Nr.2l»6 Dritter vlatt
161. Jahrgang
Samstag, 11. November Wil
tr1d)etnt klgllch mit UtiSnafime de- Sonntag».
Lt« ..Wietzener LamiUendlLNer" werden dem „Anzeiger* etermal wöchentlich beigelegt. da» „Mreisblati fli Hl Kreti Wietzen" ireeimal wöchentlich. Die ..Landvirklchastlichen Lett- fragen" erscheinen monatlich grocimaL
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhefsen
Rotattonsdruck und vertag der vrüblichen Universität»»Buch- und Sretndruckeret. 9t. Lange, Dietzen.
Redaktion, Expedition und T1 ruderet: 6djul- (traue 7. Expedition und Verlag: 5L
Redaktion:«^ 112. TeU-Adr- AnzelgerDietzen.
Mb. Deutscher Reichstag.
202. Sitzung. Freitag, den 10. November.
Am kische des BundeöratS: v. Dethmann Holl weg. d. Kiderlen-Wächter, Solf. die anderen RessorlchejS der Reichsämter und die BundeSbcvollmächtigten.
Die Tribünen find bi» auf den letzten Platz gefüllt, da» HauS ist stark besetzt. *
Präsident Graf Schwerin.Löwitz eröffnet die Sitzuna um 1 Uhr 15 Min.
Die ITlarokko- und Kongo*Abkommen.
Broeiter Tag der Besprechung.
Abg. Dr. Wiemer (93t).):
Tie gestrige Verhandlung klang aus mit dem Appell Basier- tnannfl, für die Ehre und das Anseyen des Vaterlandes mit aller Entschiedenheit einzutreten. Wir tun baß. getreu dem Wort eineß Fortschrittsrnanneß, daß unser Herz immer da steht, wo unsere Fahnen wehen. Aber wir sind mit dem ReichStauzler einoer. standen, daß mit überhitzter Chauvinisterei, mit Säbelrasseln dem deutschen Interesse nicht gedient ist. Erne solche Sprache ist >m Reichstag nicht am Platz. Wenn wir mehr Einfluß in der auswärtigen Politik verlangen, dann muffen die Verhandlungen mit ernster Ruhe und 5Harf)cit und Sachlichkeit geführt werden. Auch die Nähe der Wahlen kann m dem Reichstage eine chauvinistische Sprache nicht entschuldigen und Drohungen gegen andere Mächte, wie eß gestern zu meinem Bedauern Herr von Heydebrand am Schluß seiner Rede getan hat. (Große Unruhe.) Tie konservative Partei hat kein Monopol auf daß Tichicrwort: Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr alles freudig setzt an ihre Ehre; daß ist Gemeingut de» ganzen Volkes. (Sehr richtig! liiiks.) Herr vonHeydebrand hat gestern erklärt, daß seine Freunde bereit seien, mit Gut und Blut iur daß Vaterland einzutreien und auch Lpfer zu bringen. Tiefe Versicherung will ich nicht in Frage stellen. Aber warum sind ähnliche Erklärungen nicht jjor zwei Jahren bei der Reiä)ßfinanzreform abgegeben worden? (Sehr gutl linkß.) Ich weiß nicht, ob Herr von Heydebrand darauf hat hin- deuten wollen, daß die Konservativen bei der jetzigen Regierung für die Erbschaftssteuer eintreten wollen. (Lebhafte Ruse rechts: Nein! — Ahal links.) Ich habe nichts anderes erwartet. Ich richte weiter an Sie die Frage, werden Sie denn in Zukunft für eine RcichSvkrmögenßsteuer eintreten? (Rufe rechts: Kotie- rungSsteuerl) Wenn die konservative Partei bezüglich des Opfer- bringens eine ähnliche Stellung vor zwei Jahren eingenommen hätte, wäre manches anders gekommen und dem deutschen Volke wäre Unheil erspart worden, baß jetzt über baß ganze Land ge. kommen ist. Eß ist Pflicht, auch auf bem Gebiete der auswärtigen Politik, an der Haltung bet Regierung eine scharfe Kritik zu üben, wenn Anlaß zur Kritik gegeben ist und die Zeit dazu gekommen ist. Während der Verhandlungen wegen Marokko haben meine politischen Freunde Zurückhaltung geübt.
