Ausgabe 
26.11.1910 Drittes Blatt
 
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Nr.27S

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16V. Jakirgnitg TamStag, SV. November 19IÖ

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Vderhesjen

mb. Deutscher Reichstag.

88. Sitzung, Freitag, den 25. November.

Am Tische des Sunbciratl; Dr. Delbrück. Frhr. V. Schorle m er.

Präsident Graf Schwerin eröffnet die Hitzung um 1 Uhr IKin.

Die Inrerpellali-ue, fl!>rr die trtcttimtottttuwuee, (Dritter Tag.)

Nbg. Hildradrand (Soz.):

Der Verlauf der zweitägigen Ausspruche ist für die Arbeiter und kleinen Handwerker tief bedauerlich. Denn bie agrarische Mehrheit d<S Reichstag- will von ihrer Not nichts wissen, und auch die Regierung denkt nicht daran, zu Helsen. ES ist eine Volksverhöhiiung, wenn die Agrarier von einem Fleischnotrummel sprechen. Die Unterernährung weiter Volkskreise ist durch die amtliche Statistik fesigeslellt. Alle Parteien erkennen die Fleisch- iwi an. Darum ist «S Pflicht der Regierung, einzugreisen. Die beschämende Untätigkeit der Regierung kann nicht scharf genug verurteilt toerbeiu Für den LandlvirtschastSminisier gilt da» Wort: Ich habe nur ein Amt und keine Meinung! Denn er mutz sich nach den Wünschen der Junker richten. Freilich die hohen Herren merken nicht viel von der Fleischnot. Wer sich an Kaviar und Austern ergötzen kann« kümmert sich nicht viel ums Fleisch.

ES ist erfreulich» baß der prrutzische Landwirtschaft-Minister vur sür Preutzen in Fraae kommt, und »o bezeichnend, datz sogar aus dem tScbiet der Volkoernäbrung wieder der schroffe Geaeniay zwischen Nord und Süd sich zeigt. (Sehr richtigl links.) Es ist bedauerlich, datz die Abhängigkeit von den Junkern, Nicht das Wohl des Volkes hir die Regierung ausschlaggebend ist. Der Vorwurf, datz unsere Interpellation nur agitatorischen Zwecken dient, ift lächerlich. Für untere Agitation arbeiten die Herren von der Rechten schon hinreichend, unter stützt von den Instrumenten des Himmels. (Heiterkeit bei den Soz.)

Es war gut. datz Adg. Herold aller Oefsentlichkeit wieder He ganze Verantwortung für diese Zollpolitik auch auf das Zentrum übernommen hat. TaS beweist, datz dem Zentrum die agrarischen Interessen hoher stehen als anderen. Datz Herr Adg Trimdorn teilweise einen anderen Standpunkt vertrat, soll nur dazu dienen, benutzen nach Bedarf beide in den Vordergrund schieben zu können. (Heiterkeit b. d. Soz.) Rach der von mir nicht erwarteten Stellungnahme der Rationalliberalen ist klar, datz auher und und bet Fortschritts. Vollspaiiei niemand hier im Haufe der Regierung einen Auftrag geben will. Der Reichs- lanzler aber soll nicht etn Instrument der Junker sein, wie bet preutzische Landwirt jchuftSminlsier. er soll die Volksinteressen wahren. (Beifall links.) In vielen Gegenden Württembergs müssen die Kleinbauern ebenso Fleisch laufen, wie bie Arbeiter und Städter. Sie leiden daher gleichermatzen uider der Verteuerung.

Die Franzosen. Dänen, Holländer tmb Argentinier erkranken nicht cm dem Fleisch ihrer Tiere. Warum soll es also für die Deutschen schädlich fein f Renommieren wir doch nicht mit der Ge­sundheit unseres Viehstandes Das deutsche Muftervieh ist ja bon den argentinischen Agrariern al» verseucht zurückgeschickt wor- den. Auch m der deutsck>en Marine wird überseeisches Fleisch ver­wendet, warum verbietet man eS also für bie allgemeine VolkS- ernahrungk Das deutsche Volk wird bei den Wahlen die richtige Antwort geben. (Beifall links.)

