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24.12.1910 Erstes Blatt
 
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irr. 302

Der Olrtzener Alytl-N trid)<mi täglich, außer tzonitlagS. - Beilagen: Dlerma ( wöchentlich OlehenerZamilienblätter, Irorunal roödientl.KreiS:

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«nzetger Gießen.

erste; Blaft 160. Jahrgang Zamtag, 24. Dezember 1910

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Die heutige Nummer umfafet 14 Seiten.

rvelhrrachtsgedanken.

Sieben, 24. Dezember.

® kv2re enr schöner Trcrmn, in dieser Stunde über unsere Erde dahinzufliegen und das Menschentreiben da und dort aus der Vogelperspektive zu betrachten. Fast fühlt man es, als wäre eS dem Lenker über den Sternen wohlgefällig, wenn unser Blick in der Weihnacht sich mich einmal abwärts senkte, dorthin, wo die Windstürme des Lebens einmal leiser und sanfter geworden sind. Denn mit uns schiene ein Friedensengel zu fliegen, froh und heiter die Botschaft zu verkünden, wenn in der Weltstadt die Straßen stiller wenden und über Land und Dorf die hohen flocken der Menschheit Heiligstes segnen. Suche, so würde es um uns flüstern, niemals dein Glück in der Welten­ferne, sondern bleibe der Erde nahe. Die feurigen Glau- benSeiserer finden heute keinen Widerhall mehr in den Herzen, und stürmische, welterobernde Apostel der Wissen­schaft gibt es auch nicht mehr viele. Auf kleinen Teil­gebieten wirkt der Forschergeist. Aber was des Menschen Sohn gelehrt hat, ist von Dauer geblieben, und der Weihnachtstag soll es von neuem verkünden.

Seit beinahe 2000 Jahren wird das Christentum ge­lehrt, aber seine Bekenner scheiden sich noch in viele Lager Werden wir es je in ganz reiner Gestalt besitzen? Was sind Wort und Deutung gegen den Geist, der aus ihm spricht? Völker und Menschen sind verschieden in ihren Anlagen; sie werden des Christentums stärkende Kraft nicht genau in derselben Form sich zu eigen machen. Der Buch­stabe tötet, auf den Geist, auf das Herz kommt es an Die Gedanken des Prinzen Max von Sachsen, die wir vor­gestern mitgeteilt haben, lehren uns unendlich viel, so vor­sichtig der Verfasser auch zu Werk gegangen ist. Die Ueber- lieserung ist auch ihm, dem überzeugten Katholiken, neben der eigentlichen Lehre noch eine Quelle der Religion. Man soll die fromme Anhänglichkeit an die Form der Vater nicht gering achten, soll des Glaubens Kleid nicht nach eitler Schönen Art jeden Tag verbessern und verändern Aber die Diener und Verwalter der Kirche haben es selbst getan, und nun schweben viele ihrer Nachfolger unter Ge­wissensnot:Wer lehret mich, was soll ich meiben?" Auch Prinz Max gehört zu denen, die ihre Sache ernst nehmen Er betrachtet auch die Bekenner des orientalischen Katholizismus als seine Glaubensbrüder, will die An­bauten an dem katholischen Kultus seit den pseudoisido rischen Dekretalen und den Tagen der Cluntacenser nicht von Herzen anerkennen. Eine kühne Tat, die den Un­willen Roms erweckt hat. Der prinzliche Priester spricht ganz richtig von dem Unterschied zwischen Morgen- und Abendland; was diesem frommte, durste jenem nicht auf­gedrängt werden. Prinz Max scheint auch von einem all­gemeinen und freien Konzil der ganzen Christenheit zu träu­men, das in altchristliche Bahnen zurücksühren und die

dogmatischen Zusätze seit dem 9. Jahrhundert beseitigen würde. Es ist bezeichnend, daß in den Tagen des von Rom drohend verlangten Modernisteneides angesehene katho­lische Blätter, wie dieKöln. Volksztg", über den prinz- lichen Reformator den Schild halten, den guten Zweck, den er verfolgt, anerkennen und den Geist, in dem er handelt, loben.

