Ausgabe 
24.3.1910 Erstes Blatt
 
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Sammlungen unter freiem Himmel und Um» Rüge, von denen eine Gefahr für die öffentliche Sicher­heit nicht zu befürchten ist, im Rayon Berlin nicht gehindert werden.

Wie ans Stuttgart gemeldet wird, ist den Stän­den ein Gesetzentwurf betreffend einen Nachtrag zum Haus­halt zugegangen, durch den .zur Deckung des durch den BollzugdesVoltsschulgesetzes notwendig werden­den Aufwand 3 21841 Mark gefordert werden.

Die dem Reichstage zugegangene Denkschrift über das E i n s u h r s ch e i n w e s e n wird im Reichstage erst in einigen Tagen ausgegeben werden. Die Denkschrift nimmt Leine Stellung zu den verschiedenen Abänderungsvorschlä- gen, die in den letzten Jahren laut geworden sind, so das; der Standpunkt der Regierung zu den Fragen nicht bekannt wird. Die Denkschrift ist rein objektiv gehalten und gibt eine Dar­stellung des gegenwärtigen Zustandes mit seinen Folge­erscheinungen und der geäußerten Wünsche. Es wäre zu begrüßen gewesen, wenn die Regierung in dieser Frage, ohne sich festzulegen, auch ihre Meinung kurz vertreten hätte.

Die Druck- und Papi er ko st en für die neue Reichsversicherungsordnung, einem Bande von 1100 Seiten, belaufen sich, so schreibt inan uns aus Berlin, auf 15000 Mk. Diese Kosten verursacht allein die Druck­legung dos Entwurfes nebst Begründung. Bei derReichs - finanzreform wurden für sämtliche Drucksachen, die dem Reichstage in dieser Angelegenheit zugingen, rund 300000 Mark ausgegeben. Die alljährlich dem Reichs­tage zugehenden Kotonialdenkschriften, die mit Illustra­tionen ausgestattet sind, kosten mehr als 30 000 Mark.

Der erste Parteitag zum Zweck der Gründung eines Landesverbandes der Fortschrittlichen Volks- parteiin Baden findet am Samstag den 9. und Sonn­tag den 10. April d. I,. in Karlsruhe statt.

Ausland.

Das englische Unterhaus hat sich am Mittwoch bis zum 29. ds. Mts. vertagt, wo dann die Beratung über die das Oberhaus betreffenden Entschließungen beginnen soll.

Der Sultan gab am Montag zu Ehren des Königs und der Königin der Bulgaren ein Galadiner. Der König und die Königin der Bulgaren wohnten am Mittwoch einem Tedeum in der bulgariscyen Kirche und einer großen mili­tärischen Revue bei, an der über 30 000 Soldaten teil­nahmen. Hiermit ist der offizielle Aufenthalt des Königs und der Königin beendet, die sodann als Gäste der Stadt noch bis Montag in Konstantinopel verweilen. Das Königs­paar wohnte noch einer Sitzung der türkischen Kammer bei. .Diese nahm einen Antrag an, in welchem dem König Dank für seinen Besuch ausgesprochen wird.

Aus Teheran meldet man: Wegen des Mißerfol­ges der inneren Anleihe haben der Finanz­minister und der Justiz Minister chr Entlas­sung s g e s u ch eingcrcid)t.

Aus Philadelphia meldet man: Während die Be­mühungen der vermittelnden Persönlichkeiten zur Beilegung des Streiks der Straßenbahn-Arbeiter nicht geführt haben, nahmen 35 000 Weber, die im Sympathie- ; Errett standen, die Arbeit wieder auf.

4Heer und LLotte.

Gegenüber den Aus f üh rungen M e. Kaunas stellt dieN orddeutscheAllgemeineZei- tung" fest, daß Deutschland im Herbst 1913 nur 13 große Schiffe, nicht 17, verwendungsbereit haben wird. Auch beträgt die Bauzeit der Nassau-Klasse durchschnittlich 38,6, nicht 26 Monate, wie Kenna annimmt.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 24. März 1910.

* * Ordensverleihungen. Der Großherzog hat dem Fabrikanten Karl Hild in Mainz das Ritterkreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen und dem Bürgermeister, Ortsgeinchtsvorsteher und Standes­beamten Peter Klotz I. zu Holzheim das Allgemeine Ehren­zeichen mit der InschriftFür langjährige treue Dienste" am Bande des Verdienstordens Phiupps des Großmütigen verliehen.