Staatssekretär Dr Deldrückr

Dr. Wirmer wie» gestern darauf hin, datz der Staatssekretär deS Innern das verleugnet habe, was er als Oberbürgermeister bon Danzig einst vertreten hat. (Seht richtigl hnlft.) Ich kann miet) in biefeT Beziehung eigentlich damit trösten, datz Dr. Wiemer selbst gleich darauf betont hat, datz man bedauetlicherivrise auch mit dem LtaakSminiftet v. Miquel dieselbe trübe Erfahrung ge- macht bat. (Heiterkeit) Daraus ergibt sich eben, das man konnte diese Beobachtung auch noch an anderen fetzt lebenden StaaiS- männern machen. datz ein Minister, in dessen Hand bie Sorge für bie wirtschaftlichen Interessen eines ganzen Reiches vereinigt ist, diese etmafl an­ders an leben mutz, al» ein Oberbürgermeister, der in erster Linie berufen ist, die Interessen eines beschränkten Greises mit mög­lichstem Nachdruck zu vertreten. (Zustimung ) Ich nehme an, datz keiner der Herren, die meine früheren Äußerungen zitiert hoben, sich die Muhe gegeben hat, die Verhandlungen des oreutzischen Städtetage» von 1890 durchzulesen. Ich habe damals folgend Richtlinien für die Behandlung dieser Frage vorgeschlagen und in einer Resolution niedergeiegt, in der e- heitzt, datz die Vertreter der preußischen Städte die notwendigen wirksamen veterinär- polizeilichen Matznahmen gegen die Gefahr einer Seuchenein- schleppung aus dem Auelande anerkennen, und datz sie dieselben im aQgcuieinen Lande-,nteresse und auch im wirtschaftlichen Intereste der Städte selbst für geboten halten. (Hört! Hört! recht».) Weiter toirbjjeJagt, datz sie aber auch eine ausgiebigere Fleischverforgung der Stabte für notwendig erachten, in einem Umfange und einer Art, die eine entsprecktenbe Lebenshaltung der mittleren und niederen Volkskreisen gewährleistet. Ta sich in einer Anzahl Preußischer Städte die Fleischpreise feit geraumer Zeit auf einer Höhe hielten, die eine derartige Fieischversorgung der minder be­mittelten Klasten in Frage stellen, wurde der Vorstand beauftragt, an den Reichskanzler die Bitte zu richten, dahin zu wirken, datz die zuständigen Instanzen mit allen ihnen zur Verfügung stehen­den Mitteln für eine ausreichende Versorgung der Städte mit Fleisch sorgen. Ich glaube, datz die Grundgedanken, die dieser Resolution zugrunde liegen, sich im wesentlichen mit dem Stand- Punkt decken, den ich vorgestern hier vertreten habe. (Sehr richtig! rechts. Widerspruch links.) Auch der Reichskanzler und ich haben un» in erster Linie bemüht, festzuslellen. in welchem Umfange die Behauptung einer bestehenden Fleischnot oder einer bedrohlichen Fleischieuerung zutrifft. Datz das mit aller Objektivität geschehen ist. beweist die Denkschrift deS ReichögefundheitSamleS, von der ich nur wünschen möchte, datz sie auch von dem Redner der äufecr- ften Linken mit derselben Objektivität behandelt werde, wie sie au (gehellt ist. Der Abg. Hildenbrond hat sich darauf beschränkt, einige Zitate herauSzunehmen, die ihm posten, aber er hat ver­schwiegen, datz bie Darlegung diese Zitate ausdrücklich widerlegt. (Hört! hört! rechts.) Da» ReichSgesiindheitSomt kommt zu dem Ergebnis, datz ebenso wenig wie die Bchouptuiig einer Fleischnot gerechtfertigt erscheint, von einer vorhandenen oder drohenden Unterernährung des deutschen Volkes im allge­meinen gesprochen werden kann. ES ist nachgewiesen, daß tm grotzen und ganzen dasjenige Quantum Fleisch, doS jährlich durch- schnittlich auf den Kopf der Bevölkerung in letzter Zeit gebraucht wurde, auch vorhanden war.

