Nr. 218 Zweiter Blaff (60. Jahrgang
Erscheint iLgNch mit Ausnahme des SonniagL.
Die „Gletzenei Samillcnbiatttr** werden dem .Anzeiger* Diermal wöchentlich beigekgt, daß „Nretoblatt für bce Kreis Liehen" -wennaL wöchentlich. Die „Landwittfchaflltche» Seit- fragen" erscheinen trwiiatlid) srocimaL
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhessen
Samstag, 26. November f9fO'
Rotationsdruck und Vertag der Vrühk^che»
UmoerfuälÄ - Buch- und 6teinörudeteL R. Lange, Greben.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- flxattt 7. Expedition und Verlag: 5L
Rti>aflU)ice=fls# 112. Tett-Ad ru AnzeiguG re ßea»
Offener Brief an den Herrn Reichstagsabgeorimeten Uöhler in Langsdorf.
Der Vorsitzende des Gießener nationalliberalen Wahl- rreiSvorstandes, Rechtsanwalt Kaufmann, sendet uns folgenden „Offenen Brief" zum Abdruck, In dem die Absicht tUm Ausdruck kommt, ohne persönliche Schärfen und rein sachlich die Kandidatenfrage zu besprechen und zu klären yub unnütze Reibereien zwischen den bürgerlichen Parteien tU vermeiden. Wir glauben überzeugt sein zu dürfen, daß Herr Kühler, welche sachliche Stellung er auch immer ein nehmen wird, in ebenso ruhiger Tonart erwidern wird und stellen ihm für diesen Fall unsere Spalten ebenso be- reuwillm wie Herrn Kaufmann zur Verfügung. Herr Kaufmann schreibt:
Als Vorsitzender de- ckAießener notionalliberalen Wahlkreis- Vorstandes habe ich nicht nur nn Interesse daran, sondern euch die Pflicht zu nerljüten, daß durch Ihre Acußerunacn die Legende entsteht, als hätten wir uns uub als hatte unser Reichstags-- kandidat mit seiner Kandidatur gegen Sie einen persönlichen Ang riss unternommen. Es erscheint daher an der Zeit, die folgenden yesistellungen zu treffen.
Was zunächst Ihre Kandidatur zur ReichStagSwahl 1911 anbetrifft, so schreiben Sie am 18. August 1910 dem Sinne nach dem Gießener Anzeiger, dabSieuichtzukandidiercn gedenken.
Sie schreiben nämlich dort in Nr. 193 wörtlich: Die Kleine Presse Nr. 192 vom 18. August bringt folgende Nachricht: „Reichs- und Landtagsabgeordneler Phd. Kühler-Langs- borf ist — wie er selbst nntteilt — geneigt, bei der nächsten Rcichstagswahl 1911 im Wahlkreis Gieße n-Grünberg-Nidda wieder zu landidiercn. Sein Gesundheitszustand habe sich irr den lebten Wochen erheblich gebessert." Die Nachricht ist falsch.
Als Herr Professor Dr. Gisevius Mitte Juli 1910 bet seinem in anderer Angelegenheit angemeldcten Besuche Sie fragte, ob er noch eine andere Sache besprechen könnte, erklärten Sie sich dazu bereit Als er Sie nun wegen Ihrer Kandidatur fragte, hauen Sie erklärt, daß Ihre Person der cingetreienen Kränt- lichkeü halber für die Wahl 1911 gar nicht in Frage käme. Sie haben Herrn Gisevius damals ausdrücklich dazu ermächtigt, dicscs in Ihrem Auftrage m.r, dem Rechtsanwalt Knilimann riüjuieilen, „der ich ja der Vorsitzende ber Partei oder ihieS Vorstandes sei". Sie haben damals ferner Herrn Gisevius er* Hart, daß als Ihr Nachfolger eigentlich schon ein bekannter hmifcher Landtagsabgeordneter vorgeiehen sei; Sie hätten diesem Herrn eigentlich schon halb und Halo Ihre Unterpühiuig in Aussicht gestellt Sie seien aber trotzdem bereit, für eine Ka.v- oidatur Gisevius einzutreten, falls Herr Gisevius als Mitglied oder wenigÜLps als HospitaiU der Wirtschaftlichen Bereinigung beizutreten sich verpflichten wolle. Sie drängten damals wiederholt Herrn Professor Dr. Gisevius, er möge sich von der uai:o na [liberalen Partei abwendcn.
