größere Höhen und verschwand schnell int dichten Nebel. Um 4,57 Uhr überflog Vollmöller mit Passagier das Startbanb. B ü ch- ner stieg mnt 5 Uhr 30 Mm. ans: er gelangte überrasckiend schnell in große Höhen und verschwand im Nebel. Ms letzter stieg Hanuschke um 5 Uhr 38 Min. auf. Schauenburg ließ seinen Apparat, der durch die Regengüsse in den letzten Tagen gelitten hat, abrüsten intb mit der Bahn nach Nordhausen schaffen. Dr. Wittenstein ist wegen Benzimnangels in der Nähe von W a r bürg niedergegangen, zwischen 10 Uhr 15 Min. und 10 Uhr 30 Min. aufgestiegen und nach schöner Fahrt nm 11 Uhr 12 Min. glatt ans bem Flugplätze in Kassel gelandet. Lindpaintner gibt auch die Strecke Kassel—Nordhausen auf, weil sein Apparat nicht rechtzeitig fertig geworden ist.
Höxter a. d. Weser, 5. Juli. Hannschke, der nm 5 Uhr 38 Min. ''in Kassel aufgestiegen war, flog irrtümlich statt in östlicher in nördlicher Richtung. Er hatte bei Münden den Weserlauf für die Werra gehalten. Als er seinen Irrtum bemerkte ging er hier glatt nieder.
Nordhausen, 5. Juli. Vollmöller ist Um 6 Uhr 15 Min. glatt gelandet. Wicneziers nahm auf dem Bahnhof von Bleicherode eine Zwischenlandung vor, weil er im Nebel die Orientierung verlor. Er ist nm 6 Uhr 30 Min. wieder aufgestiegen, mußte jedoch einen Kilometer vor Nordhausen wegen Motorschadens niedergehen, Büchner ist nm 6 Uhr 36 Min. mit Passagier gelandet. — Bei den gestrigen Schauflügen mußte Lecomre wegen Motordefektes landen. Er erlitt bei der Notlandung einen Beinbruch. Ter Apparat wurde stark beschädigt.
Die preuhisch-hGsche Lisenvahngemeinschast.
R. B. T a r m st a d t, 5. Juli.
lieber die preußisch- hessische Eisenbahn-Gemein schäft war für gestern abend wiederum eine Versammlung einberufen, die als Fortsetzung der Biermer- Versammlung int jungliberalen Verein angesehen werden kann. Einberufen war diese Vcrfammluiig von der fortschrittlichen Volkspartei. Stadtv. Hennrich führte aus, die Sache sei nicht Parteipolitik, da sie das ganze Land interessiere. Er gibt alsdann eine Darstellung der Entwicklung der Dinge, von der Verstaatlichung der Ludwigsbahn an. Bei dem Vertrag wurde Preußen der Geschäftsführer, vermöge seines überwiegenden Anteils. Ständigen Schwankungen sei die Teilungsziffer des lleber- schusses unterworfen. Die Zinsen dagegen schwanken nicht, sondern sind in stetigem Steigen begriffen. Kritik sei immer an dem Vertrag geübt worden. Der frühere Ludwtgsbahn- direktor Groo ß kämpfe in seiner Kritik nicht gegen den eigentlichen Vertrag, sondern nur gegen die finanzielle Grundlage, auf der er beruhe. Diese beruhe auf einer künstlich herabgedrückten Rente. Prof. Biermer stütze sich bei seinen Ausführungen nur auf preußische Argumente. Dieser schildere nur die Verhältnisse, die durch Auflösung des Vertrags entstehet: würden. Ferner sei auch nicht, wie Ministerialdirektor Ossenberg feststelle, ein Ueberschuß von 21/4 Millionen aus den ersten 2 Jahren vorhanden. Von diesem Betrag müßten noch IV? Million abgezogen werden, die aus der verminderten Zinsenlast infolge des Anteils aus dem Verkauf der Ludwigsbahn entstanden seien. Wäre die hessische Ludwigsbahn teuerer bezahlt worden, so wäre unsere Teilungsziffer höher gewesen und wir hätten für alle Zeiten Vorteile daraus ae- habt, auch wenn wir entsprechend mehr Zinsen hätten zahlen müssen. Ferner wird gesagt, der Verkehr habe nicht in dem Maße zugenommen, wie behauptet würde. Es bleibt nun die Frage offen, ob sich die gemachten Aufwendungen verzinsen. Aus den Voranschlagszahlen schließe Direktor Ossenberg aus einen Ueberschuß von 50 000 Mk. Ter Redner weift nach, Hessen habe in: Jahre 1909 einen Verlust von I1/4 Million gehabt. Schließlich wendet sich der Redner gegen den Ausdruck „politische Unehrlichkeit" bei der Behauptung, der Gemeinschaftsvertrag sei Schuld an unserer Finanzlage. Wenn gesagt wird, die Ueberschüsse hätten eine Höhe erreicht wie nie zuvor, so werde außer Acht gelassen, daß die Zinsenlast um l1/?—2 Millionen gestiegen sei.
