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04/03/1910 Drittes Blatt
 
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160. Jahrgang

Drittes Blatt

Nr. 53

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.

Abg. Tove (Fr. Bg.):

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Freitag 4. März 1910

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universität^ Buch» und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

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Redaktion, Expedition und Druckerei: Sckul- strahe 7. Expedition und Verlag: Redaktion: 112. TeU-Adr.:AnjeigerGleßen.

T,eSiebener ZamiUenbliMer^' werden dem .Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit, fragen erscheinen monatlich zweimal.

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General-Anzeiger für Sberhessen

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Jede Statistik muß mit einer gewissen Vorsicht genossen wer- den, weil immer eine gewisse Tendenz hervortritt. Leider gehen die verschiedenen Länder bei statistischen Berechnungen über dieselbe Materie immer noch von verschiedenen Grundlagen au".

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die Statistiken sein.

Statistiker sind dabei, sich mit den statistischen Aemtern Lander zu verständigen, um die Statistiken zu vereinheitlichen und Fehlerquellen nach Möglichkeit zu vermeiden. Wir verlennen nicht, daß damit die Anforderungen an eine ft ü t e Handels- statistik noch nickt erfüllt werden. Der größte Mangel ist, daß wir keinen Ueberblick haben über die Ein- und AnLsuhr von Kapital und über die Produktion von Gütern und Kapital im In-

Abg. Dr. Heckscher (Fr. Vg.):

Die SeeberufSgenoffenschoft ist eine Privatorganisation, die unter anmiltclbaret staatlicher Aufsicht steht. Die Klagen sind jetzt hauptsächlich laut geworden wegen des Falls derTermine". Bekanntlich trat eine englische Charterfirma an einen deutschen Kapitän mit dem schamlosen Ansinnen heran, gegen eine große Summe ein hoch versichertes Schiff auf den Strand zu setzen. Lei­der war der deutsche Kapitän, obwohl er die unerhörte Forderung znruckwieS, nicht energisch genug. Er hätte den Kerl über Bord werfen sollen. (Rufe: Ohol) Der alte Seebar Schwartz (Heiter­keit) hat wieder reichlich übertrieben.

Abg. Erzberger (Zentr.) 2

In Amerika ist von Agenten ein Bericht an amtliche Stellen ergangen, m dem die schwersten Angriffe gegen die 21 u Stoa n- dererschiffe erhoben werden. Hoffentlich entspringen diese Angriffe nicht deutschfeindlichen Instinkten, und hoffentlich be­ziehen sie sich auf deutsche Schiffe überhaupt nicht.

Ministerialdirektor Dr. v. JoncquiereS:

Ter Bericht ist uns nicht amtlich bekannt geworden, Wohl aber wiffen wir von lhm. (55 sind in der Tat die schärfsten Angriffe gegen Auswandererschiffe in diesem Bericht geschleudert worden, ohne die Namen der Schiffe oder der Linien zu nennen. TicS Verfahren, Angriffe zu erheben, ohne dem Angreifer Gelegenheit zu geben, sich zu verteidigen, muffen wir entschieden zurückwetsen. Darüber waren nicht nur deutsche Reedereien empört, sondern auch englische, und mit vollem Recht. Tie in dem Bericht geschilder­ten Zustände sind auf deutschen Schiffen unb bei deutscher Schiffs- mannfwaft unmöglich. Ich begrüße es, daß wir Gelegenheit haben, hier im Interesse unserer deutschen Schiffe, sowohl _ im Jntereffe der Reedereien wie der Schiffsmannschaft, zu erklären, daß diese Vorwürfe uns nicht berühren. (Beifall.)

ES folgt das Kapitel .Statistisches Amt".

Abg. Dr. Dahlem (Zentr.):

Der Schiffsmannschaft steht gesetzlich immer noch nicht das Recht einer Sonntags- und Nachtruhe zu. Tag und Nacht werden die Leute von großen Unternehmern ausgenutzt. Dagegen müssen endlich gesetzliche Maßnahmen ergriffen werden.

