Ausgabe 
21.12.1910 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

M. 299 Smettes Blatt

(60. Jahrgang

Erscheint täglich mtt Nu-nahm, Count agi. Die ntt<Brw iemllteeblÄtter* werben Hm e81njnQrr* viermal wöchentlich btigdegt, bal Krctsblatl fUr Hs Kreis cktetzeitt wöchentlich. Dieraodwinichasllichei, HU* fragen" erscheinen monatlich jmeunaL

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für- Gberhesjen

Mittwoch, 21. vezemver (910

Rotationsdruck wr* Verlag der Brühllch«

UnwersilälS - B»»ch- und CttmbrudertL «. Lange,tefeen.

Redaktton, Expeditton und Druckerei: Schul» strafee 7. Expedition und Verlag: 6L

Redaktion:«-« 11». Lel.-Adru An-ergerGiedew

Der hessische Staat and öle mittleren vaubeamten.

einem hessischen Saubeamten hnrb uns geschrieben:

Als im Vorjahr die plötzliche Entlassung vvn 40 Staatsdienst- aitmartmt erfolgte, bewirkte dies eine große Beunruhigung und Bestürzung in der gesamten mittleren Beamtenschaft, da begreif- Itd)enircife die noch nicht davon bewosfenen das gleiche Tamokles- sänoert über ihren -Häuptern wähnten. Auf die hiernach in der Kammer eingebrachte Anfrage wurde aber vom RegiorungStische erklärt, dav wettere Entlassungen nicht mehr bevorftLnden, und gerade speziell ben mittleren Baubeamten wurden auf direkte Anfrage in Darmstadt über ihr Schicksal beruhigende Erklärungen abgegeben, worauf im Bertiauen aus die Loyalität der Regierung allmählich hneter Ruhe in die geängstigten Gemüter einzvg.

- Weiterem Himmel kommt nunmehr der

ictzige Erlast Es ist kaum wiederzugeben, in welche SUifregung brr ganje mittlere Staatsbeanttenstand hierdurch geraten ist und es lst begreiflich, wenn diese Ausvegirng auch auf die dekret-mäßig ongestellten Beamten übergreift, denn nxr bürgt der großen An- »ahl, die sich noch in den ersten 5 Jahren ihrer Anstellung be» fiuoen, dafür, das; ihnen morgen dasselbe Schicksal widerfährt^ Don dem jetzigen Erlaß werden 38 nicht etatsmäßige Beamte be­troffen, durchweg aus älteren Prüfungsjahrgängen, von denen einige tm Alter von 4046 Jahren stehen und sich schon 13 Jahre ununterbrochen im Staatsdienst befinden

In den Beamtenkreisen wird die Frage sehr lebhaft erörtert, ob der Staat zu einer Entlassung seiner Beamten-Anwärter nach einer so langen Verwendungszeit ohne Gewährung vvn Pension oder Warlegeld überhaupt berechtigt erscheint. Rach dem Buch­staben der darüber bestehenden Dienstvorschriften eine ge­setzliche Regelung dieser überaus wichtigen Materie ist überhaupt nicht erfolgt scheint dies ja wohl der Fall zu fein. Aber man muß berücksichtigen, daß nach den heutigen Verhältnissen die Staatsdienstanwärter in der Mehrheit überhaupt keine Aussicht aus Anstellung haben und es sonach vorkommen kann, daß künftig Beamte, die dem Staat 20 und mehr Jahre treu gedient haben, bei ihrer Tienstuniähigkeit ohne jegliche Pension und bei ihrem Ableben ihre Hinterbliebenen ol)ne jegliche Versorgung sind. Das ist ein Zustand, der in der heutigen Zeit, wo alles in sozialen Fürsorge aus geht, einfach undenkbar und unhaltbar ist und uns will der jetzt sehr lebhaft erschallende Ruf nach gesetzlicher Re-- gdung vollauf berechtigt erscheinen.