Alsdann ergreift Landtagsabg. Reh das Wort und zollt Herrn Grooß Dank, daß er die Sache ins Rollen gebracht habe. Hierbei bandele es sich nur um die Frage, ob für Hessen bei Abschluß des Vertrags mehr hätte herausgeschlagen werden können, oder ob dies jetzt noch aus Billigkeitsgründen geschehen könne. In einem Staatsrechtslehrbuch stelle der Staatsrechtslehrer Böning fest, daß von zwei souveränen Staaten, die einen Vertrag geschlossen haben, einer zurücktreten könne, wenn die Voraussetzungen nicht mehr die gleichen seiet: wie bei dem Abschluß.'
Nach unwesentlichen Ausführungen des Herrn Nöske ergreift Herr Ritz er t das Wort und verwahrt sich dagegen, daß der jungliberale Verein den Vortrag Biermers aus parteipolitischen Gründen veranstaltet habe. Es gelte eine Unterlage zu schaffen, auf der die Sache behandelt werden könne. 9iad) einem Schlußwort des Herrn Hennrich wird die Versammlung um 111/4 Uhr geschlossen.
21ms Stadt ubiO Land.
Gießen, 6. Juli 1911.
* * Tageskalender für Donnerstag, 6. Juli: Abonnements- Konzert der Regimentsmusik. Abends 8 Uhr in Steins Garten.
• * In Audienz empfangen wurde vom Groß- herzog Oberlehrer Kohlbacher von Schotten.
.** Ordensverleihung. Der Großherzog hat das Komturkreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen dem Kaufmann Karl Ernst Rübe, das Ehrenkreuz desselben Ordens dem Kaufmann Ludw. Messel, das Ritterkreuz 1. Klasse desselben Ordens dem Kaufmann Ludw. Wagner, sämtlich in London, verliehen.
* * Ernennung. Der Groß her zog hat den Finanzaspiranten Werner Tönges aus Friedberg zum Ministerial- revisor bei der Buchhaltung der Ministerien des Innern und der Justiz ernannt.
"Erledigt ist die mit einem kathol. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Hüttenfeld.
** P 0stpers 0 nalnachrichten. Verlieh en wurde der Charakter als Postsetretär dem Ober-Postassisten- ten Kumpf in Gießen, den Postverwaltern Altmannsperger in Assenheim und R a u in Lich, der Charakter als Telegraphensetretär dem Obcr-Telegrapyenassistenten K unz in Bensheim; der Titel Ober-Postaftiftent den Postasftsten- ten A rras in Darmstadt und Kuntz in Alzey und der Titel Ober-Telegraphenassistent dem Ober-Postassistenten G a u l r a p p in Mainz. Bestanden die Postsekretär- prüsung: Ober-Postasftftent Joseph Müller in Bad-Nau- heim; die Telegraphenassistentenprüfung: die Tel.graphen- gchilsen S P i tz f a d e n und K r e i t e r in Mainz; die Postassistentenprüfung: die Postgehilsen Burk in Homberg, Lutz in Fürth, Spalt in König, Ulrich in Grebenhain, B 0 lland in Oberramstadt, Geißner In Gernsheim, Oe streich er in Londorf, Rost in Ortenberg, Jung in Viloel, Bepler in Beerfelden, Neuroth in Waldmichel- bact), Sch 0 lzin Bodenheim und V a l e u t i n in Goddelau, ferner bic Postanwärter Keil in Alzey und Kadel in
Mainz. Etatsmäßig an gestellt die Telegraphen- gehilftn Zöller in Darmstadt. Versetzt Postsekretär Meiski von Gießen nach Kreuznach, die Postassistenten Harth von Nieder-Jngelheim und Knöß von Worms nach Köln, Kühling er von Bad-Nauheim nach Gelsenkirchen, Postsekretär Böhm von Gelsenkirchen nach Mainz, Postverwalter M 0 l t e r aus Griesheim als Ober-Post- assistent nach Mainz, Postassistent Schlesinger als Postverwalter von Mainz nach Westhofen und Ober-Post- assistent Trabert von Hungen nach Gießen. Angenommen zum Postagenien der Polizei- und Hafenmeister a. D. Soelle in Hirzenhain, Schneidermeister Sattler in Weiskirchen, Landwirt Wolf IV. in Dietzenbach und Dreher Friedr. Beilstein in Niedernhausen. Freiwillig ausgeschieden die Telegraphengehilsinnen Grün in Mainz und Lip 0 wsky in Gießet:, der Postgehilfe Fellen in Bodenheim und die Postagenten Glockengießer in Hirzenhain und Wolf II. in Dtetzen- 6ad). Geft 0 rben Over-Postfekretär a. D. Rechnungsrat Bernhard in Gießen, Postsekretär Kretz mähr in Darmstadt und Postagent Georg Beil st ein in Niedernhausen.
