Überaus günftig sind, lieber den Eindruck, den ich erhielt, n>ar ich vollständig erstaunt. Das hatte ich nicht cnwrrtet. Alles, was hier wächst, wächst in Marokko auch, dazu Früchte, die nur in wärmeren Ländern Vorkommen. Ich leinte mancherlei Länder der Erde, und kann versichern, dastetwa ein Viertel von Marokko mehr wert ist, als alle unsere Ko Ionien zu s am men genommen. Tann müssen wir noch bedenken, das; unsere Kolonien alle tausende und abertausende von Seemeilen von Deutschland entfernt liegen, während Marokko vor den Toren Europas liegt, ein J&tnb, Vvn dem nur die twglische Flotte uns .abschneideit könnte. An einer Stelle, die ich nicht nennen darf, sah ich bei .meinen Untersuchungen! über das Erzvorkommen Gänge in die Erde hinttngehen, die eine Höhe des Erzes von 40 Metern und eine Breite von 50 Metern aufwiesen Tab ei waren die Gänge 69- bis 73-prozentig erzhaltig, während Eisenerze z. B. bei uns mir Vorkommen in 29 bis 33 Prozent. Tann war von einem Vorkommen etwa 10 bis 12 Kilometer entfernt eine neue Erzader. Tas Land weist auch großen Kupferreichtmn auf.. Es liegt für uns ein auster- ordentlicher Grund vor, uns Kupferabbanstellen zu sichern, an dic wir ankommeir können, aus denen wir das Kupfer gewinnen und mich auf die Dauer sichern können, so dast niemand uns den Bezug abschneiden kann.
Tiplomatische Winkelzuge.
Jetzt Handelt sichs aber nur noch um redaktionelle Auseinandersetzungen. Wenn der Reichstag Zusammentritt, totrb unsere Regierung kräftige Worte zu hören bekommen.
P a r i s , 19. Sept. (Ageuce Havas.) In der gestrigen Unterredung übergab Staatssekretär v. Kid erl e n-W ä ch ter dem Botschafter CambonkeineschriftlicheAnt Mort auf die französischen Vorschläge. Der Staatssekretär glaubte zweifellos, daß vorläufig zum mindesten die Schnelligkeit der Unterhandlungen gewinnen würde, wenn häufige Unterredungen an Stelle des Dokumenten an statisches gesetzt würden, dessen Formalitäten. Herstellung und llebermittelung an die beiden Regierungen viel Zeit wegnehmen. — Der Staatssekretär und der Bot schafter Cambon nahmen gestern die Aussprache über die strittigen Punkte wieder auf; sie faßten bestimmte Hypothesen und eine gewisse redaktionelle Abänderung ins Ango Es scheint, daß diese Unterredung von dem wahrhafte Wunsche nach Verständigung geleitet war. Die Besprechungen hätten demnach einen neuen Schritt vorwärts getan. Die Wahrscheinlichkeit einer b efrie d ig e nden Lösung scheint sich zu verstärken, dennoch wäre es übereilt, sich zu optimistisch zu zeigen. Alle Unstimmigkeiten sind noch nicht geschwunden. Es befinden sich noch prinzipielle Fragen in der Schwebe, in denen Frankreich nicht nachgeben kann. Erst nach einer weiteren Unterredung zwischen dem Botschafter und dem Staatssekretär wird man über die entscheidende Wendung Klarheit gewinnen, die die Unterhandlungen nehmen werden.
Zu der Mitteilung der „Agence Havas über den Stand der Marokko-Verhandlungen bemerkt das Wolffsche Bureau: Tie vorliegende .Nachricht entspttcht nach unseren Erkundigungen den Tatsachen. Es ist jedoch hiitzuzufügen, daß auch deutsche Forderungen prinzipieller Natur, auf welche von Deutschland nicht verzichtet werden kann, in Frage stehen. Ties ist in dem Herrn Cambon als Antwort auf einen Brief des Bot- scktaftcrs übergebenen Schreiben des Staatssekretärs ausgedrückt, doch haben die beiden Unterhändler es für praktisch befunden, sich mündlich über die noch bestehenden Meinungsoerschieden^ beiten zu unterhalten und mich einer Fassung der einzelnen; Punkte zu suchen, die geeignet ist, die beiderseitigen Auffassungen, die zum Teil nur in der Form divergierten, einander anzunähern. Tabei entstand eine Reihe von Vern^ttlungsvorschlägen, welche die Unter WM er zunächst ihren Regierungen unterbreiten.
