Nr. 176
Zweites Blatt
erscheint tt-Uch mit Ausnahme des Sonntags.
Samstag 3V. Juli 1910
SlotationSbnicf und Verlag der Vrühl'schea UniversitätS - Buch- und Sletndruckeret.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion: 112. Tel.-Ad ru AnzergerGießen.
Die „Gießener Fanttlienblätter" werden dem „Anzeiger^ viermal wöchentlick beigelegt, das „Xreirdlatt flr den Kreis Gießen" zweimal wesentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seit, fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 30. Juli 1910.
"Pfarrpersonalien. Der Großherzog hat dem Pfaarverwalter Wilh. Korell zu Dauernheim und dem Pfarr- vermalter Wilh. Wahl zu Schlierbach die evang. Pfarr- stellen daselbst übertragen.
Eigenartiger Unfall. Ein hiesiger Landwirt ließ durch einen Arbeiter das Graß von einer Wiese mähen. Hierbei tat der Arbeiter einen Fehltritt und brach dabei ein Bein. Er mußte durch die Sanitätsmannschaft nach der Klinik gebracht werden.
"* Freiwillig gestellt. Der Arbeiter G. aus Elgershausen, der seit 6 Jahren in Berlin Stellung hatte, unterschlug dort vor einigen Tagen einen größeren Geldbetrag und fuhr damit nach Frankfurt a. M. Nachdem er das Geld alles verblitzt hat, stellte er sich freiwillig bei der Polizei.
"Festgenommen wurde gestern abend ein junger Arbeiter aus Harbach, welcher seit einiger Zeit Frauen auf öffentlichen Wegen belästigte und unsittliche Handlungen vornahm.
m. Bad-Nauheim, 29. Juli. Gegenwärtig ist eine Liste im Umlauf, in der darauf hingewiesen wird, wie schädigend das projektierte B a d e h o t e l mit direkter Massereinführung bereite* auf das »ganze Bade- und Geschäftsleben eingewirkt hat. Die Liste findet zahlreiche Untere schriften in allen Kreisen der Bevölkerung. In der bei-, gegebenen Begründung, die der Bürger- und Stadtverkehrs-, verein gegeben hat, wird darauf hingewiesen, daß Nauheim nnt seinem ca. 50 Mill. Privat- und Bankkapital eines-' Schutzes bedürfe. Schon jetzt, kaum nach Bekanntwerden des unglückseligen Projektes sei der Kredit Nauheims so ge- sunken, wie dies kaum 1901 bei Ausbleiben der drei Sprudel
sehn pflegen, verleiht ihnen aber zugleich die nur der Phantasie eigne Freiheit, und macht sie dadurch zu einem dichterischen Ganzen; bei dem Mährchen hingegen verknüpft er eine Reihe bloßer Einfälle allein nach der Willkür der Phantasie, stellt sic aber dennoch zugleich als wirklich geschehen dar, und mischt ihnen daher soviel bon dem Charakter der Wirklichkeit bei, als nothwendig ist, einem bloßen Traum augenblickliche Wesenheit zu verschaffen. Dort behandelt er dasjenige, was auch der Wirklichkeit angchüren könnte, als ein Objekt der Phantasie; hier dasjenige, was nur der Phantasie eigen sehn kann, als einen wirklichen Gegenstand. Dort sollen wir den Gang der Wirllichkeit zum freien Schwünge der Phantasie vergeistigt, hier den Gang der Phantasie zum Lauf der wirklichen Begebenheiten verkörpert sehen. Der Zweck des Dichters beim Mährchen ist daher allein auf die Beschäftigung der Phantasie und zwar nicht bloß in ihrer Freiheit, sondern sogar in ihrer Willkühr gerichtet, und ist daher so schlechterdings formal, daß alles, was Materie genannt werden kann, Handlungen, Gesinnungen, Charaktere ihm nur mittelbar, nie wesentlich angehört, obgleich die Schönheit des M Ührchens gewiß immer in dem Grade steigt, in welchein die Form mehr Materie trägt, ohne von ihrer Leichtigkeit zu verlieren. Daher aber kann auch niemand wahren Sinn für diese Gattung haben, als wer gestimmt ist, die Form bloß um der Form willen zu lieben. Jede andere muß das Mährchen zur Allegorie herabstimmen wollen. Denn in keiner anderen Dichtungsart dürfte leicht das eigentliche Wesen des bloß Poetischen so rein und so allein (ohne alle andere Begleitung) auftreten.
