Rach unseren Informationen ist der unS zugewiesene Kongo doch ein dermaßen klimatisch, gesundheitlich, sanitär, wirtschaftlich fragwürdiges Objekt. (Sehr richtig! und Heiterkeit.) Wrr wollen und können natürlich nicht in Abrede stellen, daß diese Wüsten und Sümpfe nicht einmal schließlich entwicklungs- fähig sind. (Heiterkeit.) Aber wir sagen uns, was hier der St a a t s s e kretär des Kolonialamts gemeint hat, als er mcht geglaubt hat. die Dinge mit seiner Verantwortung vertreten zu kirnen, das ist uns eigentlich ungeheuer v e r st a n d l i ch. (Zustimmung und Heiterkeit.) Wir neigen des- wegen der Meinung zu, daß man aus der Situation doch mehr hatte herausholen sollen. Der Staatssekretär des Auswärtigen wird uns entgegenhalten: Kritisieren ist leicht, wie aber bester machen? Die Algeeirasakte konnte natürlich nicht aufrecht. k'Men. werden, denn sie war zerrissen. Aber wir hätten uns vollständig freie Hand für unsere Ansprüche in der Zukunft behalten sollen und hätten auch den Entschluß haben müssen, sie in gegebener Zeit zur Tat zu machen. (Sehr richtig!) Frank- rerch fühlt sich bei der Situation jetzt ganz wohl. (Lebhafte Zustimmung.) DurchNachgiebigkeitsichernwir Ulis ab e r Nich t den Frieden, sondern durch das deutsche Schwert. (Lebhafter Beifall und starkes Nicken des Kumprinzen in der Hofloge.) Wir müssen gewillt sein, auch das Schwert zu gegebener Zeit zu ziehen. (Beifall.) Hageldicht ist die Kritik auf unsere Regierung herniedergesaust. Wir halten es nicht für richtig, die Regierung vor dem Aus- Ian d e h er u n t e r z u re i ß e n. (Zuruf links: Breslau!) Wir wollen in diesem Augenblick doch nicht ganz unter den Tisch fallen lasten, daß unsere deutschen Unterhändler ein Maß von Geduld, Arbeitskraft, Opfermut und Pflichtgefühl entwickelt haben, das durchaus aner- lennenswert ist. Das entbindet uns aber nicht von der Pflicht, darüber hinaus ein scharfes Urteil zu Hollen, ob die Art, in der da verfahren worden ist, richtig War. Aber wir dürfen nicht ganz vergessen, daß die Regierung auch Positionen gegenüberstand, in denen sie nicht ganz frei war, und daß es nicht ganz leicht war, unter allen Umständen sich Vor- teile und Zugeständnisse zu sichern, wenn man sich Positionen gegenüber befand, die schon zum Teil aufgegeben waren. Das müssen wir im Interesse der Gerechtigkeit' und der Würde der Natron feststellen, gerade in einem so schweren Augenblick, wie im gegenwärtigen. Da muß man davon absehen, in der Vergangenheit herumzugraben und alle möglichen Schuldigen herauszuholen. Da müssen wir den Blick wieder nach vorwärts richten. (Beifall rechts.)
