Ausgabe 
9.1.1911 Zweites Blatt
 
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Rodelschlitten sind in der Försterswohmmg

Friedberg auS.

Auch für gute Verpflegung und Er-

lkihweise git haben.

nungSftrafe von 100 Mark. Hierüber wird im Zuhörer­raum gelacht. Nach längeren Bemühungen gelingt es, einen Jw validen Wiczoreck ausfindig zu machen, der nach den Behauptungen anderer Zuhörer sich dieser Ungebühr schuldig gemacht haben sollte. Er bestreitet dies aber, und der Vorsitzende geht dem Zwischenfall nicht weiter nach. ..... . .

Nachdem dann Rechtsanwalt Rosenfeld feilt Plädoyer beendet hatte, wurden die weiteren Verhandlungen auf Montag vertagt Da aber am Montag in dem bisherigen Sitzungssaale der grofu Schwurgerichtsprozeß wegen der Moabiter Krawalle beginnen wird, so muß das Gericht wieder in den früheren Sitzungssaal über­siedeln.

frischung ist dort jederzeit gesorgt.

Starkenburg und Rheinhessen.

Darmstadt, 5. Jan. Nach der im Verwaltungs­bericht der Bürgermeisterei enthaltenen Uebersicht über den Vermögens- und Schuldenstand unserer Stadt ist das Ver­mögen im Jahre 1909 zu 72 330 311 Mark berechnet, während die Schulden 41085 725 Mark betragen, so daß ein Ver­mögensüberschuß von 31 244 586 Mark erscheint. Gegen das Vor­jahr hat sich der Vermögensuberschuß um 1666 599 Mark gehoben. Unter den Vermögenswerten sind die Waldungen mit 3 548 379 Mark enthalten, das Acker-und Wiesengelände mit 1842 647 Mark, während das in den städtischen Betrieben (Wasserwerk, Gaswerk, Elektrizitätswerk und Straßenbahn) angelegte Vermögen nach den Ertragswerten (der Durchschnitts-Betriebsüberschuß der letzten fünf Jahre 4VriProzentige Rente angesehen) eingestellt ist. Von den Schulden sind die Anleihen der Jahre 1879 bis 1905 mit 31/2%, die der Jahre 1907 und 1909 mit 4°/o zu verzinsen.

m Offenbach a. M., 9. Jan. Im Offenbacher Krematorium wurden 1910 insgesamt 2 0 8 Jeuer­be st alt ungen vorgenommen; davon waren 44 aus Offen­bach und 115 aus Franks int. Die übrigen verteilen sich aus 23 Orte, von denen Darmstadt mit 15 an der Spitze steht. Seit dem Bestehen des Krematoriums wurden insgesamt 1686 I« uerbesrattungen vorgenommen, darunter 1078 Diänner, 555 Frauen und 53 Kinder.

Kreis Wetzlar.

= Krofdorf, 8. Jan. Förster Echternacht in Krofdorf tjatte dieser Tage das Glück, einer- in der Krof- dorfer Pachtjagd angeschossenen Spießhirsch im Staatswalde zur Strecke zu bringen. Der Hirsch war

Der Ausgang des Moabiter Prozesses.