gestimmt haben und dessen Nachfolger ich sein soll, Ihr und mein Tank gebührt dem Finanzausschuß, daß er eine all fertige Verstän­digung ljerbcizuführen trachtete. Wir sind einverstanden mit der erforderlichen Steuerer Höhung und namentlich damit, haß die Deckung drs Fehlbetrags nicht bloß gesucht wird in einer Erhöhung bei- Einkommensteuer, sondern untebfngt auch in der Vermögens­steuer Auch mit dem Fortbestelien des Ausgleichsfvnds sind wir einverstanden, sowie mit der Einführung peinlichster Sparsamkeit. Ter Redner gibt einige zahleirmästige Erläuterungen zu dem Tefizit von 5 425 214 Mark und fährt dann fort: Ich richte die dringende Bitte an das Haus, sich einmütig hinter das Abkommen zwischen Regierung und Ausschuß zu stellen, dessen Annahme m dem anderen Dause ich ebenfalls erhoffe. Nur so Fönneri die noch viel größeren, hier nicht näßer zu erörternden Schw-erig- keiten des Jahres 1911 überwunden werden. Es ist druckbar zu begrüßen, daß die Erkenntnis von der Notwendigkeit energisck^n Ein- und TurckMeisens wesentlich weitergehende Projekte zur Umgeftattunq des vorliegenden Budgets gezeitigt hat. Wir werden diese Vorschläge gern prüfen, bitten aber sie augenblicklich zurück­stellen zu wollen. Es kann sich nur um Tinge handeln, die mit ber Frage der Reorganisation der -Staats erwaltung eng zusammen­hängen. Weitere Vorschläge gönnen mdyt mehr genügend geprüft werden, da das Budget bis 1. April iertiggestellt werden soll. Tast dies geschieht, ist eine unerläßliche Forderung für die Lösung der vorliegenden Aufgabe, die herbeizuführen wir in gegenseitigem Vertrauen und ernstester Mühe hoffentlich alle uns entschlossen haben und bereit sind.

Abg. Reinhart (natlib.): Der .Herr Staatsminister hat gestern den Rücktritt des Finanzministers Gnauth tief emp­fundene Worte des Tankes unb der Anerkennung gewidmet, d»e vom ganfreu Hause mit Beifall begleitet wurden. Namens meiner politischen Freunde schließe ich mich diesen Worten an und ich füge hinzu, daß auch wir sein Sckieiden tief bedauern. Meine Parteifreunde haben Herrn Gnauth besonders hochgeschätzt und an ihm anerkannt feinen .geraden Sinn, seine hohe geistigen» Eigenschaften, seine nie versagende Sckiaffenskraft und feine hohe Befähigung, feiner Meinung klaren Ausdruck zu geben. Er ging trän uns, wie er gekommen, als ein aufre-ckMehender Mann mit unbeugsamem Rückgrat. Er ging nicht aus politischen, sondern aus finanzpolitischen Gründen, weil seine reformatorische Tätigkeit auf dem Gebiete des Finanzwesens keine Aussicht auf Annahme hatte. Dir werden sein Andenten Hochhalten. (Vereinzeltes Bravo!)

lande. (Beifall.)

Abg Ballermann (Natl):

Dal statistische Amt hat Erhebungen über die Verhältnisse der in der Binnenschiffahrt beschäftigten Personen angcstcllt. Da« nach leidet das Personal unter Uebcrlastung. Die Arbeit wird von Jahr zu Jahr schwerer. Infolgedessen findet eine Flucht nu8 der Schiffahrt in die Industrie statt. Man verlangt in Schiffer- kreisen Festlegung der Nacht- und Sonntagsruhe. Dieser durch­aus staatSIreuen und loyalen Kreise hat sich schon eine gewiße Erbitterung bemächtigt darüber, daß die hierfür notwendigen gesetzlichen Vorarbeiten noch keinen Abschluß aesunden haben. Dringend bitte ich nm Beschleunigung. (Beifall.)

Staatssekretär Delbrück:

Wir haben noch ein Gutachten vom NeichSgesundheiiSamt über die belr. Verhältnisse eingefordert. Sobald es vorliegt, werden wir in den Arbeiten fortfahren.

Abg. Brey (Soz.) bespricht die ArbeitSverhällnisse in der chemischen Industrie, beson- Vers in den Elberfelder Farbwerken. Der Redner befürwortet eine Resolution, wonach durck den Beirat für Arbeiterstatistik Unter, suchungen veranstaltet werden sollen über die Arbeitsverhältmsse der bei Herstellung von Säuren unb Teerfarben beschäf­tigten Arbeiter, insbesondere in den Abteilungen der Betriebe, in welchen mit giftigen und explosiven Stofsen gearbeitet wird.