* * Aus bem Militär Woche nbla11. Zu General­majoren befördert die Obersten v. Hutier, Kommandeur des L^ibgarde-Jnf.-Reg ts (1. Hess.) Nr. 155, unter Ernennung zum Kommandeur der 74. Jnf.-Brig., v. Bveckmann, Komman­deur des Jnf.-Regts. Prinz Earl (4. Hess.) Nr. 118, unter Er­nennung zum Kommandeur der 60. Jnf.-Brig. Zu Komnran- danten ernannt die Obersten: v. Randow, Kommandeur des 8. Bad. Jnf.-Regts. 9h:. 169, von Darmstadt, und v. Ruv ille, Kommandeur des 6. Thüring. Jnf.-Regts. Nr. 95, von Mainz. Ium Regimentskommandeur ernannt Oberst o. Etzel, Direktions- mitglied an der Kriegsakademie, unter Versetzung zum Leibgarde- Jns.-Regt. (1. Hess.) Nr. 115. Versetzt die Oberstleutnants und Bats.-Kommandeure: v. Dewitz im Inf.-Regt. Kaiser Wilhelm (2. Hess.) 9h:. 116, zum Stabe des Gwßh. Niecklenburg. Füs.Regts. Nr. 90. Zum Oberstleutnant befördert Major Heuer Brns.- Kommandeur im Inf.-Regt. Kaiser Wilhelm (2. Hess.) 9tr. 116. Der Charakter als Oberstleutnant verliehen den IViajoren z. D. Frhr. Treu sch v. Buttlar-Brandenfels, Kommandeur des Landw.-Bszirks II Darmstadt, v. Graevenitz, Pferde- Vormusterungs-Kommissar in Darmstadt. Zum Bataillonskom­mandeur ernannt Major d. Sodenstern beim Stabe des Kur Hess- Jäger-Bats. 9er. 11, unter Versetzung in das Jnf.-Regt. Kaiser Wilhelm (2. Hess.) 9h:. 116. Vom 1. April 1910 ab auf ein ferneres Jahr zur Dienstleistung beim Großen General- stabe fomntaitbieri die Oberleutnants: Frhr. v. Gienanth im Gardc-Trag.-Regt. (1. Hess.) 9h:. 23, v. Stülpnagel im Lcivgarde-Jnf.-Regt. (1. Hess.) Nr. 115, Sold an im Jnf.- Regt. Kaiser Wilhelm (2. Hess.) Nr. 116, v. G ilsa tm Grvßh. Art.- Korps, 1. Hess. Feldart.-Regt. Nr. 25, Hunzinger, Lcutn. im Hess. Train-Bat. 9h:. 18, zum Oberleutnant befördert. Haupt- maim und Kompagniechef 5toetschau int Jnf.-Regt. Kaiser Wichelm (2. Hess.) 9h:. 116 als Lehrer zur Kriegsschule in Glogau versetzt. Versetzt: Hauptmann und Militärlehrer Klinger an der Haupt-Kadettenanstalt, als Komp.-Lhef in das Jnf.-Regt. Kaiser Wilhelm (2. Hess.) 9h:. 116. Zur HauptLadettenanjtalt als Erzieher die Leutnants: Thiele im Jnf.-Regt. Prinz Carl (4. Hess.) Nr. 118, vom Kadettenhause in Bensberg: Derlei, Leutn. und Erzieher, in das Jnf.-Leib-Regl. Großherzivgin (3. .Hess.) Nr. 117, vvm Kadettenhause in Wahlstatt Leutn. und Erzieher Mootz, in das Jnf.-LLid-Regt. Großherzogin (3. Hess.) 9cr. 117. Aus der Marine scheiden am 31. März aus und werden mit dem 1. April 1910 im £ fiere angestellt: v. Sierakvwski, Oberleutn., Adjutant der Jnip- der 9Narine-Jnf. und Platznrajor in Kiel, unter Verleihung eines Patents vom 12. September 1903, int Jnf.-Leib-Regt. Großherzogin (3. Hess.^ Nr. 117, mit Patent vom 22. 9Nürz 1908 befördert Fähnrich Schweiger im Jnf.- Regt. Prinz Carl (4. Hess.) Nr. 118. Zu Leutnants befördert die Fähnriche: v. Eichhos im Leib-Trag.-Regt. (2. Hess.)9h:. 24, Müller im Hess. Train-Bat. 9tr. 18, die Unteroffiziere Hvl- lidt im Inf.-Leibregt. Großherzogin (3. Hess.) Nr. 117, Zick­graf im Jnf.-Regt. Prinz Carl (4. Hess.) Nr. 118. v. Behr, Oberstleutnant beim Stabe des Gren.-Regts. König Friedrich der Große (3. Ostpreuß.) Nr. 4, unter Versetzung zum Jnf.-Regt. Prinz Carl (4. Hess.) Nr. 118, mit der Führung dieses Regts.