4 Berlin, 7. Jan.

In der heutigen Sitzung des Moabiter Krawallprozesses kamen dieübrigenVerteidiger zum Wort. Zunächst setzte Recksts- anwalt Heinemann sein gestern abgebrochenes Plädoyer fort und führte es zu Ende. Er beftritt nochmals, daß der Angeklagte Weiß den vielbesprochenen Blumentopf vom Balkan auf ^die Schutz­leute herabgeworfen habe und wandte sich dann den Straftaten der Angeklagten Tiedemann und Merten zu, denen der Staats­anwalt es schon als ein Verbrechen ausgelegt habe, daß sie über­haupt bei den Krawallen anwesend gewesen seien. Daraus allein sei aber den Angeklagten ein sttafbares Verschulden noch nicht nach- zuweisen. Insonderheit sei der Angeklagte Tiedemann ganz zu­fällig in den Krawall hineingeraten, wie das auch vielen anderen passiert sei, ohne daß man deshalb gegen sie Anklage erhoben habe. Es komme immer darauf an, den Angeklagten nachzuweisen, daß sie im Bewußtsein der Rechtswidrigkeit ihres Tuns an dem Kwawall teilgenommen haben. Und in dieser Beziehung fehle es bei beiden Angeklagten an einem strikten Nachweise. Der Verteidiger geht dann auch auf den allgemeinen Teil der Anklage ein und meint, daß die Handlungen der Polizei in vielen Fällen als Mißhandlungen zu bezeichnen seien, gegen die den Angeklagten ein Recht der Abwehr zustand. Soweit sich die Polizei nichit in Ausübung ihres Amtes befunden habe, sondern aggressiv ge­worden sei, falle der Begriff der ftrafbaren Zusammenrottung bei den Angeklagten fort und sie tonnten daher auch deshalb nicht bestraft werden.

Rechtsanwalt C 0 ß m a n n bezeichnete den von ihm vertretenen Angeklagten Meyer als^einen geistig minderwertigen Menschen, für den das von dem Staatsanwalt beantragte Strafmaß tun einem Jahr Gefängnis mit Rücksicht auf seine Jugend und seine geringe Bildung viel zu hoch erscheine.

Rechtsanwalt Dr. Rosenfeld ging nochmals die Ursach der Krawalle, den Streik bei Kupfer u. Co. durch und meint, da die Hinzesche Streikbrechergarde die Hauptsck)uld an der Ver stärkung der Lage trage. Dagegen sei durch die Verhandlung nicht erwiesen, daß der sozialdemokratische Transportarbeiterver-' band gehetzt habe. Wohl aber hätte die Hinzesche Knüppelgarde unter den Augen der Polizei geradezu gemeingefährlich hausen dürfen. Auch die Kriminalbeamten hätten äußerst brutal gearbeitet, und man müsse sagen, daß die uniformierte wie die Kriminalpolizei mit dem Blute der Moabiter Bürger befleckt, den Schauplatz ihrer Heldentaten verlassen hätten, für die ihnen jetzt auch noch allerlei Orden und Ehrenzeichen ver­liehen worden seien.

Bei diesen Ausführungen wird der Verteidiger vom Vor-

in unmittelbarer Nähe von einer sogenannten FUtterstelle _ mit der Kugel spitz von hinten beschossen worden und das Geschoß hatte die eine Keule zerschmettert. Als Glück muß es bezeichnet werden, daß Herr Cchternacht auf der Schneedecke die Schweißfährte so nennt der Jäger die Blut spur des angeschossenen Stückes fand, denn sonst wäre dieses vielleicht noch längere Zeit gräßlichen Qualen ausgesetzt gewesen, bis der Tod es von seinen Leiden erlöst .jätte. Im Walde liegt der Schnee stellenweise sehr hoch und das Wild empfindet die winterliche Kälte umso­mehr, als noch der Mangel an Nahrung hinzukommt. Wie in dem nach Fellingshausen zu gelegenen Teile des Krof- dorfer Gemeindewaldes zu sehen, ist man deshalb bemüht, dem Wilde an mehreren »Stellen Nahrung darzubieten. Hier steht eine Futterraufe, da sind Rüben ausgelegt und dort liegen Kastanien umher und laden zur Aesung ein. Dem Jagdliebhaber mag es eine Freude sein, wenn er sieht, wie das Wild hungernd und matt von weither angewankt lomtnt, um die ausgeleaten Leckerbissen aufzunehmen, dem Wilde bekommt das aber anscheinend nicht immer gut, denn nach den Schweißfährten,-das sind die Blutspuren, bei den Futterplätzen AU urteilen, bietet sich hier leicht Ge- legenhett, das vertrauensselige Wckd niederzuschießen.

