HL 28$ SEtt Blatt
IDO. Jahrgang
Erscheint tügllch mV BkiJnrhme btfl HOnntngl
Die ^tlremtr fmnintwbiatttr- werben bem tftryeifler- viermal wöcdenilich de,gelegt, das „Krttsblert fti de» Kreis Siebe»" zweimal wöchentlich. Die ^Lanbwlrljchastllche» Leid- ftagea" ttschemen monatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger flr Gberhejsen
Samstag, 5. Vezemder (910
Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen UnwersuätS - Buch- und Steindruckerei.
9L Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- (trabe 7. Expedition und Verlag: Redaktwnre^IIL. Tel.-LlbruAnzeigerGleben.
t)esstsche Swrite Kammer.
Da r m sta dt, 2. Ta.
AM Mimftertische: Minister des Innern v. Lomberaf Geh. Staatsrat Krug v. Nidda, Gehermeräte Dr Becker' Frhr. v. Biegeleben, Best, SLffert, Mm.-Rat Rohde Lud Hölzrnger.
Nachdem Präsident Haas die Sitzung um 10V« Uhr eröffnet bot, tritt das Daus sofort in die Tagesordnung ein. Erster Gegenstand der Tagesordnung ist die Beratung der Vorstellungen des Oberbahnassistenten Ferkinghoss, betr. die
Pknfioalverhallllifie der vormaligen Lndwigßbahnbeamte».
Namens des Ausschusses hat Abg. Molt Han einen aus- .führlichen schriftlichen Bericht erstattet, Morin der Ausschuß beantragt, die Regierung zu ersuchen, die Vorstellung in erneutm Verhandlungen beim preußischen Minister der öffentlichen Arresten nachdrücklich vertreten zu Mollen.
Die bereits mehrfach erörterte Vorstellung richtet bekanntlich an die Kammer das Ersuchen, mit der Staatsregierung in Verhandlung zu treten zwecks Herbeiführung folgender Zugeftäntmisse für die vormaligen Ludmigsbahnbeamten:
1. Fortfall der Beiträge für alle Ansprüche, someit solche auch den Milbeamten beitragsfrei zustehen, und Anrechnung der Prioatbahndienstzeit als Staatsdienstzeit.
8. Beibehaltung angemessener Beiträge für die aus älteren Statuten herrührenden Teilansprüche, someit solche über die Löhe der gesetzlichen Ansprüche hinausgehen.
3. Bewertung der Kriegs- und Militärdienstsahre.
4. Beseitigung der veralteten Statutvorschrift, wonach Gehaltszulagen erst nach Jahresfrist anrechnungsfähig sind.
Zunächst nimmt Abg. Hebel (Zentr.) das Wort und führt aus, daß die Behandlung der Ludmigsbahnbeamten zu den vielen Unzutraglichkeiten gehöre, die aus dem Gemeinschaftsvertrag mit Preußen erwachsen seien. Der Zustand dieser Beamten sei ungerecht, unsozial und unhaltbar, gerade Preußen hätte es als ein nobile officium betrachten müssen, den berechtigten Ansprüchen dieser Beamten gerecht zu werden. Der Redner gibt dann eine sehr ausführliche Darstellung über die Entwickelung der ganzen Angelegenheit. Die preußische Eisenbahnverwaltung habe leiber die Ludwigsbahnbeamlen nicht in der gleichen Weise behandelt, tote die übrigen Beamten, obgleich sie die gleichen Arbeiten verrichten müßten, obgleich sie einen Pensionsfonds von cn_ l’/s Millionen Mark angesammelt hatten. Sowohl Bayern sei bei der Uebernahme der pfälzischen Beamten, wie auch die Reichspost bei Uebernahme der Privatpvstbeamten viel entgegenkomm^ider verfahren. Anstatt den eingebrachten Pensionsfonds mit zu berücksichtigen, habe man rigorose Bedingungen cjeftellt, so daß sich nur wenige Beamte zum Uebertritt entschlossen. Die hohen Beiträge, die sie zahlen müßten und die Kompliziertheit d;r Pensionsberechnung seien nicht geeignet, die Derufsfreudigkeit der Angestellten zu erhöhen; die Eisenbahngemeinschaft bereichere sich auf Kosten der letzteren. Der Versuch der preußischen Regierung, ihre schlechte Sache zu verteidigen, sei gänzlich mißglückt und er richte das dringende Ersuchen an die Regierung, mit aller Energie auf Abhilfe des unhaltbaren Zustandes hm&nnrirfen.
