seit dreißig Jahren verdoppelt, unsere Wasfenrüstung ist die glan- zendue der Welt: und doch hat'gerade in letzter Zeit das Schicksal vernehmlich an die Pforte gestopft, und wir haben es nicht hindern dürfen, daß man unferm Volke den Weg ins Freie vertrat. Ernster als seit langem steigt die Frage vor uns auf, ob wir wohl unfein Platz in der Welt behaupten werden. Und allenthalben bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß die Ausbildung ^inlerer Kräfte im letzten halben Jahrhundert eine sehr ungleichmäßige gewesen ist, daß einerseits eine Fülle von Begabung und Tatkraft durch schwerfällige staatliche und gesellschaftliche Institutionen in ihrer freien Entfaltung gehemmt wird, andererseits mit den glanzenden wissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Fortschritten die Entwicklung unserer Kultur nicht Schritt gehalten hat.
Gewiß, wir haben die wenigsten Analphabeten, und unser Schulunterricht ist der gründlichste der Welt: aber er hat es nicht vermocht, in den breiten Massen die wichtigsten ethischen Begriffe lebendig zu mach.n und unserer Lderschicht eine tiefere, innerliche Kultur zu erschließen. Die langjährige Ucberscksätzung des Wissens rächte sich überall: es fehlte das innere Gegengewicht gegen die plötzliche Steigerung materiellen Wohllebens. Intelligenz, Unternehmungslufi uno unermüdliche Arbeit auf der einen Seite, aber Stumpfheit und Gleick)- gülnnteit gegen alles, was sich nicht mit bem Verstand greisen und für das praktische Leben ausmünzen läßt; ein ausgeprägter Hang zum Vergnügen und Luxus, und daneben eine erschreckende V e r st ä n d i s l 0 s i g k e i t für wahre Kunst. Nirgendwo wird so ernsthaft unb mit so hingebender Pflichttreue gearbeitet: aber alle Kräfte scheinen auseinander zu streben: Einer versteht den andern nicht mehr. Die Einen jagen, durch Halbbildung verblendet, sozialen und ethischen Phailtomen nach, die Andern klammern sich ängstlich an leergeworbene Formen überwundener Zeiten. Wir sind das Volk der schärfsten Gegensätze geworben und unsere Kultur scheint jede Einheit verloren zu haben. Unb bas schwächt nns, nach innen und nach außen! Eivis Germanus sum — so tönte vor Jahren unseres Kaisers stolzes Wort, und wohl hallt es freudig wieder in aller Herzen: aber noch immer bieten wir dem Ausland das Schauspiel kleinlichster Zersplitterung und engherzigen*Partei- Eigennutzes, der das Gefühl der Solidarität erftickt ober nur tn Zeiten ber Not ausslammen läßt.
Ein solcher Weckruf ist ja auch in unseren Tagen erschallt: und sicher nicht zu unserem Schaden! Denn wieder wird es osscnbar, daß unser Volk in ernsten Zetten sich auf sich selbst besinnt. Und wenn auch über die Wege, die es einer großen Zukunft entgegenführen feilen, die Meinungen noch weit auseinandergehen: ein Ziel leuchtet federn vor: „Alle Kräfte an die rechte Stelle!" Unb immer allgemeiner wird sich die Erkenntnis Bahn brechen, daß der einzige Weg zu diesenr Ziele
heißt: „Vereinheitlichung und Verinnerlichung unserer Kultur."
