haben mit Freude gehört, daß der Reichskanzler das nicht eingesteckt hat. Seine Vorstellungen scheinen von Erfolg gewesen zu sein, wir haben das nähere darüber noch nicht erfahren. Aber das Auswechseln von Noten in den Kanzleistuben, das kann nicht das ersetzen, was das Volk ersehnte. (Lebhafter Beifall.) Im Lande horchte man auf die Antwort und verlangte sie. Da sie ausblieb, datiert von dem Moment an der Mißmut im Lande, der unausrottbare Glaube, daß wir vor England zurückgewichen sind. (Sehr richtig!) An dieser Unterlassung ist das Schiff in Agadir gescheitert. Ich habe eS immer für Unrecht gehalten, wenn man den Nachfolgern des großen ersten Kanzlers die geistige Größe jenes Mannes vorhielt. Aber das nationale hochgespannte Empfind- lichkeitsg efühl gegenüber Kränkungen, die dem deutschen Namen angetan sind, das müssen wir von jedem Inhaber dieses Amtes verlangen. (Lebhafter Beifall.) Es scheint, ikaß man die Stimmung des deutschen Volkes nicht richtig eingeschätzt hat. (Sehr wahr!) Das System dieser Politik, das ist das System der großen Worte, der starken Fanfaren bei einer Aktion, die man nicht so hoch einschäht. Wir haben — daran ist für mich kein Zweifel und ich streiche dem Reichskanzler da keinen Buchstaben ab — wir haben nicht mehr in Marokko erstrebt, als die Regierung beabsichtigte. Sie hat in der Tat das durchgesetzt was sie durchsetzen wollte. Dann durfte man aber nicht solche Hoffnungen erwecken. (Sehr richtig!) Es sind hochgespannte Hoffnungen im Volke erweckt. Sie sind nicht erfüllt worden, weil sie nicht erfüllt werden konnten und nicht erfüllt werden wollten. Es bleUit nur übrig, die Rückkehr zur alten Bismarckschen Politik.
Reichskanzler Dr v. Bethmann Hollweg:
Nach den letzten Ausführungen des Abg. Wiemer wollen Sie mir gestatten, daß ich auch heute nach meiner Ueberzeugung spreche. Herr Wiemer hat die Ueberzeugungstreue des Herrn v. Lindequist gefeiert. Dem Reichskanzler hat er das Recht abgesprochen, nach seiner Ueberzeugung zu sprechen. Ich kann diesen Unterschied nicht akzeptieren. Ich kann auch nicht erkennen, wie es eine Mißachtung des Reichstags sein soll, wenn ich nach meiner Ueberzeugung handele. Auf die Kritik, die unsere Arbeit bei Ihnen durchweg gefunden hat, war ich von vornherein gefaßt. Ich habe schon gestern ausgesprochen, daß ich auf Ihren Beifall nicht rechne. Ich habe auch nicht behauptet, daß das Werk, das wir Ihnen vorgelegt haben, ein ideales sei. An dem Werk kann kritisiert werden, und ich bin dem letzten Herrn Vorredner dankbar für die ruhige Art der Kritik, die er an unser Werk angelegt hat, und die für mich in angenehmer Weise ab- geftochen.hat von manchen übertreibenden Worten, die gestern und heute gefallen sind. (Hört! Hört! und Sehr richtig!) Meine Besorgnis bestand darin, es würde nun aus Ihrer Mitte ein Mann aufstehen, der mir mit klaren und guten Gründen einen anderen Weg als den meinigen gezeigt hätte, einen Weg, wie wir mit befferem Erfolge aus den marokkanischen Schwierigkeiten herausgekommen wären, als es tatsächlich der Fall ist. Ja, meine Herren, auf diesen Mann warte ich noch! (Heiterkeit.) Ich würde dem Mann sagen: Du hast recht! Ganz ehrlich würde ich das sagen. Ich habe gehört: die Regierung hat eine schtvere Niederlage erlitten. (Sehr richtig!)