Der Berliner „Lokalanzeiger" meldet aus Paris: Die Vertagung der KU»erlenscheu Antwortnote erregt hier mehr Hoffnungen als Besorgnisse, selbst bei der Kolonialpresse. ES wird versichert, daß bezüglich der wirtschaftlichen Angelegenheiten volle Einigung bevorstehe. Offen bliebe noch die Frage über die Tragweite des künftigen französischen Kodex für das Zivil-, Handels- und Strafrecht, sowie über die Zugehörigkeit der Schutzbefohlenen.
Ein französisches Militarluftschiff an der Ostgrenze.
Das Milrtärkn ft schiff „Adjudant Reaux", welches einen Flug von Paris nach der französischen Ostgrenze unternom men hat, ist nach einu ndzw anzigetnh albstündi ger Fahrt in feinen Schuppen am Exerzierplatz von Jsfy zurückgekehtt. Die Fahrt ging über Verdun und Toul nach Epinal unb Belfort, wo Rekognoszierungen über den Forts vorgenommen wurden. Der Ballon hat 94 m Länge. Die Gondel, in welcher neun Personen Platz genommen hatten, ist 45 Meter lang. Der Ballon hat 9300 .Kubikmeter und ist mit zwei Motoren von 120 Pferde- kräften ausgerüstet. Jeder Motor treibt drei Schrauben.
Der wechsel im österreichischen Krkgsminifttrium
Der österreichische Reichskriegsminister Freiherr v. Schönaich richtet an die „Neue Freie Presse" eine Zuschrift, in der es heißt:
Ta meine "Enthebung vom Amte unmittelbar bevor steht und ich besorgen vmß, daß sich die lwchst peinlichen. Erörterungen über die Gründe meines Rücktritts bei diesem Anlasse erneuern, erkläre ich, die Gründe meines Rückttttts sind rein sachlicher Natur. Alle daran geknüpften Kombinationen, welche mit verfassungswidrigen Vorgängen in Zusammenhang gebracht werden, sind vollkommen falsch.
Der Kommandant des 15. Korps in Serajewo, General der Infanterie Ritter v. Auffenberg, wurde heute vormittag vom Kaiser in längerer Audienz empfangen. Wie verlautet, wurde durch die Audienz die Krise im Reichskriegsministerium gelöst, indem an Stelle des aus dem Amte scheidenden v. Schönaich v. Auffenberg zum Reichs- kriegsmiuister ernannt wurde.
3um Tode Stolypins.
Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt zu dem Tode Stolypins:
Mit dem Kaiser Nikolaus und dem russischen Volke empfinden wir tiefes Bedauern über das Hinscheiden des verdienstvollen und tatkräftigen Staatsmannes, der bis zum letzten Atemzuge tapfer und treu dem Kaiser und dem Volke biente. Ungewöhnliche Begabung und fester Charakter setzten ihn in Stand, die außer- ordeirttichen Schwierigkeiten, die sich ihm beim Amtsantritt entgegenstellten, 511 überwinden. Niemand vermag nun dem dahingeschiedenen Staatsmann die Anerkennung zu versagen, daß er üt überraschend kurzer Zeit dem durch revolutionäre Agitation uMerwühlten Lande Ruhe und Ordnung wiedergeaeben hat. Ohne Zweifel wird seine Gestalt .unter den Persönlichkeiten, die dem neuen Rußland ihr Gepräge aufgedrückt haben, als eine der vornehmsten und hervorragendsten Erscheinungen fortleben.