Meine Herren! Unseren Technischen Hochschulen kann man gewiß nicht vorwerfen, daß sie ein stagnierendes Dasein führen. Sie stehen mitten im Strom des Lebens und sind ständig bemüht, fich feinem Wellenschläge anzuyassen. Es fehlt uns nie an Reformvorschlägen, unb wir sind schon gewohnt, diese manchmal recht stürmischen und über das Ziel hinausgehenden Forberungeii mit Vorsicht und Ruhe aufzunehmen. Es ist ja leicht, Reformen vrozuschlagen, aber sehr schwer, in dein vielverzweiglen Gewebe unseres Unterrichtssystems neue Fäden einzuziehen und zu verknüpfen. Aber auch wir müssen zugeben, daß wir in ber vergangenen Zeit, wo bie technischen Probleme sich überstürzten, und ihre Lösung für anbere Aufgaben gar keinen Raum ließ, etwas zu sehr auf den W e g einseitiger Fachausbildung geraten sind. Es ist charakieristisch, daß gerade von den Männern dec Praxis, unseren eigenen Schülern, hierin Ölen- berungen unseres Lehrplans gefordert werden. Vor allen finb cs bie beiden großen Verbände der Technik, ber Verein deutscher Ingenieure unb ber Vcrbanb deutscher Architekten- und Jn- gcmeurDcrcinc, bie neuerdings mit ganz bestimmten Forderungen an bie Lefienilichkeit getreten sind. Diese Forderungen fußen auf folgenden beiden Leitsätzen:
„Tie Technik als solche zu schassen und zu entwickeln, ist die Arbeit der Architekten und Ingenieure des 11). Jahrhunderts gewesen."
„Tie Technik auch als Kultursaktor, d. h. in ihren sozialen und geistigen Beziehungen unb Wirkungen zu beobachten und zu regeln, ist die Aufgabe, die für bie Architekten unb Ingenieure bes 20. Jahrhunderts hinzutreten muß."
Ter Redner erörtert sodann die Wünsche eiilgch.ndcr und bespricht weiter die Grundbedingungen jener Forderungeii, die Reform des Hochschulunterrichts unb ber bas Studium vorbereitenden Lehranstalten, Gymnasien und Realgymliasien. Für die Gymnasien fordert er hierbei unbedingt eine bcfiere Pflege des Zeichenunterrichts. Er fährt fort:
kein Gebildeter verschließt sich heule mehr vor der traurigen Tatsache, daß unsere Jünftlerifdjc Kultur tiefer steht, als wohl je in einer Epoche ber Menschheitsgeschichte. Unb vor allem müssen wir bies, soviel sich in den letzten Jahrzehnten ber Einkehr auch schon gebessert hat, von den gebildeten Kreisen Deutschlands sagen. Noch immer will man nicht zugeben, baß bas Zeichen ein Bildungsmittel criten Ranges ist, bem Slnbium einer fremden Sprache mindestens ebenbürtig. Unb doch hat das Zeichnen für das praktische Leben den Wert einer Weltsprache, durch die sich jeder überall verständlich machen kann. Und nichts stärkr so sehr den Wirklichtettssinn, in wohltuendem Gegengewicht zur einseitigen Pflege des abftralten Denkens, und sichert bie Verbindung des Gelftes mit der Erscheinungswelt, bie in unserem papiernen Zeitalter so oft zum Schaben für die Einzelnen unb für bie Gesamcheit verloren geht.
Es ist twch nicht lange her, ba wollte man vielfach ber Technischen Hochschule überhaupt bie Fähigkeit absprechen, Architektur in diesem neuen Sinne zu lehren. Man rief nach ber Akademie und ber Kunstgewerbeschule. Es war bie Zeit, ba man, ber historischen Stilnachahmung müde, in das entgegengesetzte Extrem verfallen war und das Heil in einem schrankenlosen Individualismus suchte. Diese Richtung hatte einen sehr fruchtbaren Kern: sie brachte bie Befreiung von ber Stilwissenschaft, bie im breiten Bereich des Kunstgewerbes unb der Architektur gerabezu an bie Stelle künstlerischen Schassens getreten war unb eine Platte Nachahmung verlebter Formen erzeugt hatte, bie felbftänbige Mnstlernaturen aber burch ihren starren Kobex hemmte und ein» zwängte.