Ich gebe ohne weiteres zu, datz trotzdem einzelne Beschwerden berechtigt sind, und datz ein plötzlicher Rückschlag in der stark ange­legenen Versorgung unsere» Volke» mit Fleisch für die ärmeren

Klassen unerwünscht sein mutz. Dir wüsten hm, wo» In unseren Kräften liegt, um einen dauernden Rückgang in bei Fleischeinahrung bc» Volke» zu verhindern. Darin sind tute alle einig. Streit kann nur darüber herrschen ob e» Mittel gibt und insbesondere, ob bei Reichskanzler Mittel hat, die geeignet sind, bie Uebelstände, deren Vorhandensein niemand be st reitet, tn wirk- sanier Weise zu beseitigen. Hier setzt die Beurteilung der veterinär- polizeilichen Maßnahmen etn deren Beseitigung Sie von der Linken foibeitk E» fragt sich, ob deren Beseitigung unseren Markt mit hinreichendem und gutem Fleisch versorgen würde. Ruch sorg­samer Beurteilung der Dinge feiten» de» ReichStanzler» und bei ihm beigegebenen Sachverständigen mutz diese Frage verneint werden. Ter Reichskanzler steht auf dem Standpunkt, datz bie deterinärpolizeilichen Matznahmen zum Schutz gegen Seuchenein- schleppung aufrechierhaUen werden müssen. Mu Ausnahme der Einfuhr au» gruntrelch, wo ja auf Antrag ber süddeutschen Staaten entsprechende Konzession»^ gemacht werden, und mit Ausnahme derErleichterung bei derEmfuhr nusDänemark müssen wir an den bisherigen »Schutzmaßnahmen fest Hal len. Genuu so liegen die Dmge bezüglich de« § 12 de» Fleischvescl-augefetzc». Aus Grund der Er­hebungen deSReichSgefiuidheitSamte« halten wir un» für verpflich- tet, einer Beseitigung biefr« Paragraphen zu widersprechen, nicht au» Freundlichkeit oder Gesälligkeit gegen einzelne Parieren, Be­trachtet man dasErgebuiS derViehzählungen zunächst in den euro- päischen ProduklionSgebielen. so ergibt sich, datz bie meisten Staaten aar feine und nur ein kleiner Teil eine geringe Vermehrung deS Viehbestände» zu verzeichnen haben, mit Ausnahme von Deutsch­land. das enit erhebliche Steigerung sowohl auf dem Gebiete der SttHorire- wie der Rinderzucht michzuwerscn Der mag. Da» ist nur möglich gewesen, weil die Pioduklion in Deutschlunr durch die Schutzmogiegeln so lebhaft gefordert werden konnte. Wenn ein­zelne Teile SüddeutschlnnbS Mangel an Fleisch uufweisen. so liegt da» daran datz man sich dort aus die ausländische Zufuhr verlassen bat. Wir können unseren einheimischen Bedarf nur sicherstellen, wenn wir ihn selbst produzieren. Dazu bedarf e» be» Schuhe» ber Landwirt schall und be» Schutze» gegen die Euischleppung von Seuchen

Auch bezüglich Amerika» gilt bei Satz, datz man sich keines, weg» darauf verlosten soll, datz Ainenka auf bie Dauer in bet Loge sein wirb, unS mit Fleisch zu versorgen Wenn ich blotz aus bie Vereinigten Staaten von Rordomerila hinwc'ise, so betrug hort bie Ausfuhr an Vieh und Fleisch in Prozenten ber Gesamt- ausfuhr 190U 10,6 Prozent, 1904 10,0 Prozent. 1905 9,2 Prozent 1909 6,9 Prozent, d. h. dotz sie in neun Jahren sich fast um die Hälfte vermindert Hal. Dies liefet sich auch für andere Teile deS amerifanifrfHn Kontinents Nachweisen, und e» ergibt sich daraus bafe Anierika, bie Vereinigten Staaten ihre Produktion immer mehr selbst brauchen. Sie werden in Kürze nicht mehr in ber Lage jein, ein irgendwie nennenswertes Quantum von Rindvieh oder edjwetncn auSzuführen. Nun ist sehr viel von Süd- a m e r i l a gesprochen worden. Gewife würde es möglich fein unter Hintansetzung der ernsten Bedenken, die wir haben müssen, au» Südamerika Fleisch für unsere Marktversorgung in grofeen Mengen zu beziehen. Äir dürfen aber nicht vergessen, dafe bei einem so grofeen Gebiet, wie Südamerika ist, mit seinen unüberseh- baren seuchenpolizeilichen deterinärpolizeilichen und sonstigen hier in Betracht kommenden Verschiedenheiten wir jederzeit mit der Möglichkeit rechnen müfelen, ba^ die Zulastung der Fleisch­einfuhr auS Südamerika zu solchen Rückschlägen in unserer eigenen Viehhaltung und Produktion führen konnte, bafe wir bann in der Tat selbst nicht mehr in ber Lag« wären, für unseren eigenen Bedarf zu produzieren. DeSh<i!d mutz ich auch bezüglich Süd amecikas die Ansicht aufrechterhalten. bafe bi« zurzeit bestehenden Bedenken gegen eine Erleichterung der bestehen den Beftimmungen so grofe sind, bafe die eventuellen Vorteile bazu in keinem Ver- hältniS stehen. So bebeuttnb sind bi« Nachteile, bie unS envachsen könnten burch eine solche auch nut vorübergehend« Öffnung bei Gienzen. Wir sollen es also burchau» vermeiden, veterinär- polizeiliche Matznahmen, bic sich bewährt haben, au feer Kraft zu setzen.

