Ur. 276
Zweiter Blatt
M. Jahrgang
Donnerstag, 24. November 19X0
tddietni tLgllch mtt DuSnabme beS Sonntags.
Tre ^tefienei ^amtliendlSNer- werden dem ,ÜnAeiaer* otermal robcbentltcb beiqeleql. das „Kreisblati für den Krrts Gießen" zweimal woarenrlich. Die ..LandwlNichatUichev dell* tragen" erichemen monatlich iroemiaL
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhefsen
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Unwersuäts - Buch- und Stetndruckeret.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Exvebition und Druckerei: Schul- strage 7. Exvedmon mrd Verlag: 5L
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hessischer heimaipflegeoercin.
+ Friedberg, 23. Nov.
D-er Hess is che Verein für ländliche Heimat- vslege. Wohlfahrt und Kun st pflege hielt heute unter {c[jr starker Beteiligung seine Jahresversammlung im „Hotel Trapp" ab. Der Gründer unb erste Vorsitzende des Vereins, Vrovinzialdirektor Fey- Tarmstobt, sprach seine Freude über den starken Besuch aus; und begrüßte besonders die Gräfin von Lolms-Röbelheim, als eifrige Förderin der Bestrebungen des Vereins, den Vertreter der Vroviuzialdirektion Gießen, Regierungsrat Dr. Merck, Kreisrat Schliepl-ake-Friedberg, die Schulräte Süß-Friedberg, Gunderloch-Tieburg, Eck-Alsfeld, Oberlehrer Lam- paS als Vertreter des Dülkmiieverenis, die Bürgermeister von Friedberg und Bad-Nauheim und die übrigen Bürgermeister und Lelner. Dann widmete er dem verstorbenen 2. Vorsitzenden, Grafen Oriola-Büdesheim einen warmen Nack-ruf.
Ter Vorsitzende gibt dann einen kurzen Jahresrückblick mtb betont die Gründung der Kreisvereine in Giesen und Büdingen und den Eingang der Bestrebungen in die Kreise Dieburg und Tarmstadt, wo bald ebenfalls Kreisvereine entstehen dürften. Als Hauvtzicle des Vereins gelten die Pflege der Heimat- und Volkskunst. Hier haben einzelne Männer, wie z. B. Professor Walde- Tarmstadt, schon viel geschaffen. Wir wollen den Schund verhüten in Literatur und Kunst. Tie hessischen Kunstbestrebungcu, die in erster Linie unser Großherzog fördert, sollen zu einer Heimatkunst werden, Stadt und Land müssen Hand in Hand gehen. Begrüßungsworte sprachen dann Negierungsrat Dr. Merck- Gießen, Kreisrat Schlicphake und Bürgermeister Stahl.
Lehrer O ß w a l d - Dad-Nauheim hielt hierauf einen Vortrag über „M aßnahmen gegen Verbreitung der Schund^ literatur unter der Jugend auf dem Lande". Der Vortrag schloß mit folgenden Leitsätzen: 1. Im Interesse einer gesunden Volkswohlfahrt sind bringend Maßnahmen gegen die Verbreitung der Sck-undliteratur notwendig, die in Wort, Schrift und Bild (Ansickirskarten, Plakat, Kinematograph) auch aufs flache Land eindringt inib dort unheilvolle Wirkungen ausübt. 2. Zunächst ist es Pflicht der Ortspolizei, mit allen zur Verfügung stehenden gesetzlichen Mitteln gegen das verheerende Volksgisl vorMgehen, indem sie: a) dem Plakaluiuvesen energisch steuert: b) die Kolportage und bie Ges<l)üfte, in denen Erzeugnisse der Schund!iteraNrr zur Schau gestellt unb verkauft werden, streng überwach* unb von Zeit zu Zeit kontrolliert; c) nur solche fine» matographischen Vorführungen gestattet, die vom volkserzieherisckzen und künstlerischen Standpunkt aus als wertvoll und unanfechtbar betrachtet werden können. 