Aber die Neuen verftelen zunächst demselben Fluch wie ihre Vorgänger: sie brachten statt des alten Formalismus nur einen neuen. Unb dieser hatte nicht einmal den Vorzug, daß er wenigstens auf einem organischen, wenn auch zeitfremden Kulturboden, erwachsen war, sondern er entsprang homunkulusartig der willkürlichen Tätigkeit einzelner geistvoller Köpfe. Ihre gedankenlosen Nachbeter aber machten alsbald ein Zerrbild daraus: Ten Jugendstil, ein richtiges Volapük der Kunst. Gewiß, man hatte auch damals schon rechte Grundsätze: Ausprägung des Zwecks, des Materials, der Konstruktion. Aber das waren zunächst blotze
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Schlagworte, und gerade die, welche sie am meisten im Munde führten —, ich erinnere z. B. an van be Velde —, verfielen unbewußt am meisten der avstrakten Linie, der willkürlichen Form. Erst naa> unb nach klärten sich bie Geiner. Die Bedeutenderen — vor allem der unserer Kunst gerade im Beginn seiner reifsten Tätgikeit entrissene C l b r i d> — fanben den Weg zurück zu hoben» ständigem Schaffen, unb feit etwa fünf Jahren, — man kann als Wendepunkt die Dresdener Ausstellung von 1906 bezeichnen —, kann man in der Tat von einer allgemein verfolgten, organisatorischen Fortentwicklung der Kunst sprechen. Am klarsten spricht sich der Eharakter der neuen Richtung aus in den kreislichen Worten von Hermann M u t h e s t n s auf dxr denkwürdigen Tagung des Deutschen Werkvundes in Viünchen 1908:
„Wir werden nicht mehr von Richtungen sprechen, nicht mehr von nwbernen unb nicht mehr von historischen Richtungen, sondern wir werden allein feststellen, ob eine Arbeit Gehalt hat, ober ob sie ein Werk ber Routine, bcö Zusammentragens ans anderen Leistungen ist."
Meine Herren, bas ist cm befreiendes Wort für alle, bie es mit der Kunst ernst nehmen! Und damit wissen wir auf der Hochschule uns feit langem einig! Unb bies Wort enthält auch ein Programm — keine Rezepte, beim bie gibt es für bie Kunst nicht —, aber eine Richtschnur für bas Labyrinth ber unübersehbar verzweigten Entwickelung, in welcher wir stehen.
Einzelne Merksteine tauchen auf diesem Wege vor dem Suchenden auf: sie sind nicht neu gesetzt, aber in ihrer Bedeutung für bie heutige Zeit erst jetzt richtig erkannt. Werfen wir ztmächst einen Blick auf bas vielumstrittene Gebiet des sog. Kunst- gewerbes.
Die Neuheit b.r Ausgabe betrifft hier zu allermeist das Werkzeug. Es ist der große Kamps zwischen Handarbeit unb Maschine, Gewerbe unb Jnbustrie, der auch für die. Kunst neue Probleme aufgebracht hat. Zuerst hat sich die Kunst gegen den fremden Eindringling, die Maschine, gesträubt. Man sah aber endlich ein, bas; ber Kampf gegen die Kunstinbustrie erfolglos bleiben müsse, und daß eine neue Knnst niemals mehr gegen bie Maschine, sondern nur mit der Maschine erkämpft werden könne. Es galt nun, neue künstlerische Gruirdsätze für die Maschinenarbeit zu finden. Klar war vor allem eins, daß man nämlich zunächst gründlich mit aller Schnndarbeit und allem unwahren Prunk aufräumen müsse. Kunstfreunde und Künstler aller Richtungen, Handwerler und Industrielle schlossen sich zu diesem Zweck zu einer großen Vereinigung zusammen, dem Teutsckjcn Werkonnd „zur Veredelung der geivctblid;en Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk". Als erster Grundsatz aber für die künstlerische Veredelung des Maschinenproduktes wurde fcftgeftellt, baß jede äußerliche Nachahmung der Handarbeit zu vermeiden sei, und daß an Stelle der willkürlichen Schrnucksorm bie sachliche Wertform treten müsse, luie sie remitiert ans der Arbeitsweise ber Maschine, beit Eigenschaften des Materials, der sachgemäßen Anpassung an den Zweck unb der künstlerischen Ausprägung ber im Gegenstand beim Gebrauch wirkenden inneren Funktionen — wie z. B. der statistischen Kräfte.
Mit eindringlichen Worten an die Studierenden, nach Kräften mitzuarbeiten an den hohen Aufgaben der Kultur, schloß der Redner.
Die Schlacht bei Tripolis.
