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28.2.1910 Zweites Blatt
 
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9lt. 49 Zweites Blatt

16V. Jahrgang

Montag 28. Februar 1910

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSiebener Kamilienblätter" werden dem Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Lreirblatt für den Hreis Stehen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen 3eit-- sragen" erscheinen monatlich zweimal.

Scheer Anzeiger

Eeneral-Anzeiger für Cberhessen

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unioersitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: e=a©51. Redaktion: 112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.

Lin kritischer Tag für England.

Am heutigen Montag, wo das englische Parlament nach seiner kurzen Vertagung wieder Zusammentritt, wird es sich entscheiden, r$b das liberale Kabinett Asquith am Ruder bleibt oder stürzt, nnb zwar nicht wegen des Widerstandes der Konservativen gegen sein Budget, seine Finanzbill und die Reform des Oberhauses, sondern wegen der Forderungen, die irische Nationalisten und Ar­beitsparteiler stellen, mtb die Asquith sich bisher weigerte, zu erfüllen. Um dieses zu verstehen, muß man sich klarmachen, daß die Liberalen nach den jüngsten Wahlen gegenüber den Kon­servativen im Unterhausc nur eine Majorität von einer Stimme besitzen, also auf die Unterstützung der 82 irischen Nationalisten und 11 Arbeiterpartei!er durchaus angewiesen sind, die sich diese Lage baut auch zunutze machten und schon vor Beginn der eigent­lichen Parlamentssession forderten, daß die Reform des Ober­hauses, die nach ihrer Ansicht in einer Abschaffung des Vetorechts der Lords überhaupt gipfeln müßte, v o r dem Budget im Unter- Hause Mr Beratung gestellt werden sollte. Beide Parteien, ja, sogar der linke Flügel der eigentlichen Liberalen selbst, hat nun die *ja Freilich gerade in, dieser Frage recht unklare Thronrede vom 21. Februar aufs äußerste enttäuscht, und ein Sturm gegen Asquith war um so unausbleiblicher, als dieser das mußte er bei der Besprechung zugeben gar nicht die königlichen Garan- tieen für die Oberhausbill in der Tasche hatte, wie er, wenn auch frt zweideutigen Worten, während der Wahlkampagne sich ge­äußert hatte. So war die Lage des Kabinetts Asquith von vorn­herein eine recht prekäre. Zwar erklärte Asquith sich bereit, während der Budgetberatung eine Reihe von Entschließungen über die Reform des Oberhauses fassen zu lassen: an die eigent­liche Vetorechtsfrage aber wollte er erst nach Verabschiedung des Budgets etwa Mitte April herantreten. Ein solches Entgegen­kommen genügte aber den Führern der irischen Nationalisten und der Arbeiterpartei, Redmond und Barnes, nicht. Sie bestanden vielmehr auf ihrem Willen und setzten Asquith und die Liberalen dadurch in die größte Verlegenheit, daß sie bei der Abstimmung über das Schutzzollamendement Austin Chamberlains sich der Stimme enthielten, das bemgemäfc nur mit« ganzen 31 Stimmen abgelehnt wurde.

So war schon am Donnerstag die Lage des Kabinetts Asquith äußerst bedenklich geworden. Wohl wurde am Freitag ein zweites Amendement zur Adresse an die Thronrede, betreffend Einführung von Schutzzöllen, mit 228 gegen 154 Stimmen abgelehnt, aber die Schwierigkeiten der liberalen Regierung luaren darum nicht gehoben. Denn erstens hatten die Lords inzwischen eine Gegen­aktion unter Lord Rosebery eingeleitet, um durch Einbringung eines eigenen Antrags auf Reform des Oberhauses den liberalen Vorstoß zu parieren; zweitens aber zeigte es sich, daß, ganz ab­gesehen von der liberalen Partei, im Schoße der Regierung selbst Meinungsverschiedenheiten vorhanden waren über Art und Maß des ja nunmehr als unumgänglich nottoenbig anerkannten Ent­gegenkommens gegenüber Nationalisten und Arbeiterparteilern. So konnten am Freitag allen Ernstes Gerüchte auftauchen, daß das Kabinett Asquith regierungsmüde fei; das einzige, was es vorläufig noch, d. h. bis zur Ausschreibung von Neuwahlen und bis zum Zusammentritt des neuen Unterhauses am Ruder hielt, war die Erwägung, daß ein konservatives Ministerium Balfour sich schwerlich angesichts der Minorität der Konservativen und vor allem angesichts einer infolge der Nichtannahme des Budgets völlig ungesicherten Finanzlage jetzt zur Uebernahme ber Regierung entschlossen hätte.

