Nr. »31
Zweites Blatt
Montag 3. Oktober 1910
160» Jahrgang
Siehener Anzeiger
Erscheint «-Nch mit Vnsnahme bei Sonntag».
General-Anzeiger für Gberhejjen
Die wtleb<ner FamiNenblLtter- werben dem ,Anzeiger^ viermal wöchentlicb beigelegt, da» „Kreisblatt für de» Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftliche» Seit- frage»- erscheinen monatlich groetmaL
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12. Allgem. Vertretertag der nationaüiberalen Partei.
— Kassel, 1. Okt.
Unter entern Andrang, wie er zuvor kaum gesehen worden ist, trat der diesjährige nationalliberale Parteitag in der alten und schönen Ehattenstadt zusammen. Es siitd mehr als tausend Delegierte aus allen Teilen des Reiches eingetroffen, zu denen mehr als einhalbhundert Vertreter der Presse kommen, so daß der von den Kasseler Parteifreunden aufs schönste geschmückte, große Stadt- tzarksaal die Massen der Erschienenen kaum zu fassen vermochte.
Erster ordentlicher Vertretertag.
Nach einem Begrüßungsabend wurde Samstag vormittag 10 Uhr in die ernsten Verhandlungen ein getreten. Reichstagsabgeordneter Bass ermann leitete die Verhandlungen ein mit jbent dreimaligen Hoch auf den Kaiser. Sodann wurde auf Vorschlag des Abg. Bassermann zum ersten Vorsitzenden des Vertretertages Geh. Justizrat Dr. Krause, Vizepräsident des preußischen Abgeordnetenhauses gewählt; zweiter Vorsitzender wurde Geheime- rat Dr. Paasche, Mitglied des Reichstages; dritter Vorsitzender Prof. H e h e l - Kassel. Nach der Wahl der Schriftführer und her Prüfer der Delegiertemnandate begann
NeichStagsabgeordneter Bassermann
hie Hauptrede dieses Delegiertentages. Er führte aus:
Lassen Sie mich zum Beginn meiner Ausführungen einen Blick tim in die Geschichte der nationalliberalen Partei. Angesichts! mancher Geschichtsklitterungen der jüngsten Zeit, scheint mir notwendig zu sein, einmal klar hinzuschauen auf gewisse Werdegänge in unserer eigenen Geschichte. Ich richte meinen Blick zurück auf die 70 er Jahre, auf die Periode der Reichsgründung bis zum Jahre 1878. Bismarck hatte in meisterhafter Staatskunft, in nimmerrastender Arbeit für sein Vaterland das Reich gezimmert, und ihm zur Seite stand als mächtige Helferin für den Ausbau des Reiches in liberalem Geiste eine große mächtige national- liberale Partei, mit weit über 100 Mandaten für den Reichstag, ebenso auch int preußischen Landtag von ansehnlicher Bedeutung. So war es bis 1879. In dieser Periode beginnt das Bestreben der Sezession. 15 Mitglieder der Reichstagsfraktion schieden aus Anlaß der Zolltarifteform aus der Fraktion aus. Der Rückgang der Partei hat sich weiter vollzogen. Wir hatten 1881 45 Mandate für den Reichstag, 1883 ist dann Bennigsen von seinen Mandaten zurückgetreten und für die Periode von 1883—1887 aus dem parlamentarischen Leben ausgeschieden. Der Kampf um die Tarifreform hatte die Auflösung in die Partei hereingebracht. Freihändler und Schutzzöllner stießen hart aufeinander. Dann kam die Periode der Heidelberger Erklärung.
