Ausgabe 
5.9.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. Ä07

die

setzen. DieGeschäftsanweisung für die Rentmeister der Kgl. Kreiskassen" kann hierfür als Beispiel dienen. Die vordem gültige Geschäftsanweisung sprach u. a. von extraordinären Einnahmen, Requisitionen, Aktenrepositorien, Amtsutcnsilien, Duplikatsschlüs- seln, Jnventarienverzeichnis, Aversionierungsvcrmcrken und Ru- üriken. Statt dessen finden sich in dem neuen Erlaß die Worte: außergewöhnliche Einnahmen, Ersuchen, Aktenbehälter, Amts-- geräte, Schlüssel, Verzeichnis, Portoablösungsvermerk und Spalten^ Als weitere Verdeutschungen sindmit Blattnummern oder Seiten­zahlen versehen" statt foliieren oder paginieren, verfügbar statt disponibel, staatlich statt fiskalisch und abliefern statt deklarieren. Auch eine Verbesserung des Stils zeigt die neue Geschäftsanweisung. Der-, die-, dasselbe ist durch er, sie, es ersetzt, die falsche Umstellung nachund" ist vermieden, unä Wörter wiediesfällig, diesseitig, letzterwähnt" sind weggelassen^ Anstattim letzteren" heißt esdarin" usw.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.

Redaktion: ^^112. Tel.*Adru AnzeigerGießen.

I Mainz, 3. Sept. Heute nachmittag gegen 1 Uhr wurde ein Astheim er Milch fuhrwerk, als es den Bahn­übergang bei Gustaosburg passieren wollte, von einer Maschine erfaßt. Der diensttuende Bahnwärter Kunz bemerkte die herannahende Lokomotive zu spät, um noch rechtzeitig die Schranke schließen zu können. Er siel dem Pferde des Wagens in die Zügel und suchte es zurückzudrängen. Bei diesem, Versuche wurde er selbst getötet und auch das Pferd geriet unter die Maschine. Der Kutscher blieb unverletzt. Iw dieser Woche wurden abermals auf einen Posten, der am Pulverhaus 15 Wache stand, Schüsse abgegeben. Iw der Dunkelheit sah der Angegriffene drei flüchtende Männer und gab Feuer auf sie, ohne scheinbar zu treffen. Dr. Pauö Falkenberg, Mitglied der Eisenbahndirektion Mainz, ist nach langem Leiden hier gestorben.

Marburg, 3. Sept. In den Tagen vom Dienstag den 4. bis Donnerstag den 6. OÜober d. Js. findet in Mar- burg der dritte Ferienkursus für die akademisch gebildeten Lehrer der Provinz Hessen-Nassau und des Fürstentums Waldeck statt. Da die beiden ersten Kurse, die in 1906 und 1908 hier abgehalten wurden, nach dem Urteile der Teil­nehmer ihren Zweck völlig erfüllt haben, dürfte auch diesmal zahlreiche Beteiligung zu erwarten sein. Die Themata der Vorlesungen sind folgende: 1. Philologisch-historische Ab­teilung Geh.-Rat Prof. D. Dr. Jülicher:Der Untergang des griechisch-römischen Heidentums". Geh.-Rat Professor Dr. von der Ropp:Innere Kolonisation Deutschlands". Pros. Dr. Kalbfleisch:Die Kunst des Menander". Prof. Dr. Wechßler:Die Weltanschauung Molißres". Prof. Dr. Schwarz:Ausgewählte Kapitel aus der experimentellen pädagogischen Psychologie". 2. Mathematisch-naturwissen­schaftliche Abteilung. Prof. Dr. Korschelt:Die neuere Pro­tozoenforschung in ihrer biologischen und praktischen Be­deutung". Prof. Dr. Richarz:Neuere Anschauungen über die kinetische Theorie der Materie". Prof. Dr. Neumann: Neuere Anschauungen über die Grundbegriffe der Mechanik und Physik" (Minkowski's Untersuchungen über Raum und Zeit). Prof. Dr. Diels:Neuere Erblichkeitslehren". Prof.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Familienblätter" werden dem Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Ureisblatt für den Ureis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zelt­fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Mascaanis neue Oper ,,B s o b e I" wird, wie aus Newyork gemeldet wird, ihre Erstausführung im dortigen New Theatre erleben. Der Text der Oper, deren Inhalt eine Um­formung der Legende von Lady Godiva ist, stammt von Luigi I l l i c a. Da die amerikanische Erstaufführung früher stattfinden wird als die Oper in Europa zur Aufführung gelangt, so wird Mascagni zur Leitung der Proben und der Erstaufführung irach Newyork kommen.