beauftragt. In Genehmigung des Abschiedsgesuches mit der ge­setzlichen Pension zur Disp. gestellt: v. Eckenbrecher, Kom­mandant von Tarmstadt. Der Abschied mit der gesetzlichen Pen­sion ans dem aktiven Heere bewilligt und als Leutnant im Re­giment angestellt Leutnant v. Schuler im! Jnf.-Regt. Prinz Carl (4. Hess.) Nr. 118.

Jubiläums-Pferde markt. Die Vorbereitungen zu dem Jubiläums-Pferdemarkt am 6. April sind eifrig be­trieben worden. Die Veranstaltung wird glanzvoll ausfallen und kann des Interesses unserer Beoölkertmg in weiterem Umfange sicher sein. Zu dem eigentlichen Markt sind schon recht belangreiche Anmeldungen edler Tiere eingegangen. Besonders werden nichtoberhcssische Pferdehändler den Markt gut beschicken, so daß Kaufliebhabern eine große Auswahl zur Verfügung stehen wird. Auch aus landwirtschaftlichen Kreisen, namentlich von unseren Pferdezüchtern aus der Wetterau, scheint dem Markt ein verstärktes Jnteresie ent­gegengebracht zu werden. Der Glanzpunkt der Veranstaltung wird zweifellos das Sportfest an der Hardt werden, bei dem die Regimentskapelle unter Leitung des Ober-Musikmeisters Loeber konzertieren wird. Das Reiterfest soll allen Schichten unserer Bevölkerung zugänglich gemacht werden, weshalb man davon abgesehen hat mit Ausnahme für die 300 Plätze der gedeckten Tribüne ein Eintrittsgeld zu erheben.

* * Meisterjubiläum. Der Obermeister der Firma Heinrich Schaff st aedt, G. m. b. H., Christian Rein­hardt, begeht am Samstag sein 25jähriges Meister- jubiläum. Durch Gewissenhaftigkeit und unermüdlichen Pflicht­eifer hat der Jubilar sich die Wertschätzung und Achtung des bisherigen Alleininhabers der Firma, Kommerzienrat H. Schaffstaedt, wie auch die dec jetzigen Geschäftsleitung und Beamten erworben. Er war auch dem Fabrikpersonal stets ein wohlwollender und gerechter Vorgesetzter und bildete da­mit ein wertvolles Bindeglied zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Deshalb ist es begreiflich, daß Geschäfts- leitung, Beamtenschaft und Arbeitcrpersonal darin wetteifern, Herrn Reinhardt an seinem Jubeltage mit Ehrungen mannig­facher Art zu erfreuen.

** Kolosseum. Ter interessanteste Kampf des Tages war der Entscheidungswmpf Pierre le Boucher mit Eigemann (Rbeinl.). Ter Kampf war reich an Abwechselung und spannend, teilweise aber etwas roh. Keiner ließ fid)i etwas gefallen und östers prallten die Kopfe mit aller Wucht gegeneinander, an Kraft und Technik fehlte es keinem, nur der Franzose erlaubte sich m den gefährlichsten Situationen immer wieder verbotene Griffe anäuiueruxn. Der Kamps dauerte schon 35 Minuten, da plötzlich lam der Rheinländer durch einen kräftigen Schwung des Fran­zosen auf beide Schultern. Tie Gesamtzeit des Kampfes war 1 Stunde und 5 Minuten. Ter Mann mit der 9Nas le hatte heute abend mit dem Polen leichtes Spiel. Schon nach fünf Minuten lag er regelrecht auf beiden Schultern. Es stehen durch diesen Unbekannten noch interessante Kämpfe bevor. Ein wunder- warer Kamps war der letzte, zwischen bem deutschen Weltmeister Weber und dem Ungarn Karzurky. Ter Ungar kämpfte wie immer in feiner Planier, aber er hatte keine Aussicht, die Oberhand zu beßom'm'en und in der achten Minute sah man, daß er nur ein Spielball Webers mar. Er wurde durch einen ceinture ä retours besiegt. Heute steht die Entscheidung Macdonald- Weber bevor.