3. Im Kampfe gegen den Schmutz wird auf dem Lande jedoch stets an erster Stelle die Schule stehen, deren Aufgabe cd ist: a) die Jugend auf den gefahrbringenden Einfluß der Schundliteratur, wie sie durch gewisse Geschäfte und Kolporteure verbreitet wird, bei jeder passenden Gelegenheit aufmerksam zu machen; b) durch persönliches Etn- Denieignen mit den Verkaufsstellen des Ortes oder — soweit dies angängig ist — durch einen Aufruf an die in Betracht kommenden Buchhaitdltmgen der nächsten Stadt dahin zu wirken, daß das Verderbliche in Schrift unb Bild aus den Schaufenstern oct» schwindet und vor allem nicht an Jugendliche abgegeben wird (gemeinsames Vorgehen mit der Ortspolizei ist hier ratsam!); c) in positiver Arbeit die Schüler durch häufigen Aufenthalt im Freien (Wairderungen, Jugendspiclel mit offenen Augen die Natur lutb bad Menschenleben beobachten unb dadurch die innere Un- wahrhett der Schundliteratur er tonten zu lassen, ferner durch Einrichtung von allen Klassen zugänglick-en Schülerbibliotheken das viel jach vorhandene Lesebedürfnis möglichst zu befriedigen unb in die rechten Bahnen zu leiten, sowie bei den oberen Jahrgängen durch gemeinsames Lesen geeigneter zusammenhängender Dichtungen die Freude an unseren Literatur schützen zu wecken; d) die Eltern noch mehr für die Mitarbeit zu gewinnen durch entsprechende Aufsätze hi der Presse, durch Verteilung von Jugendschriften- vetzcichnissen und aufklärenden Flugblättern, sowie durch Vorträge über und aus der Sckprndliteratur (vielleicht in der Form von Elternabenden). 4. Die in der Schule begonnene Arbeit muß bei der schulentlassenen Jugend fortgesetzt werden, und zwar sollten: a) bie Fortbildungsschule für die männliche Jugend, die beute fast ganz für die berufliche Bildung in Anspruch genommen wird, eine noch weitere Vertiefung in die deutsche Nationm- liteiatui bringen unb unbedingt auch mit Vibliotl-eken versehen werden; b) bei der großen Bedeutung der Mutter für die Er- ziehuny der Jugend — jo lange die rveiblidjc Fortbildungsschule noch nicht obligatorisch ist — wenigstens in der ländlichen Haushaltungsschule gelegentlich kurze Belehrungen über die Schmutz- litcratirt und ihre Wirkungen erfolgen; c) Jugendoercine ins Leben gerufen werden, in denen neben den der Erholung dienenden Beschäftigungen (Wandern, Gesang, Untcrl-altungsspiele) auch das gemeinsame Lesen guter Bucher einen Platz finden müßte. 5. Durch Gründung von Vol ksbidl io t Helen, woM gemeinnützige Vereine nach Kräften beitragen sollten, durch Veranstaltung von Valks- unteihaltungsabendeii und vor allem durch Förderung der Heimat- Pslege ist das oft noch sehr unter der rasllosen Erwerbsarbeit leidende gesamte geistige Leben auf dem Lande immer mehr zu heben, wodurch andererseits wieder der Geschmack bei Jugend und Erwachsenen sich bessert unb das Lesebedürfnis auf gesunde Bahnen geleitet wird.
Nach lebhaftem Beifall sprach Provinzialdirektor Feh Dank für die vielseitigen Anregungen des Vortragenden und die Wege, bie er zur Erreichung des Ziels gegeben habe. Kreisschulkommis- Itonen, Lehrer unb Erzieher sollten eifrig mitwirken. Polizeikam- mijsar S ch i l b w ä ch t e r - Bad-Nauheim bestätigt, daß in Bad- Nau i)eim zweifelhafte Postkarten beschlagnahm worden seien, aber die Staatsanwaltschaft hätte das Verfahren etnstellen müssen, da sich § 184 nicht amoenben ließe und die jetzigen Bestint- nuingcn nicht ausreichten.
Pfarrer Sattler- Staden spricht von der Erziehung der Jugend zur Kunst und empfahl den „Bund der Freunde für Volkskunst" als treuen Bundesgenossen gegen Schund in Wort und Bild. Haupllehrer Storch regt die Verbreitung von Bild- unb Blumenschmuck in den Schulsälen an. Dekan Stra ck-Lcch- 9eitern sagt, Lcsevereine unb Bibliotheken verwehrten am besten das Eindringen ber Schundliteratur in die Gemeinden.