Eine Urkunde über die Belagerung von Jerusalem. Eine bedeutsame archäologische Entdeckung ist nach einem Bericht der Revue in Oberägypten gemacht worden. Es handelt sich um eine lateinische Inschrift auf einer H o l z f ü l l un g , die 50 Zeilen umfaßt: 35 davon sind deutlich lesbar Es ist, abgesehen von den aus Pompeji stam­menden Täfelchen, das schönste Beispiel lateinischer Schrift, das man bisher gefunden Hot.- Eine besondere Wichtigkeit erhält der Text dadurch, daß er die Belagerung von Jerusalem.' unter der Regierung des Titus erwähnt. Er stellt die erst» authentische Urkunde über das Ereignis dar und bestätigt in. allem, die Erzählung des. Jofephus und der anderen alten Historiker.

Berichterstatter hierüber war der Reichstagsabgeordnete M o l- lenbuhr (Deutschland). Er bezog sich in seinen Ausführungen mr wesentlichen auf die Ausschußverhandlungen, worauf die Entschließung zur Annahme gelangte.. Ferner wurde nach eine Entschließung über das

Fremdwörter in amtlichen Erlassen. .Das preußische FinanzmmisteriuM ift besonders darauf bedacht^

2lus Stadt und Land.

Gießen, 5. Sept. 1910.

* Po st personalnachrichten. Die Postassistenten- prufung bestand der Postgehilfe Greb in Lauterbach (Hessen). Angenommen als Telegraphengehilfin die Aushelferin Mühl­pforth in Bad-Nauheim

** Die Sanitätskolonne vom Roten Kreuz unternahm gestern einen interessanten Uebungsmarsch Sie rückte um 7i/2. Uhr vom Depot ohne Tragen ab. Auf dem Schiffen­berg gab der älteste Führer bekannt, daß hier eine Uebung statt- sirlden soll, der folgeirde Idee zu Grunde liege:Unterwegs sei der auf dem Uebungsmarsch begriffenen Kolonne bekannt geworden, daß |OUT dem Schiffenberg ein Gebäude eingestürzt sei und mehrere Personen dabei schwer verletzt worden wären." Sogleich machte sich die Kolonne daran, alle möglichen Gegenstände zum '.Herstellen von zum Transport Verwundeter erforderlichen Einrichtungen zusammenzusuchen. Mehrere Tragen wurden unter Benutzung von Stangen, Bänken, Brettern, Reisern, Stroh usw. hergestellt. Stangen, Seile und Bretter eines im Hofe stehenden Weißbinder­gerüstes wurden dazu, und zur Herrichtung eines Leiterwagens zur Aufnahme der Tragbahren abgerüstet und verwendet. Nach kaum Vs Stunde konnten 6 markierte Verletzte notdürftig geschient

Asylrech t angenommen. Sie protestiert dagegen, daß unter nichtigen Vor­wanden verschiedene Länder das Asylrecht für politische Vergehen verletzen, besonders auf den Einfluß Rußlands hin. Namentlich bedauernswert sei es, daß auch England trotz aller Kräftigung der Volksrechte dieses verletzende Vorgehen ausgenommen habe. Ter Kongreß fordert das Proletariat auf, sich mit allen Mitteln gegen eine solche Aktion auch im Interesse der Unabhängigkeit des eigenen Landes energisch zu widersetzen.

Am Nachmittag verhandelte der Kongreß über das Genossen­schaftswesen.

