Ausgabe 
10.11.1911 Drittes Blatt
 
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fahr, damit ni4jl tem Vaterland-, sondern den Fremden zn tienen oder zum mindesten die Schadensrcude freundlicher Nackbarn au», jiuläirn. Na» auch nicht erfreulich ist. Manche» spricht da» für bofj die heilige Verhandlung zueinergrotzen inner- politischen Aktion sich auSwacksen soll. Wir L^b'N enfcrerfeit» gar keinen Anlaß. ur« bnwn zu h/-»:ibgtn. (Sehr wahr! nn Zentrum.) 7»ck habe fcüh.'r zu einer Zeit wo weine Freunde allen Anlas? gch.il'» hätten um eine reckt leiden- frhofthdic Kritik an dem Scucr der auswärtigen Politik hier zu Eben, ausdrücklich den Grundsatz fc-irtlfn, das? bei Fragen der <n swärtig-n Politik teT Partei slandpunk« znrückzu » treten habe. lS-hr wahr! im Zentrum.) Denn non anderer Seite der VerluL gemacht werden sollte, In* Ergebnis einer Po­litik. die sie selbst m frülicren Ltadien gebilligt haben (Sr^r wahr! recht»). nunmehr im Interesse ihrer Par'.eiwünschc zu frufti» fizie'en, so überlasse ich da» ihnen (§c''r gut! im Zentrum.)

Ter 9! ü ck b l i ck nvf die siel

kein erfreulicher. Die Marokkopal-tik ift fein Ruh» me » blatt in der deutschen beschichte. sZustim- mung.) Diese Politik war keine ständige, die war nicht von einem festen Willen diktiert. Cie war durchaus nicht frei cinerscit» von Unvorl'ck ' "leiten, anterrrfeit» von Haiidl"nacn. sic den Varlvnr der Schwäche unv eintrugen. Tie Demonstration in Tanger war in meinen Augen ein Unglück. WaS ttuir denn eigentlich der Zweck d'escr Demonstration, jener Fahrt nach Tan­ger für die der damalige Reichskanzler hier im Haulc die Verant- Wortung ausdrücklich übernommen bat? Der Reichskanzler bat 1904 hier erklärt, bafo das englisch.franwnfcke Abkommen keine Hhe gegen Deutschland richte. Darum dann in Tanger da» ausdrückliche Hervorheben der vollkommenen Unabhängigkeit und Souveränität deö Sul. t a n ö? Es muhte eine Aufstachelung des Souverö» nitätSgefühlS des Sultans angenommen werden, die ihre Spitze gegen das englisck.französiscke Abkommen richtete. Durch die Fahrt nach Tanger muhte ter A n s ch c i n erweckt wer­den, als ob der Sultan nun den Schuh des mächtigen Deutschen Reiches geniehen werde. Wenige Iabre später hatte c» die deutsche Diplomatie gar nicht eilig genug, um die Anerkennung des Rebellen Mulap Hafid zu erzwingen. Man hat dann deutscherseits allen Wert darauf gelegt, die Marokkofrage zu internationalisieren. kam die Konferenz von Algeciras. Ich habe schon 190R hier erklärt, doh wir m*t einem blauen Auge von Algeciras davongekommen wären. Aber trohbem wir bic Frage internationalisieren wollten, sind wir bereits 1909 ba;u über- geaangen ein S"nberabk->n""en n.it Feonkreich iu trefken. also einen anderen Weg zu beschreiten. Da» sind bedenkliche Schwankungen, bedenkliche Inkonsequenzen der Marokkovolitik Schon 1904 bat der verstorbene Ab- geordnete Graf R e v e n t l o w eine energische Marokkopolitik gefordert. AIS der damalige Reichskanzler ibn fragte, ob er denn wegen Marokko vom Leder ziehen solle, bat Graf Re"entlow erwidert, daran denke er nicht, aber er hätte gewünscht, bah die Verbanblungen. bic in bet Tat von feiten de» Reichskanzlers mit Frankreich gepflogen worben finb unb in benen bic Rebe von bcr Ueberlasiuna eines Hasen», einer Küste Marokko» war. mit mehr biplomatischern Nachdruck geführt worben wären. (?8 ist niemals eine Aufklärung über biefe Aeuherdng des bamalkgen Abgeordaeten erfolat. ob bamals wirklich Gelegenheit gewesen wäre, zu einer Verständigung mit Frankreich zu kommen. Dann ober sol' nach bcr Entlassung Delcall"» bcr frühere M i - nister Rouvier zu einer verstänbigung mit Teuti.-Hnnb bereit gewesen fein, unb er fall, was eines pikanten Beigeschmacks angesichts 'deS jetzigen Ergebnisses nicht entbehrt auf bie Kompensation in Kongo hingewiesen haben. Rach Gerüchten soll ein anbercr französischer Minister, Pichon, zu einer «mbcien Zeit z u weitergeh enbcm Anerbieten Deutschland gegenüber bereit gewesen sein auf Grund territorialer Abtretungen. Also unsere Politik entbehrt nicht bcr Inkonfeouenz, aber anbererfeits ber Stetigkeit, bcr Festigkeit unb bcr Voraussicht. Sie bat bie beutsche Polit'k auch für bic weitere Zukunft festgelegt. Wir bürfen nicht vergessen, daß wir uns von Anfang an gegen territoriale Erwerbungen in Marokko ausgesprochen hatten.