Wir sind immer bereit und halten unß verpflichtet, die auswärtige Politik der Regierung zu unterstützen, vorausgesetzt, daß wir sie für richtig halten. Diese Pflicht werben wir auch jetzt erfüllen. Ter Marokkohandel hat manche unerfreuliche Erschei- nungen gezeigt. Den Hauptfehler sehen wir in der Entsendung deß .Panther" nach Agadir. Herr Basiermann meint, sie habe einen Jubel der Zustimmung im Volke hervorgerufen. Bei einem großen Teil meiner Freunde war die Zustimmung nicht so groß. (Zustimmung und Lachen.) Der Reichskanzler hat sich gestern mit vollem Recht absprechend über die bekannte Versammlung der Alldeutschen geäußert, aber trägt das Auswärtige Amt nicht auch einen Teil der Schuld? Es heißt, baß am 8. Juli hier eine Versammlung von alldeutschen Journalisten unb Politikern in enger Fühlung mit dem Auswärtigen Amt stattgefunden habe. Ein Prozeß soll ja schweben; hoffentlich ergibt er, daß baß Auswärtige Amt nichts damit zu tun hat. Die offiziöse Presse hat sich nicht auf der Höhe gezeigt. Ich bezweifle freilich, daß die Einheitlichkeit deß PresiebureauS zu erzielen fein wird; ich bezweifle, daß baß TZarineamt und baß Auswärtige Amt auf ihre besonderen PresiebureauS verzichten werden, selbst wenn Herr Erzberger zum ReichSpreßdezernenten ernannt werden sollte. (Hallohl) Auch dieSozialdemokrtaten haben keine tadelfreie Haltung gezeigt; während der Verhandlungen mit Massenstreik und ähnlichen Dingen drohen, dadurch wird die Position beß Auswärtigen Amtes gewiß nicht gestärkt, und eß ist nur zu verwundern, daß trotz dieses Verhalten» und dieser Maßnahmen der Friede erhalten worden ist. Der Reichskanzler hat vollständig recht, man kann nicht alles bekommen, waö man gern haben möchte, und wir haben unS deshalb von Anfang an auf den Boden der AlgeeiraSakte gestellt. Aber wir haben unsere Zustimmung immer nur unter der Voraussetzung der Unabhängigkeit beS Sultan» und der Integrität beß schenfischen Reiches ge- geben. Die Verantwortung für die jetzige Entwicklung bat aber nur die gegenwärtige Reichsleitung zu tragen, sie bat nicht da» Recht, einfach von einer Hinterlassenschaft zu sprechen, die Jie liquidieren mußte. DaS Marokkoabkommen hat seine Vorzüge unb seine Schwächen. Auf die Paragraphen allein kommt eß nicht an, sondern auf den guten Willen des Staate», der die politische Macht hat, von dem Entschluß Frankreichs, die Paragraphen loyal auszuführen. Bei der Zusammensetzung beß Schiedsgerichts — darin hat Herr von Heydebrand recht — hat jedenfalls Frankreich den mafegehenben Einfluß. Bedenklich scheint unS die Angelegenheit der Fläckensteuer; hierüber und über die sonstigen wirtschaftlichen Fragen in Marokko wird in der Kommission noch naher zu verbandeln sein. ES wird der intereffante versuch gemacht, da» Prinzip der offenen Tür in Paragraphen festzulegcn. Der Kanzler sagt, bisher stand die offene Tür nur auf dem Papier. Ja, aber wer sagt denn, bah baß nicht auch jetzt weiter der Fall sein wird? _
Auch wir beurteilen baß Kongoal'kommen ungünstiger al» baß Marokkoabkommen, und die gestrigen Ausführungen dc? Reichskanzlers waren in keiner Weise geeignet, die Bedenken zu zerstreuen. Mir ist in meinem parlamentarischen Leben noch keine Kundgebung der Regierung zu Gesicht gekommen, die so sehr zum Widerspruch herausfordert und zum Teil die LachmuSkeln reizt wie die von Herrn Solf gezeichnete Kongodenkschri ft. Mit bem Grundsatz: für ein Kolonialpolitik treibendes Volk ist jeder koloniale Zuwachs ein Vorteil, werden Sie, Herr Solf. keine Politik im Reichstag treiben können. Nein, Herr Solf, da» werden wir nicht tun, sondern wir werden uns die Kolonialpolitik daraus ansehen, ob sie verständig ist, ob die neuen Gebiete auch dientabili- tätSaußsichten haben. Aber mit solcher Milchmädchenrechnung, wie sie die Tenkschrist aufmacht, ist nichts anzufangen. Die Schlaskrankheit — Herr Sols hat den Trost, daß wir so den Herd der Schlafkrankheit in unseren Besitz bekommen; warum hat er nicht noch hinzugefügt. eigener Herd ist .Goldes wert?