Petersburg, 19. Sept Wie jetzt nach den Blätter Meldungen festgestellt nrirb, trat der Tod des Ministerpräsidenten infolge innerer Blutungen ein. Das Blut ergoß sich zwischen Leber und Zwergfell. Das Herz war von Natur aus schwach. Stolypin war blutarm. Um i/s3 Uhr nachmittags beschlossen die Aerzte die Operation Stolypin sagte: Macht was ihr wollt. Der Eingriff wurde schließlich als zwecklos mrfgegeben. Kurz vor seinem Tode bat Stolypin, das Zimmer hell zu erleuchten Alle eteftriytjen Lampen wurden josvrt eingeschaltet. Mit
der letzten Kraftanftrengung richtete |iu; uut cuioeiiu. auf und lächelte die Umgebung an.
Bagrow bezvg 185 Rubel Monatsgehalt von der Geheimpolizei und erhielt außerdem für besondere Aufträge eine Entlohnung. B ragvw s Oh etm, etn bekannter Nervenarzt, wurde verhaftet, ebenso e in c Tante, deren Tochter und Dienerschaft. P o l i seid) cf Kuliabto wurde vom Dienst enthoben Ter Staatsanwalt berichtete dem Justizminister münblid über den Gang der Untcrsud)ung. Unter den Juden Kiews herrscht Angst und Erregung. Ter Polizeiministe» teilte int Auftrage der obersten Behörden den Führern )er rechtsstehenden Verbände Kiews mit, daß im Falle von Unruhen die s d) ä r f ft c n M a ß n a h m c n getroffen würden. Ter" Gouverneur von Kiew teilte in den Zeitungen mit, daß die Truppen aus den Manövern in die Stadt zurückgekehrt und zeittveilig durch ein Husarenregiment üerftärtt seien. Der Generalgouverneur kündigte an, Unruhen würden nicht zugelassen.
Die Zeitungen erschienen heute morgen schwarz um rändert und mit Dem Bilde Stolypins 'geschmückt, dem fii paltenlange Artikel widmen, in denen sie ihren Schmerz und ihre Entrüstung über das Geschehnis Ausdruck gebet, und die Verdienste des Verstorbenen hervorheben.
Eine ftietoer Zeitung behauptet, daß der Täter Bagron den Re v o 1 v e r durch d e n Kie w er P o liz eich e f erhalten habe, was in den Büchern der Geheimpolizei vermerkt sei. Die Juden verlassen Kiew in Massen.
Der allrussische Nationalverband beschloß, im ganze, Reictje eine Sammlung für ein Stolypin-Ten km a zu eröffnen. In Moskau erließ der Ottobristen-Verban' einen Aufruf, der alle Männer der Ordnung und Frechei auffordert, sich zu vereinigen, um Rußland vor dem Ver derben zu retten, welches die politischen Parteien der Linke, ihm bereiteten. _____________________________________________
Deutsches Reich.
Tie „Nordd. Allg. Ztg." scyceibt: Zu den Maßregeln gegen den Futter- und Kartoffel mangel gehört, wie gerne, bet, die Erleichterung der Verarbeitung des Getreides, also and von Mais, in den landwirtschaftlichen Brennereien. Hierübei ist jetzt unter sämtlichen Bundesregierungen ein Einverständnis er zielt worden, und es darf daher für Anfang Oktober mit einem Bundesratsbeschlus sc folgenden Inhalts gerechnet werden Auf Antrag kann widerruflich gestattet werden: erstens, das bic nach bem 1. September 1902 betriebsfähig hergerichteten land wirtschaftlichen Brennereien vom 1. Oktober 1911 bis einschließlic! 15. Juni 1912 auch Rohstofte der in § 10 Abs. 2 Satz 1 des Branntweinsteuergesetzes bezeichneten Art, welche nicht von den Eigentümern ober Besitzern der Brennereien selbst gewonnen ind, verarbeiten, ohne die Eigensck-aft als landwirtschaftliche Bren nerei einzubüßcn; zweitens, daß landwirtschaftliche Bren ncreicn ohne .Hesenerzeugung vom 1. Oktober 1911 bis einschl 15. Juni 1912 ausnahmsweise Getreide an Selle der von ihnen onst verwendeten Rohstoffe verarbeiten, ohne deshalb den in ; 33 Nr. 2 und § 39 des Brann/weinsteucrgZetzes für den Fa> des Ueberganges zur Grtreideverarbeitung vorgesehenen, Nachtei zu erleiden. J2)ic Maßnahme soll dazu beiträgen, daß m e h Schlempe bergest eilt unb so ein besonders geeignete. Viehfn11er gewonnen nrirb. Sie hat außerdem zur Folge daß ein Teil der Kartoffelernte, der sonst in den Brenne rcien verarbeitet wirb, für Speisezwecke frei wird.