Es ist das die Zeit, die 1884 einsetzt, und ich kann darüber aus eigener Erfahrung berichten. Es waren die Bestrebungen, die von Süddeutschland ausgingen und die anknüpfen an den Namen Miquel. Sie sollten die Partei rekonstruieren und den weiteren Verfall aufhalten. Das Heidelberger Programm war das Be - kenntnis zu Bismarck. Es fcebeutete die Anerkennung des großen Staatsmannes, das Bekenntnis zu den großen nationalen Aufgaben der damaligen Zeit. Die Streitigkeiten, die den damaligen Reichstag durchtobten, sollten ein Ende finden, die Streitigkeiten um die Frage des Freihandels oder Schutzzolles. Das ist niedergelegt im Heidelberger Programm, wo es heißt, ,chaß vorerst die Zollgesetzgebung des deutschen Reiches in ihren wesentlichen Grundlagen für abgeschlossen gelten sollte." Die Heidelberger Erklärung bedeutete den Protest gegen das Manchestertum. Es bedeutete weiter ein Bekenntnis für die Sozialreform Bismarcks und endlich das Bestreben, den Niedergang der Partei aufzuhalten. Eine Zugkraft bei den Wahlen 1884 ist nun nicht in die Erscheinung getreten; wohl erhielten wir einen Zuwachs an Stimmen, aber die Zahl der Mandate kam über 50 nicht hinaus. Jene ganze Periode von 1880—1887 war
die P eriode der politischen Verelendung m.Deutschland, die Periode der Oppositionspolitik Windhorst- Richter-Grillenberger. Nun kam das Jahr 1887 mit seinem großen nationalen Aufschwung. Da schob sich mit einem Male eine Mächtige nationale Frage in den Vordergrund. Differenzen mit Frankreich hatten sich aufgeworfen. Das patriotische Empfinden war aufgewallt und hat jenen Kartellreichstag geschaffen, an den wir alle mit Freuden zurückdenken. Ein dauernder Erfolg ist nicht eingetreten, und Bennigsen hat damals schon die großen Schwierigkeiten empfunden, mit der konservativen Partei Politik zu machen, wie dies aus manchem Brief der damaligen Zeit hervorgeht. Seitdem kämpfen wir einen mühsamen Kamps, wie ihn e&en eine Mittelpartei kämpfen muß, die sich nach «rechts und links zu wehren hat. Dieser Rückblick auf die große Zeit der nationalen. Partei bietet uns die Nutzanwendung auf die Gegenwart. Die Tatsache steht vor uns, daß Uneinigkeit den Einfluß einer politischen Partei erheblich schwächt, und daß nur Einigkeit uns stark macht. Ich wende meinen Blick zur heutigen Zeft. Das Jahr 1906 hat uns die Reichstagsauflösung gebracht. Steigendes Unbehagen über den wachsenden Einfluß des Zentrums auf allen Gebieten war die Signatur jener Zeit. Als dann Demburg mit Roeren zusammenstieß, da gab es ein Aufatmen, das wie Befreiung von schwerem Drucke wirkte (Sehr richtig!), ein Aufatmen darüber, daß endlich ein Mann sich gefunden hatte, der den Mut besaß, die „Eiterbeule aufzustechen". Ms die Wellen dann höher und höher stiegen, da trat der Fürst Bülow auf den Plan, der ein guter Volkspsychologe war. Er appeUierte an das deutsche Volk, und sein Experiment ist ihm geglückt. Und wir haben es besonders begrüßt, daß es gelungen ist, den Freisinn aus Grund des Bülow-Programms einzurangieren in die positive Arbeitsgemeinschaft in unserem Staatsleben.
Heute versunken und verklungen,
ein großer Aufwand schmählich vertan, und die alte Misere zurückgekehrt! Wir stehen heute unter dem Eindruck einer tiefgehenden Unzufriedenheit, die über ganz Deutschland lagert und Tausende und Abertausende zur Sozialdemokratie treibt. Bassermann streifte in diesem Zusammenhang die Haltung der Partei bei der Reichs" finanzreform. Er fuhr dann fort: Ms ich damals verlangte, daß der Reichstag aufgelöst werde, da lächelte mancher. Es wird aber manchem auch inzwischen klar geworden sein, daß wir in dieses politisch^ Elend nicht hereingekommen wären, wenn mein Ratschlag damals angenommen worden wäre. (Sehr richtig!) Die Regierung hat es nicht getan, und sie hat sich durch ihre Zu- ftimmung zu der Reform des schwarzblauen Blockes teilhaftig gemacht an jener großen Schuld, die Konservative und Zentrum auf sich geladen haben, und die heute vielleicht in ihrem ganzen Umfange noch gar nicht abgeschätzt werden kann. Da kam hinzu der Kampf um die preußische Wahlreform, ferner, daß im deutschen Volke der Eindruck dominiert — ob berechtigt oder unberechtigt mag dahingestellt sein —, daß die Regierung nur das Organ des schwarz-blauen Blockes ist, daß wir also, im schlechten Sinne, bereits im parlamentarischen System drin stehen. Man gibt
Sammlungsparolen
Ms. Aber eines vermissen wir dabei, nämlich die Mahnung nach der anderen Seite. Wenn im Bund der Landwirte Boykottbestrebungen Platz greifen, wenn in unerhörtester Weise andere Parteien beschimpft werden, wie das bei der national- liberalen Partei der Fall gewesen ist, da wären doch wohl auch einmal tadelns Worte nach dieser Seite am Platze, .(Sehr.