Sehr interessant ivaren die Ausführungen des Pfarrers Vogel-Reichelsheim über „Volksunterhaltungaufdem Laude". Ter Redner, der seit vorigen Winter im Austrag des Vereins wirkt, schilden seine Erfahrungen gelegentlich fein.r Licht- biibcroorrrägc als sehr ermutigend. Die Vorträge hätten Überall lebhaften Anklang gesunden. Dekan Strack-Leihgestern und Landtagsabg. Breidenbach-Dorheim sprachen sich sehr anerkennend über das Wirken des Pfarrers Vogel aus.
Die Jahresrechnung für 1909 zeigt eine Einnahme von 166b,42 Mark, eine Ausgabe von 9/0,10 Mark und einen lieber» schuß fron *695,32 Mark. Der Voranschlag wurde mit 1505,82 Mark genehmigt.
Zum 2. Vorsitzenden wurde Geheimerat Dr. B r e i b e r t in Mainz gewählt.
Eine Ausstellung von guten unb billigen Jugendbüchern war mit ber Versammlung verbunden, darunter bejanbm sich die Verlage Scholz-Mainz, Löwe-Stuttgart, Schassstein-Koln, EnSlin und Leiblein-Üieutlingen, Wiesbadener Voltsbücherei, die Aus- wänsbücherei vom Rhein-Main-Verdaud il a.
Die Siele der preusiijchen ©itmaruiipolitit.
b. Gießen, 23. Nov.
DaS Mitglied des Gesamtvorstandes des Deutschen Ostmarkenvereins Generalleutnant z. D. E. v. Müller aus Wiesbaden sprach heute in Steins Garten über „Die Ziele der preußischen Ostmarkenpolitik". Nach einleitenden Worten des Einberusers, llniversitätsprofessors Dr. M. Biermer, der die ziemlich zahlreich erschienene Zuhörerschaft, insbesondere die Vertreter verschiedener Vereine und der Studentenschaft begrüßte und zu tatkräftiger Hilfeleistung im Kampfe um eine nationale Sache ausforderte, ergriff ber Redner des Abends das Wort und führte aus:
Die öffentliche Aufmerksamkeit ist in letzter Zeit in vermehrter Weise nach dem Osten gelenkt worden, wo das Deutschtum einen schweren Kampf kämpft. Man sieht immer mehr ein, daß es nicht bloß Sache des preußischen Staates, sondern für jeden national denkenden Deutschen Ehrensache ist, so viel in seiner Macht liegt, helsend und fördernd einjugreifen, um unseren Brüdern im Osten gegen die von Jahr zu Jahr sich steigernde polnische Gefahr beizustehen. Man träumt seitens des Polenvolkes von der Wiederaufrichtung eines großpolnischen Reichs und sucht diesem Endziel mit allen Mitteln näher zu kommen. Ein stetiges Znrückdräng/n des Deutschtums ist die unmittelbare Folge der Umsetzung dieser Idee in bie Wirklichkeit. Es ist das Verdienst des Ostmark e n - Vereins^ zuerst in den Ostmarken selbst, in Posen, Schlesien, Ost- unb West Preußen, später auch im übrigen Deutschland zum Sammeln geblasen und auf die Bestrebungen des Panvolentums aufmerksam gemacht zu haben. Es haben sich infolgedessen überall im Deutschen Reiche Sammelftellen, Vereine zur Unterstützung des Ostmarkenvereins, gebildet. Hessen ist indessen in dieser Sache zurückgeblieben, und es wäre dringend zu wünschen, daß der einen Stelle in Darmstadt bald noch andere folgten, damit durch moralische und finanzielle Unterstützung bie gute, echt nationaldeutsche Sache vorwärts gebracht würde.