Der frühere Reichskanzler hat in biefem Hause mitgeteilt, dah ber Kaiser dem Könige von Spanien ausdrücklich erklärt habe, er denke nicht an territoriale Erwerbungen in Marokko. Ebenso ist von diesem Hause stets betont worden, dah wir solche Erwer­bungen nicht wünschen. Herr von Kardorsf. das leider verstör» bene hochgeachtete Mitglied dieses Hauses, hat 1905 ausdrücklich erklärt, er perhorreSziere territoriale Erwerbungen in Marokko. Dagegen ist immer die offene Tür und ber freie Wettbewerb des europäischen Handels in Marokko verlangt worden. Noch in dem Abkommen von 1909 hat Deutschland auf jedes wirtschaftliche Sonderrecht verzichtet. Wenn wir daS Ergebnis betrachten, das uns jetzt vorgelegt worden ist, so muffen wir sagen, bah c5 b i e Hinterlassenschaft bildet, die die Liquidatoren nach 1909 zu regeln hatten. (Zustimmung im Zentrum.) Der Reichskanzler hat uns vorhin mitgctcilt, wann unb warum e» notwendig war, bie Verbanblungen mit Frankreich aufzunehmen Nun haben diese Verhandlungen itattgefunben. Sie find in Deutschland begleitet worden mit wachsendem Mißbehagen, mit einem großen U n mut, der weite Kreise unscreSVolkes wegen der ganzen auf Marokko gerichteten Politik durchwehte. Dabei kamen alle jene Irrungen unb vermeinten verpaßten Gelegen­heiten der höheren Politik wieder in die Erinnerung, und daS vorhandene Mißbehagen, ber in weiten Kreisen vorhanbene Un­mut, verwandelte sich in Helle Z o r n e S f I a m m e n , als jene bekannte ÜW i n i ft c r r e b c von jenseits des Kanals herül>erfchallte.

Die Erregung, die damals weite Kreise unseres Volkes er­füllte, erinnert an die Bewegung von 1870. ES war in bcr_ Tat eine große nationale Bewegung, wie sie nicht häufig im deutschen Volke vorkommt. Der Unmut hatte sich gesteigert. Als der ^Panther" nach Agadir geschickt wurde, erschien es vielen von uns als ein erwünschtes Zeichen, einer jetzt ein- tretenden aktiven Politik. Dann kamen aber wieder Ge­rüchte, als ob auch dieses Vorgehen fehlerhaft gewesen sei, als ob man sich nachträglich auf etwas anderes besonnen hätte.