Asquith will, wie es heißt, gelegentlich seiner Steuerbewilli- gungsacklräge am Montag über die Vetoentschließungen Erklä­rungen abgeben und diese unmittelbar nach der Bewilligung ber Steuern zur Beratung stellen. Zwar sollen aus zeitlichen Gründen diese Entschließungen noch nicht die Vetobill selbst enthalten, aber sie sollen inhaltlich weit über den Rahmen der Campbell-Banner- man'schen Anträge hinausgehen. Dabei wird aber nicht nach Rosebery'schem Muster an eine Reform des Oberhauses bezüglich seiner Zusammensetzung gedacht, sonbern es ist tatsächlich die Abschaffung des Vetorechtes des Oberhauses unter gewissen Be­dingungen, mit der sich diese Enschließungen beschäftigen sollen.

Dem radikalen Flügel der Liberalen aber, ber ihn seit ber Parla­mentseröffnung mit Mißtrauen verfolgt, will Asquith durch eine Umbildung seines Kabinetts nach der in der Vetofrage entschie­denen Stufung entgegenkommen. Asquith hat also seinen bis­herigen Standpunkt, daß es vor Bewilligung ber Steuergesetze und des auf ihnen fußenden Budgets verfrüht sei, sich mit der Oberhausfrage zu beschäftigen, verlassen: er hat sich zur Be­jahung der Abschaffung des Vetos, vielleicht unter irgendwelchen Bedingungen, entschlossen und will Bubgetfrage unb Vetofrage im Unterhause gleichzeitig, behandeln lassen, wenn auch natürlich zufolge ihres in die ganzen staatsrechtlichen Verhältnisse Eng­lands eingreifenden Charakters die Vetobill ihre endgültige Er­ledigung erst nach den Steuergesetzen und dem Budget finden kann.

Ob Iren unb Arbeiterparteiler sich mit ber Festlegung des Asquith'schen Standpunkts in der Oberhausfrage gleichzeitig mit seinen Steuererklärungen zuffieden geben werden, ist überaus fraglich. Versteifen sie sich auf ihren Standpunkt: erst Veto, dann Budget, und genügen ihnen die Erklärungen Asquiths hin­sichtlich der Oberhausfrage nicht, so werden sie zweifellos Steuern und Budget ablehnen und damit nach den parlamentarischen Grundsätzen Englands das Kabinett Asquith zu Fall bringen. Enthalten sie sich ihrer Stimme, so ist zwar, vorausgesetzt das; alle 274 Liberalen zur Stelle sind, dem Kabinett Asquith der Sieg sicher, aber es merkt doch, daß es heute auf die Unter­stützung der ungekrönten Könige Englands, Redmond und Barnes, durchaus angewiesen ist, wenn es nicht gegenüber irischen Natio­nalisten unb englischen Sozialisten konservative Unterstützung an­nehmen will. Ob Balfour ihm diese gewährt? Die Konser­vativen haben augenblicklich in Anbetracht der parlamentarischen Mehrheitsverhältnisse und ber budgetlosen Finanzwirtschaft Eng­lands keine Lust, an die Stelle ber Liberalen zu treten. Und wenn sie, oder die Nationalisten und die Arbeiterpartei das liberale Budget einschließlich der Steuergesetze bewilligen sollten, so geben sie damit dem Kabinett Asquith nur eine Gnadenfrist, um später, also etwa Mitte April, wenn die Vetofrage in allen ihren Einzel­heiten zur Erörterung steht, mit ihnen Deutsch zu sprechen. Das Kabinett Asquith ist, wenn es nicht die Ansprüche, namentlich ber Iren die Arbeiterpartei scheint nicht aufs Ganze gehen zu wollen voll erfüllt, im Absterben begriffen.

