Ausgabe 
10.11.1911 Erstes Blatt
 
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gegeben wird, ohne eigentliches Räsonnement. Das Blatt lobt indirekt die Erklärung des Kanzlers, daß an Deutsch­lands Kriegsbereitschaft nicht einen Augenblick der geringste Zweifel bestanden habe und daß der Kaiser unter allen Umständen stets bereit gewesen sei, die Ehre der Nation, wenn nötig, mit dem Schwert zu wahren. Weniger be­friedigend findet das Blatt, was der Kanzler über den Fall Linoequist sagt. Die Rede des Abgeordneten von Heydebrand wird natürlich durchweg gelobt.

DieDeutsche Tageszeitung" lobt den Künzler teils, teils hat sie an seiner Rede allerlei auszufetzen. Im vollen Einklang befindet sich das Blatt mit oen Ausfüh­rungen des Kanzlers über die Bedenken, die eine territo­riale Politik Deutschlands in Marokko selber in dieser Si­tuation gegen sich hätte. Deutschland könne eine starke Weltpolitik nur führen, wenn es sich, wie auch der Kanzler unterstrich, auf dem Kontinent stark erhalte. Kritik übt das Blatt an einigen Stellen der Rede, oie unsere Politik betreffen; sie hat es nicht vermocht, in gewissen ernsten Momenten der Sachlage gerecht zu werden, wie das hochgespannte Empfinden des deutschen Volkes es verlangte.

DerBörsen-Courier" schreibt:

Man braucht nicht erst die heutigen Reden der Parteien ab- zuwarten, die gestern noch nicht gesprochen haben, sie werden nur das Bild vervollständigen: Der Kanzler allein auf weiter Flur und eine Totenglocke nur grüßt aus der Ferne! Daß ein Mann noch lange Zeit an der Spitze der Reichs- Verwaltung stehen könnte, der mit der Art seiner Marokkopolitik eine so vielseitige Kritik im Parlament erfahren hat, als es ge­schehen ist, dürste doch nicht angenommen werden.

Der französische Ausfluß für Auswärtiges.

Paris, 10. Nov. Im Ausschuß für auswär­tige Angelegenheiten erklärte gestern de Selbes weiter, daß die Beziehungen zu Spanien gute seien, ob­wohl Spanien behaupte, daß man mit ihm über Worte zu streiten suche. Spanien habe Frankreich übrigens von der Besetzung von Larrasch und Elksar unterrichtet, de Selves bestand auf einer unverzüglichen Ratifizierung desdeutsch- französischen Vertrages, die der Regierung den Rücken stärken werde für die bevorstehenden Verhanolungen mit Spanien.

Ein Freundschaftsdienst für die kaiserliche Reg'ernnaspolitik.

Wolffs Telegraphisches Bureau ist um Verbreitung Nachstehender Mitteiluna gebeten worden:

Die Unterzeichneten stehen alle durch Beruf mit der deutschen Kolonial- und Weltwirtfchaft und an der Spitze der Versamm­lung, deren Gedeihen abhängig ist von der politischen Macht­stellung Deutschlands unter den Völkern. Angesichts der un­leugbaren Erregung und Verwirrung der öffentlichen Meinung über das Marokko- und Kongo-Abkommen halten es die Unter­zeichneten für ihre Gewissenspslicht, dagegen Stellung zu nehmen, daß diese Verträge zu einer Niederlage der deutschen Politik gestempelt werden. Die Unterzeichneten finb vielmehr der Ueber- tzeugung, daß die jetzt zustandegekommene Einigung mit Frank­reich eine Lösung darstellt, die in harter Arbeit einer überaus schwierigen Lage ab gerungen wurde und Ibfie deutsche Handelspolitik und kolonialen Interessen nach Möglichkeit sicher st ellt. Dagegen erblicken die Unter­zeichneten eine schwere Schädigung des Ansehens und der Macht­stellung unseres Vaterlandes in der Verbitterung säenden, das Vertrauen des deutschen Volkes untergra­benden Agitation, die seit dem Abschluß des Vertrages heftiger denn je betrieben wird. Die Unterzeichneten richten an alle deutschen Männer, wie sie auch über den Wert der Verträge denken mögen, den Ruf, die rückwärts schauende Kritik zurückzustellen hinter der vorwärts gerich- steten Tat und die Reihen zu schließen, zu gemeinschaftlicher Weiterarbeit an Deutschlands kolonialer und weltwirtschaftlicher Zukunft.

