Nr. 300 Lveller Blatt
(60. Jahrgang
vounerrtag, 22. vezemder 1910
tx^eud tLgNch mit M ComütgS.
Die „•Ufoeiitr LamUirndlätter" werden dem ,9lnictflfr* * viermal wöchentlich beigelegt, das „XrdsNatt fir ben Kreit Gießen" zweimal wöchentlich. Die „ranbwirtfchaflltchea leit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Rotationsdruck t** Verlag bet vrühNch« Universität« - Buch- und Steindruckeret. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druekerei: Schul- firaße 7. Expedition und Verlag: e« 5L Redaktion: ««112. Del.-AdruLnzeiger<L)teßen.
3um Zusammentritt des japanischen Reichstags.
Die Anzrichen, unter denen der japanische Reichstag am heutigen Donnerstag Zusammentritt, deuten auf einen Sturm, der nur zu leicht das Kabinett Katsura Hinwegfegen kann, wenn es ihm nicht gelingt, die große Partei der Seiyukai zu beschwichtigen und sie davon abzuhalten, mit den Oppositionsparteien gemeinsame Sache zu machen. Denn man ist in Japan vor allem mit zweierlei höchst unzufrieden, nämlich erstens mit dem neuen Zolltarif, sofern er Schwierigkeiten mit England befurchten läßt, und zweitens mit der Finanzpolitik, die nur der Regierung, nicht aber dem Volke zugute kommt. Dazu aber treten noch Verstimmungen gegen die Regierung, weil sie im neuen Budget mit Forderungen für die Vergrößerung der Flotte, für. Bahnbauten, Flußregulierungen und für Korea hervortritt, die Japan, soll es nicht an den Rand des finanziellen .Abgrunds geführt werden, bei dem noch immer anhaltenden wirtschaftlichen Druck unmöglich auf sich nehmen kann.
Es ist wohl richtig, daß der Minister des Auswärtigen, Gras Komura, als er den Abschluß eines Konventionaltarifs mit England abwies, und ihm ebenso wie allen (mbereu Mächten den Fehdehandschuh des vom japanischen Reichstag im vorigen Winter nicht nur angenommenen, sondern sogar verschärften Hochschutzzolltariss ins Gesicht warf, bei der englisch-japanischen Freundschaft nicht darauf gerechnet hatte, Daß sich in England rin Sturm der Entrüstung erheben würde, weil man dort den sehr bedeutenden Export von Baumwolle und Wollfabrikaten nach Japan gefährdet sah. Aber man wird dem Minister des Auswärtigen zugute halten müssen, daß man in Japan, wo man bisher fast alle neuen Gesetze nach fremden Mustern schuf, noch nicht so in die Kunst der Handelspolitik ringcbrungcn ist, daß man bei der Aufstellung des neuen Zolltarifs nicht nur den Schutz der heimischen Industrie und die Mehreinnahmen der Staatskasse berüdfidjligte, sondern auch die interrrationalen Beziehungen. Uebrigeus hat der Reichstag den Hochschutzzolltarif ohne Aussprache und sogar noch, wie gesagt, mit einigem Verschärfungen verabschiedet, weil seine Mehrheitspartei, die Sciyukcn, sich der Forderung der Japaner nach Rückgewinnung der Zollautonomie nicht entziehen konnten, wollten sie nicht als \ieutc gcbraubmarFt werden, die Japan hinderten, auch auf diesem Gebiet das Ansehen einer Großmacht zu gewinnen. So fallen die Vorwürfe, die man jetzt dem Grafen Komura macht, eigentlich auf den japanischen Reichstag selbst zurück.
Und ebenso steht es mit dem Tadel, den jetzt die Finanzpolitik des Premierministers, Marquis Katsura, der gleichzeitig Finanzminister ist, findet. Als er vor zwei Jahren fein Programm entwickelte, das unter Absetzung aller nicht unbedingt notwendigen Ausgaben durch eine Ausgestaltung des Finanzwesens und Amortisation der durch den Krieg zu enormer Höhe angewachsenen Schuldenlast es unternahm, Japan finanziell zu sanieren, jubelte man ihm zu. Als man aber sah, daß die Finanzreformen lediglich der Staatskasse zugute Tarnen und nicht Dem Volke, daß sich, wenn auch Der Kurs der Staatspapiere in die Höhe ging, die kommerziellen und industriellen Verhältnisse nicht neu beleben wollten, machte dieser Jubel einer Erbitterung Platz.