(Heiterkeit.) Gegen den Gouverneur Sols führe ich den früheren Kameruner Gouverneur Pullkamer an. Tie französischen Gesellschaften ist keine erfreuliche Beigabe. Wir werden sie abloicn oder unter den bisherigen vertrugen weiter wirtschaften lassen — zwei gleich unerfreuliche Perspektiven! von -Verbindlichkeiten" ist da die Rede: hierüber wird in der Kommission noch näher Aufklärung gegeben werden müssen.
Aber die Hauptfrage ist: Was wird unß diese Neuerwerbung kosten? In der Tenlschrift heißt eß: «Tiefe Kosten müssen wir auf unß nehmen/ Herr Gouverneur Solf, daß werden wir uns sehr überlegen. — Herr v. Lindequist hat den Amtßiiaub von seinen Pantoffeln geschüttelt. ES ist bezeichnend, daß fast die einzige Zustimmung bei der Kanzlerrede gerade an dieser Stelle erfolgte; aber die Zustimmung galt nicht den Ausführungen des Kanzler», sondern der männlichen und ehrlichen Art, wie Herr v. Lindequist sein Amt geführt und die Konsequenzen gezogen hat. Daß erinnert an die Szene auö der Jungfrau von Crleanß: „2er Connetable schickt sein Sckiwerl zurück und sagt den Dienst mir auf. In Goltesnamen so sind wir eine» mürrischen Mannes los der unverträglich unß nur meistern wollte." Herrv. Lindequtstverstand eS, zur rechten Zeit zu gehen. Ich wünschte, wir hätten mehr Leute, die zur rechten Zeit zu gehen wissen. (Große allseitige Heiterkeit, an der sich der Reichskanzler lebhaft beteiligt.) Ter Kanzler hat kein Wort der Anerkennung für den Mann gehabt, der seine Kräfte ehrlich eingesetzt hat m feinen Remtern. (Widerspruch rechts und Zuruf: Er hat es ancr(anntl) Wir danken Herrn v. Linde- a u i jt für die Arbeit, die er geleistet hat, und auch für die warmherzige und entsckilosscne Verteidigung, die er seinem AniiS- Dorgäng.-r Ternburg hier im Reichstage gegen ungerechtfertigte Angriffe gewidmet bat. (Beifall links. Sachen im Zentrum.)
Tas selbständige siolonialamt! Tas Zentrum hat dafür nicht gestimmt, also taugt die ganze Geschichte nichts (Sehr richtig! im Zentrum. — Heiterkeit.) Es wird anderer Ansicht fein, wenn ein ihm genehmer Staatssekretär im Kolonial- amt sitzt. (Heiterkeit.) Tas Kolonialamt hat sjch^ durchaus be. währt unter den Männern, die bisher an seiner Spitze standen Wir wünschen im Gegenteil, daß die Reichsämter überhaupt nicht wie jetzt Nachgeordnete Stellen bleiben, sondern mit eigener Verantwortung ausgestaltete, selbstän- dige iReictiSamter werden.
Wir würden bereit fein, die Schattenseiten des Abkommens auf unß zu nehmen, wenn wir sicher waren, dadurch eine dauernde Vereinbarung mit Frankreich herbeizuführen. Aber da» ist nicht der Fall. Ter Löwenanteil ist Frankreich zugefallen, wir wollen eß ihm gönnen. Die neue Aera der Verständigung ist ein schöneß Ziel, aber nach den bisherigen Erfahrungen halte ich eS für eine Fata Morgana.