Glau berg, 23. März. Mehrere Landwirte ver- ivendeten zur schnelleren Mast der Schweine sogenanntes Fischmehl, welches man in der Regel zum Füttern der Hühner verwendet. Bald nach der Fütterung verendeten 11 Mastschweine und 2 Mutterschweine. Der Schaden ist bedeutend. Die Untersuchung der Futtermittel ist im Gange,

x Nidda, 23. März. Die Höhere Bürger­schule umfaßt 5 Klassen von Sexta bis Obertertia. An der Schule unterrichten 6 Lehrer, darunter 3 Akademiker und eine Handarbeitslehrerin. Unsere Gewerbeschule feierte heute den I a h r e s s ch l u ß. Sie war im Laufe des Jahres von 152 Schülern besucht und zwar besuchten 41 Schüler die Tagesschule, 90 die Handwerkerso nntagsfchule und 21 die Abendfortbildungsschule. An der Tagesschule unterrichteten 5, an der Sonntagsschule 3, an der Abend­schule 2 Lehrer. Am meisten war unter den Schülern das Maurerhandwerk vertreten (21). Die Feier wurde in der Gewerbeschule iabgehalten Der Vorsitzeirde des Ausfichts- rats, Rentier Ringshaufen führte aus, wie bei der Ueber- setzung der Beamtenstellen das .Handwerk wieder mehr be­gehrtwerde, und daß ein tüchtiger Handwerker nicht weniger Ehren wert sei als ein anderer. Natürlich müsse der Hand­werker etwas ordentliches lernen. Dazu biete die Schule Gelegenheit. Hauptlehrer Höhn gab dann den Jahres­bericht der Schule. Es solle für die Folge eine Ausstellung «guter Mustenverke in die Wege geleitet werden, z. B. von Grabmalen: uni) Kunstgegenständen, um dem Geschmack die rechte Richtung zu geben. Den Schülern wurden hieraus die Zeugnisse übergeben und dann wurde ein Rundgang durch die wieder sehr zahlreich beschickte Ausstellung von Zeichnungen und Modellen angetreten. Sehr vermehrt waren gegen frühere Jahre Modellierarbeiten.

A Butzbach, 23. März. Eine Lokomotiofabrik soll hier am Bahnhof entstehen. Die Firma Gebrüder Freitag hatte bereits bei Großen-Linden Gelände im Kauf gehabt, ließ aber ihr dortiges Projekt fallen, zumal die Stadt Butzbach das Gelände sehr billig abtrat. Die Firma hat 6000 Quadratmeter erworben.

L. Bad-Nauheim, 23. März. Die Regierung beab­sichtigt den Salinenbetrieb, bezw. die zur Salzbereitung dienenden Gebäude, zu verlegen, und zwar östlich der Main- Weser-Bahn. Das hierdurch frei werdende Gelände soll als Baiiplätze verkauft werden, um einen neuen Stadtteil zu schaffen, der sich an unsere Hauptpost und den Karlsbrunnen anschließt. Der erste Schritt hierzu ist geschaffen. Ein hie­siger Arzt hat einen Bauplatz am Wege nach dem Ludwigs* brunnen erworben und seit wenigen Tagen ist mit bem Bau einer Villa begonnen worden. Am inneren Ausbau der Kolonnade, dem Tennishause und dem Cafe sind alle mög­lichen Handwerker beschäftigt und es wird zum 1. Mai fertig- gestellt fein. Die neuen Tennisplätze sind abgesteckt, zwei Fürstenzellen in Badehaus VII und II werden eben her- gerichtet, die eine ganz in Marmor ausgeführt. In der großen Allee, im Park, auf der Kurhaus- und Teichterrasse sieht man viele Hände sich regen, um bis zum 1. Mai fertig zu werden. Für die beiden Obst- und Blumenverkaufsbuden am Aliceplatze sollen für dieses Jahr 2300 Mk. geboten worden sein, gegen 1200 im verflossenen Jahre.