Man sagt immer, unsere WirtschaftSpoNtlk tmb insbesondere unsere Agrarpolitik, soweit sie sich in unseren Zoll- und veterinär- polizeilichen Matznahmen auSsprichl. schädigt bas deutsch« Volk und belastet e» mit unerschwinglichen Ausgaben. Betrachten wir doch beispielsweise die Entwicklung der Rogoenpreise an einem be- stimmten Platze. In Hamburg waren die Roggenpreise 1851 bi» 1856 höher al» in bet ganzen Zeit seit Einsiihrung de» Zolltarif», unb ähnliche Zahlen ergeben sich für Weizen. Während also im allgemeinen die gesamte Lebenshaltung und die Produktionskosten aller Art et ne starksteigende Tendenz ausweisen, sinb beim Brot- jftreibe solch« Tendetizen nicht zu konstatieren, fonbrm höchsten» etn Stillstand In ber Preisbewegung. Was ist im Laufe ber letzten Jahre alles an Gründen für diese PtetSsteigerunoi be» Fleisches angeführt worden, was mit unserer Agrarpolitik überhaupt nichts ju tun hat: Tie Steigerung aller Ansprüche, bet Löhne, ber aslhetisckxn und kulturellen TaseinSbedingungen. Tie Fleischpreise sind höher gestiegen als bie Viehpreisc. unb bie Vieypreise sinb tn erster Linie gestiegen eben unter dem Eindruck bet Steigerung der allgemeinen Lebenshaltung. E- ivird davon gesprochen, datz die Gesamtheit der Steuern unb Zolle bnS arbeitende Volk schwer belastet. ES darf dabei zunächst eins nicht vergesten werden: der innere Zusammenhang zwischen der auswärtigen unb der Sdntfe- Zollpolitik, unb bafe die Schutzzollpolitik nicht nur lanbwirtschaft. liche Jnteresten, sondern auch Industrielle berücksichtigt. Tie ersten lanbipirfldjafllirften Sd)utzzölle sind vom Fürsten BiSmarck damit begründet worden, bafe, wenn eS für dieJndustrie Schutzzölle gibt, eS auch Schutzzölle für die Landwirtsd-aft geben müste.

Unsere Agrarzölle haben sich also entwickelt als BestandteNe unsere» gesamten Schutzzollsystem». Will man darau», bafe tm Laufe der letzten 30 Jahre die Produktionskosten teurer geworden sind, folgern, bafe die Wirtschaftspolitik falsch ist? Derartige wirtschaftspolitisch- Fragen kann man nicht mit theoretischen Erwägungen lösen, sondern die Richtiakeit dieser Wirtschasts- Politik mufe man nach ihrem Erfolg messen, lind kann man nun annehmen, bafe ein Land 30 Jahre lang eine falsche Wirtschaftspolitik getrieben hat, besten VolkSvermogen sich in, Laufe der letzten 10 Stab re um 10 Milliarden vermehrt hat? Testen Bevölkerung in dieser Zeit um 880 000 Köpfe durchschnitt­lich gewachsen ist, besten Bevölkerung trotz dieser enormen Zu- nähme in solchem Matze Löhne und sonstige auSreickiende Arbeits- gelegenheiten hat, datz die AuSwandung fast aufhört! (Hört! Hör!!) Sie werden mir nun sagen: Ja, den allgemeinen wirt­schaftlichen Aufschwung erkennen wir an, aber die kapitalistische Wirtschaftsweise unsere» modernen Staates hat dahin geführt, bafe diese Erfolge nur den besitzenden Klasten zugute gekommen sind. Auch baS ist nicht richtig. Ich will gar nicht daran er­innern, bafe un» diese Zoll- und Wirtschaftspolitik in die Lage rersetzt hat, bis zum Jahre 1007 über R Milliarden zur Ver- I e^iinti der sozialpokitifch-n Verbaltni'le unterer arbeitenden 6saüe zu verwenden, wovon rund 1 'A Milliarden direkt au» der Tasche deS Reiches gezogen sind. Aber noch etwa»: Sind denn