Die rein geschichtliche Seite des Themas wurde von dem Redner der Kürze der Zeit wegen nur kurz erörtert. Im Jahre 1772 ward Posen von Friedrich dem Großen erworben. Der große König leistete in der neuerworbenen Provinz als Organisator eine Kulturarbeit, die seinen Siegen würdig an die Seite gestellt merben kann. Aus schmutzigem, elendem Leben suchte er die Bewohner zu menschenwürdigem Dasein herauszuziehen. Seine Nachfolger setzten die Kolonisationsversuche fort, und was war der Dank? Die von Volksverhetzern geschürte Unzufriedenheit verdichtete sich au offenem Aufruhr und Empörung im Jahre 1848. Tie hyper- sentimentale Begeisterung für die „edle polnische Nation" pflanzte sich fort weit über die Grenzen des Reiches hinaus, so daß selbst in deutschen Städten die Melodieen „vom tapferen L/tbienka" unb „Noch ist Polen nickst verloren" auf ber Drehorgel gespielt wurden. Man glaubte eine Versöhnunaspolitik treiben zu müssen, wo doch nur zielbewusstes, energisches Handeln am Platze gewesen wäre. Da war es denn kein Germgerer als Otto von Bismarck, der auf die vollständige Verkehrtheit der Ost^iarken- politik jener Tage hinwies. Als Beweis hierfür verlieft der Vortragende verschiedene Stellen aus einem Briese Bismarcks, woraus flar unb deutlich hervorgeht, wie dieser große Staatsmann über die schwankende, verkehrte Polenpolitik urteilt. Es ist nun einmal so: Die maßgebenden Persönlichkeiten wollen nicht gewonnen werden, alle Vm'uck>e nach dieser Richtung hin sind noch immer gescheitert. Es ist deshalb auch verkehrt, an- tunehrnen, Kaiser Wilhelm habe mit dem Bau eines KönigS- chlosses in Posen, in dem ein Königssohn seine Residenz auf- chlägt, die Absicht verbunden, die Großen des Landes $ erbet» Anziehen. Er will durch die königliche Pfalz zeigen, das Land tst und bleibt eine preußische Provinz, ein deutsches Land. Dieser Gedanke llana auch aus einer Rede des Kaisers heraus, die er im Jahre 1902 an die Mitglieder des Johanniterordens richtete, unb die zur Folge hatte, daß ca. 40 angesehene Orbensmitglieder dem deutschen Ostmarkenverein beitraten, wie denn überhaupt eine große Zahl niederer unb höherer Beamten diesem Verein als Mitglieber angeboren.
Was nun bie Tätigkeit des Ostmarkenvereins anlangt, so ist hervorzuheben, daß verichiedene Kommissionen tätip sind in dem Bestreben, bas geistige und leibliche Wohl unterer beutschen Brüber im Osten zu pflegen unb zu heben. Unb es tut wahrlich not, beim ber Pole ist rücksichtslos gegen jeoen Fremden. Der Heine Beamte weiß davon ein Lied zu fingen. Ein nicht minder trauriges Los ist dem Lehrer meistens beschieben, den man auf jede mögliche Weise schikaniert, ihm bie notwendigsten Lebensmittel vorenthält, bie er aus ber Stabt beziehen muß. Er leistet eine Arbeit unter ben schwierigsten Verhältnissen, bie nicht hoch genug gewertet werben kann, und es erscheint unbegreiflich, wie man gegen bie sogenannte Ostmarkenzulage fein kann, bie er boppelt verdient. Die Arbeit ber einzelnen Kommissionen wächst von Jahr zu Jahr. Die Zentralstelle für bie Feldarbeiter beschäftigt jetzt 262 Beamte unb hat von Memel bis Ostrowo 40 Stellen errichtet, beren Aufgabe darin besteht, brauchbare Feld- unb Industriearbeiter zu vermitteln. Die Gcwerbeauskunftsstelle bars als bas größte Arbeitsvermittelungsbureau Deutschlands angesehen werden. Es sollen dadurch tüchtige Handwerksleute angesiedelt werden. Die Ansiedelungskommisscon hat 17 000 Familien mit rund 120 000 Kopsen angesiebelt unb 375 000 Hektar Land angekauft. Eine Grundstückserwerbsgenosfenschaft sorgt für billige, gering zu verzinsende Darlehen mit humanen Rückzahlungs- bebingungen. Nach den Anweisungen unb der Anregung durch den Ostmarkenverein ist 1908 ein Vereinsgesetz geschaffen worden, das, wenn es gleich noch nicht ganz befriedigt, doch wenigstens von dem Grundsatz ausgeht: Deutsche Sprache im Deutschen Reiche. Es fehlt noch ein Parzellierungsgesetz, das indessen vielleicht recht bald vorgelegt wird.