Hessen-Nassau.

X. Hanau, 8. Ian. Die evang. Kirche in Groß- Au beim, zu deren Banfonds der Kaiser s. Zt. 10 000 'DU. bciqefleuert hat, soll am 22. d. Mts. eingeweiht werden. Von der Kaiserin ist aus diesem Anlasse eine kostbare Altar- bibel mit eigenhändiger Widmung gestiftet morden. In das tat6. Schwesternhaus ist in der verflossenen Rachl die acht^ jährige Diane He eg auS Kahl a. M. eingebracht worden, die sich kurz vorher durch die Explosion einer Petroleum- tainpe schwere Brandwiinden zuqezogen hatte. Heute früh ist das Kmd durch den Tod von schweren Leiden erlöst ivorden.

F. E. Wiesbaden, 8. Jan. Heute wurde die von Prof. Pütz er-Darmstadt erbaute Luther-Kirche die vierte evangelische Kirche eingeweiht, die sich tm Süden der Stadt erhebt mit ihrem ähgestumpften massiven Turm und dem steilen breitspitzigen Mansardendach, mit Türmchen, Erkern und Bogen sich eigenartig über dem Häusermeer der Weltkurstadt abhebt. Der Bau vereinigt altchristliche und frühromanische Form in sich und ähnelt der französisch-niederländischen Kirche in Hanau. Die künst­lerischen Arbeiten in der Kirche sind- von den Professoren Varnesi und Linnemann-Frankfurt a. M., die Glocken von F. W. Rincker-Sinn, die Beleuchtungskörper nach den Ent­würfen von Professor von Riegel-Darmstadt, die Orgel von Walcker u. Co.-Ludwigsburg ausgeführt. Die Kirche hat 1450 Sitzplätze. Die Kosten des Baues beliefen sich auf rund 570 000 Mark.

sitzenden unterbrochen, und der Erste Staatsanwalt Steinbrech! beantragt gegen Dr. Rosenfeld wegen grober Ungebühr eine Ordnungsstrafe.

Rechtsanwalt Rosenfeld erklärt zu diesem Anträge, daß er nur die Ergebnisse der Beweisaufnahme rekapituliert und aus Grund dieser die Ueberzeugung gewonnen habe, die er mit seiner Be­merkung zum Ausdruck gebracht hätte.

Darauf zieht sich das Gericht zu einer längeren Beratung zurück und verhängt über Dr. Rosenfeld eine Ord-

An» Statt mit Cant.

Gießen, 9. Januar 1911.

** Heb'ertragen wurde dem Lehrer Franz Geig er zu Unter-Abtsteinach eine Lehr er stelle an der Gememdeschule zu Osthofen. , , , -

** Unser Museum ist wieder durch vor- und früh- geschichtliche intereßante, zum Teil seltene Funde bereichert worden. In Ober-Hör^ern wurden bronzezeit­liche Gräber etwa aus dem Jahre 1000 vor Ehr. auf gedeckt. Außer mehreren mächtigen Gesäßen, d.e mehrfach verziert und mit Graphitglanz versehen waren, wurde auch eine schöne Schale geborgen. Bei einer Bestattung wurden zwei massive, reich verzierte, 23 Zentimeter lange Bronze­nadeln, die unseren heutigen Hutnadeln ähneln, und ein Armband gefunden. Die Gegenstände überwies der Blitzer des Grundstückes in dankenswerter Weise dem Museum. Etwa 600 Meter westlich an der Straße Ober-Hörgern Butzbach wurden bei Gelegenheit von Drainage-Arbeiten Mauer züge freigelegt, die wir als Grundmauern von römischen Villen (villae rusticae) feststellten. Eine Trockenmauer von Feldsteinen umgab die Gebäude. Auch hier wurden eine Menge Kleinfunde gemacht, wie Ziegel verschiedener Art, Teile ornamentierter terra-sisillata-Scher- ben, Spinnwirtel, Glas sowie eins tadellos erhaltene Hand­mühle aus Sandstein. Ähnliche römische Funde aus der- elben Zeit, 3. Jhdt. nach Ehr., wurden auch bei der Ver- chleifung eines Weges südlich des Kastells Arnsburg unter einer ausgedehnten Steintagerung angetroffen. Bc- onderer Tank gebührt der Kulturinspek.ion Gießen, die in unermüdlicher Sorgfalt auf die Bodenfunde achtet, der Denkmalpflege sofortige Mitteilung macht und somit zur Siedlungsfrage der hessischen Vorzeit erheblich betrögt.

