Donnerstag 3. Februar 1910
Nr. 28
Zweites Blatt
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völkerrechtlich unhaltbar wäre, wenn im Kriegsfälle Angehöriger einer fremden Nation an der Spitze Flottenoperationen stände.
Dem die türkischen Rüstungen gelten, fft durch
tRotartonSbrud an» vertag bei vr6 blichen Uniöerfttätd»Buch» und 5fernbrudecete SL Lang« Dießen.
Redaktion. ExoedrNon und Druckerei: Tchul* strage 7. Eroebrrion und Verlag ?>L
Redaktion:112. LeU-Adr^ Anzeigers,eben»
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Die ^Gtetzene, KamiNendlötter" werden dem .Anzeiger' otermal wöchentlich beigelegt, da- „Kretsbloti kür den Kreis Kietzen" zweuna! wöchenlllch. Du ..Landwirtlchastltchea Seit» krage»- erichemen monatlich zweimal.
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spielen können, muß das aufhören, was heute Demokratie zu sein scheint und in Wirklichkeit nur Uniformität ist.
Für die Gleichmäßigkeit des Volkslebens lassen sich eine Un-- menge Züge anführen, insbesondere aus dem Reiche der kuli- narischen Genüsse, die doch sonst der Individualität reichsten Spielraum lassen. Schon alle Hotclküchcn bieten ziemlich die gleiche Kost. Zwar kann wohl der Ausländer die besonderen Feinheiten nicht so ganz genau unterscheiden, aber auch der Japaner bestätigt das allgemein. Wohin man kommt, dieselben Luppen, dieselbe Fischzubereitung, die gleichen scharfen Beigaben und nur selten Ausnahmespeisen. Noch auffälliger wird das, wenn mau das Essen der Japaner während der Eisenbahnfahrten ins Auge faßt: Ein Holzschächtelchen Reis und ein Holzschächtelchen mit scharfem getrocknetem Fisch und essigsauren Gemüsen, etwas Eierkuchen, zwei Eßstäbchen und ein Zahnstocher, das ist das (Senta, das man auf jeder Station, sei sic auch noch so klein, zu jeder Tages- und Nachtzeit für billiges Geld haben kann. Dazu ein Tonkänncksen mit grünem Tee und dos ist Mittag-, Abend- und Frühstücksmahlzeit. Der Arme ißt es, wie auch der Reich?, der Kuli, lote der Beamte unb selbst in Zügen mit europäischen Speisewagen sieht man die besten Passagiere der ersten Klasse meist bei dem heimischen Bentoessen. Dieselbe Gleichförmigkeit herrscht im Rauchen. Das ist ja ein glänzendes Geschäft des Staates, der fremde Ware mit bis zu 300 Prozent Einfuhrzoll beleget und so fast fernhält, um seinen Landeskindern in den Monopol- zigarettcn dann ein allerdings billiges, aber entsetzliches Kraut vorzusetzen. Eine unterste Marke für 1 sen beherrschen den Markt. Das sind je 20 Stück zu 8,4, zu 16,8, zu 21 und zu 25,2 Pfennigen. Höchst selten, daß einmal ein Japaner eine teurere Marke raucht, die billigeren bekommt er auf jeder- Station, alle anderen nur in der Stadt und in besseren Hotels. Das sllld nur wenige Beispiele, die sich leicht vermehren ließen.
*
Im Hotel in Taihvku (Formosa) erscheint der ewig lächelnde Boy mit der Botschaft: „Eine Lady will Sie sprechen." Donnerwetter, da schnelle ich auf, „eine Lady in Taihokn" wo es 20 Europäer gibt, das ist interessant! Aber japanisch' Boys beobachten nickst schlecht. „Eine japanische Lady," beruhigt mich grinsend mein kostbares Exemplar. Immerhin, auch das ist nicht ohne Als ich herunterkommc, wartet meiner ein Wesen, das kein Wort einer fremden Sprache versteht und mein Japanisch reicht gerade auS, sie in den Salon zu komplimcntiercn und zum Sitzen zu bewegen. Mein Dolmetscher kommt in 10 Minuten,
Apolitische Tagesschau.
