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9.11.1911 Erstes Blatt
 
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161. Jahrgang

Erstes Blatt

Nr 264 Erstes Blatt 161. Jahrgang Donnerstag, 9. November 19U

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tzEWi General-Anzeiger für Oberheffen LLSL

Annahme von Anzeigen Rotationsörud und Verlag der Vrühl'lchen Ukliv.-Vuch- und Zteindruckerei H. Lange. Redaktion, Expedition und Vntckerel: §chulstrahe 7. Land'.:^L.ve^;"ür "en bi! vormittag" s"ühL Büdingen: Fernsprecher Nr. 269 Seschästrftelle Bahnhofstraße 16 a. Anzeigenteil: £>. deck.

Die heutige Nummer umfaht 10 Seiten.

vor der Marollorede des Reichskanzlers.

Der deutsche Reichstag erledigte am Dienstag den Han- delSv-rtrag mit Japan in erster und zweiter Lesung und tiofjm den Auslieserungsvertrog mit England an. Das war vorauszusehen, nur war der Sitzungssaal fast leer, weil sich eben die meisten Abgeordneten in den Wandelgängen auf­dielten, wo das Marotkoablommen und der damit in engstem Zusammenl/<mg stehende Fall Lindequist aufs eifrigste er­örtert wurde. Herr v. Bethmann hatte den Wunsch ge­äußert, am Mittwoch über daS Marokko- und Kongoabkom­men eine Solorede zu halten, ohne daß diese aus dem Hause eine Beantwortung finden dürfe. Vorlagen, über die der Reichstag zu beschließen hat, müssen sich drei Tage vor ihrer Beratung im Besitze der Abgeordneten befinden. £6 die Tatsache, daß der Marolkovertrag den Abgeordneten erst am Ende der Tienstagsschung zuging, auf einen birelten Befehl des Reichskanzlers zuruckzuführen ist, oder auf eine Nachlässigkeit der Reichsdruckcrei, JoU* unerörtert bleiben.

Jedenfalls entsprang au5 dieser Tatsache das öhite, daß der sitzungssreie Mittwoch den Abgeordneten Gelegen- heit gibt, den Text des MarolkoabkommenS auss genaueste zu prüfen, ohne irgendwie durch die Detbmannschen Aus­führungen beeinflußt zu sein. Zwar trat der Nationallibc- rale Bassermann dafür ein, dem Reichskanzler am Mitt­woch das Wort zur Marolkosrage zu verstellten, wenn auch nicht unter der Bedingung, daß die Rede des Herrn v. Bett). mann-Hollweg die ganze Sitzung aussülle. Aber er zog feinen Antrag zurück, als nach Einsichtnahme in den in­zwischen eingelaufenen Marolkovertrag sich herausstellte, daß ihm jede Begründung und vor allem jedes Kartenmate- rial fehlte. Ueberdies möchten wir hinzusügen, daß nach den Erfahrungen, die man mit der Kenntnis des Französi­schen bei unserem Auswärtigen Amt gemacht l-at, eine Ver­gleichung des deutschen und sranzöfischen Textes um so notwendiger ist, als schon festgestellt werden tonnte, daß bei der Frage der Erzausfuhr sich eine Abweichung zwischen beiden Texten nachweisen ließ.

Heute wird noch eine amtliche Denkschrift des Rcichs- kolonialamts zu den ftttouietten Angelegenheiten vcröfsent- licht, die beit Abgeordneten gleichfalls Gelegenheit zu ein­gehendem Studium bieten wird (siehe 2. Blatt). Wer mag diese Denkschrift des Reickskoloniatamts abgefaßt hoben, nachdem die leitenden und sachverständigen Männer in diesem Amte von dem Vertrag nichts w-ijsen wollten und ihre Aemter niedergelegt haben. Ob man da noch von einer Denkschriftdes ReichStolonialarnts" sprechen kann. Natür­lich, es muß alles bureaukratisch in der Ordnung sein! Ob es den leitenden Männern doch aber nicht schon jetzt manch­malin ihrer Gottähnlichkeit bange" wird?