Landkreis Gießen.

-b. Hungen, 8. Jan. Durckz die festgefrorene Schnee­decke draußen in Wald und Feld befindet sich das W1 l e gegenwärtig in harter Bedrängnis. Hunger und Kälte treiben die Tiere bis in nächste Nähe der menschlichen Wohn Hätten. So wurden letzter Tage zwe, Rehe (eine ältere Geis, und ein junger Bock) in ermattetem Zustand in nächster Mhe unseres Städtchens in Gärten aufgefunden unb sanden bei einem hiesigen Waidmann Unterkunft und Pflege. Leider ist das Muttertier bereits emgegangen, während das Böcklern recht munter ist. Auch die gesamte noch bei uns weilende Vogelwelt leidet sehr unter Kälte und Hunger. Selbst Reb­hühner kommen bis in die Hausqärten.

Kreis Lauterbach.

~ Lauterbach, 6 Jan. Eine recht boshafte Tier­quälerei, wie sie wohl selten vorkoinmen dürfte, ist un- längst in einem kleinen Orte des VogelsbergeS vorgekommen Em dortiger Metzgerlehrling und em Einwohner wollten ein Schwem schlachten, aber durch mangelnde Kenntnis des Handwerks brachten sie das Tier nicht gleich tot. Als eS nämlich geschlagen und gestochen war, erholte es sich wieder aus ferner Betäubung und lief davon. Nachdem die beiden es wieder in einem (Sorten eingefangen hatten, wurde es nochmals durch mehrere Schläge betäubt und bann mit heißem Wasser ü verbrüht, wobei es noch nicht voll- stänbig tot gewesen sein soll. Die Täter würben von bei Gendarmerie zur Anzeige gebracht.

Kreis Schotten.

4- Köddingen, 8. Ian. Die hiesigen Wald­arbeiter streiken. Sie verlangen Gleichstellung der Lohn- und Akkordsätze mit denen der Oberförsterei Ulrichstein.

Kreis Friedberg.

1. Fauerbach, v. b. H., 6. Jan. Gestern hielt Obst­bautechniker Wolf aus Friedberg eine praktische Unter­weisung in Obstbau auf dem Felde ab. Er machte auf Fehler beim Setzen und Pfropfen der Bäume aufmerk­sam. Am Abend hielt derselbe Herr einen lehrreichen und gut besuchten Vortrag über Bodenbearbeitung, Düngung und Pflege besonders feinerer Obstsorten.

x Forsthaus Winterstein, 6. Jan. Ein schöner Fußweg wird gegenwärtig im Walde von hier nach Hof ; Hassel heck zu beiden Seiten der Fahrstraße angelegt. Da- . durch wird der etwas mehr als einstündige, im Sommer viel von Touristen und Kurgästen benutzte Weg von Bab-Stauheim ' zum Forsthause fast zu Dreiviertel schattig. Die bieseu Winter hier angelegte, etwa 600 Dieter lange Rodelbahn erfreut sich schon einer fleißigen Benutzung, besonders von

u. Diez, 6. Jan. Unfälle auf der Rodelbahn ereigneten sich hier an den letzten Abenden. In der Linden- Allee zog sich ein 14jähriger Junge einen Bluterguß zu, am oberen Markt stürzte eine junge Frau derart, daß sie bewußt­los nach Hause getragen werden mußte; ein Mädchen zog sich eine Quetschung des Beines zu und an der Alten Diezer Straße brach ein 15jähriges Mädchen ein Bein.