Eine Folge des Rachlaufeus.
In der „Deutschen Revue" Hut der französische Politiker und Publizist Andre Tardieu, auf Wunsch des genannten Blattes einen Aussatz veröffentlicht: „Vergangenheit und Zulunst der deutsch-französischen Beziehungen."
Wir erfahren darin merkwürdige Sachen. So spricht
■ Die Gefahr eines griechisch-türkischen Krieges um die Insel Kreta bestand nun zwar schon seit geraumer: Zeit. Sie wird aber jetzt dadurch verschärft, daß Griechenland bofft, an Bulgarien, dessen Stammesangehörige in Mo-edonien sich durch das neue türkische Bandengesetz bedrückt ünd verfolgt fühlen, einen Bundesgenossen zu finden. Die Beziehungen zwischen Konstantinopel und Sofia sind trotz aller anderslautenden Versicherungen gerade wegen dieses Punktes nicht so, iviie sie sein sollten. Die Klagen der bulgarischen Macedonier finden daher in Sofia ein nur zu geneigtes Ohr, und das Vertrauen, das man dort auf die, wie es heißt, ja äußerst kriegstüchtige heimische Armee setzt, bringt es mit sich, daß man fich in der Umwandlung befindlichen Türkei überlegen fühlt und sich gern noch ein weiteres Stück Macedoniens angliebern möchte. Wie sehr man auch in Berlin die Entwickelung
Briefe aus Japan.
Von Tr. Fritz Wertheimer.
XII. Tagebuchnotizen.
Einer der Grundzügc des japanischen BolkscharakterS ist der Sinn zur Uniformität, der in ollen Menschen steckt, die Sucht im Rahmen zu bleiben, die Herde nicht zu verlassen. Die Organisation der Familie ist ja hier noch fester als irgendwo, bildet mehr als in anderen Staaten die Grundlage des Staatswesens. Sie ist das eigentliche Instrument zur Regulierung der sozialen Zusammenhänge, in ihr ist heute schon em -pest der Fragen, die uns als Alters-, Witwen- und Waisen, als Unfall- unb Krankenversicherung plagen, ivenn auch nicht immer hervorragend, so doch leidlich gelöst. Aber der Zusammenhalt m der Familie hat eben eine Gleichartigkeit geschaffen, die feine Individualitäten aufkommcn ließ und dem ist es auch mit -nzu^ schreiben, daß Japan in der Technik zwar viel gelernt hat, auch ein paar Stufen auf der Leiter der Kultur erklommen hat (eben die, welche jedermann leicht ersteigen kann, die nur die äußerliche Form geben), daß aber das innere Erleben des Individuums, das Hin.au ffteigen der Einzelnen fehlt. Man kann das im täglichen Leben stets beobachten, vielfach sehen, wie ein Band der Gleichmäßigkeit alles umschließt. Oberflächlichere Beobachter glaubten das als den demokratischen Grundzug des Volkes erklären zu sollen, weisen auf das überraschend schnell eingebürgerte System des Konstitutionalismus hin. Mit Unrecht. Es gibt fein Land, in dem Parlamentssitze mit ein wenig Geld leichtcr zu prringen wären, als Japan, in dem so wenig Persönlichkeit^, eben die wenigen, die es zur Individualität gebracht haben, alles dirigierten und beherrschten. Das ganze Parlament, nui Aus- »ahw! von einigen zwanzig oder dreißig, gehört zu der Klasse der Ja, ja und nein, nein Sager, die nickst mit dem Kypst den Porlament-diensi ableisten. Wenn das Demokratie bedeuten soll? Das Volk selbst ist auch gar nicht demokratisch, streb! »ar nicht nach einer verständnisvollen Beteiligung an der Re- inerung des Staates. Sein Horizont endet bei der Familie und bewundert kritiklos die paar führenden Geister. Das macht den 'Regierenden, bei denen man allerdings viel Intelligenz und Ge- chick findet, ihre Arbeit so leicht, oder manchmal auch so schwer. Sine Demokratie zu regieren wäre aber viel schwerer, weil in 'hr die Freiheit von Individuellen zur Selbständigkeit und zur 'Wntiming der Ansichten drängt Von all diesen Tmgen wtttz °aS Boi' in Japan noch nichts, wissen nur die ganz wenigen Gebildeten. Ehe in Japan eine Demokratie wird etne Rolle
Tarbieu von dem Uebergange Elsaß-Lothringens an das Deutsche Reich und sagt, die Schwierigkeit und Unsrcherh it des Nebeneinanderlebens der bisherigen Gegner sei oeshalb so groß, weil zwischen ihnen der unverjährbare Anbruch auf Wiedererstatlung der von dem menschlichen Geiste verletzten Naturrechte sich geltend mache. „Weder ihr als Deutsche des heutigen Tages, noch wir als Franzosen des zwanzigsten Jahrhunderts sind persönlich verantwortlich für diese Sach- tage. Wir leiden an einem Uebel, das Bismarck und Moltke uns eingeimpft haben."