Unß wird man den Vorwurf blindwütigen HasieS gegen England nicht machen können Nichtsdestoweniger kann ich auSsprechcn, daß die Haltung Englands auch in unseren Reihen Verstimmung unö Grbiitcrung erregt hat. Es ist noch nicht genügend geklärt, waS den englischen Schatzkanzler zu seiner Rede veranlaßt hat, unb waS den englischen Botschafter in Wien anlangt, so reicht daß DeruhigungSpulver, baß unß der Reichskanzler gestern in homöopathischen Dosen verzapfte, nicht auß. Wir werden nicht Einspruch erheben, wenn England seine Interessen wahrnimmt, sich überall Stützpunkte sucht für seinen Einfluß; aber baß gleiche Recht verlangen wir auch für unß. Wir beanspruchen auch für uns den uns zu kommenden Platz in der Welt. Und die englische Nation kann davon überzeugt fein: baß deutsche Volk lehnt es einmütig mit aller Entschiedenheit ab, englische Jntereffen al» entscheidend für die deutsche Haltung anzusehen oder vor den Drohungen englischer Mi- nister zurückzuweichen. (Lebhafter Beifall.) Aber eben- so bestimmt ist Einspruch dagegen zu erheben, daß wir im Hin- blick auf England hier in kaum verhüllten KriegStönen sprechen, wie es gestern geschehen ist. Die Rede Greys bekundete den ernsten Wunsch, daß die Spannung verschwindet. Tie gestrige Rede Asquiths auf dem Lordmayors-Dankett sollten auch wir anerkennen und wir sollten von seinen Erklärungen mit allem Ernst Akt nehmen. E» ist nicht wohlgetan, die R ü st u n g s - schraube von neuem anzuziehen, denn man folgt bann auf der anberen Seite sofort und die Hochwaffermarke steigt von neuem.
Es ist unverantwortlich zu einer Zeit, wo auf englischer Seite ernste Bestrebungen zur Besserung unserer Beziehunaen vorhanden sind, in die früheren Fehler zu verfallen. Wir haben allen Grund, unß vor jeder Unbesonnenheit zu hüten, da unsere politische Situation durchaus nicht glänzend ist. Die Vorgänge der jüngsten Zeit in Italien und der Türkei haben in den weiten Kreisen die Frage angeregt, ob denn der Drei- b u n b heule noch ernste Bebeutung hat. Wir bebauern, daß durch das Vorgehen Italien» unsere jahrelange Friedenßarbeit in der Türkei beeinträchtigt worden ist.
Ich bebaurc, wenn es wahr ist, daß der deutsche Kaiser kürzlich gesagt habe, daß der Islam eine Gefahr werden könne. Tas könnte die Stimmung der Türkei ungünstig beeinflußen. (Sehr richtig! links.) E» ist gefragt: wer trägt die Schuld? Ich stimme da Herrn Basiermann bei. Wa» Marokko anlangt, kann man dem Fürsten Bülow Inkonsequenz nicht vorwerfen. Wenn man aber die Entwicklung der letzten 20 Jahre verfolgt, kann man sich bem Eindruck nicht verschließen, daß die deutsche Politik die Einheitlichkeit, Klarheit unb Stetigkeit hat vermissen lassen. Bald batten wir eine Politik der Liebenswürdigkeit, die nichts genützt hat, die Politik der Depeschen, die nur Schaden angerichtet hat. bald die Politik der verpaßten Gelegenheiten, die Poli- tU plötzlicher Eingebungen eines impulsiven Temperament». Auch in neuerer Zeit kamen solche Singe vor. Ich kann es auch nicht atß eine empfehlenswerte Neuerung an sehen, wenn, wie es gestern geschehen, der Erbe der Krone von der Tribüne des Reichstags in offener Weise gegen die Politik des verantwortlichen Reichskanzlers demonstriert bat. (Große andauernde Unruhe rechts. Lebh. Sehr richtig! link».) Dieser Vorgang hat auch in auswärtigen Blättern die unangenehmsten Aeußerungen herbeigeführt. Ter „Eclair" schreibt, der Vorgang zeige, daß inDeutschlandeine starke Krieg». Partei beftebe. (Zuruf rechts: G o 11 s e i D a n k!) von diesem Gott sei Dank nehme idi Akt. (Erneuter großer Lärm rechts.) War eine solche Demonstration hier notwendig? Nun, bei Reichs- kanzler mag sich mit der Behandlung selbst auSeinandersetzen. Ich behaare das Vorkommnis. Wo es sich um ein Friedenswerk banbclt, wo auch der Leiter der Politik sagt: Gott fei Dank, wir find im größten Einvernehmen, in diesem Augenblick durch der- artige Tinge alles wieder in Frage zu stellen, halten wir für falsch. (Lebh. Zustimmung links.)