Straßenbahn und elektrische Stromlieferung nach wieseck.

# SSiefecf, 8. Januar.

Die Straßenbahnverbindung und der Bezug von elektrischem Strom für Kraft- und Lichtzwecke beschäftigte eine am Samstag abend im Restaurant Wacker hier embeiuiene Bürger­versammlung, die von mehr wie 200 Teilnehmern besucht war. In der von Bürgermeister S ch 0 m b e r geleiteten Versammlung be­richtete der Postverwalter G u t h i e r über das, was bisher ge­schehen sei, um eine Straßenbahnverbindung mit Gießen zu be- bekommen. Den Gedanken, daß die Gemeinde sich verpflichten sollte, den zu erwartenden Ausfall im Betrieb zu decken, habe man nach eingehender Prüfung als undurchführbar von der Hand weisen müssen, weil dieser Ausfall für die Wresecker Teilstrecke schwer festzustellen sei. Es haben private Unter­redungen mit dem Oberbürgermeister Mecum stattaefunden, die sich gleichzeitig auf die Abnahme von Elektrizität durch Wieieck für Kraft- und Lichtzwecke erstreckt haben. Es sei zuzugestehen, daß die Straßenbeleuchtung in Wieseck beschämend sei und hierin Wandel geschaffen werden müsse. Auch die Gewerbetreibenden in der Gemeinde hätten ein Recht, daß ihnen durch Zuführung von elektrischem Strom die Möglichkeit gegeben werde, nut den modernen Mitteln der Technik zu arbeiten. Würde mit Gießen ein Vertrag zustande kommen wegen Lieferung von Kraft und Licht an die Gemeinde als Generalabnchmerin, so konnte Die Weiter­lieferung des Stroms an die Konsumenten im Dorf, so viel Gewinn ergeben, um die Verzinsung und Tilgung des Betrages, den Gießen für die Weiterführung zu decken und den Betrieb der Straßenbahn verlangt. Wenn anfänglich diese Einnahme nicht zu dieser Deckung hinreicht, würde doch der Zuschuß aus all- meinen Steuermitteln, der vielleicht für die ersten ^aljre zu leisten sei, nicht groß werden. Hieraus berichteten Gastwirt D 0 r - seid uiid Fabrikant B r a m m übet die -Unterredung, die fie Mit Oberbürgermeister Mecum in Gießen hatten. Der Oberbürger­meister habe nach eingehenden Darlegungen der Verhältnisse sich entgegenkommend gezeigt und erklärt, daß, wenn ern Vertrag wegen Lieferung von Kraft und Licht zustande komme, er für den Weiterbau der Straßenbahn bis Wieseck unter Leistung emcs Zuschusses der Gemeinde zu den Baukosten von 60000 Mark zu haben sei. Herr Dorfeld glaubt versichern zu können, daß Gießen sich bei den Verhandlungen auch bereit finben laßt, die Sache mit 50 000 Mk. zu machen. Beide Redner schildern die Vorteile für alle Bevölkerunasklassen in der Gemeinde, die durch eine moderne und schnelle Verbindung mit der Stadt und dem Bahnhof Gießen erwachsen. Man erkannte an, daß Gießen die Bahn nicht für umsonst Herstellen könne und die Vorteile der Verbindung für Wieseck wohl 50 000 Mk. wert seren Lehrer Döll weist darauf Hin, daß seit den 22 Jahren, in benen er im Dorfe wirke, dreimal die Hoffnung gewinkt habe, daß Wieseck eine Eisenbahn bekomme. Hätten sich diese Hoffnungen verwirk­licht so hätte Wieseck seine Eisenbahn bezahlen müssen es wäre nicht gefragt worden, ob und wie viel es geben wolle. Heute hört man rechts und links vom Dorfe die Eisenbahnen Pfeisen, man hört sie an Wieseck im Bogen vorbeifahren und sitzt aus­geschlossen vom großen Verkehr. Die Hofmungen, die man heute noch wegen einer MmDerbinbung bat:, finb

