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Erster Blatt
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Nr. 258
Der Sletzraer listiger etldjeint täglich, aufaet bomuagS. - Beilagen: viermal wöchentlich GiehencrZamillendlätler; aiDeiinal ivÖdicntLKicts» blatt sürdev Ureir Eichen ^Dienstag undFreiiag); zweimal monotl. Landwirtschaftliche Seitfragen Fernfprech - Anfchtusse: für bte Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen:
Donnerstag, 3. November Wy
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V Chefredakteur: A Goetz.
Verantwortlich für den
e äw politischen Teil: August
-......Anzeiger für Oberhessen »LLsL
Botaflort$6tti<! und Verlag der vrühl'schen Unlv.-Vuch. nnö Skinörndtrtl n. tauge. Nedattion, ExprdUIon und Druckerei! rqulstratzt 7. L°^-wr dm bis Domutiags 9 Uhr. Expedition für Bübingen: Bahnhosstrahe 16a. — Telephon Nr. 50. Anjkiqmlrii: Brck.
Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
Der Rücktritt des Kabinetts vriand.
Bei den Beratungen der franz. Kammer über die Haltung des Kabinetts Briand gegenüber dem Eisenbahn-Ausstand fiel am 25. Oktober in der Rede des Ministerpräsidenten ein Satz auf, der davon sprach, daß für die gesetzlichen Maßnahmen zur Verhütung künftiger Ausstände ähnlichen, d. h. revolutionären Charakters Briand noch nicht die Verantwortlichkeit aller seiner Kollegen engagieren könne. Dies wurde damals so ausgefaßt, als ob der Ministerpräsident damit aus eine bevorstehende Erneuerung des Ka'oinetts, namentlich hinsichtlich der Ausschaltung Vivianis und Millerands, hürdeuten wollte, von denen der erste mit den in Vorbereitung beftndlichen neuen gesetzlichen Maßregeln gegen Ausstände nicht einverstanden war, der letzte dagegen Brtands energisches Vorgehen gegen die Propaganda der revolutionären Arbeiter überhaupt tadelte. In einer vom amtlichen Telegraphenbureau verbreiteten Note wurden jedoch diese Gerüchte über einen Zwiespalt im Kabinett als unbegründet hingestellt und erklärt, daß das Kabinett gegenüber der Anfrage über den Eisenbahnausstand vollkommen solidarisch sei und alle Verantwortung jür die von der Regierung getroffenen Maßnahmen übernehme. Diese Erklärung war insofern red)t lahm, als sie darauf, ob das Kabinett auch in der Frage der künftighin Ausständigen gegenüber zu treffenden Maßnahmen einig sei, gar nicht einging, aber es war immerhin der Beachtung wert, daß Briand einem Mitarbeiter der „Uiberte" gegenüber offen zugab, daß sich im Kabinett bei der Vorbereitung dieser. Maßnahmen Meinungsverschiedenheiten ergeben tonnten, die es ihm unter Umständen nahelegen würden, mit der Mehrheit seiner Kollegen die Laae zu klären, d. h. also, das Kabinett durch Ausscheiden Vivianis und Millerands teilweise zu erneuern.
Bis zur Erledigung der Eisendabn-Anfrage hat das Kabinett Briand vor der Kammer noch die größte Einmütigkeit, auch gegenüber den Anzapfungen eines Jaures, zur Schau getragen, ohne, wie sich jetzt herausstellt, innerlich wirklich einig zu Jein. Denn, wie jetzt aus Puris gemeldet wird, hat sich Briand infolge der in seinem Kabinett herrschenden Uneinig leit entschlossen, dem Prä, identen Fallibres den Rücktritt des Gesamttabinetts zu unterbreiten. Und wenn auch, wie es scheint, Fallieres die Abjicht hat, Briand in Rücksicht aus das Vertrauensvotum, das ihm die Kammer noch am Sonntag aus stellte, wieder mit der Neubildung des Ministeriums zu betrauen, so dürfte doch diese Neubildung deshalb den größten Schwierigkeiten begegnen, weil Briand jetzt infolge seiner nach Rechts verschobenen Kammermehrheit gezwungen jein wird, zum mindesten auch Pro- grefsisten in das neu zu bildende Kabinett auszunehmen.