Sind seine Gedanken aber nicht verwandt mit denen Luthers, der ja auch zurückwollte auf das Ursprüngliche? Prinz Max hat die Entwickelung des kirchlichen Systems seit Gregor VII. nicht als mißbräuchlich bezeichnet; er kämpft überhaupt nicht, wie der große Reformator, gegen Auswüchse und Uebelstände. Aber er hat doch recht deutlich durch­blicken lassen, daß die Anerkennung der Neuerungen, be­sonders der Dogmen des 19. Jahrhunderts, keine Bedin­gung dafür ist, daß man als guter Christ und Katholik gelten mag. Sein Verlangen ist ein wahrer Toleranzantrag. Kann man den Protestanten dafür schelten, daß er noch weiter in der christlichen Entwickelungsgeschichte zurückgeht, um sein Bekenntnis zu finden?

Mögen die Konfessionen in der Bahn ihrer Väter weiter­schreiten! Wenn, nach dem Sinne des Lehrers der Menschen, religiöse Duldung geübt wird, wenn die Kirchen nicht nach Herrschaft trachten, brauchen ehrwürdige Bräuche nicht ab­geschüttelt zu werden. Unsere Zeit verlangt Duldsamkeit, und des Nazareners Lehren sind besonders durch unsere deutschen Dichter und Denker neu zu Ehren gekommen. In all der Zerstreuung geistiger Tätigkeit, der Hast im prak­tischen Leben, heißt es, die Einheit im Fühlen und Denken wieder zurückzugewinnen. Zerstückelte Menschen laufen leider allzu viele in der Welt umher. Die heilige Nacht bedeutet einen solchen Ruf zur Sammlung. Wer wollte ihre alljährliche wiederkehrenden lieblichen Bräuche missen? Des Menschen Herz hängt an Symbolen, weil er sehen muß und fühlen, was der Geist ihn lehrt. Bleibe der Erde nahe! Harmonie schaffen im Leben ist wertvoller als mysti­schen Formeln oder Trugschlüssen nachzujagen. Da es gewiß .st, daß die Menschen auf Erden niemals Engel werden wnnen, ist es wohl auch im Sinne einer edlen Harmonie im Sein und Denken gemeint, wenn die himmlische Botschaft Den Menschen ein Wohlgefallen zusagte und damit ver­kündete: Friede auf Erden!

peltfiicbe Saacsfcbau*

Eingreifen des auswärtigen Amtes für die Jesuiten?

Wir lesen in derNatl. Korr":

In seiner diesjährigen Etatsrede hatte am 12. Dez Abg. Erzberger über die barbarische Austreibung der Jesuiten in Portugal geredet und von der deutschen Negierung den Schutz der Jesuiten in den portugiesischen afrikanischen Kolonien gefordert auf Grund der Kongo- alte von 1884 sowie der Brüsseler Akte von 1890.

In derSächs. Volksztg." vom 22. Dez. ist nun, offen­bar von Erzberger herstammend, folgende Notiz enthalten:

Wir Tonnen heute mitteilen, daß das Auswärtige Amt eine sehr entschiedengehalteneVorftellunginLissa- b o n überreicht hat und daß es die Ausweisung der Je­suiten aus den afiikanischen Kolonien als eine Verletzung

der Kongoakte ansehen würde und ebenso als eine Verletzung des Brüsseler Abkommens. Nach unseren Informationen hat auch Oesterreich-Ungarn sich diesem Proteste angeschlossen. Beide Mächte sind entschlossen, dem Vorgehen der portugiesischen Re­gierung ein scharfes Halt zuzurufen und, feine Verletzung inter­nationaler Abkommen zu dulden."

DieNatl. Korr." schreibt dazu:

Deutschland in der Welt voran zum Schutze der portu- giesisck-en Jesuiten und Erzberger fein internationaler Weg­weiser! Das deutsche Volk hat aber ein Interesse daran, von zuständiger Seite zu erfahren, wie es mit dieser Sackte steift und wie es kommt, daß ausgerechnet Abg. Erzberger sich als Vor­bereiter und Verkündiger hon politischen Aktionen des Auswär­tigen Amtes der staunenden Mitwelt vorftellen kann.