Anträge im Reichstag.

Berlin. 9. Nov. Zur Beratung des Marokko- und Kongo- Mkommens fini> im Reichstag Anträge gestellt worben von den Nationalliberalen: einen Gesetzentwurf eutjubringen, wonach unter Klarstellung ober Aenberung der Reichsver­fassung ausgesprochen wird, daß die Erwerbung und Ver­äußerung von Schutzgebieten der Form der Di e i ch s - gesctzgebung bedarf.

Von der Fortschrittlichen Volkspartei: Dem Reichstag ein Weißbuch vorzulcgen über die Verhandlungen mit Frankreich und einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den das versa ssungsmäßigeRechtbes Reichstages, bei Erwerbungen und Abtretungen von Schutzgebieten mitzilwirken, tlargcftclll wird. _________________________________________

Vom Zentrum: Tas SchutzgebietSgesetz im § 2 durch die Bestimmung zu ergänzen: Tie Grenzen eines jeden Schutz­gebietes können nur durch ein Gesetz geändert werden.

Von den Sozialdemokraten: Tie deutsch'frainö- fHeben Abkommen zu der verfassungsmäßigen für ihre Gültigkeit er- forderlichen Genehmigung vorzulegcn und ein Weißbuch em- zubringen, das die aus ?lnlaß der Abkommen mit Frankreich gewechselten Noten enthält und noch in dieser Session einen Ge- setzentwurf vorzulegen, wodurch der Artikel 11 der Reichs- Verfassung dahin abgeänbert wird, daß alle Verträge mit fremden Staaten zu ihrer Gültigkeit die Genehmigung dcö Reichstages erfordern.

Tie Stellung der ReichZtagSfraktionen.

Man schreibt unS auS Berlin:

Die Fraktionen des Reichstags hatten am Mittwoch Fraktionssitzungen abgchalten, um Stellung zum Marokko- vertrage zu nehmen. Tie Stimmung ist durchloeg dem Vertrage ungünstig, wie sich überhaupt eine starke Miß­stimmung gegen die Regierung bemerkbar macht. Nach dem Verlaufe der heutigen Fraktionssitzungen zu urteilen, dürfte die Regierung im Reichstage einen schweren Stand haben. Die Affäre Lindequist ist in den Fraktionssitzungen ebenfalls zur Sprache gekommen und wird auch im Ple­num gestreift werden. Die Stimmung in den Fraktionen tüirb am besten dadurch gekennzeichnet, daß man über den Wunsch des Reichskanzlers, am Mittwoch seine Begrün- dungsrede anzuhören und die Erörterungen alsdann erst am Donnerstag aufzunehmen, glatt zur Tagesordnung über­gegangen war, weil man die Ausführungen des Reichs­kanzlers nicht 24 Stunden lang unwidersprochen sein lasten wollte. lieber den Verlauf b er Marokkoaus- spräche steht bis jetzt folgenbes fest: Der Reichskanzler wirb als erster Redner das Wort nehmen, worauf die Fraktionen zunächst ihre Hauptredner vorschicken werden. Ta die Anfragen nicht auf der Tagesordnung stehen, so sind die bisherigen Tispositionen der Fraktionen über ihre Redner abgeänoert worden. Die Parteien wer­den durch folgende Redner vertreten sein: Das Zentrum durch Frhr. v. Hertling, die Konservativen wahrschein­lich durch Frhr. v. Richthofen, die Freikonservativen durch Fürst Ha tz f eld t, die Nationalliberalen durch Bas­sermann, die Freisinnigen durch Dr. Wiemer, die Sozialdemokraten durch Bebel.

Ein englisch-französischer Gebietsaustausch?