Nun zu den Reden, die der Reichskanzler als „Tischrede n" bezeichnet hat. Wir und das ganze deutsche Volk legen diesen Reden doch eine etwas weitergehende Bedeutung bei als bloßen Tischredew Der Reichskanzler hat mitgeteilt, daß bei der Entsendung des „Panther" allen europäischen Höfen erklärt wurde, daß Deutschland keinen Landerwerb beabsichtige, worüber man an sich ja verschiedener Meinung sein kann. Also auch der englischen Regierung ist das mitgeteilt worden. Wenn man da nun einen solchen Ton hört, nicht bloß eine Tischrede, sondern eine Aussprache auf der Grundlage von Beratungen des ganzen Ministeriums in einer Sprache, die wir ganz einfach als eine Drohung, als eine Herausforderung und als eine demütigende Herausforderung ansehen müssen, dann handelt .es sich um andere Dinge als Tischreden. (Lebh. Beifall.) Das sind ganz sonderbare Tischreden, solche Tischreden verbittet sich das deutsche Volk. .'(Stürmischer Beifall.) Wenn es nun den Herren Engländern gefällt, diese Dinge zu vergessen, wenn sie nun angeblich nichts mehr davon wissen, nachdem es nicht gelungen ist, Frankreich und Deutschland in einen Krieg zu verwickeln, der vielleicht nicht zum Nachteile Englands gewesen wäre, so kann man das vom englischen Standpunkte aus verstehen. Aber wir Deutsche haben es noch nicht vergessen, und wir fragen uns, ob wir geträumt haben. Ist es nicht wahr, daß ein Botschafter an einem europäischen Hofe in einer Weise über uns sich ausgelassen hat, die uns die Schamröte ins Gesicht steigen ließ? (Lebh. Zustimmung.) Das kann man nicht aus der Welt schaffen. W i e ein Blitz in der Nacht hat das alles dem deutschen Volke gezeigt, wo sein Feind sitzt. Das deutsche Volk weiß es jetzt, wenn es sich in der Welt ausbreiten will, wenn es , den Platz an der Sonne haben will, wer dann derjenige ist, der über alles gebieten will. (Lebh. Beifall.) Das deutsche Volk wird in solchen Fällen eine deutsche Antwort zu geben wissen. (Erneuter Beifall.) Ich weiß nicht, welche Antwort die Regierung gegeben hat. Es handelt sich aber hier um die Existenz Deutschlands, so etwas läßt sich kein Volk und am allerwenigsten das deutsche Volk gefallen. Die Regierenden haben zu entscheiden, sie haben das Recht dazu, aber auch die Pflicht, und wir erwarten, daß sie von dem Gefühl der Ehre der deutschen Nation getragen werden. (Lebh. Beifall.) Ich erkläre aber, daß w i r Deutschen bereit sind, die erforderlichen Opfer zu bringen. (Beifall rechts. Stürmische Zurufe bei den Soz.: Aus den Taschen der Arbeiter! Großer Lärm rechts. Lebh. andauernde Unruhe.)
Präsident Graf Schwerin:
Wir müssen unter allen Umständen auf die Würde der Verhandlungen bedacht sein. Ich bitte, solche stürmischen Unter- brechungen im Interesse des Reiches und des Deutschen Reichstags zu unterlassen.
Abg. von Heydebrand:
Ich habe im Namen meiner politischen Freunde zu erklären, daß wir b e r e i t sind, wenn die Stunde und das Land und unsere Ehre es erfordern, nicht bloß Opfer zu bringen an Blut, sondern auch an Gut (Gelächter bei den Soz. und Zurufe: Erbschaftssteuer!); wir werden geben, was notwendig ist. Wir sind auch bereit, das Vermögen der Besitzenden auf dem Altar des Vaterlandes zu opfern. (Stürmisches Gelächter links und erneute Zurufe: Erbschaftssteuer!) Es soll das Vermögen der Lebendigen sein, nicht der Toten. (Großes Gelächter links und Rufe: Aha!) Man kann über die Erbschaftssteuer verschiedener Meinung sein. Aber nachdem wir gesehen haben, daß zwei Jahre lang wegen dieser Frage sich eine Kluft aufgetan hat in der bürgerlichen Gesellschaft, daß das Bürgertum gespalten ist von einem Ende zum anderen zum Schaden des Vaterlandes, dann sind wir der Meinung, daß nichteineneueKluft aufgetan wird, nicht ein neuer Streit angefacht wird, wenn eine nationale Tat geboren werden soll. Man mag nehmen, was notwendig ist, w i r ssindbereit.die Konsequenzen der ernsten Situativ n z u z te h e n; wir erwarten aber auch, daß die Regierung sich don denselben Gefühlen leiten läßt. Da gilt keine Regierung, kein Reichstag, kein Herr oder Knecht. Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr alles setzt an ihre Ehre. ssStürm. Beifall rechts.)