Eben darum aber ist es nicht allein so schwer in dieser Gattung vorzüglich zu sehn, sondern auch schon nur die Regeln aufzustellen, nach welcher ihre Güte geprüft werden muß. Wenn das Vorige richtig ist, so können sie sich nur auf zwei Punkte beziehen, 1. auf die reine Darstellung der Form der Phantasie, 2. auf die Beimischung des Objektiven, wodurch jene Form erst einen Körper erhält.
Bei dem ersteren Punkt ist die Bestimmung am schwierigsten. Die gänzliche Willkühr, welche die Gattung sogar zur nothwen- digen Bedingung macht, scheint alle Gesetze auszuschließen, und darum habe ich schon manchen armen Tropf sagen hören, daß er solche Mährchen, so oft es verlangt werde, auch machen wolle. Soviel läßt sich indeß doch immer sagen, daß die Phantasie erstlich in einem vorzüglicheren Grade, als bei jeder andern Dichtungsart fein.seyn muß, da sie hei allen gänzlich undichterischen
160. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gderhejsen
Frankreichs zu stützen, wie sie es in seiner früheren Epoche getan haben". In dem Berichte, der nur auszugsweise wiedergegeben wird, heißt es dann: „Graf de Sälignac- Fsnelon benutzte diese Eröffnung, die er weder abwies noch annahm, zum Hervorheben der wohlwollenden Haltung der kaiserlichen Regierung den Bundesstaaten gegenüber.
Auf die Möglichkeit einer Annäherung verdeutschen Kleinstaaten an Frankreich wies auch verschiedentlich nach den Berichten des französischen Gesandten in Stockholm, Herrn Fournier Graf v o n M a n d e r st r o e m hin, der besonders ein Vorgehen Skandinaviens gegen Deutschland u n d O e st er r e i ch fortwährend predigte. Allerdings kann bis zum Schlüsse der Verhandlungen vor Ausbruch und im Verlaufe des dänischen Krieges aus den Schriftstücken nachgewiesen werden, daß die französischen Diplomaten in Stockholm stets beschwichtigend zu wirken suchten. Nur als gegen Ende März, 1864 von einer Entsendung österreichischer Schiffe in die Ostsee-Gewässer die Rede war, suchte der französische Gesandte Fournier den Grafen Manderstroem direkt zu einem Vorgehen anzureizen. Der schwedische Minister war durch den Verlauf des Feldzugs stark in seiner Begeisterung für ein Vorgehen gegen die beiden deutschen Staaten abgekühlt worden und erklärte, daß er ein Erscheinen österreichischer Schiffe in den Gewässern Jütlands uno selbst im Belt nicht als eine Beeinträchtigung der Vereinigten Königreiche ansehen würde. Eine Herauchendung der Flotte dieser Königreiche wäre eine Kriegserklärung an Preußen, Oesterreich und Deutschland. Fournier klagt da seinem Minister (Band II S. 159) :
Herr Manderstroem wiederholt mir immer: „Wir wollen nicht anfangen". Ich erwiderte ihm, daß der Anfang schon seit langer Zeit von Deutschland, Oesterreich und Preußen gemacht sei und daß da nichts mehr von seinem Willen abhänge. — „Wir bleiben immer auf demselben Standpunkte und haben unseren Willen nicht geändert," sagte er mir, „aber wir wollen nicht allein anfangen, ohne Versicherung oder ohne, positive Bürgschaft. Sie müssen doch sehen, daß das hier in Stockholm das allgemeine Gefühl ist." — „Sehr richtig, aber dieses Gefühl scheint mir etwas der Größe und des geschickten Voraussehens des Kommenden zu ermangeln, es scheint sich zu sehr um die gegenwärdige/w materiellen Interessen und zu wenig um die Zukunft zu bekümmern. Es würde genügen. Ihnen das zu beweisen," erwiderte ich. Aber ich drang nicht weiter darauf.