Hierzu wurde folgende Entschließung angenommen:

In der Erwägung, daß die Konsumvereine ihren Mitgliedern nicht nur unmittelbare materielle Vorteile bieten, daß sie berufen sind, hie Arbeiterklasse durch Ausschaltung des Zwischenhandels und durch Eigenproduktion für den organisierten Konsum wirt­schaftlich zu stärken und ihre Lebenshaltung zu verbessern, die Arbeiter zur selbständigen Leitung ihrer Angelegenheiten zu er­ziehen und dadurch die Demokratisierung und Sozialisierung der Gesellschaft vorzubereiten helfen, erklärt der Kongreß, daß die Genossenschaftsbewegung, wenn sie auch allein niemals die Be­freiung der Arbeiter herbeiführen kann, doch eine wirksame Waffe tn dem Klassenkampfe sein kann, den die Arbeiterschaft um die Eroberung der politischen und ökonomischen Macht zum Zwecke der Vergesellschaftung aller Mittel der Produktion und des Aus­tausches führt, und daß die Arbeiterklasse das stärkste Interesse daran hat, diese Waffe zu gebrauchen. Der Kongreß.fordert daher alle Parteigenossen und alle gewerkschaftlich organisierten Arbeiter auf, tätige Mitglieder der Konsumvereinsbewegung zu werden und zu bleiben, und in den Konsumvereinen in sozialistischem Geiste zu wirken, um zu verhindern, daß die Konsumvereine aus einem wertvollen Mittel der Organisation und Erziehung der Arbeiter­klasse ein Mittel werden könnten, um den Geist der sozialistischen Solidarität und Disziplin zu schwächen. Der Kongreß macht es daher den Parteigenossen zur Pflicht, in ihren Konsumvereinen darauf hinzuwirken, daß die Ueberschüsse nicht ausschließlich zur Rückvergütung an die Mitglieder, sondern auch zur Bildung von Fonds verwendet werden, die es den Konsumvereinen ermöglichen, zur genossenschaftlichen Produktion überzugehen und für die Er­ziehung und Bildung sowie ferner die Unterstützung ihrer Mit­glieder zu sorgen, daß die Lohn- und Arbeitsverhältnisse ihrer Angestellten im Einvernehmen mit den Gewerkschaften geregelt werden, daß ihre eigenen Betriebe vorbildlich organisiert sind, und, daß beim Bezüge von Waren gebührende Rücksicht auf die Herstellungsbedingungen genommen wird. Ob und inwieweit die Genossenschaften die politische und die gewerkschaftliche Bewegung direkt unterstützen sollen, ist der Entscheidung der einzelnen ge­nossenschaftlichen Organisationen jedes Landes zu überlassen. Der Kongreß erklärt ferner, daß die Genossenschaften jedes Landes einen einheitlichen Verband bilden müssen und daß es im Interesse der Arbeiterklasse in ihrem Kampfe gegen den Kapitalismus er- orderlick ist, daß die Beziehungen zwischen den politischen, ge­werkschaftlichen und genossenschaftlichen Organisationen immer in­niger werden, ohne daß dadurch ihre Selbständigkeit angetastet würde."

Unter großem Beifall wurde Wien als Tagungsort für 1913 gewählt. Der Vorsitzende Vandervelde schloß den Kongreß mit einem Hoch auf die völkerbefreiende Internationale. Die Kongreßteilnehmer verließen den Saal, indem sie Arbeiterlieder und dann zum Schluß gemeinsam die Internationale anstimmten.

ulid verbundett aus den Wagen zur Beförderung nach Iden Kliniken/ in Gießen verladen werden. Nach der Abrüstung der Gegenstände und einer mrzen Rast ging es weiter über die Hochwart durch Annerod auf dieAnnerüder Platte", wo für sämtliche Teilnehmer abgekocht wurde. Nach kurzer Zeit konnte die Erbsensuppe mit Buchsenfleisch verzehrt werden. Die Kolonne Hat gezeigt, daß, ste eine einmal befohlene Uebung trotz aller ungünstigen Witte-, rungsverhältnisse auch auszuführen versteht.