tatsächlich die Verhältntste nnfertt arbeitenden Klasse tm Laus^ der letzten Zeit schlechter geworden? Rein! Ich will mich auf einen einroanbflfreien Wirtschaft-Politiker berufen, auf Herrn Culwer' er hat ausgerechnet, bafe in bet Zeit von 1896 bis 1910 die Löhne um 37% Proz. gestiegen sind, dagegen die Gesamt- aufwendungen für die Ernährung de» Arbeiters nur um 22%| Pioz. (Hört! Hört!) Also abgesehen von der Fürsorge für die sozialpolitischen Verhältnisse unserer Arbeiter hat diese Wirt- Ichaftspolitik uns in bie Lage v«r efet bie Löhne weit über bie Aufwenbunnen hinaus steigen zu assen. Unb waS der Arbeiter beute für Ärot, Fleisch usw. au wendet, dafür ist nicht blofe der Preis, sondern auch die Qualität erheblich gestiegen.

Woran liegt das? Durch bie Debatten der letzten Tage ist so gelegentlich ein Grundlon durchgegangen, als wenn man bei unS infolge einer verkehrten Wirtschaftspolitik von einer Ver­elendung der Masten sprechen könnt«. TaS wäre ja möglich, denn es gibt Länder mit gutgelohnten Arbeitern, bie doch ein Prole­tariat besitzen in ganz erschreckendem Verhältnis. Aber für un» trifft auch da» nicht zu. Auch hier will ich mich auf einen der linken Seite gewife unverdächtigen Zeugen berufen, Herrn So m bart, bafe wir von einem Massenelend bei uns wie in anderen Ländern nicht sprechen können. Also auch in dieser Be­ziehung kann man nicht behausten, bafe unsere WirtscdafiSpoliiik arbeiletfembiid) und arbeiterschädigend ist. Ich will mich aber noch auf einen letzten Zeugen berufen, dem man gewife Nicht Arbciterfeindschaft nachsagen kann. Adolf Wagner sagt; Kern andere» Volk hat einen solchen Aufschwung ge­nommen wie da» deutsch« im neunzehnten Jahrhundert, und leint» erlaubt sich mehr Genüsse aller Art in seinen Klassen, Don ben höchiicn bis zu ben niedrigsten, vorn Arbeiter bts zum Grofe- lapitalisien.

Also man barf au» einem vorübergehenden Anlaß ober auS allgemeinen theoretischen Erwägungen nicht rütteln wollen an der Zoll- und Wirtschaftspolitik, die un» auf die Hohe gebracht hat. Wenn ich dieser Auftastung hier Aus­druck gebe, so geschieht daS nicht, weil ich mich in Abhängigkeit von gewissen Klasten ber Bevölkerung unb einzelnen Parteien be» Hause» befinde sondern weil ich bestrebt bin, wie da» bet Vorredner verlangt hat die Gesamtinteressen unsere» Volkes in ihrer Totalität zu wahren, und ich kann nuc dem Wunsch Ausdruck geben, bafe das deutsche Volk die Einsicht besitzen wird, un- auch später «inen Reichstag zu schicken, der un» die Möglichkeit gibt, die bis- g e r i g e Wirtschaftspolitik fortzuführen. (Leb-' Hafter Beifall rechts.)