Tripolis ist die Folge von Agadir gewesen, wir hätten eine verkehrte Verbrüderungspolitik inauguriert, wir hätten den „Panther" nicht nach Agadir schicken sollen, kurz, wir bgtfen alles verkehrt gemacht! Lassen Sie mich einmal zwei Punkts herausgreifen. Herr Bass ermann hat gesagt, Tripolis wäre eine Folge von Agadir. Ja, wenn die italienische Expedition nach Tripolis mit den marokkanischen Ereignissen im Zusammenhang gestanden hätte, dann würde sie doch nicht mit Agadir, sondern mit dem Vorstoß nach Fez begonnen haben. Wir waren es doch nicht, die jetzt die marokkanische Frage aufgerollt haben. Das haben die Franzosen mit ihrem Zuge nach Fez getan. (Sehr richtig!) Der hat uns zu einer Handlung gezwungen. Wie können Sie da behaupten, der Zug der Italiener nach Tripolis sei eine Folge von Agadir? Ich habe dieselbe Auffasiung vielfach in der fremden Presie gelesen, namentlich in demjenigen Teil der fremden Presie, der Deutschland besonders übel will (Sehr richtig!), der bei jedem Unbehagen, das in der Welt irgendwo entsteht, sagt: natürlich, Deutschland war das Karnickel! Ich muß erstaunt sagen, ich habe mich gewundert, daß der Führer der nationalliberalen Partei im Widerspruch mit den Tatsachen sich diesen Stimmen zugesellt hat. (Sehr wahr! rechts und im Zentrum.)
Weiter hat Herr Bassermann folgendes an unserer Aktion ausgesetzt: Er hat gesagt, zur Zeit des Herrn Rouvier sei uns kein Angebot wegen Marokko gemacht worden, aber auch wenn es uns gemacht worden wäre, hätten wir es nicht annehmen sollen wegen unserer Orientpolitik. Er hat gesagt, diese gegenwärtige außerordentlich schlechte Politik habe die frühere mühselige zwanzigjährige Orientpolitik Deutschlands vernichtet. Herr Bassermann hat aber nicht nur gesagt, wir hätten ein Rouviersches Anerbieten nicht annehmen dürfen wegen unserer Orientpolitik, sondern auch, weil das Englands König Eduard VII. nicht erlaubt haben würde. (Hört, hört!) Also von der früheren Politik rühmt Herr Basiermann, daß sie sich wahrscheinlich einem Widerspruche Englands von vornherein gefügt haben würde, und die gegenwärtige Politik kann er nicht genug mit Vorwürfen der Schwäche und Nachgiebigkeit überhäufen, wenn sie es täte. Er meint, unsere alte gute Orientpolitik hätten wir vernichtet, früher würde man sich gehütet haben, dem Islam irgendwie zu nahe zu treten. Aber Herr Basiermann hat uns ja selbst vorgeschlagen, wir hätten die Souveränität des Sultans von Marokko int Norden preisgeben und das Protektorat in Kauf nehmen können, aber im Süden hätten wir sie aufrecht erhalten sollen. Wie stimmt dann das zusammen mit einer Vernichtung unserer Orientpolitik? Herr Basiermann hat auch immer noch gesprochen von der Sou- veränität des Sultans, nicht Basiermann allein, sondern auch andere Herren. Er sagte, wir hätten unendlich viel in Marokko preisgegeben, und Herr von Heydebrand sagte das auch.
Ich habe gestern ausgeführt, und jeder, der den Tatsachen gefolgt ist, wird mir das zugeben müsien, die Souveränität des Sultans war längst illusorisch. Mir haben sie nicht aufgegeben, sie war gar nicht mehr in den Tatsachen be- gründet. Damit sind aber auch alle Vorwürfe des Preis- gebens hinfällig. Herr Schultz sagte eben, wir seien aus Marokko herausgedrangt worden: wir sind ja gar nicht drin gewesen. (Gelächter.) Ich sagte vorhin, ich hätte mich gefreut, wenn ich positive Vorschläge bekommen hätte. Sehr viele habe ich ja nicht bekommen, aber einige doch. Herr Basiermann sagte, wir hätten nicht ein Schiff nach Agadir schicken, sondern Maßnahmen an unserer Wcstgrenze treffen sollen. Was für Maß. nahmen denn? Doch wohl Truppenzusammenziehungen l Nun, Truppenzusammenziehungen in einem gespannten Moment find der Anfang einer Mobilmachung (Widerspruch), und eine Mobilmachung in einem gespannten Augenblicke bedeutet Krieg. Ich weiß nicht, ob das eine zweck- mäßige Einladung an Frankreich gewesen wäre, mit und ein Geschäft zu machen. Herr Basiermann meint, wir hätten zwar in Nordmarokko die Selbständigkeit des Sultans preisgeben, das
Protektorat Frankreichs anerkennen können, aber wir hätten wenigstens Südmarokko freilassen sollen, um dort zu besseren Verhältnissen zu kommen. Ich kann mir die Ausführung dieses Vorschlages nicht recht vorstellen: ein und derselbe Herrscher, der Sultan, soll in Nordmarokko unter dem Protektorat Frankreichs stehen und in Südmarokko souverän sein? Nein, ich kann mir das nicht vorstellen, aber was noch weiter geht, unser wirtschaftliches Interesse, unser Handel ist wirklich gut nur in einem Lande gesichert, wo Ordnung herrscht. (Zurufe: Aha! Polizei!) Nicht die polizeiliche Ordnung, sondern die staatliche, in dem Sinne, daß ein einheitlicher, st a a t l i ch e r Wille vorhanden ist. Er ist die selbstverständliche Voraussetzung für Handels- und Jndustrieunternehmungen. Es gibt wirklich keine Möglichkeit, in Südmarokko Handel zu treiben, wenn dort 20 verschiedene Stämme unter 20 verschiedenen Vorstehern von keiner einheitlichen Gewalt zusammengebalten werden.