Albert Ballin, der Vorsitzende des Direktoriums der Hamburg- lAmerika-Paketfahrt-Aktiengesellschast in Hamburg, Gouverneur a. D. Rudolf von Bennigsen, Direktor der deutschen Kolonial- gesellschast für Südwestafrika, Kommerzienrat Konrad Borsig, in Firma A. Borsig, Geheimer Kommerzienrat B. Brunck, Vor­sitzender des Aufsichtsrats der Badischen Anilin- und Soda- sabrik in Ludwigshafen, Geheimer Regierungsrat Prof. Dr. C. Duisberg, Direktor der Farbenfabrik vorm. Friedrich Bayer u. Co., Elberfeld, Wirkt. Geh. Rat Dr. Paul Fischer, Geh. Kommer­zienrat Engelbert Harth in Firma Harth u. Co., Herm. Hecht in Firma Hecht, Pfeiffer u. Co., Philipp Heiniken, Vorsitzender des Direktoriums des Norddeutschen Lloyds Bremen, Dr. Karl Leffrich, Direktor der Deutschen Bank, Mitglied des Verwal­tungsrats der Anatolischen unb Bagdad-Eisenbahngesellschaft, Wil­helm Holzmann, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Firma Ph. Holzmann u. Co. in Frankfurt, Geh. Kommerzienrat Fredrich Lenz, Mitinhaber bei Lenz u. Co., G. m. b. H Vorsitzender der Direktion der Deutschen Kolonial-Eisenbahnbau- und Be­triebsgesellschaft, Dr. Phil. C. A. von Matrius, Mitglied des Aufsichtsrates der Aktiengesellschaft für Anilin-Fabrikation, König­licher Baurat Dr. W. von Rieppel, Generaldirektor der Ma­schinenfabrik Augsburg-Nürnberg, Aktiengesellschaft in Nürnberg, Max Schindel, persönlich haftender Gesellschafter der Norddeutschen Bank in Hamburg, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Bra­silianischen Bank für Deutschland, Geh. S^ehandlungsrat a. D. Alexander Schüller, Geschäftsinhaber der Diskontogesellschaft, Vor­sitzender des Aussichtsrats der Schantung-Eisenbahngesellschaft, Stellvertretender Vorsitzender der Aufsichtsrats der Deutsch-asia­tischen Bank August Thießen, Vorsitzender des Grubenvorstandes der GewerkschaftDeutscher Kaiser"-Brmckhausen a. Rh.. Kon­sul Hermann Wallich, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Deutsch- Ileberseeischen Bank, Johann Julius Warnholtz, Direktor der Deutsch-ostaftikanischen Gesellschaft, Eduard Woermann in Firma C- Woermann.

Diese öffentliche Erklärung ist von der besten Absicht «getragen. In der Kritik darf nicht über's Ziel hinaus- aeschossen werden. Dievorwärts gerichtete Tat" erfor­dert aber eine Umkehr der Regierung, und die Unter­zeichner der Erklärung sagen selbst, daß die Kolonial- und Handelsinteressennach Möglichkeit" sicher gestellt seien. Die Kundgebung kann daher nicht etwa als eine besondere Anerkennung der Leistungen unserer deutschen Diplomaten ausgelegt werden.

Deutsches Neich.

Der Reichskanzler und Frau folgten am Donners­tag abend einer Einladung des Kaiserpaares zur Abendtafel.

In der Sitzung des Bundesrats wurde den Vor­lagen betreffend die Festsetzung der Vergütungssätze für vergällten und ausgeführten Branntwein, den Veredlungs­verkehr mit Hafermehl und Kakaopulver zur Herstellung von Haferkakao, den Bezug von Unfall- usw. Rente in Grenzbezirken, den Bestimmungen über die Beschäftigung von Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern in Rohzucker- fabrikeu ufhx, der Abänderung der Bekanntmachung über die Einrichtung und den Betrieb von Steinbrüchen usw., Herstellung und Ausschank kohlensaurer Getränke die Zu­stimmung erteilt.