Das „Wir", das Ansangswort des zweiten Satzes, bezieht sich auf Franzosen und Deutsche. Es wird, so schreibt dazu Graf Reventlow in der „Deutschen Tagesztg.", national fühlenden Deutschen, die der ewigen Versöhnungsphrase nück'lern gegenüberstehen, zunächst erstaunlich sein, hier zu erfahren, daß die Errungenschaften des Frankfurter Friedens in den Augen Frankreichs heute zu einem „Leiben" für das deutsche Volk geworden seien, und das der einzige schwache Trost dasür sei, daß nicht die jetzige Generation die . schwere Schuld auf sich geladen hat, sondern Bismarck und Moltke.
Herr Tardieu spricht auch darüber, ob ein deutsch» französisches Bündnis möglich sei. Tardieu weist ein Bündnis weit von sich: das hieße für Frankreich, zum zweiten Male seine Unterschrift unter den Frankfurter Vertrag setzen; es würde töricht sein, von einem französischen Minister, wer es auch immer sein möge, eine derartige Spiegelfechterei zu erwarten. Außerdem würde das Bund- . nis Frankreich nichts nützen, seine Diplomatie kompromittieren, in London und Petersburg beunruhigen und die Macht Deutschlands auf dem europäischen Festlande äu sehr stärken. Sck altet man aber den Gedanken eines Bündnisses aus, worin besteht dann, fragt Tardieu, die so oft begehrte Verbesserung der Beziehungen? Frankreich habe seit vierzig Jahren weder angegriffen, noch provoziert, der dauernde Konflikt habe eine rein diplomatische Form angenommen. Und dann kommt die Hauptsache: „Aber Deutschland ist nicht mehr Herr und Meister in Europa!" Mitten im Frieden habe sich die gegenseitige Lage gründlich geändert, und Frankreich könne auf dem Fuße der Gleichberechtigung mit Deutschland verhandeln. Darin liege die Möglichkeit korrekter Beziehungen, und der große grundsätzliche Streit sei vertagt worden. Streitigkeiten untergeordneter Natur, die das Kleingeld des öffentlichen Lebens bildeten, könne man in freundschaftlicher Weise erledigen; auch Erleichterung des Zollvertehrs und ähnliche Dinge seien wohl erörterbar. Von umfassenderen und gründlicheren finanziellen Abmachungen, von der Zulassung wichtiger industrieller Werte, oder sogar von Staatspapieren an der Pariser Börse will Tardieu nichts wissen: das mürbe eine Gemeinsamkeit der deutschen und der französischen Zukunft bedingen, wie sie nicht vorhanden ist und nicht vorhanden sein kann. Komme dagegen Deutschland notgedrungen um eine Unterstützung durch den Pariser Markt em, dann höre die Frage sofort aus, eine finanzielle zu sein und würde eine politische werden !
