Er. 500
Donnerstag, 22. Dezember 19X0
Erstes Blatt
160. Jahrgang
General-Anzeiger für Oberhessen
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Die heutige Kummer umfaßt 12 Seiten.
Prinz Max von Sachsen, Rom und der Orient
Die „Köln. Volksztg." bringt interessante Auszüge aus dem bereits ermähnten Aussatz des Prinzen Max von Sachsen in der Zeitschrift „Roma e l'Oriente" und man sieht daraus, daß der Prinz vor einer bitteren Kritik der abendländischen Kirche nicht zurückgeschreckt ist. Da der Fall wohl noch weiter von sich reden machen mird, wollen wir einige Hauptstellen gleichfalls wiedergeben.
Die lateinische Kirche ... hat der orientalischen ihren Be- ariss von der Union auserlegt, ohne lang zu! fragen, ob diese Auffassung die Billigung ihrer Schwester finde. Sie hat sich immer auf den Standpunkt gestellt: Ich habe die Gesetze Lu machen... Für die abendländische Kirche war die Union immer gleichbedeutend mit völliger Unterwerfung. Die morgen ländische Kirä^e wurde immer als rebellische Tochter der römischen Kirche angesehen... Für die orientalische Kirche aber ist die Union Freundschaft, Eintracht, Schwestertichkeit, nicht Unterwerfung. Sie betrachtet die zwei Zweige der Christenheit 1'3 z'woi Silvestern, gleich einander an Würde und Recht. Sie hat auch die Auffassung, daß, um zur Wiedervereinigung zu kommen, man auf den Ausgangspunkt zur Zeit der Trennung zurüctgehen müsse. Die beiden großen Hälften der Christenheit müßten dieselben Wahrheiten glauben, w.lche sie vor der Trennung geglaubt haben . . . Die orientalische Kirche betrachtet die Lehren des lateinischen Mittelalters und außerdem die im 19. Jahrhundert dogmatisierten Wahrheiten als Abirrungen . . . Es würde also nötig sein, daß die abendländische Kirche sich frei mache von den Lehren, welche der Union und der schwe st erlichen Eintracht binderndirn Wege st ehe n. In dem Augenblick, in welchem sie dieses Opfer bringen würde, würde die Einigkeit, welche sie durch diese Neuheiten zerstört hat, wiederher gestellt sein.
Ich verstehe nicht unter dem Namen Union eine vollständige Unterwerfung, welche als ein Widerspruch gegen den Begriff selbst erscheinen würde. Selbst im Abendland hat man nicht vollständig den Gedanken verloren, daß die Wiedervereinigung der morgenländischen Kirche mit der abendländischen sich anders troll# tzichen müßte als diq Rz'ickkehr vion gewissen Häretikern . Die Union darf keineswegs betrachtet werden als eine Beugung der morgenländischen Kirche unter das Joch der lateinischen.. . Diese zwei Zweige des Christentums sind durchaus Schwestern, die eine der anderen gleich in jeder Beziehung. Es existiert kein Privileg, kein Recht der Gesetzgebung der abendländischen Kirche als solche.
Seit dem 9. Jahrhundert ist die kirchliche Dersassung im Grund aus geändert worden im Abendland. Die Kirche wurde eine absolute Monarchie und wurde ähnlich einem Staat, welcher in Provinzen geteill ist . . . Dieses System hat teilweise seinen Ursprung genommen aus den Delretalen des Pseudo-Isidor, welche in jener Zeitperiode erschienen sind. Dieses System war gewiß aut und nützlich im Abendlande. Es hat die Einheit und Einigkeit der Sitten gestärkt, aber man wollte es von Anfang an der morgenländischen Kirche ausdrängen, und dieses war sicherlich eine der Hauptursachen, welche zur Trennung der Kirchen führte . . . Wenn man vom christlichen Altertum redet, stellt man sich immer dieselbe Gestaltung vor, welche die kirchliche Verfassung von heute hat. Wenn man den Orientalen auf der einen Seite ihre Riten läßt, unterwirft man sie gleichzeitig vollständig der päpstlichen Jurisdiktion und selbst der einer römischen Kongregation. Sie müssen vielen ä'russchließlich lateinischen Gesetzen folgen und der ganzen lateinischen Theologie in jeder Beziehung. Sie sind in Wirklichkeit nichts als Lateiner mit griechischer Gewandung — mancknnal nicht einmal mehr in dieser — und mit orientalischen Gebeten, aber keineswegs vollgültige Vertreter der wahren orientalischen Kirche. Sie find eine lebendige Verneinung der ganzen Kirchengeschichte des Altertums und des Orients. Weit entfernt,
die Frage der Union überhaupt zu fördern, dient das Vorhandensein dieser Unierten vielmehr dazu, sie zu verzögern.