Eine weitere, viel erörterte Frage, betrifft dieJnvaliden- versicherungspslicht dieser Beamten.

. Ter Staat hat durch mehrfache Erlasse noch in neuerer Seit über die Jnoalidenversicherungspflicht der Bauaspiranten sich zu der Auffassung bekannt, daß diese nicht versicherungspflichtig find, weil sie zu ben Beamten gehören, denen eine Anwart­schaft auf Pension im Mindestebetrage der Jnvalidenrentt gewährleistet ist. Wie läßt sich damit die jetzige Entlassung ohne Pension in Einklang bringen? Es wäre für einen Staatsrechts­lehrer ein sehr dankbares Thema, vom baamtenrechtlichen und juristischen Standpunkt aus die Frage näher zu behandeln, ob eine Entlassung der über 5 Jahre im Staatsdienst tätigen An­wärter insbesondere auch im Hinblick auf die Bestimmungen in § 624 B. G. B. überhaupt zulässig und bejahendenfalls, welche Pensionsansprüche in diesem Falle den Beamten zustehen würden. UnS will cs jedenfalls kaum zweifelhaft erscheinen, daß den Slaatsdienstanwärtern, die nach einer mehr als fünfjährigen 23er Wendung im Dienst erwerbsunfähig werden, gerade, im Hinblick aus ihre Befreiung von der Jnvalidenversicherungspflicht ein An­spruch auf Pension zusteht.

Aber ganz abgesehen vvn der rechtlichen Seite bestehen für einen Arbeitgeber doch auch moralische Verpflich tun gen gegenüber seinem Personal, denen sich doch vor allem die Staatsregierung nicht entziehen kann und darf. Ter Beamte, der sich dem Staatsdienst widmet, demgemäß seine ganze Vor- bildung ein richtet und die vielen Jahre feiner Verwendung mit einet anerkannt mäßigen Bezahlung vorlieb nimmt, tut dies doch alles nur im Vertrauen auf die Regierung, hierdurch ein be­scheidenes, aber umso sicheres, dauerndes Einkommen sich zu er­ringen. Uns will es scheinen, als ob es vor allem im Staatsl- inlereffc gelegen sei, diesen Standpunkt beizubehalten und das Vertrauen der Beamten hieran nicht zu erschüttern.

Wir wollen für heute nicht in Erörterungen darüber ein­treten, wie und wo in her Staatsverwaltung in weniger empfind­lichster Weise Ersparungen gemacht werden könnten, geben aber

im Interesse der durch die jetzig« Maßnahme schwer getroffenen Beamten der Hoffnung Ausdruck, daß Regierung und Kammer ernstlich bestrebt sein mögen, daß baldmöglichst Mittel und Wege gefunden werden, wodurch das äußerste vvn bat beteiligten Staats- bienftanroärtern ferngehaltcn und durch geeignete Maßnahmen auch die übrige Beamtenschaft von dem auf ihr lastenden Druck befreit werde.________________________'_______________________________

hessische Zweite Kammer.

ii Darmstadt, 20. Dez.

Am Regierungstische: Staatsminister Ewald, Minister des Innern v. Hombergk, Geh. Staatsrat Krug von Nidda, Gehermerat B e st.

Präsident Haas eröffnet die Sitzung um y2ll Uhr und teilt dem Hause zunächst mit, daß Abg. Köhl er-W orms als neues Kammermitglied eingetreten fei. Da Abg. Köhler-Worms bereits früher dem Haufe angehört und den lanoständischen Eid geleistet hat, weist ichn der Präsident nur auf diesen hin.

Sodann wird zur Beratung der Regiermigsvorlaae geschritten, Staatsvertrag zwischen Hessen und Baden über die Verlegung der Landesgrenze zwischen der Hessischen Ge­markung Helmhof und der Badischen Gemarkung Neckarbischofs­heim betreffend. 'Der Staatsvertrag wird genehmigt.