Diese Erbitterung stieg, als im November bekannt wurde, daß die Regierung für die Erweiterung der Flotte 80 Millionen Jen (ä 2 Mark), für die im Laufe von fünf Jahren 4 Schlachtschiffe gebaut werden sollen, für den Umbau der Bahn Tokio-Shimonoseti zu einer Breitspurbahn 130 Millionen Jen, für Flußregulierungen 180 Millionen Ben und für Korea 100 Mil.ionen Jen fordern würde. Nun hat zwar Marquis Katsura erklärt, daß er bieje Forderungen
aus der Depositenkaffe, sowie auch auf dem Wege von Operationen der Bank von Korea bestreiten wolle, aber in Japan wendet man mit Recht dagegen ein, daß das nur, da die Depositenkasse wieder ergänzt werden müsse und die Bank von Korea die Darlehen doch nicht zinslos geben würde, eine verschleierte innere Anleihe wäre, zu der man jetzt griffe, da der Geldmarkt Japans erschöpft und das Ausland äugen» lblicklich einer neuen japanischen Anleihe wenkg geneigt sei
So dürfen wir uns anscheinend auf eine sehr stürmische Session des japanischen Reichstags gefaßt machen. Möglich, daß es Katsura noch einmal gelingt, den Sturm durch irgendwelche Versprechungen tn finanzpolitischer Hinsicht, durch Bekanntgabe der Tatsache, daß es ihm geglückt sei, mit England eine „einseitige" Uebereinhinft zu treffen, und durch Abgabe des Finanzministeriums an Sakatani, Goto ober Wakatsiiki zu beschwichtigen. Den Grafen Kvmura wird er jedenfalls bei dieser Gelegenheit opfern müssen. Nur taucht bann hier die Schwierigkeit auf, wer bas Ministerium des Auswärtigen erhalten soll, das Kvmura trotz schwerer Krankheit immer noch verwaltete, weil weder unter den Sriyukai, noch im Oberhaus ein Mann vorhanden ist, der ihn ersetzen könnte, mit Ausnahme Katsuras, der, wenn er sich wm Ruder hält, bann wohl bas Portefeuille des Auswärtigen mit übernehmen würbe. Das wäre für bas Kabinett Katsura der günstigste Fall, boch spricht bie größere Wahrscheinlichkeit bafur, daß bei bet in Japan herrschen- ben Erbitterung bas Kabinett Katsura in bet Versenkung verschwinbet und einem anderen Platz macht.
hessische Zweite Kammer.
R .B. Darmstadt, 21. Der.
Am Regierimgsrische: Minister 'des Innern v. Homberg k, Geheimerat B e st.
Vizepräsident Dr. Schmitt eröffnet die Sitzung gegen V2IO Uhr. Cs wird in der Beratung der
Landgemeindeordnung bei Artikel 85 fortgefahren.
Abg. Uebel (Zentr.) entgegnet auf die gestrigen Ausführungen des Dr. Fulda, bie Materie sei ja rocht säMierig, boch sei sich 'Dr. Fulda über wichtige staalsrechtlickje Begriffe nicht klar. Der Vorwurfe, er habe seine Ausführungen verschiedenen Zeitungen entnommen, treffe ihn nickst. Er habe seine eigenen Gedanken vorgebracht, bie durch die Ausfüllungen Dr. Fuldas nicht widerlegt worden seien. Die Sozialdemokraten stünden im Gegensatz zu der hessischen Landesverfassung. In Artikel 4 und 5 dieser Verfassung sei das monarchische Prinzip ausgesprochen, während bie Sozialdemokraten nach ihren programmatischen Erklärungen auf dem Standpunkte der Republik ftihtben. Dies gehe auch aus den Aeußerungni des Sozialdemokraten Noske auf dem Magdeburger Parteitag u. a. hrivor, der dort für bie Republik eingetreten sei. Auch andere Männer, wie z. B. Frank, bätrar revolutionäre Standpunkte vertreten. Es sei ein Wider sprach in der Gesinnung der Sozialdemokraten und politische Heud;olri, wenn sie sich trotz des Widerstandes gegen die Verfassung zu Aemtern im Staatswesen heran Drängten. Die Regierung könne nickst den Bock zum Gärtner machen. Ein weiterer Trugschluß des Abg. Fulda sei, wenn er behauptet habe, der Bestätiguugs- Paragraph könne auch gegen das Zentrum an gewendet werden. Das sei ausgeschlossen, da das Zentrum auf dem Boden der Verfassung stände. Die Idee des sozialen Königtums, die Abg. Dr. David im Reick>stage vorgetragen habe, sei eine Witzblattidce und nicht einmal originell, da man sie in einem älteren öfter» reichisckien Witzblatte finden könne. Mit solchen Mätzchen solle man nicht operieren. Wenn Abg. Raab den Artikel 18, nach dem alle Hessen nach dem Gesetze gleich sind, für seine Partei in Anspruch nehme, so vergesse er den Artikel 30, der von beit staatsbürgerlick-en Pflichten der Hessen spreckie.