London, 26. Febr. Der heutige Mini st errat dauerte drei Stunden. Später verließ Asquith London, wohin er am Montag zurückkehren wird.

London, 26. Febr. Premierminister Asquith hatte heute vormittag eine halbstündige Audienz beim Kö­nig; im Anschlüsse daran fand in Downing Street ein Ministerrat statt.

Die Balancierung des hessischen Staatsbudgets für lM.

Aus Darmstadt wird uns geschrieben: Tie überaus schwie­rige, aber dankenswerte Aufgabe, den hessischen Steuerzahler vor einer übergroßen Steuererhöhung zu bewahren, ist den gemeinsamen Beratungen der beiden Finanzausschüsse glücklich gelungen und, wie schon in der Samstags-Nummer des Gieß. Anz. angedeutet, die Erhebung einer um 15 Prozent erhöhten Einkommensteuer, sowie einer von 75 auf 95 Pfennig für je 1000 Mark erhöhtes Vermögens steuer beschlossen worden. Es wird nicht un­interessant sein, zu vernehmen, auf welche Weise es gelungen ist/ den anfänglichen Fehlbetrag von rund 5 Millionen Mcark im Staatsbudget so bedeutend zu ermäßigen, daß mit den erwähnten Steuererhöhungen nicht nur das Gleichgewicht hergestellt, sondern auch noch ein stattlicher Ueberschuß in Reserve gehalten werden kamt. Durch die von beiden Ausschüssen beschlossene Verschiebung befc Schuldentilgung, für welche der Finanzminister 1710 000 Mark in den Haushalt als Ausgabe eingestellt hatte, ist dieser Betrag für die Verwendung zu allgemeinen Staatszwecken frei geworden und somit der rechnerische Fehlbetrag von 4 975 214 Mark auf 3 265 214 Dtark reduziert worden. Es sind alsdann als Mehrertrag an direkten Steuern, was auch von der Regierung in dem Exposee über die Stellungnahme der ersten Kammer aus«

