Nr. 507
Srvetter Blatt
760. Jahrgang
Gießener Anzeiger
Erscheint «-sich mit Ausnahme bei Eonatagi.
General-Anzeiger für Gberheffen
Die „Gietzener LamiUendlätter" werden dem ,9lnKtflci-* viermal wöchentlich beigelegt, bai „Krdsblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Sett- fxagerr" erscheinen monatlich zweunal.
Samstag, 5V Dezember 1910
Rotationsdruck und Verlag der BrühNchea UniversitälS - Bllch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 5L
Redaktion: e« 112. Tel.-AdruAnzergerGießen.
veutsch-schweöische yandckbeziehungen.
Die deutsch-schwedischen Handelsvertragsverkxrndl'ungen, dre vor einigen Wochen in Stockholm chren Anfang nahmen, haben durch dre ^yerertane eine Unterbrechung erfahren. Sic iollcn nach Neujal)r in Berlin fortgesetzt werden. Ob fLC frühzeitig zum Abschluß gelangen werden, daß der neue Vertrag schon im Frühjahr dem Reichstag wird vorgelegt werden können, läßt sich jetzt noch nicht absehen. Der alte Vertrag hat nur noch bis Ende November 1911 Gültigkeit; in spätestens elf Monaten müßte also ein neuer Vertrag ratifiziert sein. Unser Handel mik Schweden ist ui den letzten Jahren etwas zurückgegangen, sein Wert Relief suh in Einfuhr und Ausfuhr zusammen 1906 auf 326,1 Millionen Mk., 1907 auf 358,6, 1908 auf 319,2 und 1909 auf 297,9 Millionen Mk. Hiervon entfallen auf die Einfuhr schwedischer Waren nach Deutschland und auf die Ausfuhr deutscher Waren nach Schweden (Millionen Mk.):
Einfuhr
Ausfuhr
1906
149,7
176,4
1907
172,0
186,6
1909
141,7
1908
145,1
174,1
Abschluß eines neuen Vertrags nicht wenig erschweren. Schweden sollte aber bei seinen auf Schaffung einer großen einheimischen Industrie hinzielenden Bemühungen nicht vergessen, daß sich eine große Industrie nur dort entwickeln kann, wo ihr ein großer einheimischer Markt zur Verfügung steht. An einem solchen fehlt es aber in einem Lande, dessen Einwohnerzahl nur 5y2 Millionen beträgt.
156,2
Der gegenwärtige Handelsvertrag ist im Mai 1906 in ftrajt getreten; sehr günstig hat er, wie die vorstehenden Zahlen beweisen, nicht auf die beiderseitigen Handelsbeziehungen einzuwirkcn vermocht. Wenn man die Zahlen von 1906 und 1909 miteinander vergleicht, so ist die Ausfuhr mehr zurückgegangen wie die Einfuhr. An dem Rückgang der Ausfuhr waren insbesondere folgende Waren beteiligt: elektrotechnische Erzeugnisse, Kammgarn, Wol- lengewcbe, eiserne Träger, Maschinen usw. In der Einfuhr hat ein Otückgang sdattgefunden u. a. bei Eisenerz, Pflastersteinen, Granitblocken, Brettern, Steinmetzarbeiten usw. In der Einfuhr nach Schweden hat bisher Deutschland an der Spitze von allen Ländern gestanden, die zweite>Stelle nahm England ein. Als Abnehmei schwedischer Erzeugnisse nimmt dagegen England den ersten, Deutschland den zweiten Platz ein. Im Jahre 1908 hat Deutschland 34,6 Prozent, England 26,2 Prozent der schwedischen Gesamteinfuhr geliefert; von der Ausfuhr aus Schweden sind im selben Jahre 21,4 Prozent nach Deutschland und 35,1 Prozent nach England gegangen. Durch seinen neuen Zolltarif, der bekanntlich die Grundlage für die schwebenden deutsch-schwedischen Handelsvertragsverhandlungen bildet, will Schweden seiner Industrie größeren Zolljchutz verschaffen. Die Einfuhr ausländischer Fabrikate soll erschwert und die inländische industrielle Produktion vermehrt werden. Dies Bestreben dürfte namentlich auch bei den gegenwärtigen Verhandlungen mit Deutschland zum Ausdruck kommen und den
Die Grundbuchanlegung für die Stadt Giehen!
