Nr. 259
Der Glrtzrver Injdftf erscheint täglich, auwet Sonntags. — Veüagen: viermal wöchentlich Giehener^mllienblatter; grueunnl wöchentl.Ureir, blatt für Öen Kreis Lietzen (Dienstag und Freitags zweimal monatl. Landwirtschaftliche Leitfraaen Fernsprech - Anschlüsse: für bte Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse füt Depeschen:
Anzeiger Gießen.
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Erstes Platt
160. Zahrgang
General-Anzeiger für Oberhessen
Sreltag, 4. November 1910
Yezngspreis: monatlich75Pf., vierteljährlich Alt. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch
die Post Alk. 2.—viertel- jahrl. ausschl. Beitellg. Zeilenpreis: lokal 15Pf^ auswärts 20 Pienniq. Chefredakteur: A Goetz. Perautwortlich für den politischen Teil: August Goetz; für .Feililleton", .Deriiiischtes* und „ — . w „Gerichtssaal": K. Neu-
Bofaflensonitf tmo Verla, ter BrfiljPfdjen Univ.-Vuch- und Sttinörutterel R. Lange. Redaktion, Expedition «nd Druckerei: Schuiftratze 7. oalf|^.iüc.rß'®.tai--1 lillb Expedition für Büdingen: vahnhofstrahe 16a. - Telephon Nr. 50. Aiizeigenteil: H. Beck.
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Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
Line Rübenzucker-Industrie in England.
In der Deutschen Volksw. Korr. lesen wir:
Die Aussichten für eine Verlängerung der Brüsseler Zuckerkonvention unter Beteiligung Englands scheinen sehr gering zu sein. Die Konvention läuft noch bis Ende August 1913. Da sich England augenscheinlich mehr und mehr von dem europäischen Rübenzucker frei zu machen sucht, so ist kaum Aussicht vorhanden, daß es über diesen Zeitpunkt hinaus an die Bestimmungen der Konvention wird gebunden sein wollen. Dem Bestreben der Engländer, den Rübenzucker au^ Deutschland, Frankreich, Holland, Oesterreich- Ungarn usw. auf dem großen englischen Markte durch den überseeischen Rohrzucker zu verdrängen, kommt die starke Zunahme der Rohrzuckerproduktion zustatten, die sich in fast allen Rohrzuckerländern, u. a. in Westindien, Südamerika, auf Hawaii, den Philippinen, Java u,w, seit einigen Jahren bemerkbar macht. Im laufenden Jahre hat die Einfuhr vonRohrzuckerna'ch England bereits einen solchen Umfang erreicht, daß annähernd die Hälfte des gesamten englischen Zuckerbedarfs durch Rohrzucker gedeckt wird, während vor wenigen Jahren der Anteil des Rohrzuckers am Zuckerimport des Vereinigten Königreichs kaum 10 Prozent betragen hat. Deutschland hat in den ersten 9 Monaten 1910 nur 2 763 121 Dz.- Rübenzucker nach England geliefert gegen 4 316 934 Dz. gleichzeitig 1909.
Nun will sich aber England außerdem auch eine Rübenzuckerindustrie im eigenen Lande schaffen. Zahlreiche Projekte für Gründung von Rüben- zuckerfabrilen liegen bereits vor. So steht jetzt fest, daß im Osten von England eine Fabrik unter dem Namen East Anglia Sugar Company, Limited, auf Grund holländischer Initiative und unter Beteiligung holländischen Kapitals gegründet werden wird. Das Unternehmen soll aus einer Rubenznckerfabrik und einer Raffinerie bestehen. Man hofft, in den Grafschaften Essex, Susfolk und Norfolk bis zu 5000 Acres für den Rübenbau zu gewinnen. Verbuche, die Gründung je einer Rübenzuckersabrik zustande zu brinaen, weiden ferner in Worcestershire und Middlessex gemacht, wo man zunächst für ein Gesamtareal von je 2000 Acres Anbau- verpflichtungs-Erklärungen der Farmer zu erlangen sucht. Daß in einem Lande wie England, dessen Zuckerverbrauch großer ist, als der irgendeines anderen Landes der Erde, günstige Aussichten für eine Zuckerindustrie bestehen, wird kaum bezweiielt werden können. Eine solche Industrie wäre sicher in England auch längst erstanden, wenn nicht, solange Deutschland, Frankreich, Oesterreich-Ungarn usw. Zuckerexportprämien gewährten, England in der Lage gewesen wäre, den Zucker viel billiger aus dem 'Auslande zu beziehen. Hierin hat bekanntlich die Brüsseler Konvention Wandel geschossen. So wie die Verhältnisse jetzt, nach siebenjährigem Bestehen der Zuckerkonvention, liegen, wird die deutsche Zuckerirrdustrie mit dem baldigen Verürste des englischen Marktes rechnen müssen.