Ich entdecke darin wirklich keinen Fortschritt. Wenn wir mit dem Ergebnis zurückgekommen wären: Nordmarokko unter französischem Protektorat und Südmarokko unter dem angeblich tcuveränen Sultan, dann hätte der Abg. Bassermann mich noch viel schlechter behandelt. (Zustimmung rechts und Heiterkeit ) Auch Herr von Heydebrand war der Ansicht, daß wir es batten besser machen können. Bester machen ist schwer. Herr von Heydebrand schlug vor. wir hätten uns völlig freie Hand behalten sollen, um unsere Ansprüche zu gegebener Zeit geltend zu machen. Ein derartiges Vorgehen hätte nach meiner Ansicht keine größere Bedeutung gehabt, als das. was wir gegenwärtig erreicht haben Ich habe jedes Wort, was Herr von Heydebrand sprach, wie immer, einer Prüfung unterworfen. Was hätte ich tun sollen? Auf eine gegebene Zeit warten? Also auf den Zug der Franzosen nach Fez nichts tun? Das wäre falsch gewesen, das wäre die । Politik der Schwäche gewesen, die man mir vorgeworfen hat. Es ' gibt Momente, wo man sofort handeln muß und auch riskiert handeln muß. Und das haben wir getan.
Ernster nehme ich das, was Herr von Heydebrand über England gesagt hat. Herr von Heydebrand ist seinerseits auch wiederum auf den bekannten Artikel tn der „Neuen Freien Presie", ! der dem englischen Botschafter in Wien zugesprochen wurde, zurückgekommen und obwohl der Staatssekretär bereits gestern seine Erklärung abgegeben hat, ist auch der Abg. Wiemer auf , diese Angelegenheit zurückgekomm-n. Die Angelegenheit liegt vollkommen klar Ich habe die englische Regierung auf die be» rechtigte Erregung aufmerksam gemacht, die durch diesen Artikel der „Neuen Freien Presse" in Deutschland hervorgerufen ist, ich * habe dabei der englischen Regierung den Wunsch zu erkennen gegeben, eine Aufklärung herbeizuführen. Daraufhin hat mir die englische Negierung geantwortet, daß der englische Botschafter in Wien weder den bekannten Artikel der „Neuen Freien Presse" ! inspiriert, noch die ihm von dem Verfaster des Artikels zugeschriebenen Aeußerungen getan habe. Damit ist die Sache für ! mich erledigt. (Sehr richtig! rechts, Zuruf links: Aber für uns nicht!) Auch, meine Herren, für den Reichstag. (Widerspruch j links.) Wollen Sie mich doch aussprechen lasten. Auch für den Reichstag besteht in dieser Beziehung eine große Verantwortlichkeit und gegenüber der amtlichen Erklärung einer fremden Großmacht sind alle Zweifel von verantwortlichen Stellen ausgeschlossen. Herr von Heydebrand hat an den Anfang seiner Ausführungen über England die Bemerkung gestellt, daß er nicht die Absicht habe, di- Regierung herunterzureißen. Er hat dann aber in einem Atem konstatiert, daß wir in einer auf Beratung des ganzen englischen Ministeriums beruhenden Rede eines englischen Ministers Worte gehört haben, die man als eine Demütigung und kriegerische Herausforderung des deutschen Volkes bezeich.ien müsse und über die ich leicht mit dem Ausdruck „Tischrede" hinweggegangen sei. (Mit erhobener erregter Stimme.) Wenn Herr von Heydebrand damit hat sagen wollen, daß ich eine demütigende Herausforderung der deutschen Nation sozusagen mit einer kleinen Wortverdrehung habe kaschieren wollen, so muß ich es Herrn von Heydebrand allein überlassen, wie er diese Schmähung seiner eigenen Regierung vor der ganzen Welt mit seinem Vorsatz, die Regierung nicht herunterzureißen, und seinem nationalen Gewissen vereinbaren kann. (Große Unruhe im Hause. — Bravo-Rufe auf den Zuschauertribünen )