Abg. Dr. Faßbender (Zrntr.) verlangt eine Statistik über da« Genossenschaftswesen. Die Genoffenschaften müssen gesetzlich verpflichtet sein, die Frage­bogen deS statistischen Amts zu beanttverten.

Dbg. Gothein (Fr. Vg.):

Hätten wir verhandlungSfähige Lrganita'.onen in der Binnen­schiffahrt, dann würde die Frage der Sonntags- und Nachtruhe bald geregelt fein. Zu den Borarbeiten müssen auch die Arbeitnehmer zugezogen werden.

Deutscher Reichstag.

47. Sitzung. Donnerstag, den 8. März.

Am Tische dek BrmdeSratS: Delbrück.

Präsident ®raf Schwerin-Läwitz eröffnet die Sitzmig nm 1 Uhr 15 Min.

Der Etat de- Reich-amts deS Innern.

(Neunter Tag.)

Beim KapitÄ Behörden für die Unrerfuchung Von see- unfalten begründet

Mg. Schwartz-Lübeck (Soz.)' nachträglich die gestern abgelehnte Resolution seiner Parteifreunde über eine Revision der SeemonnSordnung, Unter­stellung des gesamten SchiffahrtSbeteiebeL unter staatliche Auf­sicht bei Mitwirkung bon Personen auZ dem Seemannsberuf, Er- riebt ung einer Reichsschiffahrtsamtes usw. Im vorigen Jahre habe der Reichstag eine ähnliche Resolution, freilich ohne die Details, «imnütig angenommen. Dem Seemann muffe ein größerer Schutz gegen die Gefckhrcn des Betriebes und Schädigung feiner Gesundheit gewährt werden. Der Redner wiederholt die von dem fozialdemokratifchen Seemannsverband ausgestellte Be­hauptung, daß die Kapitäne häufig durch die Reeder veranlaßt würden, die Schiffe zv sehr zu belasten, wodurch der Keim zu Unfällen gegeben werde; er zeigt den Abgeordneten eine Anzahl Photographien. Tie Aufsichtsbehörden sollten auf strenge -Einhaltung der Borschriften achten, die eine zu hohe Belastung verbieten. Die Seetüchtigkeit der Schiffe könne am besten durch alte erfahrene Seeleute geprüft werden. Im einzelnen sind die Ausführungen bei Redners der Unruhe des Hauses nur wenig verständlich.

Staatssekretär Dr. Delbrück:

Ich verkenne keinen Augenblick die außerordentlich große Be­deutung der Fürsorge für Gesunde und allen hygienischen und moralischen Anforderungen entsprechende Wohnungen. Ich habe mich persönlich seit zwei Jahrzehnten mit diesen Problemen be­schäftigt. Nach meiner Meinung ist die Frage nur durch die Kommunen zu losen. Ein Teil der großen Kommunen hat bereits Hervorragendes unb Vorbildliches auf diesem Gebiete ge­leistet. Allerdings soll die Sache den Kommunen nicht allein über­laden werden Ich würde es aber für außerordentlich schwierig halten, die Angelegenheit für das ganze Reich durch ein Reichs- geseh zu regeln. Bereits bei dem WohnungSgesehentwurf für Preußen haben sick große Schwierigkeiten ergeben, für ein großes Gebiet allgemein gültige Vorschriften aufzustellen. Wie viel mehr wird daö der Fall sein, wenn bei den Bundesstaaten d-S Reiches die verschiedenen Organisationen und die Kompetenzverhältniffe der einzelnen Bundesstaaten zur Geltung kommen. Ich bin daher nach wie vor der Meinung, daß man die Regelung den einzelnen Bundes st aalen Überlasten muß. Der national- liberale Sprecher wünschte auch kein besonderes Wohnungsgesetz, sondern nur Erhebungen von Reichs wegen über die Verhältnisse der kleinen Wohnungen. Darin liegen aber bereits so vorzügliche Arbeiten vor, daß jeder sich einwandfreies Material beschaffe« kann. Eine Reihe von Städten und die statistischen Aemter haben wertvolle Arbeiten dazu geleistet. Ein ReickSgesetz würbe nicht nur sehr starke Eingriffe in die Baupolizei bet einzelnen Stabte mit sich bringen, sondern auch tief­gehende Eingriffe in die persönliche Freiheit deS Einzelnen. Man würde dem einzelnen Familienvater vorsckreiben, wieviel Zimmer er für seine Familie bedarf. Ich meine, daß vor allem die ge­meinnützigen Vereine Vorbilder in der Errichtung von Kleinwohnungen schassen sollten.