nütze es wenn man eine Bahn hatte, die höchstens 45 Mal am Tage eine Verbindung nach Gießen herstelle Für Wieseck sei eine elektrische Straßenbahnverbindung bis zum Hauptbahnhof Gießen eine Lebensfrage. Die Versammlung habe sich heute darüber schlüssig zu machen, ob sie diese Bahnverbindung wolle und wenn diese Frage bejaht würde, dann müssen wir in Wieseck auch die Kosten da ür übernehmen. An der weiteren Aussprache beteiligten sich auch Redner aus dem Arbeiterstande. Man war einig darüber, daß man ein Geldopser bringen müsse, um die Verbindung nut Gießen zu erhalten. Die meisten Stimmen gingen dahin, oaB 50 000 Mk. genug seien, während andere Redner dafür waren, daß der Gemeinderat an 45000 Mk. die Sache Nicht scheitern lassen dürfe. Von den Arbeitern wurde gewünscht, der Ge­meinderat solle bei den Verhandlungen mit Gießen daraus bringen, daß Wochenkarten für Arbeiter eingeführt werden, da 20 mW 30 Psg. Fahrgeld täglich für die Fahrten von und zur Arbeits­stätte zu hoch seien. Die Versammlung beschloß mit allen gegen eine Stimme, daß sich der Gemeinderat sobald als tunluy

Übernimmt, die etwa durch die Wasserbauinspektion Dietz erfolgen könnte. Auch eine Entschließung, die um Ausnahme der Lahn- Kanalisierung in das Schiffahrtsabgabengesetz bittet, fand An- ^^Die Mittel für die heute beschlossenen Ausgaben sind vor- Händen, da das Bereinsvermögen zurzeit 10151 Mark 6rtXl W der Neuwahl des Vorstandes und Ausschusses (von Gießen gehören diesem Geh. Kommerzienrat Heichelheim und Ober­bürgermeister Mecum an) schloß die Versammlung.

Adel und Orden im 3n- und Ausland.

Wir erhielten folgende Zuschrift:

Ihre Ausführungen in Nr. 4 zur Adel- und Ordensfrage finden gewiß in weitesten Kreisen lebhafte Zustirnmima. Wer «erinnert sich nicht der Zeiten, wo es in demokratischen und diesen nahestehenden Kreisen gerabezu vnIönt war, eme Ordens­oder Titel-Auszeichnung hinzunehrnen? ^treberei, Kriecherei und dergleichen mehr, war das Mindeste, das icder Andersdenkender zu hören bekam. Aber andere Städtchen, andere Mädchen! Es find neue Zeiten über uns gekommen, die den Ordens- und Titelhunger auch unserer bewegtesten Demokraten konsequent sind nur die Sozialdemokraten geblieben Nicht annähernd zu stillen vermögen. ,