Das russische Raiserpaar in Potsdam.
Die Begrüßungsworte der amtlichen „Nordd. Allg. Ztg." für den Zaren |inö sehr konventionell und bestreiten, daß oic Zusammenkunft „andere als für den Frieden nützliche Wirkungen" haben werde. Das wäre ja aber auch schon etwas.
Zum Besuche des russischen Kaisers in Potsdam schreibt die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung":
Der Kaiser von Rußland trifft am Freitag zum Besuch des Kaisers und Königs in Potsdam ein. Daß ein Wiedersehen zwischen den beiden Verwandten und befreundeten Herrschern in Aussicht stand, war seit der Anwesenheit des russischen Monarchen auf dem deutschen Boden nicht zweifelhaft, uni) wir freuen uns ganz besonders, daß Kaiser Nikolaus uns Gelcgenlzeil gibt, ihn in der Residenzstadt des Kaisers Wilhelm zu begrüßen, m deren Mauern schon so oft Fürsten aus dem Hause Rmn.uiow als Gäste der ihnen stets in Freundschaft verbundenen holienzillern- schen Herrscherfamilie geweilt haben. Diese Reise nach Potsdam ist ein neuer Beweis der herzlichen OtefInnung, die Kaiser Nikolaus von der Thronbesteigung an unserem Monarchen entgegen- gebracht hat und mit Se. Majestät rufen auch wir dem hol-en Gast ein aufrichtiges Willkommen zu und verbinden damit den Ausdruck ehrerbietiger Wünsche für die Kaiserin Alexandra. Es entspricht der 6eroäl}rten deutsch-russischen Tradition, daß sich die Herrscher beider Reiche öfters persönlich begegnen. Dem Wohl ihrer Länder und dein Frieden der Welt ist diese Hebung stets förderlich gewesen. Wir sind überzeugt, daß auch von der bevorstehenden Monarchenzusammenkunft keine anderen als für d i e E i n t r a ch t der beiden großen Nachbarmonarchien und damit für den Frieden und die Ruhe Europas nützliche Wirkungen ausgehen werden und wünschen von Herzen dem Besuch des Kaisers von Rußland in Potsdam einen Verlauf, wie er den aufrichtigen Wünschen der beiden hohen Herren sowie aller wahren Patrioten beider Länder entspricht.
Vas neue französische Kabinett.
Paris, 3. Nov. Das neue Kabinett setzt sich folgendermaßen zusammen: Präsidium und Inneres sowie Kultusministerium: Briand, Justiz: G i r a r d , Aeußeres Pichon, Kpieg: General Brun, Marine: Admiral Baus de Lapeyröre, öffentlicher Unterricht und Künste: Faure, Finanzen: Klotz, Handel: Dupuy, Ackerbau: Raynaud, Kolonien: Morel, Arbeit und soziale Fürsorge: Lassere und öffentliche Arbeiten: Puech.
Die Unterstaatssekretärsposten sind wie folgt besetzt: Gutsthau für Marine, Andre Lefövre Finanzen, Noulens für Krieg und Dujardin-Beaumetz für den öffentlichen Unterricht.
Briand hat dem Präsidenten Fallieres im Laufe des Abends die' neuen Minister vorgestellt und ihm die Ernennungsdekrete unterbreitet. Tie Minister werden morgen zusammentreten, um den Wortlaut der ministeriellen Erklärung festzustellen, die in den Kammern zur Verlesung gebracht weroen solle.
P a r i s, 3. Nov. KammerundSenat traten heute nackmittag zu einer Sitzung zusammen und vertagten f i ch wegen der Ministerkrise auf Dienstag den 8. November.
Vie Reise des Kronprinzenpaares.
Genua, 3. Nov. Das deutsche Kronprinzenpaar traf auf dem hiesigen Hauptbahnhof um 103/4 Uhr ein und begab sich im Automobil an Bord des Dampfers des Norddeutschen Lloyd „Prinz Ludwig". Als der Dampfer „Prinz Ludwig um 123/< Uhr vom Kai ablegte, brachten die Zuschauer, worunter sich viele Deutsche befanden, dem Paare Abschiedsgrüße dar.
Aus Hessen.