Zu Beginn des neuen Jahres wird mit der Anlegung des neuen Grundbuchs für die Gemarkung Gießen begonnen werden. Der große Umfang der Gemarkung macht es nötig daß sie für das Mlegungsverfahren in mehrere Bezirke eingetcilt wird.
Zunächst wird die Flur I, das ist der frühere von der Schoor begrenzte Stadtteil, und dann in einem besonderen Verfahren der übrige bebaute Stadtteil links der Lahn (Flur II bis VI) angelegt werden. Der andere Teil der Gemarkung Gießen ist zurzeit noch in der Feldbereinigung begriffen und kann erst nach endgültigem Abschlüsse der Feldbereinigung zur Anlegung kommen.
Das Anlegungsverfahren, das das Am sgeiicht vorzunehmen hat, bezweckt, die Ergentumsverl-ältniss" an den einzelnen Grundstücken und die auf ihnen ruhenden Lasten in einem den Bestimmungen des Bürgerlichen G setzbuchs und anderer Gesetze entsprechenden Umfange festzustellen. Hierzu werden die sämtlichen im seitherigen Grundbuche eingetragenen Eigentümer, oder, wenn sie gestorben sind, ihre Erben, vor dem Amtsgeiicht vernommen w.rd'n Bri der Wichtigkeit, die der Grundbuchanlegung für alle Beteiligten zukommt, sei schon jetzt auf die wesentlichsten Punkte hingewiesen, die hierbei Beachtung zu finden haben.
Als Eigentümer wird im allgemeines in das neue Grundbuch eingetragen, wer seither schon im Grundbuch oder in dem dazu gehörigen Mutationsverzeichnis als Eigentümer eingetragen war. Begehrt jemand aber als Eigentümer eines Grundstücks eingetragen zu werden, der se th r nicht eingetragen war, so hat er nächz uw ei, en. daß er sein Eigentum in einer Weise erworben hat, die nach den seither geltenden Gesetzen seine Eintragung als Eigentümer gerechtfertigt hätte. Es genügt aber auch der Nachweis, daß er Eigenbesitzer des Grundstückes ist. Hiernach haben die Erben eines eingetragenen Eigentümers den Ort und Zeitpunkt des Todes des Erblassers anzugeben und eine etwa erlassene letztwillige Verfügung vorzulegen. Wer auf Grund Ersitzung Eigentum in Ans ^ruch nimmt, hat eine von dem Großh. Ortsgericht ausz stellende Er i''.ungsbescheiniaung beizubringen Wünscht j mand z s lge sein s Eig'iib si.es als Eigentümer in das neue Grundbuch eing. tragen zu werden, so hat er darzutun. auf Grund welchen Kaufs oder anderen Vertrags er in den Besitz des Grundstücks gelangt ist und weshalb die Ueberschreibung des Eigentüms seither unterblieb. Auch kann aus Grund Erhitzung, bei der aber wegen Länge der Zeit der Besitztitel nicht mehr nachgewiesen werden kann, die Eintragung als Eigentümer zufolge Eigenbesitzes verlangt werden.
Kommen Ehegatten oder verwitwete Personen als Eigentümer in Frage, so ist zur Festste! ung des Güterrechts dem Amtsgericht die Zeit Der Eheschließung und der Ort des ersten ehelichen Wohnsitzes sowie ein etwa abgeschlofsener Ehevertrag mitzuteilen.