5n der vorher angeführten Nummer 193 des Gießener An-! jngcrs geben Sie in gleichem Atem die Bedingungen an, unter ! denen Sie sonst — wenn überhaupt — nur eine Kandidatur aanehmen würden. Sie schreiben, es könne von Ihrer Kandidatur „nur" b i e Rede sein, wenn Sie als /in e gemeinsame des Bundes der Landwirte, der christlich-sozialen, der deutsch-sozialen und der Sleiormpartei proklamiert würde. Weiter stellen Sie zugleich fest, daß Ihr Gesundheitszustand sich nicht erheblich gebessert, sondern eher sich verschlechtert habe.
Als indessen weder unter diesen vier Parteien eine Einigung zu stände kommt, noch eine dieser Parieren zur ddominierung eines Kandidaten schreitet, teilen Sie am 25. Oktober 1910 dem Gießener Anzeiger mit, daß Sie „unter allen Umstanden zum nächsten Reichstag wiederholt kandidieren werde n".
Gleichzeitig bringt die „Kleine Presse" irrt er dem 27. Oktober 1910 Ihre wörtliche Erklärung, daß „Sie selbst Ihre eigene Kandidatur für die ReichstagSwahl 1911 auf - Helfen, nachdem b ie Nationalliberalen des hiesigen Wahlkreises Herrn Gisevius als ihren Reichstagskanbidaten aufgestellt haben".
Ter in Ihrem politischen Partei!eben uns allen schon genugsam bekannte Stimmungswechsel kommt h.ernach in diesen Ihren eingangs mitgettillcn Erklärungen erneut zum Ausdruck. Er tritt aber auch in Ihren mündlichen und gedruckten Aeußcrungen
gegenüber unserem jetzigen nationalliberalcu Rcichstagskandidaten besonders deutlich hervor.
Unter dem 8. November 1910 schreiben Sie ht Nunrmer 262 der Friedberger „Neuen Tageszeitung" von der Stelle im Grünberger Versammlungsbericht:,^köhlerhabe i h rn (G i s e v i u S) erklärt, daß er nicht mehr kandidiere und ihn beauftragt, dies dem Wahlkreisvorsitzenden der nationalliberalen Partei m i t z u t e i l e n". Diese Behaupt-', ng entspricht nicht der Wahrheit
Unter dem 12. November 1910 sprechen Sie in Nr. 266 der Friedberger „Neuen Tageszeitung" und unter dem 14. November 1910 in Nr. 267 des „Gießener Anzeigers" von der unwahren Behauptung des Professors Gisevius S i e (Köhler) hätten i h m versprochen, nicht wieder zu kandidieren. Sie scheinen dabei Ihre öffentliche Mitteilung vom 18. August, daß Sie nicht zu kandidieren gedenken, inzwischen ganz vergessen zu haben.
Unter dem 16. November 1910 o^er geben Sie in Nr. 269 deS „Gießener Anzeigers" nach, zu Gi'evius gesagt zu haben: „Wenn ich so krank bleibe, kandidiere ich wahrscheinlich nicht meh r." Sie geben damit schon halb und halb die Nichtigkeit der Gisevinsschen Mitteilungen zu.
Inzwischen haben Sie nach der Mitteilung angegebener und sehr glaubwürdiger Personen folgendes erklärt: „G i f e v i u S hat mich gefragt, ob ich wieber kandidieren will. Darauf habe ich ihm gesagt, ich bin so krank, daß ich nicht mehr kandidieren werde. Gisevius fragte mich darauf, ob er das dem Rechtsanwalt Kaufmann mitteilen dürfe, woraus ich erklärte: „Ja! Das können Sie. Teilen Sie e5 meinet- balb mit, wem S i e wolle n." Ich bin in der Lage, Ihnen den Beweis der Wahrheit hierfür anr’treten. Von Jnter- e'se ist es festzustellen, daß diese Ihre Dcuß.'rung zwisch n dem 8. und 12; November 1910 gefallen ist, rodyienb Sie das direkte Gegenteil in Ihren an die.en Tagen in der Friedberger „Neuen Tageszeitung" gebrachten VeröfsenUichnngen behaupten.
In Nr. 273 der Friedberger „Neuen Tageszeitung" geben Sie neuerdings zu, zu Professor GiftviuS gesagt zu haben:
1. „So krank, wie ich jetzt bin, kann ich wahrscheinlich nicht kandidieren."