Abg. Ulrich (Soz.): Nack) Abg. Uebel habe nur der ein Recht zu leben, der gut katholisch ober protestantisch sei. (Lebh. Widerspruch. Na, na, na!) Abg. Uebel habe den Grundsatz: Laß mick) sitzen und bleibe du stehen. Die Regierung komme diesen Gesinnungen noch zu Hilfe. Alle Posten, die von Be
deutung seien, bis zum Nachtwächter herunter, beanspruch Abg^ Uebel für sich, der eine ihm unliebsame, von ter {einigen ab weichenden Tendenz mit Gewalt unter»rucken wolle. Keme Verfassung sei zu einem dauernden Bestände gemacht und die Verfassung forbera auch gar nicht, daß alle Burger monarchisch fern müssen. Irr bet Verfassung selbst habe man festgelegt, daß Aenderungen möglich sind, wenn die efforberliche Mehrheit vorhanden ist. Sogar die Republik könne eingeführt werden. Was würde das schaden? Hamburg sei auch eine Republik und absolut nicht staatsfeindlich, Früher sei das Zentrum reichsfeindlich gewesen, heute gehe es Hand in Hand mit denen, die früher seine Feinde waren. Der Gedanke der sozialdemokratischen Anschauung marschiere txxnnu,- Die Masse deS Volkes habe feine so schwache Auffassung von der Entwicklung deS Menschengeschlechts wie Abg. Uebel. Sie werde den Beweis dafür dadurch erbringen, daß sie von Generation zu. Generation immer mehr zur Sozialdemokratie übertrete. Schon! letzt leide bie proße Mehrheit des deutschen Volkes eminent unter der gegenwärtig beliebten wirtschaftlichen und allgemeinen Politik« Daher arbeiteten die Sozialdemokraten im Rahmen der Gesetzt an der Aenderung der Verfassung. Der Redner polemisiert weiter in längeren Ausführungen gegen feinen Vorredner. Die Berfa ssun g s b estimmungen selbst bewiesen, daß Herr Uebel sehr übel beraten sei. Es schlage der Wahrheit ins Gesicht, wenn behauptet würde, das sozialdemokratische Programm widerspreche wirtschaftlich und politisch den Grundgesetzen des Landes und die Sozialdemokraten hätten kein Recht, ihr Programm so zu propagieren Der Witz, den der Vorredner als schlechten hingesbellt habe, sei nicht übel und werde große Wirkungen haben. Ueber die Ausführungen des Abg. Dr. Winkler habe er sich amüsiert. Ter Neduev ergebt sich sodann in beleidigenden Aeußcnmgen gegen diesen Abgeordneten imo zieht sich infolgedessen eine Rüge seitens des Vizepräsidenten Dr. Schmitt zu, muß auch mehrmals ermaJmC werden, zur Sache zu sprechen.