Die Wohnungsfrage ist mitunter in jeder Kommune ander» zu regeln. Ten vorgelagerten Zielen kann ich zustimmen. Nur bin ich im Zweifel, ob der Zeitpunkt gekommen ist, diese Sache reichsgesetzlich zu regeln. Ich bin im Zweifel, ob wir heute in

Wg. Legre« (Soz.) fordert ebenfalls eine GenostenschaftS.Sla'ist'k und eine Verbesse­rung der Streikstatistik. Die amtliche Stretkstattstik ist unzuläng­lich, weil die Arbeitnehmer dabei nicht mitgearbeitet haben.

Eine Resolution des Zentrums, die d-n Beirat für Arbeiter, statiftik zu Beratungen auffordert, wie die S t r e i k st a t i st i k zu verbestern und weiter auszugeftalten ist. wird angenommen, ebenso durch eine Zufallsmehrheit eine sozialdemokraüsche Resolu­tion, die an Stelle derhäutig unvollständigen und unzuverlässigen eine wissenschaftlich einwandfreie Streikstatistik" verlangt. Die Resolution der Sozialdemokraten über die Arbeitsv.rhältniste in den mit der Herstellung von Säuren und Teerfarben beschäftigten Betrieben wird abgelehnt.

Es folgt das KapitelReichSgesundheitSamf.

Eine Resolution v. Treuenfels (Kons.) fordert baldmöglichst einen Gesetzentwurf zur Verhinderung des Mißbrauchs nar­kotischer Arzneimittel. 6 ne Resolution des Zentrums verlangt allgemein: Vorschriften zur Verbesserung der Wohnungsverhältn'sse der minberbemitt.Iten Klaffen, ferner Unterstützung bet Arbeiter- unb Beamtenwohnungsvereine und eine Verständigung bet einzelnen Staaten zur Förderung eines gesunden Wohnungswesens. Eine weitere Resolution, die von Abgeordneten der Rechten und der bürgerlichen Linken unter­zeichnet ist. wünscht, daß in dem nächsten Etat Mittel zur Erfor. schung unb Bekämpfung des AlkoholiSmus eingestellt werden.

Abg. Dr. Jaeger (Zentr.) empfiehlt die Resolution seiner Partei

Abg. Dr. Junck (Natl.) beantragt Erhebungen über die WohnungSverhältniffe, be- sonders die kleineren und mittleren Wohnungen.

der Lage sind, gewistermaßen ein Blankogesetz zu schaffen, das den Bundesstaaten nicht nur die Bahn frei macht für zweck­entsprechende Anordnungen auf dem Gebiete beS Wohnungs­wesens, sondern auch keine Hemmung schafft, die von den Beteilig­ten, unb zwar nicht bloß von ben Kommunen unb Hausbesitzern, sondern auch von den Wohnungsinhabern selbst unbequem empfun­den wird. Sie können versichert fein, ich werde mit der größten Aufmerksamkeit die Sache weiter verfolgen. (Beifall.)

Abg. GleitSmann (Zentr.) wünscht großzügige Maßnahmen in der Bekämpfung deS Wich- nungSklendS in den Großstädten im Jntereffe der Volksgesundheit unb bcr Sittlichkeit.

Abg. Kobelt (Wildlib.) spricht über die Konservierung von Fleisch. Man sollte nicht alle Konservierungsmittel verbieten. Schädlich dürfen sie natürlich nicht sein. Es gibt nicht einmal einen absolut giftigen Stoff. (Hei­terkeit.) Ja, eine derartige Sach« verstehen Sie nicht. 8m Lachen erkennt man den Rarr-n! (Heiterkeit.)

Vizepräsident Erbprinz zu Hohenlohe:

Herr Abgeordneter, ick nehme an, daß Sie damit kein Mitglied dieses hohen Hauses gemeint haben. (Große Heiterkeit.)