Das Haus fährt daraus in der Beratung der

Landgemeindeordnung

fort. Zu Art. 55, Festsetzung dos Wahltermins, liegen verschiedene Anträge vor. Abg. Bach (Ntl.) beantragt, nicht nur den Wahl­tag, sondern auch die Wal-l stunden festzusetzen und begründet diesen Antrag.

Abg. 'Dr. Wolf- Gonsenheim (f. V.) beantragt, die Möglichkeit zu Wülsten, auch Sonntags zu geben und den betr. Passus in den Paragraphen, der die Sonn- unb Feiertage für die Wahlen aus­schließt, zu streichen.

Abg. Ulrich (Soz.): Dies bedeute eine wesentliche Er­leichterung für die Wahl. Religiöse Bedenken könnten keine Rolle spielen, da die Kirchenvorstände auch Sonntags gewählt würden. Auch der Antrag Bach sei anzunehmen.

Abg. Hebel (Zentr.) widerspricht der Wahl am Sonntage. Zwischen der Wahl der Kirchen vor stände und des Gemeinderats sei ein großer Unterschied. Nicht angebracht sei es, betr. der Festlegung der Stunde genaue Zeitbestimmungen in das Gesetz hinemzubringen.

Der Artikel wird nach der Fassung des Ausschusses ange­nommen, der Antrag Wolf wird a b g e l e h n t, der Antrag Bach, außer dem Wahltage auch die Wahlstunden festzusetzen, ange- runnmen, der Antrag, die Zeit von 11 bis 1 Uhr und 5 bis 7 Uhr zu bestimmen, ab gelehnt.

Der in der Fassung des Ausschusses angenommene Art. 55 lautet nunmehr: Der Bürgermeister hat vor Einleitung deD in den Artikeln 56 ff. vorgeschriebenen Verfahrens auf Beschluß deS Gemeinderat den Wahltag und die Wahl stunden festzusetzen und auf ortsübliche Weise bekannt zu machen. Hierbei ist davon aus­zugehen, daß die Wahl unter Ausschluß von Sonn- und Feier­tagen und für den Fall der Bildung räumlich abgegrenzter Wahl­bezirke gleichzeitig in den einzelnen Bezirken zu erfolgen hat.

Artikel 56 wird angenommen, 57 mit einem Amendement Dr. Winkler, 58 und 59 in der Fasstmg des Abschusses. Art. 60 wird zurückgestellt. Zu Art. 61, Leitung der Wahl, sprechen die Abg. Hauck iBb.), Finger (Ntl.), Dr. Schmitt (Zentr.), liebel (Zentr.). Der Artikel wird in der Ausschußfassung angenommen, ein Zusatzantrag Eibach abgelehnt. Art. 62 und 63 gelangen zur ÄnnalMe. Zu Art. 64, Feststellung des Abstimmungsergeb­nisses, beantragt Abg. Raab und Genossen den Zusatz:Die Wahlurnen müssen gleichmäßig sein, und sind von der Regierung auf Kosten der Gemeinden zu beschauen.

Aba. Wolf-Stadecken (53b.) beantragt, daß alle Stimm­zettel, die weiter nichts als den Namen enthalten, gültig fein sollen, trotz kleiner, auf ben Zetteln befindlicl)en Flecke, Striche usw.

Abg. Dr. Zuck mayer (Zentr.) erklärt, daß diese Singe* legenheit schon mit Art. 63 erledigt fei.

Abg. Raab (Soz.) tritt energisch für alle Maßnahmen ein, die eine Kontrolle verhindern können.

Minister des Innern v. Hombergk stimmt der Tendenz des Antrages Raab zu, doch gehöre diese Angelegenheit in die Ausführungsbestimmungen. Durch die Anleitung zum Landtags­wahlgesetz werde den Gemeinden die Anschaffung von gleichmäßigen Urnen zur Pflicht gemacht.