R. B. D a r m st a d t, 3. Nov. Der Sonderausschuß der Zweiten Kammer für die Revision der Verwaltungsgesetze hat heute unter Vorsitz des Abg Dr. Glas sing seine Sitzungen wieder ausgenommen. Zur Beratung standen die bereits provisorisch im Druck vorliegenden Auöschußberichte über die Städte- und die Land- gemeindeordnuna, wobei noch verschiedene Anstände erhoben und Abänderungen beantragt wurden. In der morgen vormittag stattfindenden Sitzung soll auch noch über zwei neue Eingaben zur Städteordnung beraten werden und vielleicht and) noch eine gemeinsame Sitzung mit der Negierung stattfinden. In der nächsten Woche w.rd alsdann die dritte der verwaltungscechtlichen Vorlagen, die Ver- waltungsrechtspslege, in Beratung genommen werden.
Deutsches Heid).
Der Bundesrat stimmte dem Entwurf des Arzneibuches für das Deutsche Reich, fünfte Auflage, zu.
Die Blätter melden aus Berlin : Die in der S ch r a u- benindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen, soweit sie im Deutschen Metallarbeiterverband organisiert sind, beschlossen in eine Tarisbewegung einzutreten und den Arbeitgebern Forderungen auf Lohnerhöhung mit der Maßnahme zur Annahme zu unterbreiten, daß Antwort bis Samstag erwartet wird.
Aus Dresden meldet die Frantf. Ztg.: Es ist möglich, daß in den nächsten Tagen eine große Aussperrung in der deutschen Schuhindustrie erfolgt. Seit einigen Wochen streiken in Dresden 1000 Arbeiter in zehn Schuhfabriken, die dem Verbände der Deutschen Schuh- und Schäftefabrikanten angehören. Da die Arbeiter der Aufforderung, spätestens Donnerstag chre Beschäftigung wieder aufzunehmen, nicht nachgekommen sind, hat die Dresdener Ortsgruppe des genannten Verbandes bei dessen Zentralleitung den Antrag auf eine allgemeine Aussperrung der organisierten Schuhmacher gestellt. In den nächsten Tagen soll, wahrfcheinlich in Berlin, eine Delegiertenkonserenz des Verbandes stattftnden, in der über diesen Antrag Beschluß gefaßt wird.
Der Verweser des russischen Ministeriums des Aeußern, S a s o n o w, der am Mittwoch in Darmstadt eingetrossen ist, ist Donnerstag vormittag int Jagdschloß Wolfsgarten von dem Kaiser von Rußland empfangen worden. Das Gesolgedes Zaren auf der Fahrt nach Potsdam ist folgendermaßen zusammengesetzt: Hofmeister Baron von Fredericksz, Palastkommandant Generaladjutant Dedjulin, General ä la suite Messelow, Generalmajor ä la suite Fürst Orlow und der Berliner Militärattachee Tatischtschew, Verweser des Ministeriums des Aeußern. Sasonow und tzosmeister Savinsky.
2luMaitO.
Wie Nachrichten aus bulgarischer Quelle besagen, beschäftigte sich das jung türkische Komitee mit der Frage, ob wegen der Ermordung von sechs Mohammedanern bei Jstip gegen Bulgarien Repressalien zu ergreifen seien. Unter anderem wurde der Boykott gegen Bulgarien angeregt.
Aus London wird jetzt auch amtlich gemeldet: Der Staatssekretär des Indischen Amts, Viscount Morley, wird von seinem Posten zurücktreten und wird Lordpräsident
AugMe Rodin.
Zu seinem 70. Gebm>ttag (4. November 1910)« Von Otto Grautoff (Paris).
Paris ist ein Paradies der Bewegung. Keine Moral, keine nüchtern konstruierten Gesetze, keine pcalttschen Tendenzen, keine logisch begründeten Notwendigkeiten hemmen hier die Bewegung. Die Bewegung schafft hier Einzelheiten von berauschender Schönheit oder ergreifendem Elend, die aus der milden, weichen Atmosphäre auftauchen, zitternd vorübergleiten und wieder verschwimmen.