2. „Aber wenn S i e der nattonalHberalcn Par - tei im Reichstage beitreten, oder auch nur Hospitant bei ihr werden sollten, bann würde ich Ihr Feind sein?"
Daraus ergibt sich mit zwingender Notwendigkeit,
L daß Sie zwar gegen eine Kandidatur Gisevius als solche prinzipiell nichts einzuwenden hatten,
2. daß S i e aber Herrn Gisevius davon abdrängen wollten, für die nationalliberale Partei zu kandidieren, und
3. daß die fragliche Unterredung nicht so kurz war, daß, wie Sie es gern darstellen möchten, von einer „Ikberrumpeluiig" die Rede sein kann.
Herr Reichstagsabgeordneter? Menn auch der Inhalt Ihrer Verössentlichung ständig wechselt, so rufen Sie durch dieselben doch den Eindruck hervor, als ob unser Kandidat Ihnen gegenüber unfreundlich gehandelt habe, und als ob unsere Partei ihn hierzu veranlaßte. Ich stelle fest, daß beides nicht zutrifit, und daß Herr Professor Gisevius nach Ihrer Langsdorfer Erklärung die Bahn jür feine Kandidatur völlig frei vor sich sah. Unser Kandidat ist inzwischen wegen seiner Haltung Ihnen gegenüber in manchen Blättern zu Unrecht angegriffen worden. Er handelte daher in Notwehr, wenn er in Grünberg zu feiner Rechtfertigung Ihre Langsdorfer Aeußerungen mitteilte. Weder unserm Kandidaten noch uns ilt es bei feiner Nominierung darum zu tun gewesen, Unfrieden unter den bürgerlichen Parteien zu stiften. Das Gegenteil ist der Fall.
Daß die nationalliberale Partei ba5 Recht hat zu versuchen, ben vor Ihrer Zeit von ihr innegehabten Wahlkreis wiederzuerobern, bestreitet überhaupt niemand, ebenso nicht, daß Sie und daß Professor Gisevius das Recht haben, zu kandidieren. Wenn unserer Partei Herr Professor Güeoius dabei heute die im Sommer gegebene Zusage hält, auch wenn Sie sich ihm gegenüber auf einmal entgegen Ihrer früheren Erklärung als Gegenkandidat ausstellen, werden Sie felbst^als deutscher Mannesart entsprechend anerkennen müssen, fcb Sie oder wir dabei Unfrieden unter die bürgerlichen Parteien tragen, kann ich getrost der Entscheidung der Oefsentlichkeit überlasten. Ich wiederhole es Ihnen, daß ich den Beweis der Wahrheit für meine heutigen Mitteilungen zu erbringen in der Lage bin.
Die zwischen den bürgerlichen Parteien schwebenden Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen, die Situation wird
aber infolge des freisinnig-sozialdemokratischen Zusammengeheniß immer ern)ter für uns alle. Der Ernst der Lage erfordert eS; daß wir unS mindestens die Wahlhilfe für eine Stichwahl gegenseitig offenhalten. Dann aber muß persönliche Schärfe im Wahlkampfe vermieden bleiben. Ich appelliere an Sie als deutschen Mann, wenn ich Sie nach dieser Darlegung ersuche, der Wahrheit die volle Ehre zu geben und damit ben persönlichen Streit ru beenden. Sachliche Gegensätze müssen sachlich ausgefochten, werden; persönliche Schärfen führen nur zum Siege der den bürgerlichen Partei-rn gemeinsamen Gegner.^
Gießen, den 26. November 1910.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Der Vorsitzende der nationalliberalen Wahlkreisorgamsation';! Kaufmann, Rechtsanwalt.
Land nnd Leuie in Mexiko.
Einer Plauderei von Viktor O t t m a n n über das gegenwärtig von inneren Unruhen bewegte Mexiko, die der „Sag" veröffentlicht, entnehmen wir folgende Stellen:
In kaum einem anderen Lande der Welt sind die ersten Eindrücke des Ankömmlings von so schroffer Gegensätzlichkeit wie in Mexiko, je nachdem, ob er eS im Osten oder im Norden zuerst betritt. Kommt der Reisende auf dem Seewege an und landet er in Veraeruz, so entbietet ihm das Land mit seinem von unheilvollen Miasmen durchsetzten, tropischen Küstengürtel den ersten Gruß. In dem schweren, feuchten Boden und in der« dampfend heißen Lust scheint jealiche Frucht zu gedeihen, aus dem! undurchdringlichen Dickicht der Kempeschebaume, Akazien, der 23ain*! buyflauben und Bananen ertönt das Zwitschern, Schreien, Krei-' schen, Fauchen fremdartiger Vögel mit buntem Gefieder, und betäubend süß duften die Orchideen, aber die fahlen Fieber-- gesichter der Bevölkerung verraten, daß auch diesem Paradiese die Schlange nicht fehlt, und daß die Natur sich ihre Uebersälle mit Gesundheit und Leben befahlen läßt.