Wir werden von diesem Zranzosen, den ein deutsches Blatt um seine Meinung gefragt hat, wirklich sehr gnädig behandelt. Baron de Schoen wird ganz damit einverstanden sein. *
In einer Rede des nationalliberalen Führers Basser- mann in Mülheim a. Rh. sagte er u. _a.:
Unter dem neuen Kanzler ist der Schwerpunkt der auswärtigen Politik hinübergegangen in das Auswärtige Amt, das in der letzten Zeit — ich erinnere nur an die Mannesmannsche Frage — gewisse Besorgnisse weckte, als ob die sichere Politik Bülows einer Politik schwächlichen Nachgebens weichen sollte. Die Autorität des Auswärtigen Amtes ist erschüttert. Das zeigt auch die Ablehnung des portugiesischen Handetsvertraaes durch die Kommission. Daß es mit unserer auswärtigen Politik so rasch bergab gegangen ist, das verdanken wir dem Zentrum, weil es den Fürsten Bülow gestürzt hat, aber wir danken es ihm nicht.
Boltanforgen.
Am Balkanhorizont ist wieder dichtes Gewölk aufgestiegen. Schon seit einiger Zeit gingen Meldungen durch die Presse, nach welchen die Türkei kriegerische Vorbereitungen träfe, Meldungen, die bisher von der Pforte selbst immer dahin interpretiert wurden, daß es sich dabei lediglich um Vorbereitungen zu den großen Manövern des zweiten und dritten Armeekorps handle. Jetzt aber weist die Tatsache, daß die Türkei reichliches Kriegsmaterial aller Art im Ausland aufkauft, die Reservisten einzieht, in Thessalien Drücken bauen und in Mazedonien Befestigungen Herstellen läßt, sowie der Umstand, daß von Adrianopel aus fortwährend Geschütze an die bulgarische und serbische Grenze gebracht werden, und dsß zum Truppeninspektor in Adria nopel Nazim Pascha, der eigentlich nach Mesopotamien gehen sollte, ernannt worden ist, mit großer Deutlichkeit daraus hin, daß sich aus dem Balkan wieder Ereignisse vorbereiten. Vielleicht hängt mit dieser kritischen Lage auch her Rücktritt des britischen Admirals Gamble, der die türkische Flotte reorganisieren sollte, zusammen, insofern es
Siehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhejjcn
warten wir also unb betrachten uns. Ein kleines, zartes Persönchen sitzt da, wie eine Nymphenburger Porzellanfigur, schmal unb geschmeidig vor mir. Kaum, daß die Füßchen in den blendend weißen Tapisockeu den Boden berühren und da auf den eleganten unb fein geflochtenen Sandalen mit der Fußspitze nach innen, wie das vornehmer Japanerinnen Art ist, aufstehen. Das Gesicht ist leicht geschminkt, das Haar aber nicht mehr in bei öligen unb fettigen japanischen Kunstform, ijnbern einfach europäisch in Knoten geschlungen. Ein duftiger Blumenkimono umschließt die Glieder und darunter wird hie unb da ein zweiter, bunterer sichtbar. Um die Hüften ist der breite kostbare Obigürtel geschlungen, den eine schmale Kordel mit goldener Schnalle festhält. Wie gejagt, lebendig geworbenes Nyinphenburg. Absichtslos, um nicht immer mein Gegenüber anzustarren, ziehe ich mein Notizbuch unb mache ein paar Auszeichnungen, als schon bas Persönchen aus seinen weiten Aermeltaschen Papier und Bleifeber holt, nm ein Gleiches zu tun. Jetzt verstehe ich: Das unvermeidlich Interview wirb diesmal von einer Dame besorgt! Die Vermutung stimmt, berat als wir uns beibe genügenb beschrieben unb der Dolmetscher erschienen ist, stellt sich heraus, daß die Herausgeberin enter Frauen, Zeitschrift in Formosa meine Ansicht über japanische Fromm hören will. .Es hilft mir nichts, daß ich beteure, unverheiratet zu fein, so daß mein Urteil über die Fran überhaupt jodenfalls zu günstig laute. Ein silberhelles kicherndes Lackzen und ein leises: Joso, bitte, dem man nickst widerstehen kann, unb der weibliche Kollege hat gefiept. Ohr besser bas Weib hat gesiegt. Denn es ist rin Genuß, dieses Wesen in seiner zierlichn Behendigkeit zu sehen, wie es bei jeder Auskunft tiefe Bücklinge von einer Ebenmäßigkeit unb