Abg. Dr. Osann (Ntl.) erklärt zu Beginn seiner Ausführungen, er hätte gewünscht, daß sich zunächst die Großh. Rc- aierung einmal über die hier angeführten und aus dem praktischen Leben herausgegrisfenen Beispiele näher ausgesprochen, oder doch die vom Vorredner erhobenen Angriffe widerlegt hätte. Den Beamten der Ludwigsbahn seien damals sehr erschwerte Ueber- ttittsbedingungen gestellt worden. Bezüglich ihrer Pensionsver- hällnst'se seien sie im Unklaren gelassen worden. Es herrsche nicht nur in den Kreisen der Beamten, sondern auch bei den hessischen Volksvertretern die größte Unzufriedenhest über diesen fortdauernden Zustand und er erachte es als eine Pflicht der Regierung, beim Reiche oder bei dem preußischen Verkehrsminister darüber keine Unklarheit pbwalten zu lassen. Gerade in der gegenwärtigen Zeit sollte die Regierung es sich doppelt angelegen sein lassen, für eine zufriedene Beamtenschaft Sorge zu tragen und er richte deshalb nochmals das dringende Ersuchen an die Regierung, daß sie möglichst rasch und energisch dem einstimmigen Ausschuß- antrag entsprechend in neue Verhandlungen mit dem preußischen Cisenbahnminister erntreten möge. (Beifall.)
Abg. Ulrich (Soz.) wendet sich ebenfalls in scharfen Ausdrücken dagegen, daß die Regierung nicht energisch auf Erfüllung der gerechten Forderungen der Ludwigsbahnveamlen gedrungen
habe. Er wiederholt seine schon so oft erhobene Forderung auf Revision des Gememschaftsvertrages mit Preußen. Man rede hier jetzt schon zum soundsovielten Male über diese Zurücksetzung her Beamten, ohne etwas zu erreichen. Es sei nicht einmal einer der verantwortlichen Minister bei dieser wichtigen Debatte zugegen. Es scheine immer noch, daß der „kleine Bruder" vor dem großen „Bruder Preußen" Angst habe, daher wohl auch vor drei Tagen die Empfindlichkeit des Herrn Staatsministers. Die Regierung bleibe allen Forderungen gegenüber taub, es scheine, als ob die Regierung ein so dickes Fell habe, daß eine Elephanlew- haut gar nichts dagegen sei. (Präsident Haas unterbricht denRedner und bemerkt, daß eine derartige Aeußerung auf die Regierung angewandt, ungehörig sei.) Redner fährt fort: Mag fein, daß das ungehörig ist, ich mußte es aber hier aussprechen und will dafür auch die Strafe auf mich nehmen. Daß meine Ausführungen der Regierung unangenehm sind, verstehe ich wohl, man kann aber doch angesichts des ganzen Verhaltens der Regierung nicht verlangen, daß ich ihr angenehme Dinge sagen werde. Im übrigen freut sich Redner, daß sich bei seiner Rede gleich zwei Regierungsvertreter zum Wort gemeldet hatten, nachdem er sie mit Skorpionen gezüchtigt habe. (Unruhe. Hört, hört!)
Geheim erat Frhr. v. Siegeleben entgegnet: Der Redner habe in Abwesenheit der Minister Angrifje gegen dieselben gerichtet und aus ihrer Nichtanwesenheit den Schluß gezogen, daß die Regierung den Wünschen der Bcantten gegenüber eine Gleichgiltigkeit beweise Gegen diese Auffassung, wie auch gegen die „geschmackvolle Charakterisierung" der Regierung muß ich ganz entschieden Verwahrung einlegen. Es dürfte doch dem Hause bekannt sein, daß der Herr Finanzminister noch krank ist und der Herr Staatsminister ist durch die zur selben Zeit stattfindende Sitzung des Ausschusses der ersten Kammer in Anspruch genommen; als Vertreter des Finanzministers sei Herr Ministerialrat Rohde zugegen.