Wir stehen dieser Angelegenheit ruhiger gegenüber. Man muß die Gründe wissen, die Herrn v. Kiderlen- Wächter bewogen haben, in der erwähnten Art einzuschrei­ten. Zweifellos wird er bald etwas darüber hören lassen. Herr Erzberger nimmt bekanntlich oftmals den Mund sehe voll, und vielleicht ist die in derSächs. Volksztg." ver­öffentlichte Notiz nicht einmal in allen Teilen richtig.

Der Gesetzentwurf

über die Verfassung von Elsatz Lothringen

Berlin, 23. Dez. Die Gesetzentwürfe über die Ver­fassung Elsaß-Lothringens und über die Wahlen zur Zweiten Kammer des Landtags sind heute dem Reichstag zu­gegangen.

.Der Gesetzentwurf über die Verfassung Elsaß-Lothringens bestimmt unter anderem noch, daß der Landeshaushalt alljährlich durch Gesetz fest gestellt wird. Vis zum Inkrafttreten deS neuen .Haushaltsgesetzes bleibt die Landesregie­rung ermächtigt, nach Maßgabe des letzten Haushalts Steuern und Abgaben zu erheben und Schatzanweisungen auszugeben, ferner die rechtlich begründeten Verpflichtungen der Landeskcksse zu erfüllen, genehmigte Bauten fortzusetzen usw.

Tie Mitglieder der Ersten Kammer, welche der Kaiser auf Vorschlag des Bundesrats ernennt, müssen in Elsaß- Lothringen wohnhafte Reichsangehörige sein. Durch Landesgesetz kann bestimmt werden, daß zu b er u f s st ä n d i s ch e n Mit- gliedern der Ersten Kammer höchstens drei Vertreter des Arbeiter st an des hinzutreten, sobald durch Reichs- oder Lan­desgesetz Arbeiter^ertretungen geschaffen sind, denen die Wahl dieser Vertreter übertragen werden kann. Die Mitglieder pes Landtags erhalten eine Entschädigung nach Maßgabe des Landesgesetzes.

Zur Vertretung der Interessen Elsaß-Lothringens im Bundes­rat ernennt der Statthalter Kommissare, die an den Be­ratungen des Bundesrats teilnehmen. Das Wahlgesetz be­stimmt unter anderem: Wählbar sind die männlichen Einwohner Elsaß-Lothringens, welche feit mindestens drei Jahren Reichs- angehörigkeit besitzen und ebenso lange in Elsaß-Lothringen Wohn­sitz haben, direkte Staatssteuern entrichten und ihr dreißigstes Lebensjahr vollendet haben. Die Begründung besagt: Während das Verfassungsgesetz nur im Wege der Reichsgesetzgebung ge­ändert werden kann, soll die Regelung des Wahlrechts künftig in den Bereich der Landesgestzgebung fallen.

Kaiser Wilhelm Ehrendoktor der Universität Ulausenburg.

Klaus enb'ur g, 23. Dez. An dem heutigen Pro­motionstag hielt in Anwesenheit eines vornehmen Publi­kums und der Doktoranten Rektor Ludwig Szadecky an der Spitze des Senates der Universität eine längere Rede, in der er feierlichst ankündigte, die mathematische natur­wissenschaftliche Fakultät der Universität Klausenburg habe aus Antrag des ordentlichen Professor Aladar Richterkw KaiserWilhelmzumEhre n d oftor ernannt (an­haltende Eljenrufe). Der Rektor wies darauf hin, daß Kaiser Wilhelm für die Wissenschaft und die Gemeinbildung

Hrauenalter.

Ein Weihnachtsbrief von Ludwig Speidel.*)