Ich habe einige Fragen an den Reichskanzler zu richten, die er zum Teil schon beantwortet hat, ich wünschte aber, daß er noch ndähcr darauf eingeht. ES ist behauptet worden, daß die Entsendung deS -Panther" den Erwerb terri­torialer Striche in Marokko zur Ausgabe gehabt, und die Absicht sei infolge der englischen Drobung zurückge- stellt worden. Ich habe das niemals geglaubt. Wir haben auch vom Reichskanzler gehört, daß daS nicht der Fall war. Ich muß aber fragen, was denn geschehen ist. um j c_n e r englischen Provokation entgengutr et en. (Hört l Hörti). Man kann doch wohl aiinehmen, daß Deutschland die Drohung nicht ohne weiteres hingenommen hat. Es wäre nickt unerwünscht, wenn der Reichskanzler bestimmtere Mitteilungen darüber machen würde. Dann möchte ich fragen, was an jenen Gerüchten dran ist, über Verhandlungen, die wir mit Frank­reich allein hätten cingehen können. Von dem verstorbenen Ab­geordneten Graf Revcntlow ist darauf hingcwiesen, daß wir schon 1904 zu Verhandlungen vorteilhafter Art von Frankreich aufgef ordert worden sind. 1905 soll ein Anerbieten von Rouvier erfolgt fein, weitere Anerbietungen bann von Pichon.

Der Mißmut deS Volkes mußte durch allerlei Gerüchte ge­steigert werden. Ein Teil der Presse kann von dem Vor­wurf nicht freigesprochen werden, daß er die schwierigen Aufgaben unserer deutschen Unterhändler noch außerordent­lich erschwert hat. Die ausländische Presse ging natürlich voran. Aber ein Teil der deutschen Presse hat sich nur zu gern dazu hergegeben, aufregende Nackr'ckten zu kolportieren. Denn russische, französische, italienische Blätter etwas gu melden wußten don der Nachgiebigkeit der deutschen Regierung, oder

wle e» gelungen fef, bic deutsche Regierung wieder zu über­tölpeln. ra fanden sch oculiche Blätter, bic da» als Tatsache weiter verbreiteten. So ist bie unmutige Stimmung tc» deut­schen Volke» immer mehr genährt worden, bis zum Schluß unb zum Uebcrdruß noch ber Rücktritt b c 8 Kolonial- staatesckretärs erfolgte, ber felbstvcrstänblich alt- ein voilstänvgeS Desavou dessen, wa» erreicht wo'den ist, gedeutet werden mußte. I.h will nur bic gründ- sätzl .che ,< rnge ff reift n unb darauf Hinweisen, baß wir scinerzcit negen bic Errickinna eines «ell-stänbigen Kolonialamtes schwere mit den leitenden Stellen de» Reiches vorouSsahen, und weil eine c nheitlicke Leitung der Pr-l>tik notwend g ist. Man wird ernstl ck cr'väzcn müssen, ob c5 nicht nützlich ist -u der früheren Einrichtung zurückzukebren und daß selbständige Ko- lonialamt au mu heben unb als eine Abteilung bcS Auswärtigen Amtes weiter bestehen zu lassen. (Hörti Härt! unb Heiterkeit.)

Bei der bedauernswerten Angelegenheit des Herrn von Linde- auift ist auch von Indiskretionen in der Presse bie Rebe nctDcfrn. Ich hin der Meinung, daß die offiziöse presse durchaus nicht n uf bcr H56e der vi uf gäbe gestanden hat. (Lebhafte Zustimmung.) Sie bat eS burcbmiS nicht verstanden, bie öffentliche Meinung in der richtigen WcEe zu belehren un** im Sinne der Regierung auch zu dirigieren. Es ist eine unglückliche Einrichtung daß nur nickt ein. sondern drei PrcsscburcauS haben nämlich dos deS Auswärtigen Amts, daß deS Marineamt? und da» les RcickSkclonialamtS. ES kann gar nickt au »bleiben, daß die v-rickiedenen Strömungen und Richtungen in diesen getrennten Ressorts auch gegeneinander in der Presse zum Ausdruck kommen, und daß ein Kampf von Rcffort gegen Reffort stattstnbet. Dazu kommt die anßerordentlick ungleiche Bcbanblung die den Ze'fungen zuteil wird, bie Be­vorzugung einzelner Zeitungen.