Auf ber Seite ber Polen bestehen verschiebenartige Kampfesorganisationen, an beren Spitze ber Adel unb ber Klerus steht. Der größte Feind des Deutschtums ist der Klems. Ihm kommt in erster Lrnie bie Nationalttät, bann erst der Beruf. Solche politische und wirtschaftliche Vereine sind: bie Straz, die aber im Abflauen begriffen sind, bie Sokols (Falken), ber Polenbund, sowie ber Unterstützungsverein für bie studierende polnische Jugend. Dieser letzte Verein hat bereits über 2000 junge Leute ausbilden lassen, bie überall zerstreut in polnischem Sinn und Geist eine gefährliche Wirksamkeit ausüben, die um so gefährlicher ist, als wir nichts Aehnliches entgegenzustellen haben. Unterstützt werben diele Organisationen durch bie polnische Presse (man zählt 135 polnische Zeitungen), durch Erwerbs- und Wirtschastsgenossenschasten unb Banken, die sich in ben letzten Jahren ungemein entwickelt haben. Aeußerst betrübenb für manche Gegenden Deutschlands, in erster Linie ist bas rheinische Industriegebiet zu nennen, erscheint die Tatsache, baß daS polnische Element derart angewachsen ist, da ßeS über die Hälfte der Bevölkerung ausmacht unb vielfach in ber Gemeindevertretung und im Kirchenvorstand in ber Mehrzahl ist. Angesichts aller dieser Erscheümngen tut Zusammenschluß der deutsch-nationalen Glieder unseres Volkes not, unb der Vortragende richtete zum Schlüsse an die Anwesenden, besonders auch an die Studenten, irvchmals die Mahnung, tatkräftig mitzuheljen und die Worte Bismarcks zu beherzigen, bie darin gipfeln: Kein Fußbreit deutschen Landes soll verloren werden.
Diesem Wunsche jchloß fcch der Vorsitzende an und dankte dem Redner für bie klaren, inhaltreicheit Ausführungen.
Mus Stadt und Land.
Gießen, 24. November 1910.
** Vresse-Sachversiänbige. Gegen bie Verwischung ber Unterschiebe zwischen den Gepfloqenbeiten ber „Wahrheit*, wie sie in dem bekannten Prozeß beroorqetreten sind, unb den Grundsätzen der anständigen Presse erhebt nunmehr auch der .ZeitungsverlagE, das Organ beS Vereins deutscher Zeitungsoerleger, Einspruch. Der Vorstand dieses Vereins drückt in einer öffentlichen Erklärung sein Bedauern darüber au6, daß bei derartigen Preßprozessen die maßgebenden Stellen so wenig bemüht sind, für geeignete Sachverständige, wie sie nur von den StandeSorganisationen vorgeschlagen werden können, Sorge zu tragen. In Nr. 46 be8 »ZeitungS- oerlagS" wird über dieses Thema ein eingehender Aufsatz veröffentlicht, in dem eS u. a. heißt:
Und ba dos Zeitungswesen mit feinen einzelnen Teilen außer- orbcntlicb kompliziert ist, und man von feinem, auch vom tüchtigsten Menschen nicht ermatten kann, baß er über alle Teile gleich sachverständig ist, so verdient die Anregung der letzten Tage aller- dinas größte Beachtung, daß sich die Gertchte um die Stellung eines öder einiger Sachverständiger an die BerussorganisaUonen wenden, und zwar mit möglichst genauer Bezeichnung des zur Begutachtung foinmenben Gebietes. In sehr vielen Fallen wirb ber herein deutscher Zeitungsverleger, der ja über ganz Deutschland verbreitet ist, einen über allgemeine Presse- nerbällniffe, i'onorar'ragen, Mitarbeilerschast usiv. sachverständigen Herrn iiach,vei>en köiinen. Tie größeren Jouriialisten- und Schnftsteller-Dereine waren dann zuständig, einen weiteren Sachverständigen zu stellen ober bem Gericht namhaft zu machen.