So weit ich die Frauen kenne, ist es der sehnlichste ihrer Wünsche, gleich den olympischen Göttern in ewig blühender Jugend zu leben, und die schwerste ihrer Kümmernisse, einem reizlosen Alter anheimzufallen. Der Kampf, den eine Frau gegen das ttuf sie eindringende Alter besteht, ist in keinem Heldengedicht verzeichnet, obwohl er hartnäckiger und erbitterter sein kann als irgendein anderer Kampf; er hat feine wechselnden Erfolge, sein Hm- und Herschwanken, seine Ausfälle und Ratschläge, und schließ­lich, da das Alter doch unbesiegbar scheint, seine stumme gram­volle Niederlage. Nichts gleicht an schmerzlick>er Kraft den stillen Tranen, den erwürgten Seufzern, dem inner lid>en Verbluten einer stolzen Frau, deren welker Hand das Zepter entfällt, mit dem sie über die Herzen zu gebieten lange gewohnt war. Solches Sckstcksal scheint bitterer zu sein als der Tod, denn es verlangt von dem Menschen, daß er sich selbst überlebe. Wenn sich die Frauen gegen das Alter sträuben, so haben sie chre guten Gründe. Der Abschied von der Jugend, zuletzt von dem Schein der Jugend, den auf die Wange festzubannen alle Spezereien Arabiens nicht mehr vermögend sind, verurteilt sie in den Augen der Welt zu einer geradezu beschämenden Nolle; lange gelebt zu haben, wird ihnen als eine Art Verbrochen ausgelegt, und zwei Worte, die man vor Fronen nie aussprechen sollte, die Worte: alt und häßlich, werden ihnen mehr oder minder deutlich zu verkosten gegeben, ja die Neigenfülner solcher Unart sind zumeist alte Männer. Welcher Undank in dieser schnöden Auffassung des Frauenalters liegt, braucht man wohl kaum zu sagen. Für wen werden sie denn alt, als .für uns und unsere Kinder? Was erschöpft ihre Jugend, als die großl>erzige Freigebigkeit, mit welclfer sie Freuden gewähren und Schmerzen übernehmen? Wie oft sind die früh­zeitigen Falten in ihrem Gesicht nichts anderes als die Furchen des Kummers, ben ihnen die Ihrigen bereitet, als das Rinnsal der Tränen, die sie um uns geweint haben? Wir vemicksten sie Und verachten sie eine Barbarei, deren nicht einmal der vom Himmel vergessene Mann fähig sein sollte, welcher junge Frauen­liebe nur flüchtig genossen und nicht ihre mit den Jahren wachsende Kraft und Innigkeit an sich erprobt hat. Was man einmal recht von Herzen geliebt, das, sollte man meinen, könnte nicht altern, Und die älter werdenden Augen müßten es immer jung erblicken. kJhr blüht!" müßte man zu den weißen Haaren sagen, und zu

*) Aus.: Heilige Zeiten, Verlag von Meyer und Jessen.

der Falte um den Mund:Du lächelst!" mrd das ist keine Lüge, sondern nur das Wunder der Liebe. Dieses Wunder häufiger zu machen, liegt zu einem guten Teil in der Hand der Frauen, und wenn ich zuerst die Männer angeklagt habe, so mögen es auch die Frauen dulden, wenn ich sie nicht etwa gleichfalls anklage, sondern nur ein klein wenig ins Gebet nehme. Da möchte ich nun sagen, daß viele Frauen die Kunst nicht verstehen, mit dem Alter sick) auf einen freundschaftlichen Fuß zu setzen, daß sie bald zu alt sind für ihre Jahre, bald zu jugendlich (nicht etwa zu jung) für ihr Alter. Ferne fei es von mir, den Schulmeister zu spielen, wozu mir die Natur jede Anlage versagt hat, und den Schulmeister vollends gegenüber den Frauen, die einen Pedanten höchstens heiraten, aber nie von ihm lernen; ich will nur einige Meinungen mitteilen, die sich um das angeschlagene Thema drehen Meinungen, die ebenso schlicht als unmaßgeblich sind. Es ist heute Weihrlachtsabend, das Fest der Kinder und jungen Leute, und wenn ich von meinem Papier aufsehe, erblicke ich, in Gläser gestellt, schlanke Barbarazweige, welche die grünen Augen öffnen, UUO Oie ruyrende Jerut-orvie, die, gestern noch dürr und kahl, un Wasser aufguillt und ihre Dolden füllt. Ich kann heute an nichts Altes glauben, am wenigsten an das Alter der Frauen.

