Ausgabe 
24.3.1910 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Die heutige Nummer umfa&t 12 Seiten.

Herrn aufs Haupt gedrückt.

Legenden bezüglich des Ortes

Nr. 70

Der Siebener Anzeige, erscheint täglich, außer

Tarnen frone gewunden und dem dessen Mut vergossen.

Wenn Wir bedenken, daß die

Assessor mit Anstellungsdelret ausgerüstet, hierdurch allein dieselben Herren Sozialdemokraten und Juristen, die für die raschere Anlegung des Grundbuchs stiinniten, tränen auch die V er an t wer Ning, das; am 31. Jcai^ 1JUU in der Zweiten Kammer beschlossen nmrde, 14 n e u e- b e r -- für ft er anzustellen. Tie Abstimmung war eine nament-- liche. Für die Anstellung neuer Oberförster stimmten die Abgeordneten: Berthold, Cramer, David, Euler, Dr. Gut- ileisch, e-°ö (Main-; , Jäckel. MSllinger, Molthan, Pennrich, Rau, Schlenqer, Schmeel, Schröder, Ulrich, Weidner, Weith, Reinhart, Schmitt. Dagegen stimmten die Abgeordneten: Bähr, Brauer, Brunner, Diehl, Erk, Horn, ^outz, Kohler (Langsdorf), Korell, Leun, Ohl, Pitthan, Rrpper, Schill, Schönberger, Wolf, Scksmalbach.

Hätten nur zwei der ersteren mit den letzteren gestimmt, dann hätte nicht nur der Staat 2 Millionen Vermögen mehr, sondern auch ferner etwa 2 Millionen zu ordent- lichen Ausgaben zur Verfügung. .

Somit konnte man im Sinne des Herrn Ftnaiizmimsters Gnauth eine größere Schuldentilgung vornehmen (Abgang, und Pensionierung des Herrn Gnauth wäre dann Nicht nötig gewesen) oder man brauchte diesmal keine Steuer- erhöhung oder man konnte den gering besoldeten Beamten eine Teuerungszulage gefreit

Die Erste Kammer hat inzwischen, wie wir gestern berichteten, beschlossen, dem erwähnten Beschluß der Zweiten Kammer, der nur mit 2 Stimmen Mehrheit angenommen wurde, nicht beizutreten, dagegen soll aber an die Re­gierung das Ersuchen gerichtet werden, auf eine Verminde­rung der Amtsrichterstellen bedacht zu sein. Darauf hat dis Zweite Kammer einen Antrag angenommen, der die Bedenken zu dem ersten Beschlüsse aufhebt, und bie Erste Kammer ist diesem Schritte beigetreten. So wurde auch für diese Frage der beste Ausweg gefunden.

Als man Jesu kreuzigen wollte, waren alle Bäume, wie eine ungarisch? Sage berichtet, fest entschlossen, sich nicht als Marter- hcckz pveiszugeb *' L"""

Deutsches Heid?.

Die Berliner Stadtverordnetenversam m lung beschloß mit großer Mehrheit, den Magistrat zu er­suchen, bei den Staatsbehörden dahin zu wirken, daß Ber- Dir Mvosrose ist einer sinnigen Legende nach aus einem Bluts-- tropfen Jesu entstanden, der aus den Nägelwunden aufs Moos fiel, die Damaszener Rose aber erwuchs aus dem Schweiße des Herrn, als er nach Golgatha schritt.

Außer der Pflanzenwelt spielt auch die Tierwelt in den Kar sreitagslegenden eine nicht unbedeutende Rolle. So berichtet eine Legende von den Fischen, daß jic sich alle versteckt hätten, junj die Qual des Heilandes nicht mitansehen zu müssen: ja, das Rotauge habe sich damals sogar die Ailgen blutig geweint. Nur ein Heckst schoß raubgierig in dem Flusse bin und her, den Christus entlang kam. Als der Herr das RausckMt des Wassers hörte, sab er hinunter, und fein milder Blick' traf den Hecht- Seitdem trägt er aus zarten Gräten alle die Starter-Werkzeuge im Kopfe. Nach einer bayerischen Sage sollen die Fische mrbekümmert um Jesu Leiden und Sterben lustig geschnalzt haben. Zur Strafe hätten sie nun kaltes Blut und würden lebendig aufg-eschnitten.