drücklich für zulässig erklärt mürbe, 200 000 Mark mehr in Ein­nahme gestellt und die zu erw'artenden Eisenbahneinnahmen ton, 12 Millionen analog der .Schätzung des hessischen Anteils im preußischen Etat auf 12 650 000 Mark erhöht worden, wovon jeboch ein Betrag von 300 000 Mark für die gesetzlich feftgdegte Tilgung ber Eisenbahnschuld der hessischen Ludwigsbcchn wieder in Aus­gabe gestellt worden ist. Des £3eiteren haben die Ausschüsse die Regierungsvorlage angenommen, irach welcher die Kosten der. zweiten Justifakatur der Oberrechnnngskammer für die Prüfung! der nicht staatlichen Rechnungen durch eine von den Gemeinden usw. zu erhebenden Gebühr wieder eingebracht und dafür ein Betrag von rund 154 000 Mark als Einnahme eingesetzt werden konnte. Ferner hatte der Ausschuß der Zweiten Kummer bereits vor der gemeinsamen Beratung rund 150 000 Mark Ersparnis durch die schon im einzelnen mitgeteilten Abstriche erzielt. In den Aus­gaben konnten infolge der Nichtbewilligung der vom Finanzministev angeforderten Steuererhöhungen ein auf 300 000 Mark bemessener Betrag für Steuerausfälle gestrichen werden (bei den neuen Steuer­ansätzen sind bereits die Nettoerträge eingestellt worden). Hierauf ergibt sich eine Gesamtersparnis von 1150 000 Mark, wodurch! der Fehlbetrag auf 2115214 Mark zusammen^ schmilzt, die durch Steuererhöhung zu decken bleiben. Ter Ertrag der beschlossenen 15 Prozent Einkommensteuererhöhung unb- der Vermögenssteuer um 20 Pfennig für je 1000 Mark ist nun von der Regierung auf etwa 2 510 000 Mark berechnet worden und es ergibt sich danach beim Abschluß des Blichgets für 1910 ein Ueberschuß von rund 400000 Mark. Es War nun! zuerst im Ausschuß die Anregung gegeben worden, diese Summo zur Bewilligung von Teuerungszulagen für die unterem Beamtenkategvrien zu verwenden, doch kam man schließlich davon wieder ab, da diese Teuerungszulagen doch nur sehr minimal hätten bemessen werden können und auch eine gerechte Verteilung sehr- schwierig gewesen wäre. Zudem war zu bedenken, daß im nächstem Jahr mit einem Ausfall des Anteils an der Reichserbschaftssteuer int Betrage von 550 000 Mark gerechnet werden muß und bei Er­öffnung der neuen Irrenanstalt inGießen weitere 150 000 Mark erforderlich Werden. Der Ausschuß hielt es deshalb für ge­boten, die 400 000 Mark Ueberschuß zur teilweisen Deckung dieser Mehransorderungen für 1911 in Reserve, zu halten. Es wäre somit bei Bewilligung einer auch nur einigermaßen befriedigendem Verbesserung der Beamtengehälter absolut notwendig gewesen, die, jetzt festgesetzte Steuererhöhung von 15 Prozent noch wesentlich hinaufzuschrauben und dafür glaubte der Ausschuß angesichts der immer noch recht ungünstigen Lage ber allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse die Verantwortung nicht auf sich nehmen zu können. Die Befriedigung der berechtigten Forderungen der Beamten unb' Lehrer soll daher auf bessere Zeiten verschoben Werden.

21 us Stadt und Land.

Gießen, 28. Februar 1910.

Alkoholmißbrauch und Trinkerheilstätte.

Die Bestrebungen zur Schaffung von Wohlfahrtsein­richtungen im Kampfe gegen den Alkoholmißbrauch und das Trinkerelend werden häufig noch nicht in ihrer Be­deutung erkannt und bewertet. Nur langsam bricht sich die UeberFeugung Bahn, daß auf der schiefen Ebene des Alloholismus eine ganz unschätzbare Menge von Volkskraft verloren geht. Man braucht dabei noch nicht einmal daran zu denken, daß nahezu die Hälfte aller Verbrechen und Ver­gehen auf die unmittelbaren oder mittelbaren Wirkungen des Alkohols Aurückzuführen find, und daß ein hoher Pro­zentsatz der Insassen unserer Irrenhäuser den eigenen oder den Alkoholmißbrauch ihrer Voreltern durch unheilbare geistige Leiden büßen. Wie oft wird nicht auch sonst die Gesundheit des einzelnen, seine geistige und körperliche

Hans Sachs in Sao Nauheim.

Mit vier Schwänken des alten guten Meistersingers von Nürn­berg verabschiedete sich am 26. Februar das Rhein-Mainische Ver­bandstheater für diese Wintersaison von Bad Nauheim. Und es war ein passender und wirksamer Abschluß.

Passend: denn der ganze Sinn dieser Verbandstheater-Einnch- tung kann nicht besser getroffen werden, als durch das, was Hans Sachs mit seinen Stücken feinem Volke hat geben wollen: Be­lehrung und Erziehung, Stoff znm ernsten Nachdenken bei aller derben Komik, bei aller bunten Handlung.