Die französische Deputiertenkmnmer zählt 594 Mitglieder, von denen den Monarchisten 17, den Klerikalen 32, den Progress ist en 74, den Demokraten 76, den Radikalen 113, den Radikalsozialisten 150, den Unabhängigen Sozialisten 28, den Geeinigten Sozialisten 75 angehören, und der Rest pon 29 Mitgliedern zu keiner ausgesprochenen Parteisarbe schwört. Nimmt nun Briand Progressisteu in fein Ministerium auf, die ihn andernfalls im Stich lassen würden, so hat er in der Kammer wahrscheinlich eine Gegnerschaft in allem, was links von den Radikalen steht, diese zum Teil eingeschlossen. Das sind, wenn man die Wilden unberücksichtigt Lägt, ohne die Radikalen schon 253 Deputierte, so daß es nur des UebcrgangS von 41 Radikalen in das Briandseindlicke Lager, oder der Nichtunterstützung seiner Politik durch die 49 Monarchisten und Klerikalen bedarf, um das zweite Kabinett Briand zu Fall zu bringen, wozu sich im Verlaus der Parlameutssesfion reichlich Ge
legenheit bieten dürfte, nicht aus sachlichen Erwägungen heraus, sondern um wieder einmal den hunger der Crupvi, Caillaux, Combes, Deleasse, Pelletan u|to. nach Portefeuilles zu befriedigen.
Wir erhalten folgende Meldungen:
Paris, 2. Nov. Die heutige Sitzung des Kabinettsrats war von sehr kurzer Dauer. Nach Erkundigungen, die bei Mitgliedern der Regierung eingezogen wurden, erklärte Briand gleich zu Beginn der Sitzung, daß es in Anbetracht der politischen und persönlichen Zwischenfälle der letzten Zeit besser schiene, nicht zu einer teilweisen Neubildung des Ministeriums zu schreiten und daß es wünschenswert sei, dem Präsidenten alle Aktionsfreiheit zu lassen. Er sei e n t s ch l o s s e n , zurückzutreten. Diese Entschließung zog die Demission des Kabinetts nach sich. Viviani erklärte, er sei entschlossen, zurück-utreten, bliebe aber deswegen ein nicht weniger treuer Freund Briands. Nach einer kurzen Erklärung B a r t h o u s', der dem Ministerpräsidenten die Sympathie seiner Mitarbeiter ausdrückte, begab sich Briand um IO3/* Uhr zu Präsident Fal- liöres und überreichte ihm die Demission. Zwanzig Minuten später kehrte er in das Ministerium des Innern zurück.
Falliöres beauftragte Briand mit der Neubildung des Kabinetts. Vriand nahm den Auftrag an.
Nach dem amtlichen Rundschreiben dankte Briand dem Kabinettsrat und den Kollegen für ihre Mitarbeit und Sympathiebeweise, die sie ihm während der letzten Kammerverhandlung und besonders in dem Augenblick gegeben, in welchem sie deren schlimme Zuspitzung bemerkt hätten.
Vriand soll eine recht weitgehende Umbildung des Kabinetts vorhaben: er würde mit ihren bisherigen Portefeuilles beibehalten: den Minister des Aeußern Pichon, den Kriegsminister General Brun, den Marineminister Admiral B o u 6 de Lapeyrore und vielleicht mit einem anderen Portefeuille den bisherigen Handelsminister Jean Dupuy. Die meisten anderen Ressorts würde er neu besetzen.
Unter den Politikern, die Briand etwa berufen könnte, nennt man Klotz, Monis, Chaumet, Raynaud und Noulens.
Kaiser und Zar.
Seitdem der Zar in Deutschland weilt, also seit dem 30. August, sind die Gerüchte, daß er auch in diesem Jahr eine Begegnung mit dem deutschen Kaiser haben werde, von der amtlichen Nordd. Allg. Ztg. wiederholt berichtigt worden. Es mag sein, daß man damals wegen des leidenden Gesundheitszustandes der Zarin noch keine bestimmten Dispositionen treffen konnte, aber der ganze Ton ließ es als wahrscheinlicher annehmen, daß damals zwischen Berlin und Petersburg wieder einmal etwas nicht stimmte. Wie es scheint, war der frühere russische Minister des Aus- lüärtigen, Herr v. Iswolski, dessen deutschfeindliche Politik ja bekannt ist, auch hier der Störenfried, der die Monarchenbegegnung verhinderte. Wenigstens fällt es aus, daß erst mit feinem Rücktritt die Bahn für eine solche Begegnung freier wurde, die nunmehr für den 5. November in Potsdam anberaumt ist.