Paris, 8. Nov. Zu einer Reutermeldung über den zwischen England und Frankreich geplanten kolo­nialen Gebietsaustausch berichtet derTemps", daß derartige Verhandlungen schon 1904 beabsichtigt waren. Während der letzten deutsch-französischen Besprechungen seien zwischen Paris und London neuerdings verschiedene Pläne erörtert worden, hauptsächlich zu dem Zwecke, um eine Verbindung von Gabun mit dem nördlichen Kongo auf­recht zu erhalten. Zu wiederholten Malen sei auch die Kombination ins Auge gefaßt worden, daß England außer Born u auch nod) Sokoto, den nördlichen Teil der Goldküste und Gambien an Frankreich abtrete. Frank­reich hätte dafür den Engländern das Charigebiet, die meisten Städte in Französisch-Indien, und die neuen Hebriden üb er lass en, doch scn. diese letzte Kom­bination niemals Gegenstand eigentlicher Verhandlungen gewesen. Auf dieses ersterwähnte Projekt habe Minister­präsident Caillaux in seiner Rede am Sonntag angespielt, er ljabe jedoch niemals jene Hypothesen im Sinne gehabt, welche in der belgischen Preise Beunruhigung hervorge­rufen hätten.

Berlin, 9. Nov. DerLokalanzeiger" meldet aus Paris: Nach Mitteilungen aus dem französischen Ministerium

des Aeußern würde es sich bei dem beabsichtigten Austausch von Gebieten zwischen Frankreich und England zunächst darum han­deln, daß Frankreich ein a u 5 Nigeria z u schn eidcnocS Dreieck mit dem Tschadsee, Polo und Binder er­hält, dagegen den Osten dcZ C h a r ijxe b i e t S, das heißt die nördlich von Belgisch-Kongo gelegenen Strecken an England ab- tritt. Die englisch sranzöni'chen Verhandlungen könnten aber, io wird versichert, bei beiderseitiger dauernder Gkncigtbeit größeren Umfang annehrncn. Schon lange ersehne England den Be­sitz von Französisch-Indien, namentlich von Pon- dichäro und ben neuen Hebriden. Dafür und für die Eharigegend würde England Lokoto, den Norden der Golfküste und Gambien atlrclcn. Wenn Frankreich darauf eingeht, obwohl die Kammer diesem Abkommen ziemlich skeptisch gcgenüberstelit, erwartet es dafür, daß England seinen ganzen Einfluß auf Spanien aus- üben wird, daß dieses auf seine Marokkorechte zugunsten Frankreichs verzichtet.

Der spanisch französische Geheimvertrag über Marokko.

Paris, 8. Nov. TerMatin" veröffentlicht heute den Wortlaut des spanisch-französischen Geycimvertrags über Marokko, der am 3. Oktober 1904 in Paris von dem bama- ligcn Minister des Aeußern Delcassv und dem spanischen Botschafter Eastillo unterzeichnet wuroe. Der Vertrag, dessen Inhalt übrigens im wesentlichen bereits feit langem in die Lefsentlichleit gedrungen ist, umfaßt 16 Artikel.