Ich muß es bedauern, daß in diesem Hause über unsere Beziehungen zu einem fremden Staate, mit dem wir in normalen Beziehungen stehen, in einem Tone gesprochen worden ist, der vielleicht in Wahlversammlungen nützlich ist (Lebhafte Zustimmung links.), der aber in einem seiner Verantwortung bewußten Parlament nicht üblich ist. (Erneute lebhafte Zustimmung links.) Wenn ich im Bewußtsein meiner Verantwortung wohl erwogene Worte über die Reden fremder Staatsmänner spreche, so muß und soll das zu einer Klärung unserer internationalen Beziehungen führen. Leidenschaftliche und alles Maß überschreitende Worte, wie die des Herrn v. Heydebrand (Sehr gut!), mögen Parteiinteressen dienen (Stürmische Zustimmung links.), das Deutsche Reich aber schädigen sie. (Erneute lebhafte Zustimmung links.) Ich würde es bedauern, wenn sich in diesem hohen Hause die Sitte einbürgern sollte, über unsere auswärtigen Beziehungen in diesem Tone zu sprechen. (Beifall.) Der Starke braucht sein Schwert nicht immer im Munde zu führen. (Stürmische Beifallskundgebungen auf der Linken.) Wir hatten Monate hindurch und erleben noch jetzt Tage, die von einer leidenschaftlichen Stimmung durchflutet sind, wie wir es wohl niemals in Deutschland erlebt haben. Ein Grundton dieser Stimmung ist der Wille Deutschlands, seine Kraft und alles was es vermag, in der Welt durchzu setzen. Tas war die gute und die e r h e b e n d e E r s ch e i n u n g, die wir erlebt haben, eine Erscheinung, die mich gestützt hat, auch wenn sie sich in Worten gegen mich fnantte, und ich empfinde Dank für diese Gefühle, die im deutschen Volke geherrscht haben.
Aber es sind auch noch andere Kräfte dabei tätig gewesen. Sie sind zum Teil in den Reden, die wir gehört haben, hervorgehoben worden. Auch der letzte Vorredner, Abg. Schultz, hat in der Beziehung ernste Worte gesprochen. Wenn er bei dieser Gelegenheit gesagt hat, die Haltung, die ich gegenüber England ein- genommen habe, hätte das Signal gegeben zu dem Unwillen: Meine Herren, ich habe Ihnen dargelegt und ich hoffe, ich habe Sie überzeugt, ich habe der Ehre meines Volkes, der Ehre der Nation, der ich angehören darf, in unserem Verhältnis zu England nichts nachgegeben. Meine Herren, es sind Kräfte, auch das muß ich offen aussprechen, es sind dabei Kräfte im Spiele gewesen, die mehr mit den bevorstehenden Wahlen, als mit Marokko und mit dem Kongo zu tun haben. (Stürmisches Hört! Hört! bei den Soz. und der Fortschrittlichen Volkspartei. Anhaltende große Bewegung im ganzen Hause.) Das muß einmal off en aus- gesprochen werden. (Sehr gut! links.) Aber, meine Herren, wenn es so dargestellt worden ist in der Presse, als ob unser Vaterland Not litte, als ob wir vor dem Zusammenbruch als Nation ständen (Zuruf von den Natl.: Das hat in der Presie
nicht gestanden!), so ist das nicht in den Tatsachen begründet ge- wesen. Um utopistischer Eroberungspläne und um Parteizwecke willen aber die n a t i o n a l en Leidenschaften bis zur Siede hi tze zu bringen — meine Herren, das heißt, den Patriotismus kompromittieren (StürmischerBeifall bei der Volksp. und den Soz.), ein wertvolles Gut vergeuden. (Erneute stürmische Zustimmung auf der Linken. Ungeheure Bewegung.)