Formenschönheit macht, Ivie sie nur die Japanerin machen taiin. Die schlanken Finger gleiten übers Papier, das Auge wirb lebhafter, bas dünne (stimmdien wächst auS einem leisen Hauchn zu energischerer Betonung, in beut Oststchöpfchu ist der Journalist lebendig geworben, der geschickt seine Fragen setzt unb seine Netze zuzieht, wo ber Andere einmal vorsichtig sich brücken will. Ter rauhe Baß meines Dolmetschers selbst wird unter dem Einfluß dieses Wesens stiller unb weickier, als lürcbic er, da? Porzellanfigülihii zu zerbrechen. Wie sicher unb bc- stimmt die Antworten ber Frau sind, als jetzt auch ich zu in ter viewen beginne unb mir japanische Franenideoie unb die Ansicht ber Japanerin über beutsches Frauenleben erklären lasse' Es ist keine japanisch Anita Augsburg, die da spricht, unb keine Sufraaette, aber ich habe ben Einbruch daß m dieser Weichheit unb Geschmeibigkeit doch eine unenbltdr Zähigkeit, ein Wille steckt, ber vorwärtsbrängt. Wie schwer wirb der harte Boden
der türkisch-bulgarischen Spannung verfolgt, geht daraus hervor, daß jetzt der bisherige Gesandte in Sofia, Freiherr v. Romberg (geb. 1866), dem Freiherrn v. Seckendorf (geb. 1855) Platz gemacht hat.
Vielleicht wäre die Gefahr, in der zurzeit der Balkanfrieden wieder schwebt, nicht so groß, wenn nicht, wie Griechenland auf die Hilfe Bulgariens hofft, Bulgarien seinerseits auf Griechenland rechnete und sich des Beistandes Serbiens und Montenegros versichert hätte, nachdem sich diese Staaten untereinander und mit Bulgarien über die macedonische Frage geeinigt haben. Fast scheint es, als solle der erste Zusammenstoß der Türkei nicht mit Griechenland und Bulgarien, sondern mit Serbien und Montenegro erfolgen. Meldet doch der „Standard" aus Nisch, daß diese Mächte die Absicht hätten, die Schwierigkeiten der Türkei zu benutzen, um den Distrikt von Tachliia zu besetzen. Und wenn der.„Standard" dieser Meldung, für die wir freilich keine Verantwortung übernehmen können, hinzufügt, daß Oesterreich-Ungarn bereits bedeutende Truppenzusammenziehungen an der türkischen Grenze vornehme, so deutet er damit bereits an, daß die Mächte, mögen sie untereinander über die Balkanfrage so uneinig sein, wie sie wollen, jedenfalls in dem Bestreben einig sind, das Kriegsfeuer auf dem Balkan nicht auftodern zu lassen. Ob sie mit diesem Bestreben auch heute noch Erfolg haben werden, ist eine andere Frage.
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Athen, 2. Febr. In Reaierungs- unb politischen Kreisen ist man lebhaft erstaunt über die Befürchtungen, bic die Einberufung der Nationalversammlung zur Revision ber griechischen Verfassung in Konstantinopel hervorgerusen haben, wenn man ben Depeschen glauben barf, bie über biesen Gegenstanb an verschiedene Organe ber europäischen Presse gelangt sinb. Man hebt hervor, baß außer Gründen ber inneren Politik, welche die Einberufung der Nationalversammlung zur Verfassungsrevision als einen Ausweg aus ber burch die letzten (5reignih'e geschaffenen Lage veranlaßt haben, bie)er Gebaute der Einberufung in den Erwägungen ber leitenden Kreise gerade beswegen die Oberhand gewonnen habe, weil man den Zeitpunkt Der griechischen Legislaturwahlen hinauszuschieben wünschte, die den Kretern Gelegenhüt geben EÖrattm, ihre Absicht, Depu- tierte in bie Athener Kammer vu entsenben, zu verwirklichen. Anbererseits erklärt man, ist das neue griechisch: Kabinett, bas eine gemäßigte, durchaus reservierte Politik verfolgt, von den friedlichsten Absichten erfüllt. Es begeht aus Männern, die zu fing sind, um irgend etwas zu versuchen, was jene Besorgnisse rechtfertigen könnte. Aus allen diesen Gründen kann man )ich das Aufheben nicht erttäten, das von der Nationalversammlung gemacht wird, die dock) gerade ber Frage ber Entsendung kretischer Deputierter nach Athen jede Schärfe raubt.