Amtlich wird bekanntgegeben, daß die am 3 0. No­vember anberaumte Reich stagsersatzw ahl für den verstorbenen Abg. Liebermann v. Sonnenberg im Reichstagswahlkreise Fritzlar-Homb erg-Ziegen- hain aufgehoben worden ift.

Am Donnerstag mittag fand im Thronsaale des Schlosses in Dresden die feierliche Eröffnung des säch­sischen Landtags statt. Die vom König verlesene Thronrede kündigt Hilfsmittel an gegen die durch Trockenheit und Futtermangel entstandenen Schäden durch Frachtermäßigungen, unentgeltliche Abgabe von Stroh, Er­leichterung des Bezuges von Futtermitteln und Gewährung von Staatsdarlehen. Erfreulich sei, daß Industrie und Handel Dank den Segnungen des Friedens sich gesund weiterentwickeln. Das Unterrichtswesen bilde oen Gegen­stand warmer Fürsorge der Regierung. Eine Reihe Vor­lagen für Schule und Kirche und freiwillige Ge­richtsbarkeit werden in Aussicht gestellt. Die Internationale Hygiene-Ausstellung des letzten Jahres bilde hoffentlich den Ausgangspunkt für die Entwickelung der öffentlichen Ge­sundheitspflege. Die Reichsfinanzgesetzgebung von 1909 erfüllte die Erwartungen, wenn auch die Bundes­staaten zu den Matrikularbeiträgen stärker herangezogen werden mußten. Die stetige Entwickelung der Landes­finanzen ermögliche von der Begebung einer Anleihe noch äbzusehen. Hoffentlich, so schließt die Thronrede, toürben die in Aussicht stehenoen Aroeiten zum Wohle des Landes gelöst.

In der bayerischen Kammer erklärte bei der Besprechung der Anfrage Günther und Genossen (Liberal) betreffend Zulassung der Feuerbestattung in Bayern Minister von Brettreich: Die bayerische Staatsregie- rurtg hat wiederholt in Kammersitzungen als auch in Mi­nisterialentschließungen den Standpunkt vertreten, daß die Feuerbestattung in Bayern zurzeit nicht zugelafsen werden kann, da die gesetzliche Grundlage zu einer, polizei­lichen Regelung in Bayern hierfür fehlt, daß aber eine solche Regelung zur Wahrung der bei der Feuerbestattung in Betracht kommenden religiösen, ethischen, sanitären und kriminellen Rücksichten nicht zu entbehren ist, auch nicht durch die Satzung einer gemeindlichen Feuerbesta- tungsanlage ersetzt werden kann.

Aus Bordeaux meldet man: Die Fahrgäste des hier ange­kommenen DampfersPeru" berichten, der Expräsident Castro sei in Venezuela von seinen eigenen Parteigängern er­mordet worden, weil er sich ihnen gegenüber allzu streng ge­zeigt habe.

Aus Hessen.

x Bad-Nauheim, 9. Nov. Auf der Hauptver­sammlung des hiesigen Freisinnigen Vereins, die gestern abend unter dem Vorsitz von Stadtrat Fritz stattfand, sprach, nachdem Dr. Strecker über die erfolgten Landtagswahlen berichtet hatte, Rechtsanwalt Dr. Brücher über die bevorstehenden Reichstagswahlen, insbeson­dere auch über die Kandidaten frage in Fried­berg-Büdingen. Der fortschrittlichen Volkspartei würde nacb Lage der Sache nichts anderes übrig bleiben, als entwederGewehr bei Fuß" zu stehen oder einen eigenen Kandidaten aufzustellen. Indem der Redner diese letzte Möglichkeit für allein richtig hielt schlug er fol­gende Entschließung vor, die einstimmig angenommen wurde:

Die Versammlung ersucht den Wahlkreisvorstand bald einen Kandidaten für Friedberg-Büdingen aufzustellen, damit in die Agitation eingetreten werden kann.

Aus Stadt und Lund.

Gießen, 10. November 1911.