Abg. Ulrich (Soz.): Durch das bisher manchmal geflbtd Verfahren der Wahl werde das Wahlgeheimnis geradezrtz illusorisch gemacht. ,

Nach weiterer Debatte zieht Abg. Raab fänen Antrag zurück/ da Minister des Innern v. Hombergk erklärt,, daß die fRe* gienmg sich die Regelung dieser Angelegenheit angelegen feilt lassen werde.

Der Artikel wird in der Fassung des Ausschusses angenommen^ desgleichen Art. 65 bis 69. Artikel 69 a wird an ben Ausschutz! zurückverwiesen. Art. 70 bis 74 werden in der Fassung des Ausschusses genehmigt, ebenso Art. 75 bis 83. Art. 84, Wahl-' verfahren, wird nach kurzer Aussprache an den Ausschuß zurück- verwiesen.

Abg. Hauck (93b.) hatte dazu beantragt, an Stelle des Abf. II unb III zu setzen: Bei der Wahl eines Bürgermeisters ober eines Beigeordneten entscheidet die relative Stimmenmehrheit, bei Stim­mengleichheit entscheidet das Los. In Art. 85, Bestätigung der Gewählten; Folgen ihrer Nichtbestätigung, liegen eine Nähe An­träge vor.

Abg. Reh unb Gen. beantragen, als letzte Instanz nicht daS Ministerium, sondern das Verwaltungsgericht einzusetzen. Abg. Raab und Gen. beantragen namentliche Abstimmung, Abg. Fulda und Gen. beantragen in erster Linie Strich der Ar­tikel 85 und 86, unb alle der Ablehnung dieses Antrages^ dem Absatz I des Artikels 85 folgende Fassung zu gebens Nimmt der Kreisrat Anstand, die Bestätigung zu erteilen, was nur bei Unfähigkeit ober Unzuverlässigkeit des Gewählten in Bezug auf bas von ihm zu befleibcn.be Amt, niemals aber wegen des politischen ober religiösen Glaubensbekenntnisses des Gewählten geschehen barf, so hat er die Entschließung des Kreisausschusses änznholen."

Minister des Innern v. Hombergk: Unter Bezugnahme auf seine Begründung zu dem Bestätigungsparagraphen in der Städteordnung feien sämtliche Anträge für die Regierung unan­nehmbar. Die Bestätigung fei keine Verwaltungsrechtsfrage/, sondern eine Frage der Staatsaufsicht, der Staatshoheit, ein Akt, ben sich die Regierung nicht aus der Hand nehmen lassen werde. ihren staatsordnungbekämpfenben Tenbenzen könnten boch die Sozialdemokraten nicht verlangen, daß sie zu Staats­oder Kommunalämtem bestätigt würben. Solange die Sozialdemo­kraten den Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschafts­ordnung in Wort und Schrift predigten, könne die Regierung keinem Anhänger ihrer Partei wichtige Aemter mit Regierungs­befugnissen übertragen. (Lebhafter Beifall. Unruhe bei den So­zialdemokraten. Abg. Fulda ruft: Das ist brutal und gesetz­widrig.) Wenn Aba. Fulda kürzlich das Recht zu bäeffen geglaubt habe, die von der Regierung als Beigeordnete bestätigten Männer unter dem Schutz der Immunität anzugreiseu und zu beschimp­fen, so wolle er dieses Verhalten gegenüber Männern, die sich hier im Hans« nicht verteidigen können, der Beurteilung des Hauses überlassen. (Lebhafte Zustimmung.) Ihren Zweck, diese Männer änzuschüchtern, würden die Sozialdemokraten nicht er* rächen. (Lebh. Beifall. Lachen den Sozialdemokraten. Aba. Dr^ Fulda ruft: Charakterlose Gäellen haben kein Pflichtbewußtsein. Pfuirufe.) Vizepräsident Korell ruft Dr. Fulda zur Ord­nung und ersucht ihn, biefe Zurufe zu unterlassen. Trotzdem wiederholt Abg. Dr. Fulda, als der Minister des Innern fort* fahren will, in steigernder Erregtheit seinen Zwischenruf, worauf der Redner unter großer Unruhe zum dritten Mal zur Ordnung gerufen wird. Minister des Innern v. Hom* bergt (fortfahrend): Ihr Pflichtbewußtsän wird diese Männer auf ihrem Posten ausharren lassen, auch wenn die Gesinnungs­genossen des Herrn Fulda die Drohung tvahr mad)en, den Beige­ordneten ihr Amt auf jede Weise erschweren zu wollen. (Zuruf des 9Cbg. Fuldas: Dafür kriegen sie einen Orden, das Philippsche!) Wen« Abg. Fulda dann erkläre, er glaube ihm (Redner) die Maske der Gesetzmäßigkeit vom Gesicht gerissen zu Haden, so das eilt vergebliches Bemühen gewesen, da er keine Maske aufhabe, son­dern stets mit offenem 'Visier vor das Haus trete und feine Meinung unzweideutig sage. (Sehr richtig!)

