Ausgabe 
26.3.1910 Drittes Blatt
 
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WM

Samstag ÄV.März 1910

Drittes Blatt

Nr. 71

160. Jahrgang

Giehener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für Gderheffen

DieEiehener Zamilienblätter" werden dem ^Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Liehen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit­fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Rotationsdruck und Verlag der Drühl'schen Universiläts - Buch- und Stemdruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: e-^5I. 9teboftton:e^ll2. Tel.-AdruAnzeigerGießen.

Das Osterseft uns die Mijsion.

Von rörcm Geistlichen Wird uns geschrieben:

Stehen beide in einem inneren Zusammenhänge? Ohne Zwei es. Tenn ? der ru.ontmengebwcl^ene Glaube ter crftenJünger Jesu eine Auierftehung erlebte, daß chnen die klare persönliche Gewißheit wurde, ihres Herrn Leben und Werk habe im Tode keine Vernichtung gefunden, daran war Ostern schuld. In jener Stunde wurde di? Mission geboren. Nun währte es nicht lange und es zogen jene Männer aus und überwanden mit den vielen, die ihnen nachsolgten, eine alte Kultnrwelt, das römische Welt­reich, ohne Gewalt, gegen die Gewalt, von innen heraus, in zähem, selbstvcrleugnendem Zeugeumute, mit der Botschaft von dem gekreu­zigten u. auserslandenen Herrn, mit ihrem Leiden und mit ihrerLiebe.

Die Ausbreitung des Christentums hat seitdem nicht stille gestanden, obwohl es Zeiten in der christlichen Kirche gab, wo rrrnerer Zwiespalt und Abkehr von den Lebensguellen das Ende der christlichen Religion zu bedeuten schien. Aber sie ist noch am Leben. Das beweist die Arbeit der Mission in unseren Tagen. Diese aber steht zwei sei l^K nach dem Urteil aller Sachkundigen jeder Richtung am Beginne einer neuen entscheidungs'oollen Epoche ihrer Geschichte. Von ihrer Weiterentwickelung wird nicht nur die religiöse Entwickelung des größten Teils der Menschheit ab­hängen, sondern, was hiervon niemals getrennt werden kann, auch die Entwickelung fundamentaler wirtschaftlicher, kultureller und politischen Interessen für unser Volk.,

Wir werden dies verstehen, wenn wir uns erinnern, daß in den letzten Jahren eine neue Wendung der Verhältnisse vor allem, in Oslasien, wo ein Drittel der Menschheit wohnt, eingetretcn ist. Dennseit dem Siege Japans über Rußland, der die wsiatiscbcrr Völker bis ins Innerste hinein bewegt hat und noch! fortgesetzt bewegt, ist auch China in das Zeitalter grundlegender Reformen) in seinem Staatsleben und in seiner gesamten Kultur eingetreten. Eine moderne Verfassung ist vom Throne herab zugcsagt; die Verwaltung des Reiches wird nach westlichen Grundsätzen reor­ganisiert, Schulpflicht und modernes Unterrichtswesen nach dem Vorbilde Europas sind in der Einführung begriffen. Tie Allciii- herrschast der alten und erstarrten chinesischen Wissenschaft ist gefatlen und fortan wird die Aneignung derwestlichen Wissen­schaft" für jeden Chinesen die tatsächliche Vorbedingung zum Eintritt in den Staatsdienst und für das Borwärtsk-nnmen im träglicken Leben bilden." So schreibt der Allgemeine Evangelisch-- Vrotestantisch? Missionsvercin, der in dem deutschen Schutzgebiet Kiautschou und seinem Hinterlande, der chinesischen Provinz Schan- timg, arbeitet und nun dorr in verstärktem Maße das Mädchene schulwesen und die Hospitaltätigkeit pflegen will, in einem kürz­lich erlassenen Ausrufe. Ter deutsche, um die Entwickelung des dortigen Sck.'utzgebiets hochverdiente Staatssekretär von Tirpitz aber antwortet ans biegen Ausruf:Ich spreche meine besten Wünsche für das Wirken des Vereins aus, wobei ich betone, daß> idl die Arbeit des Vereins an der Verbreitung deutscher Sprache und Kultur stets mit Anerkennung verfolgt habe." Aber was be­deutet die Unterstützung, die dieser Verein imb ältere Missions- gesellschasten aus der deutschen Heimat empfangen, im Vergleich mit der Kpaft und Energie, die die Engländer, und Amerikaner cirtfegtn, um den genannten Umschwung der Dinge in China im Sinuc ihrer nationalen Jntcresfen auszunutzen. Bekannt ist, daß die Amerikaner die gesamte chinesische Kriegsentschädigung vom Boxeranfstände an China zuruckbezahlt haben unter der B» dingung, daß czn? große Anzahl chinesischer Studenten zur Aus­bildung nick Amerika fomine.Außerdem sind nicht lvenigev als 4 klniversität-Ln großen Stils, deren Gesamtkosten sich auf viele Millionen belaufen, in China von amÄrikanischn- und eng­lischer Seit? teils bereits geschaffen, teils in Vorbereitung." Es soll eben die gesamte chinesische Kultur in Zukunft möglichst unter den bestimm mdm Einfluß der angelsächsischen gebracht werden.