----- Unter-Schmitten, 3. Sept. Ein aufregenden -Vorfall beschäftigte gestern die Einwohnerschaft unseres Dorfes. Auf dem Weg von der Bahnhaltestelle nach der Weißmühle überfielen drei Strolche, welche von der Weißmühle herkamen, eine ältere Frau, die auf das Feld gehen wollten. Auf ihr Geschrei eilten Leute herbei, die die Kerle überwältigten. Zwei davon wurden in das (&> fängnis hierher abgeliefert. Es waren Dreschmaschinen^ arbeiter.

----- Nidda, 3. Sept. Die Manöver haben uns übergehend Einquartierung gebracht, Dragoner vom 24. Re­giment. Die Manöver verlaufen ganz kriegsmäßig, die Mannschaften kommen zu ganz unbestimmten Zeiten, manche finden auch an ganz anderen Orten Quartier, als anfangs bestimmt war. An die Truppen werden die größt­möglichsten Anforderungen gestellt.

= Kohden bei Nidda, 3. Sept. Am Sedantag wurde hier ein Veteran unter großer Beteiligung zur letzten' Ruhe gebracht, der für Fürst und Vaterland nicht bloß bekämpft, sondern auch geblutet hatte, der Kreisamtsdienep t. P. Georg Ludwig Klös. Hier geboren, hatte er sich nach seiner Pensionierung auch hier wieder niedergelassen. In dem Treffen bei Langfort und Frohnhofen 1866 beim 4. Re-s giment (jetzt 118.) dienend, hatte er einen Schuß durch die Lunge erhalten, war aber trotzdem wieder völlig geheilt worden. Er war ein ehrenhafter, gewissenhafter Beamter gewesen und hier und in der Umgegend allgemein geachtet und geschätzt. Der Kriegerverein Kohden gab am Grad die Ehrensalven ab. Sein Tod war infolge eines Schlage anfalls eingetreten, den er vor mehreren Wochen erlittew hatte.

Gaüiffets tolle bei der berühmten Reiterattacke vor Sedan

ist schon oft Gegenstand leidenschaftlicher Auseinander-« setzungen gewesen, bei denen sich besonders die durch ihre Gehässigkeit auszeichneten, die während der blutigen Mai-i Woche nach der Kommune unter der unbarmherzigen Faust dieses Generals zu leiden hatten. Daß Rochefort zu diesen gehört, ist selbstverständlich. Muß man demnach auch dem berühmten Pamphletisten eine unbestreitbare Vor­eingenommenheit zuschreiben, so ist doch die Darstellung, die er am Sedantage in derPatrie" gibt, zu interessant, um mit Schweigen übergangen zu werden. Wir geben sie also ohne andere Bemerkungen wieder:

Ich bin über die Episoden des Dramas von Sedan, bei dem Galliffet nach dem Angriffe, den ein anderer be­fehligt hatte, Gelegenheit fand, sich selbst zum General zu ernennen, indem er das Kepi des gefallenen tapferen Margueritte aufsetzte, in sehr fesselnder Weise unterrichtet worden. Einer meiner Freunde, der vor zwei Jahren ver­storbene Charles Haas, Mitglied des Jockeiklubs, verbrachte alle Jahre 14 Tage in Farnborough bei dec Exkaiserin! Eugenie. Ich war um jene Zeit selbst gezwungen, als Verbannter in England zu leben, und Haas versäumte nie, nach seinem Aufenthalte in Farnborough mir einen Besuch abzustatten. Bei einem dieser Besuche erzählte er mir folgendes, was er von der ehemaligen Herrscherin selbst erfahren hatte: Als der Exkaiser noch als Gefangener der Deutschen im Schlosse von Wilhelmshöhe sich aufhielt, kündete man ihm eines Tages einen Besucher an, dessen! Karte die Worte trug:General de Gallifset." Napoleon, recht überrascht, fragte, wer dieser General sei, von dem er keine Ahnung hatte, da er Galliffet nur als einfachen Obersten kannte. Als dieser trotz der selbstherrlichen Titel­verleihung von Napoleon empfangen tourbe, erklärte er,

- ^en Vorsitz führte heute Jeppesen (Norwegen). An erster stelle berichtete Huggler (Schweiz) über die

BetätigungderinternationalenSolidarität.