Abg. Lattmann (Wirtsch. Vgg.):
Gestern war das Parteigezänl der Aussprache serngeb'siehen Der Sprecher bet fortschrittlichen Volkspartei hat heute das elende Parteigezänk bineingebracht. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Besonders unangebracht war es, die Person des Kronprinzen hincinzuziehen, (Sehr wahr! rechts. Ter Präsident kann die große Unruhe, in der sich der Redner anfangs nur schwer verständlich machen kann, nur mühsam zügeln.) Wenn unser Kronprinz auf der Tribüne der Sitzung beiwohnte, so tat er nicht mehr als jeder andere Tribünenbesucher, und er hat auch die Ordnung des Hauies wie jeder andere beachtet. Er hat sich völlig jeder lauten Aeußerung ferngehalten, >onst würde der Präsident gerade so gut wie bei jedem andern Tribünenbesucher eingeschritten sein. Wenn aus seinem Verhalten aus irgendwelche Zustimmung ober Ablehnung geschlossen wirb, so banbelt es sich dabei um Worte, die allgemeine nationale Fragen oetrafen, um keinerlei Parteifragen. (Sehr richtig! rechts.) Und bas dürfen m,r doch wohl noch erwarten, daß der Kaisersohn die Zustimmun.g zu solchen allgemeinen nationalen Fragen sich erlauben darf. Es liegt aber nicht im Interesse des kaiserlichen Ansehens und des beutschen Volkes, seine Person hereinzuziehen und unter Uebertreibungen dem Volke ein falsches Bild zu geben.
Wir haben es auch nicht für richtig gehalten, daß man von einigen Seiten versucht hat, den Alldeutschen Verband in diesen Tagen als einen beliebten Prügelknaben zu benutzen. Mag er in einigen Aeußerungen zu weit gegangen sein, im einzelnen soll man sich freuen — und die Ausführungen des Dr. Wiemer zeigen gerade seine Notwendigkeit —, daß wir solchen unablässigen Mahner des nationalen Gewissens haben. (Beifall rechts.) Das Schelten der äußersten Linken läßt uns kalt. Es würde peinigend und beschämend sein, wenn wir in Fragen der auswärtigen Politik die Zustimmung der Sozialdemokratie bekämen. (Sehr richtig!) Es war ein bitterer, aber lehrreicher Augenblick, daß gestern beim Schluß der Rede des Reichskanzlers bei allen bürgerlichen Parteien Schweigen herrschte und nur die äußerste Linke Bravo rief, diese neuen Stützen der Regieruna! Wir Hetzen nicht zum Kriege, aber die Friedensliebe um jeden Preis ist in der Geschichte großer Staaten noch niemals ein brauchbares politisches Prinzip gewesen. (Sehr richtig!) Es ist nicht richtig, daß die Marokkopolttik des Fürsten Bülow immer konsequent gewesen ist. Nach der Fahrt nach Tanger, für die Fürst Bülow die Verantwortung übernahm, mußte man auch politische Interessen an Marokko deutscherseits Müßen. Fürst Bülow mußte bei der Fahrt nach Tanger auch die Konsequenzen vorausseben und sie eventuell auf sich nehmen. Er riet aber zu Reise nach Tanger, obwohl er im Jahre vorher unserem Freunde, Graf Reventlow, zugerufen hatte: Wir können doch Marokkos wegen nicht vom Leder ziehen. Das war politisch falsch. Marokkos wegen natürlich kein Schwert, kein deutsches Blut. Aber wenn eine solche Frage ins Rollen kommt, geht es um nationale und wirtschaftliche Fragen des ganzen und auch um bie Ehre Deutschlands.' (Sehr richtig!) Daß das Ansehen Deutschlands im Auslände durch die Marokkoaffäre gelitten hat, ersehen wir aus den Briefen, die wir von Forschern und Reisenden von überall her in der Welt bekommen haben.