Für die Gewinnung der deutschen Mittelstaaten arbeiteten natürlich allefranzösischen Vertreter bei den deutschen Fürsten, mehr oder minder diskret. Von welchen Erwägungen sie dabei ausgingen und wie sie die »Sache anzufassen suchten, geht besonders anschaulich aus einem Berichte des französischen Geschäftsträgers in München, Grafen de Gabriac vom 2. April 1864 (Band II S. 204—206) hervor:
„Für die deutschen Mittelstaaten ist die Frage der Herzogtümer eine Frage des Natiomüstolzes und der Legitimität; es ist also nicht sehr überraschend, daß sie nicht mit günstigen Augen die (von Frankreich vorgeschlagene) Befragung des allgemeinen Stimmrechts zur Beseitigung der Schwierigkeiten ansehen. Auf diesen Gedanken spielte einer der Prinzen der föniglid)cn Familie an, als er mir vor einigen Tagen sagte: „Ich fürchte, die Regierung des Kaisers bereitet eine Uebcrraschung für uns vor." Es müßte scheinen, daß dieses empfindliche Mißtrauen nur wenige Vertreter in der Presse fände; aber man versichert mir, daß die Mehrheit, für den Augenblick wenigstens, Besorgnis vor einem Eingreifen unsererseits hegt, selbst wenn wir als Bundesgenossen des nationalen Gedankens aufträten. Es märe indessen ungerecht, diesen Staaten ein systematisches und endgültiges Uebelwollen gegen uns zuzuschreiben; das Bündnis mit Frankreich, das ehedem ihre Kraft war, könnte eines Tages ihr Heil angesichts der lleber- grifse einer der großen deutschen Mächte werden; aber für den Augenblick muß man zugestehen, daß hier gegen uns ein instinktives Mißtrauen herrscht. Diese Anschauungsart hängt mit einer gewissen Kleinlichkeit und mit Befürchtungen zusammen, die der Einfluß Frankreichs ihnen einflößt. Sie fürchten unsere lieber» legenheit, unsere schnelle und kühne Art, die Fragen zu begreifen und Entscheidungen zu treffen; denn sie wissen, daß ein Wort aus Paris über den Frieden in Europa bestimmen kann, während selbst ganze Reden ihrer Herrscher kaum über die Grenzen ihrer Staaten hinaus eine Wirkung lwben können. Sie erinnern sich daran, daß unsere Nachbarschaft, die ihnen manchmal Provinzen gab, ihnen doch mehr als einmal auch die Revolution und die Invasion gebracht hat. Und es muß iwlgedrungen einige Zeit vergehen, bevor die Reaktion in ihren Gemütern sich vollzieht. Aber ich habe die feste Hoffnung, daß dieser Augenblick kommen
Menschen beständig der Empfindung oder dem Verstände dient. Zweitens daß sie grade diese ihre Freiheit an einem Objekte, mcht ent Objekt in dieser Freiheit darzustellen bemüht sein muß. Ihre Freiheit aber, wie ihr Wesen besteht darin, daß sie, mit Entfernung aller Materie, sich allein au die Form hält Ihre Richtschnur und ihr Gesetz ist daher das Ideal der bloßen. Form, die bloß formale Schönheit. 2luch erfemu man diese in ledern guten Mährchen an der Leichtigkeit, Sinnlichkeit, Bewegung, selbst an einer gewissen Leerheit, möchte ich lnnzusetzen. Denn das Erhabne z. B. dürfte nicht für diese Gattung gemacht seyn, obgleich gar sehr das sinnlich Große. Am rathsamsten erscheint es mir zur Prüfung eines einzelnen Produkts dieser Gattung den Einfluß zu erforschen, den es auf die Phantasie des Lesers ausübt. Es ist gewiß immer gut, wenn diese sich leicht, rein, unb ästhetisch gestimmt fühlt, und sollte ich den Nutzen dieser Dich- tungsart an geb en, möchte ich sie ein Reinigungsmittel der Phantasie ihrer bloßen Form nach nennen. Das Ihrige hat sich bei mir, und bei Allen, deren Urtheile ich trauen kann, hierin auf eine bewunderungswürdige Weise bewährt. Mles, von den lieb» sichen geschwätzigen Irrlichtern und ihrem Gvlde an, bis zu der Schatteuhand des Riesen, und der Schlange, die sich als Brücke über ben Strom bäumt, trägt so sehr den Charakter jener Phantasiestimmung an sich, und bringt dieselbe wiederum so sehr hervor, daß man sich augenblicklich von der Hand des Genies ergriffen fühlt.