Abg. Dr. Osann (Ntl.): Die ganze lange Rede deS Abg. Ulrich habe nicht im geringsten den Gegen staub bet Verarm« berührt. Der Redner wolle den staatsrechtlichen StandpuuD rechffertigen, auf dem bie National liberalen stehen und ben Vorwurf zurückzuweisen, daß sie die Verfassung mit Füßen träten: und geneigt seien, einen Verfassungsbruch zu begehen. Das ganze Haus sei sich einig, baß der Bestätigungsparagraph beibchaltat werben müsse. Die Regierung habe die Verpflichtung, dafür zu sorgen, daß in ihrem Sinne bas Land regiert wirb. Sogar Bebel foabd zugegeben, daß bas Bestätigungsrecht von feiten der Regierung zu recht gehandhabt wirb. Diese Auffassung Bebels sei von einem anderen Sozialdemokraten, Frank, als unerhört bezeichnet: worden. Es sei für die Sozialdemokratie unmöglich in das Amt eines Bürgermeisters und Beigeordneten gewählt zu werden, da sie durch die Erstrrimng solcher Stellen in allerlei Gewissenskonflikte gebracht würden. Die Sozialdemokraten wollten sich mir bereinbrängen in bie politische Macht. Wem gegenüber feien; denn bie vom Abg. Fulda als charakterlos bezeichneten Mäimcv eigentlich charakterlos. Sie hatten sehr viel Charakter, da sie sich außerordentlich vielen Beschimpfungen imd Anfeindungen aus- setzten müßten. Der Redner bedauert die Abwesenheit Dr. Fuldas, der sich der sozialbemokratischeu Partei nur aus persönliches Gründen angeschlossen habe. Das Parteiprogramm habe er nicht nt dem Maße erfaßt, wie z. B. Abg. Ulrich. Auch gegen bte nationalliberale Partei sei verschiedenes in scharfer Weise vor- gebracht worden, was 6et der Nähe von Wahlen immer der Fall sei. Dagegen sprächen die Nationalliberalen immer in sachlicher Weise. Die Theorie, daß die Verfassung durch die Nichtbestättgung mit Füßen getreten werde, sei eine ganz falsche. Das werde aber von den Sozialdemokraten nicht verstanden. Aus agitatorischen Gründen hätten getvisse Leute es auch notwendig, das mcht w verstehen. Im Interesse der Wohlfahrt des Landes möge man sich auf den Standpmtkt der Regierung stellen. (Beifall.)
Abg. Dr. Uebel (Zentr.) weist einige Unrichtigkeiten zurück^ die Abg. Ulrich vorbrachte. Wenn Abg. Ulrich behauptet habe, ec hätte ein Recht, republikanische Gesinnungen zu äufjenu so habe er dasselbe Recht, dies and) mir anarchiftisckZen zu tun.
Abg. Dr. Winkler (natl.) hatte zuerst geglaubt baß bic Sozialdemokraten nun parlamentarischer sich verhalten würden, doch habe er sich getäuscht. In seiner kilometerlangen Rebe habe Abg. Ulrich nichts besonderes gesagt. Seine Ausführungen seien sehr flach gewesen und hätten etwas unendlich Bedauernswertes, tveil sie bas Ansehen des Hauses vor dem ganzen deutsck-en Volks sck)ädigten. Abg. Ulrich habe den Landtag mit einer sozialdemo-
(ßiefjener Stadttheater.
Den König drückt der Schnh. Märchenoperette von Josefa Metz, Musik von Nogumil Z e p l e r.
Josefa Metz, als Verfasserin einiger reizvoller Kinderlieber auch weiteren Kreisen schon bekannt, hat ihre Operette red)t im Sinne ber Märchen gehalten: gefällig, rührenb, harmlos. Ein Königsscchn, ber sich ein armes Mäbchen zur Frau nehmen nrill, wirb barob von seinem Vater verbannt. Mit bem Hofnarren zieht er in bie Welt utib wirb Schuhmacher, bierocil sein Mäbchen in bes Narren Gewanb am Hose bleibt Nun begibt es sich, baß ben König ber Schuh brückt — ober eigentlich bas Gewissen — unb auf seinen Befehl finben sich bie Schuhmacher bes Lonbes rin, um 'ihm von seiner Qual zu erlösen. Darunter ist auch ber Sohit, ber natürlich bie richtigen Schuhe gemacht hat unb versöhnt nelymen ihn bie königlichen Eltern wieber auf unb Mich das arme Mäbchen findet Gnade vor ihren Augen.