** Diefreie Schulgemeinbe Wickersdorf — ein neuer Schultypus. Im unteren Saale bes Hotels Schütz sprach gestern abenb Dr. G. Wyneken aus München, der bekannte Schulre^ormator, vor einem starken Zuhörerkreis über: Die freie Schulgemeinbe Wickersborf — eilt neuer Schulthpus. Der Vortragenbe ging von ber heutigen Staats schule aus, bie in ihrem Fächerwesen und ihrer einseitigen Ausgestaltung veraltet sei, in ber sich Schüler unb Lehrer meistens als Gegner gegenüberstänben. Die Schule — ein notwenbiges soziales Gebilde — müsse die geistige Arbeit einer Zeit zu einem Weltbilde zusammen fassen unb sie müsse sich bewustt n-erden, bie Jugenb ihr eigenes Leben unb ihre eigene Schönheit hade uiü) nicht lebiglichj eine Vorbereitungszcit. Die Einheit alles Unterrichtes sei bas zu erftrebenbe Jbeal, bie Einheitlichkeit aller Erkenntnis. Mit der geistigen Ausbildung müsse bie körperliche Hand in Hand gehen, namentlich sei ber Instinkt für eine gesunbe Lebensführung auszubilden. Ziel bes Unterrichts ist: ein zusammenhängenbes wissenschaftliches Weltbild, das letzte Ziel: für die eigentlichen geistigen Güter, die Werke bes Lebens, ein Organ im Schüler auszubilden. Natur- und Geisteswissenschaften find in innige Verbindung mit- cinanber zu bringen. Stoff des Geschichtsunterrichtes ist bas Werben unb Wachsen des Menschentums, also die Ge- schiHte der Kultur im weitesten Sinne. Ferner muß der Schüler erzogen werben, ein persönliches Verhältnis Lur Kunst zu haben. Der Grunbzug ber ganzen Schule sei daS Bewußtsein, baß ber Mensch sein Leben in ben Dienst höherer Ideen zu stellen hat. Ein schrankenloser Jnbivibualismus, ber die Erziehung in die Pflege von Einzekpersönlichkeiten auflösen und die Schule geradezu zerstören müsse, würde dem sozialen Charakter unserer Zeit nicht gerecht. Der Zögling soll in das Bewußtsein hineinwachsen, daß er eine Persönlichkeit, ein auf sich gestelltes, für sich verantwortliches Wesen ist. Dieses Gefühl der Freiheit bestimmt in der Freien Schulgemeinde zunächst den Verkehr zwischen Zöglingen und Erziehern. Die Schüler gruppieren sich nach eigener Wahl um die einzelnen Lehrer ober Lehrerinnen: in sogenannten Kameradschaften, in denen sie unter sich unb mit den erwählten Führern in nähere Verbindung treten. Es ist selbstverständlich, daß die Mädchen so weit als möglich an allem teilnehmen. Das Verhältnis der Knaben unb Mädchen zueinander sei von vornherein eine unbefangene Kameradschaftlichkeit gewesen und habe nie zu Bedenken irgendwelchen Anlaß gegeben. In der anschließenden Besprechung, an der si.ch Prof. Dr. Messer, Dr. Liebe^ Dr. M e u s e r u. a. beteiligten, trat namentlich Prof. Dr. Natorp-Marburg warm für die Idee des Vortragenden ein. Im Anschluß hieran wurde eine Ortsgruppe gebUbet und Redakteur Karl Neurath mit den Vorarbeiten betraut,
Starkenburg und Rheinhessen.
= Offenbach, 23. Nov. Der Verband ber Detaillistenvereine in Lessen hielt gestern hier eine Ausschußsitzung ab. Der Vorsitzende, Ka l b fuß-Darmstadt, berichtete über die Tätigkeit des Vorstandes und über die im Laufe des letzten Monats in Berlin abgehaltene Detaillistenversammlung, wegen der Pensionsver,icherung der Angestellten, der Detaillistenversammlung des Hansa- bundes unb ber Generalversammlung ber Zentralvereinigung deutscher Vereine für Handel und Gewerbe. — D« Slum en tag der Großherzogin, der am 2. Adventstag geplant war, ist auf Vorstellung hin bis zum nächsten Frühjahr verschoben worden. Die benötigten Blumen sotten auf Wunsch der Großherzogin durch Vermittlung des Ver- bandsvorsitzendeu von hessischen Fabrikanten bezogen, bena von hessischen Detaillisten vertrieben werben. — Bezüglich ber ©id) erungS Übertragung von Objekten wurde beschlosfen, m Gemeinschaft mit den anderen wirtschaftlichen Verbänden eine Eingabe an den Reichstag zu richten, in dec die dokumentarische Eintragung aller derartiger Uebertragungen in ein bei dem Amtsgericht niedergelegtes Register angestrebt werden sott. — Ten direk- ten Verkauf durch Fabrikanten an Private, sowie das Zugabeunwesen wird der Verband nachdrücklichst weiter bekämpfen, sowie eine Neuregelung bfe staatlichen Submissionswe,ens anstreben. Weiter sott an maßgebender Stelle versucht werden, daß auch in Frankfurt eine Regelung der Ausverkäufe erfolgt, damit die yefsiichen Nachbarstädte unter der Willkür ber Frarikjurtev Geschälte nicht weiter zu. leiden hobetu