Ministerialrat Rohde betont darauf, daß die Großh. Regierung schon wiederholt in dieser Sache mit bem preußischen Eisenbahnminister in Verbindung getreten sei und dabei u. a. auch eine Herabsetzung bet Beiträge für die Ludmigsbahnbeamten erzielt habe; die weitergehenden Wünsche der Petenten habe Preußen dagegen abgelehnt. Bei -Beurteilung der ganzen Sache komme auch nicht nur die finanzielle Seite in Betracht, sondern auch die weiter sich ergebenden Konseairenzen und die Folgerungen des Verlangens für zahlreiche preußische, früher hessische Eisenbahnbeamte. Es könnten doch nicht die früher getroffenen Vereinbarungen einfach wieder aufgehoben werden. Er könne aber hier die Erklärung abgeben, daß die Großh. Regierung, wenn die Kammer einen dahingehenden Antrag beschließen sollte, bereit sein würde, mit dem preußischen Eisenbahnminister erneute Verhandlungen anzuknüpfen und für die Wünsche der Ludwigsbahnbeamten einzutreten. (Beifall.)
Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abgg. M o l t h a n , Pennrich il a. wird der Ausschußantrag einstimmig angenommen.
Eine Vorstellung des Eisenbahnsekretärs i. P. Friedrich Pfau in Mainz um anderweitige Regelung seiner P e n s i o n § - Verhältnisse wurde dem Ausschußantrag entsprechend ab* gelehnt.
Zur Beratung kommt darauf der Antrag Bähr, der eine neue Regelung
bet Träten vud Umzugskosten der Staatsbeamten
verlangt. Die Regierung hat schon im November 1909 dem Ausschuß mitgeteilt, daß sie erst dann auf diesen Antrag näher eingehen könne, wenn Abg. Bähr dem Antrag eine nähere Begründung beigegeben habe. Da dies bis heute noch nicht geschehen ist, trotzdem der Abgeordnete von der Anforderung der Regierung in Kenntnis gesetzt wurde, beantragt der Ausschuß, diesen Antrag für erledigt zu erklären.
Aba. Bähr (Wild) nimmt hierzu das Wort und sagt zur Begründung seines Antrags, daß die Besttrnrnungen über die Diäten und Umzugskosten in Hessen veraltet seien. Er ersucht das Haus, seinen Antrag nicht für erledigt zu erklären, sondern ihn der Regierung „als Material" *u überweisen.
Abg. Wolf (93b.) wünscht, daß her Antrag bei der Revision der Verwaltungsgesetzgebung mit in Erwägung genommen werden möge.
Ter inzwischen am Regierungs tisch erschienene Staatsminister Ewald gibt hierzu die Erklärung ab, daß die Regierung schon seit längerer Zeit eine Revision her betreffenden Bestimmungen
rns Auge gefaßt habe, eine solche werde sich jedoch erst gelegentlich der Durchführung der Besoldungsrevision verwirklichen lassen.
Nachdem sich auch Abg. Dr. O s a n n in ähnlichem Sinne gegen den Antrag Bähr ausgesprochen, wird derselbe mit großer Mehrheit für erledigt erklärt.
Eine lange und lebhafte Debatte entspinnt sich darauf über die bekannten, seit Jahren immer wieder beschäftigenden
Schulanträge des Abg. Ulrich.
Abg. Ulrich will das Haus veranlassen, die Regierung zü ersuchen, einen Gesetzentwurf vorzulegen, welcher
1. Die Uebernahme sämtlicher Schullasten auf den Staat regelt;
2. Den Artikel 76 des Bolksschulgesetzes vom Jahre 1874, betr. die Erhebung von Schulgeld, dahingehend abändert, daßl Schulgeld für den Besuch der allgemeinen Volksschule nicht mehr erhoben werden darf;
3. Den Schülern der Volksschulen alle erforderlichen Sehr* mittel unentgeltlich geliefert werden. Die Kammer wolle die Regierung ersuchen, den Landständen alsbald eine Vorlage zu machen, wonach die Volksschullehrer in die Kategorie der Staatsbeamten eingereiht tverden und ferner die Regierung ersuchen, in das Budget einen Ausgabeposten von 50 000 Mark einzustellen/ dar dazu bestimmt ist, befähigten Kindern unbemittelter Eltern die kostenfreie Ausbildung und Unterhaltung auf den höheren Schulen und der Universität zu ermöglichen.
Gleichzeitig mit diesen Anträgen wird eine Vorstellung bett Bürgermeisterei Arheilgen beraten, welche die Uebernahme sämtlicher Schullasten aus den Staat verlangt.