Bei dem zweiten Punkte hatte ich vorhin zu bemerken vergessen, daß der Mährchendichter darauf ausgeht, von der Wahr- heit des Unmöglichen überzeugt zu scheinen, ohne doch int Ernst andere überzeugen zu wollen. Hierdurch entsteht das Naive, oder wenn es niedriger gehalten ist, das Burleske dieser Gattung^ Ucbrtgend wird, dünkt mich, die höchste Wirkuiig hier babunl> erreicht, daß die einzelnen Figuren, in ihrer Gestalt, Hand- langen und Gesinnungen so objektiv und natürlich mit»' abentheu erlich als möglich ist. Dieß schmeichelt auch nebenher .zugleich der menschlichen Neigung, unb nicht sowohl üben den Rchnpel an Gegenständen des Genusses in der Welt, als über die Schwierigkeit sie zu erreichen und umuitauschen klagt. Auch hierin und vor allem in der treuherzigen Naivetät der Er^älüuna ist Ihre Arbeit vortrefflich.
Ich schäme mich beinah, in eine ordentliche Theorie bc£i Mährchens verfallen zu sehn. Allein ich rcdine auf Ihre freundschaftliche Nachsicht, unb bitte Sie, dock) mir gelegentlich Ihre Meynung über .meine .Gedanken gu sagen."
Di« Vorgeschichte des Krieges von 1870/71 in französischem Lichte.
O Paris, 28. Juli.
2ic diplomatische Vorgeschichte des Krieges von 1870/71, deren zwei erste Bäirde über die Epoche vom 25. Dezember 1863 bis zum 9. Mai 1864 eben (bei Gustave Ficker, 6, Rue de ^avoie) im Drucke der Narionaldruckerei erschienen sind, rollt so viele alte, aber in gewissem Sinne noch immer aktuelle Angelegenheiten und Entwicklungen auf, daß ein erschöpfender Ueberblick in einem Artikel völlig unmöglich ist. Es war übrigens nicht gut zu erwarten, daß in diesen diplomatischen Schriftstücken etwas wirklick) Unerwartetes oder Neues zu Tage träte, besonders was Frankreichs Auftreten Preußen und den deutschen Einigungs-Bestrebungen gegenüber betrifft. Die französischen Zeitungen, die etwas eilfertig vor dem Durchlesen der Bände dergleichen in Aussicht stellten, müssen sich jetzt sehr enttäuscht fühlen. Vor allem ist aber der aus gewissen Voreingenommenheiten prüfimgslos herausgeschleudertc Bor Wurf gegen Napoleon III., wenigstens soweit diese Veröffentlichungen in Frage kommen, hinfällig, er habe mit seiner persönlichen Nationasitätcn-Politik bei den Verwicklungen zwischen dem deutschen Bunde, Preußen und Oesterreich einer- und Dänemark cnibrerseits die Bestrebungen der offiziellen französischen Diplomatie häufig durchkreuzt. Man müßte sich wirklich die Augen aussuchen, um in diesen Schriftstücken auch mir den Anflug eines Beweises dafür zu finden. Wenn das wirklich alles ist, was offen oder in Chrffres von der fianzösischen Diplomatie in diesen Fragen an Gedanken unb Anregungen ausgetauscht wurde, — und die Gewissenhaftigkeit des Ausschusses, der diese Arbeit durchführt, bürgt dafür — so muß die französische Diplomatie bei ihrem Wirken in dieser Zeit als tadellos korrekt bezeichnet werden. Aber gerade das berechtigt ja nach der französischen Mentalität den herben Tadel gegen die kaiserliche Politik, nichts vorausgesehen, selbst nichts gemerkt und den großen Plänen Bismarcks in die Hände gearbeitet; zu haben.