Aber um die morgenländische Kirche in Wirklichkeit zu gewinnen, muß man ein ganz anderes System als das bisher verfolgte befolgen. Die orientalische Kirche muß wirllich bleiben das, was sie ist. . . Es ist eine ungerechte und jeder Geschichte widersprechende Auffassung, in der orientalischen Kirche nur eine Fraktion, eine Provinz der römischen zu sehen. . . Die Beziehungen Rom gegenüber müßten wieder solche werden, wie sie bestanden int ängstlichen Altertum vor der Trennung. Die orieu- tali)d>e Kirche würde sicher nicht zögern, dem römischen Papste die Rechte zuzuerkennen, welche er gehabt hat und ausübte in jener Zeitperiode.
Im Anschlüsse .daran stellt der Prinz die Forderung, daß Rom auf das Taxenwesen den orientalischen Kirchen gegenüber verzichten müsse, damit den Orientalen nicht die Meinung käme, Rom handele aus Selbstsucht, und sucht dies des näheren zu begründen. Der schwierigste Punkt, um zu einer Einigung zu gelangen, liege in der Regelung der dogmatischen Differenzen, welche seit Jahrhunderten zwischen beiden K rchen beständen. Als solche führt er an die Lehre vom Hervorgehen des hl. Geistes aus dem Sohne, die Lehre vom Fegfeuer, die unbefleckte .Empfängnis Mariä usw., und stellt die Frage:
Ist es gerecht, daß man seiner morgenländischen Schwester Gedanken aufdrängt, wie es die abendländische Kirche getan hat zu Lyon und Florenz? Nein, nochmals nein, beim damit unterstützt man die Heuchelei und man läßt Leute Dinge bekennen, welche ihnen falsch erscheinen . . . Man müßte beweisen können, daß es unter iljncn wenigstens in vieler Beziehung keineswegs eine wirkliche Glaubensdifferenz gibt, sondern nur eine solche hinsichtlich der theologischen Formeln ... Es wäre Pflicht der abendländischen Kirche, der morgenländischen zu beweisen, daß ihre Definitionen nur Gestaltungen von Konklusionen sind, die aus dem chrisckichen Altertum bekannten Prämissen gezogen wurden. Die morgenländische Kirche wird diese Art zu sehen als gut und rechtmäßig anerkennen, ohne sich selbst verpflichtet zu erachten, alle diese Dogmen zu predigen, und so wird man in Frieden leben, die eine an Seite der anderen, ohne sich gegenseitig zu beschuldigen . . . Wenn später einmal ein allgemeines und freies Konzil der ganzen Christenheit zustande kommt, wo selbst die Orientalen, ohne durch irgendeinen moralischen Zwang gedrängt zu sein, sich vollständig überzeugen würden von der Wahrbeit der abendländischen Lehren, und sie .fiormell anerkennten, alsdann werde die orientalische Kirche auch dieselben ausdrücklich predigen und verkündigen . . . Das ist der Sinn, wie ich das Wort Uniny . Ich
wUl weder die Lateiner noch die Orientalen -tamchn, indem ich sie glauben mache, daß ich eine andere Sache unter diesep Auffassung begreife.