Der Finanzausschuß der Kammer hat sich, wie der Berichterstatter Abg. Brauer schristtich niederlegte, mit allen vier Anträgen beschäftigt und bemerkt bani: Die Anträge beanspruche» zu ihrex Durchführung Staatsmittel in einer Höhe und in eutenr Umfange, deren Beschaffung bei einer guten Finanzlage selbst grundsätzlichen Anhängern der gestellten Forderungen nicht leicht allen dürfte. Die derzeitige Finanzlage läßt es zurzeit ausge- chlossen erscheinen, diesen Fragen näher zu treten. Es erübrigt- ich deshalb, auf das Grundsätzliche der Anträge näher einzu- geljen. Die Regierung bezieht sich in ihren Antworten zu obiger Anträgen aus ihre früheren Aeußerungen und behält den ablehnendes Standpunkt bei. Der Ausschuß beantragt deshalb mit allen gegen eine Stimme die Ablehnung der Anträge.
Abg. Bach (Ntl.) wendet sich als erster Redner gegen die verlangte Verstaatlichung der Volksschule, da dies zu einet Bureau - kratisierung der Volksschulen führen würde. Gerade die Schuld müsse noch mehr als irgend eine andere staatliche Einrichtung eine freie Bewegungs- und Entwicklungsmöglichkeit haben. Der Redner stellt anheim, die Anträge der Regierung als Material bei der Neuregelung der Desoldungsordnuug resp. des Volksschul- wefens zu überweisen.
BIbg. Raab (Srtz.) tritt in längeren Ausführungen für bte Anträge ein und motiviert namentlich auch den Antrag der Bürgermeisterei Arheilgen. Kleütere Gemeinden könnten schon, letzt die hohen VolkssÄcklaften nicht mehr tragen. Der Rednaü bittet, die Anträge anzunehmen und damit die Regierung zu veranlassen, wenigstens den hier gegebenen Anregungen näher zir treten.
Aba. Schönberger (Ntl.) tritt für die VerstaattichMtg der Volksschulen ein und legt feinen von der national liberalen Porter bekanntlich weit abweichenden Standpunkt darüber dar.
Nachdem sich Abg. Hauck (Zentr.) gegen die allzugroße Ausdehnung des Studiums ausgesprochen hat, durch welche dem Volk die guten Geisteskräfte entzogen würden, erläutert Abg Bach seinen Standpunkt noch dahin, daß er für bie Verabreichung freier Lehrmittel an alle bedürftigen Schüler und and) an diejenigen sei, deren Eltern dies beanspruchen. Weiter weist der Redner auf die Vorteile der einheitlichen Volksschule hin, wie sie jetzt in Bayern eingerichtet sei.
Abg. Ulrich sucht in längeren Ausführungen die Notwerrdig- feit und praktische Durchführbarkeit seiner Anträge zu beweisen, während
Minister v. Hombergk dem Ausschußbeschluß auf Ablehnung der Anträge zustimmt.
Bei der Abstimmung wird der Antrag Schönberger abgetehnt und der Antrag Bach, die Anträge der Regierung als Material zu überweisen, angenommen.
Jnbetteff der Anfragen der Abgg. Ulrich und Dr. Winkler, verliest alsdann der Staatsminister eine längere Re-
Erlebnisse aus ben vezembertagen an der Loire vor 40 Jahren.
Die Armeeabteilung des Großherzogs von Mecklenburg — 1. bayerisches Korps v. d. Tann, 17. Division und 22. Division — hatte die schwierige Aufgabe unserer Zemierungsarmee, vor Paris den Rücken zu decken nach Süden gegen Orleans, nach Südwesten gegen Tours und le Mans. Nach Orleans führten die Sttaßen über das Plateau der fruchtbaren Landschaft der Beaute, nach Tours und le Mans in die Landschaft der Perche, einem waldigen, durch tief eingeschnittene Täler zerrissenen Berglande, ftas den Franktireurs prächtige Schlupfwinkel bot, in die die aefürchleteu Ulanen und die zahlreiche andere Kavallerie nicht zu folgen vermochte.
Am 15. November war das 9. Korps der 2. Armee des Prinzen Friü>rich Karl in Eilmärschen von Metz in Fontame- bleau angekommen, es bestand aus der 18. und ufcferer hessischen 25. Division. Das Korps erhielt an diesem Tage den Befehl, die sttaßen nach Orleans zu decken bis an die Straße Paris— Chatauduii. Die oben genannte Armeeobteilung wurde somit entlastet, sie brauchte nur noch wesllich jener Straße zu beobachten.