Man fragt im Lande: ist denn die deutsche Diplomatie auf der Hohe? (vielfaches „Sein" auf allen Seiten de»
Hause».) Wir erbeben erneut Einspruch gegen baß System bei Besetzung der diplomatischen Posten bei unß. (Sehr richtig! links.) Auch bei unß, wie in anderen Kulturstaaten dars nicht die Rücksicht auf Namen unb Rang, vermögen und soziale Stellung bestimmend fein, sondern Begabung unb Tüchtigkeit allein. Wir brauchen auf den wichtigen auswärtigen Posten tüchtige Vertrauensmänner, die die Augen aufballen und nicht nur Briefträger, und die den mitunter außerordentlich geschickten Vertretern beß AiißlandeS gewachsen sind. (Beifall link».) Die Minderung unserer Stellung im Rate der Völker steht aber auch im Zusammenhang mit unserer inneren Politik. (Sehr richtig! linkß ) Unsere innere Politik. Die Ueberspannung. deß Sckuitzzollprinzip» hat die politischen Beziehungen zum Ausland verschlechtert. Dadurch wirb die Koalition anderer Staaten gefördert. die auf dem Boden demokratischer Verfassung stehen. In anderen Staaten werden rücksichtslos Zöpfe abgeschnitten, wie jetzt in China bei unv werden alte Vorrechte gestützt. In hieß Kapitel gehört auch die Behandlung der deutschen Volksvertretung in der Marokkoangelegenbeit. Wir verlangen die Einholung der Genehmigung beS Reichstag» zu den Abkommen. Daher unser Antrag, vielleicht können wir auch für den beß Zentrum» stimmen wenn er etwa» erweitert wird. Wir fragen den Reichskanzler, ob noch Sonder- oHommen bestehen, von denen unß nichtß milgeteilt ist. Wie ist es mit der SchiedSgerichtßklansel, von der in französischen Blättern zu lesen ist?
Alle Wünsche auf Erweiterung der konstitutionellen Einrichtungen Haben keinen Widerhall vei Herrn v. Bethmann Er erklärt, die Regierung soll aber den Parteien stehen. Wir haben es ja gestern gesehen, daß Ziel hat er erreicht. (Heiterkeit.) Ich weiß nicht, ob er die Situation sehr behaglich gesunden bat. (Erneute Heiterkeit links.) Nun hat er in her ..Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" erklären (affen, daß er seine Politik weiter verfolgen werbe, wie auch der Ausfall der Reichstagßwablen sei. AllenNespekt vor derUeberzeugung beß Herrn Reichskanzler», aber daß bebeutet bw Verneinung der Grundlagen unsere» Berfassungiwesenß. (Zustimmung links.) Wenn er erklärt, daß nur seine eigene Meinung maßgebend sei, so spricht daraus so viel bureaukratische Selbstherrlich feit, soviel Unterschätzung der anderen zur Mitentscheidung berufenen Faktoren, daß wir gegen diese Auffassung Einspruch erheben muffen. (Lebhafter Beifall links.) Nicht bureaukratische Weisheit, nicht da» persönliche Regiment können baß Glück her Nation verbürgen, sonbern bie ernste und redliche Arbeit aller Volksschichten auf bem Boben der Verfassung für Fortschritt unb Freiheit. (Lebhafter Beifall links.)