Wenn Amerika und England für die Geltendmachung ihres geistigcn Einflusses im fernen Osten sich ihrer dort arbeitenden! Missionsgesellschaften bedienen und ihnen immense Summen aus privaten Kreisen zur Verfügung stellen, sv geschieht dies gewiß nicht nur aus religiösen Gründen, sondern auch aus nationalen uiib wirtschaftlichen, dennder kluge Mann baut vor". Man weiß dort, daßder Eintritt Chinas in die Kulturwelt zukünftig! selbst die Modernisierung Japans als ein in seinen Folgen ver­hältnismäßig kleines Ereignis erscheint". Eine chinesische poli­tische Zeichnung stellt die Erdkugel dar,, umwunden mit einem' Bande. Tie Scherzfrage heißt:'Was ist das längste Ding der Welt?" Antwort:Der chinesische Zopf. Alle chinesischen Zöpfe -zusammengenoMmen reichen dreimal um die Erdkugel." Ter Sinn soll der sein, daß China, wenn der Zopf abgeschnitten ist, 'einmal imstande fein wird, die Welt zu beiherrschen.

Es wäre aber falsch und ungerecht, zu meinen, als ob Eng­land und Amerika nur ein selbstsüchtiges Interesse für ben fernem Osten hätten, nein, in jenen kolonienreichen Ländern ist feit langer Zeit die Mission ein volkstümliches Werk, das von viel allgemeinerem und inteniiüerem Interesse aller Voltskreise ge­tragen wird als bei uns. In den Vereinigten Staaten und Canada ist seit 3 Jähren eine sog. LaienmissionÄewegung im Gange, die in der bisherigen Geschichte der Mission ohne gleichen ist. Zehn­tausende von Männern aller Berufsarten haben sich unter Füh­rung her airgesehensten Persönlichkeiten auf großartigen .Kongressen begeistert zu Vereinigungen Tonftituiert zu dem Zwecke, die Million 5,u einer alle Kirchenglieder verpflichtenden Angelegenheit zu machen und die Beiträge tun das mehrfache zu prhöheir. In Amerika

ist es auch nichts leltcncs, öan grüße porrttia>e Zeitungen aus ihre Kosten eigene Korrespondenten die verschiedenen Miisionsgebiete bereisen lassen, um so ihren Lesern aus eigener Anschauung' Bericht erstatten zu können. Dieser Aufklärungsarbeit entsprechend sind auch die Leistungen der deutsch-ev. Christenheit gegenüber jenen Ländern bescheiden zu nennen. Gegenüber der Gesamt- leiftung des Vrotestanlismüs mit 7 9 Millionen Mark jährlich, steht das ev. Deutschland nur mit 7 Millionen da. Von den rund ftuUu ev. Millionären und -10 0 0 unverheirateten Missionarinnen entfallen auf Deutschland nur 112 3 (171k Am dürftigsten ist das deutsche ärztliche Personal, nämlich nur 19 unter 9 2 2. Doch Wad die Gründung des beutfcUn Instituts für ärztliche Mission in Tübingen, in dem bereits, 15 Studenten eingezogen sind, gelviß in diesem Punkt bald Besserung schaffen.

lieberbaubt ist mit Freuden zu konstatieren, daß die Missions- gedanken in ben letzten Jahrzehnten tiefere Wurzeln in unserem Volke geschlagen haben. Es hängt dies gewiß auch mit dem! vermehrten Kolonialintereise zusammen. Tie Stellung unserer Kolenialregieruna ist eine durchaus freundliche, ebenso wird es auch immer mehr die der besonnenen Kolonialkreise, bei beneii die Erkenntnis endlich durchbricht, daß wir auch Pflichten gegen unsere Kolonien haben, und daß die gesunde Erziehung der Ein­geborenen die beste koloniale Wirtschaftspolitik ist. Aber es kommt alles darauf an, daß das Verständnis hierfür in immer weiters Volkskreise getragen wird. , . *