Die amtliche Agcnzia Stcsani gibt jetzt eine eingehende Schilderung ber letzten Kämpfe um Tripolis heraus, aus ber hervorgeht, baß bie Sage der Italiener burchaus nicht so leicht zu nehmen ist, tote anfänglich immer behauptet worben war. Dabei wirb auch biese Darstellung wieder an Einseitigkeit kranken.
Tripolis, 25. Oft (Agenzia Stesani.) Da an dem gestrigen Zusammenstoß auch aufrührerische'Araber teilnahmen, die sich in einer Lase im Rücken der von den Italienern eingenommenen Linie befanden, ließ General' Eaneva die Entwaffnung der Bewohner der Stadt und der Lase streng durchführen. Man entdeckte viele allenthalben versteckte Waffen und mit Vorräten gefüllte Hütten. Die Waffen wurden befchlagitahmt und bie Hütten in Brand
Die Methode Jaques -Dalcroze.
Jaqucs-Talcroze, der bekannte Schweizer Komponist der entzückenden Tanz- unb Spiellieder für Kinder, ist vor Jahresfrist von der Stadt Dresden zur Uebersiedclung nach Deutschland gewonnen worden.
Dort in der Gartenstadt Hellerau hat man ihm nach Planen von Tcssenolv ein, allen hygienischen Anforderungen entsprechendes, Institut errichtet. Tas Haus ist lediglich für seine Unt erricht s- zwccke bestimmt unb mit Bühne, einem Zuschauerraum, 700 Personen fassend, Musik-, Unterrichts- und Turnsälen, auch Schwimm- unb Baderäumcn ausgestattet. Ein großer Freilichtspielplatz und ein Garten geben Gelegenheit zur Bewegung in frischer Lust.
Die Grundlage der Methode bildet die Rhythmische Gymnastik. „Rhythmische Gymnasttk," sagt Jaques-Dalcroze, „ist Sache persönlicher Erfahrung: sie aus Büchern lernen zu wollen, ist vergeblich. Es handelt sich auch hier keineswegs um eine jener häufigen Tanzreformen, sondern die rhythmische Gymnastik greift tiefer und sielt höher. Sic bildet nicht Tänzer aus, sondern sie erzieht Muiiker, Pädagogen, überhaupt Menschen mit geregeltem Körpercnlpfinben und mit klaren Impulsen.
Sie hat nicht nur für die Ausbildung von Berufsmusikern einen unbestrittenen, ja fast unersetzlichen Wert, sondern — was fast noch wichtiger erscheint — ganz besondere Bedeutung für bie Ausbildung von Musikliebhabern, denn sie entwickelt bei Musikausübenden in gleicher Weise wie Atusikgenießenden durch rhythmische unb tonale Erziehung bie Fähigkeit, Ätttsik zu hören, zu verstehen, und dadurch recht zu genießen. Die Methode fußt aus dem Grundsatz, daß der Ntusikunterricht zuerst die musikaliichen Fähigkeiten (das musikalische Hören und Empfinden) entwickeln soll, bevor er sich im Jnsttumentalunterricht spezialisiert."
Für Jaques-Dalcroze ist der Rhythmus ein Erziehungsmittel für das Leben und für die Kunst.
Dieses Erziehungsmittel hat sich bewährt im Leben der Völker. Arbeitslieder sind die ersten Kunstwerke, Tanzlieder ihre höhere Umformung. Der menschliche Geist hat ein Bedürfnis nach Unterordnung unter rhythmische Gesetzmäßigkeit. Das Krnd liebt den rhythmischen Zwang. Spiele, die den Körper rhythmisch bewegen, scheinen ihm bie schönsten.
Hier knüpft Jaques-Tolcroze an. Er nützt diesen Instinkt aus und gibt der Neigung des Kindes, sich rhythmisch zu bewegen, reiche Nahrung unb entwickelt in immer tomplijieneren Ausgaben die Fähigkeit des feinsten Einfühlens in künstlerische Formen und besetze.