Staatssekretär des Auswärtigen d. Kiderlen-Wächter:
Auf einen Punkt der Ausführung des Vorredners muß ich sofort antworten. E§ ist in der „Neuen Freien Presse" ein Artikel erschienen, welcher dem englischen Botschafter
Wien zugeschrieben worden ist. Wir haben bei der eng- tischen Regierung >ofort deswegen angefragt und die englische Regierung hat amtlich erklärt und uns ausdrücklich ermächtigt, diese Erklärung zu veröffentlichen, daß der Bot- ichafter weder zu der Veröffentlichung des Ar- trkelHin irgend welchen Beziehungen steht, noch °° ».die serArtikel durch irgend ein Mittel der ® 0 ? a U ? elT "Nutzt war. (Zuruf rechts: Wer weiß, ob les wahr ist.) Das ist doch die allermindeste nationale Co urtoi sie , daß, wenn eine Regierung uns eine amtliche Erklärung abgibt, wir ihr Glauben schenken, und man dann nicht von uns verlangen kann, daß wir in eine solche Erklärung ein Mißtrauen setzen.
Abg. Bebel (Soz.):
Wenn der Abgeordnete von Heydebrand' es für notwendig erklärt hat, daß in dieser Angelegenheit der Reichstag ein Urteil fälle, so kann das nur geschehen, indem der Reichstag in die Lage kommt, über die Vorlage abstimmen zu können. (Sehr wahr! bei den Soz.) In diesen Tagen wird das gleiche Abkommen der französischen Kammer zur Beschluß- fastung vorgelegt und mit ihm auch die in der Marokkofrage zwilchen den Regierungen gewechselten Noten, auf deren Vor- lage wir noch gar keine Aussicht haben. Herr von Heydebrand, der Sie so viel von der Ehre der deutschen Nation gesprochen haben, empfinden Sie es denn gar nicht, daß es eine Schmach u b en Reichstag i st, wenn ihm zu g e m u t e t wird, fr über diese Vorlage nur reden, aber kein Ur
teil über sie fällen! (Lebhafte Zustimmung bei den So^ £ e.r^ "..o" Heydebrand hat vom Standpunkt des velchrankten Untertanenverstandes gesprochen, der das, was die Regierung tut, auch wenn er nicht damit einverstanden ist, nicht ernstlich kritisieren darf. Aber auf der anderen Seite wollen Sie in der Regierung immer /Feauftrapte der herrschenden Klassen erblicken, wie das in der Breslauer Rede des Herrn von Heyde- brandt zum Ausdruck gekommen ist. Das ist ja auch weiter nichts, als eine Bestätigung dessen, was Marx und Engels schon 1847 im kommunistischen Manifest (Lachen rechts) geschrieben haben:
•er9ierun6en sind nichts weiter als die Verwaltungsaus- aussckuste der besitzenden Klaffe. Die es mit Ihrer Opferwillig- teit ftent, haben Sie ja bei der Finanzreiorm gezeigt. Alles haben Sie auf bi e Sch ultern der Armen und Gien« i gewalzt (Stürmisches Oho rechts! Lebhafte Zustimmung iints.)- Und gegen eine gerechte Einkommen- und Erbschaftssteuer strauben Sie sich. Der Abgeordnete von Oldenburg hat ja erklärt, einem Reichstag, der aus dein allgemeinen Wahlrecht hervorgegangen ist, vertrauen wir unser Portemonnaie nicht