Abg. Raab (Soz.) tritt für den Antrag Dr. Fulda ein.

Abg. Dr. Winkler (natl.) wendet sich in längeren Aus­führungen mit Schärfe gegen die Sozialdemokraten. Es un­logisch, solche Forderungen zu erheben wie die Sozialdemokraten. Einen Menschen, von dem man wisse, daß er die Hausordnung zerstöre, werde man doch nicht ins Haus aufnehmen; es doch zn tun, sei ein Stück Narrheit. (Sehr aut!) Die Sozialdemokratie habe 'besonders seit der Rächsfinanzreform ihre desttuktiven Pläne

Lrlebnisie aus den Dezembertagen an der Loire vor 40 Jahren.

IV.

Jetzt fängt auch die feindliche Artilleäe, die hinter Cravant in ben Weinbergen steht, zu feuern an. Wir sehen ben dicken Rauch aus den Mündungen der Geschütze quellen. Im nächsten Augenblick heult die Granate heran. Es gehören Nerven dazu, das anzuhören. Die gute Hammelbouillon hilft. Da schlagt sie vor dem Bataillon ein, krepiert, und die Sprengstücke fliegen uns um die Ohren. Es ist diesmal gut gegangen. Auch unsere anderen Bataillone werden beschossen. Aber wir, die wir geradeaus auf das Don Cravand marschieren, werden bei bet Zusenbung der Granaten bevorzugt. Jetzt schlägt eine ins Bataillon än, sie reißt eine blutige Gasse unb nun hagelts dichter vor dem Bataillon, mitten drin Platzen die Granaten. Die Leute drängen von ben Verwundeten und Toten ab, sie wollen sie nicht beim Vormarsch treten. Das Bataillon gerät in Unordnung, sechs, acht Leute im Bataillon beten laut. Das hatte ich noch nie gehört. Die Zugführer auf den Flügeln kommandierenrechts heran",links heran" unb wie auf dem Exerzierplätze schließen die Glieder zusammen. Im eiligen Vvrwärtsmarschieren bleibt bad Bataillon fest gefügt. Der Führer des Bataillons, wie ich wiederhole ein ausgezeichneter Offizier, ist vom Pferde gestiegen, fein Adjutant, ein schlanker kräftiger Offizier, hat ihn unter dem Arm gefaßt und trägt ihn halb vorwärts also keine alten Hauptleute in die Front, die Tonnen nicht mit. Und immer wiederholt sich das Kommando rechts heran, links heran. Das Bataillon kommt wohl mit schmerzlichen Verlusten, aber durchaus gesechtsfähig und geschlossen ins Dorf und schmeißt die eben auch änrücfenbe französische Infanterie mit einem Stoße hinaus. Heute habe ich Räpekt vor dem Drill auf dem Exer­zierplatz, ben ich im Frühjahr ausgiebig mitgenoffen hatte, er­halten. Durch die Gewöhnung, jedes Kommando präzise aus- zuführen, gehorcht der Soldat>dem Kommando auch in der mörde­rischen Schlacht. Viele von unseren Leuten waren gewiß etwas kopflos geworben, manck>e dachten wohl.gar nichts, andere beteten. .Aber das Kommando, das sie zusammenhielt, hörten sie und gehorchten ihm mechanisch. Jchchabe die französischen Infanterie­kolonnen Sc bau auseinanderfliegen sehen, wie Hühner, unter die der Habicht stößt, wenn unsere Granaten so präzise ein» schlugen. Das waren zum Teil sehr alte Soldaten. Aber ihnen fehlte der Drill. Nach diesen Beobachtungen habe ich wie ge­sagt, Respekt vor dem Drill bekommen ohne den wirds auch in Zukunft nicht gehen.