Wahrhaft genial verfährt die Methode in der Verbindung von Musik unb Gymnasttk unb eben diese Verbindung ist es auch, dte dieser Methode gegenüber der üblichen Gymnastik oder jedem anderen System hygienischer Körperübung ein selbstverstäiidliches ftebergewicht verleiht. Sie verwertet das allen Menschen gemein» !<rme Bestreben, Körperbewegungen, wenn sie sich wiederholen, tn einem bestimmten Rhythmus vorzuuehrnen. Durch rhythmische bewegungeii wirb das rhythmische Gestihl entwickelt: unb durch rhythmische Gefühl bie Harmonie ber Körperbewegung, Diese
entwickelt sich bei bem Schlier auf biesern Wege unbewußt, und die Schüler bleiben dadurch vor Eitelkeiten bewahrt, bie ein Unterricht leicht zur Folge hat, ber auf sogenannte schöne Stellungen achtet. Wer den Grundgedanken ber Methode Jaques- Dalcroze erfaßt hat: Daß gute körperliche Gewohnheiten gute geistige Gewohnheiten zur Folge haben müssen, steht in der Bestimmtheit ber Bewegung die Vorstufe zu moralftchcr Selbstzucht unb Selbstbeherrschung. Er erkennt im richtigen Erfassen einer überraschend beginnenden Bewegung eine Disziplinierung des Willens, die unvergleichlich ist. Psychische Konzentration, Entschlußfähigkeit und Selbstkontrolle sind die Errungenschaften, schwerwiegend und wichtig genug, die Methode als Uinerrichtsfach der Schule angelegentlich zu empfehlen, schon allein als Waffe im Kampf gegen die Nervosität.
Es kommen aber noch andere Vorzüge dazu: Systematisch betriebene Gymnastik ist immer heilsam für den Körper. Lekonomie des kräfteverbrauchs, Lrdnung der Bewegungen, Regelung der Atemtätigkeit auf rhythmischer Grundlage haben einen mächtigen Einfluß auf den Blutlauf und wirken wohltätig auf das Nervensystem ein. Nur ber frische gesunde Körper ist im Stande, anmutig zu wirken.
Für Jaques-Dalcroze sind Gymnastik unb Planck nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zum Zweck. Ter Schwerpunkt liegt im Ntusikalischen. Zweck unb Ziel jeder Hebung in Rhythmus.
Eine seltene Beherrschung des Körpers nrirb erzielt, indem ganz bestimmte Bewegungen von ganz beftimmter Zeitdauer und tn ganz bestimmtem Stärkegrab ausgeführt werden.
Für jedes Zeitmaß, jede Note, jeden Takt, und für jedes der unzähligen rhythmischen Gebilde, wie sie die Musik enthält, sind ganz einfache Bewegungen der Glieder, Schritte, Beugungen, Arm- und Kopfbewegungen vorgesehen. Ter Schüler wird nun veranlaßt, zu den einfachsten Rhythmen, bie man ihm vorspielt, die entsprechenden Bewegungen zu machen. Dies geschieht zuern mit erheblicher Willensanstrengung und gelingt nur bei voller Konzentration. Ta aber die Bewegungen auf die natürlichste Weise den Notenwerten und dem Takt entsprechen, werden die Bewegungen bald automatisch, b. h. selbsttätig, ohne bas Gehirn noch anzustrengen, und es cntroicfelt sich nach und nach das rhythmische Gefühl bis zu jener ungewöhnlichen Sicherheit, die man an fertig ausgebildeten Talcroze-Scymern bewundert.
Tas pädagogisch neue und bedeutende an dieser Körperschulung ist nun die Verwertung des rhythmischen Gefühls, unb heute, da bedeutende Künstler, nicht nur Muiiker, der Durchführung der Jaques-Talcrozeschen Reformen unbedingt zusttmmen, auch die großen Konservatorien sich ihre Pflege angelegen sein lassen, ist cs nicht mehr nötig, jemand von dem künNlenschen Wert der Methode zu überzeugen. Möchten aber alle, die nach Vertiefung der pädagogischen Probleme trachten, sich davon überzeugen, welch ein genialer Pfadfinder ihnen in Jaques-Talcroze erwachsen ist.