Interessant ist es, was dazu das rheinische Zentrumsblatt bemerkt:
Es ist nicht zweifelhaft, daß für viele, wenn nicht für die meisten Leser, die in dem Artikel zur Frage der Wiedervereinigung der Kirchen vorgetragenen Anschauungen des Prinzen Max manches Befremdende enthalten. Treffend wird aber in einem Artikel der Neuen Züricher Nachrichten (Nr. 342, Erstes Abendblatt) mit der Ueberlchrift Der Osservatore Romano und Prinz Max bemerkt:
Es kann nun nicht unsere Aufgabe, noch unsere Absicht sein, den Inhalt des fraglichen Artikels zu rechtfertigen, und wir müssen die Verantwortung dafür voll und ganz dem Verfasser überlassen, der als Katholik und Priester am besten lveiß, was er nun zu tun haben wird, dem es aber jedenfalls völlig fern lag, damit etwas anderes als einen guten Zweck zu verfolgen. Man muß nämlich wissen, daß Prinz Max die Vereinigung der großen Kirchen des Morgen- und Abendlandes zu seiner Lebensaufgabe schon seit Jahren gemacht hat und daß er unaufhörlich in Wort und Schrift, durch Reisen und
sonstige Betätigung an der Verwirklichung dieses großen und wahrhaft katholischen Gedankens arbeitete und feine Anstrengung und kein Opfer scheute, das diesem Streben dienlich sein könnte. Auch seine großen Sprachkenntnisse, feine Vertrautheit mit der Literatur des Orients, wie sein hoher Rang kommen ihm dabei zustatten und verschafften ihm ein besonderes Ansehen bei den Vertretern! der griechischen Kirche! Wenn er sich nun Entgleisu ngen zu schulden kommen ließ, so dürfen diese nicht einer unkirchlichen Gesinnung, sondern einem U e b e r ei f e r für die Angelegenheit der Orientalen, die ihm Herzenssache geworden ist, auf Rechnung gesetzt «wvrdeii. Seine Abstammung und bisherige Wirksamkeit, seine makellose Vergangenheit und seine exemplarische Frömmigkeit, sein aszetischer Lebenswandel und sein verzehreirder Seleneifer, seine beispiellose Mildtätigkeit wie seine beschämende Demut, sollten ihn vor dem Verdachte unkirchlicher Gesinnung schützen: Ketzer pflegen aus anderem Holze geschnitzt zu sein! Um so mehr mußte es Aufsehen erregen, daß der Osservatore mit unnötiger Schroffheit gegen den Verfasser des „ketzerischen" Artikels loszog, und zwar war es niemand anders, als der. Redakteur der Zeitschrift Noma e l'Oriente selbst, Msgr. Pellegrini.
Au» Hessen.
Ueber das Genehmigungsrecht derAufsichtS- behörden nach Art. 47 der Landgemetnde- ordnung hat der Abg. Köhler-LangSdorf folgende Anfrage in der Zweiten Kammer eingebracht!
Es ist ein alter guter Brauch der Gemeinden seither gewesen, die durchaus unzulänglichen Eingnartierungsgelder durch einen ireiwilligen Zuschuß aus der Gememdekasse zu ergänzen. Es kam dies den mniberbemittellen Quartiergebern nicht allein, sondern auch dem Militär durch die möglich gemachte bessere Verpflegung zu gut. Das Großh. Kreisamt Gießen Hal nun in mehreren Fallen, von denen mir aus meinem Wahlkreis direkt Lich, Bellersheim, Bettenhausen usw. genannt wurden, die Auszahlung dieser Zuschüsse verboten und im Falle von Lich ihre Auszahlung von einem Besmluß des Kreisausschusses abhängig gemacht. Selbstverständlich trägt dieser tatsächliche Eingriff des KreiSamts in die Selbstverwaltung der Gemeinden ziir Ruhe und Zufriedenheit in der Oeffentlichken nicht bei und verschärft die Gegensätze, die bestehen. Gewiß hat der Kreisrat das „Recht* nach Art 47 der ßanbgenteinbeorbnung bte Auszahlung dieser .Schenkungen" (Ziff. 5 des Art. 47) zu verbieten; aber, daß das Vorgehen des Kreisrats im Interesse der guten Staatsverwaltung All ..billigen* sei, das ist die Frage. — Ich frage deshalb die Großh. Regierung:
1. Ist ihr bekannt, daß der Kreisrat zu Gießen aus Grnno des Art. 47 Ziff. 5 der Landgemeindeordnung der Stadl Lich, den Gemeinden Bellersheim, Belltnhailsen usiv. die Auszahlung der seither gebräuchlichen Einguartieriinsgelder-Zuschüffe aus der Gemeindekaffe verboten hat?