Auch andere Bataillone unserer Division waren heran-» sekommm. Man ging jenseits des Dorje» in <^chüLeulinien

in ben Weinbergen vor, in denen die feindliche Artillerie stand. Sie ist bereits ausgewiesen und hat in der Eile zwei Geschütze stehen lassen, die bie fünfer en gern haben möchten. Allemal, wenn einzelne Züge sich nach ben Geschützen vordrängen, gibts aus bem kaum 500 Meter 'da hinter liegenden Dorfe Cernay ein mörde­risches Feuer. Die Geschütze sind zu heiß, man läßt die Finger einstweilen davon. Unmittelbar links von uns fechten die Bayern. Sie drängen vor und haben besseren Erfolg. Während wir ein hin­haltendes Gefecht gegen Cernay führen, gennnnen sie das Dorf Villechaumont, das etwa in gleicher Höhe mit Cernay liegt. Jetzt bekomme ich auch'Arbeit. Unsere 2. Komp, ist schon voraus. Sie gebt aufgelöst über freies Feld zwischen den Dörfern Cernay und Villechaumont^ vor. Ich werde mit einem Zuge ihr zur Verstärkung nachgeschickt. Die drei Kompagnien des Bataillons waren in Crayant zurückgehalten, standen in vollkommener Deckung. Nun trat ich mit meinem Zuge aus der sicheren Deckung, ließ ausmarsckneren unb schwärmen und geriet in das Hagelwetter von Chassepotkugeln. Stehen in solchem Feuer ist sehr ekelig, Vorwärtsgehen ist viel leichter unb wir gingen rasch vorwärts, um bie zweite Kompagnie einzuholen. Diese hatte schon ihre bäben Offiziere verloren. Ein Vizeselbwebel der Reserve war vor ihrer Front unb führte sie weiter. Ich sehe noch, wie tapfer et ben Säbel schwang unb der Kompagnie nach vorwärts ben Weg zeigte. Ich verlängerte bie Schützenlinie der 2. Komp, mit meinem Zug und übernahm die Führung der vier Züge. Eine feindliche Batterie wich unserem Feuer auS unb verschwand am Südende des Dorfes Cernay. Vor uns sahen wir auf der Höhe än Gehöft mit einer Windmühle. Das Gehöft, bie ganze Höhe war besetzt, unter dem Feuer dieser Bäatzung litten wir. Von der Besatzung von Cernay, das wenige hundert Meter rechts von uns lag, wurden wir merfnrihrbigerroeife gar nicht belästigt, die schienen genug zu tun zu haben, sich ihrer Angräfer in der Front, wo auch bie verlassenen Geschütze standen, zu erwehren. Ich hielt es für richtig, hier zu halten unb ein hinhaltendes Gefecht zu führen umsomehr, als der Rest des Bataillons uns nicht folgte. Ohne biefe Hilfe schien es mir än aussichtsloses Wagnis, weiter vorzugehen.