richtig!) Ein Wort zu den jüngsten Wahlen. Wir waren vom Unglück geradezu verfolgt. Der Tod hat schmerzliche Lücken in die Reiben der Fraktion gerissen. Die Mandate sind an die Sozialdemokratie verloren gegangen. Glaubt man denn, daß die Sache anders ausgegangen wäre, wenn wir in den schwarz- blauen Block eingerückt wären? (Sehr richtig!) Wir können mir bedauern, daß der Sturm des Unmuts auch über die national- liberale Partei hinweggeht, aber wir sind auch überzeugt, daß, wenn wir festhalten an unseren guten, alten Prinzipien, auch wieder die Zeit kommen wird, wo die Mitläufer der Sozialdemokratie zur Besinnung kommen und sich unserer Partei wieder zuwenden. Wir zweifeln nicht an dem guten Willen des Reichskanzlers von B et hm a nn-H ol lw e g. Ich stehe nicht an, zu sagen, daß ich den Kanzler nicht für einen reaktionären Mann halte, ich glaube, daß er vieles in seinem Wesen hat, das uns durchaus sympathisch fein kann. Ich habe nur Zweifel, ob an dieser leitenden Stelle die ganze Schwere der Lage in vollem Umfang erkannt wird, uni> ich habe weiter Zweifel, ob die Energie vorhanden ist, die notwendig ist, um zu Taten zu komm-"'. nicht zu Parolen, die verhallen, und die mit lächelndem Au zucken von der Bevölkerung abgelehnt werden. Wirrnüsseu zurückkommen auf
die Periode Bulow, auf das System, unter dem wir den Sieg über die Sozialdemokratie erfochten haben. Ich gebe zu, daß eine Einigung mit dem Freisinn sehr viele Schwierigkeiten hat. Aber eine strenge Scheidelinie zwischen ihm und uns zu ziehen, liegt nicht im Interesse einer stetigen Entwicklung unseres Vaterlandes. Sonst stößt man die freisinnige. Partei in das radikale Fahrwasser zurück. Tas wäre eine kurzsichtige Politik, die ich nicht empfehlen kann. Die Frage der Reichsfinanzreform wird nicht zur Ruhe kommen. Es muß dafür gesorgt werden, daß der Gedanke der sozialen Gerechtigkeit in der Aufbringung der Reichsbedürfnisse zum Ausdruck kommt. Und das zweite ist die Wahlreform in Preußen. Ehe hier nicht Taten geschehen, wird die rote Flut weiter schreiten. Tas Jahr 1911 wird den Zusammenbruch der heutigen Methode bringen. Ich komme auf
unser V-erhältnis zu den Parteien.
Es wäre müßig, heute über den Aufmarsch von 1911 zu sprechen. Wir werden überall in erster Reihe auf den sozialdemokratischen Gegner stoßen, wir werden zumeist auch mit dem Zentrum zu rechnen haben, aber auch einen rechtsstehenden Gegner werden wir größtenteils antreffen. Hierfür sorgen, falls Konservative und Liberale einig sind, Antisemiten, Wirtschaftliche Vereinigung und ähnliches. Wir werden versuchen, mit anderen Parteien zu einer Einigung zu kommen. Ich scheide hier die Frage der Stichwahltaktik aus; für diese kann nur der Grundsatz der Leistung und Gegenleistung maßgebend fein. Niemand denkt an einen Großblock im Reich, und das Wort vom Block von Basser- rnann bis Bebel ist ein unsinniges Phantasiegebilde. Erneut hat uns der Parteitag von Magdeburg das wahre Gesicht der Sozialdemokratie enthüllt. Wir haben Gelegenheit gehabt, die beispiellose Rauhbeinigkeit zu sehen, die diese Tagung auszeichnete. Wir wenden uns ab von der schamlosen Verletzung des Gasttechts, die sich die Sozialdemokratie gegen den Zaren zuschulden kommen ließ. Wir werden die alte Gegnerschaft zur Sozialdemokratie aufrecht halten und den Kampf gegen sie auf das energischste führen (Lebh. Beifall). Daß unsere Stellung zur konservativen Partei sich durch die Finanzreform nicht besserte, ist ohne weiteres klar. Gehen wir tiefer aus die Dinge ein, so sehen wir, daß die Verschlechterung in dem Stadium eingetreten ist, als die Konservativen sich unter den Bund der Landwirte beugten. Unter dieser Entwicklung ist die Erbschaftssteuer gefallen, für die viele Konservative zu haben waren. Es fängt aber auch in diesen Kreisen an zu dämmern, daß jene Entwicklung nicht richtig war. Wir müssen eines feststellen: wir können unter keinen Umständen der konservativen Partei gegenüber auf den Kampf im Osten verzichten, weil dieser vielfach für uns Neuland ist (Bravo!), und weil wir dort, wie Lyck-Oletzko gezeigt hat, in der Lage sind, auch positive Erfolge zu erringen. Wir sind
bereit, den Stre it zu beenden, unter der Voraussetzung, daß der Liberalismus in voller Gleichberechtigung an der Gesetzgebung teilnimmt. Man hat gesagt, die Forderung des Taaes sei der Kampf gegen die Sozialdemokratie. Wenn man das anders ausdrückt, so heißt das, daß die national- liberale Partei in den schwarzblauen Block eintreten soll. Das erinnert mich an das Wort Wallensteins zu dem kaiserlichen Rat Questenberg in den „Piccolomini" :
„Wär' der Gedanke nicht verflucht gescheit.