Nun zum Abkommen selbst. ES entspricht dem Ab­kommen von 1909 neck ber wirtschaftlichen Seife nach bcr poli­tischen aber nicht. 190g war auck von französischer Seife noch die Unabhängigkeit Marokkos anerkannt worben, bie ist heute nickt mehr vorhanden .Heute ist Marokko ein von Frankreich ab­hängiger Staat. Marokko ffebt unter französischem Protektorat

Auck wir flehen mit gewissen Sorgen bem Abkommen gegen­über. Es ist ja eine Reibe von Bestimmungen getroffen, bic bie Gleichheit bcr Nationen verbürgen sollen bei der Ausschreibung von Arbeiten, aber sind wir denn sicher gegen eine stillschweigende Umgebung dieser Bestimmungen? (Sehr richtig!) Die Ausschrei­bungen sollen zwar so erfolgen, daß alle Nationen gleichmäßig davon profitieren können aber c5 bleibt doch möglich, daß durch die Art ber Ausschreibung zum Beispiel auck im Hinblick auf die Lieferungsfristen einzelne Nationen bevorzugt werden, es können in dieser Beziehung vielleicht geheime Abmachungen einen unheilvollen Einfluß auSüben. Auck bic Artikel 9 unb 12 sind uns bedenklich, weil sie, solange kein Rechtsweg gegeben ist, auf Schiedsgerichte und künftige Vereinbarungen verweisen. Ich fürchte, daß darin lcickt ber Keim des Mißtrauens unb von Streitigkeiten liegen kann zumal gerade wir bei Schiedsgerichten gewöhnlich nickt besonders gut abgescknitten haben. Noch eine an- bere Frage: Ick habe imT e in p S" dem man ja Beziehungen zum französischen Ministerium nachsagt, gelesen, unb zwar in Form einer sehr bestimmten Angabe, daß Deutschland eine be­vorzugte wirtschaftliche Stellung in Marokko ber. langt habe, daß diese Forderung aber von Frankreich fatego» risch zurückgewiesen fei. Es wäre erwünscht, darüber Aufklärung zu erhalten. Kompensationen waren natürlich nötig, wenn man Frankreich so freie Hand in Marokko lassen wollte. Am besten wäre eS vielleicht gewesen, sie in bcr Abschaffung mancher Zölle zu suchen. Ich weiß nickt, ob barüber Verhandlungen ge­pflogen sind, und wünsche auch hierüber Aufklärung. L a n v k o m> penfationen kamen natürlich nur in Afrika in Frage. Gerade über diesen Teil deS Abkommens ist ja die Schale bitterster Kritik über- ui b übermäßig ausgegossen worden, immerhin ist dock zu sagen, daß wir unterhalb des Entenschnabels ein wert­volles Gebiet erhalten haben, daS in unserem Zugang zu den großen Strömen ein großer Vorteil für unsere Schiffahrt unb den Handel liegt, wenn allerdings auch zuzugeben ist. daß wir auch einige weniger wertvolle Gebiete in den Kauf nehmen mußten, unb bah speziell in ber Schlafkrankheit unb in ben Konzessionen schwerwiegende Mängel liegen. Bezüglich der Konzessionen werden wir in ber Kommission nähere Auskunft foroern, wie sie sich mit bet Kongoakte vereinbaren lassen. Bezüglich der Etappen st raße wurde in den Zeitungen so getan, als ob es sich da geradezu um französisches Gebiet handeln werde, wo die französische Flagge gehißt würde usw. ES handelt sich doch nur um Magazin- und Verpflegungsstationen; aber die Gefahr besteht, daß sich wegen dieser Stationen Streitigkeiten erheben können, und es muß daher bei der Verpachtung der betreffenden Landstriche an Frankreich sehr genaue Vorsorge getroffen werden, daß solche Streitigkeiten nicht auskommen können.