** T a g e s k a l e n d e r für Freitag, den 10. November: Stadt­theater:Tie Jungfrau von Orleans * Anfang 8 Uhr.

LU. Landes Universität. Die letzte Immatriku­lation findet morgen Samstag, mittags 12 Uhr pünktlich, in dem Unioersitätsgebäude statt.

"Ordensangelegenheit. Der Großherzog hat dem Hofapotheker Franz Gros in Darmstadt an§ Anlaß feines Ausscheidens als Mitglied der Prüfungskommission für die pharmazeutische Vorprüfung das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen und dem Oberregierungsrat Graef zu Darmstadt die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen der ihm von dem König von Preußen verliehenen Note Kreuz-Medaille 3. Klasse erteilt.

"'Empfangen wurde von der Großherzogin am Mittwoch die Frau Provinzialdirektor Dr. U sing er von Gießen.

" Justizpersonalien. Der Großherzog hat den Landgerichtsrat bei dem Landgericht der Provinz Oberhessen Eduard Holzapfel zum Oberlandcsgerichtsrat bei dein Ober­landesgericht ernannt.

" Bahnpersonalien. Der Groß Herzog hat der Bestellung des Vorstandsmitgliedes der Oberrheinischen Eisen­bahngesellschaft, Eisenbahndirektors Siegmund Nettel zum Leiter der Bau- und Betriebsverwaltung der Nebenbahn Mannheim-Weinheim die landesherrliche Bestätigung erteilt.

"Erledigt ist die mit einem evang. Lehrer zu be­setzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Hain gründ. Dem Fürsten zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg und dem Fürsten und Grafen zu Erbach-Schönberg steht das Präsen­tationsrecht zu. Dem Inhaber der Stelle kann eine Orts­zulage bewilligt werden.

" Vom Landeszuchthaus. Der Großherzog hat den Aktuariatsassistenten bei dem AmtSgerich Alzey Hrch. Mohr zum Rechner am Landeszuchthaus Marienschloß ernannt.

" Uebertragen wurde dem Schreibgehilfen Herm. Lindt aiis Weckesheim eine Schreibgehilfenstelle.

-"Politische A u s b i l d u n g s k u r s e. In den von dem Nationalverein veranstalteten politischen Unterrichts­kursen wird am Samstag, 11. November, Geh. Justizrat Professor Dr. Bierma nn überSozialismus und So­zialdemokratie", am Sonntag vormittag Parteisekretär Sutter überOrganisationskunde" und am Nachmittag Dr. Vogt über dieVorwürfe der Antisemiten gegen die Liberalen" sprechen. Die Versammlungen finden im Ein­horn statt.

** Vom Stadttheater. Am nächsten .Mittwoch, 15. November, nachmittags, findet eine Aufführung von Molieresfemmes savantes durch die hier bestens eingeführte französische Gesellschaft Roubaud aus Paris statt. Die Herren studierenden sowie Schüler und Schüle­rinnen zahlen kleine Preise für dieses Gastspiel; dieselbe Ermäßigung genießen auch Abonnenten gegen Vorweis des zweiten Ermäßigungskupons.

** Ei neSitzungdesProvinzial ausschuss es > findet Mtttwoch, 22. d. M., vormittags 3/4g Uhr, mit fol­gender Tagesordnung statt: 1. Reklamation gegen die

Bürgermei st erwähl zu Grüningen. 2. Ent­eignung von Gelände in Gemarkung. Saasen zur Ver­breiterung der Mittelgasse. 3. Fasethaltung in der Ge­meinde Ulfa. 4. Polizeibefehl gegen Johannes Zulauf von Brauerschwend.