Der Lokalanzeiger melbet aus Kassel: Bei der durch der T o d d e s R e i ch S t a g s a b g e o r d n e t e n L i e b e r m a n n vor Sonnenberg erforderlichen Ersatzwahl im Wahlkreise Fritz lar-Homberg soll der Abgeordnete La tt mann, der gegenwärtig Den Wahlkreis Kassel-Melsungen vertritt, für die Wirtschaftlich. Vereinigung kandidieren.
Ausland.
Der niederländische Finanzminister legte da- Budget für 1912 vor. Die Ausgaben belaufen sich auf 222 Mil itonen, von denen 11 Millionen außerordentliche Ausgaben sind Die Einnahmen aus 200 Millionen. Tas Defizitim ordentliche! Haushalt wird auf 9 Millionen geschätzt. Um diese Summe auf nibringen, rechnet der Minister auf 2 Millionen Abgaben aus bei Tabaksteuer, auf ein höheres Erträgnis der Einfuhrzölle infolgi der Tarifrevision und Erhöhung der Einkommensteuer. Wem Diese Entwürfe nicht rechtzeitig angenommen werden,, rechnet bei Minister auf 3 Millionen Ertrag aus der. Alkoholsteuer. Ti. Königin beauftragte mit der Eröffnung der Session bc Generalstaaten bic Minister. Ter M inistierprä s i beut verlas bic Thronrede, in der es heißt: Das Budge schließt etwas günstiger als im Vorjahre ab, doch bleibt cinr dauernde Verstärkung der Staatseinnahmen eine dringende Aus gäbe. Tie Thronrede Eünbigt Gesetzentwürfe über bic Ruhe gehälter ber Gemeinüebeamten und ihrer Witwen an, ferner Re gelung des Lebensversicherungswesens, staatlichen Telephonbetttcb, Versicherung ber Arbeiter gegen Berufskrankheiten und einen Entwurf über bic Verbesserung der finanziellen und wirtschaftliche,' Lage in Surinam.
Die chinesische Regierung erhielt ein Telegramm bei Vizekönigs aus Tsck, eng - Tn , datiert vom 15. September Darnach fanden bort sieben Tage mit Unterbrechungen Gefechte statt. Treu gebliebene Truppen retteten die Lage. Die Stad, und die unmittelbare Umgebung sind jetzt sicher
Der Prozeß der pollzeiassistentin Zraii vr. Schapiro
~ Mainz, 19. September.
Unter großem Andrange des Publikums begannen heute du Verhandlungen gegen den Verleger des „Mainzer Neuesten Anzeigers" Heinrich Hirsch, der, wie gestern schon mitgctcilt, in seiner Zeitung in einer Reihe von Artikeln gegen den zwecken Bürgermeister der Stadt Mainz, Beigeordneten Berndt, und die Polizeiassistentin Frau Dr. Schapiro gerichtet hat. Die Anschuldigungen, die Hirsch gegen den zwecken Bürgermeister als den Polizeiverwalter der Stadt und gegen die diesem unterstellte Polizeiassistentin erhoben hat, haben seit länger als Jahresfrist großes Aufsehen erregt, denn das vielumstrittene neugeschaffeuc Institut ber Polizeiassistentin steht im Mittelpunkt ber Geschichte.