Mer doch finden sich in diesen 800 Seiten Andeutungen, daß gewisse Entschädigungen für Frankreich am Rheine für die Vergrößerung Preußens bereits ins Auge gefaßt wurden. Diese Entschädigungen wurden vielleicht nur als Sicherungen gegen das anwachsende große Nachbar- reich aufgefaßt und meistens Fremden in den Ndund gelegt. So berichtet /Band II S. 131, 132) der französische Gesandte in Brüssel, Marquis de Ferriöres, unter dem 16. März 1864 an den Minister des Aeußeren über eine Unterredung mit dem belgischen Minister Rogier. Dieser sagte lachend: .
„Man behauptet, wenn Deutschland die Hand auf die Herzogtümer legte, wird Ihre Regierung eine Berichtigung der Norb- grenzen und die Schaffung eines neutralen Staates am Rhein verlangen. Warum sollten wir nicht dieser neutrale Staat fein? Geben Sic uns Maestrich und Köln, und wir werden Sie von Deutschland durch ein starkes Bollwerk, eine wahre chinesische Mauer trennen."
Der französische Gesandte erwiderte darauf:
„Ich glaube wohl, daß eine solche Kombination Ihnen gefallen würde, und ich ersehe daraus mit Vergnügen, daß Sie uns jetzt als sehr reiche und edelmütige Nachbarn ansehen, nachdem Sie uns lange als Diebe gefürchtet hatten."
Noch einmal findet man eine ähnliche Anregung in dem Berichte des französ. Gesandten beim Bundesrate, Grafen de Salignae-Fenelon, an den Minister unter dem 1. April 1864 «Band II S. 202, 203). Danach wäre Herr von Dal- wigk von einer Versammlung mehrerer Minister der kleinen deutschen Staaten, die bei dem Baron von Pfordten über die Bedingungen der Vertretung des Deutschen Bundes bet der Londoner Konferenz beraten hatten, zu dem fran- wsischen Diplomaten gekommen und hätte zunächst seine Befriedigung und die der deutschen Staaten über die aufgeklärte uno liberale Sprache der kaiserlichen Regierung ausgedrückt. Er fügt hinzu, daß die Mittelftaaten „durch die Gewalt der Tatsachen ebenso wie durch ihre hohe Achtung für die Weisheit der kaiserlichen Regierung dazu geführt würden, ihr Bündnis zu suchen und sich, ohne den Namen des Rheinbundes zu erneuern, auf die Freundschaft
wird. Mann kann schon in Stunden der Ruhe und der Unparteilichkeit erkennen, daß viele uns durch die Evidenz unserer, Mäßigung wieder zugeführt werden. — Von allen Maßregel.n^ die eine Annäherung zwischen den beiden Ländern fördern könnten/ wäre übrigens keine so wirtungsvoll, als die Entwickelung der Handelsfreiheit, zu der die Verträge vom 2. August die Grundlage gelegt haben. Auf dieser fruchtbringenden Bahn, auf die die Initiative der kaiserlichen Regierung Deutschland mit hineingezogen hat, werden sich notgedrungen früher ober später die Interessen zur Aussöhnung begegnen, die die politischen Tendenzen der beiden Nationen bisher voneinander getrennt hatten., Es bleibt immer zu hoffen, daß eines Tages die Stimme der Vernunft kleinliche unb überlegte Vorurteile beherrschen wird, wie sie bisher diese große Nation in sich gespalten und gegen uns. gewendet haben."