** Vom Konzertverein wird uns geschrieben: Allenthalben in Deutschland rüstet man sich in Städten, die als Musikzentren zu betrachten sind, zur Feier des 100. Geburtstages des Mannes, welcher in der Musik neben Richard Wagner als der größte musikalische Fortschrittler bezeichnet werden kann, der nach Beethoven kam, Franz Liszt's. Wenn man zu Lebzeiten einen Mahler, Reaer, Richard Strauß feiert, so ist es ein Akt der Gerechtigkeit, jetzt desjenigen zu gedenken, welcher in der Musik, speziell durch die musikalische Form wirklich Großes hinterlassen hak, welcher aber zu Lebzeiten so ganz mit Unrecht der ge­rechten Anerkennung entbehrte wir meinen Liszt als Komponist. Wohl ist jedem Gebildeten der 92ernte Liszt geläufig, ja der Name ist auch populär geworden durch die Erinnerung an seine unvergleichlich große Virtuosentätig­leit, die ja alles in Erstaunen setzte, kompositarisch aber auch durch die zweifellos sehr bekannt gewordenen, an äußerett Effekten nicht armen, aber doch rassigen Rhap­sodien. Hier hört aber in der Regel bei dem Laien die Kenntnis von dem Komponisten Liszt auf, der in seinen, vielfach zu wenig bekannten Klaviersachen (b-Moll-Sonate, Konzerte), seinen sinfonischen Dichtungen und seinen kirch­lichen und weltlichen Oratorien wirklich Neues in Form und Inhalt und zugleich Großes geschaffen hat. Unter den kirchlichen Werken sei auf die Grauer Messe, den Christus", unter den weltlichen auf dieheilige Elisa­beth" hingewiesen, welch letztere vor ea. 7 Jahren hier eine Aufführung erlebte; von den symphonischen Dich­tungen sind die klangvollenPreludes" ausTasso" vor zwei bezw. drei Jahren hier von Professor Trautmann aufgeführt worden. Gerade diese Werke, die anfangs einen geradezu lächerlichen, heute geradezu undenkbaren Wider­spruch hervorgerufen haben, sind es gewesen, welche für oie Zukunft der Musik bestimmend wirken sollten. Eines der größten und besten symphonischen Werke hat nun Pro­fessor Trautmann für die Gedenkfeier aus gewählt, welches Gelegenheit bietet, die wahre Größe Liszts schätzen zu lernen, seine grandiose Faustsymphonie mit dem Schlußchor und Tenorsolo, sowie als Chorwerk, welches die echt kirchliche Gesinnung des Meisters in herrlicher Weise zeichnet, der XIII. Psalm, wohl das sangesreichste Werk Liszts. Auf die beiden Werke werden wir in aller Kürze noch zu sprechen kommen, möchten aber jetzt schon auf das im Stadttheater statt find ende Konzert am 19. November Hinweisen, zu dem Herr Ernst Challier jetzt bereits, Anmeldungen für Nichtabonnenten annimmt.