(Hori! Hört! links) und Sie die dem preußischen Volke sogar das einfachste bürgerliche Recht, das allgemeine Wahlrecht verweigern, Sie sollten den Mund halten, wenn von C-Pfer Willigkeit geredet wird. (Sehr wahr! links.) Herr von Hehdebrandt bat nicht sagen können, was bester gemacht werden sollte. Seine Kritik läuft doch hinaus auf den .Krieg; denn, w en n kein Einverständnis zwischen Deutschland und Frankreich zustande gekommen wäre und man ohne Resultat auseinander gegangen wäre, dann wäre die toll st e Kriegs- h e tz e losgegangen. (Lebhafte Zustimmung bei den Soz.) Wir haben unsern Antrag gestellt, weil wir es uns nicht länger gefallen lassen dürfen, daß der Reichstag als „quantite neghgeable behandelt wird. In diesem Sommer ist aus allen bürgerlichen Lagern dagegen protestiert worden, daß der Reichstag in den Hintergrund gedrängt wird, daß das Volk nichts zu sagen habe, aber nun, wo Sie die Gelegenheit haben, Abhilfe zu schaffen, da sind Sie die ersten, die sich weigern, gegen diese ^E^vgfchatzung des deutschen Volkes vorzugehen. England, Italien, Oesterreich, sogar die Türkei und nach dem Verfassungsentwurf auch schon das chinesische Parlament haben ,2".a;fkertrane zu genehmigen, aber der deutsche Reichstag nicht. (H°rtl Hort! links.) Herr von Hevdebrand hat die marokkanischen Zustande besprochen. Die Zustände in den preußischen provinz e n sind viel dunkler: d a s i st u n s e r M a r o k k o. (Große Heiterkeit.) Aber darüber regen Sie sich nicht ■ ’ ~c* Durch dieses Abkommen soll ein Stück
einer Kolonie abgetreten werden, daß Deutschland
bisher schwere Opfer verursacht hat. Wir aber sollen gar nichts darüber beschließen dürfen. Nehmen Sie doch unseren Antrag an, damit es anders wird. — Als dem Redner bei seinen weiteren e Forderung einer schärferen Marokkopolitik gerichteten Ausführungen von der Rechten zugerufen wird, daß er doch ganz
t.Inne . Reichskanzlers spreche, erwidert er: Wir haben ja auch den russischen Handelsvertrag mit unseren Stimmen gerettet und die elsaß-lothringische Verfassung.
Äch schrecke gar nicht davor zurück, an der c i t e der Regierung zu stehen, wenn sie einmal vernünftig ist. (Lebhafte Heiterkeit.) Wir beraten heute über einen Vertrag, der das Schicksal eines Landes bestimmt, über °a£ lvir gar kein Verfügungsrecht haben. Tie Regierung von Marokko ist gar nicht um ihre Meinung gekragt worden. Das ist zwar m der Form anders, aber in der Sache ganz dasselbe, wie die brutale Machtpolitik Italiens um Tripolis, das über das Land herfällt und es, ohne das geringste Anrecht darauf zu besitzen, für einverleibt erklärt. Es ist hier von dem Kolonialangebot gesprochen worden, das Frankreich seinerzeit dem Reichskanzler Bülow gemacht hat. Aber das war wenige Monate n der Reise des Kaisers nach Tanger, wo er erklärte, jederzeit für die volle Souveränität des marokkanischen Reiches eintreten zu wollen. Gerade so, wie er ja sieben Jahre vorher den Türken erklärt hat, daß alle Mohammedaner auf der ganzen Welt wissen sollen, daß der deutsche Kaiser immer ihr Freund sein werde. (Hört! Hört! vei den Soz.) Kurz vor der Marokkokonferenz gab Fürst Bülow hier die Erklärung ab, Deutschland verlange keine Gebietsabtretung, sondern nur Achtung der bestehenden Verträge und seiner wirtschaftlichen Interessen. Kein Mitglied der bürgerlichen Partei dieses Hauses hat gegen diese Erklärung Protest erhoben. (Hört! Hört! b. d. Soz.) Beim Februarabkommen 1909 wurde ausdrücklich