Kaiser Wilhelm und Zar Mkolcms sind im Jahre 1907 in Swinemünde, 1908 in Reval und 1909 in Borkjö und Kiel zusammengetrofjen. Wenn also am Sonnabend in Potsdam abermals eine Begegnung zwischen ihnen statt- finlrt, si gehl daraus hervor, daß die alten Beziehungen zwischen dem Berliner und Petersburger Hofe, mögen sie auch hie und da geschwankt haben, grundsätzlich nicht gestört worden sind. Der Zar macht jetzt dem deutschen Kaiser in Potsdam seinen ersten offiziellen Besuch. Daß er dabei Berlin selbst vermeidet, kann man ihm umso weniger verdenken, als die Hetze, mit der ihn die sozialdemokratische Presse seit seinem Betreten des deutschen Bodens verfolgt, ihn Kundgebungen, wo nicht gar Anschläge gegen ihn besürchten lassen mußte.
Es fällt wenig ins Gewicht, ob der Zar, wie zuerst beabsichtigt, aus seiner Reise von Friedberg nach Potsdam von seinem Ministerpräsidenten Stolypin oder von dem wohl gleichzeitig zum Minister des Auswärtigen ernannten
Sasonow begleitet sein wird. Intimere Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland werden ganz von selbst einerseits abschwächend wirken auf die Ententenpolitik Frankreichs und Englands und andererseits ausgleichend auf den Gegensatz zwischen Rußland und Oesterreich-llngarn in den Balkansragen. Die russische auswärtige Politik steht also mit her Berufung Sasonows anscheinend an einem Wendepunkt, indem sie wieder von dem Programm der Jswolskischen intensiven Balkan- und deutschfeindlichen Ententenpolitik abschwentt, ohne allerdin^ ihren Ententen- sreunden vorläufig untreu zu werden. Ob Rußland diese Veränderung feiner Haltung vornimmt, weil es sich in der Balkanpolitik gegenüber bem deutsch-österreichischen und schließlich auch türkischen Einvernehmen trotz aller Unterstützung durch England und Frankreich als zu schwach erachtet, ober ob es bei der Aufteilung Persiens Reibunged mit England befürchtet, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls bedeutet die Potsdamer Monarchenentrevue eine Ber-- meljrung der Garantie des Völkerfriedens.
politische Lagesschar».
Da8 Vorgehen de8 Eibinger konservativen Verein».
Den Elbinger Konservativen wurde für ihr Abrücken vom Bund der Landwirte und Herrn v. Oldenburg von der „Kreuzztg." folgende Wschüttelung Kuteil:
Es ist nicht das erstemal, daß jene Elbinger Vorbilder des „echten" Konservatismus sich Wohlwollen und Lob der linksstehenden Presse, bis zu den sozialdemokratischen Blättern hin, zugezogen haben... Die Dinge in dem konservativen Verein zu Elbing liegen so, daß es angesichts seines unllaren Verhaltens notwendig erfd)icn, die Vereinsleitung vor die Frage zu stellen, ob sie sich an den Wahlvorbereitungen für eine Kandidatur des Abgeordneten v. Oldenburg beteiligen wolle. Dies ist mit hinreichender Deutlichkeit abgelehnt worden. Nun ist für ein weiteres und vermutlich ebenso rasches wie entschiedenes Vorgehen der konservative» Parteri leitung die Bahn frei.
Deutsche» Reich.
Der Kaiser empfing am Mittwoch frormittag int Königlichen Schlosse den Reichskanzler.
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" widmet der Frage: ,Lst die Genehmigung des Reichstages zum Verkauf des Tempelhofer Feldes erforderlich?" eine längere juristische Betrachtung, worin die Behauptung, daß die Veräußerung von Grundeigentum des Reichs zu ihrer Rechtsgültigkeit die Zusttmmung der gesetzgebenden Körperschaften bedürfe, als zweifellos unzutreffend bezeichnet wird. Die „Norddeutsche" betont zum Schluffe: „Der Zweck dieser Ausführungen soll lediglich sein, endgülttg mit der Meinung aufzuräuinen, der Reichstag sei in der Lage, den mit der Gemeinde Tempeihof geschlossenen Vertrag rückgängig zu machen und Berlin an die Stelle Tempelhoss zu setzen.
Der württembergische „Staacksanzekger" schreibt: Als finanzielle Wirkung des seit dem 1. April 1909 bestehenden Staatsbahnwagenverbandes im Jahres 1909 kann, wie wir erfahren, für Württemberg eine Ersparnis von rund 400000 Mark, herruhrend vornehmlich aus der Ersparung von Wagenleerläusen, angenommen werden. Eine Ersparnis in dieser Höhe ist seiner Zeit auch in der den Ständen vorgelegtejn Denkschrift über die Bildung des Verbandes und bei der Ausstellung des Eifenbahnetats für 1909 in Aussicht genommen worden.