Den Vorsitz im Gerichtshof führt Landgerichtsbirektor Mecs, die Anklage oertritt Staatsanwalt Mayer. Dem als Neben Häger zugelassenen Beigeordneten Berndt steht Rechtsanwali Dr. P a g c n st e ch e r, der ebenfalls als Nebenklägerin zugelassenen Polizeiafsistentin Justizrat Dr. (Saufe als Rechtsbeistand zu, Seite. Der Angeklagte Hirsch wird von Rechtsanwalt Dv Paul Simon (Mainz) verteidigt. Nach dem Erössnungsbcschluß wird der Angeklagte Hirsch beschuldigt, in sieben Nummern des „Neuesten Anzeigers" den Beigeordneten Berndt und die Polizei assistenten Schapiro nach den §§ 185, 186, 196 und 200 des St. G. B. beleidigt zu haben, indem er in kritischen Besprechungen über das System ber Polizeiassistentin ber Stadt Mainz zwischen dem Privatleben des Beigeordneten Berndt und seiner amtlichen Tätigkeit einen Gegensatz konstruierte und gewissermaßen dic Behauptung aufftelltc, daß der Beigeordnete zwar als Dezernent des städtischen Polizeiwesens und besonders der Sittenpolizei in außerordentlich strenger und rigoroser Weise vorgehc, in seinem Privatleben aber sehr laxe Anschauungen habe. Er hätte die von verschiedenen Bevölkerungskreisen beantragte Diszivlinaruntcr- snchung gegen bic Polizeiassistentin Frau Schapiro einseitig und parteiisch geführt, und zwar durch Beeinflussung der von ihm vernommenen Zeugen. Bon der Staatsanwaltichaft und von der Verteidigung sind zu der Verhandlung über 150 Zeugen geladen, darunter Oberbüraermeifter Dr. (Nöttelmann (Mainz) und Reichsgerichtsrat Duff (Leipzigs, ferner eine große Zahl polizeilicher unb stäbtiscker Beamte, Aerzte, Offiziere, Hotelbesitzer unb eine ganze Anzahl Mädchen aller Berufe, außeroem erscheinen als Neunen ein- Rrihe sehr zweideutiger Gestalten.
, Ter .'tngcaugte uuotu ihm uve»uve i.a c.h»
meinen. Er ijnbe früher niemals Veraickassuug gehabt, gegen den zweiten Bürgermeister Beigeordneten Berndt Stellung zu nehmen, er habe ihn vielmehr stets wohlwollend behandelt, bis bas Institut der Polizeiassistentin sich unliebsam bemerkbar machte unb bic Anklagen besonders gegen Frau Schapiro sich häuften. Es sei behauvtet worden, daß bic Polizeiassistentin sich über den Polizei ches selbst hinwegsetzte, und verschiedene höchst anfechtbare Dinge getan habe, die einen öffentlichen Protest geradezu herausforberten. Er habe den Beigcorbneten Bernbt zunächst um eine 9luskunft zur Sache ersucht, dieser aber habe ihm nur einen groben Brief geschrieben. Darauf habe er es im Jnteress? der Allgemeinheit für richtig gehalten, die Angelegenheit in der Prestc zur Sprache zu bringen. Der Polizeirat Cbftfelber habe selbst erklärt, die Polizeiafsistentin übernehme den ganzen Polizeidienst selbständig, sie reiße alles mit sich, er sei nichts mehr. Wenn ber Ches leibst etwas derartiges sage, so beweise bas doch, baß haarsträubende Zustände geherrscht haben müßten. Da der Beigeordnete Berndt aber seinerseits der Vorgesetzte des Polizeichefs sei, so sei es selbstverständlich, daß man ihmittne unparteiische Untersuchung Der Angelegenheit nicht zutrauen könne. Er habe sich denn auch, als die Untersuchung eingeleitet wurde, geweigert, dem Beigeordneten sein Material vorzulegen, zumal ber Beigeordnete in der Stadtverordnetenversammlung erklärte, das gesammelte Matettal bedeute nichts, und außerdem in ber Sitzung bic schwersten Angriffe gegen ihn erhoben wurden. — Vorsitzender: Ja Den Artikeln werden aber auch persönliche Vorwürfe erhoben, indem Sie dic Beziehungen des Beigeordneten Berndt zum weib- lichen