Von besonderer Bedeutung ist die Eintragung der aus den Grundstücken ruhenden Lasten. Die Eigentümer sind verpflichtet, hierüber genaueste Auskunft zu geben. Die Gerichtsakten und die Hypothekenbücher geben zwar Aufschluß über das Vorhandensein von Kaufschillrngen und Hypotheken. Es können jedoch auch in das neue Grundbuch einzutragende Belastungen vorhanden sein, die sich nicht aus den Akten und Büchern des Gerichts ergeben und die deshalb dem Gericht bei der Vernehmung anaezeigt werden müssen, insbesondere Niehbrauchsrechte, Reallasten, beschränkte persönliche Dienstbarkeiten und Erbbaurechte. Auch können in dem rechtlichen Bestand der Kaufschillinge und Hypotheken Veränderungen vorgenommen worden fein, von denen das Gericht keine Kenntnis erlangt hat, wie ganze oder teilweise Abtragung der Schuld, Abtretungen und Vorrangseinräumungen. Diese müssen dem Gericht gleichfalls unter Vorlage der beglaubigten Erklärungen im Vernehmungstermine bekannt gegeben werden.
Die Gläubiger und sonstigen Berechtigten erhalten von einem jeden sie betreffenden Eintrag schriftliche Mitteilung, die sie auf ihre Richtigkeit nachzuprüfen haben.
Um Weiterungen, besonders wiederholte Vorladungen zu vermeiden, empfiehlt es sich, daß die Grundeigentümer bei Zeit sich über die einschlägigen Verhältni,se unterrichten, besonders die noch rückständigen Beträge von Kaufschillinge- und Hypothekschulden seststeklen und die in Betracht kommenden Urkunden (Testamente, Eheverträge, Kaufbriefe, Verträge über Bestellung von Rechten, beglaubigte Quittungen über Zahlungen aus Kaufschillings- und Hypothekschulden, Mitteilungen über Cesfionserklärungen
und Vorrangseinräumungen usw.) für ihre Vernehmung bereit halten. . .
Für gewerbetreibende Eheleute insbesondere sei noch bemerkt, daß eine gegenseitige Vertretung in den Vernehmungsterminen zulässig ist, und daß die auszustellende Vollmacht nicht beglaubtgt zu sein braucht, soweit ni.cht das Amtsgericht ein Anderes verlangt. V-
Au» Stadt unO Land.
Gießen, 31. Dezember 1910.
** Psarr dien st nachrichten. Ernannt wurden Pfarrassistent Rieder zu Meffel zum Piartv.rwa ter daselbst, dann zum Pfarrassistenten in Klein-Linden; P arr- vikar Weber zu Reichelsheim zum Pfarrverwalter daselbst; Pfarrverwatter Buchhold za Beuern zum P arrvenoalter in Ober-Ofleiden; Pfarrverwaltec Widmann zu Bingen zum Pfarrverwalter in Hopfmannsfeld; Pfarrverwalter Pabst zu Schornsheim zum PfarrasPstenten in Osthofen (mit dem Wohnsitz in Rhein-Dürkheim); Pfarramtskandidat Vogt zu Lich, zuletzt Pfarrverwatter in Dolgesheim, zum Psarrverwalter in Messel; Pfarrasfistent Blank zu Neustadt zum Pfarrverwalter in Wicberg; Psarrassistent Wiegand zu Eberstadt zum Psarrverwalter in Sellnrod. Gestorben sind Pfarrer ii. P. Theodor Heuß von Armsheim zu Traisa am 11 .Nov.; Pfarrer Jak. Karl Ullrich zu Messel am 18. Nov. Zur Wiederbesetzung werden ausgeschriebenItie erste Pfarrstelle zu/R eich e 1 s h eim (Del. Erbach); dem Grasen zu Erbach-Erbach steht das Präsentationsrecht zu; die Pfarrstelle zu Hitzkirchen; dem Fürsten zu Isenburg und Büdingen in Birstein steht das Präsentalionsrecht zu; die Pjarrstelle zu Messel.
"Bon der kath. Kirche Hessens. Der Schematismus des Bistums Mainz weilt in 19 Dekanaten 337 Priester nach. Am bischöst'chen Seminar sind 9 Profesioccn und Dozenten tätig. Beurlaubt, bezw. außerhalb der Diözese sind 10, emeritiert 15 Priester. Jubilare sind es 6, davon 5 aktiv. Die beiden ältesten, 1851 bezw. 1853 geweiht, sind auch die beiden einzigen, die noch in Gießen an der ehemaligen katholisch-theologischen Fakultät studiert haben. Im Seminar sind in wer Kursen 54 Alumnen. Im letzten Jahre starben 9 Priester, 1909 3, dagegen wurden geweiht 1909 9 und 1910 11 Alumnen.