** Organisationsänderungen in den Bau- ämtern. Von geschätzter Seite werden wir darauf aufmerksam gemacht, daß die darüber gebrachten Nachrichten nicht ganz zutreffend sind. Das Hochbauamt Alsfeld soll nicht eingehen, sondern besten Vorstand soll vorläuftg eoeut. die Arbeit des Kreisbauinspektors Alsfeld mitversehen. Die Verhandlungen über eventuelle Organisationsänderungen befinden sich noch im Stadium der Erhebungen.
** Leben in der N eust adt. Der gestrige Jahrmarkt, mit dem der Kirschenmarkt verbunden war, hatte zahlreiche Leute aus dem Hinterland in unsere Stadt gebracht, die and) die Geschäfte in der 9?eu)iabt, der Mcrrt't- straße und der oberen Bahnhofstraße aus suchten, wo gestern recht belangreiche Umsätze erzielt wurden. Einzelne Krämermärkte im Jahre haben für die Geschäftswelt unserer Stadt immer nock) Bedeutung, zu diesen zählt jedes Jahr der Kirschetunartt; der geschäftliche Erfolg des gestrigen Tages würde für unsere Kaufleute iiodj größer gewesen sein, wenn gleichzeitig aud) ein Viehmarkt gehalten worden wäre.
** Ofensetzer Will). Höß ersucht uns um Mitteilung, daß er nicht der Höß ist, der, wie in der Montagsnummcr berichtet wurde, einen Zusammenstoß mit der elektrischen Bahn hatte. Bemerkt sei dazu, daß Sllbert Höß am anderen Tage wieder hergestellt war und feinem Berufe nachgehen konnte.
** Siebe u n d Hehler. Gestern nachmittag holten sich zwei Frernde einen Handiverksb ursck)en auf der Herberge und beauftragten ihn gegen Bezahlung, Schmucksachen im Pfandhause zu versetzen oder zu verkaufen. Als der Hand- wecksbiirsche dann bei einem Trödler eme Damenuhr mit Kette verkaufen wollte, wurde er von einem Kriminalbeamten überrascht. Seine beiden Auftraggeber hatten sich auf der Straße postiert. Während der Beamte zur Verhaftung schritt, hatte sich der eine bereits verduftet und der zweite machte einen Fluchtversuck), wurde aber wieder ergriffen. Wie festgestellt wurde, handelte es sick) um zwei in Wetzlar wohnende Arbeiter, und man nimmt an, daß die Schmuck- sachen aus den EinbruchSdiebstählen herrühren, ivelche in letzter Zeit in Wetzlar und Braunfels ausgeführt ivurden. Jnzivischen wurde auch der dritte der Beteiligten, ein mehrfach vorbestrafter Mensck), in Wetzlar festgenommen.
Landkreis Gießen.
-- Gr 0 ßen - Liuden, 5. Jun. Im hiesigen To r f - bad wurden im Monat Juni ',0 Wannenbäder und 139 Brausebäder abgegeben.
Kreis Schotten.