2. Billigt die Großh. Regierung das Vorgehen des Kreisrats zu Gießen in diesem Fall, und au§ welchen Gründen?
± Lauterbach, 21. Dez. Hier wurde am 19. d. M. eine Vereinigung der fortschrittlichen Volkspartei gegründet.
Darmstadt, 21. Dez. Der Ausschuß für Vereinfachung der Staatsverwaltung, der gestern nachmittag unter Vorsitz des Staats Ministers Ewald im Sitzungssaal der Ersten Kammer stattfand, beschäftigte sich an zweiter Stelle auch noch mit einer vorliegenden Denkschrift über dieVereinsachungirnStrasvollzugs- wesen. Infolge der vorn Ministerium der Justiz auf dem Gebiete des Strafvollzubs getroffenen Maßnahmen wird im Rechnungsjahr 1911 erne Verminderung der S t a a t s z u s ch ü s s e an die Kassen der Gefangenanstalten und eine Ersparnis von jährlich rund 30 000 Mk. eintreten. Die Vereinfachungen bestehen im wesentlichen in der Aus-
Erlebnisse aus den Dezembertagen an der Loire vor 40 Jahren.
v.
Tie Nacht vom 8. auf den 9. Dezember ging langsam herum. Ta, wie schon erzählt, zirka sechs Kompagnien immer in den Straßen von Cravant unter Gewehr standen, um sofort die Feldwachen, die dicht vor dem Dorf standen, unterstützen zu können, so hatten wir reichlich Zeit, den gestirnten Himmel bei der grimmigen Kälte betrachten zu können. Wir froren zwar, aber wir freuten uns der Kälte, denn einen solchen deutschen Winter konnte die feindliche Armee vor uns nicht vertragen, die Kälte war uns ein guter Bundesgenosse. In den frühen Morgenstunden löste uns eine Kompagnie ab, wir gingen ijt die nächsten Häuser, lagerten uns um die flackernden Kamine auf Matratzen, die Burschen walzten wieder auf dem Tische die Kaffeebohnen platt und stellten den grünlichbraunen Trank her.
Ta wurde es in der Vorpostenlinie lebhaft. Erst fielen vereinzelte Schüsse, daran entzündeten sich andere und mit den blasser werdenden Sternen ging der Gefechtsspektakel wieder los. Nun wurden auch wir wieder in Reihe und Glied gerufen, die Chassepotkugeln zischten durch die Straßen. Jeder, der noch gedüst halte, wurde nun ganz milunter. Ter Feldwebel der 2. Kompagnie — er ist von cd. 14 Tagen in Friedberg als pensionierter Bahnhofsassistent begraben — meldete dem Bataillons- führev: Tie 2. Kompagnie hat feinen Offizier. Wer ist der älteste von den Herren? Ich trat vor. Dann übernehmen Sie die 2. Kompagnie!