•• Der La h nkanalv erein hält am Sonntag 8. Januar, in Limburg seine ordentliche Hauptversammlung ab, zu der alle Mitglieder und Freunde der Lahn- kanallsation eingeladen werden. Neben einem Bericht über den Stand der Lahnkanalisierungssraqe erstattet Direktor Bausa-Limburq Bericht über das Projekt einer Lahnkanalisierung für 210--Tonnenschlffe. Angesichts der Wichtigkeit dieses Projekts, dessen Ausführung durchaus im Bereich der Möglichkeit liegt, wäre ein zahlreicher Besuch der Versammlung dringend erwünscht.
** D i e Frankfurter Wach-undSchließ-Gesell^ schäft, Filiale Gießen, veröffentlicht für das Jahr 1910 folgende! Statistik. Es wurden vorgefunden: offene Haustüren nach 12 Uhu nachts 1023, offene Haustüren geschlossen 770, offene Geschäfts Lagerräume, Werkstätten, Fabriken usw. und das Sckstießen veranlaßt 222, offene Fenster geschlossen 173, steckengebliebews Schlussel 136, Hausbewohnern, die ihre Schlüssel vergessen hatten^ geöffnet 40, Interessenten veranlaßt, brennend gelassenes Lichd zu löschen 305, offene Gashähne 3, offene Wasserleitungen vor-, gefunden b^w. Wasserschäden vereitelt und Rohrbrüche entdeckt 6,, Feuer entdeckt und das Löschen veranlaßt 3jnal, losgekoppelte! Pferde in den Ställen angebunden bezw. Besitzer geweckt 9, Personen bei grobem Unfug und Sachbeschädigung ertappt und der Polizei übergeben 7, Obdachlose aus den zu bewachenden Häusern entfernt 8, Einbrüche vereitelt 3 und drei Einbrecher und Diebo festgenommen und der Polizei übergeben.
Gictzencr Stadttheater.
Neber die Kraft
Von B j ö r n s o n.
Gießen, 31. Dezember.
Björnsons gedankentiese, spannende und — rein dramatisch genommen — verfehlteste, weil fast ganz handlungsarme Schöpfung Ueber die Kraft ging gestern in einer gut durchgearbeiteten von Oberregisseur Bakos geleiteten Aufführung über unsere Bühne. Besonders wirkungsvoll gelang die Berattmg der Geistlichen, die in charakteristischen und im wesentlichen auch klar ausgearbeiteten Typen gegeben wurde. Als Klara hatte Frau G ü h n e einen schweren Stand, denn während des ganzen ersten Auszuges an das Bett gefesselt, ist sie der Gebärde, der wirkungsvollsten Hilfe des Darstellers, so gut wie vollständig beraubt. Trotzdem schuf sie ein rührendes und ergreifendes Bild der in ihrer Liebe zu dem Gatten verbrauchten Frau. Als Sang enttäuschte Richard Bruno wie jeder andere Darsteller in dieser Rolle enttäuschen muß, da schon vor dem Erscheinen, des Pfarrers die Erwartungen aufs höchste gespannt werden. Daß Richard Bruno mit v-ollendeter Würde seine Rolle zu einem guten Ende führte, ist sein Verd-ienst. Seinen Tod aber hätte ich mir natürlichen gewünscht. Kurt Kühne zeichnete die grüblerische, von nie rastender Sehnsucht nach dem Wunder gepeinigte Gestalt des Pfarrer Bratt mit meisterlichen Zügen, und 5je Art, wie er nach seinem ersten, hastigen Ersck-einen sich von dem Sohne des Pfarrers verabschiedet, indem er ihm den Gram seines Lebens offenbart, zeugte von einer ausgezeichneten Verinnerlichung. Karl Marx bemühte sich mit Glück, die qualvolle Haltlosigkeit des jungen Elias zu veranscha7ulichen, während Hilde Engel als Rahel allzuhäufig in den glatten Unter Hal Kingston seichter Lustspiele verfiel. Karl Volk gab einen würdigen, behaglichen Bischof, Rolf Gunolt einen prä ästig en Blank. Warmherzig und voll edler Lebhaftigkeit spielte Kurt Goldberg den jugendlichen Geistlichen, der nur durch seine aller Schminkkunst bare Maske aufsiel. Von den übrigen sind noch Friedrich T i m i a n als Falk und Fränzi Koch als Klaras Schwester zu erwähnen.