Diese bescheidenen, aber anmutigen Vorgänge werden von der feinen Musik Bomtmil Zeplers empfindungS- voll illustriert und vertieft; die Liedchen und die Grim* mungsmalerri namentlich sind prächtige Arbeiten, und die weick>e, sanfte Melodik schmiegt sich wohlig ins Ohr, so daß die Aufführung einen guten Erfolg hatte. Direktor Stringoetter, der die Darstellung leitete, hat mit den zur Verfügung stehenden Kräften daS Mögliche erreicht, und für eine prachtvolle äußere Herrichtung gesorgt. Von den Darstellern ist vor allem Hermann No r Den als Hofiiarr, Hegermann, die liebliche Försberchristel, als Ursel und Charlotte Hill als Lehrbub zu erwähnen. In der rick)rigen Erkenntnis des naiven Märchentones spielten sie mit ungefudyter Schlichtl-eit und kamen somit dem Charakter des Werkes am nächsten. Der Prinz Kurt Goldbergs litt an einem selbstgefälligen Pathos, das seine Leistungen im allgemeinen stark beeinträchtigt. Besorrders zu erwähnen sind nod) der von Lina O ldini eingeübte Kinder- trißeii unb bas Schuhballett, bie sehr gefällig waren unb Unfern Beifall fanben. Der Gunst bes Publikums bürsten »ie lebenfatls recht zahlreichen Wieberholuugen bes Weckes Wt iW . - ‘.N
Gelehrten-Anekdolen.
Im Verlage von Hermann Sack bi Berlin-Schöneberg ist soeben von Dr. W. A h r e n s eine Sammlung von „Gelehrten- A n e kd 0 t e n" erfd}icnen, die aus den besten unb mannigfachsten Quellen geschöpft sind unb vorwiegend Gelehrte unserer Zeit betreffen. Wir entnehmen der vcrgnüngliehen SckZrift folgende Proben, die mit Gießen in Verbindung stehen.
Der als Augenarzt berühmte Professor Balser inGießen (t 1848) konnte Widerspruch nicht gut vertragen. — „Du hast wohl zuweilen kalte Füße, liebes Kind?" fragte er einmal mit genjinnender Freundlichkeit eine Patientin. — „Ich, kalte Füße? Nein!" — „Besinne dich, meine Liebe, du hast wohl nicht acht darauf gegeben. Kalte Füße?" — „Aber gewiß nicht, Herr Ge- hrimerat!" — „Mends, wenn du ins Bett gchft?" — „Ich habe gewiß nicht kalt!" — Balser, mit erhöhter Stimme: „Ick) frage nach Falten Füßen. Hast du wicht kalte Füße? Wends beint Schlafengehen, kalte Füße?!" — Das Mädckicn weinerlich: „Gewiß nicht, nein, gewiß nidjt!" — Balser, sie zornig am Arme schüttelnd: „Dummes Ding! Du mußt falte Füße haben!"
AIS ber Kurfürst fen Hessen einmal fernen Kammerdiener geprügelt hatte, improvisierte Herman Grimm, ber nachmals so berühmte Aestbetiker, das Rätsel:
Wäre das Ganze je wahrhaft sein Zweite- gewesen.
Hält' es nicht nötig gehabt, sich zum Ersten ucs Bette zu fegen.
Die Königin (spätere Kaiserin) Augusta, ber man dies aufgab, rief richtig: „Kurfürst".
Der Gi eßener Romanist von Löhr (1784—1851) kannte nur drei Materien, übet bic er prüfte: die passessio bonorunu die dos und die Pekulieu (Sondervermögen). Sriile Amtsgenosscnv versudsten daher rinmal, ihn zu überreden, dod) auch mal rin anderes Tl-ema zu »oählen: Löhr war auch gleich bereit dazu und kündigte an, über das Eigentum prüfen zu wollen. Es begann. Erfte Frage: Was ist das Eigentum? — „Richtig!" — Zweite Frage: Wer hat an den Total gegen ständen das Eigentum, der Mann oder die Frau? — „Richtig! Da wollen wir uns doch gleich die dos einmal etwas genauer ansel-en!" Damit hatte er denn den Anschluß an das beliebte Thema erreicht und ging davon auch nicht wieder ab. Die Kollegen gaben es auf, ihn aus den alten Geleisen zu bringen; sie wußten jetzt, daß, wie auch die erste Frage lauten mochte, die zweite unbedingt die Ueberlcihmg entweder zur bonorum pessessio ober zur dos oder den PeLücen bringen würde.