Als bie wichtigste Errungenschaft dieses Abkommens wird die Erzielung eines besseren Einvernehmens mit Frankreich hingestellt. Keiner von uns würde ein solches besseres Einvernehmen nicht von Herzen begrüßen. Wir alle wünschen, mit Frankreich in ein gutes Verhältnis zu kommen. Cb aber das Abkommen dieses Ziel erreichen wird, wer kann es wissen? Erst unter dem 7. November erschien in dem allerdings deutschfeindlichenEclair" ein Artikel, der solche Hoffnungen als ganz illusorisch erscheinen läßt. Dort heißt es, wenn man glaube, daß durch das Abkommen ein solides Fundament für freund- schaftliche Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland ge­schaffen sei, so irre man. WaS Frankreich verlange, sei n a ch w i c vor bic Erfüllung seiner Revanchegedanken. Das ist freilich eine einzelne Stimme, aber derartige Stimmungen bestehen nun einmal in Frankreich und man kann nicht wissen, wann sie die Oberhand gewinnen. Daß die heutige Regierung in Frankreich friedfertig ist, ist meine feste Ueberzeugung, und das haben auch die Verhandlungen gezeigt. Eins ist klar ge­worden durch die Marokkopolitik: daßdiewohlgemeinten Friedensbestrebungen und Verständigungsversuche recht wenig wirklichen Wert besitzen, sie scheitern an der Macht der Tatsachen, an den widerstrebenden wirtschaft, liehen Interessen, an dem steigenden Weltverkehr und den politi- scken Leidenschaften. Ist eS nicht eine Ironie des Schicksals, daß am SO. September ein Friedenskongreß nach Rom einberufen wurde (Heiterkeit.), der eine Fahri nach Konstantinopel unter- nehmen wollte, die freilich hinterher abbestellt werden mußte. (Heiterkeit.) Ick glaube, wir haben während der Verhandlungen etwas zu viel von unserer Friedensliebe ge­sprochen. Gewiß, wir sind ein friedliches Volk, wir find auch ein kräftiges Volk. Wir find nicht mehr das Volk der Hunger­leider, als daS man uns so gern hinstellt. Wenn man glaubt, uns auf finanziellem Gebiete schlagen zu können, indem man auf bie Schwäche unserer Börsen und die Unsicherheit des Publikums, das die Sparkassen stürmt, hinweift, so find das törichte Hoff­nungen. Wir sind finanziell gerüstet und dank unserer Reichsfinanzreform . . . (Großer Lärm, in bem die weiteren Worte des Redners untergehen.) Das sind Tatsachen, die Sic durch Ihren Lärm nicht aus der Welt schaffen. (Lebhafter Beifall recht» und im Zentr.) Wir sollten bedenken, daß wir mir unseren itetigen Friedensbeteuerungen im Ausland den Eindruck der Schwache hervorgerufen haben. Man glaubt, wir konnten keinen Krieg mehr führen. Lesen Sie doch nur die französischen Armeeblärter, bie von der Minderwertigkeit de» deutschen Heeres und der deutschen Marine sprechen. Leider haben diese törichten Redereien in der deutschen Presse einen Widerhall gefunden.

Ich freue mich, daß mir der Reickskanzler schon darin zuvor- gekommen ist, zu erklären: es kann nicht die Rede sein, daß unsere Rüstung nicht mehr auf der vollen Höbe stünde, die notwendig ist, um mit aller Energie für die Weltstellung des Deutschen Reiches einzutreten. Es würde auch nicht schaden, wenn einmal auch von

autoritativer Stelle gefagr würde, daß bic Aufrechteren! » tung des Frieden» zwar ein hoye» Gat ist, daß e» aber z u teuer erlauft wäre, wenn e » nur auf Kosten unserer 2S e 11 p e 11 u n g geschähe. (Lebhafter Bravo! im Zentrum.)