Abg. Schultz (Rp.)k
Auch wir find ber Ansicht, daß baß enbgültige über bie Abkommen erst nach eingehenber Beratung in ber Kommission gefällt werden kann. Auch un» wäre eß zweckmäßiger erschienen, wenn die Abkommen so gefaßt worden wären, daß sie vom Reichstage genehmigt werden mußten. (Hört, hörtl links.) Die Regierung hätte dabei keinen Schaden erlitten. Die Anträge auf Abänderung ber Verfassung sind ein berebteß Zeichen für bie Herr- schende Stimmung. Man forbert bem Kaiser einen Teil feiner Rechte ab, um bie Rechte beß Reichstages zu erweitern. Bismarck, ber ja so oft hier; zitiert wirb, um Stimmung zu machen, hat immer betont, daß man bie Verfassung nicht änbem solle; sie sei ein kunstvolles Produkt, da» au» schwierigen Beratungen her- auß entstanden sei. Die Fortnahme eine» Steine» von diesem Gebäude könne Schäden für den ganzen Bau nach sich ziehen. Daß kann natürlich nicht davon abhalten, daß auch einmal eine Aende- rung ber Verfassung vorgenommen werben muß. Da» soll aber nicht ein fterbenber Reichstag machen, ber schon die hippokratischen Züge aufweist (Heiterkeit unb Zustimmung). Die Anträge beruhen auf ber augenblicklichen Stimmung. Man soll warten, bis biese Stimmung verflogen ist, und andere Erwägungen wieder Platz greifen. Die Kommission wird aber auch die Frage zu prüfen haben, Wie Weit baß spanisch-französische Geheimabkommen auf unsere Rechte in Marokko mitwirkt. Es ist sogar behauptet worben, baß dieseß Abkommen schon sieben Jahre beftanben_ hat, ohne baß die französische Kammer davon Wußte. (Hört, hörtl) Man wird unß auch in der Kommission sagen müssen, ob wir in der spanischen Marokko-Sphäre dieselben Rechte haben wie in der französischen.
Bezüglich der Abkommen hat Herr Dassermann nicht so ganz unrecht, wenn er einen tiefgehenden Unterschied zwischen dem Abkommen von 1909 und dem jetzigen findet. Schon auffallend ist, daß das Wort Deutschland nur in ber Ueberfdjrift vorkommt. Es ist anzunehmen, daß dieselbe Politik der offenen Tür auch allen anderen Staaten eingeräumt ist. Im vaterländischen Interesse hätte ich gewünscht, daß die Zustimmung der Kaufmannschaft möglichst einheitlich ober boch wenigstens überwiegend gewesen wäre. Da» ist leider nicht der Fall. Man hätte den Leuten draußen, die feit Jahrzehnten in mühseliger Arbeit für deutsche Arbeit unb deutsche Interessen eingetreten find, mehr ber- schaffen sollen. Wir erkenn-n aber dankbar an, daß unsere Unterhändler diesmal eine Zähigkeit gezeigt haben, die wir früher bet ihnen vermißt haben. Em gutes und berechtigte» Mißtrauen war bei ihnen vorhanden. Ta» war notwendig, denn in Frankreich herrschte nun einmal die Protektionswirtschaft. (Abg. Bebel ruft: Und bei und?) In bem Sinne gewiß nicht. Eß wirb ener- g'fcher Maßnahmen unserer Regierung bedürfen, um solchen französischen Neigungen entgegenzutreten. Dabei möchte ich gleich die sozialbemokratische Anschauung zurückweifen, alß ob eß eine Schande wäre, einUntertanzu fern. (Sehr richtig I rechts.) Das K o n g o a b k o m m e n bietet für die Beurteilung wett größere Schwierigkeiten al» das über Marokko. Die sollen wir über den Wert der Ländereien urteilen? Aber der Reichskanzler hat reckt m bem, was er von den Zukunftsmöglichkeiten sagte. In bet Denkschrift ist von der .Möglichkeit" von Erzlagern die Rebe; jebenfallS enthält sie Marokko, baß wir. trauernden Herzen» verlassen, tatsächlich. Die dauernde Einräumung der Etappenstraße Wirb für die Franzosen wohl kaum die in ber Denk- schrift angenommene Pflicht ber Dankbarkeit bedeuten.
Es ist eine Erleichterung für mich, daß ich nicht berufen bin, ein Gefamtvotum abzugeben: ja ober nein! Die Offenheit und Ehrlichkeit, bic ber Kanzler in ber Dchanblung ter Lindequist- Angelegenheit belunbe: hat, mildern nicht die Nachrufe, die man in der offiziösen Presse diesem Manne nachgeschleudert hat.
Jene schmachvollen Zeiten, in denen fremde Machthaber über bic Grenzen Deutschland» Der fügten, sind unwiderbringlich dahin, das mögen sich die Herren vom Auslände gesagt sein lassen. D i e Beleidigung durch den e iglischen Minister waren in ber Qeffentlichkeit erfolgt; sie mußte deshalb in der Qeffentlichkeit zurückgenommen werben (Lebhafter Beifall.), und zwar sofort. (Lebhafter Beifall.) Wir