x Bad Nauheim, 23. März. In der gestrigen Sitzung der Stadtverordneten teilte Bürgermeister Dr. Kayser mit, daß bei den Freibädern, die in der Zeit vom 15. April bis 15. Oktober an die Bürger ab­gegeben werden, das 9Nitbringen eigener Wäsche nicht mehr gestaltet ist. Die Großh. Badedirektion fordert, daß für

jedes Bad eine Wäschekarte zu 20 Pfg. gelöst werden mutz. Dieser Tage hat sich hier eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung begründet, die es übernehmen will, vom 15. April ab den Personenverkehr in der Stadt und in nächster Um­gebung von hier mittels Automobil-Omnibussen zu bewerkstelligen. Die hiesige Droschkenkutschervereiirigung hatte nun ein Gesuch an die Stadtverwaltung gerichtet und darin gebeten ,der geplanten Automobilverbmdnng vom Bahnhof nach dem Hochwald die Genehmigung zu versagen. Der Vorsitzende teilte mit, daß bei der bestehenden Gewerbe- sreiheit in der Sache wenig zu tun sei, zumal es sich um kein konzessionspflichtiges Unternehmen handle.

-o. Mainz, 23. März. Der Bericht des st ä d t i s ch e n Finanzausschusses ist aus einen kritischen Grundton gestimmt. Es wird darin ausgeführt, daß die Staaten das finanzielle Leben der Städte erschweren, indem sie dem Gemeinwesen auf der einen Seite fortwährend Aufgaben zuweifen, die eigentlich Sache des Staates waren, und die Gemeinden finanziell belasten, Ivie durch die Talonsteuer, andererseits ihnen aber auf der Suche nach neuen Ein­nahmequellen hindernd in den Weg treten und diese Quellen selbst benutzen. Mainz habe in diesem Jahre zu den Pro­vinzial- und Kreislasten 278000 9Nk. zu zahlen und nach einem Beschluß der Regierung solle es jetzt zu den Kosten der Oberrechnungskammer mit ungefähr 5030 Mk. herangezogen werden. Gegen diese Anforderung müßten die Gemeinden entschieden Verwahrung einlegen, sonst könnten in den nächsten Jahren noch andere Forderungen, schließlich sogar Ersatzleistungen für Gehalte der Minister usw., den Gemeinden zugemutet werden. Die Betriebs­rechnung schließt im Voranschlag ab mit 9 953045 Mk. Ende 1908 betrug die Schuld der Stadt 42 734 230 Mk. und das Vermögen 76 773 258 9Rk., d. i. eine Zunahme der Schulden seit 1891 um etwa 105 Proz. Da im gleichen Zeitraum die Schulden der Städte mit über lOOOo Einwohnern um 280 Proz. durchschnittlich gewachsen sind, bezeichnet der Finanzbericht die Lage als nicht gerade beunruhigend. Ob zur Deckung des nach den neuen Steuerbeschlüssen noch bestehenden Fehlbetrages von rund 270000 Akk. die Um­lagen erhöht werden, oder die Summe aus den Betriebs­überschüssen genommen werden soll, ist noch nicht entschieden.

R. B. Darmstadt, 23. März. In Anwesenheit der Großherzogin als Protektorin sand heure vormittag dis Feier des 50jährigen Jubiläums der Heidenreich von Siebold-Stiftung zur Unterstützung armer Wöchnerinnen statt. Oberbürgermeister Dr. Glässing hielt die Festrede, in der er einen Bericht über die Tätigkeit der Stiftung gab, die seit ihrem Bestehen über 11000 Wöch­nerinnen unterstützt hat. Geh. Obermedizinalrat Dr. Neid­hart sprach namens der 9Ninisterial-Ab^eilung für Gesund­heitspflege und teilte mit, daß der Großherzog der Präsi­dentin, Frmi Sanitätsrat 9Naurer, die neugestiftete Ernst- Ludwig-undEleonoren- Medaille" ver­liehen habe, eine Auszeichnung, die damit zum ersten Male erfolgte.

d. Mainz, 23. März. In der heutigen Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung wurde unter sieben Bewer­bern der Kaufmann und Küfer Schilling zum Stadthalle- Restaurateur-gewählt. Er erhält die Restauration auf fünf Jahre zum jährlichen Pachtpreis von 18 000 Mk. Der Gastwirteverband hat in einer Eingabe an die Stadtver- ordneten-Versammtung über die Ausführung der Polizei­verordnung betr. die Animierkneipen, Beschwerde ge­führt. Besonders beklagt sich der Gastwirteverband über die gemachten Ausnahmen. Während dem einen Gastwirt, der Kellnerimienbedienung in feinem Lokale hat, der Zehn­uhrschluß nicht aufgelegt wird, muß der andere Restaurateur, der ebenfalls keine Animierkneipe führt, um 10 Uhr des Abends schließen. Der Verein verlangt gerechte Ausfüh­rung der Ausnahmebestimmung oder Mshebung der erst beschlossenen Polizeiverordnung. Auch einzelne .Stadtver­ordneten führten über die ungerechte Behandlung Klagen; der Oberbürgermeister versprach Abhilfe.