In dem Tumult dieser Bewegung bildete sich der Bildhauer Auguste Rodin. Er fühlte frühe schon die Macht und die Kraft in sich, ein Interpret des Weltsinnes zu werden. Er wollte darstellen, was er sah. In Paris lernte der jugendliche Rodin das ewig strahlende, sich wandelnde und erneuernde Universum begreifen, das nicht die eisernste Energie den Bruchteil einer Sekunde in einen Moment der Ruhe zu bannen vermag. Die stetig fortschreitende Entfaltung der Welt und ihrer Erscheinungen verbietet dem Künstler die reine Form des Absoluten; sie zwingt auch ihn, Bewegung darzustellen. Das vermag der Künstler nur, indem er die Belvegung durch Intuition in sich nachschafft. Indem Rodin in sich den ewigen Schöpfungsakt der Natur wiederholte, fand er seinen Stil; einen Stil, in dem er nur den Grundriß einer Skulptur geometrisch anlegt, innerhalb dieses Grundrisses aber keine bindenden Gesetze kennt, weil er das mouvement de l'air, das Triebhafte der Natur selbst darstellen will. „Ich beobachte mein Modell lange; ich zwinge es nicht in gesuchte Posen. Ick lasse es gehen und kommen im Atelier wie ein ungezügeltes Pferd und ich zeichne die Beobachtungen, die ich während seiner Bewegung mache, auf." In dieser Art hat Rodin feine Studien verfolgt. Und durch diese Methode hat Rodin die Möglichkeit gefunden, den Griechen gleich zu werden. Die Griechen schufen Typen eines Zustandes, Rodin Typen der Bewegung. Darin liegt seine höchste Bedeutung. Wie die Griechen hat er seine Gedanken und Ecteonisse ins Allgemeine und Typische gehoben, durch die Tiefe seines Erkennens alles Nebensächlichen entkleidet sie ins Ewige gerückt und vergöttlicht. Sein „Balzac" ist ein Denkmal des schaffenden Menschen, der göttlichen Urkraft des Menschen und ein Denkmal der Arbeit des Geistes. Dieser Riese im seelischen Rausch enthält alles, was über den geistigen Arbeiter, über den Künstler zu sagen ist.
Auguste Rodin ist am 4. November 1840 in Paris geboren. Sein Vater stammte aus der Normandie, seine Mutter aus Lothringen. Der Knabe wuchs in einer kleinen Pension in Beauvais auf. Als er 14 Jahre alt war, nahmen seine Eltern ihn zu sich nach Paris und schickten ihn in die Zeichenschule in der Ecole de Mödecine. Er war 15 Jahre alt, als er zum ersten Male Ton in die Hände nahm und seine ersten Modeltier
versuche machte. In seinen Freistunden ging er in den Louvre und blätterte die Zeichenvorlagen nach der Antike durch. Schon in seinem 17. Jahre ging er von den Zeichnungen nach Skulpturen der Antike zum Studium der plasttschen Originalwerke des Altertums über; und dieses Studium fühtte ihn ganz von selbst auf die Natur. Seine Jremtdsck>aft mit Constant Limon veranlaßte ihn ein Jahr lang unter Barye zu arbeiten. Mit 24 Jahren sandte er den Mann mit der zerbrochenen Vase, den er zwei Jahre vorher begonnen hatte, dem Salon ein. Die Arbeit wurde aber von der Jury zurückgewiesen. Es folgen nun sechs Jahre intensivster Arbeit in ftiller Zurückgezogenheit. Während eines Teiles dieser Zeit war Rodin an der Porzellanmanufaktur von Sävres tätig. Nach dem Kriege ging der junge Bildhauer nach Brüssel und arbeitete dort als Gehilfe Rasbourgs an der Ausschmückung der Börse und des Akademiepalastes mit. Während dieses achtjährigen Aufenthaltes in Belgien unternahm er 1875 eine längere Studienreise durch Italien. Zwei Jahre später stellte Irodin im Pariser Salon „Das eherne Zeitalter" aus, dessentwegen er häßliche Verunglimpfungen erfuhr. Seine Freunde traten für ihn ein und verschafften ihm fogar die ersten Staatsaufträge. Tas eherne Zeitalter wurde für das Luxembourg- Museum an gekauft und er erhielt den Auftrag zu dem Höllentor. Im Jahre 1878 entstand Johannes der Täufer. Im Lause der nächsten Zett schuf er die beiden Figuren Adam und Eva und das Claude Lorrain-Tenkmal für Nancy. 1884 beauftragte ihn die Stadt Calais mit dem Denkmal, das sie den sechs ihrer Bürger errichten wollte, die sich im 14. Jahrhundert heroisch für ihre Stadt geopfert hatten. Fünfzehn Jahre verstrichen bis zur Vollendung dieser gewaltigen Arbeit; wahrend dieser Zeit entstanden zahlreiche Bildnisbüsten und Gruppeil aller Art, sowie die ersten Erttwürfe für das Viktor-Hugo-Denkmal, das erst im Jahre 1909 im Garten des Palais-Royal aufgestellt werden konnte. 1892 schuf er die Büsten von Pnois de Chavannes und Henri Rochefort, 1893 den Tod des Adonis, das Cdsar Franck-Denkmal, 1894 den Frühling, Amor und Psyche, Orpheus und Euridike. Im Jahre 1895 bat ihn die Socistö des Gens de Lettres um die Ausführung des von ihr der Stadt Paris gestifteten Balzac-Denkmals. Als Rodin drei Jahre später das Gipsmodell dieses Denkmals im Salon ausstellte und der Ausschuß fich zu dessen Prüfung einfand, wurde Rodins Arbeit mit elf Stimmen gegen vier abgelchnt. Tiefe schmähliche Verkennung des Meisters machte ihn mit einem Schlage berühmt. Tas ganze, gebildete Paris trat für Rodin ein und die Preß- fehde, die sich monatelang mit dieser Angelegenheit beschäftigte, brachte feinen Namen in aller Munde. Als er 1900 auf der Weltausstellung einen eigenen Pavillon errichtete, in dem er einen Gesamtüberblick seines Schaffens gab, begeisterten sich die internationalen Scharen des Kunstpublikums vor seinen Werken.