Wirksam: denn die Handlung und der Sinn dieser Fastnachts- schwänke ist so anschaulich und einleuchtend, so kurz und bündig, daß der einfachste Mann aus dem Volk alles daran bequem in sich aufnehmen kann. Der literarisch Gebildete aber wird sie mit histo­rischem Verständnis als lehrreiche Verkörperung einer wichtigen Epoche deutschen Dichtens würdigen. Und aus alle in gleicher Weise wird unmittelbar der aus reicher Welt- und Menschen­kenntnis hervorsprudelnde Humor wirken, der seinen ethischen Wert wie seine Durchschlagskraft nie verlieren wird, solange die Menschen mit ihren großen und kleinen Schwächen, mit ihrer Habsucht, Eitelkeit, Neugier, Schwatzhaftigkeit usw. Menschen

bleiben werden.

r Oft ist dieser Humor derb, sehr derb sogar aber niemals gleißnerisch-schlüpfrig, niemals verführerisch. Immer gesund, wie kräftiges Bauernbrot und frische Luft.

InGottes verborgenen Gerichten" zeigt der Engel dem Eremiten, wie selbst in niedrigen, ja entsetzlichen Taten weise Ab­sichten Gottes sich erfüllen. In rührend naiver Form zieht der alte Einsiedler die Konsequenz, daß er sich von nun an still in das über alles menschliche Denkern so erhabene Weltregiment fügen werde. Schließlich was kann der gelehrteste Forscher anderes tun?

Untreue schlägt ihren eigenen Herrn". Eitel Undank erntet der reiche Kaufmann, der noch zu seinen Lebzeiten seine ganze Habe unter die Söhne verteilt. Er wird erbärmlich behandelt, bis et ihnen etwas vormacht von einem Schatz, den derjenige erbeit solle, der den Vater am liebreichsten pflege. Nach seinem Tode finden die Habgierigen in der geheimnisvollen, heißumstrit­tenen Truhe ein Häuflein Sand und Kies.

DemDoktor mit der langen Nase" gegenüber versucht der Narr immer wieder vergeblich die rechten sckwnenden Worte zu finden, bis er endlich einsieht, daß es in solchem Falle am besten ift, gar nichts zu sagen.

Und endlich der Streit um denKrämerskorb", an dessen bloßer Erzählung sich dann der zwischen dem Junker und seiner zärtlich geliebten jungen Frau, und auch noch der zwischen dem Knecht und der Köchin entzündet, weil es in allen drei Fällen keine Partei mit ihrer Ehre vereinbar glaubt, auch einmal nach­zugeben.

Hans Sachs war für seine Zeit ein sehr belesener, ein ge­bildeter Mann, denn da wurde die Bildung noch nicht nach Be­rechtigungsscheinen bemeffen. Wir staunen, wenn wir von ihm hören, wie er außer den deutschen Volksbüchern theologische Streit­schriften und Ueberfcfcungen lateinischer oder italienischer Literatur in seiner Bücherei hatte. Aber mehr wie aus den Büchern sind ihm die Stoffe zu solchen trefflichen Genrebildchen gewiß aus dem Leben zugeftossen, aus seinen jungen Wanderjahren, die ihn weit herum- führten, bis an den Kaiserhof in Wien, und wohl am allermeisten aus dem, was er in seinen reiferen fJahren in seiner heimat- städtischen Umgebung sah und hörte. Man kann ihn sich noch ordentlich vorstellen, wie er vergnüglich schmunzelnd Teil nahm an all den kleinen, an sich flo unscheinbaren Alltagserlebnissen seiner bürgerlichen Umgebung und wie er kraft seiner wunder­vollen! ^Begabung aus ihnen fallen den Honig seines fröhlich spottenden Humors sog.

Ich bin früher wiederholt mit dem Gießener studentischen Dürerbund aufs Land hinausgezogen und da haben wir mit überall gleichem, großem Erfolg Hans Sachsens Schwänke auf­geführt. Hier sahen wir sie nun von Berufsschauspielern dar- gestellt. Und ich muß sagen: Man lernte daraus, daß diese Stücke es wirklich wert sind, daß rechte Künstler sich ihrer an­nehmen. Gar mancher Scherz, gar manche Feinheit kann durch sie noch herausgeholt werden. Und das Publikum zeigte alles Verständnis dafür. Bei manchen Szenen wollte das fröhliche Gelächter überhaupt nicht wieder abreißen.