Wir rückten aus dem Dorfe den Feldwachen zu Hilfe. Die gingen vor den ihnen entgegendrängenden feindlichen Schützenlinien feuernd zurück. Tie Bataillone nahmen sie auf und in langen Linien hinter den äußersten Gartenhecken stehend, erwarteten wir die auftauchenden feindlichen Kolonnen, die uns das Dorf Cravant entreißen wollten. Niemand feuert ohne Befehl! Unsere geschlossenen Abteilungen.standen regungslos, das Gewehr schußfertig in der Hand. Nun jLnd die feindlichen Kolonnen najje genug heran, beinahe Kernschuß für das Zündnadelgewehr — 250 bis 300 Schritte —, da ertönte das ruhige Kommando „Schnellfeuer", und nun glühen die vorher so dunklen Hecken. Die Gewehrläufe spritzen Feuer. Die feindlichen Kolonnen stutzen, schwanken, aber sie gehen trotz des mörderischen Feuers vorwärts. Bis auf 150 Schritte, wie ich später genau feststellte, waren sie herangekommen, dann ging der größere Teil in wilder Flucht zurück, andere warfen sich nieder. Jetzt mar es hell genug, um ganz genau zu zielen. Alle die Leichen nrte ich hier später sah, hatten Zlvpifchuß, sie lagen hinter den hohen Mittelrückvn der Aecker, die durch ständiges Zusammenpftügeu derselben entstanden waren und gute Deckung boten.
Nun stießen wir nach. Von Osten her drangen andere Truppen in das Dorf Cemay ein und wir gewannen das Dorf, um das wir schon zwei Tage stritten.
Alle unsere Truppen waren fast gleick>zeitig angegriffen. Auch für das 1. bayr. Korps, das freute früh in Reserve gestellt werden sollte, gab es wieder einen heißen verlustreichen Tag.
Alle unsere Schützenlinien hatten sich, nach der Wegnahme von Cernay vorwärts geschoben. Aber der Gegner drängte wieder heran. Das Gewehrfeuer kochte, brodelte wie überhitztes Wasser im Kaffeekessel. Da gab unsere Schützenlinie an einer Stelle in den Weinbergen nach. Das sieht aus, als wenn herandrängende Fluten den Tamm brechen. Zuerst ist es nur ein unbedeutender Riß, der sich aber ständig erweitert. Der Führer des Regiments sah den Schaden, er befiehlt mir, mit der 2. Kompagnie das Loch zu lbopfen. Im Laufschritt in Reihen rechts um führe ich die Kompagnie dahin, so, daß ich nur der gelockerten Kompagnie „halt Front" zu kommandieren brauche. Ich rufe einem Offizier und den Soldaten zu, nun stehen zu bleiben, da Hllfe da sei!
Meine Leute knien zwischen den noch angebundenen Reben. Ich suche ein Ziel und finde keins. Die Geschosse schlagen unheimlich bei uns ein. Wenn sie durch die Luft vorbeizischen, dann macht das wenig Eindruck. Wenn sie aber neben einem in Bäume oder Mauern einschlagen, dann ist es etwas anderes. Hier zerschmetterten und zersplitterten sie die starken Weinbergspfähle ans Eichenholz. Das macht Eindruck. Ich suchte mit meinen scharfen Augen das Gefechtsfeld — lauter fast ebene Weinberge — ab. Kein Pulverdamps, kein feindlicher Soldat zu sehen, und doch immer das regelmäßige Einschlagen der feindlichen Geschosse in meiner unmittelbaren Umgebung. Das Feuer mußte aus großer Entfernung kommen und die Treffer waren Zufallstreffer. ^Jch mochte wohl so zehn Minuten aufrecht stehend beobachtet haben. Links von mir fochten etwas sicherer stehend die drei anderen Kompagnien des Regiments. Ich sah, wie ein mir sehr bekannter Offizier zurückgeführt wurde, wie er mit den Armen in der Luft herum[ufa — die feinblirfye Kugel hatte ihm den linken Unterkiefer zerschmettert und zersplittert — nach drei Tagen starb er in Orleans. Vergebens suchte ich für meine Gewehre ein Ziel. Das lßalte der T ... . auS, sich so untätig mit Feuer übersckchtten zu lassen. Ich kommandierte: Den Himmel anfassen! unt> drei Salven! Wenn das ein hoher Vorgesetzter gehört hätte, ein solch verrücktes Schießen. Aus 'welch hohem Bogen mögen die Geschosse zur Erde niedergekommen feilt. Aber was ich selbst nicht zu hoffen gewagt hatte, die drei Salven hatten gewirkt. Hatten unsere Geschosse auch rein zufällig den richtigen Weg gefunden: das feindliche Feuer hörte sofort auf, wenigstens wir an dieser Stelle wurden nicht mehr erheblich belästigt.