Fährt der Reisende dann mit der Eisenbahn, die streckenweise^ den Charakter einer sehr kühn angelegten Hochgebirgsbahn bat;' von Veracruz nach Stadt Mexiko, so macht er in zwölf Stunden' den liebergang von der „tierra caliente", der heisten Zone, zur „tierra templada" der gemäßigten Zone, durch und lernt zugleich im Fluge einige landschaftliche Glanzpunkte Mexikos kennen, B. das von Humboldt so enthusiastisch gepriesene Tal von'' Orizaba mit dem wundervollen Schneekege! dcS gleichn-amigerc Piks.
Die ganz anders dagegen und nicht so günstige Vorurteils. erweckend sind die ersten Eindrücke des Reisenden, der von denj Vereinigten Staaten aus auf dem Landwege in Mexiko eintrifft Dort im Norden bildet das mächtige, zumeist völlig ausgetrocknet^ Flußbett des Rio Grande del Norte die Grenze zwischen bei < beiden Staaten. Gleichviel ob der Reisende sie in El Paso, am! Eagle Paß, oder in Laredo überschreitet, überall glaubt er in! ein völlig wüstes, Cen allen guten Geistern verlassenes 2ant>' zu kommen, und mit wachsendem Erstaunen fragt er sich, ob das wirklich Mexiko ist, das Mexiko der Plantagen, der Haziendas; der schönen Kreolinnen und der Liebhaber mit dem' Dolch im Gewände. In traurigster Oede dehnt sich rechts und links von der Dahn die Wüste aus, wirbelnde Sandhosen huschen wie ge> spensterhaste Phantome über die unwirtliche Fläche, und die spärlichen Siedlungen, die diese Eintönigkeit unterbrechen, sehen mehr wie zusammengesck-ossene Haufen von ungebrannten Ziegeln auZ als wie bewohnte Orte. An den Stationen stehen braune Eingeborene und gaffen mit kindlich geöffnetem Munde die Fremden an; die Mämier tragen einen breitkrempigen spitzen Filzhut von den Dimensionen eines modernen Dameuhutes auf dem Kops unb um den Oberleib den Poncho, ein plaidartiges Kleidungsstück, das am Tage gegen die Sonnenitrahlen und beim Schlafe gegen die! höchst ernplindliche Nachtkälte schützt. Frauen und Mädchen, oft von Überraschend zarten, seinen Zügen, bieten schüchtern die Erzeugnisse ihres kunstgewerblichen Fleißes an, hauptsächlich zierlich, gehäkelte Decken; halbverhungerte Hunde und magere, schwarze Schweine umschwärmen den Zug und balgen sich um die aus dem Speisewagen geworfenen Abfälle. Nach 24 Stunden trostloser Fahrt wird die Gegend endlich etwas bunter, hohe Gebirgszüge) begrenzen den Horizont, und ungeheure Kakteen und Agaven in den aberteuerlichsten Formen recken wie ein toller Sput ibrei von keinem Lufthauch beweabaren Kolben empor.
Man kann die Bevölkerung dieses merkwürdigen Landes,- das alle klimatischen Eigentümlichkeiten der Erde von der tco< pischen Ueppigkeit an bis zur Schnee- und Eisregion in sich vereinigt, ungefähr in vier, allerdings sehr verschieden große Klasseit einteilen. Da ist zunächst die unoermischte indianische llrbevölke-',
<Dk[jcncr IConjcttocrciit*
Erster Kammcrmusit-Aoetrd
(Verspätet.)
Gießen, 25. Nov.