Abg. Dr. v. .Heydtbrand unb ber Lase (Jtonf.)l

Meine politischen Freunde hätten c» gern gesehen, wenn bie Vorlage mit einer ausführlicheren Begründung versehen worden wäre. Wenn sie auch nur zur Kenntnisnahme vorgelegt ist, fo fasse ich es ooch so auf. daß eS sich bei einem Gegenstand von solcher Bedeutung nickt darum fcinbeln kann, die Sacke einfach zu den Akten zu nehmen, sondern baß man auck erwarte, daß der Deutsckc RcickStag auck sein Urteil über eine solckc Angelegenheit auSsprickt. Die Begründung ist uns erst feit einigen Tagen bekannt (Lebh. Rufe: Seit beutel), unb bann ist eS ganz unmöglich, sich einen Gegcustanb von dieser Trag­weite fo zu assimilieren, wie bas erforberlich wäre. Bi» heute wünschen wir eine weitere Aufllärung in größerem Umfang, und beshalb finb mir ber Meinung, baß e» sick boch rechtfertigt, wenn in einer Kommission ber ReichSrcgierung Ge­legenheit gegeben wirb, noch mehr unb ausführlicher sich über ben .mnzen Hergang unb bas Für unt Wiber z u ver­breiten. Wir finben ben Wunsch nach einer solchen Kom­mission natürlich unb treten ihm insofern bei. Wir haben auch nicht» bagegen baß in bieser Kommission bic heute gestellten An­träge mitbebanbelt werden Aber ick bezweifle schon jetzt, bah ein Teil bieser Anträge auck bie Zustimmung meiner Frennbe finben wirb. (Heiterkeit links.) Darüber, daß bie Begrenzung bcr Schutzgebiete ter Gesclmebung unterworfen werben soll, kann man nach meiner persönlichen Anschauung in bcr Tat verschiebener Meinung sein (Ironischer Beifall links.) Ein enbgültiges Urteil barüber bcha'tcn wir iin^cr Aber keine Kommission». Verhandlung wiru n S bar*» wankenb machen, bem Reichstag ein über ben gegenwärtigen RecktSzustanb hinauSgehendcs MitwirkungS- r c cfi t nicht zuzu weifen. (Lebhafte Rufe link»: Natür­lich!) Nicht etwa, baß nack unserer Meinung bieser Forum etwa nicht volle Beachtung berbiente, sondern weil nach der Natur der Tinge, um die eS sich bei derartigen auswärtigen Verträgen handelt, nur eine Stelle mit einheitlichem Willen, mit ber nötigen Kenntnis unb Ucbcrsickt sämtlicher politischen Vorgänge solch« Vorgänge sackgemäß leiten kann. Hinter bcr Leitung solcher Tinge muß eine selbstänbige Verantwortlichkeit stehen. Im Interesse einer wirklich gedeihlichen Entwicklung ist cS ganz unmöglich, solche Dinge einer Körperschaft zu überweisen, wie sie ber Deutsche ReickiStag ist. (Zuruse bcr Sog.: Verfassungl Frankreich!) Nein, in bcr Verfassung steht baS nicht. Sie haben auch nicht baS Reckt, sick in bieser Beziehung auf baS AuSlanb zu berufen. In Englanb, Frankreich unb Italien, wo wir ja tolcbc Vorgänge eben jetzt vor Augen haben, finb berartige Ent- scheibungen von ben Negierungen allein getroffen worben ohne maßgebenbe Mitwirkung unb Genehmigung bcr Parlamente. Wenn wir auch burckaus nickt ganz cinvcrstanben finb mit bem, was uns hier vorgelegt wird, so sehen wir darin keinen Grund, die an sich richtige Verteilung der Kompetenzen zu ändern. Solche Fragen kann man nicht von einem Einzelfalle aus beurteilen, sondern nur, wenn man das Wesen der Dinge unb bie ganze Entwicklung bcr Zu­kunft ins Auge faßt. (Zustimmung rechts.) Die RcichSlcitung kann sich, in bcr Sache selbst, nicht wunbern über manche ihr unsachlich erscheinenben Einwänbe, nackbem sie uns in bic sehr schwierige Lage verseht hat, ohne tatsächliche Grundlagen urteilen zu müssen. Das ist um so schwerer, als eS sich um Gebiete hanbelt, bie nur sehr wenigen unter uns genug bekannt finb, um sie felbstänbig beurteilen zu können, unb als bie Vorgänge von einer Geheimhaltung umgeben waren, die ja wahrscheinlich im Interesse der Sache notwendig war, die aber dem Außenstehenden unmöglich machte, sick ein Bild von den Vorgängen zu machen. (Se$r richtig I rechts.) Außerdem kommt hinzu, daß der Mann, der vielleicht als einziger die Sache gründlich versteht, erklärt hat: Ich kann das mit meiner Verantwortung nicht decken.