In Artikel 1 erteilt Spanien der sranzöstsch-engtischcn Er- klärnng vorn 1. April 1904 über Marokko und 'Aegypten seine Zu- Itimnumg. Artikel 2 bestimmt die spanische Einfluß­sphäre, die durch eine der Küste last parallell von Larrafch über El Ksar zunr Mulujafliiß laufenden timte begrenzt ist. Spanien verpflichtet sich, seine Aktion in dieser Einflußfphure nur nach vorherigem Einvernehmen mit Frankreich innerhalb einer 15 Jahre nicht überschreitenden Periode auSznüben. Während dieser Periode verpflichtet sich Frankreich, über seine etivaige Aktion beim Sultan von Marokko betreffs der spanischen Einflußsphäre vorher die spanische Regiermig zu verständigen. Im Artikel 3 beißt es, kür den Fall, daß der politische Zustand MarolloS nicht mehr sortbesteheu oder durch die Schwäche der schcrist- schen Regierung die Ordnung nicht auEecht erhalten werden könnte, oder laUs auS irgend einem anderen Einverständnis feft- zustcllenden Grund die Autrechlerhaltung deS etatas gao unmöglich wurde, konnte Spanien lerne Aktion in seiner Einflußsphäre frei ausüben. Artikel 4 und o bestimmen, daß das Territorium der nn Jahre löou von Marokko an Spanien abgetretenen Vlicbec- lassungen von Iffni den tiauf deS Tazeronalt-FlusseS nicht über­schreite und daß Spanien sich dort nur nach vorherigem (im- vernehmen nut dem Sultan nicberlaffeii könne. In Artikel 7 verpflichtet sich Spanien, sich keines der Territorien auch nur vor­übergehend unter welchen Formen auch immer zu entäußern. In Artikel 9 heißt es, bic Stadt Tanger wird ihren besonderen Charakter behalten, den der Aufenthalt des diploniatischen llorps, loivie ihre munizipalen und sanitären Einrichtungen ihr verleihen. Tie übrigen Artilel enthalten Bestiimnungen über Bergbau, Schiffahrt und Schisfereien, Eeldum.aus usw., durch die die bezüglichen Rechte der Spanier geivährletslet werden.

Paris, 8. Nov. DemJournal des Däbals" wird aus Madri.d gemeldet, die spanische Regierung habe die französische Mitteilung betreffend den deutsch-sranzösischen Marolkovertrag mit einer Empfangsbestätigung und der Erklärung beantwortet, daß sie sich ihre Zustimmung bis zum Abschlüsse eines neuen Abkommens über die Spanten durch beu Vertrag von 1904 juerfannten Rechte Vorbehalte.

Die Zukunft Muley Hafids.

Paris, 8. Nov.Siöcle" will wissen, daß die fran­zösische Regierung dem Sultan Muley H a f i d bereits einen Vertrag vorgelegt habe, durch welchen die Stel­lung des Sultans sowie seine Beziehungen zu den fran­zösischen Behörden geregelt werden. Dieser Vertrag be­ziehe sich mehr auf persönliche und Etikettfragen als auf die Organisierung der Verwaltung Marokkos.

Gieszener Sta-ttheater.

Judith

von Friedrich Hebbel.

Gießen, 9. 9lob.

Als Hebbels Judith zuerst auf der deutschen Bühne erschien, ba war es eine Tal, denn es war der erste komplizierte Frauen- charattcr in einem deutschen Drama. Darüber hinaus aber war seine Wirkung nur gering, und nach den ersten stüriniscycn Er­folgen in Berlin und Hamburg flaute^ der Beifall rasch ab und man wartete ungeduldig auf neue größere Werke des Richters. Man halte rasch zwischen der Wirkung deS S.ückes unterschieoen und seinem inneren Werl. Tie Größe des Dichters war o fen­bar, aber nicht die Größe des Werkes. Tie unheimliche Wucht des Dramas zwang, aber nur solange, als der Vorhang noo) nicht niedergegangen war und eL ist wohl kaum etwas, waS davon in uns nachwirkl, wenn die Lampenlichter erloschen imb. So hat es sich denn allgemach gegeben, daß die Judith nur leiten noch auf dec Bühne ericheint, obwohl man sich von 3eit zu Zeit gern wieder einmal mit den blutroarmen Jugendideen deS stür­mischen Dithmarschen beschäftigt.