Man wär versucht, ihn herzlich dumm zu nennen." (Große Heiterkeit.) Es ist wohl gescheit von den Parteien, die den Sukkurs aus unserem Lager bekommen würden, und doch ist der Gedanke dumm, da er die Sprengung unserer Partei bedeuten würde. Unsere alte Gegnerschaft zum Zentrum ist auch in der heutigen Zeit nicht geringer geworden. In einer Periode der Enzyklika, in einer Periode, wo von autoritativer Stelle der Kampf gegen den Modernismus in solcher Form ausgenommen wird, daß wir einen eisigen Hauch aus alter Zeit empfinden, können wir einer liberalen Partei nicht zumuten, sich mit diesen fehibfeligen Mächten zu einigen. Unsere Stellung zum Freisinn. Wir sind in> der Zeit der Finanzreform in guter Waffenbrüder schift mit ihm geftanben. Wir haben mit dem Freisinn und den Konservativen gemeinsam die Geschäfte gemacht. Eine Neuorientierung in der Politik wird nur möglich sein, wenn man zurückgeht auf die Blockära, wo Liberale einschließlich Payer zusammen mit allen konservativen Elementen gearbeitet haben. Daß ich kein Hetzer gegen die konservative Partei bin, sehen Sie, meint ich hier sage, daß ich nur in der
Einigung aller Liberaler und Konservativer das Heil unserer Zukunft sehe. Freilich macht uns der Freisinn die Sache in vielen Provinzen sehr schwer. Wo er ein paar himdett Stimmen hat, glaubt er Kandidaten auf stellen zu müssen. Tas ist eine kurzsichtige Politik, die die Herren lassen sollten, namentlich wenn sie eines bedenken, daß wir zu Gegenmaßregeln gezwungen werden. Denn das können wir uns nicht bieten lassen. Niemand von uns denkt an eine großliberale, programmatisch geeinigte Partei. Wir bleiben auf unserem nationalliberalen Programm stehen, und damit hängt zusammen die Frage des Linksmarsches, von dem natürlich keine Rede sein kann. Darin sind wir alle einig: Wir beharren auf der vollen Selbständigkeit der nationalliberalen Partei (Stürmischer Beifall) und zwar auf der vollen Selbständigkeit nach rechts und .nach links. Wir werden uns hüten, eine Schutztruppe der Konservatwen und Ulttamontanen zu werden, ebenso wie wir ein bloßes Anhängsel der links von uns stehenden Freisinnigen zu sein ablehnen. Wir sind und bleiben eine Mittelpartei, die bestrebt fein muß, einen Ausgleich zu schaffen zwischen rechts und links. Unser Programm ist von uns niemals angetastet worden. Es bedarf auch keiner Revision. Unsere Ueberzeuguna, daß der Landwirtschaft geholfen werden muß, haben wir im Reichstag in die Tat umgefetzt. Wir haben im Jahre 1902 den ganzen Einfluß der nationalliberalen Fraktion im Reichstag für den Zolltarif eingesetzt, und wir haben der deutschen Landwirtschaft Tr'ue gehalten in der wichtigen Frage des Seuclzenschutz- gesetzes Lemr man heute in die Lande hinausgeht, um uns 'm Mißkred.u zu bringen, so kann ich das nur aufs tiefste bedauern. Wir Uub heute einig über em gemäßigtes SchutzsollsyAD, unb
wir können mit Stolz sagen, daß heute jenes Heidelberger Programm Wahrheit geworden ist. Die Aufrechterhaltung des Reichstagswahlrechts ist ein Programmpunkt der nationalliberalenj Partei. Daran scheitern alle jene Unterstellungen, wie sie in letzter Zeit gegen die Partei unternommen worden sind.