Nun hörte das fortwährende Hin- und Herckreuzen für uns auf, das der 22. Division schon den Namen der KUometerdivisürn ein* getragen hatte.
Wir atmeten auf. Wäre Prinz Friedrich Karl länger aus- geblieben, so hatten uns die französischen Armeen um Orleans Und in der Touraine bei ihrem Bormarsche erdrückt.
Um den 26. November befanden wir uns auf dem Vormarsch gegen le Mans in Belleme, in 2 starken Märschen hatten wir le Mans erreichen können. Da traf die Armeeobteilung der Befehl des Prinzen Friedrich Karl — die Armeeabteilung war dem Prinzen inzwischen unterstellt — umzukehren und wenigstens mit ben Spitzen der Armeeabteilung Toury an der Bahn Paris— Etampes—-Orleans am 30. November zu erreichen. Dos Gesuch Inn einen Ruhetag für uns ausgehungerten, in zerrissenen Uniformen und Stiefeln, zum Teil in ehemals weiß gewesenen Hosen, ja Franktireurshosen Marschierenden mußte abgelehnt werden. Wir erreichten unser Marschziel pünktlich unb bildeten alsdann ben rechten Flügel der 2. Armee, die im weiten Bogen den Wald von Orleans und diese Stadt umfaßte. Ueberall vor der Fron- hatten wir Fühlung mit der feindlichen Loirearmee, die in befestigter Stellung um Orleans stand.
Unsere 2. Armee zahlte 45 000 streitbare, die Armeeabteilung höchstens 15 000, die uns gegenüberstehende feindliche Arm^e §00 000 Mann. Am 28. November schon hatte unser 10. Korps Wit) 11000 Mann gekämpft gegen die Angriffe des 18. und -0. französischen Korps und war, als die 5. Division des. 3. Korps
am Nachmittag zu Hilfe kam, siegreich geblieben bei Beaune la Rolande, trotzdem die Zahl der Angreifer 60 000 Mann betrug. Hier wirkte Caprivi, der spätere Reichskcurzler, als Chef des Generalstabes des 10. Armeekorps mit.
An eine drei- und vierfache Uebermacht waren wir an der Loire in größeren und kleinen Kämpfen gewöhnt. Wir wußten, die Volksheere hielten unsere Stöße nicht aus. Und nun zu meinen persönlichen Erlebnissen.
Am 27. November hatte mein Regiment, der 22. Division angehörend, das ziemlich große Dorf Brou, in dem sich vier Straßen kreuzten, erreicht. Der dort vermutete Feind hatte sich nach Süden zurückgezogen. Quartiermacher teilten die Häuser für die Kompagnien ab. Wir drei Offiziere mit drei Burschen fanden in einem Zimmer eines verlassenen Bauernhauses Unterkunft. Der Fußboden war aus Lehm gestampft. Tas Zimmer so unsauber und unfreundlich wie möglich. Nach der Sitte (den Landschaft gab es keine Schlafzimmer, die Betten für den Hausherrn, Frau und die Kinder, für Knecht und Magd, standen an den Wänden rings herum. Wir legten uns unbedenklich in diese Betten, allerdings in voller Uniform. Es war immer da nochl besser als auf den schlammigen Aeckern draußen zu liegen. Trotz allen Suchens fanden wir nichts zu essen, abge)eben von wenigen schlechten Walnüssen und Aepseln. Wir suchten am Kamin Kaffee zu kochen und da es dunkel wurde und Lichter fehlten, erhielt einer der Burschen den Auftrag, immer etwas Stroh in das Karnin- seuer zu werfen. So war das Zimmer einen Augenblick bis in die entferntesten Ecken hell, im nächsten Augenblick wieder sehr spärlich erleuchtet. In dem Sckiwei ne stall, der unmittelbar neben unserem Zimmer lag, grunzte ungeduldig ein Schwein, es wartete offenbar auf sein Abend futter. Zum Schweineschlachten war es schon etwas spät, wir waren todmüde und hätten gern rasch gegessen, um zu schlafen. Da ging die Stubentür auf und herein traten die Quartiermacher. Der Unteroffizier meldete, daß sie selbst kein Quartier hätten, überall würden sie abgewiesen. Wir nahmen die armen Burschen auf unb mm waren