Wenn ein objektives, sozialdemokratisches Urteil (G. Hilde­brand in den sozialistischen Monatsheften Nr. 21 S. 1393 ff.) lautet:Tie Mistion bedeutet einen Tteweis für d'e außerordentliche Lebensfähigkeit des Christentums und ihrer Geschichte im 19. Jahr­hundert, wohl die größte Massenleistung von Selbstverleugnung und Weltentsagung, die die Menschheit tennt . . ."Auch wer persönlich das Christentum von sich abgeftreift hat, muß der Ausopscrungssähigleit der Mission Anerkennung zollen und dar­über hinaus zugeben, daß die Missionstätigkeit in Bausch und Bogen genommen, zum mindesten ein nützliches geistiges Gärungs­mittel in weite Gebiete kultureller Abgeschlossenheit und Stagnation bringt," so fällte man meinen, es wäre an der Zeit, dap weite Kreise, diedas Christentum noch nicht abgestreift, haben" und dennoch kühl bis ans tzerz hinan abseits stehen, ja oft wohl­feile, durch keine Sachkenntnis getrübte Urteile über die Missions­arbeit ab geben, ihr Urteil einer Revision unterziehen.

Man hat die e!v. Mission einmal den^,größtenBildungst- v er ein" der Welt genannt. Er unterhält 26 000 Volksschulen, 1500 höhere Sckmlen b:5 hinauf zu Gymnasien, Seminaren und selbst universitätlichen Lehranstalten, die zusammen von IVi Million Schüler besucht werden. Von den sprachlichen, völkerkundlichen, religionsgeschichtlichen Arbeiten (haben doch ev. Missionare in reich­lich 400 Sprachen eine umfangreiche religiöse und weltliche Lite­ratur produziert) soll nicht weiter geredet werden.

Tas alles ist erfreulich, aber immer ernster wird die Frage: Was wird die Zukunft bringen? Tie Arbeit wächst. In Korea hat eine großartige christliche Bewegung eingesetzt. Von allen Missionsgebieten kommen Stufe, die Arbeit wachse ins Riesen­große, die Kräfte fehlen. Es ist eine. gwlV, entscheidungsvolle Zeit, in der wir leben, auch in religiöser Beziehung. Ter ent­scheidende Kampf mit den heidnischen Meltreligivnen hat be­gonnen. Wird die Christenheit und zuMäl die deutsche, die Zeichen ter Zeit auch im eigenen Interesse verstehen? Wird sie, nicht nur aus nationalen und wirtschaftlichen Gründen, sondern in erster Linie aus religiöser Ueberzeugung kräftige Hand anlegen, daß das Christentum und in feinem Gefolge Kultur im besten! Sinne und gesunder Fortschritt die Völkermillionen aufwärts führe? Sie wird es, wenn unserem Volke nach seiner über­wiegenden Mehrheit Ostern bas Siegesfest göttlicher Liebe und unvergänglichen Lebens bleibt, durch ba3 einst eine alte, morsche Welt neu geboren wurde. Gußman n

Auszug a. ö. StaKöesamtsregiftern der Stßöt liegen.

Aufgebote.

März 21. Alfred Klauß, Kgl. Techn. Eisenbahnsekretär in Kassel, mit Marie Kölle in Gießen. Heinrich Wilhelm Karl Friedrich Spörl, Uhrmacher in Frankfurt a. 'DL, mit Anna Mar- qaretc Kammerer in Gießen. Gustav Seydicke, Kaufmann tn Gießen, mit Lina Lem in Hungen. Wilhelm Müller, Kaufmann in Gießen, mit Dorothea Rett in Hanau. 22. Richard Geißler, nihrmann, mit Rosalie Bogaschewska, beide m Gießen. 23. Philipp Wilhelm Fleischhauer, Elsenbahu-Afsislent in Gießen, mit Anna Katharine Johanna Klingelhöfer tn Frank,urt a. M. Karl Gustav August Probst, Bautechiliker in Gießen, mit Minna Görlach in Eberstadt.

Eheschttehungen.

März 19. Karl Ziegler, Vize'eldwevel, mit Antonie Unverzagt, beide tu Gießen. Konrad SB ramm, Kaufmann, mit Luise Sepp, beide in Gießen.

Geborene.