Die Hamburgische Bürgerschaft genehmigte den Antrag des Senats auf Einsetzung eines aus sechs Mitgliedern des Senats und zwölf Mitgliedern der Bürgerschaft zu blldenden Ausschusses mit dem Auftrag, die Not-
Sperl und Leibi.
Am 3. November begeht Johann Sperl seinen 70. Ge- buttstag, ein Meister der Landsck-aftskunst, der wie kein anderer die schlichten Schönheiten der oberbayrischen Natur in ihrer innigen Farbentiefe im Bilde festgehalten hat. Wohl verdient er, als ein Eigener und Großer für sich einen Platz in der Kunstgescknchte und in der Entwicklung der modernen Landschaft zu erhallen, aber sein Name ist doch auf ewig verknüpft mit dem eines Größeren, dem er ein ganzes Leben lang in hingebendster und treuester Freundschast verbunden gewesen ist, mit W i l h e l m L e i b l. Mit Rührung utid Wehmut wird gerade an diesem Tage der Einsiedler von Kutterling, dem Dörfchen, wo er mit Leibl zuletzt gehaust, an die schöne Vergangenhert gemeinsamen Wirkens und Lebens zurückdenken, da er mit dem Freunde vereint so tapfer und so emsthast um das Höchste der Kunst gerungen. Aus zahlreichen Bildern, Radierungen imb Zeichnungen, die Leibis Meisterhand geschaffen, blickt uns Sperls gutmütig freundlicher Kopf mit den lieben Hellen Augen entgegen. Ernes jener schönen Werke, die sie beide zusammen geschaffen und „signiett" haben, stellt den hünenhaften, breilschulttigen Leibl dar, den Hund neben sich, daß Gewehr zum Schuß bereit, während der Heine, weniger mordbegierige Sperl mit ausgestteckter Hand auf den emporfllegendal Hühnerzug weist, der Leibis Ziel bllden soll.
Als solch hilfsbereiter, Ziele weisender und unermüdlich besorgter Kumpan hat der unruhig bewegliche, geschickte Sperl dem unaeschlachten, ungelenken, praktisch unerfahrenen Leibl den größten Teil seines Lebens zur Seite gestanden. In allen Dingen des Lebens war der Schöpfer der „Dorspolitiker" stets der empfangende und nehmende Tell. Ein kräftiger Egoismus machte such da bet ihm geltend, der aus dem Gefühle entsprang, daß Leibl des Freundes unbedingt bedürfte. Mancherlei Pläne, die ihm vielleicht von Botteil gewesen wären, mußte Sperl aufgeben, denn Leibl wurde wütend, wenn nur der Gedanke auftauchte, Sperl könne sich auf längere Zeit von ihm trennen. „Verfluchte Sache!" polterte er dann und drohte halb scherzhaft, halb ernsthaft: „$Batn du weggehst, dann häng ich die ganze Malerei an den Nagel, und du bist schuld daran!" Und Sperl, der wohl mit als erster die Überragende Bedeutung des großen Malers erkannt, wollte natürlich eine solche Verantwortung nicht auf sich nehmen. War er aber einmal verreist, bann haperte es bei Leibl an allen Ecken
und Enden. Der Genosse mußte ja nicht nur mit seinem Geschmack und seiner Geschicklichkeit das gemeinsame Heim schaffen, mußte nach München fahren, als Leibl ganz verziveifelt war, weil ihm der Pastor während der Arbeit an dem großen Kirchen- bild plötzlich die Kirche zugeschlossen hatte, um ihm wieder den Eintritt in seine kirckstiche Malerwerkstatt zu erzwingen: er war auch Leibl für fein künstlerisches Schaffen unentbehrlich. Keiner formte so gut firnissen wie Sperl. Bewundernd stand dann der Meister vor seinem Werk, das unter dem von dem Freunde leicht aufgetragenen Frrniß in all feiner Schönheit leuchtete, und jedes Mal lobte er von Neuem: „So schön hast du es noch nie gemacht." Und auch in allen tieferen Fragen der Kunst war Sperl fein Berater: et hatte mit seinem scharfen Blick gleich erkannt, was dem schwerfälligeren, langsameren Leibl erst später klar wurde. Die Mängel in Leibis Begabung, seinen geringen Sinn für Größenoerhältnisse und Perspektive glich Sperl durch fein feines Raumempftnden häufig aus. War er bei einem Werk an einem kritischen Punkte angelangt, dann holte Leibl den Freund, der im Freien arbeitete, zu sich in die Stube, und kam von den Lippen des wortkargen Sperl das Urteil „Wunderschön", dann arbeitete er mit noch einmal so viel Freude und Kraft weiter. Sperls Urteil war Leibis höchste Instanz. „Was Sperl nut nennt, das ist wirklich gut, darauf kann man sich verlassen", sagte er. Hätte auch die ganze Welt eins seiner Bilder verdammt und nur Sperl es für gut gehalten, dairn hätte er über das Urteil aller anderen gelacht. War aber Sperl fort, dann seufzte er aus tiefstem Herzensgründe: „Wenn nur Sperl da wäre!" So schreibt er z. B. am 27. März 1885 voll Freude: „Mein Freund Sperl kommt bald hierher, um zu malen, und so hoffe ich dann mit erneuter Kraft und Frische ins Geschirr gehen zu können."