So pinfl der Lag Lm binMtcnb geführten vor
über. Ja wir tarnen sogar schon am hellen Nachmittag in Cravant in Quartiere, um am Wend wieder die Vorposten zu übernehmen. In unserem Quartier, in einer großen freundlichen Bauernstube, fanden wir zwei Bayern vor, die sich am Kaminj zu schaffen machten. Wir dachten gar nicht daran, die armen Jungen herauszuwerfen, wozu wir wohl das Recht gehabt hatten. Wir richteten uns ein. Ich lag auf einem Bette neben deut Kamin und sah den Bayern zu. Der eine rührte in ‘einen Pfanne einen Wasferteig an, der andere goß in diesen steifen Brei aus einer Flasche Oel. Unter ständigem Umrühren des TeigS ließen sie das Oel allmählich in den Teig hineinbacken. Ich fragte, was denn das für ein Gericht sei und erhielt zur Antwort^ das nenne man bei ihnen 311 Haus eine Schmorra. Unsere Burschen ließen sich von den Bayern, die aus der Umgebung von Augsburg stammten, erst satt füttern, bann erst aßen die Bayern selbst.
In der Wenddämmerr,mg bezogen wir die Vorposten am Nordwestausgang von Cravant, an der Straße nach Binas, ich' stand mit der 2. Kompagnie in einem Gehöft am Ausgange des Dorfes zur unmittelbaren Unterstützung der Feldwachen, neben dem Gehöft war die Sttaße gesperrt durch eine mächtige Barria kade, die aus allen möglichen landwirtschaftlichen Jnvent ar stücke»^ auch aus Hausmobiliar errichtet war.
Feldwebel, Ordonnanzen halfen mir die leidlich warme Stubq füllen — zurückkehrende Patrouillen meldeten und waren froh^ einige Zeit in dem durchwärmten Zimmer zubringen zu können. Ich mußte nur immer um meine Barrikade besorgt sein, daß sie nur nicht von Wärmebedürftigen auseinander getragen wurde, d.nns es steckten auch Mattatzen und anderes Bettzeug darin. So verging auch diese Nacht fast schlaflos, da man das gelegentliche Tösen nicht Schlaf nennen kann.
Wenn wir die Meldungen unfercr Kavallerie von diesem Wend' gekannt hätten, Meldungen $u beiden Kavalleriedivisionen, die an unserem äußersten rechten Flügel standen und deren Schwadronen weit vorwärts und am Loir aufwärts schweiften und den Gegner beobachteten! Deren ?Roldnngen besagten, daß starke Infanteriekolonnen vorn Marche Moir^ her im ununterbrodh Anmarsch seien, dann wäre uns der Schlaf in dieser Nacht ganz und gar vergangen.
Auch der Kriegsminister und Advokat Gambetta hatte beute in Johnes dicht hinter der Schlachtlinie mit dem General Chanck eine Unterredung gehabt. Sie waren überein gekommen, weiteren; Widerstand zu leisten, uns womöglich zu werfen.
Aber auch für die Armeeabteilung, die der 2. Soirearmeq unter dem General Chaney gegenüberstand, d. h. einer üier-^ fachen Uebermacht, wurde auS dem großen Hauptguartier in- Versailles gesorgt. Man kannte dort die bedrängte Sage der,
ÄM S. Lesember, morgeuL IQ Uhr, tdcgru-v