unserer zwölf in dem einen geräumigen Zimmer. Mit der Zahl der Bewohner füieg <ber Unternehmungsgeist. Wir hatten Hunger und das Schwein reizte uns durch sein ungeduldiges Schreien. Wir überlegten: wenn wir das Schwein heute abend noch schlachten und ilM, ohne es, wie zu Hause üblich, abzubrühen, die Schwarte abzögen, dann konnten wir doch noch zu Abend essen. Das Schwein wurde aus dem Stall geholt und ans Kaminfeuer gezerrt. Es mar vielleicht ein halbes Jahr alt und für sein Alter sehr mager und sehr schmutzig, wie alles in diesem unglücklichen Hause. Das Schwein starb beim Kaminseuer unter dem auch dort üblichen Schreien und nach einer halben Stunde hatten wir Fleisch im Topf. Das war daS gemeinste Quartier, waS ich im Verlaus des FeldäUseS in Frankreich erlebt habe; aber Ähnlichkeiten mit
diesems Quartier habe ich in dieser Landschaft noch einigemal herausgefunden. Wein gab es in solchen Quartieren überhaupt nicht unb es folgten oft acht auch vierzehn Tage aufeinander, m denen bei unteren imunterbtodjenai Märsche» und Kämpfen der Rotwein vollständig fehlte.
Am Abend des folgenden Tages waren wir in reicheren Landschaften. Eine Schwadron des 9. Korps suchte Verbindung mit. uns und fand uns bei dem Städtchen Bonneyal. Die Derbinüuns^ mit der 2. Armee war also hergestellt.
In so dicht bevölkerten Gegenden war das Einqnartieren' leichter. Der Führer des 1. Bataillons verteilte von einem Hüact herob seine vier Kompagnien in die umliegenden Dörfer. Mir befahl er an diesem Abend, mich mit meinem Zuge in ein etwa 1 Kilometer entferntes Gehöft einznauartieren. Ich marfdnert^j guerfeldein auf daS Gehöft los, fand eine prachtvolle Villa, die von unten bis oben möbliert war. Ich verteilte meine Lento auf die 3immer und sie haben alle in Himmelbetten geschlafen mit seidenen Plümeans. Ich begnügte mich mit dem Garten- salon, der reichlich mit grünüberzogenen Möbeln jeder Art aus- gestattet war. Die Besitzer fehlten. Zwei ältere weibliche Bedienstete waren da, die sehr besorgt ivaren um das, was ihnen etwa geschehen könnte. Ich beruhigte sie darüber: sie würden in feiner Weise belästigt werden, sie ständen unter meinem Schutz. Etwas unsicher sahen mich an — ich war erst 24 Jahre alt — sie schienen mir nicht ganz zu trauen und doch meinte ich e# auch diesen älteren Damen gegenüber so ehrlich.
Ich bat, sie möchten für uns kochen, in einem großen Kessel' in der Waschküche. Es fehlte an Fleisch, sie wollten im Städtchen Fleisch holen — sie gingen und kamen treulos nicht wieder. Den großen Bund Schlüffel hatten sie zurückgelassen. Ich schloß alle noch vorhaiidenen Räume auf, um Lebensrnittel für mich kund meine Leute zu finden. Mein Bursche fand Mel)l und Fett, ging in hie Küche und backte die üblichen Pfannenkuchen mit' Wasser. Darin war er groß und sie haben in der äußersten Not immer noch gut geschmeckt.
In den Vorratsräumen sand ich wenig über nichts. Nun in ben Keller. Zu einer verschlossenen schweren Eichentur paßte kein Schlüssel. Aha badne ich, den hat der Hausherr und hinter dieser Tür ist Wein. Im Hofe fand ich ein schweres Stücks, Holz. Vier meiner Leute trugen es in den Keller an die verschlossene Tür. Dreimal traf der Sturm bock das Schloß, da ffog die Tür auf und in zahlreichen Gestellen an den Wänden glitzerten ungefähr 2000 Flaschen Rotwein. Der Wein ist alle getrunken. Was wir nicht bewältigen konnten, wurde vom Regiment übernommen und auf Wagen mitgeführi und bann gab os > feinen Wein wieder bis nach Einnahmc vv» Orleans 5. Dezember.
Am 1. Dezember stand die 22. Division in und um Touev-