* N.
Weihnachten im Morphium.
Von einem erkrankten Mitarbeiter geht der Straßburger Post das folgende WerhnaichtssKmmungsbild zu: Gestatten Sie auch mir einen Beitrag zu den allgemeinen Elirisl-estrückblicken, der jedenfalls den Vorzug des (Eigenartigen für sich in Anspruch nehmen darf. Statt einer Tanne mit weißen Kugeln und entsetzlich viel Watteschnee aus den magern Aestchen, hatte das Christkindel mir zur Erleichterung von heftigen, durch ein hartnäckiges Leiden vn> ursachten Schmerzen eine liebevolle Diorphium-Jnjekllon beschert.
die mir beim Läuten der Münsterglocken und dem weinerlichen. Singsang einer kleinen Spieluhr in einem Nebenzimmer von einem mensck)enfreundlichen Arzte nach allen Regeln der Kunst beigebracht worden war. Da lag ich nun in meinem scl-neeweißen Bettchen wie eine Wack)spuppe aus dem Warenhause und wartete auf die freundlichen Wirkungen des barmherzigen Giftes. Ganz still und traulich war es um mich her. Draußen vorm Fenster stand die regnerische Nacht und klopfte zuwecken an die angelaufenen Scheiben. Kinder, liefen vorüber und schrien sich etwas zu, was ich in meinem Neste nicht verstand, manchmal polterte ein Wagen über das Pflaster. Ich fühlte mich wirklich ein wenig verlassen und gedachtee anderer Weihnachten, da ich mit Krndern in einem Winkelchen die schönsten München ausgetauscht und an liebevollen Tantenküssen und heißen Zimmetsternen mir den jungen Magen verdorben hatte. Und immer einsamer, immer verlassener wurde es um mich. Da klopfte es plötzlich an meiner Tür. Auf mein „Herein" erscheint ein blutjunger Setzerlehrling und schiebt mir mit einem artigen Gruß von der Redaktion ein pfundschweres Manuskript zur sofortigeni Durchsicht auf das Schmerzenslager. Mein erster Gedanke war: Wirf den Burschen zur Tür hinaus! Dann aber mußte ich lächeln und immer nur lächeln. . . Und schon blätterte ich in den Folioseiten herum. Ein Roman wars, die Erzählung einer Straßburger Dame, mit dem verheißungsvollen Titel: „Ueberwunden". §d| las beim matten Lichte meiner grünen Studierlampe. Ein etwas langatmiger Anfang, frauenhaft unbestimmt, baitn aber, allmählich wachsend, energisckier und blutvoller. Das vierte Kapitel, in dem die Frau, die überwinden wlll, noch bitter kämpft, war schon gelesen, da polterte es wieder an meiner Tür, und nun tarn dos Christkindel selbst. Nicht we-sß und mit langen silberglänzenden Flügeln, aber mild und gütig. Und ein Bäumchen hatte es in der Hand und für meine sieberheiße Stirne hatte es einen lieben kühlen Druck. Ohne ein Wort zu reden, stellte es den Baum nchen das Bett, nahm das Manuskript mir weg, und gab mir dafür ein silbernes Fädchen. Und ich nahm das silbrige Ding und feilte mich langsam an das Christkind heran. Zuerst war es, als wäre id) in den Vogesen, in einem wundervollen Tale mit Glockenblumen und Hyazinthen. Dann ging es auf Schiern zum Hochfeld hinauf, einer hinter dem andern, das Christkind immer voraus, und schließlich fühlte ich weder Erde noch Sckmee unter mir und schwebte nur so im freien Raum. Etwas wunderlich, war das. Wir kamen vorbei am Mond und an den tausend Sternen, der Saturn nahm einen seiner Ringe und stülpte ihn mir wie eine Halskrause über den Kops, der Neptun dreb/e mir zornig den Rücken zu und rollte ins Weltall hinein. Allmal)lich aber kamen wir in den Himmel. Ich lüge nickst, es war wirklich der Himmel. Vorn war eine echte romanische Tür, ganz aus Smaragden und Rubinen, daneben das Wärterliäusch'en des alten St. Petrus, ’inb weiter hinein eine blumengestrckte Wrefe, auf der lauter Hans-Thomas-Kinberchei,