Abg. Kobelt:

Selbstverständlich nicht! (Erneute Heiterkeit.) Die Rah- rungsmiltelunlersuckung ist heute verworren und unzeitgemäß. Von Einheitlichkeit ist nichts zu spüren. Reicksgesetzliche Regelung ist dringend am Platze. Den Nahrungsmittelchemüern ist zu viel Selbstbestimmungsrecht eingeräumt. Es müßte ein Gesundheits- bei rat aus Vertretern des .Handels, des Gewerbes, der Industrie und aus Äerzten gebildet werden der grundlegende Bestimmungen für die Nahrungsmitlelerzeugniffe, tür den Verkehr mit den Lebensmitteln, die Konservierungen und ähnliche Fragen zu treffen tjätlc. Namens der Nahrungsmittelindustrie bitte ich das ReichS- gesundheitSamt, sich mit der Konservierung der Lebensrnittel möK- lichst bald und intensiv zu beschäftigen. (Beifall links.)

Abg. Baumann (Zentr.) spricht über Weinfälschungen. Eine einheitliche strenge An­wendung der Bestimmungen über die Weinkonlrolle ist dringend notwendig. Sie ist am besten durch die Begründung einer Reichs- zentrale für Weinkontrolle zu erreichen. Heute hat die unlautere Konkurrenz gegenüber dem ehrlichen Weinhandel vielfach noch die Oberhand. Die Zentrale könnte aufklärend wir­ken unb somit auch viele fahrlässige Uebertretungen des Ste»- gesetzeS verhinbern.

Abg Dr. Rocficke (Kons.) spricht im Sinne des Vorredners

Geheimrat Frhr. v. Stci« erklärt, daß die Kontrolle ausreichend fei, I DaS Haus vertagt sich.

Weiterberatung: Freitag 1 Uhr.

Schluß 7% Uhr.

Geh. Ober-Reg.-Rat Ewald:

Wenn tote die letzten Jahre berücksichtigen, so zeigt sich, daß die Zahl der Unfälle sich erheblich verringert hat. Im Jahre 1905 kamen 8481 Unfälle mit 479 Todesfällen vor, im Jahre 1909 waren es nur noch 3103 mit 316 Todesfällen. Zweifellos liegt eine er­hebliche Besserung gegen früher vor. Für alle deutschen Schiffe ist die Tiefladelinie eingeführt worden. Auch eine inter­nationale Verständigung ist erfolgt. Wir haben unsere seerechtlichenDestimmungen nut den französischen verglichen, sie sind ganz gleichwertig. Die Festsetzungen über die Fahrten im Rebel werden strenge innegehalten. Die Seeberufsgenossen- schäft tut ihr möglichstes, sie steht auch unter staatlicher Kontrolle. Ein Anlaß zur Aenderung unseres bisherigen Systems liegt nicht vor.

keljijche Zweite Kammer.

R.B. Darmstadt, 3. Mirz.

Tie Generaldebatte über den Staatsvoranschlag 1910.

Tas S)au4 ist zu Beginn der Sitzung nur schsvach besetzt. Di-' Tribünen sind leer. Am Regi-erungstisch haben Platz genommen: Staat»minifter Dr. Ewald, Finanzmmister Dr. Braun, Minister des Innern U. Hvmbergk, Geheimeräte Dr. Becker, Best und Süsser t. _

Nachdem Vizepräsident Kvrell die Sitzung um 9Vi Uhr eröffnet, tritt iXto 5>aus sofort in die Etarsberatung ein. Zur

Generaldebatte

nimmt zurrst das Wort Finauzminister Dr. Braun: Sehr geehrte Serien! Als Ihnen per Herr Staatsminister gestern Exz. v. Hombergk verstellte und babei mit freundlichen Wvrten auch meiner Berufung als ilLack,folger von Exz. Gnauth gedachte, folgte eine ebenso freundliche Zustimmung aus Ihren Reihen. Dafür schulde ich Ihnen aufrichtigen Dank. Wenn ich ihrn erst heute ^lnsdruck gebe, leitete mich dabei der Gedanke, daß ich bereitst seit 12 Jahren die Ehre habe, mit Ihnen zu arbeiten unb daß «wir eben darum persönlich uns nichts neues zu sagen haben. Anders aber ist es aus dem Gebiete der mir nunmehr anvertrauten In­teressen. Taß ich für diese Arbeit ein fertiges Programm mit- bringe, taub niemand von Ihnen verlangen angesiästs der Tat­sache, daß die Geschäftslägc mich Mingt, 3 Tage nach meiner itncrtaarteien Ernennung den Etat vor Ihnen zu verlesen. Ich kann daher nur meine .Ltellung zu den nächsten Ausgaben kurz darlegcn. Tie Richtlinien meines Verhaltens sind mir in mehr als einer Hinsicht bereits vorgezeicknet, besonders durch die Thron­rede, deren pr?grEmatischo Farderungen vielfach ignoriert wer­den. Sie iveist auf die ungünstige wirtschaftliche Lage hin; sie betont die starke Inanspruchnahme der Bundesstaaten, die Finanz- fage des Reiches unb die unvermeidliche Steuerer Höhung. Taneben ftrdert die Throur-bc die Besserung der Lage verschiedener Beamten- Eitegorien, die jedoch vvn einer guten Lösung der ReichSftnanz- reform abhängig gemacht ist. Tie Schuldentilgung ist den Aus- bfsseruirgen vorrmznj'teUm. In ber Großh. Regierung herrschte yierübci" oossk-ommenes Einverstänbuis. Des klipp imd klar aus- Nffprech-en, sind wir dem ^choerdienlen Manne schuldig, ber sich Meinen Einschlüssen von nichts anderem leiten ließ, als von der meberzcugunci sack/ftcher Notwendigkeit, dessen trefflicher Ctzarak- tterrftenntg seitens des Herrn Staptsmüristers Sie gestern zu-