+ Laubach, 5. Juli. Unser Gymnasium hak eine wertvolle Bereicherung seiner Lehrmittel erfahren. Schlachthofsdirektor Modde-Gießen hat ihm eine Sammlung präparierter Tierschädel zum Geschenk gemacht, darunter befinden sich sehr schöne Exemplare.
Kreis Friedberg.
L. Friedberg, 5. Juck. Zurzeit wird der B a hn - dämm der Main-Weserbahn wie der der Friedberg- Hanauer Bahn in den Gemartungen Feuerbach und Bruchenbrücken bedeutend erhöht, damit er mit dem neuen Bahnhof in gleicher Höhe zu liegen kommt. Die neue Zufuhrstraße von Fauerbach nach dem Neubahnhof, ans der schon einige Häuser stehen, hat den Namen Fritz Reuter- straße erhallen.
Starkenburg und Rheinhessen.
d. Mainz, 5. Juni. In der heutigen Sitzung der Stadtverordneten wurde als unbesoldeter Beigeordneter an Stelle von Dr. Bamberger einstimmig Stadtv. M. M. Mayer gewählt. Oberbürgermeister Dr. Göttel- mann widmete Dr. Bamberger herzliche Dankesworte für seine Dienste. — Wegen des geplanten Verkaufs eines großen Teils des Gonsenheimer Waldes (der Wald gehört dem Universitätsfonds) an den Schloßbesitzer v. Waldt- h aus en wurde von den Stadtv. Haardt und Adelung gegen den Verkauf gesprochen. Stadtv. Dr. Schmitt behauptete, daß es sich bei dem Verkauf hauptsächlich um Ackergelände handele und zum kleinsten Teil nur um Wald, die Sache sei übrigens nock) nicht >0 weit und müsse unter allen Umständen vorher den Kreis- und Provinzialtag beschäftigen. Tie Bürgermeisterei wurde beauftragt, gegen jede Veräußerung des Waldes aufzutreten. — Für die durch das Unwetter geschädigten Bewohner in der Gegend von Kreuznach wurden 1000 Mk. bewilligt. — Die alte Sturmglocke des Stefansturmes kommt ins Museum. — Ta die Geflügelhändler sich weigern, Oktroigebühren für Wild und Geflügel zu zahlen und bisher auch in drei Instanzen obsiegende Urteile erfochten, wurde bejchlossen, die Gebühren nicht mehr zu erheben, bis das Reichsgericht im Oktober darüber entschieden hat. Im letzten Rechnungsjahr haben die Gebühren auf Wild der Sradt 15000 Mark eingebracht. — EinschweresUnglück ereignete ich heute nachmittag an einem Neubau der Pionierkaserne des Pionierbattaillons Nr. 25 an der Kaiserbrücke. Dort waren mehrere Zimmerleute der Firma Lippmann aus Weisenau im zweiten Stockwerk beschäftigt, als plötzlick) gegen 4 Uhr eine Diele durchbrach und die ledigen 19- und 25jährigen Zimmerer Franz Berberich und Ludwig Kuhn aus Weisenau in den ersten Stock des Hauses hinab- stürzten. Die Abgestürzten wurden in bewußtlosem Zustande hinweggebracht. Es wurde festgestellt, daß Berberich eine Gehirnerschütterung und Verletzungen am Kopfe, Kuhn schwere Verletzungen am Kopfe erlitten hat.
Hessen-Nassau.
rv. Kassel, 5. Juli. Die Kaiserin, Prinzessin Viktoria Luise und Prinz Joachim sind heute früh 7 Uhr 47 Min. auf der Station WilhelmZhöhe eingetroffen und haben sich nach dem Schloß begeben.
Einsendungen zum Neubau der Gietzener Amtsgerichtrgebäuder.
(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)
Geehrte Redaktion des Gießener Anzeiger!
Gestatten Sie mir bitte noch eine Erwiderung auf das heutige Eingesandt des Herrn Landtagsabgeordneten Grünewald. Zum Tanke dafür will ich mich recht kurz fassen.
In dem von dem Herrn Justizrat veröffentlichten Briefe des Obcrhess. Anwaltsvereins heißt es unter anderem wörtlich:
„In allen diesen Fällen wäre es doch möglick), daß die hiesigen Anwälte, welche sehr häufig am Amtsgericht und Landgericht gleichzeitig besck>üftigt sind, ihre Termine gleichzeitig an beiden Gerichten wahren könnten usw."