Dieser Rücktritt hat sich unter Begleiterscheinungen vollzogen, die uns nicht sehr erfreulich gewesen sind und die auch der Reichs­kanzler nicht ganz hat entkräften können. Ich habe zu meiner großen Freude von ihm gehört, daß er mindestens die Fähigkeit des bedeutenden Kolonialmannes anerkennt. Da» war um so notwendiger, als ja Prcßäußcrungen Vorlagen, die man in gewisse Verbindung mit Der RcichSlcitung zu bringen einen gewissen An­laß hatte. (Sehr richtig!) ES müßte beinahe so scheinen, als ob die Reichsleitung von vornherein einen Mann in diese Stellung gebracht hätte, de: so ganz und gar unfähig gewesen wäre. (Hei- tcrkeit.) Ich freue mich, nicht bloß im Interesse der Reichsleitung, sondern auch dieses tüchtigen Beamten, daß dieser Vorwurf von ihm genommen worden ist. Aber ich hätte doch noch etwas mehr gewünscht. ES ist diesem verdienstlichen Beamten auch noch em anderer Vorwurf in offiziöser Form gemacht worden, nämlich, daß in seinem Amte schwere Verletzungen der Geheimhal­tung wichtiger Staatsangelegenheit zu einer Zeit stattgefunden haben, durch die in der Tat daS Interesse des ganzen Lande» ge­fährdet sein konnte. Ich hätte mich gefreut, wenn ber Reichs­kanzler auch biefen Vorwurf in Abrcbe gestellt hätte »bcr baß, wenn man einen Vorwurf in dieser Beziehung zu erheben hat, man ben Weg bes Gesetzes beschritten hätte, baß man bie Disziplin narunterfudjung gegen ben Mann einleitet, ber sick berartiges hat zuschulden kommen lassen. Aber ich halte cS nicht für rich­tig, wenn eine offiziöse Deutung erscheint, bic baS ganze Amt in ein schlechtes Licht st eilt. (Lebhafte Zustimmung.) Nun zu bem Abkommen! Meine politischen Freunbe sind durch daS Abkommen nicht befrie­digt, und wir lassen offen, daß mehr und auck Besseres sich würde haben erreichen lassen. WaS wir preisgegeben, was wir konzidiert haben, ist doch in unseren Augen ganz außerordentlich viel. Ter Reichskanzler hat selbst nicht in Abrede stellen können, daß bisher Frankreich doch immerhin gewissen Einschränkungen unt gewissen Vorbehalten gegenüberstand. Jetzt ist dagegen Ma­rokko einfach politisch vollständig Frankreich überantwortet, und man kann von einem selbständigen Marokko einfach nicht mehr sprechen, unb baS geschieht mit bet, Zustimmung bes Deutschen Reiches! Ta5 ijt ein Akt von einer so kolossalen allgemeinen politischen Bebcutung, ist eine Konzession, bie eine weitreichende Wir­kung haben kann und auch haben wird, daß man wohl erwarten darf und erwarten durfte, daß baß, waS wir ba- für eingetauscht haben, boch einen sehr hohen Wert in sich getragen hätte. Diesen hohen Wert können wir nur in bem, was hier gewonnen worden ist, zunächst nicht erkennen. Man hat bie wirt schäft licken Berechtigungen, bic uns bis bah in in Marokko zugestanben haben, näher präzisiert unb sie in eine ganz schone Reihe von Paragraphen gebracht, in benen allerlei Zusicherungen wollen wir einmal sagen gegeben werben. Aber jebermann weiß bock, daß derartige Zusicherungen besorckers auf administra­tivem und wirtschaftlichem Gebiete Dinge sind, die sich ändern können und die anders auSgelegt werden können, als man e» sich im gegenwärtigen Augenblicke denken kann. (Lebhafte Zustim­mung.) Als letzte Sicherung haben wir bloß das Schiedsgericht, auf dessen Zusammensetzung Frankreich einen sehr maßgebenden Einfluß bat Im übrigen find bic Rechte, bie Deutfchlanb bekommt, auck bcr übrigen Welt zugestanden. Ao ist da die Sonder­stellung des Deutschen Reiches nach diesen großen politischen Konzession? Sind wir bloß der Mandatar Europas? (Lebhafte Zustimmung.) Haben wir bloß dafür Cpfcr zu bringen? £ber hätten wir nicht auch erwarten dürfen, Cat; auch das Deutsche Reick ein Sonderrecht bekommen hätte? (Lebhafte Zustimmung.) Sicherungen unb Definiti um enthalten die Abmachungen nach unserer Auffassung nicht (Sehr richtig.)