Ten Schluß der zweistündigen Ausführungen bildete eine Parallele der heutigen Zeit mit der Bennigsens', und Bassermann zeigte an manchen Worten des alten Führers, daß auch dieser bemüht war, stets die mittlere Linie einzuhalten.
Diäten des Fortschritts von einer erleuchtetest Regierung
hin uns not, toemt wir unser Volk befreien wollen von sozialistischest Utopien, von llerikalen Rückständigkeiten und von bureaukratischer, konservativer Bevormundung. Dafür wollen wir unsere Kraft einfetzen als nationalliberale Männer, die fest stehen auf ihren altert Traditionen. Lassen Sie uns so weiter arbeiten zum Nutzen und Heil unseres deutschen Vaterlandes. (Minutenlanger Beifall, nicht endenwollende Hochrufe.)
Die Aussprache.
Vorsitzender Geheimrat Krause gibt noch einmal dem Bedauern Ausdruck, daß dem Abg. Fuhrmann aus ärztlichen Gründen die Erstattung des vorgesehenen Referates unmöglich sei. Es fei das nach den Worten hoher Anerkennung, welche Abg. Bassermann der unermüdlichen Tätigkeft des Herrn Fuhrmann heute gezollt habe, besonders schmerzlich, und er sei sicher, daß diese Anffanung von dem gesamten Telegiertentage geteilt werde. Ebenso bedauerlich sei das Fehlen des durch schwere Erkrankung behinderten ersten Generalsekretärs der Partei, Herrn Breithaupt, dessen außerordentliche Verdienste auch an dieser Stelle mit gebührendem Tanke; gewürdigt werden müßten. Geheimrat Krause verliest dann einen
Antrag der baherischen Delegierten, welcher der gestrigen Zentralvorstandssitzung Vorgelegen hat und von dieser dem geschäftsführenden Ausschüsse zur weiteren Veranlassung überwiesen worden ist. Der Antrag lautet:
1. Es ist eine Umarbeitung des Programms der national- liberalen Partei vorzunehmen, welche den heutigen Verhältnissen besser Rechnung trägt und welche kürzer gefaßt ist als die „Ziele und Besttebungen", die bis heute als Programm gegolten haben.
2. Ter Parteitag wolle beschließen, daß ein Ausschuß eingesetzt werde, bestehend aus mindestens je drei Vertretern der wichtigsten produktiven Stände, Industrie, Landwirtschaft, Handel, Gewerbe unh Arbeiterschaft, welcher die Parteileitung irt den diese Stände berührenden Fragen beraten soll und welcher in solchen Fragen von Bedeutung von der Parteileitung zu- zuziehen ist. Tafel. Tr. Goldschmidt-München. Meyer. Reitz.
Eine Anregung der Kölner Nationalliberalen, die Pattei- genossen wollen dem Nationaldenkmal für Bismarck in Bingerbrück ihr Interesse und ihre tatkräftige Förderung zuteil werden lassen, wird von dem Delegiettentag mit lebhafter Zustimmung ausgenommen. Dieselbe uneingeschränkte Zustimmung findet ein Antrag der pommerschen Nationalliberalen, von einer Entschließung heute abzusehen, und ein Anttag des Professors Mo Iden- Hauer-Köln, die Bassermannsche Rede als Flugblatt drucken zu lassen und in ganz Deutschland zu Derbreiten.
Abg. Prinz zu Schönaich-Carolath nimmt die Anregung der pommerschen Nationalliberalen feinerfeit5 auf. Tiefer Parteitag ist eine Vettrauenskundgebung für Bassermann und eine Rechtfertigung feiner Politik, wie sie glänzender nicht gedacht werden kann.
Geheimrat Haarmann gibt namens der Westfalen feiner uneingeschränkten Zustimmung zu den Ausführungen Bassermanns Ausdruck.