Als die natürlichen Vertvalterinnen der Schönheit und der Anmut glauben die meisten Frauen ihrer Aufgabe nicht mehr gewachsen zu sein, sobald die Jugend von ihnen gewichen ist, und sie lassen sich entweder fallen ober bilden sich eine künUiche Jugend an. Beides ist falsch unb entstellt die Frauen. Was nicht einmal in der Dichtung und Kunst gültig ist, wo jedes Alter seine ihm eigentümliche Schönheit entfaltet, wie kann das Geltung haben auf dem der Sinnlichkeit doch mehr entfremdeten sittlichen Gebiete? Auch im Wohlwollen und in der Güte kann Schönheit und Anmut liegen, und man spricht nicht umsonst von einer sittlichen Grazie. Es ist mein Lieblingswvrt, daß jedes Alter seine Jugend habe und daß es nur daraus ankomme, sich aus der einen Jugend in die andere hinüberzuretten. Ein reifes Mädchen wird eine junge Mutter, und sie faiut jung bleiben bis hinauf zur Großmutter und Urgroßmutter. Tas Entscheidende liegt mir immer darin, daß man die Gesinnung seines Alters habe (l'esprit be son äge). Man muß sich gegen die anrückenden <3aIrre weder trotzig stemmen, noch ihnen feige weichen; wer sich ihnen widersetzt, den schleppen sie mit den Haaren mit sich; wer Urnen aber freundlich entgegeicheht, den führen sie freundlich an der Hand. Das schlimmste abet ist und den Männern gegenüber das allerunklugste, wenn eine Frau vor dem Alter sofort die

Waffen streckt; das macht am ältesten, denn die Frau, die sich gegen ihren Feind verzweifelt wehrt, wird wenigstens für kurze Zeit, freilich mit einem um so heftigeren Rückschlag, die Schönheit der Energie besitzen. In vielen Fällen ist es die Angst vor dem Alter, welches die Frauen altern macht; sie verzehrt das Kapital der gegenwärtigen Kraft und macht leichtsinnig Anlehen bei einer späteren Altersstufe. Die Jugend in das Alter hinein- zuziehen oder das Alter vorwegzunehmen, kleidet eine Frau gleich übel. Gefallend kann, ja muß sie immer sein; Gefallsucht aber macht das Alter älter. Die Kunst der Einfachheit sollte sich mit der größeren Reife immer mehr vervollkommnen. Keine Koketterie haben, ist auch eine, und vielleicht die feinste. Damit kann sich ein Zug von Mädckjieuhastigkeit verbinden, eine bei aller Er­fahrung erhaltene Unschuld und Frische der Seele, die ich schon bei siebzigjährigen Frauen angetroffen und bewundert habe. Daß bas Alter schlechter macht, konnte man gewissen Erscheinungen gegenüber wohl glauben; aber man kann mit derselben Berech­tigung wohl sagen, daß es besser mache. Das Wahre an der Sache wird aber wohl sein, daß das Alter weder schlechter noch besser madrt, sondern einfach alle Geheimnisse des Charakter^ aus dem Menschen heraustreibt. Tie Aufgabe der Frau wird es fein, solche hervorschießende Spitzen des Charakters an sich und anderen umzubiegen. Um sich aber unter allen Umständen jung »u erhalten, pflege sie bei sich eine Liebe, ein Interesse, welches sie für die Welt nicht absterben läßt. Ein Weib ohne Liebe gibt ftd) selbst asm, denn ob sie jünger oder älter fei, die Liebe ist das grobe Geschäft ihres Lebens. Auch höheren geistigen Interessen die doch das Salz der Seele sind, bleibe sie nicht fremd, und m Literatur, Kunst und im großen Weltleben sich regt, tretd immerhin an sie heran. Die Feder benütze sie nur zum Brief- schreiben, worin die Frauen Meister find; denn literarische Her­vorbringungen sind mit einer Verletzung der weiblichen Scbam Hastigkeit verknüpft, toelche kaum durch die große Bedeutung beä Hervorgebrachten entschuldigt wird. Eine gute und anmutige Frau- welche wcht dichtet, ftelst mir hoher als eine dickstende Frau, denn sie rft selber ein Gedicht.

'Tas sind nur einige Schlagworte zur Kunst, jung zu bleiben- aber rch werje |te getrosten Mutes aus, daß sie als gesunder Sarnen m den Herzen der Frauen wuchern mögen. Ich kann nicht nn iter- schrerben, denn ich höre das Rauschen des Taiulerrbaumes, imd der aljimngsvolle Duft der Wachskerzen zieht mich vom Schreibtisch. Das tft ja das schöne Fest der Jugend und der Alten, bie iima geblieben sind,