Tie Vögel waren alle tief betrübt. Die Lerchen versuchten, ihm mit ihren kleinen Schnäbeln Wasser zuzutragen: zum Tank erhielten sie den hohen Flug und den schönen Gesang. Nur die Krähen blieben ungerührt. Darum müssen sie im heißen Monat August Turst leiden, die Schnäbel aufreißen, können aber nicht trinken.

Auch die Sperlinge fühlten fein Mitleid, sie trugen sogar nach einer russischen Legende den Kriegs knechten die klaget wieder zu, die die Schwalben heimlich entwendet hatten. Und- als Christus am Kreuze litt, da riesen die Schwalben immer: Urner, inner!", d. h. er ist tot! Sie wollten, daß man ihn nicht länger martere. Tie Sperlinge dagegen schrien voll böser Al>- sicht: ,Hif, Hf!"; d. h. er lebt! und ftad)clten seine Peiniger zu neuer Grausamkeit an. Zur Strafe für seine Sünde sind die st-üße des Sperlings durch unsichtbare Wetten miteinander ver­bunden, darum kann er nur Hüpfen, aber nickst laufen.

Zu den sinnigsten Legenden gehören auch die vom Kreuz schnabel und vom Rotkehlchen. Ter Kreuzschnabel versuchte mit seinen schwachen Kräften die Nägel aus Jesu Füßen und Händen zu entfernen, aber es gelang ihm nicht- Sein kleiner Schnabel bog sich hin und lher und ist noch heutigentags kreuzweis ge­krümmt. Auch das Rotkehlchen flatterte ängstlich um den Ge­kreuzigten und bemühte fich, die Nägel herauszuziehen, wobei sein Gefieder vom Blut des Herrn rot gefärbt ward Aber er« vermochte auch nichts. Seitdem kann das Rotkehlchen keinen toten Mensckicn sehen. Es ist der Tobias unter den Vögeln. Wenn irgendwo ein Erschlagener im Walde liegt, von dem niemand weiß, den niemand aushebt und bestattet, fliegt es herzu und legt ein Zweiglein ober einige Blätter auf sein Antlitz, um ihn zuzudecken, so gut es kann.

Was hauptsächlich zu einer Bemängelung des Systems Anlaß gegeben hatte, das waren die unftrei igen Mißerfolge der deutschen Diplomatie in den letzten I ihren. Tie Haupt­schuld daran trifft zweifellos die oberste Leitung. Wie angc ist's denn her, daß man von derPolitik der Reisen und Feste" sprach, von denGeschäften im Umherziehen"? Das ist nun etwas besser geworden, aber die Erfolge sind noch immer nicht derart, tote man bei den hohen Ausgaben des deutschen Volles für seine Macht und Stärke erwarten müßte. Viel kritisiert wurde gerade die Art, wie unsere wichtigsten diplomatischen 91 em ter besetzt werden, daß man Hofleute, Männer mit allerlei anziehenden Uncerhaltungs gaben uud wohlklingenden Namen auf Posten setzt, denen sie nicht gewachsen sind. Ein ganzes Buch sprachen die be­kannten Begleitumstände bei der Berufung des ameritani scheu BolsckMers Hill. Uns scheint, ein kleiner Rest ver­kehrter Muffa Jungen steckt auch noch in der ob:gen amt lichen Erklärung. Allein ausschlaggebend bei dec Auswahl sei doch immer das Staalsinterefte. Innerhalb des über­lieferten Brauchs, nur im Adel nach den Befähigten zu suchen? Ein H a u p t entscheidungsmoment scheint bisher auch darin gelegen zu haben, ob der Anwärter über glän­zende Reichtümer verfügt. Es muß immer mehr darauf gedrängt werden, daß der Auswahl der tüchtigsten Kräfte Leine engen Grenzen gezogen werden. Solange das Volk die Fehler und Mißerfolge in der auswärtigen Poli.ik steht, solange wird es auch über die schlechte Auswahl der Diplo­maten klagen. Herr v. Schoen hat übrigens am 16. März im Reichstag ausdrücklich gesagt:

Cs findet keine Bevorzugung des 2ldels ober der Plutokratie, weder in der Thaoric, noch in der Praxis, statt. Herr Strescmann hat behauptet, daß systematisch die Adligen nur mit großen Missio­nen betraut werden. Ich bin drei Jahre im Amte, habe aber von solchem System keine Ahnung."

Es wird nicht schwer sein, zu beweisen, daß diese Aus­führungen mit der Wirklichkeit und auch nut der neuen amtlichen Darlegung einigermaßen im Widerspruch sich be­finden. Herr v. Schoen hat bei ivichtigen Anlässen eben immer bewiesen, daß er nichts Bestimmtes und Treffendes zu sagen weiß.

3»m heMchen Iustizhanrhalt.

Als Entgegnung auf den Artikel in Nr. 63 zweites Blatt desGieß. Anz." schreibt uns ein oberhessischer Landtags­abgeordneter:

Der Antrag auf Genehmigung von 15 Amtsrichterstellen auf den Inhaber hat seine volle Berechtigung gehabt, man wollte damit erreichen, daß künftighin sparsamer gewirt­schaftet würde. Die Anlegung des neuen Grundbuchs kostet dem hessischen Staat bis jetzt 4 Millionen, hätte man vor 10 Jahren dem Antrabe der ländlichen Abgeordneten, mit dieser Anlegung langsamer zu tun, zugestimmt, dann stände heute das Staatsvermögen um 2 Millionen besser.

Obwohl an kleinen Amtsgerichten der angestellte Richter nur wenig gu tun hat, also die Anlegung des neuen Grund­buchs nebenbei mit Leichtigkeit besorgen konnte, beauftragte man dennoch einen Assessor mit dieser Arbeit.

An anderen Amtsgerichten legte der Amtsrichter das Grundbuch an und der extra verwendete Assessor versah die Dienstgeschäfte des angestellten Richters.

Wenn nun dieses Verfahren zulästig war, warum will man nun jetzt behaupten, die Rechtspflege leide Not durch den Beschluß der Zweiten Kammer?

Es ist doch nicht anzunehmen, daß der verwendete in der Christus am Kreuze hing und die Sonne den Trauerflor um sich hüllte, ging ein Zagen durch die ganze lebende Natur. Nur die Espe stand ungerührt.Was kümmert uns," sprach sie, dein Leiden? Sind wir doch rein, wir Bäume, Blumen und Man-en und haben nicht gesündigt!" Ader Astarvth, der Todes- enget, nahm die schwarze Schale mit des Erlösers Blut und goß >ie aus an der Wurzel der stolzen Espe. Ta erstarrte'der unglück­liche Baum. Seine Blätter senkten sich. Nimmermehr tarn Ruhe in seine Zweige, und rcenn alles still ist, selig und ruhig, zagt und zittert sie und heißt Zitterpappel bis auf den heutigen Tag.