Der Ausschuß hat hierzu folgenden Antrag der Schweden an­genommen, der auch vom Kongreß genehmigt wurde:

Der Kongreß fordert die Arbeiter aller Länder auf, wenn ein Kampf zwischen Kapital und Arbeit solche Dimensionen ange­nommen hat, daß die Arbeiterschaft des Landes, in dem der Streck entbrannt ist, aus eigener Kraft denselben offenbar nicht burchfechten kann, die kämpfenden Genossen so kräftig als nur möglich moralisch und materiell zu unterstützen, um die ge­bieterische Pflicht der Arbeitersolidarität in dieser Weise in die £at umzusetzen. Der Kongreß stellt der gewerkschaftlichen Jnter- nationale^anheim, die zweckmäßigsten Formen der internationalen Arbeiter-Solidarität näher zu untersuchen und sestzulegen. Für die nächste Zeit empfiehlt der Kongreß: das immer nähere und dauerhaftere Zusammenwirken der gewerkschaftlichen Arbeiter-Or- ganiwtionen in jedem Lande und über die Grenzen hinaus: die Mänderung von solchen gewerkschaftlichen Satzungen, die einer iN^ellen und wirksamen internationalen Hilfsaktion hinderlich lern können: die Verbesserung und Erweiterung der internationalen Verbindungen ber_ sozialdemokratischen Arbeiterpresse. Besonders werden die sozialistischen Journalisten in dem Lande, in dem ein

Aussicht steht oder schon begonnen hat, an die Verpflichtung erinnert, ihre ausländischen Kollegen über die Si­tuation schnell und korrekt auf dem Laufenden zu erhalten, die ihrerseits verpflichtet sind, die Berichte, um das Interesse und! die Sympathie der Arbeiterschaft überall wachzurufen und um den allzu oft direkt erlogenenNeuigkeiten", die, um die öffentliche Meinung zu täuschen, von im Dienste des Kapitals stehenden Leitungen und Bureaus verbreitet werden, rechtzeitig entgegen- zutreten, unmittelbar zu verwenden. Auch von diesem Gesichts­punkte aus ist es von höchster Bedeutung, daß in alten Ländern eine sozialistische Presse emporwächst, die Kraft genug besitzt, um die breiten Volkskreise von der lähmenden Einwirkung des »bürger­lichen Zeitungswesens freizumachen,"

Zur

Arbeitergesetzgebung

liegt folgende Entschließung vor:

Der Kongreß bestätigt die Resolutionen von Paris und Amsterdam und stellt fest, daß die herrschenden Klassen der ver­schiedenen Länder seitdem wenig auf diesem Gebiete geleistet haben, und daß das Zustandegekommene sich int allgemeinen als un­zulänglich erwiesen hat. Alle möglichen Ausflüchte hat die Bour­geoisie gemacht, um ihren Mangel an gutem Willen und ihre Unfähigkeit, etwas großes füt die Arbeiterklasse zu leisten, zu verhüllen. So hat sie die Behauptung ausgestellt, daß die in­dustriellen Konkurrenzverhältnisse der einzelnen Länder die Ein­führung einer guten Arbeitergesetzgebung verhinderten, falls nicht internationale Vereinbarungen getroffen würden. Die verschie­denen Regierungen haben aber schon seit langem Mittel und Wege gefunden, um sich international zu verständigen, so z. B. bei der Berner Konvention über die Nachtarbeit der Frauen. Aber von dieser Möglichkeit ist nur ein sehr unerheblicher Gebrauch gemacht worden, obgleich die Kapitalisten gewaltigen Mehrwert aus der Arbeit der Proletarier gezogen und Milliarden für militärische Zwecke vergeudet haben. Aus alledem geht klar hervor, daß die Berufung auf die Notwendigkeit internationaler Vereinbarungen und die Behauptung von dem Fehlen von Mitteln für die Zwecke der Arbeitergesetzgebung nur Vorwände sind, um sich den Ver­pflichtungen gegenüber der Arbeiterklasse zu entziehen und um diese fast unbeschränkt ausbeuten zu können. Das alles veranlaßt uns, mit aller Kraft gegen diese unverantwortliche Nachlässigkeit der herrschenden Klassen zu protestieren und die Arbeiterklasse! aller Länder aufzurufen, diese Taktik des Unternehmertums un­ermüdlich zu bekämpfen. Der Kongreß ruft den Arbeitern ins . Gedächtnis, daß nur durch kräftig organisierte Gewerkschaften, : die auf persönlicher, ernster und ausdauernder Opferwilligkeit < beruhen, auf die. Herrschenden ein genügend starker Druck aus- geübt wird, um sie aus ihrer unverantwortlichen Lässigkeit auf- ; zuscheuchen." >