Es war daher ein begrüßenswertes Ereignis, daß man uns das Werk durch die Berliner Gaste aufführen ließ, aber der Ein­druck, der zurückblieb, ist denn doch sehr ge.eüt. Zunächst brachte man die Dichtung in der von Hebbel zwar gutgeb.'lßeneii, aber trotzdem unlogischen Bühnenbearbeitung heraus, von der man eigentlich schon längst loSgekommen sein sollte. Im roeiteren waren die kleinen Rollen, mit Ausnahme des Samara (Herr Cmrich H a n u s) und seines blinden Bruders (Herr Paul Pauly) nur ganz unzulänglich besetzt, so daß die ganze Austührung der Einheit und der Rundung entbehrte. Wenn das Stück mit un­seren hiesigen tt'räjtcn gespielt worden wäre, ich glaube, daß eS von einer größeren Geschlossenheit, einer harmonischeren Aus­geglichenheil gewesen wäre. Aber schließlich ist ja auch der Be­griff von Angehörigenerster Berliner Bühnen" äußerst dehnbar. An dieser sprunghaiten Darstellung litt auch die Judith der Frau Rosa Poppe; sie ließ die Einheit des EharakterS oft bedenklich vermissen und vermochte nicht die zerklüftete Seele der Jüdin so zu beleuchten, daß sie uns menschlich und natürlich eri'djicnen wäre. Bedeutend war ihre Erzählung von der Brautnackjt, und bedeutend war sie auch im zweiten Teile der Dichtung aber eine Musterleistting war ihre Judith nicht, ganz davon abge­sehen, daß uns die Hofth.'atermanier nur wenig gefallen will. Ihre stimmlichen Mittel sind erstaunlich und machten auch bei

den Zuschauern im Verein mit ihrer prächtigen Dühnenerschcinung den vorauszusehendcn Eindruck, aber einen kuustierislyen Stil kann man dadurch nicht ersetzen. Zudem, und das ist vielleicht l;a Su.ücruu.m, biuiu Poppe umiag uns majt mehr eine knapp zwanzigjährige Judith vorzutäuschen, wir glauben ihr schlteßliaj ihre ypittne, mir giauocu lyr oas Gewaltsame rn^ ihrem Eharakter, aber wir glauben ihr nicht il,we unberührte Jugend vielleicht auch, weil sie an die großen Räume gewohnt ist und sich in unserem kleinen, mehr für intime Wjrkungen geschaffenen Theater übernahm. Mehr Stil hatte Herr Georg Molenar als HoloferneS, wenngleich er sich Von vornherein auf eine zu hohe Stufe stellte und sich deshalb nicht mehr steigern konnte, was ich namentlich in seinem letzten Auftritt sehr vermißte. Mehr Betonung patte ich auch den phiioivp^nchen Renexionen gewünscht. Er halte den Nachdruck auf das Tierische, Wilde «gelegt und bildete mit mächtigen Müteln einen HoloferneS von geradezu zyklopischen Formen sein gewaltiges Organ geriet eabei lewer oft ins Murren und Knurren, so daß er manchmal Taft unverständlich war. Aber trotzdem, feine Darstellung hatte Reife und vor allem Stil.

Der (rnolg war yrog, icgr groß sogar. Immerhin wäre uns eine Aufführung mit unteren heimischen Darstellern lieber gewesen. Vielleicht macht die Direktion die Probe. K. N.

Neue Anschauungen vom wesen der Elektrizität.

Tie 5rrungemd;auen des 19. Jahrhunderts auf dem Gebitte der Physik lassen sich in einfacher Weise an den Grundgedanken knüpfen, daß die Naturvorgänge auf mn mechanische Bewegungs- erschcinungcn und Kraftäutzerungen zurückzuführen ,rno. Tie be­lebenden Faktoren unserer organischen Welt: Licht, Wärme, Schall, Elektrizität und Magnetismus, sind unteren Sinnesempsindungcn gegenüber zwar ganz verschieben und von spezifischem Eharakier, im Grunde aber nur verschiedene Energiearmen. Physik und Technik bieten uns die Möglichkeit, diese Naruräußerungen in- cinaiider uni) in handgreifliche Bewegung selbst uberzu'uhren. Dte gegenteilige Verwandelbarkeit der Arbeitsformen in jeher Hinsicht Tcftgcftellt zu haben, ist daS Verdienft d:r großen Elekrro- Physikcr Faraday, Maxwell und Hertz.