Abg Wachhorst be Weilte (RaiL) l

Die kommenden Reichstagswahlen werfe« scheinbar f^te schallen schon voraus. In der dieser Tage .uns unterbreiteten Lenkschrift kommt daS Kaiserliche Gesundheitsamt zum Sdjlufe, bafe bie Fleijchteuerung zu einer Fleischiwi bisher noch nichi ge­führt hat. Ich freue mich, bafe der Staatssekretär und der preu­tzische Landwictschastsminister sich dieser Ansicht angeschlosten haben, sie werden damit die Sympathien der Landwirtichafr, auch der bäuerlichen Bevötkeruiig haben. Rind- und Schaffleisch sind tm Preise gestiegen, aber nid^t bie Schweine. Mir fehlt wahrhaftig nicht das Versiändnis dafür, wie schwer es unter Umständen einer Arbeiterfamilie werden kann, bei hohen Preisen auSzukommen. Ler Redner gibt eine ziffernmätzige Zusammenstellung der Preise aller wichtigen LebenSmittelproduki« jetzt unb 1909 und kommt zv dem SchlutzergebniS, datz sich alle» tn allem im Durchschnitt Di< Lebenshaltung in diesem Jahre nicht verteuert, sondern etwa« ütti, billigt hat. Ich bin überzeugt, batz bie Viehzählung tm Dezembel eine prozentual nicht erhebliche Zunahme des Scchweinebestande­in Deutschland ergeben wird, al» eS für Bayern schon jetzt nach» gewiesen ist. Da» Vorgehen der bayerischen Regierung kann ich nur auf da» tiefste bedauern, und kann nur hoffen, bafe daS aus­ländische Vieh ebenso sorgfältig unterfuefct wird, nnt bas deutsche- Rur unter dieser ausdrücklichen Zusicherung der Regierung bat die nationalliberale Fraktion seinerzeit bem Fleisch, befchaugesey zugeslimmt. Wenn Sie die großen Unterschiede in Den Preisen in Münden und Berlin sehen, werden Sie die Schulst md)t ber Landwirtschaft geben. Niemand beklagt da» Schwan­ken der Preise mehr all die Landwirtschaft; aber di« Hilfe liegt nicht in einer Qeffnung ber Grenzen, sondern tn einer He­bung der inländischen Produktlorr. Die augenblicklichen hohe« Preis« sind lediglich verursacht durch di« vorjährige Futtermittel- uufeernte. D>e nationalliberale Partei hat. in Verbindung mit anderen Parteien insbesondere hat sich der verstorbene Herr; v Kardorff dabei ein Verdienst erworben die billiges Futtermittel zölle herbeigeführt. Gestern hat zu meiner* Erstaunen Herr Rösicke es so bargestellt, als ob das ein Verdien^ de» Bundes der Landwirt« wäre! T«r hat für hohe Fut- lelmitkelzölle gestimmt. Nein, Sie verdanken eS nicht dem Bund Der Landwirte, sondern dem ruhigen und objektiven Aultreten bet anderen Staaten.

Die Einzelstaaten sollten größer« Mittel aufwerrden all bis­her zur Unterstützung der Zuchtbestrebungen. unb dann vor allem auch für bie innere 5T o l o n i f a 11 o n. Ich habe mit Vergnügen in der .Deutschs Tageszeitung' gelesen, bafe man durch Urbarmachung der Moore 70 000 Bauernfamilien ansiedeln könnte. Aber warum in die Ferne schweifen? Wir haben doch im Osten eine Bauernkolonisation im eminentesten Sinne bett Worte-, und da hat Dr. Wiemer durchaus recht, datz von den Führern bet Bundes der Landwirte diese Bestrebungen nicht unter­stützt worden sind, sondern tm Gegenteil. 16 000 Grofegrundbesitzer im Osten haben soviel Grundbesitz wu 1% Millionen Landwirte im Westen. Wenn diese Kolonisation im bisherigen Tempo fortge* führt wird, wird der Grofegrundbesitz erst in 600 Jahren verschwun­den sein. Mit allen möglichen Mitteln versucht der Bund der Land­wirte der inneren Kolonisation Abbruch zu tun. Nicht direkt, aber indirekt! (Abg. Kreth ruft: Unwahrheit! Grotze Unruh» link» ) Eine derartige Bemerkung ift ein« Gemeinheitl (Oh« Ruse rechts, Beifall links.)

Vizepräsident Vtßirltzr

Da» verstößt gegen die Ordnung des HauseS. Ich rufe Sie znr Ordnung (Lelchajle Unruhe links. Zurufe: Und da» Won Un­wahrheit?) DaS WoN Unwahrheit ist eine objektive Beurtei­lung. (Sehr richtig! recht», Widerspruch links, Le desto ur ruft: Sehr gut, datz ich das erfahret Grofe« Heiterkeit.)

Abg. Wachhorft de öentt verweist auf Äußerungen des Deutschen FleischerverbcmdeS, die sich gegen ben Bund ber Landwirte richten. Die Nationalliberalen sind durchaus bouernfreundlich. Dr. Paasche hat ja auch gestern die Jnteresten deS Bauernstandes in einer so warmen Weise vertreten, wie sie wahrhastig nicht zu übertreffen ist. Wir Haven auch für den Zolltarif gestimmt und nehmen als liberale Partei für unS baS Verdienst in' Anspruch, den Gedanken do» Agrarstaat» tn weitesten Volkskreisen und besonders unter denIiitellektuellen po-