Geschlecht als unerlaubte hinstellen: das zeigt, daß Sie nicht sehr objektiv vorgingen. Angekl.: Ich wollte nur zeigen, Daß der Beigeorbnete Bernbt es nach seiner ganzen Vergangenheit licht nötig hatte, mit einem Male hier als Sittenrichter auf- •, utr eten. Es sei ihm erklärt worben, alles sei in ber Reihen atsächlich aber sei gar keine orbentliche Untersuchung geführt vorben. Er habe baher barauf bringen müssen, daß eine gc- ichtliche Klarstellung erfolge; bas liege im Interesse ber Stadt Mainz, ber Polizeiverwaltung unb vor allem auch im Interesse Der großen Zahl von Personen, welche burch "die einseitige und aggressive Tätigkeit ber Polizeiassistentin geschübigt worben seien: Ter Angeklagte bemerkt schließlich, baß auch er burch den Beigeordneten Berndt sehr gekränkt morben fei, ba dieser bie Bemerkung gemacht habe: Tie Kreise, bie in ihren Jagdgründen 'n Mainz gestört wurden, seien ber Polizeiassistentin gram, sonst tiemanb, Darauf werben bie inkriminierten Artiktt verlesene
Im. Anschluß an die Verlesung ber Artikel beantragt ber Staatsanwalt bic Ladung des Oberstaatsanwalts Dr. Sckwarz Mainz), um durch ihn beweisen zu lassen, daß die Polizeiassistentin durchaus segensreich gewirkt habe. R.-A. Dr. Pagenstecher bean- ragt bic Ladung des Zentrumsabgeordneten Justtzrat Dr. Schmitt, ier Auskunft geben solle, ob in der Stadtverordnetensitzung die inzelncn Angriffe nicht genau burchgesprochen und widerlegt vorben seien unb ferner darüber, daß die von der Stadtverordneten- 'crsammlung beschlossene Untersuchung durchaus unparteiisch ge- ührt worben fei. Diese beiden Ladungen werden beschlossen. Ls folgt die Vernehmung des zweiten Bürgermeisters Berndt und )cr Frau Dr. Schapiro.
Der zweite Bürgermeister, Beigeordneter Berndt, ber» 'reitet sich zunächst über dic Entwickelung des Systems ber Polizei- ssistentin in Mainz. Er habe selbst den Vorschlag gemacht, ine solche Beamtin anzustellen und ihr das Arbeitsfeld genau >czeichnet. Die Stadtverordnetenversammlung habe dem Beschlüsse Dann zugestimmt, und das Tätigkeitsprogramm genehmigt. Unter >cn Bewerberinnen wurde Frau Schapiro ausgewählt, bereit Gatte 'n Mainz Chemiker ist. Sie stellte zunächst eine Fürsorae- jcamtc bar. Sie sollte die Dinge nicht suchen, sondern an sich icranfommcn lassen. Bei anonymen Anzeigen wurde ihr ein besonders sorgfältiges Voraehckn zur Pflicht gemacht. Keineswegs 'ei, wie das in den Artikeln zum Ausdruck komme, eine strengere Handhabung ber Sittenpolizei mit ber Schäftung ber Assistentenelle geplant gewesen. Man habe ihr auch nicht gestattet, sich un Privatverhältnisse zu kümmern, es sollten lebiglich bie ge- ährdeten Mäbchen auf ben richtigen Weg zurückgeführt werde«. Ms bie Artikel erschienen, habe er eine strenge Untersuchung ingeleitet. Der Zeuge bespricht bann mehrere Fälle, in betten ich angeblich bie Assistentin vergangen haben soll. Alle diese Fülle hätten sich als grunblos erwiesen. Der Angeklagte sei bann samt seinem Gewährsmann um neues Material ersucht worben; ' aber auch bieses neue Material sei gegenstandslos geworden. Ja dem einen Falle hätten sich allerdings Difterenzen ergeben, als die Assistentin dazu überging, eine Anzcchl von Mädchen dem Cäcilie» heim in Wiesbaden zu überweisen, dessen Leiterin etn Fräulem von Bana war. Diese habe angeblich sehr mcrftoürbtge Ansichten über ihre Zöglinae gehabt. Sie habe die Mädchen ruhig gewähren lassen. Der Zeuge gibt dann zu, daß tatsächlich einmal ein Dienstmädchen ber Frack" Schapiro