erklärt, daß Deutschland in Marokko nur wirtschaftliche Interessen habe, daß aber die politischen Interessen ausschließlich Frankreichs Sache seien. In der Debatte erklärte damals Frhr. v. Hertling, daß es wegen Marokko keinen Krieg geben dürfte, und Abg. Bassermann erklärte sich vollkommen einverstanden mit jenem Abkommen, überzeugt, dah das französische Protektorat in Marokko segensreich, auch auf die Beziehungen Deutschlands zu Frankreich wirken werde. (Große Heiterkeit und lebh. Hört! Hört! b. d. Soz.) Die ganze Kolonialpolitik ist Kapital! st en^olitik. 1
Wir hätten keine größere Dummheit machen können, als uns m Agadir feftzusetzen Zwei Armeekorps hätten wir ständig in Marokko bereit halten müssen. Aber wie hat die alldeutsche Presse gewütet. In welcher Weise zog man die Person des Kaisers in d'e Debatte! Hätten sich sozialdemokratische Redakteure das erlaubt, sie hätten es mit jahrelangem Gefängnis gebüßt! Die tollsten Nachrichten schwirrten in der alldeutschen Presse umher, die doch Informationen vom Auswärtigen Amt be- zieht! Wie war das möglich? Wie konnte die Negierung das alles unwidersprochen lassen? Man spielte mit dem Gedanken eines auswärtigen Krieges, weil man glaubte, so am besten mit der Sozialdemokratie fertig zu werden. So machte es auch Napoleon III., der damit die Revolution heraufbeschwor. Das ist auch der Ton des Herrn v. Heydebrand, der erklärte, zu Opfern bereit zu sein. Keine größere Lüge, keine größere Heuchelei ist je dagewesen. (Lebhafter Beifall links.) Die Rechte und das Zentrum haben noch nie bewiesen, daß sie zu Opfern bereit sind. (Lebhafte Zustimmung links.) Tas Reich ist ein Reich der Neichen!
Wir könnten nichts Vernünftigeres tun, als uns mit Eng- land verständigen, und aus dem Dreibund einen Vier- bund zu machen. Er hätte die Herrschaft der Welt. Aber jetzt gehen die Rüstungen weiter, und das Zentrum schluckt alles. Es geht mit ihm ständig rückwärts. Es wird auch eine neue Flottenvorlage, eine neue Militärvorlage und neue indirekte Steuern schlucken! (Der Kronprinz hat während der Rede Bebels den Saal verlassen.)
Ich bin der Ansicht, daß von Frankreich nicht mehr herausgeholt werden konnte, als im gegenwärtigen Moment herausgeholt worden ist. (Hört! Hort!) Frankreich hat alle Macht, der Sultan von Marokko ist eine Puppe in seiner Hand. Ob Frankreich viel Freude an Marokko haben wird, ist die Frage. Es muß 60= bis 60 000 Mann stets in Marokko halten. Ganz Nordafrika wird in absehbarer Zeit in den Europäern den gemeinsamen Feind erkennen. Der Kongovertrag ist nichts teert. DaS ist schon dadurch bewiesen, dah ein sachverständiger Mann
wie Lindequist dagegen ist. etn Mann, der sich auch nach unserer Meinung bemüht hat, Ordnung, Recht und Gesetz in den Kolonien zu schaffen. Wenn aber jetzt weiter gerüstet wird, dann kommt die Katastrophe. Auf den großen Generalmarsch aber folgt der große Kladderadatsch. (Gelächter rechts.) Er ist nur vertagt. (Heiterkeit rechts.) Sie treiben es auf die Spitze. Sie selbst haben die Götterdämmerung der bürgerlichen Gesell- schäft herbeigeführt. Das Totenglöckchen läutet. (Beifall b. d. Soz.)