„Das Nebner-Quartett" stand aus dem Programm des gestrigen Abends; wem bas Streichquartett bie reinste Verkörperung musikalischen Lebens, bie tiefste Quelle musikallscher Freubrn ist, der halle nwhl zuvor schon „im Herzen hohen Feiertag" des Abends gedacht. Seit den „Böhmen" im vorigen Jahr das erstemal wieder; dazu ein Quartett, bas sich einen geachteten ebenbürtigen Platz neben ben bekannten Vereinigungen immer wehr enuirbt, in Berlin, München und in ben andren großen Musikzemrcn Heimatsrecht hat und in seiner ausgeprägten Eigew- <rrt überall freundlichen Willkomm erfahrt; aalt es doch schtieß- Üch, zwischen Beethoven und Dvorak das Werk eines jungen Künstlers au5 der Taufe zu heben. So war es doch wohl moncheai zuerst eine große Enttäuschung, als man erst las und daun vom Podium hörte, daß es damit nichts sei; daß Herr Rcbner krank geworben unb nur noch in letzter Stunde, bank der freundlichen Bereitwilligkeit der andren Mitglieder des Quar- telis, der Konzen sä ngerin Iran Hedwig Stephan aus Marburg und Henn Professor Trautmann es überhaupt gelungen sei, den Abend mit völlig geändertem Programm doch ousrccht zu erhalten. Man hörte mit freundlich-höflicher Zustimmung und doch wohl innerlich noch etwas enttäu)d)t, daß der Aarstand „keineswegs etwa um freundliche Nachsicht bitte, im Gegenteil einen hervorragenden Abend verspreche"; man empfing die Künstler, deren Liebenswürdigkeit neben der entschlossenen Tätigkeit des Vorstands man ja doch zu verdanken hatte, daß vian nicht leer nach Hause gehen mußte, mit dankbarem Beifall. Ahm folgte schon nach dem ersten Satze des Brahmstrios warmer herzlicher Beifall, und dann nach ledern Satze und nach jebrr Nummer des reichhaltigen, gehaltvollen und durchaus zu- sammcugestiuimten emheitliä>cn Programms; man gab sich gern und immer mehr ohne hemmende Nebenempfindungen Cu3 Bedauerns Mz dem Genüsse hin, den b.e Schönheit der Werke und ihre Tiiedergabe auslösten. Die Herren Davisson, Hegar unb Professor Trautmann spielten zwei Klaviertrios, bad E-dur Am lorahms und das F-dur von Schumann, Herr Hegar bie tz-dur-Eellosonate vp. 0 von Beethoven; dazwischen fang ^rau Stephan eine Reihe BrahmS scher L.eder, aus den Magel . ’n* Emanzen, aus opus 3 u. a. DaS BrahmStrio, em echter Bro0ins, totnn auch vielleicht mehr als sonst Brahms sche Art ua. biswelleü
fast Menbclsfohn'fcher Manier in sinnlicher Klangfchönheit schwelgend, selten herb und schwer, hat durchweg einen fxcubigm starken Charakter; es reißt, bisweilen von bizarren Einsallen in eigenartiger Tonfärbung durchbrochen, mit sich; es verlangt Temperament und eine große technische Vollkommenheit von ben Ausführenden unb lag so dem Künstlertrio deS Abends ganz besonders; denn Temperament, bisweilen tncUeidjt etwas zu kraftvoll-derbes Draufgängertum, rühmt man ja an dem Rebner- üuartett als seine besondere Eigenart, Temperament schätzen wir schon lange als einen Hauptvorzug Hegar'scher Kunst unb lernten es heute bei Herrn Daviss 0 n kennen, der bie Geigcnstimme ganz hervorragend durchführte und sich als ausgezeichneten Geiger von prächtiger Technik und warmer glänzender Tongebung schnell in die Herzen der Hörer einfbiclte; schade, daß das Instrument nicht immer an Stärke des Tons gegen bas Cello aufkommen konnte. Herr Professor Trautmann, bet unermüdlich Verständnis und Liebe zu Brahms sd)er Kunst zu wecken und pflegen sucht, war der berufene Führer der Klavierstimme; so war ein treuliches Zusammenspiel gegeben; liebevolle Hingabe an den Geist des Werks, tief eindringendes Verständnis für feine Schönheiten steigerten feine Wirkung. Auch das S ch u - mann'sche Trio, von dem ich leider nur zwei Sätze iroch hören tonnte, wurde mit warmem Ton und lebensvoll gespielt. Tie Beethoven'sche Cellosonate, eine klar durchsichtige Arbeit, so ganz verschieden von Brahms scher und auch Schumann'sdx'r Art in ihrem Aufbau unb der Verarbeitung ihrer oft direkt lyrischen Themen, spielte Herr Hegar mit gewohnter technischer Meisterschaft und Klangfchönheit; vielleicht hätte eine andere Auffassung hie und da dem Werke mehr Beethoven'sdien Charakter und durch weniger agicto und ssorzando mehr Einheitlichrett bewahrt; doch Feinte ich die Partitur nid)t, kann mich al 10 nur auf mein Empfinden verlassen. Frau Stephan fang, im ersten Lied anfdjdnenb aoch etwas befangen, die Brahms'schon Lieder mit sympathischer schöner Stimme, guter Aussprache, die auch ohne Text Wort für Wort verstehen ließ, und die Hauptsadie, sichtlicher Freude an ifjrcm Brahms unb voll seelischen Abdrucks: dabei ganz sdstich! und ein fad) selbstverständlich. Herzlicher Beisall dankte ihr. Die Klavierbegleitung Serrn Prof. Trautm-anns bot wie immer einen besonderen Gruß.