März 18. Dem Fabrikanten Friedrich August Heinrich Harries eine Tochter, Marie Agnes. 20. Dem Tapezier Friedrich Oswald Fritzsche eine Tochter, Anna Katharine. Dem Ziegeleiarbeiter Heinrich Klingelhöfer eine Tochter, Berta Friederike. Dem Küchenchef Wilhelm Bentz eine Tochter, Margarete. 21. Dem Berufsfeuerivehrmann i. P. Jofevb Link eine Tochter.

«estorbene.

Marz 18. Erna Otter, 4 Jahre alt, Alicestr. 20. 19. Katharine Haas, geb. Mitze, 65 Jahre alt, Walltorstr. 11. 2'). Ludwig

Bacher, Erdarbeiter. 36 Jahre alt, Ederslr. 19. Eliiabech Heil, geb. Hartmann, 53 Jahre alt, Leihgesterner Weg 5. 21. Katharine Jockel, geb. Rentner, 72 Jahre alt, Sicher Straße 74. Mar­garete Herold, geb. Herold, 57 Jahre alt, Am Riegelofad 41. 2. Sovhie Bott, geb. Fresenius, 83 Jahre alt, Selters,veg 81. 23. Susanne Wilke, geb. Geller, 29 Jahre alt, Am Riegelv'ad 21.

Die nach- A a r 7 | 0 sind nur von 12 Uhr mittags bis 12 Uhr stehenden Avl «Iv nachts für dringende Fälle sicher anzutreffen: Am 1. Feiertag: D26/3

Dr. Richter. Frankfurter Strapse 4.

Sanitätsrat I>r. Zinsser, Goetbestrasse 10.

Am 2. Feiertag:

Dr. Mueller, Liebigstr. 47. Dr. Stuhl, Seltersweg 79 m.

LLircyltche Kad?rid?teii«

Evattgeitsche v>eiiiciiiöe.

A m 1. D ft erfrier tag, den 27. Alärz: Kollekte für die Kirchenkasse.

Gottesdienst.

3n der 5tadtkirche.

Vormittags 91/, Uhr: Pfarrer Schwabe.

Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für Matthäus und Markus- gemeinde. Pfarrer S ch w a b e.

Abends 6 Uhr: Pfarrassistent Hanstein.

3n der Zohanneskirche.

Vormittags 9'/, Uhr: Pfarrer B e ch t o l s h e i m e r.

Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgememde.

Pfarrer Bechlolsheimer.

Abends 6 Uhr: Pfarrer Ausfeld.

Im Anschluß an den Gottesdienst: Beichte.

In der Stadtkirche.

2. Ofterfei ertag, den 28. Märzt Vormittags 9'/, Uhr: Pfarrer D Schlosser. Nachmittags 2 Uhr: Vorstellung und Prüfung der Konftr» manden ans der Markus- und Militärgemeinde.

Pfarrer Schwabe.

Am Sonntag Quasimodogeniti, den 3. April, findet die Kon­firmation der Kinder ans der Markus- und Mllitärgememde und in Verbindung damit die Feier des hl. Abendmahls statt. Die Beichte dazu Samstag den 2. April, nachmittags 2 Uhr.

Die ueufonfiriniertcn Mädchen der Matthäusgemeinde iverden eingelaben, sich Mittwoch den 30. März, nachmittags 1 Uhr, am Neustadter Tor zu versammeln.

3n der Iohannerkirche.

Vormittags 91/, Uhr: Pfarrer Ausfeld.

Konfirmation der Kinder aus der Johannesgemeinde. Feier des heil. Abendmahls.

Nachmittags 2 Uhr: Vorstellulig und Prüfung der Konftr-- manden aus der Lukasgemeinde. Pfarrer B e ch t o l s h e i m e r.

Abends 6 Uhr: Pfarrer Adolph.

Am Sonntag Quasimodogeniti, den 3. April, findet^ die Kon- firmation der Kinder aus der Lukasgemeinde und tn Verbindung damit die Feier des heil. Abendmahls statt. Die Beichte dazu Samstag den 2. April, nachmittags 2 Uhr.

Angesichts der bevorstehenden Feiertage und der Konsirma- malionen wird darauf aufmerksam gemacht, daß die unsere Gottes- dieiislordiiungen eiiihaliendeii Heftchen auf der Geschäftsstube des Kirchenvorstandes, Krrchstr. 1, bet den Kirchendienern und bei den Verkäufern von Gsjaiigbücherii zu 5 Pfg. zu beziehen sind.

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