** In her Oberhessischen Gesellschaft für Natur -und Heilkunde hielt Dr. Albert P e p p l e r gestern abenb einen sehr anregenden Vortrag über die Ursachen der Diesjährigen Trockenperiode. An der Hand übersichtlicher Licht­bilder führte er ungefähr folgendes aus: Die diesjährige Trocken­periode beschränkte sich nicht allein auf imfere Gebietsteile, son­dern zog sich in einem Gürtel über die ganze nördliche Halbkugel der Erde. Reichliche Negenbeobachtungen liegen vor von Nord­amerika, Nordaftika, Europa und Asien. Island hat leider feine angestellt. Nimmt man das Mittel der Regenmengen in den csmzelnen Monaten, so zeigt sich, daß nur der Monat Mai mehr Regen als im Durchschnitt hatte. Bei allen anderen blieben die Regenhöhen weit unter dem Durchschnitt; noch im Oktober waren es nur 50 Prozent. Seit dem Jahre 1857 hatten wir keine ähnliche Trockenheit. Trockenzentren lagen über den Süd- vftstaaten der Union, über Deutschland und über Ostia sie n in bet Gegend von Wladiwostok; dagegen hatte die Sahara mehr Regen als in normalen Jahren. Heber dem Atlantissten Ozean lagen, ausgedehnte Regengebiete, auf die alle Wetterdienststellen herein­fielen. Im Juni erschien im Norden ein Tief, das für lange Zeit den letzten ergiebigen Regen brachte. Allmählich dehnte sich über ganz Europa ein Hochdruckgebiet aus. Erst im Sep­tember drang vom Attantischen Ozean her ein Reaeugebiet vor das uns im Oktober erreichte. Die tropische Antizyklone lag dieses Jahr um 12° nordwärts verschoben über dem Atlantischen Ozean und hatte im Nordosten einen Ausläufer nach Norden, der den Tiefdruckgebieten den Einttitt in Europa versperrte und sie nord­wärts ablenkte. Im Juli 1910 lag dieses sog. Azorenhoch 5° zu weit südlich und brachte uns einen kühlen feuchten Monat. Heber Dem Mittelmeer wurde hohe Temperatur beobachtet, die in stetigem Gefälle nach 92orden hin abnahm. Ebenso fiel die Temperatur in der Höhe ganz gleichmäßig. Die relative Feuchtigkeit zeigte mit 72 Prozent an der Erdoberfläche ihr Maximum. Die Wind­geschwindigkeiten erlitten in der Höhe keine Abschwächung. Diese Umstände treten aber nur ein, wenn keine Wolken vorhanden sind. Die höchste Temperatur ist im Winter in den Tropen. Sie,nimmt koMinuierlich nach dem Pol hin ab. Der Temperaturunterschied beträgt 75°. Im Sommer ist sie weniger groß. Sie beträgt etwa die Hälfte. Dem Temperaturgefälle folgt auch das ^Druckgefälle, so daß dies im Winter bedeutend stärker ist als im Sommer. Diesen Sommer waren die Gefälle nun ausnahmsweise gering, daher traten nur sehr schwache Polarwirbel auf, die bei uns den Einfluß der Hochdruckgebiete nicht beseitigen konnten. Daß sich diese Hochs so weit vorschieben konnten, bringt der Vor­tragende mit der .Sonnenstrahlung in Zusammenhang. Dieses Jahr war die Sonne besonders fleckenarm. Daher war ihre Strahlung gering, so daß nur ein geringes Temperaturgefälle von Aequator zu Pol vorhanden war. Die Antizyklone konnte sich also nach Norden ausdehnen. Der Golfstrom war ziemlich kühl, unterstützte also obige Ursache. Die niedere Temperatur des Golfstromes hat seinen Grund in folgendem: Voriges Jahr war es in den Polargegenden ziemlich warm; es schmolz daher viel Eis ab und ausnahmsweise große kalte Wassermassen wurden mit dem Polarstrom nach Süden befördert. Zum Schlüsse brachte der Redner noch eine Theorie vom Geh. Regierungsrat A ß m a n n, mit der er sich aber nicht einverstanden erklären konnte. Aßmami schließt aus dem Fehlen des Purpurlichtes, daß die Atmosphäre dieses Jahr wenig Staubteilchen enthielt. Die Sonnenstrahlen konnten also durch nichts gehindert die Erde intensiv erwärmen. Durch das Fehlen des Staubes waren auch keine Ansatzpunkte für Wasserteilchen vorhanden. Der Beifall zeigte, daß die Zuhörer gern den interessanten Ausführungen gefolgt waren.

** Lufts chisfahrt. Wegen der andauernd un­günstigen Wetterlage muß die vom Hessischen Verein für Lufts chif fahrt und vom Ob erh essif chew Automobilklub geplante Ballonverfolgung ganz ausfallen. Dagegen wird im erstgenannten Verein !am Montag, 20. November, der Assistent am Physikalischen Institut in Marburg, Dr. Karl S tu ch t ey , der von, Mar­burg und hier aus schon eine Reihe von Ballonfahrten als Führer geleitet hat, einen VortragDer Freiballon und Fahrten im Freiballon" (mit Lichtbildern) halten. Der Vortrag ftndet im großen Hörsaal des Kol- tegiengebäudes statt. Es ist beabsichtigt, dem Vortrag im Laufe des Winters noch weitere folgen zu lassen. Dey Besuch ist jedermann gestattet.

** Die Gießener freiwl Feuerwehr begeht morgen Samstag in der Turnhalle des Turnvereins ihr 5 6 j ä h r i g e s S t i f t u n g s f e st. Es findet nur ein Kom­mers statt, zu welchem aber ein abwechfelungsreiches Pro­gramm vorgesehen ist, so daß den Feuerw-ehrleuten rmt ihren Familien ein paar frohe Stunden in Aussichtstehen. Bei der Feier werben auch wieder Auszeichnungen für 10-, 15- und 25jährige Dienstzeit verliehen. Da auch biß Bor-

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