— P 0 ssarts Dank. Generalintendant von Possart hat, an die Stadtgenieinde i'jänußeii cm ^cyreioen gerichtet, in dem er seinen Dank für die Glückwünsche zu seinem fünfzigjährigen
Bühnenjubiläum Ausdruck verleiht und bann sagt: „Möge eg mir vergönnt sein, meiner EhrerinNung gegen bie Stabt München unb ihre Vertreter badurch tatkräftigen Ausdruck zu geben, daß ich die Errichtung des von Professor Waderö entworfenen unb von ber Monumentalkommission angenommenen Richard- Wagner-Denkmals zum hundertjährigen Geburtsfeste des Meisters im Mai 1913 zustandebringe." Wer Possarts Energie im „Zustandebringen" kennt, so bemerkt das B. T. dazu, wird dies Versprechen nicht für eine leere Phrase halten.
— Gedankenspli11er v 0 n Ls! ar Wilde, die bisher unveröfientlicht waren, werden in den Pages Modernes mit- geteilt. „Es ist äußerst einfach, sich in einem Salon zu unterhalten, beim in der guten Gesellschaft Hal alle Welt genau dieselben Ansichten. — In Sachen der Stunft hat das, was Greise denken, keinen Wert. — Tas Gehirn eines gut unterrichteten Mannes ist etwas Furchtbares. Wie m dem Laden eines Trödlers, in dem Bric-ä-brac wirr durcheinander steht, sindet man hier die wunderlichsten Dinge verstaubt beieinander, alle mit ihrer Preisauszeichnung, die weit unter dem eigentlichen Wette ist. — Alle Frauen kommen schließlich dahin, datz sic ihren Müttern ähnlich sind. Tas ist ihre Tragödie. Kein Mann findet sich damit ab. Tas ist die seine. — Wenn eine Frau sich wieder verheiratet, so tut sie das, weil sie ihren ersten Mann verabscheute. Wenn eilt Mann sich wieder verheiratet, so tut er das, weil er seine erste Frau anbei etc. — Es ist eine merkwürdige Sache um das Spiel der Ehe: die Frauen haben alle Trümpfe in ber Hand unb verlieren ohne Ausnahme bie teste Runoe. — Wenn man schlechte Musik hott, so hat man die Pflicht, sie durch Unterhaltung zu erfriden."
— A 11 g. Deutscher Musikverein. Aus Heidelberg wirb uns unterm 25. £h. gemeldet: Inder heute sottgesetzten Generalversammlung wurde ber mit stariem Beifall begrüßte 7tzjähr. Saint-Saens -Patts zum Ehrcnmitglicde ernannt. Ter iicbengliebrige Vorstand mit Max Schillings als ersten Vorsitzenden, wurde mit Ausnahme des wegen Krankheit ausscheibenden Professors Sommer wiedergewählt An seine Stelle trat Arlhur Seidel- Dessau. Der von 56 Dirigenten und Kapellmeistern unterzttchnete Antrag Mester-Nürnberg auf Unterstützung der Bestrebungen des Verbandes deutscher Orchester- und Ehottetter, im allgemeinen des Deutscyen Muiitoereins, wurde einstimmig angenommen. Tie Wahl des nächstjährigen Versammlungsortes wurde dem Vorstand überlassen. Heute abend findet bas sechste und letzte Konzert ber Liiztzentenarjeier statt. Nach ihrer Beendigung findet zu Ehren der Gäste Sch'.oßbeleuchtung statt.
— Kurze N a a) r i d? t e n aus Kun st unb Wissenschaft. Ter Vertreter des beutfdjen Rechts und des Kirchenrechts an der Universität Leipzig, Gehttmer Rat Professor Dr. jur., theol. et phil. Rudolf Sohrn feiert am 29. Lttober seinen 70. Geburtstag — In Hannibal in Missouri wirb ein Denkmal für Mark Twain vom Staate Missouri errichtet werden. Der Platz liegt im Rioeroiew-Park: die Kosten betragen 10U00 Dollar. Tas Monument wird Im Angesicht des Mississippi liehen, dem ber Dichter so prächtige Sdjulberjxngc.n gewidmet.