-f- Wetzlar, 23. März. Die Schulen unseres Be­zirks sind angewiesen worden, Ucbungen im schnellen und doch geordneten Verlassen der Schul zimmer überall oorzunehmen, damit im Fall eines ausbrechenden Brandes usw. das Haus ungefährdet verlassen werden kann. Mindestens jedes Vlerteljahr ist eine Hebung zu veranstalten und ein Vermerk darüber in das Tagebuch einzutragen.

fc. Usingen, 23. März. Der 75 Jahre alte Steiger Hühn in Haffelbach durchschnitt sich den Hals. Da der Verlebte in geordneten Verhältnissen lebte, ist anzunehmen, daß die Tat in einem Anfall von Geistesstörung geschehen ist.

Frankfurt a. M., 23. März. Die Bäckermeister lehnten den vom Gewerbegericht als Einigungsamt einstim­mig gefällten Schiedsspruch, der den Gehilfen einen Ruhe­tag alle 10 bis 14 Tage bringen soll, ab. Die Bäcker- gehilf en, die dem Schiedsspruch zustimmlen, beschlossen in einer sehr stark besuchten Versaminlung, ihre Forderungen auf der Grundlage des Schiedsspruches durch StreiLund Boykott durchzuführen. Der einstimmig beschlossene Ausstand erfolgte sofort noch gestern abend. In Betracht kommen ungefähr tausend Bäcker und Bäckereihilfsarbeiter.

Gießener Strafkammer.

)( Gieß en, 23. März.

Ter Verkauf der Dorrmühle bei Willofs,

der den Jilstallateur I. I. F. I. von Frankiurt a. M., den Ackers- mann M. W. und dessen Ehefrau wegen Betrugs unter Allklage brachte, sand feinen Abschllltz in der Verurteilung des I. zu zwei Jahren und 6Aionaten Gefängnis, unter Anrechnung von 2 Monaten Untersuchungshaft. W. wurde zu 6 Monaten Ge'ängnis üerurteilt und ihm die bürgerlichen Ehrenrechte auf drei und I. aus fünf Jahre aberkannt. Frau W., die einen sehr beschränkten Eindruck machte und bet der Verhandlung stets erklärt hatte, sie habe nur das getan, was ihr von den anbeten gesagt worden ist, wurde als daS lvlllenlose Werkzeug der allderen Allgellagten angesehen unb srelgesprochen. Die Verhandlung hatte ergeben, daß weder der eine, noch der andere Angeklagte im Besitze eines nennenswerten Vennogens war; diesen Umstand haben sie nicht nur verschwiegen, soildern sich auch so gestellt, als seien sie zahlungsfähige Leute. I. mußte höher bestraft werden als W., da dieser erhebllch vor- bestrast ist unb er die Hauptrolle in der Angelegenheit gespielt hat. Als strasmindernd ronrbe die unglaubliche Leichtgläubigkeit des seitherigen Besitzers und dessen Verlrallensseligkeit Hervorgehoben, durch die den Angeklagten ihr Vorgehen leicht gemacht wurde.

GerichtsjaaL.

** DaS Recht auf d i e Straße. 21m Dienstag ver­handelte das Schöffengericht gegen den Fuhrknecht de§ Unternehmers Nippel wegen G e f ä h r d u n g e i n e s Eisenbahn­transportes. Der noch junge Mensch ivar an einem Tezember- abeild am Treffpunkt der Schanzen- uni) Bahnhofstraße mit fernem Fuhrwerk mit einem Straßenbahnwagen zusarnmengestoßen, fo daß dessen vordere Blendlaterne in Trümmer ging. Tte Beivets- ausnahlite ergab: Lurz vor der Bahnho'slraße hörte der Ailgeklagte den Wagen der Straßenbahn kommen, der znnl Bahnhof fuhr, und hielt illfolgedessetl mit feinem Wagen kurz vor den Schiene,! in der