Kurz nach der Weltausstellung siedelte Rodin fich in Meudon bei Paris an, wo er auf dem Gipfel eines Hügels, der die ganze Umgegend beherrscht, fich ein Wohnhaus errichtete und den Ausstellungspavülon als Ateliergebäude aufftetlen ließ. Das erste Werk, das er in dieser idyllischen Einsamkeit schuf, mar die Bekrönungsgruppe des geplanten Denkmals der Arbeit: „Les Bönsdictions". Von 1902 bis 1904 arbeitete er an dem Denker, der 1904 vor dem Pantheon in Paris enthüllt wurde. Aus demselben Jahre stammt die Büste des Direktors Guillaume dep ftanzösischen Akademie in Rom; aus dem Jahre 1905 die Marmorgruppe : Junges Mädchen ü er traut fein Geheimnis der Isis, aus dem Jahre 1906 die Büste Berthelots, aus dem Jahre 1907 der Torso eines schreitenden Mannes, de Büsten von Madame de Goloubeft, Miß Fairfax, Mrs. Hunter und der Bron-eguß des Ugolino, den der Staat für das Luxembourg-Museum bestellte. 1908 entstanden neben einigen Marmorgruppen daS Henn Becque-Tenkmal und die Büste des amerikanischen Eisen- bahnköniqs Harriman, 1909 zwei weibliche Torsos und die Büste Gustav Mahlers.
Für viele bedeutet der siebzigste Geburtstag der Beginn des Greisenalters. Rodin aber ist geistig und körperlich frisch wie ein Fünfziger, er ist voller Ideen und Pläne und arbeitet noch heute mit dem Feuereifer eines Jünglings. Tie Kraft dazu ergibt sich aus feiner sehr weisen LobensöAnomie.
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— Die Todesfälle im deutschen Heere. Die Todesfälle, die fich feit den letzten 30 Jahren stetig vermindert haben, sind im letzten Berichtsjahre mit dem Vorjahre auf gleicher Höhe geblieben, ihre Gesamtzahl belief sich außer Bayern auf 998 (950 im Jahre 1906/07 — 1,8 (1,8) v. T. der Kopf stärke. Dav m waren durch Krankheit 612 (643), durch Verunglückung 148 (133), durch Selbstmord 238 (174) verursacht. 23 .m den verstarbeneft Mannschaften befanden sich 670 (671) in ärztlicher Behandlung, Von den Waffengattungen hatten die meisten Tidesfälle der Train Mafchinengewehrabteilungen) mit 2,8 (4,4), die wenigsten die Festungsgefäiignifse mit 0,70 (0,65); bei den Pionieren starben 2,7 (2,1), der Kavallerie 2,6 (2,5), der Feldartillerie 2,2 (2,3), der Infanterie 1,6 (1,2), den Verkeyrstruppen 1,2 (1,3) v. T. Der Dienstzeit nach ereigneten fich die meisten Todesfälle bei Angehörigen des ersten Tienstjahres. Die meisten Todesfälle forderten Die übertragbaren Äranfljcitcn,
— Fortsetzung tilgt. Im Romanfeuilleton des „Berliner Tageblatts" konnte man am Mittw ich folgende schöne Stelle lesen: „Die schmalen Aeuglein Sarubins blitzten auf, er drehte sich hin und her, zauste sich das Haar, fuhr mit beiden Händen hinein und rief halblaut: (Fortsetzung folgt.) — Er wird sich also weiter die Haare zausen imb mit beiden Händen hineinfahren, was ja immerhin eine ganz appetitliche Beschäftigung ist.