Ties bedingt aber, daß die Rechtsuchenden und Zeugen fthr ost auf den an beiden Gerichten „gleichzeitig" beschäftigten Anwalt warten müssen und das liegt durchaus nicht im Interesse des Publikums, für welches dock) nach meinem Dafürhalten das Amtsgericht in erster Linie eingerichtet sein soll. Freilich baut man Wiesenbesitzern zuliebe kein Amtsgericht, aber auch nicht allein fifc die Anwälte, und die Gründe, welche der Anwaltsverein in letzter Stunde an führt, hätte er schon vor vier Jahren angeben können, denn so lange wird schon über einen „Neubau" des Amtsgerichts verhandelt.
Daß es sich um 40 bis 50 Zimmer handelt, habe ich aus dem Munde des hessischen Justizministers vernommen. Herr Grünewald zitiert hier falsch, wenn er schreibt, 40 bis 50 Zimmer mehr. Dieses mehr hat nicht in meinem Schreiben gestanden.
Tas Zitat „was ich denk' uiü> tu’, trau ich andern zu" hätte sich Herr Grünewald vorhalten sollen, als er einem anderen zuerst „in unglaublich gehässiger Weise Eigeninteresse" unterstellte.
Wenn Herr Grünewald von meinem Schreiben als von „Anwürfen" und „frivol" spricht, so kann er mir da absolut nicht maßgebend fein, ick) stelle es vielmehr der Gießener Bürgerschaft anheim zu beurteilen, worauf diese Bezeichnungen am besten passen, auf mein Schreiben oder auf die mündlichen und schriftlichen Ausführungen des Herrn Justizrates.
Zum Schlüsse droht der Herr Justizrat noch mit dem Gericht. Dadurch hat sick) vielleicht schon mancher einschüchtern lassen, dock) gehöre ick) nicht zu denjenigen, die sich durch eine derartige Drohung ins Bockshorn treiben lassen. Also Herr Rechtsairwalt, reiten Sie gleich mit Ihrem „Tier" — wahrscheinlich ist es ein recht hohes Pferd, aus dem sie sitzen und auf das Getümmel herabblicken — in die Ost-Anlaae und fordern Sie mid) vor Justitias Schranken, ich stelle Ihne:: auch dort meinen Mann.
Louis. Troß.
*
Dem Herrn Justizrat Grünewald sei erwidert:
Nachdem ich die „Anmaßung" besessen habe und so „un- ar t ig" gewesen bin, für den in Wildbad befindlichen Herrn Stadtverordneten L ö b c r, dessen Bestrebungen zur Hebung der Altstadt ich rückhaltlos billige, in die Bresche zu treten, wozu auch mir zahlreiche Zustiminungserklärungcn aus allen Teilen der Stadt angegangen sind, stimme ich jetzt freudig und aus Ueberzeugung — nicht wegen der Drohung mit dem Kadi — in den Rus ein: „Die Waffen nied er."
Nachdem die Angelegenheit durch die bisherige Aussprache genügend geklärt ist, sehe ich gern davon ab, die allerdings selten günstige Situation für eine Polemik weiter auszubeuten und begnüge mich nur mit folgenden sachlichen Feststellungen.
Die Form und Schwere des persönlichen Angriffs auf Herrn Löber war eine so ungewöhnliche, daß sie auch Unbeteiligten Veranlassung zu Protesten bieten konnte, wie ja auch die zufällige Bundesgenosicn>cyatt beweist, die ich von feiten eines Stadtverordneten aus ganz entgegengesetztem Stadtteil gefunden habe.
Die Feststellung, daß er mich nicht kennt, hat bei mir — und wohl nicht bei mir allein — ein heiteres Lächeln entlockt. Auch hierin irrt der Herr Justizrat menschlich.
Denn ich habe den Vorzug gehabt, ihn seinerzeit unter der Firma Grünewald und Römheld, als ich ihn mit einer Rechtssache betraute, persönlich kennen zu lernen. Doch ich kann nicht erwarten, daß er sich einer so unbedeutenden, in größter Zurückgezogenheit einzig ihrem Berufe lebenden Person, wie meiner Wenigkeit, noch erinnert. Für die Zukunft dürfte ich schon eher einige Chancen haben.