Abg. Bassermann (Natl.):
Der Abg. Bebel hat heute wieder den bekannten Standpunkt der Sozialdemokratie pertreicn, dw alle Kolonialpolitik auf großkapitalistische Bestrebungen zurückführt. Ter Abg. Bebel und mit Am seine Partei wird die weltwirtschaftliche Entwicklung der Völker nicht ändern können. Taß sich daraus Reibungen ergeben, ist unvermeidlich, und das wird auch dos Programm der Sozial- demokratir nicht ändern. Frhr. von Hertling hat die lieber- Weisung der Denkschrift und der dazu gestellten Verfassungsanträge an die Vudgetkommission beantragt. Meine Freunde stimmen diesem Anträge zu und erwarten eine eingehende Er. örterung sowohl der Grundlagen des Marokko- und Kongo-Ab- kommens, wie sie auch die Erörterung der Verfassungsfragen für nützlich und notwendig halten Die Vorbereitung dieser Debatte ist durchaus ungenügend. (Sehr richtig!) Wir haben zuerst nichts bekommen als den Vertragstext und eine unzu- reichende Karte Tas Weißbuch, das uns über die 93er- handlungen mit Frankreich in allen Stadien Auskunft geben sollte haben wir nicht bekommen, auch keinerlei Schriftstücke über die Verhandlu igen mit England, die sich aus den wiederholten Ministerreden ergeben haben. Ich möchte auch wünschen, daß uns bezüglich der Verfassungsfragen, die ja auch seitens der verbün» beten Regierungen wenigstens bezüglich der Erwerbung und Veräußerung von Kolonialbesitz als zweifelhaft anerkannt werden, das Gutachten des Reichsjustizamtes zugänglich gemacht wird. (Sehr richtig!)
Es wäre wünschenswert gewesen, daß man den Reichstag mit ausführlichem Material versehen hätte und nicht mit diesem dürftigen Material, wie es geschehen ist, was ja vielfach den Eindruck einer gewissen Mißachtung des Reichstages hervorruft. Diese ganzen Fragen haben die Reform- bedürftigkeit unseres Jnterpellationsrechtes u. a. auch erwiesen. So kann es nicht bleiben, daß es ausschließlich in die Hand der Regierung gelegt ist, wenn eine Interpellation beantwortet werden soll. Es wird Sache des kommenden Reichstags sein, auf diesem Gebiete des Jnterpellationsrechtes, aber auch darüber hinaus in bezug auf die Verantwortlichkeit des Reichskanzlers Aenderungen zu schaffen. Uns scheint es, daß rechtlich das Marokkoabkommen der Genehmigung des Reichstags nicht bedarf. Wenn wir die Anregung im Seniorenkonvent gaben, es möchte dieses Abkommen zum mindesten hier vorgelegt werden, so lvar das in Rücksicht auf die Wichtigkeit der ganzen Materie. Es ist von Staatsrechtslehrern, u. a. von Laband, darauf hingewiesen worden, daß es selbstverständlich in jedem einzelnen Falle anheimgegeben ist, den Weg der Reichstagsgesetzgebung zu wählen. Fürst Bismarck hat 1884 erklärt, daß jede überseeische Politik nur mit Erfolg zu treiben fei. wenn sie von der Mehrheit des Parlaments getragen werde. So war also auch Bismarck der Meinung, daß die Kolonialpolitik getragen werden solle von dem Willen der Nation, der sich verkörpert in dem P a r I a m c n t. (Sehr richtig!) Aus dieser Auffassung ergibt sich die Konsequenz, daß es allerdings richtiger wäre, unter Verzicht auf verfassungsmäßige Bestimmungen den Weg der Reichsgesetzgebung zu beschreiten. (Zustimmung links.) Als die Reichsverfassung gemacht wurde, hat man an Kolonialgebiete noch nicht gedacht. Sßir haben aber weiter vom Reichskanzler gehört, daß das Konaoabkommen eine Reihe von finanziellen Folgen für Deutschland hat; da wäre es doch ein Gebot der Billigkeit, die Grundlage dieser Kosten vom Parlament genehmigen zu lassen. (Sehr richtig!) Lediglich in trockener Burcaukratenart sollte man solche Fragen nicht zu lösen suchen, sondern auch auf das Gefühl des deutschen Volkes Rücksicht nehmen (Lebhafte Zu- stimmung links.), daran denken, daß es auch ein nationales Empfinden gibt (Lebhafte Zustimmung.), daß unsere Nation mündig geworden ist und wir mitsprechen wollen auch als Gesetzgeber. (Lebhafter Beifall links.)