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Ter Redner ging nunmehr auf die gegenwärtige Finanzlage und die Etatspvsitionen näher ein. Man müsse es ebenso als einen Fehler bezeichnen, die Finanzlage trüber -u bezeickmen, wie es oer-lehrt wäre, sie zu rosig darzustellen. Eine Schwarzmalerei sei hier nicht am Pbayo und Uebertreibungen nach beiden Richtungen hin könnten für die Sache des Staates nur von Sckmden fein. Im Geschäftsleben müsse sich jebcr Geschäftsmann bestreben, seine Einrichtungen möglidjift zu vereinfachen; die Nottoenbigkeit zu Ersparnissen durch S-ckrreib- unb Rechenmaschinen werde überall geübt; auch in der Industrie habe man längst erkannt, daß sach­kundige, tüchtige Arbeiter das beste Mittel zu Ersparnissen sind. Ter Staalsoetrieb bilde gewissermaßen auch ein Geschäft und auch hier müsse alles getan werden, die sog. Verwaltungslosten aus das niedrigste Niveau zu bringen. VJlan könne heute nichr einfach sagen, daß z. B. bei Staatsbauten viel hätte gespart iverden können. Es sei nicht nur in Hessen, sondern überall mit '

heblichen Freigebigkeit gebaut uno gewirtschaftet worden, nur Staaten, sondern auch ßiommunen fjätten dabeft. igt. Jetzt werde allgemein anerkannt, daß es so picht weitergehen könne, sondern mehr Sparsamkeit geübt werden.sse. Erfreulicher weite maxfrten sich auch die Anzeichen dafür bemerkbar, daß sich die tafttl'ck-aftlickte Lage zu heben beginne und in nicht ferner Zeit eine wesentliche Besserung erfahren dürfte. (Beifall.)

Abg. Molt Han (Zentt.) führt aus, daß auch feine poft* tifdxn Freunde in der holww Wertschätzung des abgetretenen Finanz­ministers einig seien unb rückhaltlos ben Worten ber Anerkennung zuslimmten und für die hohen Verdienste dankten, die er lauge Jahre hindurch dem Hessenlande geleistet habe. Er (Redner) und seine Freunde wünschten, daß ber Nachfolger bes geschiedenen Ministers sich in der Sanierung ber Msuchen Finanzen erfolgreich betätigen möge; von feinen politischen Freunden werde der neue Finanzminister darin in jeder Weise im ter stützt werden. (Beifall) Ter Redner betonte bann zu dem neuen Staatsvoranschlag, daß bie Grundsätze zur möglichsten Sparsamkeit burchgeführt werden müßten und auch die Herbeiführung von Ersparnissen in bcr Staatsverwaltung nicht aussichtslos fei. Ter Finanzausschuß bcr Zweiten Kammer habe sich bent Ausschuß des anderen Hauses gegenüber in keiner Weise gebunden. D.e Hauptschuto an ber schlech­ten Finanzlage Hessens trag? hi erster Linie der Rückgang ber Eisenbahneinnahmen unb Erhöhung der Hcatrikularbertrüge. Es fei besonders ein Fehler des Finanzministers gewesen, daß er gerade jetzt in der ungünstigsten Konjunktur mit dem Verlanaen einer

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