Wie in dieser, so tritt auch in anderen Karfreitagslegendenl das Motiv der Bestrafung auf. So soll nach einer deutschen Sage ter Seidelbast ober Zeiland früher ein stolzer Baum mit süßen, wo bl'ck weckenden Früchten gewesen fein. Als aber die Juden aus ihm das Kreuz Christt zimmerten, traf ihn der Fluch des Herrn. Er schüvand dahin und verkümmerte, bis er endlich zu einem kleinen, mageren Sträuchlein mit giftigen Beeren wurde. Sck'reden und Schottländer glauben, daß das Kreuz Christi aus dem Holz der Espe gemad't worden fei, und daß der Baum deshalb gleich dem ewigen Juden keine Ruhe finde. Ebenso muß die Stechpalme Sommer wie Winter grünen, da ihre Zweige zur

Karfreitagskgenben.

Bon Franz P sl u g k.

Tas Boll, das einst Jesu Kreuz umstand, ahnte wohl kaum, welches Trama von erschütternder Tragik fich vor seinen Augen abspielte. Mitleidlos schaute es Jesu Leiden und Sterben zu und lehrte gleichgültig nach des stillen Tulders Tode in die etabt Jerusalem zurück Als der Herr gestorben war, da erbebte die Erde, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich aus. Ein unendlich.c Schmerz, ein furchtbares Entsetzen durchzittert unb erschüttert die ganze Gottesschöpfung, die Zeuge des Leidens und Sterbens Jesu ist. Das ist der Grundton der Evangelisten- wvrte. Ihm begegnen wir wieder in so mancher sinnigen Legende Sie legen Zeugnis ab von der Tiefe und Innigkeit des BKksf- gemüts.

Nach einer märkischen Legende Waren die Weiden früher nur niedrige Sttäucher. Als der Herr in Gethsemane gefangen wurde, schauten sie voller Neugier empor. Wie sie die Gefahr erkannten, erstarrten sie vor Schreck und konnten fich nicht mehr zurückziehen. Und als nun gar die Häscher Zweige von ihnen abbrachen, um dm Herrn zu fesseln und zu schlagen, da furchte sich ihre Rinde vor Gram, und ihre Aeste sträubten sich empor, wie die Haare auf dem Kopie eines zu Tode erschrockenen Menschen. Von den Weidenruten aber, mit denen der Heiland geschlagen Horden war, stammen die Trauerweiden ab, die bis zum heutigen Tage in tiefem Schmerze ihre Zweige zur Erde neigen.

Aehnlich lautet eine Legende tont Hollunder. Er war früher ein Baum mit glatter Rinde und kräftigen, biegsamen Zweigen. Als nun Jesus gegeißelt wurde, da schämte sich der Hollunder, daß er zur Peinigung des Heilandes dienen mußte: sein Aussehen wurde faltig und sorgenvoll, und er ließ.feine Ruten spröde werden, damit sie schnell zersprangen. Gleichzeitig fentte er feine vorher aufrecht stehenden Blütenbüschel voll trauer herab. Tiefes Weh erfüllte auch den Schwarzdorn, hatten doch trotz heftigen Sträubens die Kriegs tu eckte Zweige von ihm gebrochen, um daraus des Heilands Toi neu frone zu winden. Ter Herr aber erkannte des Strauchs Unschuld und schmückte ihn mit kleinen weißen Blüten.

Tie Eiche, zu der die Juden zuerst gingen, leistete tapferen Widerstand: die Weide entichlüpfte, indem sie sich bald rechts, bald links zog: die Tanne stach mit ihren Nadeln: nur der Espe nützte ihr Widerstand nichts, sie wurde abgcfriuen. Seitdem zittert sie unaufhörlich, denn sie fürchtet, man werde sich wiederum ihres Holzes bedienen, um jemand zu kreuzigen.

Nach einer weiteren Legende hat freilich die Unruhe dro Baumes eine andere Ursache. In der verhängnisvvllen stunde.

v. vethmann-hollweg in Rom.

Rom, 23. März. Reichskanzler v. Bethmann- Hollweg begab sich in Begleitung des preußischen Ge­sandten beim Vatikan, v. Mühlberg, zum Vatikan, tou er um UV- Uhr vom Papst in dreiviertelstün­diger Audienz empfangen wurde. fMBbann stattete der Reichskanzler dem Kardinalstaatösekretär Merry del Val einen Besuch ab und kehrte von dort in die preußische Gesandtschaft zurück.