Vor Sperls Kunst hatte Leibl, der ein so unbeirrter Erkenner alles Wahren und Echten war, die höck)ste Achtung. Wenn Fremde kamen und ihm allein Beachtung schenkten, so berührte ihn das aufs Peinlichste. Keiner aber konnte sich besser bei ihm entführen, als wenn er ein Bild Sperls bewunderte. Er selbst wurde nicht müde, auf die Sck>önheiten dieser stillen, wuirdersam farbigen Naturausschnitte hinzuweisen. Sperls Werke schienen ihm zum mindesten den seinen gleichivertig zu fein. An Kayser schrieb er unterm 2. August 1891: „Gs ist meine feste Ueberzeugung, daß Sperls Malereien noch einmal zu den gesuchtesten Ku.nftwerken gehören werden" Als er die Nachricht erhielt, daß drei Bilder des Freundes für die Nationalgalerie angekauft seien, wünschL
er ihm herzlichst Glück zu dem Erfolge, „der so wohl verdient ist wie kein anderer." So sind die beiden, seitdem während der Münchener Akademiejahre der Starke den Kleinen einmal gegen Ungerechtigkeiten handfest verteidigt und so die Freundschaft begründet hatte, nnzertrennlick-e Lebensgenossen gewesen, die sich in der schönsten und harmonischten Weife ergänzten Ein dauerndes Zeugnis dieses einzigartigen Verhältnisses sind die Btlder, die fte zusammen geschaffen haben. In diesen wundervollen Werken vermählt sich Leibls Kunst der Mensck-engestallung mit Sperls inniger Naturbeseelung zu einem so et in und voll klingenden Farbenakkord, wie er wohl in der Geschichte der Maleret einzig dasteht, wie er nur hervorquellar konnte aus der Phattlasie zweier Freunde, die eine Seele hatten
e
— In Friedrich Haases Geöurt-kÄg. Der Kris« sandte ein Telegramm, das folgendermaßen lautete:
„Zu Ihrem heutigen 85. Geburtstage sende ich Ihnen, dem Altmeister deutscher Schauspielkunst, meine herzlichen Glückwünsche und hoffe, daß Ihnen noch viele glückliche Jahre beschieden fein mögen als wohlerworbener Lohn für Ihr hn Dienste der Kunst verbrachtes Leben W i l h e l m."
— Kurze N a chrichten aus Kunst nWissenschaft. Aus Dresden schreibt man uns: Der Bildhauer und Goldschmied Professor Karl Groß, Lehrer an der Kunstgewerbeschule, hat nach Ablehnung eines Rufes als ordentlicher Professor an bte Technische Hochschule in Stuttgart einen Lehrauftrag für Archt- tekturplastik an der Technischen Hochschule und an der Kunstakademie in Dresden erhalten. Groß ist 1869 zu Bruck bet München geboren. In München besuchte er die Realschule und Kunstgewerbeschule, war von 1888—96 in der Goldschmieden)erk ftätte von Fritz v. Miller tätig und arbeitete dann selbständig hauptsächlich in Zinn. 1898 folgte er einem Stufe als Lehrer an die Kunstgewerbeschule in Dresden für Fachklassen im Modellieren und Ziselieren. 1900 wurde er Professor. Groß tst zurzett Vorsitzender der Künstlervereinigung „Zunft", stellvertretender Vorsitzender der sächs. Landesstelle für Kunstgewerbe, des Dresdner Künstgewerbevereins und des Verbandes Sachs. Gewerbe-Schulmänner. 1906 war er 2. Präsident der 3. Deutschen Kunst* gewerbe-Ausstellmtg,