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„Meine Haaren! De Philosophie Tann nich gelahrt und nid) gelarnt waren!" So pflegte der (aus fiMtfalen stammende) Pro
fessor Johann Bernhard W i l b r a> n b (1779—1848) in Gießen ferne Vorlesung über Naturphilosophie zu beginnen. Einmal wav fast die ganze Studertt en schäft zu der Erösfnungsvorlesung erschienen. Milbrand fing wieder, wie angegeben, an; doch kaum hatte er den Satz beendet, als das ganze Audborium aus stand und versd)wand. Was hatte man noch in einer Vorlesung zu tiui^ bi der „nichts gelehrt und nichts gelernt" werben konnte?
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tzum Schluffe noch ent größeres Geschichtchen: In dem Gießen, in bem Karl Vogt, der berühmte Zoologe, feine Jugenb verlebte, beschäftigte sich der Bürger allgemein mit Zucht von Gänsen, unb insbesondere zu Martini unb zum Christ lag hatte nahezu jede Familie ihre gebratene Gans auf bem Tisckic. Aber eine Gans konnte nicht verzehrt werden, wenn sie nicht eine Zeit lang frei in der Kälte gehangen hatte, wohl gerupft und zur unmittelbaren Einlegung in bie Bratpfanne zugcrichfet. Währetib bes ganzen Winters wütete bähet, wie Karl Vogt erzählt, rin stiller nächtlicher Kampf Mischen Studenten und Hausftauenr — erstere alle erdenklichen Listen ersinnend, um die Gans vott dem Fenster wegzustel-len, letztere ihren Kops zermarternd, um! ihren Braten zu retten. Man hing die Gänse oben im zweiten! und dritten Stock prahlerisch in Ketten auf — die Studenten kamen in der Nacht mit langen Stangen und Feuerhaken, an deren Eicde eine scharfe Sichel befestigt war, und fdritten mit derselben dem Vogel die Deine ab, die dann zum Hohngelächter der Vorüber- pehenben morgens bi der Luft baumelten. Ter TIdeologe Surer- mtendent Palmer (Karl Christian, 1759—183$) hotte zur Zeit semeS Rektorats, wohl im Vertrauen auf die Unverletzlichkeit feinei Würde, euie überaus fette Gans, die rin Landpsarrer für Seins Hockiwürden mit Mais genudelt hatte, an dos Fenster des znx-uen Stockes gehängt, wv sie verführerisch übet den Kirdenplatz hinüber- glänzte. Vorsorglicherwrise hotte die Gattin aber ben fetten Bmttrp so vemestelt, daß alle Mühe ber Studenten während einiger Nackte vergeblich gckvesen war. Da schellt es abends um 11 Uhr stürmisch an der Haustür. Palmer öffnet das Fenster: „Wer ist do?" „Um Gottes Witten, Magnifizenz," schreit eine Stimme iwu iintenu „He sind an Ihrer Gans!" Palmer rennt herzu, nestelt dis Gans lod, aber in demselben Augenblick, als er sic bin einmal .ml nnll, erhält er mit rin er langen Stange einen starken GdMagi «rul ferne vom Frost erstarrten Finger. Er läßt die Gans foltert nnb mit dem Rus „Danke, Magnifizenz!" verschwimmen erntgß Spukgestalten die sich tn der Nische verborgen gehalten hartem, — Professor extr. v. Grolman (Joh Lug, 1805
ms 1848) hatte seine GanS Nugerweise an ein Küdrenscüster ge- bangt, nad) dem Hof hinaus, ber von bem Hof des Nockbnr!>auU>i durch eine hohe Quermauer getrennt war Trotzdem ocridmvanbl die Gans, und es ging das Gcnücht, daß (Ludwig Knopp (ipüter als Piwaidp-ent in Heidelberg, rin fctctpgenoüe Bckwv