Die gegenteilige Berwaiidtung m.r Arbeitsformen windet im täglichen Sieben utnrolie Aiiwendung: die Dampfmaschine vcr- (panöeir Warme in Bewegung, die Dynamomaichtne Ut>itre in Elettrizita:, die ihrerseits ein vorzügiiavs Hcizmütel ober eine t'id iquc-le sein kann, eiter aber nach umivonblung m Magnetismus jum Anineb von 'Jlooren uiw jeder maiGjtnelien Ernnchlmuz

dienen kann Die Elektrizität spielt gewissermaßen die Rotte derVermittlerin zwischen den Naturkraften" und oermöge ihrer vielseitigen Umwandlungssähigkeit und der Eigenschaft, sich durch Leitung streng lokalisieren zu lassen, kann sie sür eine große Reihe von praktisäjen Zwecken durch keine aridere Energioart ersetzt werden. Sie ist uns zwar nirgends von Natur aus in direkt verwendbarer Form geboten, kann aber auf vielfache Weise er­zeugt, geleitet und verwettet werden. Wir sind imstande, der Elettrizität die Wege vorzuschreiben, die sie zu nutzbringender Arbeit einschlagen muß, und wir können durch Versuche und Berechnungen immer noch neue Wege ersinnen, auf denen sie uns neue ungeahnte Vorteile bringt.

Die in den Diensten der Menschheit stehende Elettrizitäh tritt uns meist in anderer Energieform und nur unter ganz bestimmten Bedingungen entgegen. Wir können sie aber auch Cann nodj nicht direkt wahrnehmen, da wir für Elektrizität lein spezielles Sinnesorgan haben, wie das Auge für Licht, das Ohr Tür Schall, das Gesühl für Wärme. Statt eigener Sinnesorgane müssen wir andere HllTsmittel anwenden, sinnreich konstruierte Apparate, die uns nicht nur das Vorhandensein der Elektrizität an$eigen, sondern auch durch ihre Wirkungen die Menge, Spannung und Leistung zu messen geitatten. Tie praktischen Anwendungen der Elektrizität häuTen sich gcgenwättig Derart, daß man sich allmählich daran gewöhnt, sie, ivie Licht und Wärme, als eiroad ganz selbstverständliches entgegenzunehmen. Für bav wissen- ichaTtlichen Forscher und benfenben Laien liegt jeboch etn fteter Ansporn und Reiz in bem Bestreben, ben gehnnrniSvollen Ütaiten Der Elektrizität nachzuspüren und tue Fragewas ist Denn eigent­lich das Wrien dieser Kraft?" einer befricoigenixm üoiung eiu- gegen zuführen. Tie vielseitige Verknüpfung Der Elettrizität mit anderen physikalischen Vorgängen legte den Gedanken nahe, überall dort, wo erner unmittelbaren Beobachtung durch die Sinne Grenzen gezogen sind, zur Erklärung und Teutung mechanische Hilisoor- Heilungen hiiizuzuzühen. Zwecks einer einheitlichen Zusammen­fassung und Erklärung aller elektrischen Erscheinungsgediete konnte lid) txe Etettriziunslehre daher ebensowenig einer Bildung gc- roin'et Grundvorstellungen entziehen wie die Physik miß EHernie, Die beide zu der auch jetzt noch unentbehrlichen mechanischen Vllf^ovrftellung der SJtolefüle und Atome gedrängt wurden. Diese .vuipboritellungen haben natur ließ auf elektrischem und magneti­schem lpebitt, ebenso wie auf jo:m anderen, eine gewisse Entwick­lung durchgemacht und sich je nach dem Stano der Erfahrungs- tal>achen uuö Der Tortschr eiten den wissenschaftlichen Erreniituiß ,ehc erheblich geändett.

Man unter,jrüher in der Physik eine große AnzM