Professor Tr. Kinder man n-Stuttgart: Eine dauernde Verbindung mit rechts ober mit links muß vermieden werden. Anders aber stellen sich die Verhältnisse dar unter taktischem Gesichtspunkte. Wir müssen es dem Freisinn durch ein Zusammengehen unmöglich machen, wie früher mit Zentrum und Sozialdemokratie Hand in Hand gehen. Taher ist ein näherer Anschluß an die Bolkspattei ins Auge zu fassen, womöglich auch ein taktischer Anschluß noch weiter nach links. (Stürmischer anhaltender Widerspruch. Wiederholte Rufe: „Nie!" „Niemals!")
Landtagsabgeordntter Schifferer -Tondem gibt namens seiner holsteinischen Freunde der Freude über den Anttag Schönaich-Carolath Ausdruck, im Interesse der nachhaltigen Wirkung der Rede Bassermanns von einer Resolution abzusehen, und über das Bekenntnis Bassermanns zu Schutzzoll und über feine ErNärung gegen Linksabmarsch und über feine Absage an die Sozial- demottatte. Ein Pattieren mit ihr sei unmöglich (Stürmischer Beifall), auch in der Stichwahl. (Erneuter Beifall.)
Abg. R e b m a nn - Baden: Auch ich will unsere Politik be- schräntt wissen aus unsere besonderen Verhältnisse. (Beifall.)l Nicht wir haben davon gesprochen, daß wir den Großblock auf das Reich ausdehnen wollen. Stärker als wir wird einmal die Macht der Tatsache eingreifen. Wir mußten das Experiment wagen und haben uns nichts vergeben. Zweifeln Sie an unfern politischen Fähigkeiten oder an sonst etwas, aber zweifeln Sie nicht an unserem nationalen Gewissen. (Stürmischer Beifall und Händellätschen.)
T a f e l - Nürnberg: Ich bin im großen Ganzen mit der Bassermannschen Wahlpolftik einverstanden. Die Badener wollten gutes erreichen, aber was haben sie erreicht? (Zpruse.) Ich habe kein Verständnis dafür, daß eine bürgerliche Pattei mit einer revolutionären gemeinsame Sache macht. (Beifall und Widerspruch.)
Abg. Dr. Casselmann-Bayern: In den großen politischen Fragen sind wtt einig. Ich freue mich, als Datier daS aussprechen zu können. Ich perhorresziere ein Zusammengehen mit der Sozialdemokratie. Aber iveim gewisse Dinge so weiter gehen wie bei uns in Bayern, so ist es nicht unrnöglid), daß das, was das Zenttum uns vorgemacht hat, nicht von Patteiwegen, aber da und dort in einzelnen Wahlkreisen nachgemacht wird.
Landtagsabgeordneter Dr. Winkler- Hessen: Ich stehe auf dem rechten Flügel der nationalliberalen Pattei. Ich hatte einen Sack von Beschsverden. Aber ich meine, wenn alles liebt, kann Karl allein nicht hassen. (£) eit erteil.) Wir müssen einig und geschlossen bleiben unter allen Umständen. Nur eine ylnsstellung habe ich. Ich bitte, sich im Verhältnis zum Freisinnt mit einiger Vorsicht zu wappnen. Die Glanzperiode des Freisinns ist vorbei. Das war zur Zeit des Blocks. Seit der Block zer^- fallen ist, ist der Freisinn zurückgefallen in das, was er war, in eine nur negierende Pattei. (Zustimmung und Widerspruch.)
Abg. Stresemann -Dresden: Ich komme aus dem Lande, das den historischen Boden der Sozialdemokratie bildet. Und wenn auf irgend einem Boden die Auseinandersetzung zu führen? ist zwischen Bürgertum und Sozialdemokratie, so ist es Sachsen. Und deshalb müssen wtt uns dagegen verwahren, daß das badische Beispiel etwa als das allgemein zu befolgende hingeftelll odert aus einem anderen Gesichtspunkte betrachtet wird, als daß in Baden in erster Linie der Kampf zwischen Liberalismus und Ulttamontanismus geführt wurde. Der Redner feiett zum Schluß den Abgeordneten BassermaTM, der das Smnbild des selbstbewußten deutschen Bürrgers sei.
Professor van Cal ker - Sttaßburg bespricht eingehend dtt besonderen Verhältnisse in Elsaß-Lothringen.
Landtagsabgeordneter Dr. Beumer-Düsseldorf polemisiett^ gegen den ^Genoffen" Rebmann, (Lefterckeit.), der gesagt hohe.