Internationaler Sozialiftenkongretz.

«4 Kopenhagen, 3. Sept.

Die Schlußsitzung des Internationalen Sozialisten-Kongresses brachte die Erledigung der noch ausstehenden Themata: die Be­tätigung der internationalen Solidarität, die Arbeitsgesetzgebung, die Amnestiefrage und die noch ausstehenden Resolutionen. Ein großer Teil der Delegierten ist bereits abgereist, da die Ent­täuschung über den stimmungslosen Verlauf des Kongresses all­gemein ist. Das Fehlen von Bebel und Singer ist nicht ohne Einfluß auf den Verlauf des Kongresses geblieben. So wurde auch der Besuch der Tribünen von Tag zu Tag spärlicher. Dazu kamen bann noch die Schwierigkeiten der gegenseitigen Verstän­digung, die anscheinend unlösbaren Differenzen zwischen Deutschen und Engländern über die internationale Betätigung und schließ- ..r L , wangelnde Disziplin bei den Delegierten der interessierten östlichen Länder.

bte Reise ausschließlich zu dem Zwecke unternommen zu «bisher in ziemlich großer Fülle in den amtlichen Erlassen befind-- Haven, um den bet Sedan Besiegten zu bitten', ihm die lichen Fremdwörter durch entsprechende deutsche Worte zu er- Ernennung zum General zu bestätigen, indem er sie vor-' ----- ---

datierte. Napoleon ließ sich aber darauf nicht ein und Galliffet mußte unverrichteter Dinge nach Paris zurück-, kehren. Erst bei einer zweiten Reise des falschen Generals ließ sich der Kaiser erweichen und gab die erbetene Unter­schrift. Da Galliffet nun mußte, daß es die fixe Idee dieses Halluzinierten war, seinen Thron wiederzuerobern, selbst wenn er dazu eine neue Boulogner Expedition unter­nehmen sollte, drang er in den Gefangenen, das Abenteuer zu wagen, und versprach ihm, seine Pläne zu unterstützen, indem er diesem Träumer einen triumphierenden Einzug in seine gute Stadt Paris verlockend vorhielt. Dank diesem Mittel setzte er alles durch, was er wollte. Hier verband er aber den Betrug mit der schändlichsten Treulosigkeit, Charles Haas versicherte mir, von der Kaiserin selbst den Verrat des falschen Generals erfahren zu haben, der sofort nach seiner Rückkehr Thiers, den Chef der Exekutivgewalt, aussuchte und ihn von der Absicht Napoleons in Kenntnis fetzte, baldigst eine Landung an der französischen Küste zu unternehmen. Diese Angeberei war schon an und für sich grundgemein, da Galliffet doch selbst den Gefangenen zu der vertraulichen Mitteilung veranlaßt hatte. Ader der Angeber ließ es dabei nicht sein Bewenden haben, er erbat sich! von Thiers den Ruhm ober richtiger die Schande, an dec Spitze seiner Reiter sich des Prätendenten zu be­mächtigen, wenn er seinen Fuß auf französischen Boden setzen sollte. Das Hingt unglaublich und ich hätte selbst solche Hinterlist nicht für möglich gehalten, wenn Charles Haas, dessen Glaubwürdigkeit nfcht verdächtigt werden kann, mjr sie nicht enthüllt hätte."

Zweites Blatt * 160* Jahrgang Montag 5« September 18IO

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