Und weiter konnte man sehen, wie viel der große Künstler mit wenigem äußeren Apparat zu wirken versteht. Wie willig gab sich das Publikum der künstlerischen Illusion hin, wenn durch dreimaliges Klopfen ein Aktschluß verkündet und durch einen 'in entsprechend primitiver Art vertretenden) Schauspieler der neue Ort der Handlung vermeldet oder manchmal auch gar durch Ver­setzen einer Bank oder eines Tisches angedeutet wurde. Tas Pu­blikum ließ dem köstlichen Humor zu Heb, seine Phantasie be­reitwilligst bald hierhin, bald dorthin kommandieren.

Ja, unser Publikum! Dasjenige, für das eigentlich Hans Sachs geschrieben hat unb das Rhein-Mqinische Verbandstheater

unter großen Schwierigkeiten und Opfern der Beteiligten ins Leben gerufen worden ist, das war auch diesmal wieder nicht da. Leer gähnen einen immer wieder die Stühle der billigen Sitz-' reihen an. Wo steckt dieses Pttblikum?

In einem anderen Wandertheater gewöhnlicher Art, da kann man die Leute finden: da wird ihnen in mangelhafter Ausstattung und mit noch mangelhafterer gesanglicher Darbietung die lustige Witwe" geboten!

Män denkt an Schillers Auffassung der Schaubühne als moralischer Anstalt. Man denkt!a'n den treuherzigen, ftöhlichen gefunben Hans Sachs. Und man sieht, wie weit unser Volk zum großen Teil von der Richtung abgekommen ist, die wahre Künstler ihm gerne weisen möchten. Dr. Strecker.

Hk. E i n st einzeitliches Götterbild. Aus dem seit Jahrzehnten als Fundort vorgeschichtlicher Altertümer bekannten Gelände von O 11 i tz bei Natibor wurden in diesem Jahre :«etaf das Schlesische Museum für Kunstgewerbe und Alter^.iner in Breslau unter Leitung von Johannes Richter umfaKgretche Aus­grabungen vorgenonunen, die 15 H ü 11 e n p l ä tz e der Stein­zeit treilegteii. 91 ad) derUmschau" ist unter den zahlreichen Fundstücken das interestanteste ein nacktes, weibliches, aus Ton ge­formtes Götterbild von 10 em Höhe. Mit seinem 4000jährigen Alter ist es d i e ä 11 e ft e f i g ü r l i ch e D a r st e l l u n g des mensch- l i ch e n K ö r p e r §, die bisher aus Deutsck)land bekannt geworden ist. Leider ist es nicht oollstäudig. Figuren ähnlichen Typus kennt man aus den neusteinzeitlichen Ansiedlungen von Blutmir bei Serajewo, an5 Jablomea und aus verschiedenen Orten Ungarns Galiziens bis nach Krakau hin. Eine zweite Gruppe saldier Idole findet sich in prämpkemschen Gräbern Griechenlands, der Zykladen und Aegyptens. Welche Fundgrube ältere Bildnisse enthält, blieb bisher unentschieden. Es ist wahrscheinlich, daß man mit der Omner Figur eine mütterliche Nalurgottheit darstellen wollte, eine Herrin der Erde, die ihr Fruchtbarkeit verlieh und die Toten in ihrem Schoße aufnahm.

Die italienische geographische GeseNschafr verteilte ihre Preise für 1909. Die goldene Medaille erhielten S h a ck l e t o n und P e a r y. B e r 1l c t, der Peary bis zum 88. Breitengrad begleitete, erhielt die silberne Medaille, der H er­zog d e r A b r u z z e u für die Erforschung des Korakorumgebirges eine silberne Plakette und seine Begleiter erhielten eine sil­berne Medaille. Die Gesellschaft ernannte außerdem verschiedene Ehrenmitglieder, unter diesen Norden skjoeld.