Die Frage der Zweckmäßigkeit der Trennung der Gerichte, sowie überhaupt die gerichtstechnische Seite der ganzen Angelegenheit wage ich nicht zu berühren, weil ich als Laie nichts davon verstehe.
Destomehr aber nehme ich vor der Oesfentlichkeit ein Urteil über die systematische Vernachlässigung in Anspruch, welche die Altstadt seit Jahrzehnten gefunden hat. Die Verhältnisse weisen hier jetzt einen Pegelstand auf, der eine Steigerung schlechterdings nicht mehr verträgt und zur Krisis drängt. Soll ich Ihnen die Auswanderung aller verkehrbringenden Institute einmal aus dem Handgelenk und ohne für Vollständigkeit zu garantieren, herzählen'? Es Huben sich von bannen: Post, Universität, Gymnasium, Frauenklinik, Quästur, Hals- und Ohrenklinik, Kaserne, Reichsbank, Bibliothek, Theater, Polizei, Bürgermeisterei usw. Diese letztere fühlt schon wieder den Wandertrieb, und ihre neuerliche Verlegung nach Süden wird eine letzte Kraftprobe für das sein, was man der Altstadt zu bieten wagt.. Was für öffentliche Institute geblieben sind, wage ich nicht anzudeuten. Aber auch die auf bass Ortsgeschäft angewiesene Geschäftswelt verläßt den alten Stadtteil, wie die Ratten das sinkende Schiff. Siehe hier: Schneidermeister Leib, Bankgeschäft Grünewald, Hirschapotheke, Hotel zum Rappen usw. usw.
Ich möchte benjenigen kennen lernen, ber bie Stirn hat, das zu bestreiten.
Neuerdings haben wir einen neuen, schweren Schlag erlebt durch die Inhibierung ber Einjährigeneinstellung im Herbst.
Herr Apotheker Schwieber, ber bas Verdienst hat, einen wunderschönen Bau an den Marktplatz gestellt zu haben, hat sich erst kürzlich in dieser Sache bemüht. Bis jetzt leider vergebens. Dies alles soll ein Verhängnis sein. Ich bestreite es und bin bereit, den Weg zur Abhilfe anzugeben!
Noch andere Tatsachen zu erwähnen, verbietet mir der Raum. Auch will ich als vorsichtiger Taktiker nicht alle .Argumente auf .einmal verpuffen.
Zum Schlüsse noch die Beantwortung der Frage betr. den Widerspruch in der Frankfurter Universitätsfrage. Als aus der Bürgervereinsversammlung Ijetaud der Hinweis gegeben wurde, eine wie schwere wirtschaftliche Konkurrenz mit der nur eisenbahn- stundenweiten Entfernung benachbarter Universitäten gegeben sei, betonte Herr Justizrat Grünewald vom hohen Kothurn ber idealen Weltanschauung aus die Erfteulichkeit ber Errichtung neuer Pflanzstätten ber Wissenschaft. Nun aber rechnet der ausgezeichnete Geschäftsmann Grünewald den Nutzen ber Anwesenheit recht vieler sttibentischer Besucher ber künftig im sonnigen Silben neu zu errichtenden Hals-, Ohren-, zahnärztlichen und Kinderklinik in barem Gelde aus. Also, um Verzeihung, ich bleibe dabei, Grünewald contra Grünewald.
Im übrigen möchte ich mit meinen Worten feine neuen Spal- tungen Hervorrufen ober vorhanbene vergrößern. Ich stehe vielmehr an meinem bescheibenen Teil auf dem Stairdpunkt bcs großen Sophokles : „Nicht mit zu Haffen, nein, mit zu lieben,- trat ich ins Leben!
Adalbert Bindewald,
Gericht-saal.
[1 Marburg, 9. Juli. Der Raubmorbversuch bei Nied er Weimar. Unter gewaltigem Anbrange des Publikums verhanbelte heute bas Schwurgericht gegen ben Steinhauer Karl Schröber genannt Lohrey, ber unter der Beschuldigung stand, am Spätnachmittage des 29. April im Walde bei Niederweimar auf ben Bautechniker Karl Mauß aus Marburg einen Mordversuch gemacht und 330 Mark geraubt zu haben. Mauß, ein 24 Jahre alter Mann, ber im .Weishauptschen Baugeschäft hier tätig ift>