Zum Se.,iuß nag manchen die Mitteilung erfreuen, daß baS Rebnerquartett später bestimmt kommen und nach* holen wird, was es ge^eui ti/.ie k>ei|t^auNU iwwuiiü lüdu^i mußie. Also üujgejchoben, sticht a.ch<xchobLn, nu
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Vie Schlacht bei Amiens.
(27. November 1870.)
Nach dem Fall von Metz wurde bie erste bentsche Armee (1., 7. unb 8. Korps) bem General von Manteuffel unterstellt unb erhielt ben Auftrag, unter angemessener Besetzung von Metz bie Festungen Diebenhofen unb Montmeby zu belagern: und Longwy zu beobachten, mit ben übrigen Truppen aber gegen; die im nordwestlichen Frankreich, namentlich zwischen Rouen unir; Amiens, zusammengezogenen französischen Triippenmassen. die der! General Bourbaki befehligte, dorZurücken Außerdem lag der- 1. Armee noch die Bewachung und Abführung der GefangeneiS bei Metz ob, wodurch sie dort bis anfangs November festgehatte^ wurde. Erst am 7. trat das Gros, bestehend aus Teilen des 1. und 8. Korps, den Marsch nad) Westen an, nachdem schon mehrere Abteilungen zu besonderen Zwecken vorausgeschickt waren. Unter»* wegs erhielt General v. Nianteuffel noch den Auftrag, auch Mezieres (bei Sedan) und La Fere (bei St. Quentin) zu belagern, sowie Recroy und Givet zu beobachten. Am 15. November erreichte der rechte Flügel (1. Korps) Rethel, bei linke (8. Korps) Reims. Als am 16. ber Vormarsch in bie Pikardie begann, waren von der 1. Armee zur Stelle: das 8. Korps ganz, vom 1. Korp5 die 3. Jns.-Brigade und die Korpsartillerie, sowie die 3. Kavalletie- Divis'on. Am 21. November sollte die Oise erreicht fein: von der 3. Inf.-Drigade bei Noyen, vom 8. Korps bei Eompiegne; die Kao.-Division bildete die Bedeckung b<5 rechten Flügels; der linke Flügel sollte die Verbindung mit der Maas-Armee (vom Pariser Einschließungsheer) berstellen. Als diese Marschziel: erreicht waren, ging von Versailles aus die Weisung ein, gegen! Rouen aufzuklaren, nötigenfalls über Amiens. T)er Oberbetehls- haber beschloß, den letzteren Weg einzuschlagen, da dort d:e Ansammlung größerer Truppenmassen gemeldet war Am 26. standen die Deutschen in breiter Front von der Bahnlinie Amiens— Reim- (bei Cayeux: 3. Kav.-Division und 3. Inf.-Brigade) über Mvreuil bis Essetteux (8. Korps); bie Teile der vor MeziereS abgelösten 1. Inf.-Division sollten je nach ihrem Eint reffen I^ntee der 3 Jnf.-Brigade auffchließen (doch nahm von diesen nur das Grenadier-Regiment Nr. 1, Kronprinz, an der Schlacht teil). Aus allen Anzeichen ging hervor, daß der Feind sich auf big Verteidigung bei Amiens beschränken wurde, wo er eine sistq Stellung bezogen hatte. Nach der Abreise Bourbakis (nach ber Loire) hatte bort General fr a r r e ben Oberbefehl übcinjnw men. Ec verfügte über biet Brigaden mit etwa 17 500 Manq (Rekruten, Marinesoldaten, Mobilgarden unb entwichene Kriegs- gejaügenr vou unb jßleß) und 4-8 Geichusen, die aiu