Am 9M)mittag stattete Kardinal-Staatssekretär Merry del Bal dem Reichskanzler in der Billa Bonaparte einen Gegenbesuch ab.

Der Minister des Auswärtigen begab sich heute nach der deutschen Botschaft, wo er mit dem deutschen Reichs­kanzler eine Unterredung hatte. Herr v. Bethmann-Hollweg- besichtigte nachmittags in Begleitung des Ministerpräsi^ deuten Sonnino die Ausgrabungen aus dem Forum Romanum.

Zu Ehren des Reichskanzlers gaben heute abend der Mi nister des Aeußeren und die Gräfin Guieeiardini ein Diner in der Konsulata.

imb der Zeit ihrer Entstellung die größte Verschiedenheit aus-, weisen, wird es uns nicht wundern, wenn fr mitunter ganz «gegen­sätzliche Anschauungen zum Ausdruck bringen. So darf die Tanne, weil Ehrist-us an einem Kreuz ton Tannenholz gestorben sein soll, ihre Aeste in Kreuzessorm um den Stamm ansetzen, und ihr immer­grünes Kleid ist die Folge des Blutes Christi, das am Stamme des Kreuzes nieder gefloßen ist: cs hat dem Tode, hier dem Msterben der Blatter, die Macht genommen.

Während die Tanne und auch die Steineiche dem Blute Christi das immergrüne Kleid danken, tragen es andere Pflanzen zürn ewigen Gedächtnis an Jesu Leiden und Sterben in roter Farbe ans Zweigen und Blättern. Als Jesus gegeißelt war, warfen die Kriegsmächte die Dürfen, die sie tont Brombeerstrauch ge­brockten, achtlos beiseite. Tiefe vertrockneten aber nicht, sondern empfingen von dem anfraftatten Blute des Herrn neues Leben und fälligen Wurzel. 9üif den Ranken und Blättern sieht man heute noä; das rote Blut mit dem ursprünglichen Grün gemischt. Tie Dornenkrone soll nach einer märkischen Legende aus Zweigen c-er Stecheiche oder Stechpalme gemacht worden fein; seit jener Zeit hätten sich! die Ränder ihrer Blätter rot gefärbt. Tie schwarchraunen Flecken des Ackertnöterichs rühren ebenfalls vom Blute des Herrn her, ähnliches wird vom Jvhannikrau, dem gefleckten Knabenkraut, der AronÄtturz, dem Storchschnabel u. a. berichtet.

Adel und Bürgertum in der Diplomatie.

Die auch von uns mitgeteilte Anttvort des nationallibe­ralen Abgeordneten Stresemann auf die Einwendungen des Staatssekretärs Frhrn. v. Schoen zu dem Kapitel Adel und Bürgertum in der Diplomatie hat den weiten Weg durch die deutsche Presse gemacht. Das Auswärtige Amt versucht es in derNordd. Allg. Ztg." nochmals mit einer Widerlegung:

Die Ausführungen des Abgeordneten Dr. Stresemann in der National!. Eorrespondenz" über das Gardeprinzip im auswärtigen Dienst rollen eine oft behandelte Frage auf, die bei den Wünschen nach einer Verbesserung des auswärtigen Dienstes vielfach als springender Punkt betrachtet wird. Daß der Adel auch heute iwch in unserer Diplomatie eine sehr große Rolle spielt, ist unbestreitbar. Das ist in der historischen Entwicklung begründet und wird sich nur langsam andern. Kein Unbefangener wird erwarten, daß darin von heute auf morgen eine radikale Aenderung eintreten kann. Im großen und ganzen sind die Dinge bei uns nicht anders als in anderen monarchischen Staaten. Und die ausschlag­gebende Frage wird immer sein müssen, ob das Staats- interesse bei der Auswahl unserer diplomatischen Vertreter leidet oder nicht. Diese Frage bejahend zu beantworten, dafür fehlt es durchaus an überzeugendem Material. Auch die letzten Reichs­tagsverhandlungen haben den, Eindruck hinterlassen, daß die Be­mängelung unseres diplomatischen Dienstes mehr auf Stimmun­gen als auf Tatsachen beruht. Zu besonderem Pessimismus liegt also kein Grund vor, um so weniger, als alle Ausftlhrungen, die in den letzten Jahren über diese Dinge von leitenden Stellen gemacht worden sind, klar beweisen, daß man sich der Anfor­derungen an eine zeitgemäße Ausgestaltung des diplomatischen Dienstes voll bewußt ist und keineswegs die Verewigung eines starren Prinzips zum Schaden des Staatswohls betreibt.

Es war eine Ucbertreibung, wenn Dr. Stresemann in schlag- wortartiger Zuspitzung von einemGardeprinzip" in der Diplo­matie sprach und dies Prinzip bis in die Konsulate hinein wirksam sieht. Gerade die Besetzung der wichtigsten General­konsulate, die in unserer Zeit intensivsten Wirt.chaftslebens vielfach höhere Bedeutung haben als manche rein diplomatische Posten, beweist das Gegenteil. Wir haben bürgerliche Generalkonsuln oder Konsuln in London, Newyork, Chicago, San Franzisko, Mexiko, Montreal, Antwerpen, Brüftcl, Amsterdam, Rolterdain, Batavia, Asuncion, Valparaiso, Kopen­hagen, Konstantinopel, Athen, Sydney, Singapore, Mailand, Neapel, Rom, Söul, Bukarest, Moskau, Odessa, Petersburg, Helsingsors, Barcelona, Madrid usw. Es ist also irrtümlich, daß der Adel bei der Besetzung der größeren Konsulate bevor­zugt wird und nur in untergeordnete Posten Bürgerliche kommen, oder wie Dr. Sttesemanu im Reichstage sagte:Bei General- lonsülaten in größeren Städten der illdelige Konsul ist, in der Provinz der Bürgerliche." Auch ist es irrtümlich, daß sich immer mehr die Tendenz dieser Richtung geltend macht. VomGarde­prinzip", dasbis in die Konsulate heruntergeht", kann man daher auf keinen Jall reden. Eher läßt sich in den Besetzungen auch diplomatischer Posten während den letzten Jabren verfolgen, daß sich die Tendenz zu st ä r kc r e^r H e r a n- ziehung des Bürgertums geltend macht. Tie Taftache zu bestreiten, daß in der höheren Diplomatie der Adel noch eine größere Rolle spielt, ist aber dem Frh r n. v. Schoen, dessen Aeußerungen im Stresemannschen Aufsatz in sinnent­stellender Kürze wiedergegeben sind, nicht eingefallen. Wohl aber hat er sich gegen die Annahme gewandt, daß der Adel in größeren Missionen mehr vertreten sei als in kleineren, und daß die Konsulate in größeren Städten mehr mit Adeligen besetzt seien als mit Bürgerlichen. Tie Existenz eines derartigen Sy­stems hat er bestritten, und Herr Dr. Stresemann kann das Vorhandensein dieses .Systems auch aus dem Staatshandbuch nicht beweisen: beim es ist nicht vorhanden. ____

Erstes Blatt 160. Jahrgang Donnerstag 24. März 1910

Bezugspreis:

"^äT 9 monatlich75Pf.,viertel-

WGMener Ammer W U v X? NssAW

General-Anzeiger für Welche en

Annahme von Anzeige« V » wal": E. Heß; für den

für die ragesnuinm« Hotationsörnd und Verlag der Vrühl'schen Untv.-Vuch- und Zteindruckerei K. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: ZchUlflrafre u Anzeigenteil: H. Beck.

bis vormittags 9 Uhr.