Eine ausgiebige Kritik der au swä rügen Polü t i k, nachdem sie Monate durchs Land gegangen ist und die Erregung heute noch in den Herzen deutscher Patrioten nachzittert, erachte ich nicht nur als unser Recht, sondern auch als unsere patriotische Pflicht. (Zustimmung links.) Das Ansehen der Regierung wird durch sachliche Kritik nicht geschädigt. (Zu- stimmung.) Das richtet sich danach, ob sie es versteht, sich Achtung zu verschaffen. Und wenn wir hier mit Engelszungen den Reichs- kanzler loben, im Lande werden die Steine sprechen. Und es ist auch keine Parteisache, wie ein Redner meinte. Aus allen Parteien heraus, jedenfalls aus allen bürgerlichen, erschallt der Not» schrei über das, was wir in diesen Tagen erlebt haben. Herr von Heydebrand meint, man dürfe der Regierung nicht in den Rücken fallen. Davon ist doch nicht die Rede. Sachliche objektive Kritik und Abwägung dessen, was Deutschland genützt hätte und ihm im vorliegenden Fall geschadet hat, das verlangen wir. Auch Herr von Heydebrand bat ja in Breslau kein Blatt vor den Mund' genommen. (Hört! Hört!)
Es ist gesagt worden, das Marokkoabkommen sei gewissermaßen der Abschluß der bisherigen Marokkopolitik. Ich kann diesem Gedankengang nicht folgen. Die deutsche Marokkopolitik war nach zwei Richtungen orientiert.
Es ist nicht richtig, wenn Frhr. v. Hertling von einer Inkonsequenz, vor allem der B ü l o w s, in der Marokkopolitik spricht. Tiefe Bülowsche Politik mag in mancher Phase nicht richtig gewesen sein, aber konsequent war sie. Es ist die Bis- marcksche Politik weitergeführt worden, die da sagte, wir wollen uns freuen, wenn Frankreich sich Marokko aneignet, es bekommt dort viel zu tun. Es ist dies ein ganz bestimmter Gesichtspunkt aus der Zeit der siebziger Jahre, wo der Revanche- gebaute in Frankreich noch viel stärker lebte als heute. Bismarck wollte das Auge Frankreichs von der V o g e s e n g r e n z e ablenken. Ob er heute noch dieser Ansicht wäre, erscheint mir angesichts des großen Soldalenreservoirs in Ma- rokko zweifelhaft. Gewiß, einstweilen wird Frankreich Soldaten nach Marokko zu schicken haben, aber wenn das Land erst von französischer Herrschaft durchdrungen ist, und wenn dann dec ernste Moment der Abrechnung zwischen uns und Frankreich kommt, glauben Sie da nicht, daß es leicht fein wird, die kriege- rischen Stämme Marokkos auch für einen Krieg auf dem Festlande zu begeistern? Lesen Sie doch nur die französischen Bücher, und hat nicht auch Telcasse gesagt, daß es möglich sein werde, drei Armeekorps aus Marokko zu ziehen? Zum Zweiten konnte man damals nicht Voraussehen, welche wirtschaftlichen Werte in Marokko stecken, und endlich bleibt noch der eine große Gesichtspunkt, der auch in der Rede Caillaux' hervorgehoben wurde, Frankreich sei durch das Abkommen mit einemmal eine islamitische Vormacht geworden Also ob Bismarck heute noch so sprechen würde, tois damals, ist sehr fraglich, jedenfalls wurde in der Vülowperiode seine Politik konsequent durchgehalten. Er hat in vielen Reden in diesem Hause, so im Dezember 1905 und am 29. November 1907, immer wieder dieselben Grundsätze seiner Marokkopolitik auseinandergesetzt, die darauf hinauslief: Keine territorialen Erwerbungen, Anerkennung der Souveränität des Sultans und Integrität des Scherifischen Reiches, andererseits offene Tür für uns und Freiheit, uns wirtschaftlich dort zu betätigen. Das war ein ganz klares Programm des leitencen Staatsmannes
Ed ist richtig, daß die großen Parteien dieses Hanfes mit diesem Proaramm einverstanden waren. Was die Kaiser- reife und die Kais-"-rede in Tanger anbetrifst, so habe ich bereits vor Jahren dem Zweifel Ausdruck gegeben, ob