Weite Kreise des Volkes wollten nach den traurigen Erfah- ruTtgen von der Marokkofrage nichts mehr wissen. Da endlich kam das Pantherticr vor Agadir. Der Jubel war groß, und es war schön in jenen Tagen, daß die Streitigkeiten der bürgerlichen Parteien zurücktraten hinter der großen nationalen Frage: selbst bie Sozialbemokraten unterließen ihre Unkenrufe. Unb biesen nationalen Schwung bat bie Regierung gar nicht verstauben (Sehr richtig! bei ber wirtsch. Vgg.). Sie hat nicht berftanben, biese Sacke zu organisieren. Es kamen bann bie Fliegen vom Kongolande und versenkten bie Herren vom Preßbureau bes Auswärtigen Amtes in bie Schlafkrankheit. Gestern sagte ber Reichskanzler' er habe mit bem Abkommen alles erreicht, was er erstrebt hatte, er sei nicht zurückgewichen. Gestern sprach aber ber französische Minister von sehr beträgt« liehen Forberungen, bie Deutschlanb zu Beginn ber Verhanblungen erhoben habe unb bie herabzubrücken ber französischen Diplomatie gelungen sei. Wo ist bie
Wahrheit? (Hört! hört! rechts«. Es ist ein un-
toürbiger Zustanb, baß wir monatlang ben Munb hielten, Frankreich aber schwatzte. Die Schweigsamkeit der Regierung müßte im Volk als Zeichen des bösen Gewissens angesehen werden. Wenn die Regierung aber erklärt, sie hätte in Marokko nicht festen Fuß fassen wollen, so wird ihr das in weiten Kreisen des Volkes nicht geglaubt, unb wo es ihr geglaubt wird, wirb ihr gerabe ein Vorwurf barauS gemacht. Ein klares, energisches Vorgehen hätte dieses Ziel auch ohne Krieg erreicht. Was Herr b. Heydebrand gestern gesagt hat, ist in Millionen deutscher Herzen widerhallt. (Beifall rechts.) In Sachen des Wiener englischen Botschafters konnte die Diplomatie nicht mehr tun. Für das Volk aber ist bie Sache bamit noch nickt abgetan; wir sehen in der Erklärung ber englischen Regierung eine Kneife rei. Sollen wir gegen bie Kriegshetze Englands nicht ein scharfes Wort int Reichstag sagen? Die Regierung scheint feit einer Reihe von Jahren unter einer Suggestion zu stehen, dem Versöhnungsgedanken, wollen wir Frankreich versöhnen, bann müsien mir ihm Elsaß-Lothringen bingeben. Die „Deutsche Zeitung" hat Reckt: Frankreich in Marokko zum Wächter der Handelsfreiheit macken, bas ist, wie wenn ein Warenhaus einen Kleptomanen zum Kontrolleur ernennt. Viererlei ist erforberlich: ein starkes Heer unb eine starke Flotte, ein starkes Finanzwesen; eine kräftige Volkswirtschaft, um bie Opfer tragen zu können — benn bie Börse wirb es wie 1870 nicht tun, und nickt zuletzt die Pflege unb Stärkung ber sittlichen Kräfte deS Volkes. (Beifall ber Wirtsch. Vgg.)
Abg. Bruhn (Rßv.)
spricht vor fast leerem Hause. Die Sozialdemokraten, Volke- Partei und Nationalliberalen verlasien bis auf den letzten Mann den Saal.
Abg. Dr. Ricklin (Elsässer)'
Wir stehen nicht auf der Seite derer, bie bie Regierung wegen ber Marokkoangelegenheit bekämpfen. Was hätten bie Gegner benn für weitere Vorteile für Deutschlanb erreichen können? Deutschlanb hat in Marokko nur praktische Interessen, und diese sind in dem Abkommen gewahrt. Frankreich wird den Vertrag in loyaler Weise durchführen. Unser Handel und Industrie werden Vorteile haben. Es wird freilich noch lange dauern, ehe Frankreich sich des ungestörten Besitzes des Landes wird erfreuet können. Ich glaube auch nicht, daß Frankreich jemals marokkanische Truppen auf europäischen Schlachtfeldern wird verwenden können. Der Kongo ist nicht so wertlos, wie es häufig bargestellt wirb. Nicht richtig ist, baß in Frankreich eitel Freude über den Vertrag herrscht. Auch Frankreich mußte nachgeben. Wir freuen uns über das Zustandekommen ber Verträge.
Abg. Gröber (Zentr.):
verlangt weitere Aufklärung über Einzelheiten in ber Kommission. Herr Bassermann hatte viel Vorwürfe für bie fetzige Regierung. Unb dock ist die gegenwärtige Politik nur eine Fortsetzung ber von