Athen, 2. Febr. Die Seßion ber Kammer wurde heute geschlossen, und zugleich die außerordentliche Tagung auf ben 14. Februar anberaumt.
Athen, 2. Febr. Es bestätigt sich, daß die Regierung beschlossen hat, die Leiter der diplomatischen Vertreter <zu berufen unb Legationssekretäre mit ber ®c- sck-äftsführung zu beauftragen. Nur ber Lriechiscbe Gesandte in Konstantinopel soll auf seinem Polten, verbleiben.
Salvnik. 2. Febr. Tie Rediff-Jahraänge 1904 bis 1906 in Stärke von 20—30 000 Mann sind heute ein berufen worden. Sie werden bei Sau-rnta auf dem- gegenüberliegenden Ufer des Go 1 res von Lakonik Uebungar vornehmen:, die sich auf vier Wochen erstrecken sollen.
Konstantinopel, 2. Febr. Wie verlautet, wies ber Äriegsminister das Kvmmando des britteii Korps cm, die ausgedienten Truppen des Jahres 1907 zu beurlauben.
Saloniki, 2. Febr. Gegen eine größere Zahl albanischer unb einige türkische Soldaten des 7. Jägerbataillons ist ein Strafverfahren wegen Gehorsamsverweigerung eingeb leitet morden; sie erklären, non einem ihrer Offiziere schlecht behandelt worden zu sein.
Ereignisse ber vergangenen Wochen bereits völlig klar morden. Vor allem Griechenland, das — daran ließen zahlreiche Kundgebungen aus Konstantinopel keinen Zweifel — in deni Augenblick von ber Türkei angegriffen werben wirb, wo die Steter sich der bisherigen türtischen Oberhoheit zu entziehen suchen, um den Anschluß an Grieckienland Tatsache werden zu lassen. Diese dem europäischen Frieden moyende Gefahr wird aber dadurch jetzt in bedenkliche Nähe gerückt, daß, dem Drucke der Militärliga folgend, ber König von Griechenland» bas Kabinett Mavromichalis geben ließ, um an seine Stelle ein Kabinett D r a g o u- m t s zu setzen, bas vor allem bie Aufgabe hat, bie Nationalversammlung einzuberusen, um mit ihrer Hilfe die griechische Berfas, ung einer Revision zu unterziehen. Fürchtete man schon, daß sich bie Steter an etwaigen Neuwahlen zur griechischen Stimmer beteiligen würben, um wie diel mehr werben sie es an ben Wahlen zur Nationalversammlung tun, die dazu bestimmt ist, das ganze griechische Haus neu zu zimmern! Die Kreter, die über den Kops ihres eigentlichen Souveräns hinweg bereits dem Könige von Griechenland den Treueid geleistet haben, sie verlangen dabei mir.zuwirken, und der Umstand, daß der alte kretische Agitator Venizelos den Plan der Einberufung der Nationalversammlung ausgeheckt hat, zeigt, was man sich in Kreta davon verspricht. Andererseits kann es keinem Zweiset unterliegen, daß das neue Kabinett Dragoumis don der griechischen Militärliga viel abhängiger ist, als das Kabinett Mavromichalis. Die Militärliga aber hat man erinnere sich des Ursprungs der griechischen Revolution vom Sommer vorigen Jahres — die Angliederung Kretas an Griechenland auf ihr Panier geschrieben und wird eine solche, will sie nicht oer Sympathien des griechischen Volkes verlustig gehen, um jeden Preis durchsetzen müssen.
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