Im allgemeinen erfreuen sich noch die Monarchien, tnt Gegen­satz zu den demokratischen Republiken eines geordneten Aus- zeichnungswesens, wenn sich auch über die Durchführimg desselben manches sagen läßt. Nicht immer erfolgt sie nach Leistung und Tüchtigkeit des Inhabers, wie man das für richtig eraäfttti sollte. Hat Jemand dem Staat, der Stadt oder tn öffentlichen Funktionen eine Anzahl Jahre Dienste getan, so ist er nach den Ordensregeln reif für eine Auszeichnung, die chm niemand streitig machen wird, solange sie sich mit der Stellung und dem Auftreten des Betreffenden in der Oesseiitlichkeit in Einklang bringen läßt. Gerade bei dem Titelverleihen sollte man aber mit der größten Vorsicht und Zurückhaltung zu Werke gehen, da der Orden wohl in der Schublade ein behagliches TafeiN vertragen ober bei lokalen Festen dem inneren ^chmiuk das entsprechenbe äußere Gepräge geben kann. Beim Titel dagegen ist es anders. Er wird in die Well getragen unb das Ansehen des Staates leibet darunter, wenn mit spöttischem Lächeln auf diese fEitulernten herabgesehen Nnrd, welche die mit dem Titel nun unbedingt oerbunbene Repräsentation nur in unzulänglicher Weise auszuüben vermögen. Ist es dock) heute schon üblich, daß man draußen vorn Königlich preußischen, sackqifchen usw Kommerzienrat spricht, um den Unterschied zwischen bieien und andern kleinstaatlichen Titelträgern hervorznkehrQi. Geradezu herabwürdigend ist es aber in unserem engeren VaterlaM), bafo man anstatt dem Verdienstvollen die Auszeichnung zuzuerkennen, die Verleihung mit der Sanierung der Finanzen verknüpft und sich einen Stempel von mehreren 1000 Mark dafür vergütet

Vielfach ist es üblich, daß Geldspenden für einen staatlichen, kommunalen ober wohltätigen Zweck zur Erlangung eines Titels genügen. Das sollte unter keinen Umständen sein, zumal meift diese Spenden gamicht im richtigen Verhältnis zur Leistungsfähig­keit des Ausgezeichneten stehen. Wohl nimmt sich die geopferte Dumme, die zuwellen nicht einmal der Oeffentlichkeit vorenthalten zu werden vermag, auf ben ersten Blick recht bebeuienb aus. Bei sachlicher Prüfung aber wirb sie von den meisten anderen, nicht hervorleuchtenden Spenden im Verhältnis zu den Ver­mögens- unb Einkommenswerten bei weitem übertroffen. Was wlll es besagen, wenn Jemand 1000 ober 2000 Mark opfert, der hunberttausenbe sein eigen nennt? Ist nicht berjenige, welcher von seinen wenigen hundert ober tausend Mark Einkommen nur wenige Mark abgibt, sozialpolitisch ungleich größer unb für bas Gesamtwohl wertvoller als wie ber, welcher aus dem Vollen einen kärglichen Bruchteil anbietet? Ist nicht derjenige, der seine Angestellten unb Arbeiter in solcher Weise honoriert, baß ihm ein schmaler Verdienst bleibt, ungleich wertvoller für die Volkswirtschaft unb auszeichnungswürbiger, wie derjenige, der auf Kosten seiner finanziell schwack)en Attt- menschen und seiner Angestellten ungezählte Kapitalien anhäuft?

Auch die Stellung in gewissen Korporationen darf nicht immer ausschlaggebend sein bei der Titelverleihung, weiß man doch, auf welche erlaubte und unerlaubte, anständige ober un­anständige Weise solche Aemter zuweilen erlangt werden. Ich entsinne mich eines Falles, der vor wenigen Jahren hier in Gießen in der .Bürgerschaft kursierte, wo man lebhaft die Art fand Weise besprach, wie in einer kaufmännischen Korporation Aemter gesucht unb mit welcher Hilfe und in welck-er Art sie vergeben wurden, jedenfalls unwürdig ehrbarer Kaufleute. Bei passender Gelegenheit läßt sich aber darauf nach nochmalige» Feststellung ber Einzelheiten zurückkommen; für heute nur der Wunsch: Vorsicht in ber Verteilung von Orbensauszeichnungen» doppelte Vorsicht bei ben Titulationen! x

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SM leqnng zahmer *bee9I fegte ein pr< 2iW n>it de Minhehen Ye jiirigen Promz Andenken ^ifi31 men Mzinebb jährigen Pr« helfen! Lberb dann: Die dankte Präsident der & A«eti8, legte, öffentlichen Arb D. Nebel im 1 Lereinevom Rot hatte ebenfalls Schleife gefärbt, Rutker-Jenis

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