Unsere Soldaten, die wir noch um unS hatten, waren vorzüg­lich. Der Drang nach vorwärts steckte ihnen im Blut. Sie baten mich, sie weiter vorwärts zu führen. Ich sagte den Unter­offizieren, bas ist dummes Zeug und schließlich gab ich, um nicht ben Leuten ben Eindruck zu machen, als fehlte es mir an Mut, bas Kommando zum Draufgehen. Wir schossen uns immer näher an bas Gehöft neben dem bie Windmühle stand beide sind in der Karte eingefrädynet, die Windmühle brannte am Abend nieder heran. Wir erreichten einen ausgebauten Feldweg, an dem Hausen Klopf st eine offenbar schon längere Zeit lagen, denn fie waren sehr flach, In ben Graben unb Hutter

den Steinhaufen fanden wir einige Deckung, wir befanden unS nur noch 150 Meter von bem Gehöfte entfernt. Das Feuer ber Besatzung zischte uns über bie Köpfe. Wir erwiderten leb- Da klagte neben mir än Soldat ber 2 Komp.: Herr Leutnant, ich habe keine Patronen mehr. Was, feine Patronen mehr?, Ja, in ben Patronentaschen. Und in den Seitentaschen des Tornisters? Ja, ba stecken noch die Blechbüchsen. Ich käeche näher bei unb ziehe die Blechbüchsen heraus. Nun gibt eS wieder Dampf. Ein anderer ruft, mein Gewehr geht nid# mehr los, Herr Leutnant. Dann spucken Sie mal auf bie Zünbnabel, ober nehmen Sie etwas Schnee, der allerdings nur spärlich vorhanden war. Die heißgewordene Zündnabel oerroftete leicht durch ben Pulverschlcim und konnte sich bann im Nabelrohr nidjt mehr bewegen. Unter gewöhnlichen Verhältnissen hatten sich die Leute selbst zu helfen gewußt in den Augenblicken höchster Gefahr klammern sie sich vielfach an den Offizier.

Tas Feuer aus dem Gehöft und der Umgebung scheint schwächer zu werben. Die Zeit zum Angriff mit der blanken Waffe schien mir gekommen. Ich springe auf bie Straße, hebe den Säbel und kommandiereauf" und Marsch Marsch. Wie ein Mann ist alles in die Höhe und nun beginnt än Laufen und än Hurra­rufen auf bas Gehöft los. Die Flügel umfassen es. Ich stehe etwa in ber Mitte, springe über bie Straße in ben Garten. Ouer vor mir steht eine Scheune, deren Tore weit geöffnet find. Durch den Hauptweg des Gartens, dessen Ränder mit Buchs­baum eingefaßt sind, nähere ich mich rasch bem Tore, falle lang hin, ein Unteroffizier springt zu mir, um mich aufzuheben. Er glaubt, ich fei getroffen. Aber schon bin ich wieder hoch und betrete die Scheunentenne. Ein Mann ist rechts neben mir. In bem halbdunklen, fast leeren Raum zur Linken sehe ich äne Masse französischer bewaffneter Soldaten. Der Mann neben mir reifet bas Gewehr an ben Kops und schreit: Herr Leutnant, da sind sie! Blitzschnell fasse ich das Gewehr mit ber Linken, drücke es hoch unb schreie gleichzeitig ben Mann an: nicht schießen' Das Gewehr gebt zum Glück nickst los unb die sändlickwn Soldaten kommen auf meine ruhige Aufforberung, sich zu ergeben, aus bem Raum heraus, geduldig wie Hammeln. Die Gewehre haben sie gleich liegen lassen. Wir haben bas Gehöft. Von allen Säten finb meine Leute ängebrungen unb haben auch Ge­fangene gemacht. Waren es fünfzig ober hundert? Ich wätz es nicht mehr. Nur 'weiß ich, baß mir bie Gefangenen sofort Sorge machten. Kam ein Gegenangriff unb das war in unserer sehr ausgesetzten Stellung zu erwarten bann wurden r ^fangenen wieder unsere Gegner. Den Franzosen war in ditter Beziehung nicht zu trauen, auch ihren Generalen nicht wie zahlreiche Vorkommnisse beweisen Begleitmanusckwften konnte ich nicht abgebem Ich führte die Gefangenen zurück vor, das Qiefiöjt unb befahl ibsen, da hinunterzugehen, »yo wir heraus-.'