veranlaßt wurde, sich schwanger zu stellen unb eine Hebamme aufzusuchen, bie bei ber Polizei im Verbacht staub, gewerbsmäßig abzutreibeu 5r würbe bas niemals zugelassen haben, wenn er bas rechteckig erfahren hätte. Die Verantwortung treffe ben betreffenden Zolizeikommiftar, bic Assistentin habe nur getan, was bitfer tht luftrug. Vors.: Ist es richtig, daß Fran Schapiro auch ar Die Fran sich wenden mußte, um die in Inseraten angetünbiatei Tropfen zu erhalten. Zeuge: Ja, das ist ttchtig. Sie gat eilte Po st karte unter falschem Namen an die Heb- t m m c geschickt. Diese Karte isst dann, um das Sattrspick zu vollenden, zu den Akten gelangt und man hat gegen bie Dame, bereu Name gebraucht würbe, ein Berfahren eingeleitet. Im übrigen muß ich bemerken, baj die • Benutzung von Polizeiorganen zur Ermittelung von 8err brechen, baß ber ganze Vorgang der Benutzung des Dienstmädchens nichts außergewöhnliches ist, daß die Polizei der ganze« Welt derartiges tut. (Bewegung.) Das Tadelnswerte tst allen daß die Polizeiassistentin damit beauftragt wurde unb daß nun nicht eine andere Persönlichkeit suchte. Der Zeuge geht bana; .Ulf den ihm vorgeworfenen Verkehr mit zwei Damen näher eiu Aus beit Zeugenlabungen ersehe er, baß die Sache hier ebenfalls berührt werden soll. Angekl. Hirsch betratet, daß er die Absicht hatte, diese Sachen hier zur Sprache zu bringen. Bors^ Es ist keine Frage, daß diese Angelegenheit nicht zur Sache g* hört und daß bic Basis für eine Verstänbigung schon besweg« gegeben erscheint, weil bas vorliegende Matettal sehr $u|ammeix geschrumpft ist.
Es tritt daraus bis 4 Uhr eine Pause ein.
In ber Nachmittagssitzung bestritt ber Zeuge Beigeordnete? Berndt wttterhin, daß er noch mit einem Fräulein Siebungen unterhalten habe, unb machte einige Angaben, in ben« Mäbchen böswillig verleumbet worben seien, bereit Unschuld sÄ aber sofort herausstellte, so daß gegen die Verleumder voc» gegangen werden konnte. Schließlich wendet sich der Zeuge noch dagegen, daß er etwa selbst Beziehungen zur Polizeiasststent« gehabt habe. Allerdings feien nach dieser Richtung die ®ti* gaben seiner Gegner sogar bis ins Ministerium gedrungen, aber Die Untersuchung habe nichts gegen ihn ergeben.
Der folgende Zeuge ist der hessische Landtagsabgeordnett Jultizrat Dr. Schmitt (Mainz). Er bekundet, daß er die Akter der Berndtschen Affäre genau geprüft unb gefunden habe, bifl die Angriffe gegen die Polizeiaisistentin sich nicht bewahrhtttcn. Er glaube sagen zu können, daß der Beigeordnete Berndt, als er in der Stadtverordnttenversammlung von gestörten Jagdfteuder sprach, damit eine Spitze gegen den Angeklagten gebraucht hab«.
Es wird darauf auf eine große Anzahl von Zeugen verzichtet.
Oberstaatsanwalt Schwarz wird über bie Fürsorgetütigkeit ber Frau Schapiro an entlassenen weiblick>en Strafgefangener vernommen. Er bekundet, daß bie Polizeiafsistentin sich cll eine sehr zuverlässige unb tüchtige Dame erwiesen habe. — Fru Nägeli, Vorsitzende des Mainzer Frauenvereins, äußert sich dah-n, daß "^Frau Schapiro eine äußerst takttwlle unb geschäftsgewanLte Tarne sei.
Stabtverorbneter Obmann bestrecket, daß seine beruhigen!* Erklärung in ber Stadtverorbnetenversammlung zur Sache vor ber Bürgermeisterei vorher bestellt worden fei.
Jugendgerichtsvorfitzender Ancksgettchtsrat Kolb, ber vc« Muttster mm die Genehmigung zur Aussage erhalten hat, t» tunbet, daß er mit Frau Schauuur oft iuiammen gearbeitet rott
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