Die Sorgen Jur die Handelsfreiheit und die Handelsverträge werden feit-ens der napoleonischen Regierung häufig geäußert, so in einer Weisung des Ministers des Aeußeren an den fianzösischen Botschafter in Berlin, Baron von; Talleyrand, unter b-em 9. April 1864 (Band II S. 247. 248):
„Einige deutsche Zeitungen kommen sehr nachdrücklich auf den Wunsch, der Oesterreich zuaeschrieben wirb, zu sprechen, Preußen vorzuschlagen, baß es für Vorteile verschiedener Art den Handelsvertrag mit Frankreich (vorn 2. August 1862) fallen ließe. Wir können nicht einen Augenblick auch nur bei dem Gedanken uns aufhalten, daß die preußische Regierung geneigt sein könnte, sich zu derartigen Kombinationen herzugeben. Sie hat sich ihren Verbindlichkeiten gegenüber zu treu gezeigt und in allen ihren Mitteilungen an die Staaten, aus denen der Zollverein besteht, zu ehrlich den Vertrag aufrecht erhalten, als baß der geringste: Zweifel über ihre späteren Absichten bestehen könnte. Trotzdem bitte ich Sie, die Aufmerksamkeit Herrn von Bismarcks auf die unzutreffenden Gerüchte zu lenken, die die Böswilligkeit in Deutschland zu verbreiten sucht, und ich bin überzeugt, daß der Herr Ministerpräsident von Preußen die Gelegenheit ergreifen roirb, um uns die befriedigendsten Versicherungen zu erneuern, die wir bereits von ihm darüber erhalten haben."
Für heute sei noch zugefügt, daß m der Sammlung der diplomatischen Aktenstücke sämtliche auf müitärische An-- gelebenheiten bezüglichen Stellen ausgelassen sind, was in gewisser Hinsicht bedauerlich [ift, sich aber aus den Verhältnissen und aus dem Zwecke der Veröffentlichungen hinreichend erklärt.
Wilhelm von Humboldt an Goethe über dar Märchen.
Eine Reihe von ungedruckten Briefen Wilhelm von Humboldts an Goethe und Schiller erwarb jüngst aus altem Privatbesitz die Stadtbibliothek von Frankfurt a. M. Aus dem bedeutsamen einen Schreiben an Goethe, das Friedrich Ebrard jetzt im Goethe-Jahrbuch veröffentlicht, sei die Stelle hervorgehoben, in welcher der Meister unserer klassischen Aesthetik dem Dichter eine umfassende Theorie des Märchens als selbständiger Dichtungsgattung entwickelt:
„Ihr Mährchen scheint mir das erste Muster dieser Gattung in unserer Literatur. Die meisten Leser, deren Urtheile mir hier zu Ohren gekommen sind, haben sich über die Maaßen zerquält, einen philosophischen Sinn heraus- ober wenigstens hineinzudeuteln, unb da sich mehrere deshalb an mich, als müßte gerade ich ganz eigene Offenbarungen darüber haben, wandten, so habe ich sie bei meinen Antworten in zwei Klassen getheilt. Für diejenigen, an beten Bekehrung ich gleich verzweifelte, habe ich aus dem Stegreif eine eigene Erklärung gemacht; ben andern habe ich mich zu zeigen bemüht, daß es feiner bedürfe. Damit aber bin ich freilich nicht durchaus glücklich gewesen, unb in der That ist es schwer, bic Gattung des Mährchens scharf zu bestimmen, wenn man nernlich davon schlechterdings den Roman, die Fabel, die Allegorie, die Novelle u. s. f. rein abfonbern will. Noch schwerer aber scheint es mir, daß, wenn dieß geschehen ist, recht viele, bc* sonders deren, die sich nachdenkenoe unb raisonnietende Köpfe nennen, und nie, tote sie sagen, bloß belustigt seyn wollen, daran Geschmack finden sollten. Sobald das Mährchen nicht bildlicher oder poetischer Ausdruck eines gedachten Satzes, also nicht Fabel oder Allegorie, seyn soll, so steht ihm nur die Erzählung im weitesten Verstände (Roman, Novelle u. s. f.) entgegen, die ich, um sie hont Mährchen zu unterscheiden, die natürliche, sowie bas Mährchen selbst die adentheuerliche nennen will. Bei jeder dichterischen Erzählung muß ein aus der Wirklichkeit genommener Stoff durch die Phantasie zu einem Ganzen bearbeitet werden, unb der verschiedene Autheil, ben die Wirklichkeit und ihr Charakter, unb die Phantasie und der ihrige in der Erzählung nehmen, scheint mir jene Eintheilung zu begründen. Bei der natürlichen Erzählung nimmt nernlich der Dichter eine Reihe von Begebenheiten, verknüpft sie auf eben die Weise, wie sie objektiv verknüpft zu