Purzelbäume schlugen. „9him Tontm, du Armer," sagte das Christst kinb, „ich stelle dich dem lieben Gott vor. Der hat immer ein Her; für euch Redakteure gehabt, weil ihr auf Erden es keinem rechtmachen könnt!" Es nahm mich an ter Hand, führte mich an Tempeln und offenen Hallen, an Bächen und Seen, an Werkstüttenl und anderen Arbeitshäusern vorüber unb schließlich in einen) gläsernen Saal, wo Allvater, von Sternen und Engeln umgeben, auf einem Lehnstuhl saß. „Da ist er," sagte das Christkind, unb der gütige Weltenlenker schaute mir gut ins Gesicht. Ich hätte ja nun eine schöne Rede halten können, doch die Zunge war mir rote festgenagelt am Gaumen, und der Glanz um den lieben Gott blendete mich so, daß ich nicht aufsehen konnte. So stand ich da, stumm und stets wie damals, als ich vorm Kreisschulrat eine geo* metrische Ausgabe lösen sollte, und nickst konnte, und wartete auf einen Urteilsspruch. Als der liebe Gott erfuhr, daß ich Theater- Rezensent in Straßburg unb anderes mehr war, sagte er gütig] „Laßt ihn in Frieden. Er hat mehr Qualen ausgestanben als andere, und das Leben hat chn auf einen schlimmen Platz gestellt. Wir wollen ihn gesund machen." Und bei diesen Worten bliesen die Himmelstrompeter ein Motiv aus der H-moll-Messe, der Saturnring um meinem Hals begann zu funkeln, der liebe Gott stteichelle mir die Backe, und das Christkind flog mit mir zur Erde herab. Da aber bekam ichs wieder mit dem Schrecken, verrgott, wo war das Manuskript mit dem inlyaltreiben Titel? Ich tastete umher, ich befühlte die Decke, ich stieß ein Wasserglas um, ich wollte das Christkind befragen, und nun stand wieder der Arzt an meinem Lager und lächelte. „Also gut hats getan, das Morphium? Acht Stunden ohne Unterbrechung geschlafen, das lasse ich mir gefallen." „Aber das Manuskript, Herr Doktor?" „Einbildung." „Und der Tannenbaum und das Christkindl?" Der Doktor schüttelte mir die Haicd. „Lassen Sie's gut sein. Zu jedem kommt einmal] das Christkind; man darf nur den Kopf nickst hängen lassen. Und wenn wir wieder gesund und frisch sind. . . ." Also, verel/rte und geliebte Redaktion! Wenn wir wieder gesund und frisch sind, dann erzähle ich Ihnen das Ende meiner Geschichte. Bis dahini lassen Sie mich noch einmal Weihnachten feiern — im Morph mm!
*r- Dre ältesten Kalender. In diesen Tagen beH Jahreswende lenkt ein interessanter Fund die Aufmerksamkeit auf die ältesten deutschen Produkte der Kalendermacherei, die durch den Buchhandel dem Publikum zugänglich gemacht wurden. In dem bekannten Rosenthalschen Antiquariat in München wurde nämlich als Einllebung m einen Wiegendruck vor lurzcm ein für die Einwohnerschaft Straßburgs und das Jahr 1477 bestimmter Wandkalender in F^lioformal von 79 Zeilen gesundem, der in der Offizin des ersten Sttaßburger Buchdruckers Johann Meu- telin gedruckt ist, desselben, den sein Schwiegersohn Marlur Schott


